Der Kriminalkutter - Wilhelm Poeck - E-Book

Der Kriminalkutter E-Book

Wilhelm Poeck

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Beschreibung

Da er seinen Vermieter als Karikatur in einem Roman verwendet hat, steht der Autor und Ich-Erzähler der Geschichte auf der Straße. Und zu allem Überfluss droht der Beleidigte auch noch mit einer schwarzen Liste, die unseren Helden von nun an für alle Vermieter zum Paria stempelt. Guter Rat ist teuer. Also schlägt die patente Ehefrau vor, wenn man schon nicht an Land eine Behausung finden könne, müsse halt das Wasser herhalten. Und wenn man, nach ihrer Ansicht, so viel Geld spare mit einem Wohnschiff, dann könne man sich ja nun auch endlich einen Hausdiener leisten. Chaos, Klamotte und Klabautermann! – eine wonnige, kurzweilige Schmunzelnovelle aus dem Hohen Norden. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wilhelm Poeck

Der Kriminalkutter

Eine tolle Seegeschichte

Wilhelm Poeck

Der Kriminalkutter

Eine tolle Seegeschichte

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] 2. Auflage, ISBN 978-3-962810-11-5

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Inhaltsverzeichnis

Der Ent­schluss

Fan­tasi­en im fünf­ten Stock

Sach­ver­stän­di­ger Bei­rat

John­ny Aas­baas

Quä­ker-Oats

Das Fin­ken­wer­der Loch

Die Ein­wei­hung

Die Kri­tik

Auf dem Riff

Miss Ho­neys­na­ke

Hoch klingt das Lied vom bra­ven Mann

Me­juf­frouw Pe­per­bus

Ein al­ter Be­kann­ter tritt auf

Die Nym­phe vom Hol­mei­is­ka­nal

Der Kri­mi­nal­kut­ter

Adel­gun­de

Krischan Boll­mann in Nö­ten

Dan­ke

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Der Entschluss

Ich hat­te Au­di­enz bei mei­nem Haus­wirt. Er hieß Krischan Boll­mann, sah dement­spre­chend aus und trug au­ßer­dem noch Mor­gen­schu­he aus grü­nem Plüsch. Er hat­te mich in sein »Kon­tor« her­un­ter­be­foh­len, und hier spiel­te sich fol­gen­de Un­ter­re­dung ab.

»Büt­te, ’n bü­schen Platz nöhm. Ich hab da in mein Ssei­tung ge­lö­sen, Sü schreim dja­woll Ro­ma­nens. Hrr­ru­u­uppph!«

»Al­ler­dings«, wag­te ich zu be­mer­ken. »Und die Kri­tik sagt –«

»Die Kri­tik? Das ist dja­woll ne Schau­spü­le­rin. So ’ne un­ßütt­li­che Per­son, wie sie auch in den Ro­man vor­komm soll, nech? Dja, die mach das woll ge­fal­len. Aber was die sach, das is mich ganz put­te­gal. Hier in mein’ Haus hab’ ich al­lein was ßu sa­gen. Hrr­ru­u­uppph!«

»Ganz ent­schie­den«, pflich­te­te ich bei. »Da­für sind Sie Haus­be­sit­zer. Ich schrei­be ja auch nur in Ihrem Hau­se.«

»Nein, Sü schrei­ben über mei­nem Hau­se«, sag­te Krischan Boll­mann gif­tig.

»Das ist ja ganz un­mög­lich, Herr Boll­mann«, er­wi­der­te ich er­staunt. »Ich woh­ne doch nicht auf dem Dach, son­dern erst im fünf­ten Stock.«

»Aber nich möhr lan­ge«, fuhr Krischan Boll­mann noch gif­ti­ger fort. »Hür­mit kün­ni­ge üch Sü.«

Ich sprang auf und war ein ein­zi­ges Fra­ge­zei­chen.

»In Ührn dö­si­gen Ro­man, da kömmp auch’n Haus­be­süt­zer in vor. Müt’n dücken Bauch, un ’n Glatz un ’n Ge­sich as ’n Schus­ter­ku­gel, un ’n Köm­nes (Küm­mel­na­se) un – hrr­ru­u­uppph! – Auf­sto­ßen nach dje­des drüt­te Wort, un Mor­gen­schuh aus greu­nen Plüsch. Da habn Sü dja mein Fo­to­gra­fü mit gölü­fert. Un so­was muss ich ßu mein’ Schan­de in mein’ ei­gen’ Ssei­tung lö­sen.«

Ich lä­chel­te – aber ein Lä­cheln des Ban­ke­rot­teurs, der sei­nen letz­ten Kel­ler­wech­sel ein­löst.

»Zei­tun­gen schrei­ben viel«, sag­te ich. »Sie ha­ben den Ro­man selbst nicht ge­le­sen, Herr Boll­mann?«

»Gott soll mür bö­wahrn!« rief mein Haus­wirt. »Hrr­ru­u­uppph!«

»Dann wis­sen Sie na­tür­lich auch nicht, dass der Haus­wirt in mei­nem Ro­man in Wirk­lich­keit einen ganz an­de­ren Bauch und Glat­ze und Ge­sicht und Nase hat, und ganz an­ders auf­stößt als Sie. Ihre Nase kommt ja doch, das ist stadt­kun­dig, nicht vom Küm­mel, son­dern vom Bor­deaux­wein. Und grü­ne Mor­gen­schu­he – wie vie­le Haus­wir­te tra­gen grü­ne Mor­gen­schu­he. Das ein­zi­ge, worin mein Haus­wirt mit Ih­nen über­ein­stimmt, ist die di­cke gold­ne Ket­te zu sechs­hun­dert Mark, die er über der Wes­te trägt.«

»Nu wördn Sü man nich noch un­ver­schämp«, brüll­te mich mein Ro­man­mo­dell an. »Die gol­le Uhr­ket­te über mein’ Wes­te, die koß ach­hun­nert Mark. Kei­ne sechs­hun­nert! Das mör­ken Sü such ge­fäl­ligs ’n bü­schen. Hür­mit sünd Sü also ge­kün­nich. Un mor­gen ste­hen Sü in unse swar­ze Lis­te.«

»Schwar­ze Lis­te?« mur­mel­te ich ent­setzt.

»Ja. Swar­ze Lis­te. Das heiß müt an­ne­re Wor­ten, dass Sü in düse Stadt kei­ne Woh­nung nich wü­der­krie­gen. Denn wer in Ro­ma­nens und Ssei­tun­gen uns Haus­wür­ten auf die Hüh­ne­rau­gen pedd (tritt), der kann sich ’n Woh­nung im Mond su­chen.«

»Bes­ter Herr Boll­mann«, be­gann ich fle­hend, denn ich wuss­te, dass ich für die fah­ren­den Leu­te reif war, falls es mir nicht ge­lang, die­sen Ent­schluss um­zu­sto­ßen, »wür­den Sie mir ver­zeihn, falls ich in Ih­rer Zei­tung auf mei­ne Kos­ten eine Ehre­n­er­klä­rung ver­öf­fent­li­che, dass ich Sie nicht ge­meint habe?«

»Is das nicht ge­nug, dass Sü mir in Ihrn dö­si­gen Ro­man, den ja Gott sei Dank kein Mensch liest, ab­ge­ma­len ha­ben?« bol­ler­te Krischan Boll­mann wei­ter. »Wolln Sü mir auch noch vor die gan­se Welt ßur Uhl ma­chen? Ssum drüt­ten und letz­ten: Sü sünd ge­kün­nigt. Un hier­mit sünd wir ßwei bei­de mitn an­ner fer­tig. Sehn Sü ßu, wo Sü ’n an­der Woh­nung krie­gen. Hier in düse Stadt ge­wüß nich. Adje, Herr Eck.«

Die­ser Ab­schieds­gruß war eine Iro­nie. Denn in Wirk­lich­keit hei­ße ich gar nicht Eck. Ich hat­te nur den be­wuss­ten Ro­man (der mich aus ei­ner wenn auch nur be­schei­de­nen, doch im­mer­hin mit ei­nem Dach ver­se­he­nen Woh­nung so­zu­sa­gen auf die Land­stra­ße warf) un­ter die­sem Na­men ver­öf­fent­licht. Da er kurz und Druck­pa­pier zur Zeit teu­er ist, will ich ihn für die­se Ge­schich­te bei­be­hal­ten.

Zwi­schen Land­fah­rern und Bett­lern ist kein großer Un­ter­schied. Ich be­gann also in der Hal­tung ei­nes Koh­len­dampf schie­ben­den Kun­den noch­mals: »Hoch­ver­ehr­ter Herr Boll­mann, die spä­te­re Li­te­ra­tur­ge­schich­te wird ge­wiss« –

»Sü wolln mür woll uzen?« schnitt mir Boll­mann in der­sel­ben Ton­art das Wort ab. »Was ich ge­sach hab« – hier klin­gel­te er, und ich griff schleu­nigst und angst­er­füllt nach mei­nem Be­suchs­zy­lin­der –, »das hab’ ich ge­sach. Un da is die Tür. – Djo­hann, der Nächs­te!«

Mit sehr viel schnel­le­ren Schrit­ten, als ich Herrn Boll­manns Sa­lon be­tre­ten hat­te, ver­ließ ich ihn wie­der. Denn wenn der Haus­herr (nach mei­ner Ro­man­schil­de­rung) Hän­de hat­te wie ein paar Rei­se­ta­schen, so hat­te der Haus­die­ner Fäus­te wie ein Paar klei­ne Fäs­ser. Mei­ne Ab­lö­sung – der Mie­ter des drit­ten Stock­werks – husch­te so ängst­lich wie der be­kann­te Mann ohne Schat­ten an mir vor­über. Jo­hann schlug die Tür hin­ter ihm zu – er saß wie eine Maus in der Fal­le.

»Herr Kanß­lei­rat«, groll­te drin­nen das haus­wirt­li­che Ge­wit­ter über den Un­glück­li­chen los, »in un­sern Kon­trak steht in: das Hal­ten von Türe is nur mit be­sond­re Gönöh­mi­gung des Haus­würts er­laup. Ges­tern nach­mit­tag, als ich we­gen die Kla­set­t­in­spek­schon oben war, hab’ ich bömörk: Ihre Kin­der hal­ten wei­ße Mäu­se in ein Bau­er. Was ha­ben Sü dar­auf ßu er­wü­dern?«

Ich nahm mir vor, künf­tig gleich­falls wei­ße Mäu­se in ei­nem Bau­er zu hal­ten, statt mei­ne Aus­sich­ten mit Ro­man­schrei­ben tot­zu­schla­gen. Denn Boll­mann war – im Ge­gen­satz zu dem Fran­zo­sen, un­ter dem man be­kannt­lich, wenn man ihn kratzt, den Rus­sen fin­det – im Grun­de un­ter dem Be­zirk sei­ner Uhr­ket­te zu acht­hun­dert Mark und sei­nes Fetts kein Un­mensch. Es war an­zu­neh­men, dass er dem Kanz­lei­rat das Ver­bre­chen der wei­ßen Mäu­se schließ­lich ver­zei­hen und sie viel­leicht so­gar nach­träg­lich ge­neh­mi­gen wür­de.

Was bei mei­nem Ro­man na­tür­lich gänz­lich aus­ge­schlos­sen war. (Im Ver­trau­en: wäre ich ein Haus­wirt mit dem Boll­man­ti­schen Bauch, Glat­ze, Schus­ter­ku­gel­ge­sicht und grü­nen Plüsch­schu­hen, und mein Mie­ter kon­ter­fei­te mich steck­brief­ge­treu in ei­nem Ro­man ab: dem würd’ ich auch nicht ver­zei­hen.)

Doch war die Lage für der­ar­tig mü­ßi­ge Er­wä­gun­gen zu ernst. Ich be­rief mei­ne Frau zu ei­ner Kon­fe­renz, teil­te ihr das Schreck­li­che scho­nend mit und sag­te sor­gen­voll: »Was nun?«

Aber auch ge­spannt. Denn ich hat­te be­reits mehr­fach, in Ro­ma­nen und psy­cho­lo­gi­schen Plau­de­rei­en, den Satz nie­der­ge­schrie­ben: dass die In­tel­li­genz des Wei­bes eine von der männ­li­chen völ­lig ver­schie­de­ne sei; dass die Frau in ver­zwei­fel­ten Fäl­len in­stinkt­mä­ßig das Rich­ti­ge tref­fe, wie die Flie­ge das Stück Zu­cker oder wie der Zwirns­fa­den das Na­delöhr – und hat­te die­sen aus an­dern Schrift­stel­lern ent­lehn­ten Grund­satz durch die Pra­xis in Ge­stalt mei­ner Frau nach­träg­lich be­stä­tigt ge­fun­den.

Mei­ne Frau ist eine Be­am­ten­toch­ter. Sie ist in un­ver­hei­ra­te­tem Zu­stan­de acht­und­zwan­zig­mal ver­setzt wor­den und hat in ih­rem Le­ben drei­und­sech­zig­mal die Woh­nung ge­wech­selt. Sie ist also in Be­zug auf Woh­nun­gen Fach­mann.

Alle An­deu­tun­gen, die ich hin­sicht­lich der schwar­zen Lis­te mach­te (ob nicht etwa durch Be­ste­chung des Se­kre­tärs, durch eine künst­li­che To­des­an­zei­ge oder sonst wie die Spur ver­wischt wer­den kön­ne), be­ant­wor­te­te sie mit ei­nem Kopf­schüt­teln.

»Zu Lan­de sind wir er­le­digt«, ent­schied sie. »Es müss­te denn sein, du hät­test Nei­gung, dich um eine An­stel­lung als Turm­hü­ter oder To­ten­grä­ber zu be­wer­ben. Die ha­ben Dienst­woh­nung. Aber dazu muss man Be­zie­hun­gen ha­ben. Hast du die?«

Das muss­te ich ver­nei­nen.

»So bleibt uns nur das Was­ser«, rief sie mit dump­fer Stim­me.

»Um des Him­mels wil­len«, rief ich, die Hän­de er­he­bend.

»Be­ru­hi­ge dich. Mit dem Him­mel hat mein Vor­schlag dies­mal noch nichts zu tun. – Ich den­ke an Bang­kok oder an Kan­ton.«

»Nanu!« rief ich. »Aus­wan­dern, weil uns Krischan Boll­mann auf die schwar­ze Haus­wirts­lis­te ge­setzt hat?«

»Denn dort ist die Wohn­fra­ge für Leu­te, die nicht, wie die Haus­wir­te, mit ei­nem sil­ber­nen Löf­fel im Mun­de zur Welt ge­kom­men sind, glän­zend ge­löst. Man wohnt in Dschun­ken oder Prau­en, auf dem fried­li­chen Me­kong oder Jang­tse­ki­ang …«

Ich hat­te be­grif­fen, was mei­ne Frau mein­te, und er­wi­der­te: ich müs­se mich ei­ni­ge Au­gen­bli­cke in mein Ar­beits­zim­mer zu­rück­zie­hen, um die Wucht die­ses Ge­dan­kens in der Ein­sam­keit auf mich wir­ken zu las­sen.

Hier stell­te ich mit Hil­fe des An­dree zu­nächst fest, dass Bang­kok nicht am Me­kong liegt, son­dern am Men­am. Und Kan­ton nicht am Jang­tse­ki­ang, son­dern am Si­ki­ang. Wei­ter woll­te ich auch gar nichts wis­sen. Es ge­nüg­te, um das Han­deln in der Woh­nungs­fra­ge, das in die Hän­de mei­ner Frau über­zu­ge­hen droh­te, wie­der an mich zu rei­ßen.

Ich ver­län­ger­te die Denk­pau­se künst­lich um ei­ni­ge Mi­nu­ten. Das soll­te mir den An­schein ge­ben, dass al­les, was ich in der nun fol­gen­den Aus­ein­an­der­set­zung ge­gen et­wai­ge Ein­wen­dun­gen mei­ner Frau vor­brin­gen wür­de, gründ­lich über­legt sei. (Alt­be­währ­te Ehe­tak­tik.)

»Erst­lich«, be­gann ich, »liegt Bang­kok nicht am Me­kong, son­dern am Men­am. Und Kan­ton nicht am Jang­tse­ki­ang, son­dern am Si­ki­ang. Hrr­rummm! Zwei­tens woh­nen die Bang­kok­ku­sen nicht auf Dschun­ken oder Prau­en, die eine chi­ne­si­sche Schiffss­pe­zia­li­tät dar­stel­len, son­dern sie er­rich­ten ihre Woh­nun­gen, dort Bun­ga­lows ge­nannt, auf Bam­bus­flö­ßen, die mit der Flut des Men­am stei­gen oder fal­len. Hrr­rummm!« (Die­se Weis­heit hat­te ich aus dem großen Mey­er.)

»Na ja«, sag­te mei­ne Frau un­ge­dul­dig, »ge­nau wie hier auf der Elbe die Schu­ten und Ewer.«

»Und drit­tens«, fuhr ich fort, »sind der Me­kong und Jang­tse­ki­ang, ge­nau­er der Men­am und Si­ki­ang, nicht so fried­lich, wie du zu glau­ben scheinst. Denn sie sind, min­des­tens der Men­am, wahr­schein­lich aber auch der Si­ki­ang, be­völ­kert von Kro­ko­di­len. Hrr­rummm!« (Das hat­te mir in Be­zug auf den Men­am der große Brehm ver­ra­ten, hin­sicht­lich des Si­ki­ang war es mei­ne ei­ge­ne Hy­po­the­se.)

Mei­ne Frau stürz­te ans Pia­no, trat aufs Forte­pe­dal, hieb mit bei­den Hän­den, mit der glei­chen Ge­schwin­dig­keit und Wucht:, mit der eine Kat­ze ei­nem an­drän­gen­den Kö­ter über die Phy­sio­gno­mie fährt, in die Tas­ten und sang dazu:

»Mit­ten in der Elbe Schwimmt ein Kro­ko­dil …«

Un­über­legt, wie sie manch­mal ist, hat­te sie nicht be­ach­tet, dass die Tür nach dem Flur und das Fens­ter des Licht­schachts of­fen stan­den. Das Lied be­steht, so­viel ich weiß, zwar nur aus die­sen bei­den Ver­sen (je­den­falls habe ich die Stra­ßen­jun­gen im­mer nur die­se sin­gen hö­ren) – aber mei­ne Frau sang sie zwan­zig­mal hin­ter­ein­an­der. Mit al­len Stimm­mit­teln. Als sie fer­tig war, er­scholl aus dem Licht­schacht eine Stim­me, die Ton­far­be und Kraft von ei­nem wü­ten­den Ur ge­borgt zu ha­ben schi­en:

»Wolln Sü Ta­kel­ßeug da oben in die fünf­te Eta­sche woll gleich den in­fam­ten Mu­sik­spek­ta­kel nach­las­sen! Glau­ben Sü, dass mein Eta­schen­haus ’n Djahr­marks­bu­de oder’n öf­fent­li­chen Tin­gel­tan­gel is. Ma­chen Sü das nich noch mal, sonß schück ich Sü den Pol­leß­ei aufn Hals. In un­sern Kon­trak steht ein …«

Aber es war mir un­mög­lich, auf die­sem et­was un­ge­wöhn­li­chen Wege zu er­fah­ren, wie der Mu­sik­pa­ra­graph un­se­res Kon­trakts lau­te­te. Denn mei­ne Frau eil­te hin­aus, riss auch noch den zwei­ten Flü­gel des Licht­schacht­fens­ters so­wie die Et­agen­tür auf und wie­der­hol­te, drei­mal so laut und hun­dert­fünf­und­zwan­zig­mal hin­ter­ein­an­der, ih­ren Ba­ri­tus:

»Mit­ten in der Elbe Schwimmt ein Kro­ko­dil …«

Ich rang die Hän­de. Hier­mit war end­gül­tig und un­wi­der­ruf­lich die Mög­lich­keit ab­ge­schnit­ten, eine ge­wöhn­li­che Woh­nung wie­der­zu­fin­den. Denn dass Krischan Boll­mann sei­ne po­li­zei­li­che Dro­hung wahr ma­chen, dass mei­ne Frau schon mor­gen als Mu­sik­mä­na­de in der Zei­tung ste­hen, dass wir auf die­se Wei­se nicht nur ver­schärft in die schwar­ze Haus­wirts­lis­te, son­dern auch in die uns­rer bis­he­ri­gen Lei­dens­ge­nos­sen, der Mie­ter, kom­men wür­den: das stand so fest wie das klei­ne Ein­mal­eins.

Aber ich pries das Tem­pe­ra­ment mei­ner Frau nach­träg­lich doch. Es war uns zum Heil, es riss uns nach oben. Es reif­te den Wunsch zum Wil­len, es läu­ter­te das Ge­dan­ken­cha­os zur Klar­heit. Aus die­ser letz­ten, für alle Be­tei­lig­ten qual­vol­len Vier­tel­stun­de ent­sprang, wie aus der Asche der Phö­nix, un­ser Ent­schluss. Wir hat­ten die Schif­fe – glück­li­cher­wei­se al­ler­dings nur sym­bo­lisch – hin­ter uns ver­brannt. Das Land hat­te uns aus­ge­sto­ßen. Ich hol­te die von der Kind­taufs­fei­er des ver­häng­nis­vol­len Ro­mans noch üb­rig ge­blie­be­ne letz­te Fla­sche Heid­sieck her­ein, ließ den Kork bis an die De­cke flie­gen und stieß mit mei­ner Frau auf un­ser künf­ti­ges Am­phi­bi­en­da­sein an.

Schwer­wie­gen­de Din­ge soll man im­mer bei Sekt be­ra­ten. So mach­ten die al­ten Ger­ma­nen es auch (al­ler­dings nur bei Bier). An­ge­feuch­tet be­kom­men sie einen Glanz von dem Kö­nigs­trank selbst. Dass sie ihn nach­her meist wie­der ver­lie­ren, wenn die er­den­schwe­re Wirk­lich­keit die bun­ten Schmet­ter­lings­flü­gel der Fan­ta­sie aus­ge­ris­sen hat, soll man nicht be­jam­mern. »Ich be­saß es doch ein­mal, was so köst­lich ist.«

So be­sa­ßen und be­wohn­ten auch mei­ne Frau und ich im Handum­dre­hen das ro­man­tischs­te Wohn­schiff, das man sich vor­stel­len kann. Nicht um Zent­ner Gol­des hät­ten wir mehr mit un­sern am­phi­bi­schen Kol­le­gen, den brau­nen Bang­kok- und gel­ben Kan­ton­leu­ten im fer­nen Os­ten, ge­tauscht. Denn es war uns plötz­lich ein­ge­fal­len, dass wir auf die­se Wei­se nicht bloß Deutsch­land, son­dern sämt­li­che frem­den Län­der – so­weit sie nass wa­ren – be­woh­nen und auch be­rei­sen konn­ten.

Glück­strah­lend sa­hen wir uns in die Au­gen. Vor zehn Mi­nu­ten noch wa­ren wir elen­de Stu­ben­ho­cker, stumpf­sin­ni­ges Miet­ka­ser­nen­volk, fest­ge­wach­se­ne fan­ta­sie­lo­se Pfahl­mu­scheln. Und mit ei­nem Schla­ge Seg­ler, Flie­ger, Tümm­ler, Welt­bür­ger, Ent­de­cker, Ro­bin­sons, Va­ga­bun­den auf dem Mee­re des Le­bens, Tri­um­pha­to­ren über alle Krischan Boll­manns der Welt.

Fantasien im fünften Stock

»Wie soll es hei­ßen?« frag­te mei­ne Frau, nach­dem wir ei­ni­ger­ma­ßen wie­der auf der ter­ra fir­ma, will sa­gen: im fünf­ten Stock, ge­lan­det wa­ren.

»Der Mensch soll dank­bar sein«, er­wi­der­te ich. »Wir wol­len es Krischan Boll­mann nen­nen.«

»Pfui!« rief sie. »Ich den­ke At­lan­tis oder Lady of the Lake. Es muss ein poe­tisch-li­te­ra­ri­scher Name sein.«

»Un­sinn«, er­wi­der­te ich. »Je­dem Vo­gel ge­büh­ren sei­ne eig­nen Fe­dern. Au­ßer­dem ist Scott längst ver­al­tet. Mei­ne Ro­ma­ne sind viel schö­ner, un­be­dingt aber mo­der­ner. Ich ma­che einen Ver­mitt­lungs­vor­schlag. Tau­fen wir es auf den Na­men mei­nes letz­ten Ro­mans: Die Schol­le. Da­durch schla­gen wir drei Flie­gen mit ei­ner Klap­pe. Wir ge­nü­gen der Dank­bar­keits­pflicht ge­gen Boll­mann: in der Schol­le ist er ja ab­ge­malt. Wir er­hal­ten das geis­ti­ge Band zwi­schen uns­rer al­ten und neu­en Da­seins­form, denn Schol­le be­deu­tet eben­so gut et­was Trock­nes wie Nas­ses. Schließ­lich prä­gen wir mit si­che­rem Stil­ge­fühl un­se­rer künf­ti­gen Wohn­schu­te das ein­zig rich­ti­ge Eti­kett auf. Et­was andres als ein ge­ramsch­ter Fin­ken­wer­der Fi­sche­re­wer, vor­nehms­ten­falls Fi­scher­kut­ter, wird’s kaum wer­den.«

»Al­ler­dings«, be­stä­tig­te mei­ne Frau, »Schol­le ist ein pracht­vol­ler am­phi­bi­ärer Name. Mit ›Schol­le‹ bin ich völ­lig ein­ver­stan­den.«

Ich hat­te schon längst einen Fo­lio­bo­gen vor mir aus­ge­brei­tet. Er soll­te so­zu­sa­gen den Span­ten­riss uns­res zu­künf­ti­gen Glücks in sich auf­neh­men. Ich mal­te mit schö­nen Frak­tur­buch­sta­ben, wie ich sie noch in der Schu­le mei­nes Groß­va­ters er­lernt habe, das Wort SCHOLLE hin­auf und sag­te:

»Hier­mit stel­le ich die Fra­ge des Wohn­schiffs­typs zur nä­he­ren De­bat­te.«

Mei­ne Frau er­wi­der­te, dass sie mir die Aus­wahl des Schiffs­typs völ­lig über­las­se. Da­ran tat sie wohl. Denn ich ken­ne als ge­bor­ne Wa­ter­kan­trat­te und in al­len Ozea­nen be­se­gel­ter Mann sämt­li­che Schiffs­ty­pen der Welt, als ob ich sie selbst er­fun­den hät­te: vom Kanu der Fid­schi­in­su­la­ner bis zum sechs­mas­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen Küs­ten­scho­ner, und von der Ham­bur­ger Platt­gatt­jol­le bis zu den mo­der­nen Mam­mut­damp­fern. Sie mach­te nur einen Vor­be­halt. Das Schiff müs­se un­be­dingt einen dop­pel­ten Bo­den ha­ben, da­mit, falls es mit dem un­te­ren auf eine Klip­pe stie­ße, we­nigs­tens der obe­re dicht blie­be. Ich er­wi­der­te la­ko­nisch »zu­ge­stan­den« (denn es galt, sie, wie im Mär­chen der from­me Jo­han­nes die Kö­nigs­toch­ter, zu­nächst auf das Schiff hin­über­zu­brin­gen) und no­tier­te als zwei­tes Stich­wort: dop­pel­ter Bo­den.

Nun kam die sehr wich­ti­ge Ka­jüts­fra­ge dran. Mei­ne Frau be­stand, wie Ehe­frau­en, de­ren Geist mit neu­en Woh­nungs- und Ein­räu­mungs­ge­dan­ken schwan­ger geht, dies lie­ben, auf mög­lichst vie­len Räum­lich­kei­ten: ei­nem Sa­lon, ei­ner ge­wöhn­li­chen Wohn­ka­jü­te, ei­ner Ar­beits­ka­jü­te als Ge­burts­stät­te für die künf­ti­gen Ro­ma­ne, ei­ner Schlaf­ka­bi­ne, ei­ner Kom­bü­sen­kü­che mit gut zie­hen­dem Ofen – und den Räu­men für die Die­ner­schaft.

»Don­ner­wet­ter«, rief ich, »du gehst aber ge­fähr­lich ins Zeug. Die­ner­schaft?«

Sie mein­te ganz naiv: für das Geld, das wir durch das Wohn­schiff spar­ten, kön­ne man sich das Le­ben in an­de­rer Wei­se ver­sü­ßen. Auch bräch­te eine dau­ern­de An­bor­dexis­tenz den Ver­zicht auf man­cher­lei An­nehm­lich­kei­ten mit sich. (Ers­ter aus­ge­ris­se­ner Schmet­ter­lings­flü­gel.) Bis­her habe sie nur ein Dienst­mäd­chen ge­hal­ten. Jetzt müs­se eine Ge­sell­schaf­te­rin, min­des­tens aber eine so­ge­nann­te Stüt­ze hin­zu­kom­men. Denn in­fol­ge uns­rer Über­sied­lung vom Par­kett (Krischan Boll­mann tat es selbst in sei­nen fünf­ten Stock­wer­ken nicht mehr ohne Par­kett: »Man mu­scha mit die Sseit ge­hen, Kal­li­ne«, sag­te er zu sei­ner Frau, »un wi hebbt et ja«) auf Schiffs­plan­ken wür­de der Haus­ver­kehr, be­son­ders von Freun­din­nen mit Kin­dern, auf ein Nichts zu­sam­men­schrump­fen. Nun, das sei ja wei­ter kein Scha­den; man wür­de im­mer blan­ke Plan­ken ha­ben und kei­nen Är­ger mehr über ab­ge­dreh­te So­faquas­ten und zu Klum­pen zer­ses­se­ne An­ti­ma­kassars, auch kei­ne ent­zwei­ge­trom­mel­ten Pia­ni­no­sa­i­ten.

»Bei­läu­fig«, un­ter­brach sich hier mei­ne Frau has­tig, »wo soll das Pia­no ste­hen? Der Sa­lon muss min­des­tens so groß sein, dass –«

»Beim Auk­tio­na­tor«, er­wi­der­te ich in ei­nem Ton, der jede wei­te­re Er­ör­te­rung aus­schloss. »Wir wer­den die süß-me­lan­cho­li­schen Mur­mel­me­lo­di­en der Wel­len am Bug und un­term Kiel ha­ben, die von Wind­fin­gern ge­grif­fe­nen Har­fen­ak­kor­de in den Wan­ten – und au­ßer­dem lässt sich in ei­nem Fi­sche­re­wer über­haupt kein Pia­no un­ter­brin­gen, es sei denn in der ›Bünn‹.«1

»Und«, fuhr ich fort, auf Grund mei­ner ge­nau­en Kennt­nis der für uns in Fra­ge kom­men­den Schiffs­ge­fäße, »ein Dienst­mäd­chen kann ich dir für die Zu­kunft eben­so­we­nig be­wil­li­gen wie einen Sa­lon, eine Schlaf­ka­bi­ne und ›Räu­me‹ für die Die­ner­schaft. Ein Fin­ken­wer­der Fi­scher­kut­ter ist kein Asto­ria­ho­tel«.

»Aber wer soll ihn denn schrup­pen?«

»Der Knecht«, sag­te ich, »oder, schiffs­tech­nisch aus­ge­drückt: der Best­mann. Die obers­te nau­ti­sche und sons­ti­ge Lei­tung wer­de na­tür­lich ich selbst über­neh­men. Aber alle Pö­sel-, Putz- und Schmier­ar­beit, un­ter Deck, über Deck und in der Ta­ke­la­ge ist sei­ne Sa­che. Ich wer­de schon einen ge­eig­ne­ten Mann an­heu­ern, habe nicht um­sonst acht­zehn Jah­re im Ham­bur­ger Heu­er­baas­vier­tel zu­ge­bracht. Der kriegt sei­ne Ka­bi­ne und Koje ach­tern, wir un­se­re vorn, die Kom­bü­se er­rich­ten wir, weil ich beim Ro­man­schrei­ben kei­nen Stein­koh­len- und Fett­ge­stank in der Nase ver­tra­ge, über Deck, und die Bünn wird zum Wohn- und Empfangs­zim­mer aus­ge­baut.«

»Aber das Fräu­lein?« frag­te mei­ne Frau ge­spannt. »Ein Fräu­lein muss ich ha­ben.«

»Be­kommt ihre Un­ter­kunft in der Ka­bel­gats­lu­ke.«

Hier schrie mei­ne Frau auf. Und das mit Recht. Denn Ka­bel­gats­lu­ken sind als Schiffs­wohn­räu­me bis­lang nur für Ka­ker­la­ken und blin­de Pas­sa­gie­re üb­lich. Ich hat­te es auch nur so ge­sagt. Als ich merk­te, dass es sich hier um eine Ka­bi­netts­fra­ge han­del­te, durch­wan­del­te ich im Geist noch­mals mei­ne künf­ti­ge li­te­ra­ri­sche Werk­statt von vorn bis ach­tern und kam schließ­lich zu der Mög­lich­keit, dass man zu Steu­er­bord oder Back­bord zwi­schen Bünn­wand und Schiffs­wand eine Koje ein­bau­en kön­ne. Für die Stüt­ze biss­chen eng. Biss­chen mulst­rig vor­aus­sicht­lich. Aber sonst ge­ra­de­zu fürst­lich. Je­den­falls für eine »Stüt­ze«, falls sie nur halb­wegs was­ser­ro­man­tisch ver­an­lagt war, gut ge­nug.

So­mit fin­gen wir also an zu bau­en. Und dies war ein ent­schie­den glück­li­cher Ge­dan­ke. Denn, wie mei­ne Frau be­gon­nen hat­te: mit der Ein­rich­tung – das war ja un­ge­fähr, als wenn man bei ei­ner Kir­che mit dem Turm an­fan­gen woll­te oder einen Ro­man mit dem Schluss­ka­pi­tel. Da­durch be­kam ich das Un­ter­neh­men Gott sei Dank wie­der völ­lig in mei­ne Ge­walt. Denn wo der Herr nicht das Haus bau­et – das ha­ben schon die al­ten Ju­den er­kannt –, kann aus der Sa­che nichts wer­den. Bald sah der Span­ten­riss­bo­gen so fan­ta­sie­voll und schreck­lich aus wie die Ta­pe­te, mit der der Ge­schmack Krischan Boll­manns un­ser Wohn­zim­mer (in der »bes­ten Stu­be« war sie noch viel gräss­li­cher) ver­ziert hat­te. Nur ein Schrift­stel­ler, der wie ich drei Jah­re lang in ei­nem theo­so­phisch-ok­kul­tis­tisch-kab­ba­lis­ti­schen Ver­lag Kor­rek­tor­diens­te ge­tan hat, konn­te hin­durch­fin­den. Und ich fand hin­durch. Die Per­len­schnur der Ein­tra­gun­gen sah zum Schlus­se etwa so aus:

Schol­le, dop­pel­ter Bo­den, Stüt­ze in die Bünn, Blitz­ab­lei­ter, Kom­bü­se an Deck, des­glei­chen Som­mer­hüt­te, Werg zum Kal­fa­tern, Pla­kat mit Auf­schrift: Un­be­fug­ten ist der Zu­tritt ver­bo­ten, drei bis vier Rat­ten­fal­len, Kom­bü­se un­ter Deck, klei­ner Sa­lon auf dem Ach­ter­deck (von der Hand mei­ner Frau hin­zu­ge­fügt, im Au­gen­blick ei­ner not­wen­di­gen Ab­we­sen­heit mei­ner­seits), ei­ni­ge Tin­ten­kle­xe und Zick­zack­li­ni­en, Feu­er­ver­si­che­rung, Ar­beits­zim­mer in der Bünn, Stüt­ze raus (schläft über Som­mer in der Decks­hüt­te), Kom­bü­se aufs Ach­ter­deck, Kom­bü­se vorn (dann lässt sich Ka­bel­gats­lu­ke als Spei­se­zim­mer ver­wen­den), deut­sche Flag­ge, Haus­flag­ge, Schwim­mun­ter­richt für die Frau, Ret­tungs­rin­ge, die bes­ten Pi­assa­vaschrub­ber hat Neu­mann in der Fi­scher­stra­ße, Kom­bü­se … (Tin­ten­kle­xe, bös­ar­ti­ge Zick­zackstri­che, doch lässt sich die ur­sprüng­li­che Fas­sung: Kom­bü­se auf dem Groß­mast, deut­lich er­ken­nen), ei­ser­nes Email­ge­schirr, Biblio­thek in die Bünn, Wohn­zim­mer des Som­mers in der Hüt­te über Deck, Stüt­ze in die Ka­bel­gats … Kle­xe, ein Drei­eck im Pa­pier, Knecht schläft Jol­le oder an Land, Stüt­ze in die Ach­ter­ka­bi­ne, Kom­bü­se in die Ach­ter­ka­bi­ne, Sand, Soda, Schmier­sei­fe, Teer­quäs­te, al­les bei Neu­mann, Blu­men­käs­ten, Spi­ri­tus für Kom­pass, Ka­ker­la­ken­tod, Biblio­thek und Ar­beits­zim­mer in der Hüt­te, im Win­ter durch Dau­er­bren­ner zu hei­zen, Zen­tral­hei­zung, Le­bens­ver­si­che­rung, Schrau­be mit Pe­tro­le­um­mo­tor, Kom­bü­se in der Jol­le, Stüt­ze schläft Jol­le oder an Land, Lauf­plan­ke mit Ge­län­der, Stüt­ze schläft bei Frau, Mann beim Knecht, Kam­mer­jä­ge­r­ak­kord, Wan­zen­tod, Öl­far­be, Stüt­ze schläft … Tin­ten­kle­xe wie oben; die Kon­jek­tu­ral­kri­tik lie­fert die Er­gän­zung: in Tau­cher­glo­cke, Wohn­zim­mer end­gül­tig vorn, statt Fi­scher­kut­ter hol­län­di­sche Kuff oder Ober­län­der kau­fen, auch soll Slo­man­damp­fer, 4000 Tons, für al­ten Ei­sen­wert zu ram­schen sein, wo sol­len die Gäs­te schla­fen? Hän­ge­mat­ten im Bünn­deck, Stüt­ze schläft Hän­ge­mat­te Bünn­deck, Kom­bü­se an Land, Kom­bü­se ge­stri­chen, Koch­kis­te, Sprit­ko­cher, Kon­ser­ven, Kar­tof­feln hal­ten sich auf See nicht, Kar­tof­fel­an­la­ge, Ge­mü­se-, Salat-, Pilz-, Erd­beer­plan­ta­gen (in kleins­tem Maß­sta­be!) an Deck? Bünn? Eine Zie­ge? Bünn? Oder Deck? Ein Schwein? Bünn? Hüh­ner, Kü­ken, En­ten? Wer melkt das Schwein? (Tin­ten­kle­xe, Schwein durch Zie­ge er­setzt). Na­tür­lich der Knecht. Jagd­flin­te. (Hohn­be­mer­kung der Frau: Um die Kü­ken zu er­le­gen? Ich: nein, die Wil­den­ten.) An­geln, Net­ze, Fuß­ab­krat­zer, Po­si­ti­ons­la­ter­nen, Bünn durch­ge­scho­ren, vorn Stüt­ze, ach­tern Knecht, in der Mit­te Kom­bü­se, Kunst­schloss, Sprach­rohr, Koh­len­raum, An­bau an Bünn, Päs­se, Spei­bag­gen, Notra­ke­ten, Sex­tant, See­kar­ten, Wach­hund, Schiffs­kat­ze, Lenz­pum­pe, ita­lie­ni­sche Nacht, Ein­wei­hungs­fei­er – so un­ge­fähr sah der Bo­gen und da­mit die Scha­le un­se­res künf­ti­gen Glücks aus.

Der in der Mit­te der See­fi­scher­fahr­zeu­ge ein­ge­bau­te große Be­häl­ter für die Fi­sche.  <<<

Sachverständiger Beirat

In die­sem Au­gen­blick rief un­ten auf der Stra­ße eine Stim­me: »Schulln! La­ben­ni­ge Schulln!« Schön war die­se ihre le­ben­di­gen Schol­len an­prei­sen­de Stim­me nicht. Sie moch­te, was Kraft der Ton­la­ge an­be­traf, mit Bö­tel im­mer­hin weit­läu­fig ver­wandt sein, Pol­li­ni hät­te sie aber für das Ham­bur­ger Stadt­thea­ter lie­ber nicht ver­pflich­tet. Uns aber er­schi­en sie als ein güns­ti­ges Vor­zei­chen. Als ein sym­bo­li­scher Ruf aus der Tie­fe, durch den die Göt­ter der Elbe und der See un­serm künf­ti­gen glück­haf­ten Schiff ih­ren Schutz zu­sag­ten. Auch hat­te der Zwang und Drang der Er­eig­nis­se mei­ne Frau nicht ans Mit­ta­ges­sen den­ken las­sen. Was war na­tür­li­cher, als dass wir – da der Tag rest­los un­ter dem Zei­chen der »Schol­le« stand – auch Schol­len spei­sen wür­den. So­mit be­trat, durch huld­vol­len Wink und Ruf an­ge­lockt, nach kur­z­er Frist Ge­sche Ke­tel­schra­per un­se­ren Flur.

Ge­sche Ke­tel­schra­per stamm­te selbst­ver­ständ­lich von der be­rühm­ten Fi­sche­r­in­sel Fin­ken­wer­der. Sie hat­te, ein weib­li­cher Dou­glas der Wa­ter­kant, ihre Schol­len, Aale und Stein­but­ten schon sie­ben Jahr ge­tra­gen, we­nigs­tens durch un­se­re Stra­ße, und war uns in­fol­ge­des­sen als zu­ver­läs­si­ge Per­son be­kannt. Wie alle Fisch­frau­en hat­te sie die Ei­gen­tüm­lich­keit, das Aus­neh­men ih­rer Schol­len mit gu­ten Re­den zu be­glei­ten, so dass wir im Lau­fe der Zeit in ih­rer eig­nen Na­tur­ge­schich­te und auf ih­rer Hei­mats­in­sel eben­so gut Be­scheid wuss­ten wie sie selbst. Heu­te woll­te sie uns zum sie­ben­und­drei­ßigs­ten Male er­zäh­len, wie da­mals ihre Nach­ba­rin Tri­na Behr­mann das Kind in die Woh­nung ein­ge­schlos­sen und es ver­ges­sen hat­te, und es, nach­dem sie den gan­zen Fin­ken­wer­der Deich mit ih­rem Jam­mer­ge­schrei er­füllt, schließ­lich als ver­misst bei der Po­li­zei an­ge­mel­det hat­te – dja, wok­ein das nich selbs mit er­lebt hat, sollt das dja­woll rein für un­mög­lich hal­ten. Doch un­ter­brach ich sie schon, als sie der ers­ten Schol­le die Keh­le noch nicht zur Hälf­te durch­ge­schnit­ten hat­te, mit der Fra­ge: ob auf Fin­ken­wer­der viel­leicht ein ge­brauch­ter, aber noch see­tüch­ti­ger Fi­sche­re­wer zu ver­kau­fen sei.

Ge­sche Ke­tel­schra­per schnitt vor Über­ra­schung nicht nur den Fisch­kopf, son­dern auch sich selbst den hal­b­en Dau­men ab und rief:

»Du mei­ne Zeit, will Herr Dok­ter denn auf sei­ne al­ten Tage das Bü­cher­schrei­ben an’n Na­gel hän­gen und sein Brot mit das Kurr­nett (Netz) ver­die­nen?«

Dar­über be­ru­hig­te ich Ge­sche Ke­tel­schra­per schnell, in­dem ich ihr mit­teil­te: ich such­te kei­nen gut ge­hen­den neu­en Be­ruf, bloß eine schwim­men­de Som­mer­woh­nung.

An ih­rem sich wie ein Aal zwi­schen mir und mei­ner Frau hin und her schlän­geln­den Blick er­kann­te ich ihre Ge­dan­ken: »Der Kerl ist ver­rückt! – Och, de arme Fru!« In­des­sen ließ sie sich’s nicht mer­ken (wir zähl­ten ja zu ih­ren bes­ten Kun­den) und er­wi­der­te nach kur­z­em Be­sin­nen: Ja, sie wis­se einen, Jas­per Fock von der Aue wol­le sich zur Ruhe set­zen, we­gen Reis­ma­tis­mus und weil man jetzt we­gen der Fisch­dam­per­kon­k’renz so ge­fähr­lich weit raus­müs­se und sei­ne bei­den Deerns sich vo­ri­ges Jahr so gut ver­freit hät­ten, dass er es jetzt nicht mehr nö­tig hät­te, und wäre ein fei­nes Fahr­zeug, nicht Jas­per Fock, der Kut­ter, denn ein Kut­ter sei es, kein Ewer, und hie­ße »Ema­nu­el« und läge im Fin­ken­wer­der Loch vor An­ker, was die heu­ti­gen Fin­ken­wer­der aber als Be­lei­di­gung an­sähn, wenn man das »Fink­wer­der Lock« Loch nen­ne und nicht Ha­fen, und sie hät­ten schon man­chen Ham­bur­gern das Fell ver­näht, wenn die die Fin­ken­wer­der mit dem Fin­ken­wer­der Loch auf­zö­gen und sie frag­ten: wo­nem is dat Fink­wer­der Lock? und dann selbst die Ant­wort gä­ben: dat is vullsch … – hier be­sann sich Ge­sche Ke­tel­schra­per noch recht­zei­tig, dass sie bei fei­nen Stadt­leu­ten war, und sag­te die Ant­wort lie­ber auf Hoch­deutsch und ein biss­chen ver­blümt: das ist voll­ge­sch–au­felt, und woll­te im An­schluss dar­an schät­zungs­wei­se noch einen Druck­bo­gen an­de­re in­ter­essan­te Fin­ken­wer­de­ria­na hin­ter­her re­den, wur­de aber von mei­ner schon längst an den Dräh­ten der Un­ge­duld zap­peln­den Frau un­ter­bro­chen: