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Mitten in Oslo werden innerhalb kürzester Zeit drei Frauen auf bestialische Weise ermordet. Kommissar Viken steht vor einem Rätsel, denn die schweren Verletzungen deuten auf den Angriff eines Bären hin. Doch wann hat man das letzte Mal von Bären in der Stadt Oslo gehört? Dann entdeckt der Kommissar, dass der beliebte Arzt Alex Glenne alle Toten kannte. Ist Glenne ein geisteskranker Serientäter? Die Wahrheit wird sich als noch viel grauenvoller erweisen…
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Seitenzahl: 488
Veröffentlichungsjahr: 2013
Torkil Damhaug
DIEBÄRENKRALLE
Thriller
Aus dem Norwegischen von Knut Krüger
Knaur e-books
Für M.
Heute bin ich zum Dieb geworden. Ich habe schon früher etwas gestohlen, doch heute wurde ich zum Dieb. Diejenigen, die sich für so etwas interessieren, sprechen von Herbst-Tagundnachtgleiche. Ein guter Zeitpunkt, um zum Dieb zu werden, denn für kurze Zeit ist alles im Gleichgewicht, ehe die dunklen Kräfte allmählich die Oberhand gewinnen. Ich hatte es nicht geplant. Ich plane nur das Notwendigste. Alles andere mag sich entwickeln, wie es will. Ich ging an einem Laden vorbei und erblickte ein Diktiergerät. Ich blieb stehen und ging hinein. Der Junge hinter der Theke war träge und desinteressiert. Ich bat ihn, etwas herauszusuchen, das ich nicht brauchte, und steckte mir rasch das Diktiergerät in die Tasche. Erst draußen auf der Straße wusste ich, wozu ich es benutzen würde. Wenn du dies hörst, dann weißt du es auch. Denn eines Tages wirst du meinen Worten aufmerksam lauschen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich es anstellen werde, aber in Gedanken sehe ich dich schon vor mir liegen, unfähig, dich zu bewegen. Du kannst die Briefe wegwerfen oder verbrennen. Du kannst mich vergessen und dir einreden, dass ich tot bin, obwohl du genau weißt, dass ich irgendwo da draußen lebe. Doch wenn du meine Stimme hörst, wirst du dich an alles erinnern, was du zu mir gesagt hast, und an alles, was ich zu dir gesagt habe. Einst hast du mir von den Zwillingen erzählt. Du hast so viel gelesen und warst so gebildet und wolltest alles mit mir teilen, wo ich doch so gut wie nie ein Buch anrühre. Hieß er nicht Castor, der eine von ihnen? Wir saßen im Klassenzimmer, bevor die anderen hereinkamen, und du erzähltest von ihnen. Castor und Pollux hießen die beiden. Sie waren nicht voneinander zu unterscheiden. Und als der eine in den Himmel kam, wollte der andere lieber in die Hölle, weil sein Bruder dort war. Um mit ihm zusammen zu sein. Bestimmt weißt du nicht mehr, dass du mir davon erzählt hast, aber ich habe es nicht vergessen. Es ist ein sehr gutes Diktiergerät. Man kann Gesagtes löschen, ändern oder mit Hilfe von ein paar Knöpfen einzelne Wörter einfügen. Aber all das brauche ich nicht. Du sollst meine Worte unverfälscht hören, ohne nachträgliche Änderungen. Es ist dieser eine Gedanke, der mich gleichzeitig beruhigt und erregt: dass du endlich verstehst, was du getan hast.
Montag, 24. September
Die Frau saß reglos mit dem Rücken zum Fenster. Ihre Arme hingen schlaff herunter. Ihr aschfahles Gesicht schien erstarrt zu sein. Sie trug eine Bluse und eine grüne Hose. Eine Jacke in derselben Farbe hing ihr lose über den Schultern. Sie hatte hohe, markante Wangenknochen, ihre Augen waren immer noch blaugrün, doch an der Iris zeichnete sich ein milchweißer Rand ab. Unmittelbar hinter ihrem Kopf bog sich ein nackter Birkenzweig im Wind.
Plötzlich glitt die Zunge über ihre Zähne, ehe sie den Mund öffnete und den Besucher durchdringend ansah.
»Ich warte hier schon den ganzen Tag«, sagte sie. »Höchste Zeit, dass sich hier endlich mal ein Polizist blicken lässt.«
Sie stand auf, trippelte auf ihren hohen Sandalen durch das Zimmer und vergewisserte sich, dass die Tür fest geschlossen war. Dann trippelte sie zurück und setzte sich in den anderen Sessel, der neben dem Schreibtisch stand. In seltenen Augenblicken waren ihre Bewegungen wieder so energisch wie früher. Die hastige Bewegung, mit der sie sich eine Locke ihrer Dauerwelle aus der Stirn strich, war ihm sehr vertraut.
»Der Grund, warum ich Sie hierhergebeten habe …« Sie hielt inne, um erneut aufzustehen, die Tür zu öffnen und einen Blick auf den Flur zu werfen.
»Hier kann man niemand trauen«, erklärte sie und warf die Tür mit einer Entschlossenheit zu, die ihren Worten vermutlich Nachdruck verleihen sollte. Als sie wieder in dem braunen Ledersessel saß, glättete sie die Hose über ihren Knien.
»Ich warte schon den ganzen Tag«, wiederholte sie, jetzt mit Verzweiflung in der Stimme. »Ich will eine Vermisstenanzeige aufgeben. Sie müssen dringend etwas unternehmen!«
Der Besucher war ein Mann in den Vierzigern. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und darunter ein schlichtes, graublaues Hemd. Die oberen Knöpfe waren geöffnet, ohne dass er deshalb weniger elegant gewirkt hätte.
»Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte«, entgegnete er, indem er einen Blick auf die Uhr warf.
»Es geht um meinen Mann«, fuhr die Frau fort. »Er ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen.«
»Aha«, sagte der Besucher und setzte sich ihr gegenüber auf die Bettkante.
»Normalerweise ruft er mich immer an, wenn es später wird, doch bisher habe ich nichts von ihm gehört. Ich befürchte das Schlimmste.«
Sie befeuchtete die trockene Oberlippe und lächelte tapfer.
»Und wissen Sie, was das Schlimmste ist?«
Der Besucher strich sich mit einer Hand durch die halblangen, frisch geschnittenen Haare. Er wusste, was jetzt kam.
»Das Schlimmste ist …«, stöhnte die Frau und riss angstvoll die Augen auf.
»Hast du heute genug zu trinken bekommen?«, warf der Besucher ein.
Diese Frage schien ihm wirklich am Herzen zu liegen. »Ich glaube, du bist durstig.«
Sie tat so, als habe sie seine Worte nicht gehört.
»Die Gestapo«, flüsterte sie mit feuchten Augen. »Ich glaube, ich werde meinen Mann niemals wiedersehen.«
Der Besucher blieb fast eine Dreiviertelstunde bei seiner Mutter. Auf ihrem Nachttisch stand ein Getränkekarton mit Orangensaft. Er schenkte ihr zwei Gläser ein, die sie in einem Zug leerte. Nachdem sie ihre große Besorgnis zum Ausdruck gebracht hatte, war das Thema für dieses Mal beendet, und sie blätterte noch ein wenig in einer Zeitschrift. Es war dieselbe Zeitschrift, die schon seit Wochen auf ihrem Tisch lag. Kein einziges Wort sagte sie mehr, als wäre sie wie gebannt von dem einen Bild, das sie unentwegt anstarrte. Nur hin und wieder, wenn sie ihm einen verstohlenen Blick zuwarf, schien ein Lächeln um ihre Mundwinkel zu spielen. Es schien, als ob sie erneut in den undurchdringlichen Dämmerzustand versinken würde, der zunehmend von ihr Besitz ergriff und alles andere abtötete. Er selbst hatte glücklicherweise daran gedacht, sich auf dem Weg eine Zeitung zu kaufen, in der er jetzt blätterte. Als es an der Tür klopfte und ein Pfleger – ein Mann mit graumelierten Haaren, womöglich ein Tamile – die Medikamente brachte, stand er rasch auf und umarmte seine Mutter.
»Ich komme bald wieder«, versprach er.
»Judas!«, zischte sie mit kohlschwarzen, schmalen Augen.
Er ließ sich seine Verblüffung nicht anmerken und musste ein Lachen unterdrücken. Sie hob ihr halbvolles Glas, und für einen Moment sah es so aus, als wollte sie ihrem Sohn den Saft ins Gesicht schütten.
»Aber Astrid!«, sagte der Pfleger mit deutlichem Akzent und nahm ihr das Glas ab.
Sie stand auf und drohte ihm mit der Faust.
»Brede ist ein schlechter Kerl!«, rief sie. »Es war nicht die Gestapo, sondern Brede, der geschossen hat.«
Der Pfleger brachte sie dazu, sich wieder hinzusetzen, doch sie fuchtelte immer noch mit den Armen.
»Zwillinge sind einer zu viel! Aber davon versteht ein Neger ja nichts.«
Der Besucher warf dem Pfleger einen bedauernden Blick zu. Der Pfleger öffnete die Medikamentendose.
»Ich komme nicht aus Afrika, Astrid«, entgegnete er mit breitem Grinsen und reichte ihr das Glas Saft.
Sie schluckte eine der Tabletten.
»Aber du bist doch Brede«, sagte sie und blinzelte ihren Besucher verwirrt an.
»Nein, Mutter, ich bin nicht Brede. Ich bin Axel.«
Er klopfte an die Bürotür der Stationskrankenschwester und trat ein. Als sie ihn erkannte, drehte sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl herum und wies mit der Hand auf das Sofa. »Setzen Sie sich doch bitte für einen Moment.«
Sie war in den Dreißigern, hochgewachsen und athletisch gebaut, mit einem Gesicht, das ihm gefiel.
»Meine Mutter wirkt zurzeit äußerst unruhig.«
Die Stationskrankenschwester nickte kurz.
»Sie hat in letzter Zeit viel vom Krieg gesprochen. Alle hier wissen ja, wer Torstein Glenne war, aber ist da eigentlich irgendwas dran mit der Gestapo?«
Axel zeigte auf die Packung mit Maryland Cookies, die auf dem Tisch stand.
»Entschuldigung, aber dürfte ich mir vielleicht einen Keks nehmen? Ich hatte heute keine Zeit, etwas zu Mittag zu essen.« Kaffee und Saft lehnte er dankend ab und amüsierte sich im Stillen über den Eifer, mit dem die Krankenschwester ihn plötzlich zu umsorgen versuchte.
»Dass die Gestapo damals hinter meinem Vater her war, ist richtig«, bestätigte er kauend. »Erst im letzten Moment ist ihm die Flucht nach Schweden gelungen. Wovon meine Mutter allerdings nichts wusste. Sie ist ihm erst vierzehn Jahre später begegnet. Sie war damals vier.«
Die Stationsschwester hatte ein wenig Mühe, ihre glatten Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden.
»Solche Informationen sind sehr wertvoll für uns. Sie wird immer sehr unruhig, wenn im Fernsehen irgendein Kriegsbericht kommt. In letzter Zeit mussten wir jedes Mal ausschalten, wenn die Nachrichten anfingen. Wer ist denn eigentlich dieser Brede?«
Axel Glenne bürstete sich ein paar Krümel vom Revers.
»Brede?«
»Ja. Ihre Mutter hat in letzter Zeit viel von diesem Brede gesprochen. Dass er nicht hierherkommen soll und sie ihn niemals wiedersehen will und solche Sachen. Manchmal redet sie sich so in Rage, dass wir ihr ein Sobril zusätzlich geben müssen. Da niemand weiß, ob dieser Brede wirklich existiert, wissen die Pfleger gar nicht, was sie dazu sagen sollen.«
»Brede war ihr Sohn.«
Die Augenbrauen der Stationsschwester schossen nach oben.
»Sie haben einen Bruder? Das wusste ich nicht. In all den Jahren sind ja immer nur Sie hier gewesen. Manchmal auch Ihre Frau mit den Kindern.«
»Es ist über fünfundzwanzig Jahre her, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hat«, sagte Axel.
Er stand auf und legte die Hand auf die Klinke, zum Zeichen, dass ihr Gespräch beendet war.
Vom Rücksitz des Taxis aus versuchte er, Bie ein weiteres Mal anzurufen. Da er sie immer noch nicht erreichte, schickte er ihr eine SMS, dass er sich verspätete. Es war Montag, und das bedeutete Geigenunterricht und Fußballtraining. Bie hatte am Abend eine Verabredung, würde aber noch genug Zeit haben, Marlen zum Geigenunterricht zu fahren. Das Abholen war seine Aufgabe.
Die Bootsglocke läutete bereits, als sie bei Aker Brygge um die Ecke bogen. Er hatte ein paar Scheine in seinem Kreditkartenhalter und zahlte in bar. Er hatte keine Zeit, auf eine Quittung zu warten, lief unter dem sich senkenden Schlagbaum hindurch und gelangte im letzten Moment auf die Fähre. Er würde erst gegen halb sieben zu Hause sein, und Tom musste selber sehen, wie er zum Training kam, wenn ihm etwas daran lag. Er spürte den Anflug eines schlechten Gewissens und schickte auch ihm eine SMS.
Obwohl er einen Großteil der Passagiere kannte, durchquerte er rasch den sogenannten Salon und stellte sich an die Reling. Für Ende September war es ungewöhnlich warm. Ein milchiger Schleier, hinter dem die Abendsonne immer noch sichtbar war, lag über dem Fjord. Ein Echo hallte durch seinen Kopf. Es war die Stimme seiner Mutter, die ihn Judas nannte. Mutter, die wütend war, weil sie ihn für Brede hielt.
Am äußersten Ende der Brücke hatten sich mehrere Männer in dunklen Anzügen um eine Friedensfackel gruppiert. Einer von ihnen hob die Hand, und für Axel Glenne, der auf dem Achterdeck stand, während das Boot langsam vorüberglitt, sah es so aus, als würde er seine Hand in die Flamme halten.
Als er nach Hause kam, war das Haus leer. Erst jetzt fiel ihm ein, dass ja Herbstferien waren. Auf dem Küchentisch lag eine Nachricht von Bie:
»Marlen übernachtet bei Natasja. Tom ist spätestens um zehn zu Hause. Spaghetti in der Mikrowelle. Komme spät. B.« Daneben hatte sie ein kleines Herz gemalt, von dem rote Tropfen herabfielen. Tränen vielleicht. Sicher hatte sie nicht Blut im Sinn gehabt.
Er setzte sich an den Küchentisch und lauschte der Stille des Hauses, in dem er aufgewachsen war. Immer noch verspürte er den alten Drang, etwas Unerlaubtes zu tun, wenn er hier allein war. Als Kind hatte es ausgereicht, im Küchenschrank oder in der Nachttischschublade seines Vaters herumzuschnüffeln, in der stets Magazine mit nackten Frauen gelegen hatten. Oder aber – was das Allergefährlichste war – heimlich auf den Dachboden zu schleichen und eine der Pistolen von Oberst Glenne in die Hand zu nehmen, dessen Uniformen immer noch in der kleinen Kammer hingen … Brede war übrigens der Einzige gewesen, der sich das getraut hatte.
Nachdem er die Spaghetti gegessen hatte, ging er auf die Terrasse hinaus. Die Sonne war hinter den Hügeln von Asker versunken. Ein kühler Hauch lag plötzlich in der Luft. Er spürte ihn klar und scharf in der Nase. Bie hatte seine SMS nicht beantwortet. Er wusste nicht, wo sie war, doch dieser Gedanke hatte auch etwas Beruhigendes – dass sie ihr eigenes Leben lebte und er gar kein Bedürfnis hatte, jederzeit zu wissen, wo sie sich aufhielt.
Er setzte sich mit dem Rücken zu dem leeren Haus und spürte die Gegenwart seiner Familie stärker als sonst. Bie schien irgendwo durchs Haus zu wuseln, redete mit ihren Orchideen oder hatte es sich mit einem Buch auf dem Sofa gemütlich gemacht. Tom war in seinem Zimmer und hatte seine Gitarre an den kleinen Verstärker angeschlossen, während sich Marlen mit Natasja und einigen anderen Freundinnen ins Untergeschoss zurückgezogen hatte. Auch Daniels Gegenwart war zu spüren, obwohl fast zwei Monate vergangen waren, seit er sein Studium in New York begonnen hatte.
Axel Glenne war dreiundvierzig. Er hatte stets das Gefühl gehabt, unterwegs zu sein. War dies das Ziel seiner Reise gewesen, eine Terrasse mit Blick über den Fjord und die fernen Hügel auf der anderen Seite? Die spürbare Nähe von Menschen, die nach und nach eintrudelten und nach ihm riefen, und wenn er antwortete, würden sie ihn hier draußen finden, und er konnte am Klang ihrer Stimmen hören, dass auch sie sich über seine Gegenwart freuten. Er würde Marlen bitten, ihm den Mathetest zu zeigen, und wenn sie ihn auffordert, einen Tipp abzugeben, würde er sagen: »Tja, ich vermute, du hast mehr als die Hälfte richtig«, worauf sie nickt, die Lippen zusammenpresst und die Bekanntgabe der Note so lange wie möglich hinauszögert. Und wenn sie sich dann nicht länger beherrschen kann und ihm endlich die Note verrät, ruft er: »Was? Also das glaube ich einfach nicht.« Sie läuft zu ihrem Ranzen, um ihm den Test zu zeigen, worauf er ungläubig den Kopf schüttelt und sie fragt, wie in aller Welt sie das nur hingekriegt hat. Tom würde am Türrahmen lehnen, »Hallo Papa!«, und fragen, warum er so spät nach Hause gekommen sei, dass er ihn nicht mehr zum Training habe fahren können und er das Fahrrad habe nehmen müssen. Doch schon im nächsten Moment bittet er ihn auf sein Zimmer, um ihm einen neuen Riff vorzuspielen und mit seiner heiseren Fistelstimme »I’m gonna fight ’em off« zu singen.
Er ging ins Haus, holte ein Glas und eine Flasche Kognak. Es war ein exquisiter Tropfen, den er auf einer Auslandsreise gekauft hatte. Bis jetzt hatte er auf eine besondere Gelegenheit gewartet, sie zu öffnen, und entschied nun, dass dieser klare Herbstabend – ein Montagabend auf der Terrasse, während der Himmel immer noch hoch über dem Fjord stand – genau der richtige Moment war. Die Flasche schien das Abendlicht in sich zu sammeln. Er beobachtete die Boote und einige Segelschiffe auf dem Fjord und ein Containerschiff, das den Hafen ansteuerte. In einer Bucht auf der anderen Seite lag die Psychiatrische Klinik. Vor zehn, zwölf Jahren hatte er dort gearbeitet, um sich zum Spezialisten ausbilden zu lassen. Ein paar Jahre zuvor war er schon einmal dort zu Besuch gewesen. Durch einen Zufall hatte er erfahren, dass Brede dort eingeliefert worden war. Das war unmittelbar nach dem 17. Mai gewesen, daran erinnerte er sich, denn das Gebäude war zu Ehren des Nationalfeiertags immer noch festlich geschmückt. Zwei Tage später sollte der Vater begraben werden, und eigentlich hatte er seinen Bruder überreden wollen, an der Beerdigung teilzunehmen. Dem Krankenpfleger fiel vor Verwunderung die Kinnlade herunter.
»Sie sind Bredes Bruder?« Doch als er wenige Minuten später wieder auftauchte, sagte er nur: »Tut mir leid, aber er will keinen Besuch.«
Axel öffnete die Flasche und füllte ein großes, tulpenförmiges Glas. Scharfer Karamellgeruch mischte sich mit dem zarten Duft von Bies Rosengarten. Er hatte Bie niemals erzählt, dass er versucht hatte, vor der Beerdigung seines Vaters mit Brede in Kontakt zu treten. Brede gehörte einer Welt an, über die er mit Bie nicht reden konnte. Seit über zwanzig Jahren waren sie nun verheiratet, und nach wie vor sagte sie ihm, dass sie ihn liebte. Das machte ihn stets verlegen. Es fiel ihm nicht schwer, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, doch hatte er nie geglaubt, dass sie es ernst meinte. Bie bewunderte ihn. Sie bewunderte alle, die sie für stark hielt. Aber ihre Bewunderung schlug in Verachtung um, wenn sie merkte, dass sie sich geirrt hatte. Dann hatte sie das Gefühl, betrogen worden zu sein. Ihr »Ich liebe dich« entsprang der Gewissheit, dass er sie niemals auf diese Weise enttäuschen würde.
Er hob das Glas und ließ das Abendlicht aus ihm herausfließen. Als er es gerade an die Lippen setzen wollte, klingelte sein Handy. Auf dem Display tauchte der Name eines Kollegen auf, und Axel wusste sofort, worum es ging, denn dieser Kollege organisierte den Bereitschaftsdienst. Er musste über seine spontane Idee lächeln: das Glas in einem Zug zu leeren und damit nicht in der Lage zu sein, die Vertretung für den kranken Kollegen zu übernehmen.
Stattdessen stellte er das Glas ab, bevor er sich meldete.
Anita Elvestrand wechselte den Fernsehkanal. Den Film, der gezeigt wurde, hatte sie zwar schon mehrmals gesehen, doch hatte sie nichts dagegen, sich das Ende ein weiteres Mal anzuschauen. Da es bis dahin noch eine Weile dauerte, drehte sie den Ton leiser und brach sich einen Riegel von der Schokolade ab, die vor ihr auf dem Tisch lag. Genug ist genug, entschied sie daraufhin und schlug die halbe Tafel wieder in das Papier ein. Sie steckte sich zwei Stücke gleichzeitig in den Mund, versuchte langsam zu kauen und spülte mit einem Schluck Rotwein nach. Sie hob den Getränkekarton an, der immer noch ziemlich schwer war. Mehr sollte sie allerdings an diesem Abend nicht trinken. Die Uhr zeigte fünf nach elf. In weniger als neun Stunden würde sie Victoria abholen, um mit ihr zum Zahnarzt zu fahren. Wenn sie dann nach Wein roch, würde das gegen sie verwendet werden.
Es klopfte an der Tür. Das musste Miriam sein. Sie war die Einzige, die anklopfte. Anita kämpfte sich aus dem Sessel und eilte in den Flur hinaus. Als sie die Wohnungstür öffnete, stand Miriam lächelnd vor ihr. Kein anderes Lächeln ließ es Anita so leicht ums Herz werden. Außer Victorias natürlich.
»Ich hab gesehen, dass noch Licht bei dir brennt«, entschuldigte sich Miriam, als wäre das notwendig. Sie trug einen kurzen Rock und eine Jeansjacke, darunter eine weiße Bluse mit Spitzenkragen.
Anita machte die Tür weit auf.
»Möchtest du ein Glas Wein?« Sie stellte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und trat nur einen kleinen Schritt beiseite, um Miriam vorbeizulassen. Als ihre Schulter Miriams Brust streifte, nahm sie den wundervollen Geruch ihrer Haare und ihrer Haut unter den Kleidern wahr. Außerdem schien Miriam irgendwo gewesen zu sein, wo geraucht wurde, sie selbst war Nichtraucherin.
»Ja, ein kleines Glas vielleicht. Ich bleibe nicht lange. Ich muss morgen früh aufstehen.«
»Das muss ich auch. Ich gehe mit Victoria zum Zahnarzt.«
Miriam schaute sie verblüfft an, während sie sich setzte. Wenn Miriam erstaunt war, schnellten ihre zarten Brauen in die Höhe und zitterten ein wenig, ehe sie wieder nach unten sanken. Anita konnte einfach den Blick nicht von ihr abwenden. Miriams dunkle Augen waren mandelförmig und ihre dichten, dunkelbraunen Haare zu zwei Zöpfen geflochten, die ihre Schläfen bedeckten und im Nacken von einer Spange zusammengehalten wurden.
»Du gehst wirklich mit ihr zum Zahnarzt? Nur ein halbes Glas, danke!«
Anita füllte Miriams Glas zu drei Vierteln und ihr eigenes bis zum Rand.
»In zwei Wochen wird sie vielleicht bei mir übernachten.«
»Das ist ja großartig!«, entgegnete Miriam strahlend. Anita wäre fast in Tränen ausgebrochen, nahm sich aber zusammen.
»Guckst du gerade Schlaflos in Seattle?«
»Ach, den hab ich schon oft genug gesehen«, sagte Anita mit einem Räuspern und schaltete den Fernseher aus.
»Ich mag solche Filme, wo sie sich am Ende kriegen«, meinte Miriam. »Wo man sofort weiß, dass sie schließlich ein Paar werden, auch wenn am Anfang alles hoffnungslos aussieht.«
Anita verkniff sich einen spitzen Kommentar, der ihr auf der Zunge lag. Miriam war zehn Jahre jünger als sie. Sie studierte Medizin und war schrecklich klug. Etwas war mit ihrem Blick. Sie schien stets an allem interessiert zu sein, was Anita sagte, so dumm ihr das selbst auch vorkam. Dennoch hatte sie etwas Mädchenhaftes an sich, das durch ihren leichten Akzent noch verstärkt wurde. Wie gern hätte Anita sich neben sie auf das Sofa gesetzt und sie einfach an sich gedrückt … Miriam hatte eine schwierige Beziehung hinter sich, das wusste sie. Mit einem Kerl, von dem sie sich schon längst hätte trennen sollen, der ihr aber so leidtat, dass sie es lange nicht übers Herz brachte. Das Ganze war mehrere Jahre her, jedenfalls bevor sie die Wohnung über ihr bezogen hatte. Danach hatte Miriam keinen Freund mehr gehabt, da war sich Anita fast sicher, obwohl sie nicht verstand, wie das möglich war.
Auf der Fensterbank entdeckte sie eine CD von Aretha Franklin und stellte Chain of fools an. Sie leerte das halbe Weinglas und spürte ein Kribbeln in ihrer Brust. Sie konnte sich nicht überwinden, Miriam zu fragen, wie sie es anstellte, wenn sie mit einem Mann schlafen wollte. Stattdessen fragte Anita ganz allgemein, ob sie nicht einen Mann in ihrem Leben vermisse.
Miriam nippte an ihrem Weinglas, stellte es ab und ließ sich tiefer in das Sofa zurücksinken, während ihre Knie sich leicht öffneten.
»Stell dir vor«, entgegnete sie, »du triffst jemand, der wie für dich geschaffen scheint, und dann stellt sich heraus, dass er verheiratet ist und Familie hat.«
»Du hast es doch wohl nicht auf einen verheirateten Mann abgesehen«, sagte Anita.
»Nein, nein, aber …« Sie starrte nachdenklich aus dem Fenster.
»Was aber?«
Anita spürte, dass sie zu aufdringlich war. Sie durfte Miriam nicht zu sehr unter Druck setzen. Schließlich war sie mehr eine Helferin in der Not als eine Freundin. Doch sie konnte sich nicht zurückhalten.
»Du brauchst es mir nicht zu erzählen«, sagte sie ein wenig verletzt.
Miriam schien kurz mit sich zu ringen.
»Morgen werde ich ein Praktikum im Ärztehaus am Bogstadveien beginnen.«
»Wie interessant«, meinte Anita ein wenig enttäuscht.
»Ich habe einfach den Arzt gefragt, der im Frühjahr bei uns ein paar Vorlesungen gehalten hat. Ich habe öfter mit ihm in den Pausen gesprochen … und nach den Vorlesungen.«
»Ach, solche Geschichten gehen mir ans Herz«, seufzte Anita und wischte sich einen Tropfen Rotwein von der Unterlippe. »Ist er vielleicht the one and only?«
Miriam blickte an die Decke.
»Und ausgerechnet bei ihm machst du ein Praktikum? Das muss wirklich Schicksal sein!«
»Na ja, ein bisschen hab ich schon nachgeholfen. Ich habe meinen Praktikumsplatz mit jemand anders getauscht. Aber du hast ja gehört, was ich gesagt habe. Er ist verheiratet und hat drei Kinder – mindestens!«
Anita prustete vor Lachen. So sehr hatte sie schon lange nicht mehr gelacht.
»Darauf trinken wir!«
Es war Viertel vor zwölf. Sie wollte die Fotos holen, die sie neulich von Victoria gemacht hatte, sich neben Miriam auf das Sofa setzen und an ihren Haaren riechen, während sie im Album blätterte. Sie nahm den Weinkarton, um ihnen beiden nachzuschenken, doch Miriam hielt ihre Hand über das Glas und stand auf.
An der Wohnungstür legte Anita die Arme um sie und drückte sie an sich. Miriams Wange war fast so weich wie die von Victoria, und sie spürte einen fast unwiderstehlichen Drang, sie mit ihren Lippen zu berühren und Miriam zu bitten, bei ihr zu bleiben. Miriam löste sich behutsam aus ihrer Umarmung.
Anita schaute ihr nach, während sie die Treppe zu ihrer Dachgeschosswohnung hinauflief. Mit Miriam kam man so leicht in Kontakt. Dabei kannte sie sie kaum. Miriam machte stets einen fröhlichen Eindruck, aber hinter ihrer Fröhlichkeit schien eine tiefe Trauer zu liegen. Damit kannte Anita sich aus. So gut, dass sie die Trauer bei anderen spüren konnte, selbst wenn sie tief im Innern verborgen lag.
Die ersten Stunden des Bereitschaftsdienstes verliefen ruhig. Axel Glenne behandelte ein paar Patienten mit Halsentzündung, nähte einige Wunden und öffnete einen Abszess. Nach Mitternacht war er im mobilen Einsatz und sorgte – gegen den Willen eines milchgesichtigen Bereitschaftsarztes, der den Stimmbruch gerade hinter sich zu haben schien – dafür, dass ein 82-jähriger Mann mit Lungenentzündung stationär aufgenommen wurde. Auch ein dreijähriger Junge mit Hautausschlag und hohem Fieber, der apathisch in seinem Bett lag, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Während sich eine Frau, die sich schreiend unter dem Küchentisch verkochen hatte, sofort beruhigte, als er ihr eine Dosis Valium versprach.
Um zehn vor halb drei saß Axel im hinteren Teil eines Rettungswagens. Er verdrängte alle Gedanken an die Vorfälle der letzten Stunden und versuchte sich anhand spärlicher Informationen ein Bild davon zu machen, was ihn erwartete: Ein Auto war von der Straße abgekommen, vermutlich schwere Verletzungen, vielleicht noch Schlimmeres … Plötzlich sah er in Gedanken seine Mutter vor sich. Sie steht auf, schreit ihm wütend ins Gesicht, nennt ihn Brede. Er schloss die Augen und hörte die Stimme seines Vaters: Brede hat sich selbst ins Abseits befördert. Aber aus dir soll jemand werden, der Verantwortung für seine Taten übernimmt, Axel. Brede schwänzte ständig die Schule und stahl dem Vater Geld aus dem Portemonnaie. Nicht nur kleine Münzen, sondern auch Scheine. Brede machte ein Feuer auf dem Boden, das schließlich von der Feuerwehr gelöscht werden musste. Bis zu einem bestimmten Punkt machte Axel mit, dann jedoch zog er sich zurück, weil er die Konsequenzen fürchtete. Sein Zwillingsbruder war der Einzige, der bestraft wurde, ohne dass Brede sein Verhalten deshalb geändert hätte. Der Widerstandskämpfer und Kriegsheld, der spätere Richter am Obersten Gerichtshof und hochdekorierte Oberst Glenne hatte einen Sohn, der ihm Schande machte. Und es war Axels Aufgabe, die Balance wiederherzustellen. Der Welt zu beweisen, dass er aus einer ehrenwerten Familie kam. Er entdeckte rasch, wie leicht das war. Als würde er von unsichtbaren Händen getragen. Natürlich die Eltern, aber auch die Eltern der Freunde, Lehrer, Trainer und all die anderen, die seinen Weg begleiteten, schienen sich darin einig zu sein, dass er es einmal weit bringen würde. Axel Glenne war ein Siegertyp, dem eine glänzende Karriere bevorstand. Nicht einmal um Bie hatte er kämpfen müssen. Er traf sie auf einer Studentenparty, auf der sie mit ihrem Freund war. Axel und sie standen stundenlang in der Küche und redeten. Aus irgendeinem Grund wollte sie ihn für die Unizeitung interviewen. Als er gehen wollte, bat sie ihn um seine Adresse.
Die Hinterräder des Wagens ragten aus dem Straßengraben. Ein Rücklicht leuchtete. Axel dachte plötzlich, dass man die Position, in der sich das Fahrzeug befand, als gutes Zeichen werten konnte, denn dann war die Geschwindigkeit vermutlich nicht allzu hoch gewesen. Als jedoch die Scheinwerfer des Rettungswagens den Unfallort erhellten, sah er sofort, dass das Dach eingedrückt war.
Axel war sofort zur Stelle, den Notkoffer in der einen, die Taschenlampe in der anderen Hand.
»Der Wagen muss sich überschlagen haben.«
Der Fahrer des Krankenwagens, der Martin hieß, war derselben Meinung.
»Mindestens ein Mal«, fügte Sven, der Beifahrer, hinzu.
Drei, vier Personen standen einige Meter entfernt vor einem geparkten Auto, dessen Motor lief.
»Haben Sie uns verständigt?«
»Das war ich«, antwortete ein älterer Mann, der sich seine Mütze über die Ohren gezogen hatte. »Als wir vorbeifuhren, haben wir den Wagen dort liegen sehen. Der Fahrer ist noch drin, aber wir haben die Tür nicht aufgekriegt.«
Martin war in den Graben gestiegen und leuchtete mit seiner Taschenlampe in den Innenraum.
»Sieht so aus, als wäre er hinter dem Steuer eingeklemmt!«, rief er Axel zu.
»Kannst du die Tür öffnen?«
Martin rüttelte am Griff.
»Versuch’s mal auf der anderen Seite!«
Axel sprang in den Graben und versuchte ebenfalls sein Glück. Das Auto war auf dieser Seite nicht so stark beschädigt, doch die Tür war abgeschlossen.
»Von der Windschutzscheibe ist nicht mehr viel übrig!«, rief er Martin zu, während er auf die Kühlerhaube kletterte. Aus dem Motorraum drang ein zischendes Geräusch.
»Wir müssen das Kabel durchschneiden.«
Er leuchtete hinein. Eine Gestalt hing reglos über dem Lenkrad. Axel streckte seinen Arm aus und berührte sie vorsichtig an der Schulter.
»Können Sie mich hören?«
Keine Antwort. Er nahm einen leichten Alkoholgeruch wahr. Es roch nicht nach Scheibenreiniger oder Frostschutzmittel, sondern nach Schnaps.
»Hallo, können Sie mich hören?«
Ein leises Stöhnen. Axel drehte sich auf die Seite und legte dem Fahrer einen Finger an den Hals.
»Der Puls ist regelmäßig«, informierte er Martin, der immer noch auf der anderen Seite stand.
»Zirka neunzig«, fügte er hinzu.
»Können wir ihn herausziehen?«
»Das Dach hinter der Tür ist eingedrückt. Wir kommen da nicht rein, aber die Feuerwehr wird gleich da sein.«
Er richtete die Taschenlampe auf das Gesicht des Fahrers. Es war ein junger Mann, der eine Schnittwunde am Hals hatte. Ein wenig Blut sickerte heraus, doch sie war nicht besonders tief. Der Schnapsgeruch kam von ihm.
»Seine Atmung ist in Ordnung. Den Hals rühre ich erst mal nicht an.«
Der Mann gab ein leises Rasseln von sich.
»Sind Sie wach?«, rief Axel. »Können Sie mich hören?«
Wieder dasselbe Geräusch, das in ein Stöhnen überging.
»Ich bin Arzt. Wir holen Sie gleich hier raus. Sind Sie alleine gefahren?«
Unverständliches Murmeln.
»Bleiben Sie ganz ruhig«, sagte Axel zu ihm. »Es wird alles gut werden.«
Plötzlich räusperte sich der Fahrer:
»Liss …«
»Sind Sie alleine gefahren?«, wiederholte Axel.
»Liss!«, rief der Mann und versuchte den Kopf zu heben.
»Bleiben Sie ganz ruhig sitzen.«
»Liss!«
Axel sprang von der Kühlerhaube. Hinter ihm tauchte Sven mit einer Zange auf.
»Wir sollten den Motor abwürgen.«
»Okay. Behalt ihn aber gut im Auge. Ich schau mich mal um, ob nicht doch ein Beifahrer dabei war.«
»Sieht nicht so aus.«
Axel kletterte aus dem Graben. In der Ferne war eine Sirene zu hören.
»Fahren Sie Ihren Wagen zur Seite!«, rief er einer Frau zu, deren Fahrzeug im Weg stand. »Die Feuerwehr trifft gleich ein!«
Er richtete seine Taschenlampe auf den trockenen Asphalt, erkannte Glasscherben und Bremsspuren. Das Auto war von Norden gekommen, aus Tangen, nicht aus Dal, wie er anfangs geglaubt hatte. Er eilte die Fahrbahn entlang, bis er die Fahrzeugschlange hinter sich gelassen hatte. Als er einen kleinen Felsen am Wegesrand anstrahlte, sah er, dass er Lackspuren aufwies und von Glassplittern umgeben war.
Auf der anderen Seite des Grabens hastete er wieder zurück. Zehn Meter von dem Felsen entfernt fand er sie. Sie lag auf dem Rücken und sah vollkommen entspannt aus. Eine junge Frau. Ihr bleiches Gesicht wies keine Schramme auf. Aber ihre weit geöffneten Augen schwammen in zähem, hellrotem Schaum. Erst als er sich zu ihr hinunterbeugte, um ihre Halsschlagader zu ertasten, entdeckte er, dass ein Großteil des Hinterkopfes fehlte.
Zehn Minuten später, um Viertel vor drei, kam der Hubschrauber. Axel setzte sie davon in Kenntnis, was er bisher getan hatte. Das Mädchen war sofort tot gewesen. Der Fahrer hatte einen gequetschten Brustkorb und vermutlich innere Blutungen. Sie nahmen ihn mit. Axel hielt das Portemonnaie in der Hand, das er unter dem Sitz gefunden hatte. Weißes Leder mit Fellrand, zwei Fächer für Scheine, eines für Karten. Er nahm eine Kreditkarte heraus und hielt sie in das Innenlicht des Einsatzfahrzeugs. Er kannte sie. Sie war ein Jahr älter als Tom. Ihre ältere Schwester war mit Daniel in eine Klasse gegangen. Er hatte zusammen mit der Mutter im Elternbeirat gesessen.
Axel wandte sich an den Polizeibeamten und zeigte ihm die Karte.
»Sie kommt hier aus der Gegend«, sagte er, »aus Flaskebekk. Ihre Mutter heißt Ingrid Brodahl, wenn Sie die Familie informieren könnten …«
Als der Beamte mit eingezogenem Kopf zum Auto zurückging, sah Axel, dass er ein Bein kaum merklich nachzog.
»Warten Sie!«, rief Axel ihm nach. »Ich muss sowieso nach Tangen zurückfahren. Ich übernehme das.«
Dienstag, 25. September
Als das Boot unsanft anlegte, stießen mehrere Passagiere miteinander zusammen. Axel fuhr abrupt aus dem Schlaf und warf einen Blick auf die Uhr. Fünf vor halb acht. Er blieb so lange sitzen, bis die Schlange sich in Richtung Ausgang ein bisschen ausgedünnt hatte. Dann rappelte er sich mühsam auf und stakste mit unsicheren Schritten über die Anlegebrücke. Er hatte nur eine, allenfalls anderthalb Stunden geschlafen. Obwohl ihm ein Spaziergang zu seiner Praxis gutgetan hätte, gab er seiner Erschöpfung nach und nahm sich ein Taxi. Während der Fahrt schloss er die Augen und döste vor sich hin. Die Bilder der Nacht flimmerten an ihm vorbei. Das Auto, dessen Räder aus dem Graben ragten. Das tote Mädchen, das über fünfzig Meter entfernt lag. Der Besuch bei ihrer Familie. Das verschlafene Gesicht im Türspalt, Liss’ Vater. Axel war ihm im Lauf der Jahre mehrmals begegnet. Er war Ingenieur, erinnerte er sich, reparierte Schiffsmotoren und war viel unterwegs. Doch in der vergangenen Nacht war er zu Hause gewesen und hatte durch den Türspalt gespäht, ohne zu wissen, welche Nachricht ihn erwartete.
Axel schaute auf und sah, dass sie gerade am Dronningpark vorbeifuhren. Die Fahrerin warf ihm im Rückspiegel einen prüfenden Blick zu. Sie hatte schwere Tränensäcke und benutzte ein Parfüm, das nach Schimmel roch.
»Schwieriger Start in den Tag«, sagte sie. Es war nicht ersichtlich, ob die Bemerkung auf sie selbst oder ihren Passagier gemünzt war.
Er brummte vor sich hin und schloss erneut die Augen, um sich nicht noch weitere aufmunternde Sprüche anhören zu müssen. In neun Stunden war Feierabend. Irgendwie würde er den Tag schon durchstehen.
Seit zwölf Jahren betrieb er seine eigene Praxis. Das war wie Klavierspielen. Manchmal musste er improvisieren, doch meistens ging ihm die Arbeit so leicht von der Hand wie eine routinierte Fingerübung, selbst wenn er müde war. Er hatte die Tage nicht gezählt, an denen er in der Praxis erschienen war, ohne in der Nacht zuvor geschlafen zu haben. Er hielt das aus. Doch an diesem Morgen musste er nicht nur gegen die Müdigkeit ankämpfen. Das Gesicht von Liss ließ ihn nicht los. Auf den ersten Blick hatte sie vollkommen unverletzt ausgesehen, als ob sie schliefe. Wie das Gesicht von Marlen, wenn er sich nachts in ihr Zimmer schlich, um sie besser zuzudecken. Doch dann hatte er ihr ins Gesicht geleuchtet und ihre Augen gesehen … Der Vater hatte zusammengesunken auf dem Sofa gesessen und auf den Tisch gestarrt, während er ihm erzählt hatte, warum er gekommen war. Plötzlich war der Vater aufgesprungen.
»Ingrid! Soll ich sie wecken?« Ja, meinte Axel, das sei sicher das Beste. Kurz darauf hörte er einen herzzerreißenden Schrei aus dem Obergeschoss, der nach und nach das ganze Haus erfüllte und kein Ende nehmen wollte. Ingrid Brodahl, die er von den Sitzungen des Elternbeirats kannte, kam im Schlafanzug aufgelöst die Treppe heruntergestürzt, und in diesem Augenblick bereute es Axel, vorbeigekommen zu sein.
Als das Taxi eine Vollbremsung machte, wurde er gegen den Vordersitz geworfen. Ein Fußgänger, der fast auf der Kühlerhaube gelandet wäre, huschte über die Straße. Die Fahrerin fuhr die Scheibe herunter und schrie ihm einen saftigen Fluch hinterher. Auf dem Bürgersteig drehte er sich um und starrte sie an.
»Stopp, warten Sie!«, rief Axel, als die Fahrerin aufs Gaspedal trat und die Kreuzung überquerte.
»Wie meinen Sie das?«, fragte sie.
»Halten Sie am Straßenrand, und warten Sie hier!«
Er riss die Tür auf und stürzte aus dem Wagen. Ein Stück weit entfernt, in der Sporveisgata, erblickte er ihn.
»Brede!«, rief er.
Aber der Mann drehte sich nicht um. Axel begann zu laufen. Auch der andere beschleunigte seine Schritte. Sie waren nur dreißig Meter voneinander entfernt, als er plötzlich zwischen zwei Gebäuden verschwand. Axel sprintete hinterher und fand sich keuchend auf einem leeren Innenhof wieder. Bleib jetzt ganz ruhig, ermahnte er sich. Du hattest eine furchtbare Nacht. Du wirst auch diesen Tag überstehen. Nur darum geht es. Ihn irgendwie hinter sich zu bringen.
Als er mit halbstündiger Verspätung seine Praxis betrat, saßen schon vier Patienten im Wartezimmer. Er schaute an der Rezeption vorbei. Rita unterbrach augenblicklich ihr Telefongespräch und drückte auf »Halten«, als sie ihn sah.
»Bist du fit?«, fragte sie in ihrem melodischen, nordnorwegischen Singsang.
»Schön wär’s«, antwortete er seufzend. »Wie ist die Lage?«
»Leider keine Absagen. Das ist der Preis, wenn man so beliebt ist.«
Sie stand auf, ging mit wiegendem Schritt zur Kaffeemaschine und schenkte ihm einen großen Becher ein.
»Ich hab die Patienten schon informiert, dass es heute etwas später losgeht. Außerdem habe ich Inger Beate gebeten, uns bis Mittag ein, zwei Patienten abzunehmen, sollte die Zeit zu knapp werden.«
Sie tätschelte ihm mütterlich die Schulter. »Wir schaffen das schon.«
»Was sollte ich nur ohne dich anfangen«, entgegnete er mit dankbarem Lächeln.
Das war mehr als eine Phrase. Rita hatte alles unter Kontrolle. Sie konnte ebenso resolut wie liebenswürdig sein, ganz wie es die Lage erforderte. Ihm graute stets vor ihren Urlaubszeiten.
»Und denk dran, dass heute das Praktikum beginnt«, zwitscherte sie.
»Ach verflucht, ist das heute?«
Axel hatte ein weiteres Mal zugesagt, sich um einen Medizinstudenten zu kümmern, doch an diesem Morgen würde seine Geduld den pädagogischen Herausforderungen kaum gewachsen sein.
»Ich habe ihr das Büro von Ola gegeben, das ist ja in nächster Zeit frei.«
»Sie? Ich dachte, es käme ein Mann.«
»Die haben wohl getauscht. Ich hatte dir gestern einen Zettel hingelegt.«
Er schlürfte seinen Kaffee. In seiner heutigen Verfassung wäre ihm ein junger Mann lieber gewesen.
»Gut, dann lass sie … ach nein, gib mir noch fünf Minuten.«
Er ließ sich auf seinen Stuhl sinken, fuhr den Rechner hoch und zog die Gesichtshaut so weit zurück, wie er konnte. Er hatte Brede seit zwanzig Jahren nicht gesehen. Wusste nicht einmal, ob er noch am Leben war. Seit Wochen, vielleicht Monaten hatte er keinen Gedanken an ihn verschwendet, bis zu dem Ausbruch seiner Mutter gestern. Der Mann auf der Straße konnte nicht Brede gewesen sein. Vermutlich nur jemand, der ihm sehr ähnelte. Erst jetzt spürte er, wie erschöpft er war. Eigentlich sollte er bis auf weiteres auf die Bereitschaftsdienste verzichten. Das Geld brauchten sie nicht.
Die Festplatte knirschte und ratterte und hatte Schwierigkeiten, in Gang zu kommen. Wenn der Computer bereit ist, bin ich es auch, dachte er. Sein Schlafbedürfnis sperrte er in eine Kammer und warf den Schlüssel weg: Ich bin nicht mehr müde! Es klopfte an der Tür.
»Mist!«, murmelte er, weil er die Praktikantin schon wieder vergessen hatte. Er sprang auf und klopfte sich ein paar Mal auf die Wangen. »Showtime«, sagte er zu seinem Spiegelbild und rief sie herein.
Sie schloss die Tür hinter sich. Ihre Hand war schmal und warm. Sie hieß Miriam. Ihren Nachnamen bekam er nicht mit.
»Wir haben schon öfter miteinander gesprochen«, sagte sie.
Er runzelte die Stirn.
»Direkt vor den Sommerferien. Sie haben eine Vorlesung über Krebstherapie in der Schulmedizin gehalten, und in den Pausen bin ich manchmal zu Ihnen gekommen.«
»Ja, jetzt erinnere ich mich.« Er hatte in seinen Vorlesungen ausführlich über die Verantwortung des Allgemeinmediziners gesprochen, dem trotz der Vielzahl von Bagatellerkrankungen nicht entgehen dürfe, wenn ein Patient schwer erkrankt sei.
»Also gut, dann können wir ja jetzt den ersten Patienten hereinbitten. Halten Sie sich zunächst unauffällig im Hintergrund. Mit der Zeit werde ich Ihnen natürlich eigene Aufgaben übertragen.«
Für eine Mittagspause war keine Zeit, aber es gelang ihm, all seine Patienten persönlich zu behandeln und niemand länger als eine halbe Stunde warten zu lassen. Am Nachmittag fand sich sogar die Gelegenheit, einige der behandelten Fälle mit seiner neuen Praktikantin zu diskutieren. Seine Müdigkeit hatte er verdrängt und nutzte seine ausreichend vorhandenen Reserven, die ihm helfen würden, bis zum Ende des Tages durchzuhalten. Die Studentin war glücklicherweise ein ruhiger und angenehmer Mensch. Außerdem verfügte sie über ein solides Grundwissen und stellte intelligente Fragen. Sie beeindruckte ihn sogar mit detaillierten Kenntnissen über Leukämie, die ihm teils selbst nicht geläufig waren, was er geflissentlich überspielte.
Um Viertel vor vier kam die letzte Patientin an die Reihe, die einen kurzfristigen Termin bekommen hatte. Er las, was Rita auf einem Zettel notiert hatte: »Cecilie Davidsen. Wirkt sehr besorgt. Hat Knoten in der Brust ertastet.«
Er sah sich ihre Patientenakte auf dem Bildschirm an. Sie hatte sich erst einmal zuvor von ihm behandeln lassen, vor drei Jahren, als er sie wegen einer Grippe krankgeschrieben hatte. Sechundvierzig Jahre alt, Stewardess, zwei erwachsene Kinder sowie eine achtjährige Tochter.
»Eine Frau, die nicht vorschnell zum Arzt geht«, sagte er zu der Praktikantin. »Desto wachsamer müssen wir sein.«
Cecilie Davidsen war hochgewachsen und schlank, mit kurzgeschnittenen Haaren mit ein paar hellen Strähnen. Axel erkannte sie sofort wieder. Sie zog die Handschuhe aus, gab ihm die Hand und lächelte ihn verschämt an, als wolle sie sich dafür entschuldigen, seine wertvolle Zeit in Anspruch zu nehmen. Etwas in ihrem Blick jedoch signalisierte ihm, wie beunruhigt sie war.
Er stellte alle Fragen, die gestellt werden mussten, über Stillzeiten und Menstruation und wann ihr das erste Mal eine Veränderung ihrer Brust aufgefallen war.
»So, dann wollen wir mal sehen …«
Sie knöpfte ihre Bluse auf. Er hatte bewusst nicht gefragt, wo sie den Knoten bemerkt hatte, damit er ihn selbst ertasten konnte. Er befand sich auf der rechten Seite, direkt unter der Brustwarze. Er war so groß wie eine Mandel, uneben und kaum beweglich.
»Miriam, fühlen Sie mal.«
Cecilie Davidsen war schweißnass unter den Achseln, obwohl es im Behandlungszimmer nicht sonderlich warm war.
»Neun von zehn Befunden sind gutartig«, betonte Axel, während Miriam die Brust der Patientin abtastete. Sie machte das offenbar nicht zum ersten Mal, ihre Hände bewegten sich ruhig und systematisch. »Wir werden alle erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen treffen.«
»Eine Mammographie?«
»Ja, und zwar so schnell wie möglich. So etwas sollte man gleich aus der Welt schaffen.«
Nachdem die Patientin gegangen war, wandte er sich wieder seiner Praktikantin zu.
»Besteht Grund zur Besorgnis?«
Sie dachte kurz nach.
»Sie haben nicht sehr besorgt gewirkt, aber der Knoten war deutlich zu spüren.«
»Als Arzt sollte man immer vom Schlimmsten ausgehen«, dozierte er. »Aber es ist nicht nötig, das auszusprechen, ehe man nicht konkretere Anhaltspunkte hat.«
Er strich sich über das Kinn.
»Mir hat der Knoten nicht gefallen. Außerdem hatte sie drei vergrößerte Lymphknoten in der Armhöhle.«
Er tippte etwas auf der Tastatur und druckte eine Überweisung aus.
»Die geht heute noch raus. Außerdem werde ich das Krankenhaus anrufen. Die Untersuchung wird noch in dieser Woche stattfinden, das garantiere ich Ihnen.«
Er warf einen Blick auf die Uhr.
»Ich muss das Boot um halb fünf erwischen. Morgen können Sie schon allein ein paar Patientengespräche führen.«
Normalerweise wartete er damit bis zur zweiten Woche, doch diese Studentin – hieß sie nicht Miriam? – schien bereits weit genug zu sein. Und er irrte sich selten, was diese Einschätzung betraf.
»Ich bin mit dem Auto hier«, entgegnete sie. »Wenn Sie wollen, kann ich Sie zum Anleger fahren.«
Er sah sie überrascht an.
»Ach, das wäre wirklich sehr nett. Aber Sie wissen ja gar nicht, wo ich hinmuss.«
Sie blickte zu Boden.
»Sie haben das Boot erwähnt, also wohnen Sie vielleicht … in Nesodden oder so.«
Sie fuhr mit derselben Ruhe, die auch ihre Stimme ausstrahlte. Geschmeidig glitten sie durch den Verkehr. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie schien von ihm nichts zu erwarten. Als wäre es ihr überhaupt nicht unangenehm, dass er kein Wort sagte.
»Sie wirken müde.«
Erst jetzt fiel ihm wirklich ihr leichter Akzent auf, den er schon den ganzen Tag unterschwellig registriert hatte. Kam sie irgendwo aus Osteuropa? Er fragte nicht, weil er so wenig wie möglich von ihr wissen wollte.
»Ich hatte heute Nacht Bereitschaftsdienst«, erklärte er. »Eigentlich war ich gar nicht dran, bin dann aber für einen Kollegen eingesprungen. Es gab einen Autounfall …«
Ehe er sichs versah, erzählte er Miriam von Liss, die so friedlich im Graben gelegen hatte, als schliefe sie nur. Und von ihrer Mutter, die sich an seinen Arm geklammert hatte und ihn, den Überbringer der furchtbaren Nachricht, nicht gehen lassen wollte.
»Sie war nur ein Jahr älter als mein jüngster Sohn. Er kannte sie.«
Die Bootsglocke läutete.
»Dieser Idiot, der hinter dem Steuer eingeklemmt war und nach Schnaps gerochen hat … ich hätte ihn umbringen können!«, rief er.
»Ihr Boot …«, sagte sie.
Er rührte sich nicht vom Fleck. Seine Reserven hatten sich erschöpft. Er starrte über den Fjord, der langsam in der Dämmerung versank.
»Haben Sie’s eilig?«
Ohne sich umzudrehen, spürte er, dass sie den Kopf schüttelte.
Mittwoch, 26. September
Solveig Lundwall schob den halbvollen Einkaufswagen in Richtung der Gefriertruhen. Dorthin war es ein weiter Weg, sicherlich hundert Meter. Lange Regale voller Toilettenpapier und Küchenrollen musste sie bis dahin passieren. Katzen- und Hundefutter. Dann all die Frühstücksflocken: Cornflakes, Müsli, Frosties, Weetabix. Sie warf eine Packung Honni Corn in den Wagen. Als sie noch ein Kind war, hatten sie jeden Freitagmittag Honni Corn gegessen. Milch! Sie musste genug Milch kaufen. Zu Hause tranken sie so viel davon. Vier durstige Kehlen, die tranken und tranken. Was noch? Fischkonserven. Ihre Einkaufsliste hatte sie zu Hause liegen lassen. Ein Mann mit grauem Anorak und Schiebermütze kam von rechts und bog direkt vor ihr auf den Gang ein. Ein paar Meter weiter blockierte sein quer stehender Wagen den Weg. Am liebsten wäre sie mit voller Wucht in ihn hineingefahren, konnte sich aber im letzten Moment beherrschen.
»’tschuldigung«, sagte er grinsend und zog den Wagen zur Seite.
Sie versuchte zurückzulächeln, spürte jedoch, dass ihr Gesicht fast unbeweglich blieb. Sie musste ziemlich befremdlich wirken und beeilte sich, an dem feixenden, faltigen Rauchergesicht vorbeizukommen. Endlich war sie bei der Milch angelangt.
»Ich muss genug Milch kaufen«, murmelte sie, fünf Liter Vollmilch, fünf Liter fettarm. Zehn Liter? Zu Hause tranken sie unendlich viel davon und waren nicht zu bremsen. Per Olav am allermeisten, obwohl Dr. Glenne gesagt hatte, er solle weniger Milch trinken. Per Olav hörte auf Dr. Glenne. Aber er liebte Milch. Nachts stand er auf und ging an den Kühlschrank. In Gedanken sah sie ihn vor sich, wie er die Packung Buttermilch direkt an den Mund setzte. Danach hingen Reste der säuerlichen Flüssigkeit in seinem Bart. Buttermilch sei besser für ihn als Vollmilch, hatte Dr. Glenne gesagt. Und Per Olav hörte auf Dr. Glenne. Wenn sie an den Arzt dachte, nannte sie ihn stets beim Vornamen. Axel. Aber das wusste Per Olav nicht. An der Käsetheke tauchte der Mann mit der grauen Jacke wieder auf. Er näherte sich ihr, als wollte er sie ansprechen. Vielleicht wollte er nur eine witzige Bemerkung machen. Sie drehte ihren Wagen abrupt um und eilte auf die Mineralwasserkästen zu. Eigentlich wollte sie Cola light kaufen, doch sie konnte jetzt nicht stehen bleiben. Bier! Per Olav hatte sie gebeten, ein paar Flaschen Bier zum Fisch mitzubringen. Im Vorbeilaufen griff sie wahllos nach einigen Flaschen. Per Olav nahm es mit der Sorte nicht so genau. Das mit dem Fisch war ihre Idee gewesen.
»Heute essen wir Fisch«, hatte sie verkündet, als Per Olav im Türrahmen stand und die Kinder bereits hinausgelaufen waren.
»Okay«, hatte er geantwortet. Per Olav aß gerne Fisch. Eigentlich war sie es, die keinen mochte. Vor allem der Geruch war ihr zuwider. Am schlimmsten war es, wenn sie ihn zubereiten musste, mit dem Messer die schleimige Haut aufschnitt, die grauweiße Masse mit den Blutresten freilegte … Sie musste den Fischverkäufer bitten, ihr den Fisch zu filetieren. Doch bei Rema gab es keine Fischtheke. An der Truhe mit dem gefrorenen Fisch war sie schon vorbeigegangen, und wenn sie jetzt kehrtmachte, würde sie bestimmt dem Alten mit der grauen Jacke in die Arme laufen, der nach billigem Tabak stank und ihr ein Gespräch aufdrängen wollte.
Sie stürmte zur Kasse. Sie musste Brot kaufen. Das Tiefkühlfach war leer. Ganz oben auf ihrer Einkaufsliste stand Brot. Mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen! Damit es für das Abendessen und die Lunchpakete reichte. Heute Morgen hatte sie ihnen Knäckebrot mitgegeben, aber das wurde immer weich, die Kinder mochten es nicht und kamen deshalb hungrig nach Hause. Im Jugendzentrum würden die Leute tuscheln, dass ihre Kinder nicht genug zu essen bekämen. Sie riss einen Sack mit Katzenfutter an sich, zwei große Säcke. Der Wagen quoll bald über. Sie hatten keine Katze. Vier Personen standen an der Kasse. Die andere Kasse war geschlossen. Sie bog in den nächsten Gang ein und stellte den Wagen vor dem Regal mit den Süßigkeiten ab. Es roch nach Schokolade, Keksen und Weingummi. Sie schaute in die andere Richtung, als sie an der unbesetzten Kasse vorbeischlüpfte, hinaus ins Licht.
Die Wände des Tunnels rasten an ihr vorbei. Ihr Spiegelbild im Fenster hatte einen dunklen Schatten. Sie sah die Augen nicht, aber sie spürte den bösen Blick. Sie drehte sich um, und ihr Blick huschte durch den U-Bahn-Waggon. Er war fast leer. Nur zwei Kinder, die offenbar die Schule schwänzten, und eine Frau mit Kopftuch und Kinderwagen – bestimmt eine Kurdin, denn eine der Mütter im Kindergarten trug genau so ein Kopftuch, und sie war Kurdin.
Solveig Lundwall las das Gedicht auf dem Plakat, das neben der Tür klebte. »Wenn du dich umdrehst, siehst du nach vorne«, stand da. Sie wollte nicht weiterlesen. In der Tasche hatte sie eine Dose mit Pastillen. Dort fand sie auch einen Zettel. Ihre Einkaufsliste. Brot – mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen. Als sie die Wörter las, konnte sie nicht mehr ruhig sitzen bleiben. Sie warf den Zettel auf den Boden, als hätte sie sich verbrannt, sprang auf, lief in den hinteren Teil des Wagens und setzte sich mit dem Rücken zu den anderen Leuten. Dort lag eine Zeitung. »Immobilienmarkt boomt.« Sie blätterte weiter. »Auf offener Straße erschossen.« Ja, die Straße war offen. Und derjenige, der Augen hat, vermag zu sehen. »Bei Autounfall getötet.« Sie starrte das Foto des Mädchens an. Sie hatte lange, blonde Haare, große Augen und einen Mund, der empfindsam, geradezu selig lächelte.
»Was willst du mir sagen, kleiner Engel?«, murmelte Solveig. Auf der nächsten Seite las sie: »Brauchen Sie Hilfe?« Sie drehte sich zu dem bösen Gesicht im Fenster um. Ja, Solveig, jetzt brauchst du Hilfe. Sie spürte, wie sie dieser Gedanke beruhigte. Dann musste sie lachen, weil es ihr so guttat. Sie spürte den salzigen Geschmack ihrer Tränen in den Mundwinkeln, aber sie weinte nicht. Eine große Ruhe breitete sich in ihrer Brust aus.
»Danke, Herr«, flüsterte sie. »Danke, Herr, dass du mich siehst. Und wenn ich auch wanderte im finsteren Tal …«
Am Stortinget stieg sie aus. Die Jacke blieb auf dem Sitz liegen. Sie fror nicht. Sie wollte sich leicht fühlen. Stand auf der Rolltreppe und stieg hinauf ins Licht. Der Himmel war strahlend hell, und es schien ihr, als würde sie immer höher steigen, bis weit über die Dächer.
Im Bogstadveien blieb sie vor der Tür des Ärztehauses stehen. In ihrem Rücken fuhr die Straßenbahn vorüber. Es dauerte eine Weile, bis die nächste kam. Du brauchst Hilfe, Solveig, dachte sie erneut. Aber es nützte nichts. Erneut spürte sie, wie etwas durch ihre Brust strömte, doch sie empfand keine Ruhe. Kleine Stöße gingen durch sie hindurch. Sie ließ sich in Richtung Majorstua treiben. Dort gibt es ein Fischgeschäft, Solveig, dort kannst du fünf Fische kaufen und sie dir filetieren lassen. Ein Mann auf der anderen Straßenseite blickte zu ihr herüber. Er ähnelte Pastor Brandberg aus Salem. Pastor Brandberg ist tot, Solveig. Sie beschleunigte ihre Schritte. Der Mann tat dasselbe. Er trug einen langen Ledermantel. Seine Haare waren nach hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Pastor Brandberg hatte sie getauft. Sie erinnerte sich an sein Gesicht, als sie aus dem Wasser gezogen wurde, seine Augen, als er sie segnete. Pastor Brandberg half, wo er konnte. Zu ihm war sie gebracht worden, als sie das erste Mal krank geworden war. Sie überquerte die Straße und stellte sich vor ihn hin.
»Können Sie mir helfen?«
Ohne zu antworten, eilte er weiter. Der graue Pferdeschwanz in seinem Nacken wippte hin und her.
Sie blieb am Zebrastreifen stehen und hielt sich an einem Geländer fest. Es hatte wieder angefangen, und sie würde es nicht mehr loswerden. Wenn sie unter ein Auto kam, würde der Fahrer schrecklich darunter leiden. Bei einem Bus war das anders. Busfahrer fuhren durch die ganze Stadt, das war ihr Beruf, und sie wussten, dass jederzeit etwas passieren konnte. Sie wurden beschützt. Der Herr war mit den Busfahrern. Sie waren sein Werkzeug. Und wenn sie auch wanderten im finsteren Tal … Wenn das nächste Mal ein roter Bus kommt, Solveig, dann lässt du es einfach geschehen. Sie blickte in den Himmel über Majorstua. Plötzlich wurden die Wolken in Bewegung gesetzt und wie von riesigen Händen auseinandergetrieben. Das grelle Licht blendete sie. Sie senkte den Kopf. Dort drüben, auf der Treppe zur U-Bahn-Station, umgeben von gleißendem Licht, stand ein Mann. Seine Haare waren zerzaust. Er trug einen Vollbart und eine abgetragene Jacke. Als er ihr sein Gesicht zuwandte, erkannte sie, dass es Axel Glenne war. Und Er wird wiederkehren, doch sie werden Ihn nicht erkennen.
»Aber ich kenne ihn«, murmelte sie. Es wird nicht geschehen. Noch nicht. Erneut kam eine große Ruhe über sie und breitete sich in ihrer Brust aus, dass sie vor Freude bebte.
Sie ließ das Geländer los, kehrte dem steten Strom der Fahrzeuge den Rücken zu und ging den Bogstadveien wieder zurück.
Um Viertel nach zwölf verabschiedete sich Axel Glenne von seinem letzten Patienten vor der Mittagspause. Er vervollständigte die elektronische Patientenakte, schloss die Datei und versetzte den Computer in Ruhezustand.
»Wir sollten sehen, dass wir etwas in den Magen bekommen«, sagte er zu Miriam, ohne sie anzuschauen. Trotz des hektischen Vormittags hatte er ihr zwischen den einzelnen Konsultationen das eine oder andere erklären können. Nach den Ereignissen des gestrigen Tages war er fast ein wenig verlegen, als sie am Morgen erschienen war. Doch für Miriam schien es das Natürlichste auf der Welt zu sein, dass sie gestern noch über eine halbe Stunde lang im Auto sitzen geblieben waren und miteinander geredet hatten.
Er betrat nach ihr den Aufenthaltsraum, in dem sie kaum Platz fanden, obwohl nur Rita und Inger Beate anwesend waren. Sie quetschten sich zu ihnen an den kleinen, runden Tisch. Rita hatte ihre Nichte zu Besuch gehabt und selbstgebackene Waffeln mitgebracht. Inger Beate wollte mit ihm über einen Patienten sprechen und hatte die Ergebnisse einiger Laboruntersuchungen dabei. Sie teilte ihm ihre Einschätzung mit, während sie Eiersalat aß, den sie mit einer Tasse Kaffee hinunterspülte. Ihr Patient litt an ständigem Juckreiz und hatte an Gewicht verloren, schien ansonsten aber in guter Verfassung zu sein.
»Miriam, wie sehen Sie das?«, fragte Axel mit vollem Mund.
Inger Beate Garberg hatte ein markantes, knochiges Gesicht und graumelierte, gewellte Haare, die ihr auf die Schultern fielen. Sie blickte irritiert auf die Uhr, weil sie nur noch fünf Minuten Zeit hatte.
»Haben Sie ihn gefragt, ob er Schmerzen bekommt, wenn er Alkohol trinkt?«, fragte Miriam.
Inger Beate warf Axel einen verstohlenen Blick zu. Er nahm sich lächelnd eine Waffel.
»Eine sehr präzise Frage meiner Praktikantin, finde ich.«
»Natürlich habe ich ihn das gefragt«, antwortete Inger Beate.
»Und was hat Ihr Patient geantwortet?«, fragte Miriam.
»Er hat sich da nicht so genau …«, murmelte sie und schloss ihre Tupperdose mit dem Eiersalat. »Ich werde ihn noch mal darauf ansprechen.«
Sie hat vergessen, ihn danach zu fragen, dachte Axel, unterließ es aber, seine Kollegin damit zu behelligen. Inger Beate war erst vor kurzem aus Botswana zurückgekehrt, wo sie sich zwei Jahre lang um HIV-infizierte Menschen gekümmert hatte. Sie hatte immer noch Schwierigkeiten, sich wieder an den Alltag in ihrer Heimat zu gewöhnen, an die Vielzahl der Patienten, die im Großen und Ganzen gesund waren, aber über die kleinsten Wehwehchen jammerten. Er schätzte sie als Kollegin und hatte keinerlei Interesse daran, sie bloßzustellen, vor allem nicht vor einer seiner Praktikantinnen. Er wusste, dass sie nun eingehender untersuchen würde, ob ihr Patient womöglich an Lymphknotenkrebs litt. Dieser Verdacht hatte auch ihn bei der Durchsicht der Laborergebnisse beschlichen.
»Noch eine Waffel?«, fragte Rita und hielt ihnen den Teller hin.
Axel hielt sich abwehrend den Bauch.
»Ich werde mit Miriam ein paar Patientenbesuche machen«, sagte er. »Ich weiß ja, dass du hier die Stellung hältst, Rita.«
»Worauf du dich verlassen kannst. Übrigens hat vorhin ein Mann angerufen, der unbedingt noch einen Termin für heute Nachmittag haben wollte. Er sagte, er will dich als seinen neuen Hausarzt haben. Seine Unterlagen habe ich allerdings noch nicht bekommen.«
»Du hast ihm doch bestimmt gesagt, dass es heute beim besten Willen nicht geht?«
»Er hat gefragt, ob er stattdessen morgen Nachmittag kommen könne, und da habe ich ihm geantwortet, dass der Donnerstagnachmittag ausschließlich für deine Fahrradtour reserviert ist. Hätte ich das nicht sagen sollen?«
Axel runzelte die Stirn.
»Es geht die Patienten nichts an, was ich in meiner Freizeit tue. Aber ist das denn so eilig?«
»Er meinte, ja, wollte aber nicht sagen, warum.«
In der Praxis überprüfte Axel gemeinsam mit Miriam seinen Arztkoffer auf Vollständigkeit. Als er ihn zuklappte, rief Rita von der Rezeption aus an.
»Solveig Lundwall ist hier.«
»Sie hat heute keinen Termin.«
»Das weiß ich. Aber sie will nicht wieder gehen, ehe sie nicht mit dir gesprochen hat.«
»Sag ihr, dass ich sie heute Nachmittag anrufe.«
