Der Kreis - Lea Schuster - E-Book

Der Kreis E-Book

Lea Schuster

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Beschreibung

Energie vergeht niemals. Das ist das erste Gesetz des Kreises. Alles, was stirbt, geht in ihn zurück. Nur wer schwerste Verbrechen begangen hat, kann vom hohen Gericht von ihm ausgeschlossen werden. Doch über die Jahrtausende hat sich diese negative Energie außerhalb des Kreises angesammelt und sucht sich nun ihren Weg zurück in diese Welt, in dem sie den Geist der Menschen infiziert. Valayat gehört zu der sehr langlebigen Spezies der Vival. Nachdem sie vor zweihundert Jahren einen der blutigsten Kriege der Geschichte geführt hat, wird sie schließlich dazu verbannt, in einem der großen gemeinnützigen Orden zu dienen, die sich dazu verpflichtet haben, Risse und Anomalien im Kreis zu schließen. Nachdem Valayat einer mächtigen Magierin das Leben rettet, entsteht daraus bald eine Beziehung, die nicht ohne Komplikationen bleibt. Valayats Vergangenheit verfolgt sie auch nach all den Jahren, die Mordlust, der Hass auf Menschen und die innere Leere. Nun steht ihnen ein Krieg gegen eine noch unbekannte Macht bevor und Valayat ist gezwungen, all die alten Gewohnheiten zurück an die Oberfläche zu holen. Doch ist es vielleicht genau der Hang zum Tod und der Grausamkeit, die den Kampf am Ende entscheiden wird. Fragt sich nur, um welchen Preis? Im Laufe der Geschichte treten viele magische Wesen, echte Menschen, Halb-Menschen und Elementare auf. Sowie unkonventionelle Beziehungen, keine simplen Bösewichte, keine reinen Helden und auch der Tod spielt eine andere Rolle.. Während des Schreibens habe ich mich immer wieder angehalten, mich von den konventionellen Ideen der Fantasy-Rubrik zu verabschieden und einfach Neues auszuprobieren. Für Jeden, der gerne eine etwas andere Art der Fantasy lesen möchte, kann ich "der Kreis" durchaus ans Herz legen :)

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kapitel 1 – Alles beim Alten

„Das Leben ist ein Kreis, vollkommen, ohne Anfang oder Ende. Vergeht der Körper, so kehrt die Seele zurück zur Erde, von der sie kam und wird wiedergeboren, als Tier, als Baum des Waldes, als Ostwind, der über das Gras der Steppen weht...Die Seele stirbt niemals.“

(Gesetzt der Shertan, Absatz 1.)

Valas ganzer Körper zitterte vor Anstrengung. Ihre Lungen schrien nach mehr Luft, aber sie musste ihren Atem ruhig und gleichmäßig halten. 
Seit über zwei Stunden arbeitete sie bereits daran, dieses Paradox zu beheben und es zehrte an ihren Kräften. 
Im Kreis, dessen Energie alles Leben durchfloss, traten gelegentlich Paradoxa wie diese auf. Vala konnte den Kreis und den Spalt darin deutlich sehen, wenn sie sich konzentrierte. Im Grunde war eine Anomalie wie ein Puzzle. Nur dass alle Teile die gleiche Form und Farbe hatten.Vala drehte und wendete die letzten Energieschnipsel, bis sie sich wieder an ihren Platz einfügten, während sie mit dem Großteil ihrer Magie den Kreis blockierte, damit der nicht ihre ganze Arbeit davon spülte. Wenn sie auch nur kurz in ihrer Konzentration nachließ, konnte sie wieder von vorne anfangen.

Vala widmete sich dem letzten Segment, drehte es, drehte nochmal, dann war es geschafft und sie konnte endlich die Blockade zurückziehen. Augenblicklich floss die Energie des Kreises durch den reparierten Spalt. Er hielt. Vala öffnete die Augen und musste sich auf den Oberschenkeln abstützen, als Schwindel und Übelkeit sie überrollten, doch nach ein paar tiefen Atemzügen ließ es nach.

Die schwarzen Locken klebten ihr im Gesicht.

Als sie sich wieder aufrichtete, besah sie die Stelle, an welcher der Spalt gewesen war, deutlich erkennbar an den verdorrten Bäumen, toten Gräsern und der völligen Abwesenheit jeglicher Lebewesen im Radius von mindestens hundert Metern. Dort, wo der Kreis durch Paradoxa gestört wurde, konnte kein neues Leben mehr entstehen, es bildete sich eine sogenannte tote Zone.

Diese hier war noch harmlos im Vergleich zu dem, was größere Anomalien wie Löcher oder Wirbel anrichten konnten. Ganze Landstriche verwandelten sich dann in eine lebensfeindliche Ödnis und es bedurfte manchmal Tage und mehrere Helfer, um den lebenswichtigen Fluss wieder herzustellen.

Doch einen Riss oder Spalt, wie diesen, stemmte Vala relativ gut allein. Trotzdem konnte sie selbst schwer nachvollziehen, warum ein Dorf so lange mit der Meldung einer Anomalie wartete, doch dann ermahnte sie sich, dass eben nicht alle so ein feines Gespür für den Kreis hatten wie ihre Art und das echte Menschen Paradoxa kaum bis gar nicht sehen konnten. Es nervte sie trotzdem. Eine Woche früher und die Sache wäre längst nicht so anstrengend gewesen.

Ihr ganzer Körper klebte von Schweiß und jetzt, wo die Anstrengung vorüber war, begann sie sofort zu frieren. Auch hier im Süden war der der Sommer nun endgültig vorbei.

Schnell schlüpfte Vala wieder in ihren dicken Mantel, den sie zuvor über einen Zaun am Rande gelegt hatte.

Sie war todmüde und nervlich am Ende, weswegen sie sich zurückhalten musste, nicht unhöflich zu werden, als der Dorfälteste zu ihr herüberkam.

Er hatte ihr zusammen mit zahlreichen anderen Bewohnern von Weitem aus zugesehen.

„Der Spalt ist geschlossen, in den nächsten ein bis zwei Wochen, sollte sich alles normalisieren“, sagte sie und erzwang ein Lächeln.

„Vielen Dank, Schwester Valayat“.

Vala nickte nur.

„Eins noch. Versucht das nächste Mal früher Meldung zu machen, auch wenn ihr euch nicht sicher seid. Lieber einmal umsonst als einmal zu spät. Viel Aufwand lässt sich so vermeiden“.

Vor allem kann ich dann einen von den Jüngeren schicken und muss nicht selbst fliegen, dachte sie und erinnerte sich an ihre Zeit als Neuling im Orden; sie hatte so ziemlich Alles erledigen müssen, wozu die Älteren keine Lust hatten. Jahrzehnte voller Drecksarbeit waren das.

Der Dorfälteste beteuerte, dass sie daran denken würden, und Vala verabschiedete sich knapp. Sie hatte es eilig.

Am liebsten würde sie die Nacht irgendwo unterkommen und sich ausruhen, aber die alljährliche Großversammlung fand morgen statt. Stundenlanges besprechen, diskutieren, breittreten und zerpflücken von Angelegenheiten, die man genauso gut in fünf Minuten hätte regeln können. Doch sie hatte anwesend zu sein, ob sie wollte, oder nicht.

Vala wandte sich ab und pfiff nach Golgo. Der Sachu hatte sich am Rande der toten Zone in die Nachmittagssonne verkrümelt. Es war offensichtlich, dass in diesem Dorf selten Sachus oder Drachen vorbeikamen, da die Kinder sich bereits kurz nach ihrer Ankunft um die Flugechse gescharrt hatten, als hätten sie noch nie eine gesehen.

Während Vala also die ganze Arbeit tat, döste Golgo vor sich hin und ließ die Kinder unbeeindruckt um sich herumtollen.

Doch nun war es Zeit zum Aufbruch. Als er ihren Pfiff hörte, erhob er sich gemächlich, schüttelte sich ausgiebig und trabte dann auf sie zu.

„Na, ich hoffe du hast dich gut erholt“, kommentierte sie mürrisch, während sie ihr Auftragsbuch aus der Satteltasche zog.

Als Antwort gähnte Golgo ausgiebig. Wie schön für ihn.

Jetzt nur noch alles eintragen, dann konnte sie los. Mit etwas Glück schaffte sie es vor Tagesanbruch zum Tempel und konnte sich noch ein paar Stunden hinlegen, bevor die Versammlung begann.

Mit dem Gedanken daran, kritzelte sie die Daten in das Buch.

Datum: 3. Tag des 12. Zyklus,

Auftrag: Paradox

Klassifizierung: Spalt

Status: geschlossen

Dauer: 2 Tage

Eine Unterschrift dahinter und dann stopfte sie das ramponierte Buch zurück in die Tasche, kramte dafür die Eiswurzelsalbe hervor. Sie hatte absolut keine Lust jetzt bei Nacht in den Norden zu fliegen, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Vorsichtig trug sie kleine Mengen der Salbe bei Golgo auf, an den Stellen, die nicht von seinen blau-grauen Federn bedeckt waren, vor allem die Flanken, dann noch eine winzige Menge auf ihr eigenes Gesicht und Hals. Sofort spürte sie die Hitze aufwallen, als die Salbe ihren Blutfluss ankurbelte.

Zu guter Letzt nahm sie die drei Leuchtkristalle hervor, rieb sie aneinander, bis ihre Energie sie zum Leuchten brachte und befestigte sie an Golgos Schwanz und Flügelspitzen.

Es war Pflicht, mit Kristallen zu fliegen, wenn man bei Nacht auf der allgemeinen Flughöhe unterwegs war.

Die Sonne war mittlerweile untergegangen und nur noch orangene Schlieren zogen sich noch über den Horizont.

Vala zog sich am Sattel auf Golgos hohen Rücken, schnallte sich den einfachen Sicherheitsgürtel um und hängte dessen Karabiner am Sattel ein. Ebenso gesetzlich vorgeschrieben.

Die Dorfbewohner winkten ihr noch einmal zu, dann gab Vala ihrem Sachu das Signal zum Start. 
Golgo nahm ein paar holprige Sprünge Anlauf, breitete seine Schwingen aus, stieß sich kraftvoll vom Boden ab und war auch schon in der Luft.

In sanftem Steilflug trug er sie nach oben und mit jedem Flügelschlag pfiff Vala die Luft etwas beißender um die Ohren.

Manche Dinge würde sie immer hassen. Nachtflüge zum Beispiel. Selbst nach 250 Jahren noch.

Trotz der Kälte verfiel sie nach einer Weile in einen trägen Dämmerzustand.

Die Stunden vergingen.

Der Winter war früh gekommen dieses Jahr. Weiß erhoben sich die Gipfel des Mittelgebirges in den Himmel, wie die Zähne eines versteinerten Urzeitgiganten.

Es war noch dunkel und einzelne Sterne glitzerten in der Ferne, doch zog sich bereits ein hellblauer Schimmer über den Horizont und verkündete die Dämmerung.

Vala war noch erschöpfter, als sie für möglich hielt, und durchgefroren vom stundenlangen Flug. Auch Golgo schien genug zu haben. Seine Flügelschläge kamen unregelmäßig, sein Atem wurde schwerer, doch trug er sie weiter. Immer weiter nach Westen.

Hin und wieder strich Vala ihm über den muskulösen Hals und redete ihm gut zu. Ihre Hände waren steif, trotz der Fellhandschuhe und sie spürte ihr Gesicht nicht mehr, der eisige Wind hatte alle Wärme aus ihrem Körper vertrieben.

Da konnte auch die Eiswurzelsalbe nicht mehr helfen.

Lautlos glitten sie über die Berge, lila Wolken zogen sich über den blau und orange leuchtenden Himmel.

Als der Gipfel des Reth endlich in Sicht kam, flogen sie eine weite Linkskurve und gingen tiefer. Die Luft war nun nicht mehr ganz so beißend.

Erleichterung überkam Vala, als der Tempel von Radra sich in der Ferne abzeichnete. Sie musste Golgo nicht zum Sinkflug drängen, der Sachu wollte genauso nach Hause wie sie und merkte, dass die Heimat rief.

Die gläserne Kuppel des Hauptgebäudes leuchtete im Morgenrot, der schwarze Turm zeichnete sich an der Felswand zur Linken ab, während die Gärten und Wohnanlage noch in tiefem Schatten der Berge versanken. Es gab kaum Schnee, nicht viel mehr als Frost, aber der Tempel lag auch relativ niedrig. Von der Hochebene von Mara-dei aus brauchte man ungefähr zwei Stunden für den Aufstieg, zu Pferd gut die Hälfte, je nach Witterung.

Golgo setzte zur Landung an und wenige Sekunden später kam er holprig auf dem großen Vorplatz des Tempels zum Stehen.

Vala sprang vom Rücken der Flugechse und unterdrückte einen Aufschrei, als Schmerz durch ihre durchgefrorenen Füße fuhr. Die Stiefel aus Drachenleder, die ihr bis übers Knie reichten, hatten offensichtlich vor der Kälte kapituliert.

„Verdammte Scheiße!“, fluchte sie und versuchte durch Ausschütteln wieder Leben in ihre Glieder zu bekommen.

Das Einzige was sie jetzt wollte, war ein heißes Bad und dann ins Bett. Bei dem Gedanken wurde ihr ganz schwindlig. Die Müdigkeit machte es ihr schwer auch nur die Augen offen zu halten.

Zuerst musste sie sich allerdings um Golgo kümmern. Der treue Sachu hatte jedes Lob verdient.

Mit seiner 1,80m Schulterhöhe war ein eher kleineres Exemplar seiner Gattung, maß nur etwa fünf Meter in der Länge, mit Schwanz, doch dafür war er extrem wendig und konnte bei so gut wie jedem Wetter sicher fliegen. Außerdem war er ihr seit Jahren ein guter Freund.

Mit steifen Händen nahm Vala ihm das wenige Gepäck, den Sattel und den Halsriemen ab. Sofort schüttelte er sich ausgiebig.

Sie untersuchte die Membranen der Flügel auf Risse und tastete die Beine und Pranken ab. Sein glattes Schuppenkleid und das Gefieder an Brust und Bauch schimmerte, als er den langen Hals hob und die Nüstern blähte, um den vertrauten Geruch der Umgebung aufzunehmen.

Genau wie sie schien er froh endlich wieder zu Hause zu sein.

Vala ganzer Körper tat weh, während sie nach rechts zu der Kleineren der zwei Türme ging, wo die Drachen und Sachus des Tempels untergebracht waren. Golgo hätte auch durch die Öffnung in der Decke hineinfliegen können, doch er wusste genau, dass er noch eine Belohnung zu erwarten hatte und folgte ihr deswegen auf den Schritt. Der Kies knirschte unter ihren Schritten. Es war das einzige Geräusch an diesem Morgen. Der Rest der Ordensmitglieder schlief wohl noch.

Vala stemmte die schwere Eisentür des Turms auf und trat nach drinnen. Der Geruch von verrottendem Fleisch und verbranntem Stein stieg ihr in die Nase. Das dämmrige Morgenlicht drang noch nicht bis auf den Grund. Der Boden war mit Abwasserrinnen durchzogen, die den Regen unterirdisch nach draußen leiteten. Ein ständiges leises Plätschern und Tropfen. Die Höhlen in den Wänden erstreckten sich von drei Metern Höhe bis direkt unter die offene Decke und wirkten wie schwarze Fenster ins Nichts, bis auf die manchmal aufleuchtenden Augen der Bewohner.

Hin und wieder regte sich etwas in der Dunkelheit, Krallen kratzten über Stein.

Golgo stupste sie ungeduldig an, was Vala beinahe umwarf.

„Ist ja gut!“. Sie betrat einen kleinen Nebenraum, in dem sie Zaum, Pflegemittel und Futter aufbewahrten und nahm zwei tote Kaninchen von einem Haken an der Wand.

Hätte er durch die Tür gepasst, wäre Golgo ihr gefolgt, doch so stand er nur da und streckte den schlanken Hals. Vala drängte sich an ihm vorbei und schloss den Raum ab, bevor sie Golgo sein wohl verdientes Frühstück gab. Gierig schlang er die Kaninchen mit seinem messerscharfen Gebiss herunter, während sie ihm noch einmal den Hals tätschelte.

Über ihr wurde Grummeln und Knurren laut. Aus den Nischen in den Wänden reckten sich gehörnte Drachenköpfe und im Dämmerlicht glänzte die Haut von Sachus.

Doch sie alle kannten die Regel, dass Futterneid nicht geduldet wurde, genauso wenig wie Feuerspeien Im Turm, auch wenn sich da nicht immer alle daran hielten, was die verkohlten Stellen der Wände bezeugen konnten. Es hing immer etwas Futter in Netzen an den Wänden, doch die meisten jagten ihre Nahrung selbst. Nur Belohnungen wurden an speziellen Anlässen vergeben.

Golgo stupste sie noch einmal sanft an und als er feststellte, dass ihre Hände leer waren, schwang er sich geschickt hinauf in seine Höhle und verschwand im Dunkeln, um sich auszuruhen.

Genau das Gleiche würde Vala jetzt auch tun. Kurz sah sie sich noch einmal um. Es schien alles beim Rechten zu sein. Die meisten tag-aktiven Drachen und Sachus schliefen noch, hin und wieder kam ein langes Gähnen und der Atem der Tiere bildete Dampfwölkchen in der kalten Luft. Gelbe Augen folgten ihr, als sie den Turm verließ. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte und sich umdrehte, fuhr sie erschrocken zusammen. 
Helen, Vival-Großmeisterin und Anführerin des Radra Ordens, stand nur wenige Meter entfernt auf dem breiten Kiesweg, sie hatte die Hände hinter dem Rücken gefaltet und schien auf sie zu warten.

Die Frau wusste auch irgendwie Alles.

„Großmeisterin“, brachte Vala hervor und verneigte sich kurz, nachdem sie bei ihr angelangt war.

Helen trug einen langen dunkelbraunen Umhang mit dem Zeichen der Vival. Fünf Kreise, selbst in einem Kreis angeordnet, mit ihrem individuellen Zeichen der Eiche in der Mitte und aufgrund ihrer Stellung in goldener Farbe; darunter ein schwarzes Kleid, ihre blonden Haare sorgsam geflochten und ihre blauen Augen wachsam funkelnd. Einschüchternd wie immer.

„Guten Morgen, Valayat“, begrüßte Helen sie und nickte ihr zu. Sie war eine der wenigen, die sie stets bei ihrem vollen Namen nannten. Für die Meisten war sie schlichtweg Vala.

„Ich habe auf euch gewartet“

Das war ihr klar. Über den Grund dafür wollte sie lieber nicht nachdenken.

„Geht ein Stück mit mir“, sagte sie und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und schritt den Weg Richtung Gärten entlang. Vala konnte sich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten, doch protestierte sie nicht. Der Großmeisterin wurde nicht widersprochen.

Für eine Weile gingen sie nur schweigend nebeneinander her.

Die Sonne hatte sich mittlerweile zwischen zwei Berge geschoben und tauchte den Tempel in einen unwirklichen, goldenen Glanz. Die Gärten lagen friedlich vor ihnen, buntes Laub breitete sich wie ein Flickenteppich über die Wiesen und Wege, von funkelndem Frost überzogen, Brunnen plätscherten leise vor sich hin, irgendwo in der Ferne sang ein einsamer Vogel.

Die Großmeisterin hatte noch immer nichts gesagt. Vala überlegte, was so wichtig war, dass es nicht bis Mittag warten konnte und der Gedanke ließ sie frösteln.

„Wie war die Reise?“, fragte Helen schließlich.

„Anstrengend. Aber die Anomalie in Traak ist jetzt behoben.“

Es gehörte zur Routine der Vival, Anomalien zu beheben und das Gleichgewicht wieder herzustellen. Manchmal führten ihre Reisen sie weit hinfort, in fremde Länder und Städte. In ihrer Zeit hatte Vala schon fast jeden Ort dieser Welt gesehen und dabei war sie erst etwas über zweihundertfünfzig Jahre alt.

„Irgendwelche abnormale Vorkommnisse?“, fragte die Großmeistern weiter. Misstrauisch beobachtete Vala sie von der Seite. Derlei Fragen waren äußerst untypisch für sie.

„Nein, Alles normal“, antwortete sie und Helen nickte nur.

Schweigend gingen sie weiter, bis sie schließlich am Rande des Gartens stehen blieben, wo der Berg steil abfiel und zu einem gähnenden Abgrund wurde. Schnee hatte sich in den Felsspalten abgelagert, nur hier und da lugte der graue Fels dazwischen hervor.

Der Himmel glühte in orange und rot, als stünde er in Flammen. Vala spürte die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht und für eine Weile betrachteten sie einfach die Schönheit der Natur, bevor Helen weitersprach.

„Etwas ist nicht in Ordnung, irgendwas wird bald passieren“, sie klang tief beunruhigt, was Vala sofort in Angst versetzte.

Wenn die Großmeisterin sich Sorgen machte, gab es Grund zur Panik.

„Was wird passieren?“, fragte sie so ruhig wie möglich.

„Ich weiß es nicht. Aber es ist nichts Gutes“, sie wandte sich Vala zu. Ihre blauen Augen schienen aufgewühlt. „Es ist so ein Gefühl. Die Shertan sind in Aufruhr. Irgendetwas kommt da und ich befürchte, dass wir nicht dafür gewappnet sind.“

Vala schluckte, die Großmeisterin wandte sich wieder der Aussicht zu.

In dem Moment schien Helen schrecklich müde. Obwohl sie aussah als wäre sie erst Ende dreißig, hatte Vala zum ersten Mal das Gefühl, dass sie es mit einer alten Frau zu tun hatte.

Und das war sie auch. Seit über neunhundert Jahren führte sie diesen Orden bereits und jeder hier vertraute ihr bedingungslos.

„Vieles wird sich verändert“, sagte sie nun, „und wenn es soweit ist, müsst ihr bereit sein. Ich muss auf euch zählen können. Eines Tages werdet ihr große Verantwortung tragen“.

Vala unterdrückte ein Lachen. Sie und Verantwortung. Das hatte bisher eine äußerst schlechte Kombination ergeben.

„Ich glaube, das wäre keine so gute Idee“, sagte sie nur und senkte den Blick. Mit einem Lächeln auf den Lippen sah Helen sie an.

„Es gibt einen Grund, warum die Shertan euch die Kräfte verliehen haben, die ihr besitzt. Vertraut auf ihr Urteil und nehmt die Dinge, wie sie kommen und vielleicht werdet ihr eines Tages Alles verstehen“, sagte sie und Vala wünschte sich, sie würde wissen, was ihre Worte bedeuteten. Am Ende nickte sie nur zur Antwort. 
„Gut. Ich denke ihr solltet euch dann jetzt etwas ausruhen. Morgen wird ein langer Tag“.

„Warum?“, kurz fragte sich Vala, ob ihr irgendwas entfallen war. Großversammlungen waren zwar anstrengend, aber kein besonderes Ereignis.“ Helen lächelte nur melancholisch, wandte sich um und schritt in Richtung Hauptgebäude davon. Vala blieb verwirrt und nachdenklich zurück.

Tief in Gedanken versunken machte sie sich auf den Weg zum Badehaus und sah dabei die ganze Zeit auf den Boden vor ihr. Sie dachte noch einmal über alles Gesagte nach, konnte sich aber immer noch keinen Reim darauf machen. Was hatte das Alles zu bedeuten?

Sie erreichte das runde Gebäude mit der Drachenstatue auf dem Dach und trat leise nach drinnen. Es war angenehm warm. Der Boden bestand aus weißem Marmor, die Wände und Decken waren reich mit Malereien verziert, welche die Geschichte des Radra Ordens erzählten, die fast dreitausend Jahre zurückreichte.

Es gab einen Raum für heilige Rituale, ein Schwitzhaus, einige kleine Becken, die man je nach Bedarf mit heißem oder kaltem Wasser füllte und einen Raum, in dem man sich ausruhen konnte.

Im Winter kamen viele der Ordensschwestern und Brüder hierher, doch so früh am Morgen war Vala allein. 
Sie entledigte sich ihrer ziemlich verdreckten Kleidung, die sie in ein Fach in der Wand stopfte und ging zu einem der kleinen Becken. Sie erwärmte den großen Kessel im Heizraum und setzte sich auf eine kleine Bank, während sie wartete.

So an die Wand gelehnt schlief Vala beinahe ein. Sie konnte spüren wie ihre geschundenen Muskeln schmerzten und eine Gänsehaut kroch über ihren Körper vor lauter innerer Kälte. Einige Minuten später ließ sie dann langsam das Becken volllaufen. Das gleichmäßige Plätschern hallte zwischen den hohen Wänden wieder.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stieg Vala ins Wasser und sank bis zum Hals hinein. Ein Seufzer der Erleichterung entwich ihren Lippen. Die aufgeriebene Haut an Füßen und Oberschenkeln brannte schmerzhaft, doch auch das verging. 
Mit geschlossenen Augen genoss sie die Wärme, die sie erst von außen, dann auch von innen erfüllte. Ihre schwarzen Locken umspielten ihre Schultern, wie Samt.

Sie ließ die letzten Tage noch einmal vor ihrem inneren Auge ablaufen. Der Flug nach Orvid, wo sie half ein abgebranntes Dorf neu zu errichten, dann weiter nach Traak, um das gemeldete Paradox zu beheben, ein weiterer Tag zum überprüfen einer anderen Meldung, die sich allerdings als falsch herausstellte.

Anomalien waren nicht sichtbar, sie spiegelten sich nur in ihrer Umgebung wieder. Da sie den Kreis störten, verhinderten sie neues Leben, was zu ausgestorbenen Regionen, Missernten und Totgeburten führte. Die Menschen waren allerdings oft sehr voreilig mit ihren Meldungen. Wenn irgendetwas Mal nicht so lief, wie sie es gern hätten, suchten sie die Schuld nicht bei sich, sondern wälzten sie auf Anomalien ab.

Als eine der Vival war es Valas Pflicht allen Spuren nachzugehen, was sie manchmal unheimlich nervte, aber das war nun mal ihr Job.

Mindestens eine Stunde dümpelte sie im heißen Wasser vor sich hin, bis sie endlich die Kraft fand hinauszusteigen und das auch nur, weil ein gemütliches Bett auf sie wartete.

Sie trocknete sich mit einem der Tücher ab, die an jeder Ecke lagen, zog sich rasch ein paar ihrer Kleider an und ließ das Wasser abfließen. Als sie nach draußen trat, traf sie der kalte Wind wie ein Faustschlag. Die Sonne war mittlerweile über die Berggipfel gestiegen, viele ihrer Brüder und Schwestern gingen bereits ihren Tätigkeiten nach, manche winkten ihr zu, als sie sie erkannten, doch Vala beachtete sie nicht. Sie beeilte sich hinüber zur Wohnanlage zu kommen, ein L-förmiges, einstöckiges Gebäude, in schlichtem Weiß. Leise öffnete sie die Eingangstür, hoffte, dass niemand sie bemerkte. Sie hatte jetzt keine Kraft mehr für Fragen oder Willkommensgrüße, wobei die meisten ihrer Kameraden sie sowieso wenig leiden konnten und deswegen keinerlei Interesse an ihren Angelegenheiten vorheuchelten. Sollte ihr recht sein.

Helles Licht fiel durch die Fenster, tauchte den Flur in ein mystisches Leuchten.

Sie schlich ans Ende des Ganges, betrat ihr Zimmer und schloss die Tür. Es war sehr spartanisch eingerichtet. Ein Bett, auf dem verschiedene Felle ausgebreitet waren, ein Tisch voller Papierkram, ein großer Schrank, in dem sie all ihre Klamotten und den ganzen anderen Ramsch aufbewahrte. 
Die Müdigkeit übermannte sie mit solcher Wucht das sie es gerade noch schaffte ihre Stiefel auszuziehen, bevor sie auch schon aufs Bett fiel und sich unter den Fellen zusammenrollte.

Nach wenigen Sekunden schlief sie bereits ein.

Kapitel 2 - Umbrüche

Kurz nach Mittag riss der Klang des Gongs Vala aus dem Schlaf. Es handelte sich um eine riesige Metallscheibe im Innenhof, die bei besonderen Anlässen angeschlagen wurde, um alle Ordensmitglieder schnellstmöglich zu benachrichtigen. Vala horchte auf.

Der Schlag verklang, es folgte ein Zweiter, dann ein Dritter.

Als der Gong zum vierten Mal ertönte, riss sie die Augen auf.

„Was zum...?“, sie sprang auf. Vier Schläge bedeuteten Notversammlung! In ihren zweihundertsechsundfünfzig Jahren hatte sie das nur einmal erlebt, damals waren sie von einer Horde Fanatikern angegriffen worden, die meinten, die Vival für all ihre Probleme verantwortlich machen zu müssen.

Doch jetzt konnte es sich nicht um die reguläre Großversammlung handeln, denn diese war erst für den späten Nachmittag geplant.

Ihre Müdigkeit war sofort vergessen.

Irgendwie hatte Vala ein ganz mieses Gefühl und wurde den Gedanken nicht los, dass es irgendetwas mit dem zu tun hatte, was die Großmeisterin am Morgen gesagt hatte.

Mit klopfendem Herzen zog Vala sich an, schlüpfte in ihre Stiefel und streifte sich ihren gefütterten Drachenledermantel über, kämmte kurz ihre Haare durch.

Mit schnellem Schritt verließ sie die Wohnanlage und lief Richtung Hauptgebäude. Auch die anderen Mitglieder des Ordens waren auf dem Weg dorthin. Aus allen Richtungen kamen sie, jeder mit dem gleichen erschrockenen, besorgten Ausdruck im Gesicht. Manche unterhielten sich erregt und spekulierten, was wohl geschehen war. Darüber wollte Vala lieber nicht nachdenken.

Sie durchquerte die Säulenhalle, die zu den Seiten hin offen war, die ganzen Stimmen und Schritte schwollen in ihrem Kopf zu unangenehmem Lärm an, der sie noch aufgeregter machte. Ein wirres Durcheinander an Spekulationen und Theorien, eine alarmierender, als die Andere.

Am Ende der Halle lief sie durch die geöffnete Doppeltür und die Haupttreppe nach oben zum Versammlungsraum.

Ein langer rechteckiger Tisch stand in der Mitte, viele Stühle waren bereits besetzt. Über ihren Köpfen erhob sich eine riesige Kuppel aus Glas, durch die das Sonnenlicht herein flutete. Unruhig setzte sich Vala auf ihren Platz.

Während die Letzten eintraten und der Raum sich füllte, beobachtete sie krampfhaft das rechte Kopfende des Tisches, wo Helen immer saß. Sie kam nicht.

Das ungute Gefühl wurde jetzt so stark, dass es schon an Bauchweh grenzte.

Normalerweise umfasste der Orden von Radra momentan dreiundvierzig Mitglieder, doch waren so gut wie nie Alle auf der Tempelanlage, sondern irgendwo in der Welt unterwegs, um sich um alle Arten von Aufträgen zu kümmern.

Vala saß nahe am unteren Ende des Tisches, da sie nur den 2. Meistergrad besaß, näher am Kopfende saßen die Meister 1. Grades, Hochmeister und eventuelle Großmeister. Weiter unten gab es nur noch Meister 3. Grades und einfache Ordensschwestern und Brüder, die erst neu und noch unerfahren dem Orden beigetreten waren.

Endlich hatten alle Platz genommen, jeder an seinem angestammten Platz.

Es gab zwar keine offizielle Hierarchie, doch wusste jeder, wer über, beziehungsweise unter einem stand und alle hielten sich an diese unausgesprochene Hackordnung. Zum Teil trennten die einzelnen Mitglieder schließlich mehrere Jahrhunderte.
Die vorherrschende Anspannung schien die Luft im Raum zum Vibrieren zu bringen.

Nach einigen Sekunden des Schweigens stand Alexa auf, stellvertretende Großmeisterin. Sie war blass, wie der Neuschnee auf den Bergen, ihre Lippen bebten.

„Danke, dass ihr alle gekommen seid“, sagte sie und wäre es nicht so totenstill gewesen, hätte man sie nicht verstanden.

„Ich muss euch zu meinem tiefsten Bedauern mitteilen, dass Helen, unsere Großmeisterin, den Orden verlassen hat“.

Es schien als schnappten alle gleichzeitig nach Luft. Bestürzung machte die Runde. Vala schloss für einen kurzen Moment die Augen. Sie hatte etwas in der Richtung geahnt, doch es zu hören traf sie, wie ein Schlag ins Gesicht.

Alexa rang sichtlich um Fassung, bevor sie weitersprach.

„Vor einer halben Stunde betrat ich die Räume der Großmeisterin und fand dieses Pergament“, sie hielt das Schriftstück hoch, „an uns alle adressiert“.

Sie atmete einmal tief durch, dann begann sie laut zu lesen.

„Meine lieben Brüder und Schwestern, es schmerzt mich euch zu verlassen, doch gibt es wichtige Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muss. Ich weiß nicht, ob ich zurückkommen werde, wartet nicht auf mich. Es war mir eine Ehre und ein Privileg, diesen Orden so lange zu führen und ich bedanke mich für euer Vertrauen. Schwere Zeiten stehen bevor, vieles wird sich verändern. Es ist wichtig, dass ihr zusammenhaltet. Als meine letzte Entscheidung als Großmeisterin, mache ich von meinem Recht auf Direktwahl gebrauch und ernenne Valayat zu meiner Nachfolgerin. Möge sie euch gut leiten und die Shertan euch beschützen“.

Totenstille. Vala sank in sich zusammen. Das musste ein Scherz sein. Ein sehr grausamer, sehr schlechter Scherz.

Sie konnte keine Großmeisterin sein! Sie war viel zu jung und überhaupt machte das überhaupt keinen Sinn.

Normalerweise übernahm der Stellvertreter den Posten, in diesem Fall Alexa, außer es wurde ausdrücklich jemand anderes genannt.

Vala merkte, dass sich alle Blicke auf sie gerichtet hatten und machte sich noch kleiner.

„Nehmt ihr diese Stellung, mit all ihren Pflichten an?“, fragte Alexa, ihr Blick war hart wie Stein und schrie sie an bloß nicht ja zu sagen.

Am liebsten hätte Vala lauthals nein gerufen und wollte gerade ablehnen, als sie sich an Helens Worte erinnerte.

Ich muss auf euch zählen können.

Sie war wie eine Mutter für sie gewesen, immer da, immer ein Fels in der Brandung. Sie hatte ihr das Leben gerettet.

Vala war es ihr schuldig und gegen jedliche Vernunft nahm sie die Wahl mit einem Nicken an.

„Dann soll es so sein“. Alexa setzte sich wieder, so steif als hätte ihr jemand ein Brett auf den Rücken gebunden.

„Ich werde alle nicht anwesenden Mitglieder benachrichtigen, damit sie zur Zeremonie erscheinen. Das wird ungefähr zwei Wochen dauern“

Noch immer blieb es still, vermutlich sollte Vala als neues Oberhaupt jetzt etwas sagen. Sie richtete sich auf, nahm Haltung an. Ihr Mund war so trocken, als hätte sie eine Hand voll Staub geschluckt.

„Ich kann Helen nicht ersetzten, aber ich werde mein Bestes geben“. Zu mehr war sie im Augenblick nicht in der Lage.

Während sie so selbstbewusst wie möglich aufstand, streiften ihre Augen Dean, der auf der anderen Seite des Tisches saß. Er war ihr bester Freund hier im Orden und schenkte ihr auch jetzt ein kleines, aufmunterndes Lächeln. Wenigstens er war auf ihrer Seite, was sie von den Anderen nicht gerade behaupten konnte. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich Alles von Unglauben, über Entsetzen bis hin zu Wut.

Ihre Blicke bohrten sich Vala in den Rücken, während sie mit schnellen Schritten zum Ausgang hastete und sie sich zwingen musste, nicht loszurennen.

Sie hatte die Tür noch nicht ganz hinter sich geschlossen, als auch schon wilder Tumult losbrach, alle redeten durcheinander, diskutierten, riefen empört dazwischen.

Vala achtete nicht darauf, ging schleunigst die Haupttreppe hinunter und bog nach rechts in einen kurzen Gang ein.

Am Ende befanden sich die Räume, in denen die Großmeisterin ursprünglich residierte. Es fühlte sich komisch an, ohne Anklopfen einzutreten.

Vor ihr erstreckte sich das vertraute Bild des Studierzimmers. Die Sonne, die durch die kleine Glaskuppel hereinfiel ließ die Staubpartikel glitzern und blinken. Da war der aufgeräumte Schreibtisch mit den Kerzenleuchtern, die hohe Bücherwand voller Bände über entfernte Länder, das mit Ziegenfell bedeckte Sofa, der Kamin, in dem noch etwas Glut glomm...

Alles schien so schrecklich normal.

Doch das war es nicht.

Helen war fort. Die Frau, die Vala aus dem tiefen Abgrund ihrer Seele gerettet und über Jahrzehnte hinweg so viel gelehrt hatte, war fort.

Erst jetzt sickerte die überwältigende Erkenntnis zu ihr durch.

Ihr erstes Gefühl war Wut. Warum war sie gegangen? Warum jetzt? Das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein breitete sich schmerzhaft in ihr aus.
Schreiend packte sie eine Vase mit Wildblumen, die auf dem Schreibtisch stand und schleuderte sie durch den Raum. Krachend zersplitterte sie an der Wand.

Rasend begann sie, die Bücher aus dem Regal zu reißen, fegte Sachen vom Schreibtisch, zerstörte Alles, was sie in die Finger bekam.

Sie kreischte wirres Zeug und Flüche vor sich hin, bis ihre Stimme versagte.

Nach ein paar Minuten stand sie schwer atmend und zitternd im Raum. Und dann kamen die Tränen. Kraftlos sackte Vala in dem Chaos zusammen und weinte und weinte, sie konnte gar nicht mehr aufhören.

Sie wusste nicht, wie lange sie so dasaß, bis sie sich wieder fing. Jetzt wo Alles raus war fühlte sie sich leer und ausgebrannt, als hätten die Tränen jegliches Gefühl aus ihr heruausgeschwemmt. Sie stand auf und begann die wenigen Schränke durchzusehen, bis sie fand, was sie suchte.

Mit einer Karaffe Wein in der Hand ließ sie sich wieder auf den Boden neben dem Kamin sinken. Mit einer Hand strich sie über den alten, roten Teppich.

Während sie in tiefen Zügen trank, nahm sie immer mal wieder einen Schnipsel der zerrissenen Bücher auf und warf sie ins Feuer, sah zu, wie er kurz brannte und zu Asche zerfiel.

Langsam wurde ihr angenehm warm und schummrig, als der Wein seine Wirkung entfaltete. Noch dazu schmeckte er nicht mal schlecht und Vala musste tatsächlich lächeln, als sie an Helen dachte, die zwar überaus bescheiden gewesen war, doch billigen Fusel überhaupt nicht ausstehen konnte.

Wo sie jetzt wohl war? Ob sie überhaupt noch lebte? Ihr Lächeln verschwand wieder und sie fragte sich einmal mehr, was bei den Shertan hier vor sich ging. Nichts hiervon machte irgendeinen Sinn.

Vala trieb in Nostalgie, während sie die Schatten beobachtete, die langsam über den Teppich vor ihr krochen.

Ihre Gedanken schweiften ab zu weit entfernten Orten und Zeiten, Zukunft und Vergangenheit, Alles und Nichts, die Welt schien festgefroren zwischen zwei Momenten, in denen sie dort auf dem Boden saß, weit weg von Allem, weit weg von der schmerzhaften Realität.
Ein Klopfen riss sie plötzlich aus ihrer Gedankenwelt. 
Sie antwortete nicht und nach einer Weile ging die Tür schließlich langsam auf.

Alexa betrat den Raum und schloss die Tür hinter sich. 
Ihr Blick fiel auf Vala, die mit der Weinkaraffe in der Hand auf dem Boden saß, dann schweiften ihre Augen über das Chaos im Raum.

„Was ist hier denn passiert?“

Vala antwortete immer noch nicht. Sie hatte keinerlei Ambitionen sich jetzt mit der beleidigten Stellvertreterin auseinanderzusetzen und wünschte sich insgeheim, sie würde einfach verschwinden.

Doch Alexa verschränkte nur die Arme und betrachtete sie trotzig.

„Das ist echt erbärmlich“, kommentierte sie schließlich und lächelte amüsiert.

Seit Vala vor ein paar Jahrzehnten das ein ums andere Mal mit ihr im Bett gelandet war, die Sache aber dann schlichtweg beendet hatte, begegnete Alexa ihr mit abgrundtiefem Hass. Aber das scherte Vala wenig. Damals war sie einfach einsam gewesen und hatte jemanden gebraucht, um die Leere zu füllen, nichts weiter, aber Alexa schien das offenbar anders zu sehen. Auf jeden Fall hatte sie ihr bis heute nicht vergeben, dass Vala sie einfach so hatte links liegen lassen.

Beziehungen zwischen Vival waren nichts Ungewöhnliches, aber selten ergab sich daraus irgendetwas Langlebiges. Über die Jahre verbrachte man einfach zu viel Zeit zusammen und lebte sich schließlich auseinander.

„Ich muss dir nicht sagen, dass keiner hier dich für diesen Posten geeignet hält. Du hast nicht die Erfahrung und wenn du mich fragst, hast du deine alten Gewohnheiten längst nicht abgelegt. Du bist zu bitter und hasserfüllt“.

Vala lachte sarkastisch auf. Da war Alexa ja genau die Richtige, um dieses Argument zu bringen.

„Erstens ich habe dich nicht gefragt und zweitens, wie konnte Helen nur auf die Idee kommen eine bittere und hasserfüllte Seele wie mich dir vorzuziehen, wo du doch ein Musterbeispiel an Reinheit und Selbstaufopferung bist“, gab sie abfällig zurück und sah sie feixend an.

Wut blitze in Alexas Augen auf.

„Jetzt hör mir mal zu! Ich werde nicht zusehen, wie du Helens Erbe mit Füßen trittst. Du hättest die Wahl nicht annehmen müssen, aber du hast es getan und ich hoffe du hast einen verdammt guten Grund dafür. Wenn nicht, wirst du schneller untergehen als die Sonne im Winter, das verspreche ich dir!“

Vala hob eine Augenbraue und sah auf in das von Wut verzerrte Gesicht ihrer Ordensschwester. .

„Redet ihr etwa so mit eurer neuen Großmeisterin?“, fragte sie und verzog die Lippen zu einem Grinsen, doch lag keinerlei Freude darin.

„Wenn ich wollte, könnte ich euch für eure Respektlosigkeit bestrafen lassen“.

Erst schien Alexa völlig vor den Kopf gestoßen, doch dann zeigte sie ein gemeines Lächeln.
„Noch bist du keine Großmeisterin. Nicht bevor die Shertan dich anerkennen und du die Prüfung bestehst. Aber die zwei fehlenden Meistergrade wirst du bis dahin natürlich sicher beherrschen“, sagte sie süffisant, drehte sich um und schloss die Tür mit einem Knall hinter sich.

Vala seufzte tief. Leider hatte Alexa Recht.

„Ihr habt mich hier ganz schön in die Scheiße geritten, Helen...“

Wie sollte sie das bloß schaffen? Die meisten arbeiteten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, auf diese Prüfungen hin, nicht zwei Wochen.

Vala trank noch ein paar Züge Wein und legte sich dann in der Mitte des Raumes auf den Rücken. Sie spürte den weichen Teppich unter sich, während sie hinauf sah durch die gläserne Kuppel. Ein paar Wolken zogen am blauen Himmel vorüber.

Eine lange Weile lag sie einfach nur da und dachte nach.

Sie verspürte den großen Drang, einfach Alles hinzuschmeißen.

Sie wollte sich verkriechen in ihrer Dunkelheit und dem Hass, die Vergangenheit rief nach ihr stärker denn je, alte Erinnerungen kamen hoch, von denen sie dachte, sie längst vergessen zu haben.

Doch Vala würde sich jetzt nicht mit ihren Dämonen auseinandersetzen. Das hatte Zeit. Im Moment musste sie andere Angelegenheiten regeln, also schob sie die Gefühle in eine dunkle Ecke und sperrte sie dort weg.

Es dämmerte bereits, als Vala aufstand und leicht schwankend hinüber ins Schlafzimmer ging. An den Türrahmen gelehnt blickte sie durch den Raum. Sie war noch nie hier drin gewesen. Es gab ein großes Bett, ein paar Schränke, nichts Außergewöhnliches bis auf den kleinen Schrein, der links an der Wand stand. Einige Kerzen standen darauf, Edelsteine aller Art waren in Kreisen angeordnet und das heilige Buch der Shertan lag in der Mitte.

Vala konnte sich gut vorstellen, wie Helen des Nachts davorsaß und meditierte, um mit den hohen Geistern in Kontakt zu treten.

Plötzlich hielt Vala inne. Da war so ein Gefühl, dass sie irgendetwas übersah. Langsam trat sie näher an den kleinen Altar und kniete davor nieder. Auf den ersten Blick schien Alles normal. Vorsichtig, als wäre es zerbrechlich, nahm Vala das Buch der hohen Geister und legte es auf ihre Knie. Einem Impuls folgend, der nicht von ihr selbst zu kommen schien, schlug sie den Deckel auf. Ein Umschlag fiel heraus. Ihr Name stand darauf, geschrieben in Helens fein säuberlicher Handschrift. Mit zittrigen Händen nahm sie ihn auf, legte das Buch genauso vorsichtig zurück und setze sich mit dem Brief aufs Bett. Eine ganze Weile lang starrte sie ihn nur an.

Irgendwann öffnete sie ihn doch, entfaltete das dünne Papier und begann zu lesen.

Liebe Valayat,

ich entschuldige mich dafür, euch so kurzfristig verlassen zu haben, doch ich habe meine Gründe. Ich kann euch meinen Aufenthaltsort nicht nennen und ihr werdet nicht nach mir suchen. Konzentriert euch auf eure Aufgaben, das ist jetzt wichtig. Die Shertan haben mir einige sehr beunruhigende Bilder gezeigt, die mein sofortiges Handeln erfordern.

Ich musste sichergehen, dass die richtige Person meine Nachfolge antritt.

Hätte ich einen Großmeister gesucht, dann wäret ihr sicher nicht meine erste Wahl gewesen, aber ich denke das wisst ihr.

Doch bei dem was bevorsteht, braucht dieser Orden keinen besonnen Anführer, sondern jemanden, der Erfahrung mit der Grausamkeit hat, zu der die Menschen fähig sein können, jemanden, der bereit ist, die Grenze zu überschreiten und zu tun, was getan werden muss, ohne Rücksicht auf Verluste.

Eure Taten in der Vergangenheit beweisen, dass ihr dazu in der Lage seid und ich befürchte, dass es schon bald darauf ankommen wird.

Ich wünschte, ich könnte euch sagen, womit ihr es zu tun bekommen werdet, doch kann ich nicht offen sprechen, auch bin ich mir nicht sicher.

Ihr müsst selbst nach den Antworten suchen.

Es gibt Dinge dort draußen, die wir weder sehen noch verstehen können, Dinge ohne Namen. Seid wachsam.

Und mögen die Shertan euch schützen.

Post Script: Schaut nach Osten, haltet Ausschau nach der schwarzen Sonne

Vala saß regungslos da, während sie versuchte, Helens Worte zu begreifen. Sie war also gegangen, weil sie sich unbedingt alleine um diese neue Bedrohung, was auch immer sie war, kümmern musste? Sie schrieb es nicht ausdrücklich, doch es schien offensichtlich.

Vala spürte so etwas wie Erleichterung, gefolgt von einer leisen Enttäuschung. Natürlich hätte Helen sie unter normalen Umständen nie als Nachfolgerin gewählt.

Doch im nächsten Moment schluckte sie ihren Stolz auch schon hinunter, als ihr klar wurde, worum es in dem Brief eigentlich ging.

Was war diese Bedrohung, dass Helen sie bat, all die Wut und Mordlust zurück an die Oberfläche zu holen? So waren sie doch Grund, weswegen sie vor fast zweihundert Jahren vom Hochgericht verurteilt worden war.

„Sofortige Tilgung aus dem Kreis mit anschließender Exekution.“

Nur aufgrund des Umstandes, dass sie als Vival eine längere Lebensspanne zur Verfügung hatte, gewährte ihr der Rat ein Urteil auf Ausgleich. Zweihundert Jahre war sie dazu verpflichtet in einem der großen Vival-Orden ihre Schuld zu begleichen. Helen hatte sie aufgenommen, unterstützt und auch allzu oft zurechtgewiesen. 
Erst vor wenigen Jahren hatte sie ihre Altlasten endgültig getilgt und ihr Todesurteil außer Kraft gesetzt. 
Und jetzt erwartete Helen von ihr all das über Bord zu werfen?

Die Schlachten, die sie damals geführt hatte, waren als roter Krieg in die Geschichte eingegangen und nun sollte sich all das wiederholen? Welcher Feind könnte so bedrohlich sein?

Und was sollte dieser letzte Satz bedeuten?

Nach Osten schauen... das Einzige, was es im Osten gab, war Aléhan und der Ozean. Und was sollte die schwarze Sonne bedeuten?

Vala hatte keine Ahnung, was die alte Großmeisterin ihr damit sagen wollte.

Überhaupt wusste sie nicht, was sie von dem ganzen Brief halten sollte, ihre Gefühle waren ein einziges Chaos.
Wenigstens ein Tipp, wie sie bevorstehende Prüfung bestehen sollte, wäre ganz nützlich gewesen. Oder zumindest irgendetwas, das ihr weiterhelfen konnte.

Vala beschloss, sich am nächsten Tag damit zu beschäftigen, jetzt war sie einfach zu müde.

Sie spürte das weiche Bett unter sich, doch irgendwie konnte sie sich nicht dazu überwinden in diesem Raum zu schlafen. Es fühlte sich falsch an. Kurzerhand zog sie auf das Sofa um und ihre Gedanken kreisten noch eine Weile um den seltsamen Brief, bis sie schließlich einschlief.

Kapitel 3 – eine neue Meisterin

Die nächsten zwei Tage waren der blanke Horror. Ihr war schleierhaft, wie Helen das Alles hatte bewältigen können, ohne den Verstand zu verlieren und dabei war Vala erst wenige Tage in ihrem Amt.

Endlose Stapel an Papierkram häuften sich in dem Arbeitszimmer, das nun mehr einer explodierten Bibliothek glich als dem Büro einer Großmeisterin.

Belangloser Finanzkram, Missionsberichte, Konsultationsanfragen, Hilfegesuche, Nachrichten von Großmeistern der anderen Vival-Orden und ein schier endloser Strom an Meldungen über angebliche Anomalien, die einer Überprüfung bedurften.

Aber das Schlimmste daran war, dass es nicht weniger wurde. Die Naraf, etwa hundsgroße Drachen, die zur Nachrichtenübermittlung dienten, landeten fast minütlich im großen Turm und alle paar Stunden kam Schwester Chione mit einem neuen Arm voller Papier herein. Ihr Blick wurde mit jedem Mal mitleidiger.

Würde Dean ihr nicht helfen wenigstens die dringlichsten Angelegenheiten zu erledigen, dann hätte Vala den ganzen Haufen schon längst in Brand gesteckt. Noch mehr als die Arbeit irritierte sie jedoch, dass die ganzen Nachrichten noch immer an Helen adressiert waren, was ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem Brief brachten, den sie ihr hinterlassen hatte.

Selbst nach mehreren Nächten in denen sie wachgelegen und darüber nachgedacht hatte, ergab das Ganze für sie immer noch keinen Sinn.

Seit ihrer Ernennung hatte sie fast keinen Schlaf gefunden und war kaum aus ihren Räumlichkeiten herausgekommen.

Noch dazu musste sie sich dringend auf die bevorstehende Zeremonie vorbereiten.

Mit allen anderen Disziplinen der Vival konnte sie zumindest im Kern etwas anfangen, aber gerade mit den ausgefeilteren Magiekünsten hatte sie sich bisher so gut wie gar nicht beschäftigt.

Vala beherrschte das, was sie bei ihrer Arbeit und im täglichen Leben brauchte, alles andere hatte sie bisher nicht als notwendig erachtet. Die Feinheiten und das Meditieren langweilten sie zu Tode. Jetzt bereute sie es.

Wenn ihre Leistungen bei der Zeremonie nicht überzeugten, würde sie sich bestenfalls bodenlos blamieren, schlimmstenfalls würden die Shertan sie nicht als neue Großmeisterin anerkennen. Allein bei dem Gedanken spürte sie schon Panik in sich aufsteigen.

Mit einem Seufzen nahm Vala den nächsten Brief vom Stapel. Ein Schreiben eines weiteren Provinzherren, der sich beschwerte, dass die Ernten karger als sonst seien, sein Volk immer mehr aufbegehrten und er der Meinung sei, es könne nicht mit rechten Dingen zugehen, sie solle das doch bitte überprüfen lassen. Vala schrie genervt auf.

Wie konnten Menschen nur so jammern?

Dean, der gerade dabei war einen Stapel in wichtig und weniger wichtig zu sortieren, blickte auf.

„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

„Sehe ich so aus, als ob Alles in Ordnung wäre?“

Ihr bester Freund schenkte ihr ein trauriges Lächeln.

„Mach dir keinen Kopf über die Zeremonie, du kriegst das schon hin“.

Manchmal hatte Vala wirklich das Gefühl, Dean könne ihre Gedanken lesen.

„Ja...“, erwiderte sie nur leise und ihr Blick schweifte hinaus durchs Fenster, wo die Sonne gerade in einem Flammenmeer unterging. Sie hatte niemandem von dem Brief erzählt, auch Dean nicht. Irgendwie hatte sie das Gefühl, es wäre besser ihn geheim zu halten. Zumindest bis sie herausgefunden hatte, was er bedeutete.

Nachdem Dean sich für eine Weile verabschiedete, um seinen eigenen Arbeiten nachzugehen, schlief Vala prompt über den Papierstapel ein.

Als ihr Freund sie schließlich wachrüttelte und sie sich verschlafen aufsetzte, präsentierte er ein dickes, ziemlich zerfleddertes Buch.

„Hab ich aus der Bibliothek geholt“.

Vala las den verblichenen Titel.

„Vorbereitung und Prüfungen der Meistergrade“.

„Wir üben jetzt“, beschloss Dean feierlich.

Während Vala sich nun weiter durch Briefe und Gesuche arbeitete, saß Dean auf dem Sofa und warf ihr eine Frage nach der anderen an den Kopf. Damit konnte sie zumindest den theoretischen Teil etwas üben.

„Wann wurde der erste große Orden gegründet?“, gehörte noch zu den Einfacheren, doch manche waren geradezu lächerlich schwer.

„Wie stark muss die Magiekonzentration in einem Doppelten-Netzschild sein, um einem Präzisionsschock zu widerstehen?“.

Gerade Dinge, die sie fast täglich anwandte, ohne dafür zu wissen, wie sie funktionierten, bereiteten ihr Kopfzerbrechen.

Im Durchschnitt beantwortete sie nicht einmal die Hälfte der Fragen richtig.

„Wie alt ist der älteste lebende Baum und wo steht er?“

„Woher soll ich das wissen? Wozu soll man denn sowas brauchen?“, fragte sie verzweifelt.

„Frag mich nicht. Steht so hier drin.“

Er ließ ihr keine Ruhe, bis ihr der Kopf qualmte.

Zwischendurch blätterte Dean durch den praktischen Teil und ließ des Öfteren hörbar die Luft entweichen.

„Hier stehen Sachen drin, von denen ich noch nicht einmal etwas gehört habe, geschweige denn wüsste, wie man sie anwendet.“

Das war nicht hilfreich.

„Hier ist ein ganzes Kapitel über Sichtschilde“, sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr.

Für eine Weile war es bis auf das Rascheln von Papier still. Bis Dean schließlich das ansprach, worauf Vala nur gewartet hatte.

„Weißt du, du brauchst jemanden, der mit dir diesen praktischen Teil trainiert, jemanden, der das auch beherrscht.“

Mit einem Stöhnen richtete sich Vala in ihrem Stuhl auf.

„Die Einzige, die das beherrscht und sich momentan hier auf der Anlage befindet ist Alexa und die werde ich ganz bestimmt nicht um Hilfe bitten“, knurrte Vala ungehalten. Die würde es fertig bringen sie ganz „aus Versehen“ umzubringen.

„Wie du meinst“, erwiderte Dean mit einem Anflug von Anklage in der Stimme.

Kurz brodelte Vala im Stillen vor sich hin, bis sie schließlich nachgab.

„Von mir aus! Ich werde sie fragen. Aber sie sagt sowieso nein“. Sie stand auf, und ließ den etwas verdutzten Dean im Studierzimmer zurück. Sie würde lieber gleich mit Alexa reden, bevor sie es sich anders überlegte, oder irgendeine Ausrede erfand. Schließlich hatte Dean natürlich Recht. Wenn sie sich nicht wenigstens ein Bisschen mit der gehobenen Praxis vertraut machte, brauchte sie gar nicht erst zur Prüfung antreten.

Die Ordensmitglieder, denen sie in den Fluren begegnete, grüßten sie höflich, manche freundlich, andere gezwungen. Durch die Annahme ihres neuen Amtes, hatte sie sich noch einige mehr Feinde geschaffen, als sie ohnehin schon hatte. Nicht dass es ihr groß was ausmachte, das war sie gewöhnt.

Ihre direkte Art und schroffer Sarkasmus eckten bei den Meisten an.

Als stellvertretende Großmeisterin war Alexa die Einzige, die ihre Räumlichkeiten ebenso im Hauptgebäude bezog und nicht bei den anderen drüben in der Wohnanlage.

Sie brauchte nicht lange, bis sie vor ihrer Tür stand, musste dort aber noch mehrere Minuten mit sich kämpfen, bis sie sich endlich überwinden konnte zu klopfen.

„Herein!“, ertönte es von drinnen.

Vala öffnete, trat aber nicht ein, sondern blieb im Türrahmen stehen.

Alexa saß an ihrem Schreibtisch und beschäftigte sich mit irgendwelchen kleinen, schimmernden Gegenständen, die Vala aus der Ferne nicht erkennen konnte.

Als sie aufsah, wirkte sie überrascht.

„Was willst du denn hier?“

Vala musste sich sehr bemühen, die Worte rauszubringen, als bereiteten sie ihr Schmerzen.

„Ich brauche deine Hilfe. Für den praktischen Teil“, sagte sie abgehackt.

Alexa verschränkte die Arme und lächelte triumphierend.