Der Kronprinz des Selbstvertrauens - Markus Meisl - E-Book

Der Kronprinz des Selbstvertrauens E-Book

Markus Meisl

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Beschreibung

Die Geschichte steht und fällt mit Markus Meisl, einem Mittdreißiger, der in einem Konzern für Toilettenhandel arbeitet: als engagierter Fachmann. Er unterstützt die Menschen bei der Auswahl einer neuen Toilette, die dem Heckteil entspricht. Zu seinen Kunden zählen Persönlichkeiten wie der berühmte Schauspieler Bermuda Jack oder ein gefährlicher Energieräuber. Die Beziehung zur Familie ist eng: ein Vater, eine Mutter, Bruder und Schwester. Doch besteht eine Kluft zwischen den Erwartungen des Stammes und seinem Fallobst. Es kommt zu einem Streit und zur eindeutigen Erkenntnis des Vaters, wenn auch verbrämt durch Worte: meine Kinder, alles Nieten. Meisl am Rande des Abgrunds. Wie dem Herren gefallen? Wie den Anschluß bekommen? Eines Tages große Bewegung in der Firma. Eine neue Kollegin wird angestellt, sympathisch und hübsch. Meisl lernt mit ihr im selben Kurs und verliebt sich sofort, Halbwertszeit: 10 000 Ständer. Unrasiert. Doch die entzückende Schönheit entscheidet sich für seinen Erzfeind, den Macho und Trendsetter Rapotovsky, genannt der Clown. Kann es noch schlimmer kommen? Auch unter der Gürtellinie? Ja. Die übergewichtige und loyale Sekretärin, Fräulein Krüger mit dem großen Hintern, entwickelt auch Interesse: und zwar für Meisl! Doch kann er ihre Gefühle nicht erwidern und die Spannung im Büro nimmt zu. Schließlich Rettung in letzter Sekunde: der Geheimdienst entdeckt bei Meisl einen vierten Gehörknöchel, der es ihm ermöglicht, hinter die Kulissen zu hören, was die Menschen bewegt. Er wird engagiert, ausgebildet und in die gefährlichsten Regionen der Erde geschickt, um den Frieden zu bringen: in die Sahelzone, in den Regenwald, ins Revier des Eisbären. Zu seinen Kunden zählen zerkriegte Clans, ein General und Diktator und das nordische Volk der Inuits, bedroht durch den Müllberg der Atomlobby. Seine Aufgabe ist es, zwischen den Fronten zu vermitteln und den Ausgleich zu bringen. Doch kann das immer gelingen?

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Seitenzahl: 601

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Markus Meisl

Der Kronprinz des Selbstvertrauens

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.Kapitel

2.Kapitel

3.Kapitel

4.Kapitel

5.Kapitel

6.Kapitel

7.Kapitel

8.Kapitel

9.Kapitel

10.Kapitel

11.Kapitel

12.Kapitel

13.Kapitel

14.Kapitel

15.Kapitel

16.Kapitel

Impressum neobooks

1.Kapitel

Morgens bei dichtem Schneefall aufgewacht, der allen Ausblick versperrt, tagsüber konfrontiert mit Suppe voll Schleim und lauter Arbeit, wenn verfügbar; abends die Frau schlecht gelaunt im Strohbett und der Mann nicht besser, wenn verfügbar; da war es schon von Vorteil, nicht das Nachthemd zu lüften.

Aber freilich waren Grauen und Schrecken nicht immer an der Tagesordnung, unsere Ahnen wagten sich aus ihren Häusern hervor, blickten scheu und glaubten ihren Augen kaum: draußen war nun Frühling und so manches verfügbar.

Im übrigen aber arrangierte man sich mit allem Unkraut so gut es eben ging, wenn es gerade hing, und vielmehr, so hieß es, lebte im Innersten eines jeden Menschen ein Diamant, der das Licht aus allen Tagen der Sonne enthielt; dieses Licht, so hieß es weiter, schlummerte in jeder Verbrecherbrust und bedurfte nur der Erweckung, um seinen Segen und sein Wohl zum Vorteil von allen zu entfalten; selbst zur Erquickung der blutsaugenden Steckmücken.

Dann aber geschahen wieder seltsame Dinge; die Kühe wollten keine Milch mehr geben, das Gemüse auf den Feldern bekam Ausschläge. Die Menschen waren geübt im Erdulden, oh, sie waren Meister darin, aber als auch die häuslichen Betten immer öfter trocken blieben und bittere Worte über die Tische gingen, stellte sich endgültig Frustration ein und große Lethargie.

Aber Verzeihung, auch das würde vorüber gehen, überstrahlt durch die Kraft und Schönheit des Diamanten, der in jeder Brust gebettet lag. Alles würde gut sein bis zum Heiraten.

Ich, Markus Meisl, soeben 34 geworden, bestreite meinen Unterhalt in einer Firma für Wasserklosetten. Meine Aufgabe ist es, den Verkauf zu forcieren und an diesem menschlichen Abgrund kompetent zu beraten. Ich habe eine große Nase und schöne Augen, breite Schultern und Haarausfall. Auch eine Brille und Tendenz zu Schweißfüßen. Ich bin noch nicht verheiratet.

Mein Arbeitsplatz ist mein Reich. Ich sitze in einem Büro, deren Plätze durch Trennwände unterteilt sind. Eine Reihe von Büropflanzen, sorgsam verteilt in Töpfen, umschlingen meinen Bildschirm, Teile des Regals, der Verbauung, spendend Schutz und Geborgenheit. Auf meinem Arbeitsplatz herrscht Ordnung; Kataloge, Broschüren, Klammermaschine, jedem gebührt sein Platz. Auf meiner Pin-Wand hängen wichtige Adressen und Nummern, darunter Grußkarten von Freunden, Spaßkarten, Büroweisheiten. In meinem Micky-Maus-Füllerhalter befinden sich, wohl verteilt, Lineal und Buntstifte.

Doch manchmal ist auch Horrorbetrieb.

Das Telefon läuft über, Bestellungen langen ein, Mappen und Kataloge liegen wild durcheinander, meine Brille schief auf der Nase. Aber spätestens bei Dienstschluß, wenn ich meinen Platz verlasse, ist alles wieder, wo es sein soll; der Bildschirm neben dem Locher, das Telefon neben der Tastatur, die Broschüren in der Lade und fünf Liter Bohnenkaffee: am Portalus gastriticus.

Aber auch sonst ist viel los. Hinter meiner Wand befindet sich der Nachbarplatz, besetzt von Kollegin Blau. Flotte Beine, tiefe Stimme, ein Gesicht zum Portraitieren. Aber Verzeihung, bereits vergeben, in die Obhut eines Berufsboxers. Wir verstehen uns gut, helfen und ergänzen uns, zwischendurch ein Scherz. Ich bin nämlich nicht so gut in Rechnen und Fachdeutsch, aber Fräulein Blau, ein Musterbeispiel!

„VORSICHT HERR MEISL, AB EINER ANZAHL VON DREI TOILETTEN MUSS EIN ZWEITES VENTIL EINGEBAUT WERDEN!“

Ich blicke von meinen Akten auf, überlege kurz, kann dann aber nur bestätigen:

„OH, JA, DANKE. DAS HÄTTE ICH BEINAH VERGESSEN!

Kurze Pause.

AH, FRÄULEIN BLAU. WAS IST WEISS UND ROT UND DANN: BRAUN?“

Eine wohl arrangierte Frage.

Schweigen, sie weiß es nicht.

„EIN TAMPON AUF SCHWIMMKURS.“

Da hebt Frau Blau ihren Kopf, mit Stirnfalten, in horizontaler U-N-D vertikaler Ausrichtung; doch dann, bei genauerer Überlegung: ein schelmisches Schmunzeln, geformt von prächtigen Lippen.

In meiner Bucht herrscht Windstille. Meine Pflanzen absorbieren jeden Streßandrang von außen, bildend eine Aura der Unantastbarkeit; selbst mein Chef akzeptiert diese Grenze. Wenn er etwas zu sagen hat, tut er es über die Trennwand. Garantiert.

Nur einmal, in einem Moment ausgesprochener Meinungsdifferenz, platze er in meinen geschützten Bereich wie ein Wirbelwind und fummelte am Bildschirm herum, unablässig belehrend und verbessernd: Meisl, können sie denn das nicht sehen! Mit dem prekären Unterton: dann, ja dann müßte ich an ihnen zweifeln!

Ich benötigte mehrere Tage, um mich von diesem Vorfall zu erholen. Ich zog in Erwägung, meine Pflanzen durch alle mögliche Arten von Kakteen zu ersetzten, mit langen Stacheln, ohne Widerhaken; das wäre ein Signal, oder doch zumindest praktisch, zum Sammeln von Spickzetteln.

Mein Arbeitstag ist geregelt. Morgens, pünktlich um acht, läuft die Kaffeemaschine. Alles beginnt mit einem bohnenstarken Trank. Zuerst arbeite ich die Anfragen des Vortages auf, Tipparbeit am Computer. In der Regel sind es Toiletten für Privatkunden, die ich anbiete und verkaufe, in verschiedenen Formen, Farben und Arrangements. Wir haben auch Wasserbetten im Programm, aber das ist eine andere Abteilung.

Dazwischen klingelt das Telefon und ich erhalte weitere Anfragen. Dann schlage ich meinen schlauen Katalog auf und informiere über Produkte, Skonti und Lieferzeiten. Unsere Kunden haben genaue Vorstellungen und in eine neue Toilette will klug investiert sein; man kann ihnen nichts aufschwatzen. Es geht um einfühlsame Begleitung, das schätzen die Menschen. Dazwischen greife ich zur Lade und nehme eine Vitamintablette. Von Vitamin A-A bis Zitrusfrucht ist alles enthalten.

Etwa um halb elf kommt der Gang in den Expedit. Ich muß zwei Stockwerke tiefer, in die Abteilung, wo unsere Produkte gelagert, verpackt und versandt werden. Es tut gut, sich ein wenig die Beine zu vertreten und den Hosenboden zu lüften. An guten Tagen habe ich eine kleine Melodie auf den Lippen und keinen Schweißfleck am Rücken.

Nicht mit jedem aus dem Expedit verstehe ich mich gut. Bei einer Ansammlung von mehreren Leuten gibt es immer zumindest einen, bei dem die Hände schwitzen und der Blutdruck zu steigen beginnt. Auch läßt sich Gesprächsstoff mitunter etwas spröde oder gar nicht schmieden und so verrichte ich meine Arbeiten rasch und zielorientiert. Nur beim Kaffeeautomaten treffe ich einen Kollegen aus dem Lager, mit dem die Kirschen ganz gut schmecken; ich zahle ihm einen Becher Automatenkaffee, coffeinstark, und so plaudern wir über Kant und Nietzsche, Snoopy und Schopenhauer.

Nach einer gewissen Zeit fühle ich, daß es genug ist; ein bestimmtes Maß an philosophischer Kost wird geduldet, es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Aber die Augen des Chefs schlafen nie und die Kunden haben Vorrang. Es ist klug, die Regeln zu kennen.

Auf dem Rückweg in mein Stockwerk befindet sich eine Etage, an deren Wand ein Basketballkorb hängt. Auch ist es ein toter Winkel im Kamerasystem des Betriebes und wenn sich jemand nähert, hört man es zeitig. Ich bleibe also stehen, reiße die Perforierungen meines Bestellscheinen ab und knülle sie zu einer Kugel. Dann lege ich die Mappe zur Seite, beuge mich leicht nach vor und werfe das Papier in hohem Bogen und ... genau in den Korb. Ich bin zufrieden, es ist der Beweis: ich kann es noch.

Gleich vis a vis hängt ein Spiegel. Ich drehe mich um und riskiere einen Blick. Aha, dort eine kleine Korrektur an der Frisur, da eine Anpassung der Kragens, und dort, ein Mitesser, Moment, jetzt nicht mehr. Und auch die Krawatte muß sitzen - jeder hat ein Auge drauf.

Als ich ins Büro zurück komme, gibt es schon Besuch. Der Chef winkt mich zu sich und übergibt mir ein junges Paar, das gekommen ist, um sich über eine neue Toilette zu informieren. Ich übernehme unverzüglich und führe die Kundschaft in das kleine Besprechungszimmer - dort haben wir eine gemütliche Sitzecke mit Mini-Bar und Firmenfahne. Ich weise die beiden ein: Der Mann nimmt Cognac, die Frau ein stilles Wasser. Ich verdünnten Orangensaft, denn Mitarbeitern ist der Konsum von Härterem verboten. Das heißt, ich würde mir nehmen: einen Aperitif mit Cocktailkirsche und Highlandwhisky.

Das junge Pärchen hat schon eine gewisse Vorstellung und so ist guter Rat entbehrlich. Sehr schnell aber merke ich, daß ich mich eines gewissen Eindrucks nicht erwehren kann: wenn da nicht der Schnurrbart wäre und die Brille, würde ich schwören, der Mann mir gegenüber ist Bermuda Jack, der weltberühmte Filmschauspieler; ich werde ein bißchen nervös und stocke, die Ähnlichkeit ist so frappant, daß ich mich beinahe veranlaßt fühle, zu fragen: „Entschuldigen Sie, sind Sie nicht Bermuda Jack, der weltberühmte Filmschausspieler?

Ich tue es nicht. Aber auch an der Dame zeigt sich etwas Irritierendes; sie hat eine unübersehbare Oberweite und einen großräumigen Ausschnitt, ein Juwel für jeden Ausschnittskundler; aber bei einer gewissen Bewegung erscheint auf ihrer Brust eine Spinne, eine Tätowierung; beugt sie sich zurück, verschwindet die Spinne, lehnt sie sich nach vor, erscheint sie wieder; ich muß hinsehen, sehr direkt. Da lächelt die Dame und – es gefällt ihr.

Da merke ich, wie meine Hände zu schwitzen beginnen und meine Stimme einen brüchigen Ton bekommt. Es ist nicht leicht, Toiletten zu verkaufen. Aber ich nehme all meine Seriosität zusammen, ich bin schließlich durch eine gute Schule gegangen, und informiere weiter - ja, da werden wir bestimmt eine Lösung finden, die Schüssel in Erdgrau, die Brille in dunkler Steinfarbe, dazu verchromte Zierleisten und die reißfeste Zugleine, alles zum Vorteilspreis, weiters Duftsteine, frei Haus, und ich kann nicht anders, als wieder auf diese Spinne zu starren, beheimatet auf dieser Brust. Und die Frau strahlt, und dieser Mann, der Bermuda Jack so ähnlich sieht, wäre da nicht die Brille und der Bart, und ich bin geneigt daran zu ziehen, um zu sehen, ob er falsch ist, schließlich begegnet man nicht alle Tage einem berühmten Schauspieler wie Jack und ich frage mich, ob es wohl milchtrinkende Spinnen gibt, und als das Gespräch beendet ist und die beiden zur Tür hinaus gehen, haben sie gut gewählt, vortreffliche Form und warme, erdverbundene Farben und ich stelle mir vor, wenn ich nun doch gefragt hätte ...

„Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht Bermuda Jack, der weltberühmte Filmschausspieler?

Tatsächlich?! Ja?! Sehr erfreut!

Und ihre Spinne auf der Brust, Madame, ist sie echt? Ja? Und, trinkt sie Direktmilch oder auch von Trockenpulver?“

Hier merke ich, daß ich völlig durchgeschwitzt bin.

---

Endlich ist Mittagspause. Um die Stoßzeit des Betriebes zu umgehen, gehe ich schon zehn Minuten früher in die Kantine. Ich wähle vegetarisch, Auflauf und Pudding. Sitze ich nicht mit einem Kollegen zusammen, genieße ich die Ruhe, esse bewußt und langsam, und übe mich im Ordnen und Polieren meiner Gedanken. Es ist wichtig, dies von Zeit zu Zeit zu tun.

Mein Blick fällt auf die weibliche Kollegenschaft, die nach und nach eintrifft. Es gibt Verheiratete und Unentschlossene, konventionell und vegetarisch. Das ist Geschmackssache. Der Frauentyp, der mir gefällt, hat Brüste, einen Po und gesunde Drüsen. Es ist schließlich der Klassiker, der seine Wirkung nicht verfehlt, die schönen Beine, die großen Milchkannen, die weder in Grönland, noch in Feuerland ein Vermittlungsbüro brauchen.

Aber ich kann auch verzichten, auf ein oder sogar zwei dieser Attribute, wenn sich das Divergierende trifft, im Schatten der Peripherie. So sind wohlgeformte Waden in Strümpfen gut, aber erst wenn die Hüllen fallen und es sich zeigt, daß im Haus kein Rasierer vorhanden ist, bin ich überwältigt. Auch gefällt mir ein sinnlicher Mund, ästhetische Lippen, aber nur wenn sie sich öffnen und zeigen, daß die Zähne nicht vom Katalog sind, werde ich so richtig scharf. So ist es.

Seit meiner Geburt habe ich einen Hang zur Melancholie.

Woher sie kommt, was sie hält, ich weiß es nicht. Nicht, daß ich kein Talent zum Lachen und auch meine lichten Momente hätte, aber von Zeit zu Zeit meldet sich Schwermut in mir, daß ich stillstehen und mich anlehnen muß. Ich glaube, es ist eine Traurigkeit, ganz tief in mir. Auch besuche ich gerne Friedhöfe und spaziere zwischen den Grabsteinen; dann entdecke ich Namen, Zahlen und Fotographien. Manche verraten ein langes Leben, andere ein straffes, nichts aber über die Intensität oder die Farbe der Augen. Ich glaube, auf einer bestimmten Ebene fühle ich Verbindung zu den Toten und ein wenig Müdigkeit; ich denke aber nicht, daß das der Normalität entspricht.

Von mir gibt es bislang nur eine Zahl und den Bindestrich. Ich hab´s nicht eilig. Viel eher sind es die Lebenden, die mich traktieren und plagen, große Leistungen, herausragende Abenteuer, ein Vorzugskonto. Und sehe ich junge Paare im Park, schwelgend im Glück, nur in der Horizontale die Schwerkraft, nagt es an der gleichen Stelle. Dann kommt es zu folgenschweren Vergleichen und einer Inventur mit Schmerzen:

Ing. Meisl, B-Matura, Fortbildungskurse in Verkaufswesen, Computerwirtschaft; breite Schultern, schöne Augen, jedoch Haarausfall und Schweißfüße; Beziehungserfahrung homöopathisch, keine Kinder; Geld für Auto, ja, aber mit Geschwindigkeitsbeschränkung. Besitzer eigener vier Wände, ja, aber erst nach dem Ableben, zusammen mit den Würmern. Fremdsprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Bulgarisch, Fachchinesisch. Jedoch bei Aufregung stotternd. Seit frühester Kindheit eine Brille.

So ist es.

Nach dem Essen geht das Leben weiter. Magen und Darm müssen verdauen und so befinde ich mich unsichtbar, doch weiter in reger Beschäftigung. Fette und Kohlenhydrate müssen aufgeschlossen, Proteine assimiliert, Vitamine geknackt werden. Das ist keine Kleinigkeit und erfordert ein gründliches Voranschreiten. Ich fühle die Tiefe und Kraft dieses Vorganges und kann mich in meinem Sessel kaum rühren. Auch ist es heiß, meine Pflanzen scheinen in ähnlicher Verfassung, lassen ihre Blätter hängen und bilden um mich einen Flor von Trägheit. Erst nach einer halben Stunde fühle ich wieder mehr Kontenance und Durchlässigkeit und kann mich meinen Ordnern widmen. Zur weiteren Bewältigung meiner Aufgaben nehme ich eine Vitamintablette.

Von Vitamin Attacke bis Zielpunkt ist alles enthalten, sagt mein Apotheker.

Gegen zwei Uhr nachmittags, kommt es im Betrieb zu einer allgemeinen Geschäftigkeit. Die Kollegen ordnen ihre Schreibtische, sichern Daten, kippen den letzten Rest des Automatenkaffees; mancher optimiert seinen Scheitel mit einem strengen Blick in den Handspiegel, Frauen erneuern ihre Reizlippe, ohne am Schminkstift zu sparen. Dann aber stehen alle, einer nach dem anderen auf - und - es ist nicht der Gang auf die Toilette.

Denn einmal im Monat findet die Generalversammlung statt, zu der die gesamte Belegschaft geladen wird. Mit einer Leinwand und Projektor wird der aktuelle Rechnungsbericht vorgestellt, Entwicklungen besprochen, Neuigkeiten präsentiert. Als ich komme, sind schon die meisten Plätze besetzt, nur in der ersten Reihe, ganz vorne, da sind noch die meisten frei; also nehme ich Platz und klappe die seitliche Auflage nach unten.

Noch müssen vorne ein paar Steckverbindungen hergestellt, technische Hürden überwunden werden; schließlich aber steigt mein Chef auf das Rednerpult, die Versammlung beginnt.

Wehrte Kollegen!

Ich begrüße Sie zur monatlichen Generalversammlung! Sie wissen, unser Unternehmen war und ist eine Erfolgsgeschichte. Das geht nur durch Zusammenhalt und eine Philosophie, die Schwung bringt. Schon unsere Gründerväter wußten das, sie hatten mit der Einführung des Wasserklosetts eine neue Ära eingeleitet und die Hygienestandards revolutioniert. (An der Wand hängen Photos in Schwarz und Weiß, Portraits von würdevollen Männern mit Bärten, Fracks und Nickelbrillen) Aber die Konkurrenz ist schon lange da und wir beobachten sie ständig. So hat der Markt in letzter Zeit große Schwankungen erlebt, besonders nach seiner Öffnung für chinesische Produkte. Und diese Entwicklung gilt es verschärft zu beobachten! Bitte um die erste Einspielung!

. . .

Auf der Leinwand erscheint das Photo eines Wasserklosetts in Gelb und Diamantschwarz. Die Form ist schnittig und kompakt, seitlich in einem Holster ruht die Klobürste. Der gesamte Korpus ist stromlinienförmig, man hat das Gefühl, es könnte jeden Moment losgehen.

. . .

Was sie hier sehen ist die neueste Erscheinung auf dem chinesischen Markt, ein Klosett, das bereits zu Millionen hergestellt wurde und bald auch gegen unsere Grenzen preschen wird. Und das ist die Gefahr: Die Chinesen produzieren billiger!

Ich notiere alles. Manches unterstreiche ich, das hilft im nachhinein das Essentielle zu fassen. Und ich brauche es für meinen Job.

Ja, wehrte Kollegen! Es besteht die Gefahr der Infiltration. Aber auch wir haben nicht geschlafen und ein Modell in die Welt gerufen, das nur geringfügig teurer, aber entschieden besser ist.

Auf der Leinwand erscheint es.

Bitte beachten Sie das Design, die versenkbare Brille mit antibakterieller Beschichtung. Auch die Vakuumpumpe mit Vorwärmer und am Spühlkasten, elegant integriert, ein CD-Deck mit programmierbarem Dreifachwechsler. Musik unterstützt den Vorgang, der Muskel entspannt.

Alle klatschen.

Inzwischen hat der nächste Referent seine Notizen geordnet.

Er hat einen Vortrag über Wasserbetten vorbereitet und wie sich der Kaiser dazu geäußert hatte, der alte Mann vom Schloß.

*

Pünktlich um fünf endet mein Arbeitstag. Ich nehme meine Jacke vom Haken und verabschiede mich bei den Kollegen. Draußen auf dem Parkplatz scheint die Sonne und überall stehen die Autos. Es sind nur ein paar Meter und ich habe mein Fahrzeug bald erreicht; glänzend schwarz, ein Tank mit Muster, viel Chrom und Leder, ein Rad vorne, das zweite hinten dran; ich löse die Krawatte, so wie man sich von einer Schlinge befreit, und werfe sie in den Gepäckkoffer. Noch den Sturzhelm aufgesetzt und auf in den Feierabend.

Am offenen Schranken der Firma bleibe ich kurz stehen, stoße dann aber mit jähem Ruck in den Verkehr, ganz knapp vor dem Nahen eines Autos. Kein Problem bei 50 PS: pro Speiche.

Auf der Straße ist viel los. Menschen gehen, Menschen kommen, Ampeln schalten auf Rot, Fußgängerphase, Ampeln schalten auf Grün, es brüllt der Querverkehr. Ich liebe es, meiner Maschine die Sporen zu geben und mich durch diesen Betrieb zu schlängeln. Die nächste Ampel blinkt bereits schattig-waldgrün, ich bin noch ein gutes Stück entfernt; hier läßt sich beweisen, welche Kraft der Beschleunigung ein schmuckes Zweirad zu leisten vermag. Ich lege mich flach, drehe das Gas gegen den Anschlag und fahre über die Kreuzung, daß es nur so saust. Eine Rakete ist ein Furz dagegen.

An der nächsten Ampel ein Zwischenfall. Ich komme gerade um die Ecke und will die Kreuzung queren, als ein Auto abbiegt, gänzlich mißachtend die Verkehrsordnung; nur eine Vollbremsung kann die Kollision verhindern. Augenblicklich stehen zwei Fahrzeuge quer, die Seitenscheibe eines Wagens senkt sich herab. Der Fahrer, ein Bodybuilder mit Glatze und getuntem Schnurrbart beschwert sich sofort, er kann sich kaum halten; alles geht so schnell, daß es mir unmöglich ist, sofort zu reagieren. Dann aber wende ich meine Maschine und fahre den Mittelfinger aus, während die anderen in der Garage bleiben; das erzeugt weitere, schwer zu beschreibende Reaktionen. Aber da bin ich schon wieder davon.

Weiter draußen, gegen den Stadtrand, wird es ruhiger. Der Verkehr ist nicht mehr so dicht, alle Menschen werden gelassener. Das bewirkt auch bei mir eine ruhigere Fahrweise; und es gibt mehr Blumen und überall freie Parkplätze, auch für große Limousinen. Und noch weiter, als ich den Körper der Stadt verlasse und auf das Land komme, nochmals ein bedeutender Wandel: alles wird weiter und gedehnter, der Verlauf der Straße natürlich, der Hitze fehlt Gestank. Und ich steuere zu auf die Kurven und lege mich rein, jede einzelne bedeutet Widerstand, das ist Erotik, das ist Freiheit. Die Kühe grasen in der Sonne und verzieren die Weide, der Geist ist tolerant. Und wenn ich in einem der ländlichen Orte aufkreuze, weiß ich, ich bin ein Ritter, ein Abenteurer, auf meinem Roß aus Chrom und Stahl.

Einige Zeit später halte ich inmitten eines kleinen Dorfes. Es ist sehr still, kein Mensch ist zu sehen. Nur ein paar Enten queren die Straße, langsam und dabei den Gänsemarsch kopierend. Aber der Ort ist nicht nur von Tieren besetzt. Es gibt sogar ein Cafe, mit Tischen und Stühlen im Freien. Ich steige von meiner Maschine, klemme den Helm unter die Achsel und gehe über den Platz: der Ritter kehrt ein und hält Rast auf seiner Reise durch aller Herren Länder, begleitet von Gefahren, von Siegen und Kämpfen; es ist ihm zu eigen, stets da zu sein für die Kranken und Schwachen und, wenn es darauf ankommt, auch den Querulanten die Klinge zu biegen.

Da bewegt sich etwas hinter den Blumen - es ist klein, unsicher und tastend. Und dann, die Überraschung: ein Kätzchen, wohl erst wenige Wochen alt. Ich bleibe in der Reserve, beobachte es und bin berührt von diesem kleinen Wesen, es wirkt noch so zerbrechlich; aber dann kann ich nicht anders und hebe es hoch. Ich muß es einfach streicheln und halten, herzen und kosen. Es weiß noch so wenig von der Welt und bedarf der vollen Fürsorge. Hast du dich etwa verlaufen, deine Mutter verloren? Weißt du, wie du wieder zurück findest? Momentan habe ich das Gefühl, die Obhut für dieses Tierchen übernehmen zu müssen. Aber da fällt mir ein: alle Kinder unterstehen einem besonderen Schutz und nur wir Erwachsenen sind es, die zuweilen den Sattel verlassen. Ich setzte das Kätzchen wieder ab und schon hat es mich wieder vergessen und ist ganz eingenommen vom Licht und Schatten, aber schon auf sicherem Weg, seine Instinkte zu entwickeln.

Endlich kommt die Kellnerin auf dem knirschenden Kies; sie ist sehr freundlich und ihre Beine - aus vortrefflicher Werkstatt. Auch die Brüste, sehr ansehnlich, ausgezeichnet für meinen Ausflug; ich bestelle einen Kaffee mit Kuhmilch, noch frisch und warm; der Kellnerin auf dem Rückweg zur Küche nachzusehen, es kostet nichts.

---

Als ich meine städtische Wohnung erreiche, ist schon Abend. Ich trete in das Vorzimmer und tausche den Sturzhelm gegen die Filzpantoffeln. Gleich in der Küche erwarten mich Max und Moritz, meine beiden Goldfische. Sie geben mir das Gefühl, nie alleine zu sein. Max und Moritz leben in einem Aquarium mit Stein und Pflanze und haben Spaß; ich gebe sehr darauf acht, daß sie sich wohl fühlen und keine Beschwerde vorbringen. Eine Wasserpumpe sorgt für frische Sauerstoffzufuhr.

Aber auch meine Küche ist ein Ort des Wohlbefindens, von wo ich den Gang der Geschichte verfolge. Alles was ich dazu benötige, ist eine Auswahl von Tageszeitungen, begleitet von Genuß und Speise.

Alles beginnt am Herd. Ich öffne zwei Packungen Tiefgefrorenes, Vollkornlaibchen und Pommes, und schiebe den Inhalt, gleichmäßig verteilt, ins Backrohr. Dann wasche und schneide ich einen Kopfsalat und versetzte ihn mit Essig.

Noch ein Blick auf das Geschehen im Backrohr, die Pommes lassen schon einen knusprigen Rand erahnen, dann kommen die Goldfische dran. Ich gehe zum Aquarium und greife ins Wasser; ich sehe, die Pumpe ist intakt, das ist wichtig, denn die Tiere reagieren sensibel; sodann fallen Flocken von Fischfutter, nur die allerbeste Marke. Max und Moritz sind alarmiert, ruckhafte Bewegungen und schon zeigen die Fischleiber ihre kleinen Mäuler. Ich liebe diese Tiere mit ihren effizienten Bewegungen und der glänzenden Haut. Es ist eine Schönheit - frei von allem Affekt.

Endlich sind die Laibchen und Pommes durch. Ich schütte alles auf ein großes Teller und mache es mir gemütlich. Dazu Salat, ein Krug Limonade und die Zeitungen. Zur Hebung der Atmosphäre zünde ich drei Kerzen an, die in einem prunkvollen Ständer stehen, ausgezeichnete Handarbeit; Florenz, 17. Jahrhundert - sagt mein Mann vom Flohmarkt.

Es beginnt.

„WIEDER UNRUHEN AUF DER STRASSE, ARBEITSLOSIGKEIT SO HOCH WIE NIE!“

Ich streue Salz auf die Pommes und drücke aus der Flasche Ketchup und Majonäse; nicht zu wenig.

„LEBENSMITTELPREISE WIEDER GESTIEGEN!“

Ich steche ein Stück vom Kornlaibchen ab und lasse es im Tiefflug über die Soße gleiten und sodann in meinem Mund verschwinden, endlich Kontakt mit Futter und Würze, Speichelflutung im gesamten Mundraum. Gleich darauf ein großer Schluck von der Limonade, Vermählung der Sinne, Ausgleich der Kräfte. Dann fasse ich mit der Gabel einen Schwung Pommes, herzhaft und gut.

„WIEDER DEMONSTRATIONEN VOR DEM PARLAMENT, POLIZEI MUSSTE EINGREIFEN!“

„KLIMAWANDEL SCHNELLER ALS BERECHNET, HURRIKAN ÜBER LONDON!“

Ein Laibchen um´s andere zerteilt sich, verschwindet von meinem Teller, gefolgt vom knackigen Salat, der Berg aus Pommes schrumpft, Majo und Ketchup vermischen sich, Hochzeit aus Rot und Weiß, Salz auf das Brot des Sündenfalls.

Schließlich komme ich auf ruhigeres Terrain und widme mich den allgemeinen Meldungen; nun gilt es, die letzten Reste der Mahlzeit zu bergen und nichts von der Soße zu verschwenden. Die Kerzen werfen ein romantisches Licht, auch habe ich ein Gläschen Absinth vorbereitet.

„LADY OPIUM, DIE GROSSE SCHAUSPIELERIN - DRITTE BRUST-OP IN EINEM JAHR!

OBERWEITE AUF 110 GEWACHSEN!“

Ich kippe den Absinth in einem.

Dann folgt Joghurt mit Früchten, Rendezvous von Himbeeren und Brombeeren, dazu passend die Witzseite.

Nun sitze ich schon sehr tief im Sessel, bis in die Zehennägel befriedigt. Mein oberster Hosenknopf und sein Schlitz, sie haben den Wunsch - sich zu trennen, auch ohne Beziehungsärger. Und ich rühre in den Resten des Joghurts, wie in meinen Gedanken; vor einer Stunde stehe ich hier nicht auf.

Nun ist es an der Zeit, das Fernsehprogramm zu nehmen und mit Rotstift die neuesten Filme und Sendungen zu orten: Dokumentationen und Horrorfilme, Action und Serienspaß, dazu die neuesten Nachrichten aus der Welt der Prominenz. Ich genieße diesen Gang besonders, das Leben kommt aus den Glanzgruben der Unterhaltungswelt, Magen und Darm, Galle und Leber tun das ihrige, es ist wirklich erholsam. Auch Max und Moritz halten nun Feierabend, ruhig schwebend im Wasser, in ihrem Element, es sind nur die sparsamsten Bewegungen, die sie vollführen; die Uhr, man hört sie ticken.

Was kann den Abend jetzt noch erschüttern? Ich meine, es ist ein Hauch von Vollkommenheit.

Schließlich stehe ich auf, der Knopf und sein Loch, sie halten zusammen. Ich gehe in den Vorraum, werfe einen Blick in den Spiegel. Mein Gesicht: wie immer. Zwei Augen, zwei Lippen, die Nase davor. Dann nehme ich die Jacke vom Haken und verlasse die Wohnung ...

Draußen empfängt mich der Abend, der Himmelsbogen; die Straßen schweigen, die Sterne funkeln. Schließlich erreiche ich die andere Seite des Hofes und öffne die Türe. Über eine Treppe gelange ich in den Keller und zu einer weiteren Türe; eine Schnalle, ein Lichtschalter und die Lage erhellt sich.

Ich trete ein. Alle Wände des Raumes sind geschmückt, der Boden aus solidem Betongrund. Vorne an der Wand steht ein Podest. Davor eine Kamera mit Dreibein und sexy Netzstrümpfen.

Es geht los.

Ich öffne mein Hemd, Knopf für Knopf, von oben nach unten. Meiner Sache sicher, öffne ich auch den Gürtel, die Hose, das Uhrband. Nur das Höschen bleibt dran. Dann gehe ich zum Schrank, fasse einen der Kleiderbügel und ziehe ein weißes Kostüm hervor: es ist hauteng und hat Stickereien von Gold und Silber. Es anzuziehen, ist die Metamorphose; jede Unebenheit wird geglättet, jede Motte erschreckt. Dann noch die Perücke mit den unvergesslichen Kotelleten!

Und fertig: Elvis Presly, the King of Rock´n Roll!

Zur Aufzeichnung meiner Arbeit stelle ich die Kamera ein und prüfe die Linse - denn die künstlerische Qualität, sie will erarbeitet sein! Behutsam nehme ich die Gitarre, werfe den Riemen über die Schulter und besteige das Podest.

Begrüßung des Publikums! Eine jubelnde Menge füllt die Halle bis auf den letzten Platz, auch die Mäuse vom Keller verlassen das Loch. Die Atmosphäre ist geladen, ist positiv - es müssen Tausende sein, unter dem Licht der Scheinwerfer! Ich begebe mich in Stellung und beginne mit einem alten Hit. Schon nach den ersten Akkorden klatscht und quietscht das Publikum, unter dem Eindruck der Wiedererkennung. Auf das wärmste ermuntert mache ich weiter, übertreffe mich selbst, meiner Gemeinde verpflichtet. Dann kommt der Moment, wo ich meinen Hüftschwung einsetze, das legendäre Markenzeichen; jeder hat schon darauf gewartet, aber nun ist es wieder überraschend, wie beim ersten Mal. Die Masse kocht, die Menge brüllt. Sie lieben mich wirklich.

Ich habe diesen Hüftschwung im Laufe der Jahre perfektioniert und beherrsche ihn sogar automatisch, im Halbschlaf. Und das ist wichtig, denn es macht die Menschen glücklich.

*

2.Kapitel

Vormittag. Fünfzehn Grad im Schatten, siebenunddreißig und mehr unter den Miniröcken. Ventilatoren surren, bemühen sich fleißig, das Fieber zu kühlen. Verkaufslage angespannt, die Chinesen auf dem Vormarsch.

Auch Fräulein Blau trägt einen Rock und bewegt sich charmant wie immer, ganz der Sache ergeben. Ihre weiche, tief schwingende Stimme paart sich höchst interessant mit femininen Attributen.

„HERR MEISL, VERGESSEN SIE NICHT: MINDESTENS ZWEI LITER WASSER AM TAG ZU TRINKEN. DAS IST WICHTIG FÜR DEN ORGANISMUS.“

Der kollegiale Beistand macht den Unterschied. Alles für den Organismus, den Orgasmus; ich schenke sofort Wasser in meinen Becher, aus einem hellen Krug, und trinke, trinke ... da fällt mir ein ...

„ACH JA, FRAU BLAU, ...

WAS SUCHT EIN DOLLER PENNIS IM GEFRIERSCHRANK?“

Sie hebt ihre Brauen und erstarrt, meine Frage kommt überraschend, kommt hart. Doch in ihrem Gesicht treffen sich Neugier und Entrüstung, wie zwei, die es wollen.

Ich lasse sie raten, ein, zwei Mal, doch sie weiß es nicht.

„EWIGE JUGEND.“

Und sie setzt eine Verblüffung auf, wie Grießbrei, zu lang gekocht.

Da kommt mein Chef um die Ecke und wirft mir einen Stoß von Akten auf den Tisch.

„HIER MEISL, DAS MATERIAL ÜBER DIE NEUE TOILETTE! DURCHSEHEN UND BEWERTEN, ICH BRAUCH DIE DATEN BIS MORGEN!“

Er bleibt nur wenige Sekunden im Bild, mein Chef, mit seinem schnellen Gang und den von steter Arbeit gespannten Vorwärtsdrang; aber schon habe ich mich wieder an meinen Platz gesetzt und tippe am Computer, Anbote, Preise, Lieferzeiten; natürlich, bis morgen, es ist wie Sauerstoff in offene Glut, Lodern der Flammen, fünf Anschläge in der Sekunde, denn Zeit ist Geld, aber eben nur so lange der Zustrom hält; und das Feuer erschlafft.

Allmählich lasse ich meine Hände sinken, mein Blick schwenkt nach innen; ich starre ohne Ziel, doch seelenruhig ins Dunkel. So passiert es in letzter Zeit öfter, daß Gestalten vor mir erschienen, besonders zu Mittag, wenn Müdigkeit und Wärme mich umgarnen. Es ist wie ein kurzes Aufflammen von Gesichtern, die gleich wieder verschwinden. Ich frage mich, was sie bedeuten, ich frage mich, woher sie wohl kommen. Also, auch hier, alles beim Alten.

*

Einmal im Monat besuche ich meine Eltern. Es ist wichtig die familiären Bande zu pflegen und die Wurzel zu gießen.

Ich öffne das Tor eines kleinen Häuschens mit Garten. Am Aufgang stehen Pflanzen, schimmert die Glocke aus Messing und selten dauert es lange; die Tür geht auf und mein Vater erscheint. Er ist ein stattlicher Mann mit gepflegtem Vollbart, blauen Augen und markanter Stirn, das Haar, verweht vom Winde der Zeit. Er begrüßt mich wie ein strahlender Jungmann, denn er freut sich, wenn die Kinder kommen.

Ich betrete den Vorraum; überall atmet der Duft meiner Kindheit und Jugend, wenn auch schon etwas nostalgisch.

Meine Mutter werkt in der Küche. Sie ist eine kleine, athletische Frau, mit vollem Haar und Brille und immer geschäftig. Putzt sie nicht den Boden, entstaubt sie die Schränke. Wäscht sie nicht die Wäsche, so poliert sie die Gabeln. Und abends vor dem Fernseher, da schwingt sie ihr Bügeleisen. So hat die Natur entschieden: vom Vater die Frisur, von der Mutter den geschliffenen Blick.

Ich betrete die Küche, sie erkennt mich freudig. Und dann diese Geste wie aus Erwartung und sanftem Fordern: na, ein Küßchen? Und während sie unablässig den Kochtopf schruppt und mir die Wange bietet, erfüllt sich der Wunsch.

Auch im Garten ist viel los. Mein Bruder und meine Schwester arbeiten ruhig und mit beständiger Absicht; denn bald, so heißt es, kommt der Winter. Mehrjährige und spätblühende Pflanzen sind wegen des Frostes gefährdet; das muß rechtzeitig ins Haus, es muß der Garten winterfest gemacht werden. Meine Schwester steht im Gemüsebeet und entfernt die Plastikfolie, dazu die Befestigungspflöcke. Die gesamte Ernte ist bereits eingebracht, die Zierpflanzen im Eimer. Allein zwei Rosensträucher blühen noch, in Gesellschaft blauer Zierkugeln. Mutter verwendet sie jedes Jahr als Gartenschmuck, wie zwei letzte Standposten, bevor das große Frieren kommt.

Meinem Bruder fällt eine andere, jedoch nicht mindere Aufgabe zu. Er fährt mit der Schiebetruhe und holt die Zwerge ab; vorsichtig befreit er sie von Staub und Blättern, behutsam legt er sie in die Truhe. Sie sollen ins Haus, bevor der Winter einbricht und die Mützen zuschneit. Auch ein Zwerg hat Gefühle ...

Die nächste Arbeit betrifft das Obst, Äpfel und Birnen. Der Großteil wurde schon geerntet, lange schon zu Mus und Marmelade verkocht. Doch zwei, drei Äpfel, eine wackere Gesellschaft, hängen noch dreist in den Kronen. Sie verhöhnen den Frost.

Aber das ist nicht das einzige. Seit dem Sommer arbeitet Vater an einer neuen Gartenhütte, eine größere und schönere soll es werden, als die alte, mit eigenem Gesellschaftsraum, Vordach und Holzkohlegriller. Und eine Sitzecke und ein Tisch soll rein, auch eine Petroleumlampe und bunte Vorhänge, sowie ein Kanonenofen für kühle Abende.

Vorerst steht das Gerüst, samt dem Fundament. Auch das Dach ist schon gedeckt.

Aber noch ist manches zu tun und ich komme zum Zug. Gekleidet in eine blaue Arbeitsmontur und mit dem Werkzeugkoffer in der Hand marschiere ich auf, Vater wartet vor den Planken und Brettern der Baustelle. Er unterzieht die Hütte einem prüfendem Blick, weiß dann aber, wo wir fortfahren müssen. Da das Gerüst bereits steht, sind die Wände an der Reihe. Und er zeigt mir einen Trick, wie die Maserung eines Brettes zu verwenden ist, wie man eine Aussparung sägt, wie man richtig mißt, wie man das Stemmeisen führt, ohne sich selbst zu verletzten.

Da kommt Mutter mit nagelneuen Arbeitshandschuhen. Sie gibt sie uns, zur Schonung der Hände. Denn Finger – man hat nur zehn. Vater dankt ihr für den Hinweis und er gibt mir das Paar.

Inzwischen hat mein Bruder alle Gartenzwerge ins Winterquartier übersiedelt. Auch meine Schwester hat gute Arbeit geleistet: die blauen Zierkugeln sind weg, an ihrer Stelle bleiben die Holzstümpfe und die bloße Erde, müde vom Jahr, von aller Vegetation und Wachstumsarbeit. Nur die Rosen bleiben. Bis zum ersten Schneefall.

Da zeigt mir Vater, wie man Bretter richtig anlegt: es ist wichtig, sie ganz aneinander zu pressen, damit der Wind nicht durch bläst. Denn etwas nachtrocknen und schwinden tun sie ohnehin, und das macht sich bemerkbar, auch bei guter Dämmung. So ist es immer gut, die Lage zu kennen, vorauszubauen, zu planen, denn einmal mehr zu überlegen ist, bei Erwägung aller Gefahren niemals Verschwendung: die Kälte.

Endlich ist Mittag.

Meine Geschwister und ich treffen uns am Brunnentrog zum Händewaschen - die Meisl-Kinder vereint. Damit sich einer waschen kann, muß ein anderer die Pumpe leihern und umgekehrt. Auch gibt es für alle ein Stück Seife, so hart wie ein Knochen. Das Handtuch ist frisch, doch so groß wie ein Kalenderblatt. Bruder geht nach dem Vater, meine Schwester nach Mutter. Er: attraktive Augen, volle Sehkraft, der Haarschopf beim Teufel. Sie: außergewöhnliches Haar, pflegeleicht, die Brille: so schwer wie Aschenbecher. Und ich: na ja, ...

Und immer wieder ersteht dabei vor mir ein hehres und doch so fernes Bild; es scheint wie aus einem Traum, umkränzt von seligem Nebel: Der wahre Meisl - umwerfende Augen, mit der Sehstärke des Adlers und Haar, phantastisch, von außerordentlicher Wuchskraft und Geschmeidigkeit, daß die Bürsten nur so Schlange stehen. Bürsten in allen Größen und Formen. Werkstoffen und Farben. Für immer ...

Da kommt Mutter mit vier Töpfen und den Tellern; ein Wunder, wie sie das alles tragen kann, sie hält es, sie balanciert es, und sie stellt es auf den Eßtisch. Noch trocknen wir uns die Hände, kommen dann aber an den Tisch: Mittagessen im Freien.

Mutter verteilt die Teller und erklärt die Reihenfolge der Speisen. Es sind mehrere Gänge, Gemüse und Fleisch, Pikantes und Riskantes, vier Stunden Arbeit mit aufgescheuerten Knöcheln; und sie warnt uns: wenn es irgendjemandem nicht schmecken sollte, dann ... ja dann!

Jeder nimmt sich vom ersten Gang, Suppe mit feinem Sahnedekor.

Und alle beginnen zu essen, schweigend, mit tastenden Gaumen.

Schließlich ist es Vater, der absetzt und das Schweigen bricht.

„ALSO, MEINE LIEBE ... GANZ AUSGEZEICHNET! IM RESTAURANT HÄTTE ES NICHT BESSER SEIN KÖNNEN!“

Und er drückt Mutter einen Kuß auf die Wange.

Das war richtig.

Vater beginnt wie beiläufig, in lockerem Ton zu erzählen; er kann überhaupt gut erzählen, besonders von seinen Reisetagen, als er beruflich auf Südseeinseln unterwegs war und gut verdiente; und das besonders bei fortgeschrittener Stunde und einem Gläschen Wein; vorläufig aber gibt es nur Quellwasser und normale Gespräche.

Mutter empfiehlt zum Fleisch die Soße, denn ohne: da schmeckt`s nur halb so gut.

Schwester und Bruder nicken.

Und? Was gibt es Neues? Will Vater von uns wissen.

Erst Zögern. Dann antworten wir, alle drei.

Ja, hmm, gut ...jaa, hm, nja ... hoom, ...

Um einfach zu bleiben.

Nach einer Weile: Sonst noch was?

Schließlich, nachdem ich den größten Kartoffel meines Tellers zerteilt habe:

Also, ich habe mich diese Woche für einen Kurs angemeldet!

Da heben meine Eltern die Brauen, bei so viel Information auf einmal. Einen Kurs? Ja? Erzähl doch! Laßt euch nicht alles durch die Nase ziehen.

Gitarre, antworte ich, ein Abendkurs für klassische Gitarre!

Plötzlich hört man den Wind im Gras und die Vögel: in den Wolken. Mutter sagt nichts, Vater starrt in die Brühe.

Gitarre? Bemerken meine Geschwister schließlich, ohne eine Wertung abzugeben, hätten wir uns von dir nicht gedacht.

Da läßt Vater die Gabel sinken, mit einem Ausdruck der Enttäuschung. Gitarrenkurs hin, Gitarrenkurs her, ja, aber ist es nicht an der Zeit, auch im Beruf an ein Weiterkommen zu denken und DAFÜR Kurse zu besuchen? Immerhin sei ich schon sieben Jahre in derselben Stellung, ohne jede Beförderung. Gibt es nicht die Möglichkeit, einmal aufzusteigen und seine Gehaltsstufe zu wechseln? Abteilungen brauchen Führungspersönlichkeiten und Weiterentwicklung bedeutet mehr Geld, bedeutet mehr Sicherheit.

Nun schweigen wir alle.

Es bedarf keiner weiteren Erklärung. Schließlich setze ich das Besteck ab und wische mir mit der Serviette den Mund. Da erinnert Mutter an die Nachspeise: Pudding mit Erdbeersoße. Probiert mal!

Ich beziehe Stellung: aber der Gitarrenkurs ist mir wichtig. Es ist ja nur einmal in der Woche! Selbst große Manager haben ihr Steckenpferd und nicht nur die Arbeit. Und die Stellung in der Firma, sie ist nicht so schlecht, wie es scheint, manchmal etwas computerlastig, ja, aber ein Job. Und Aussicht auf Beförderung: die gibt es zur Zeit wohl kaum; es sind andere, die sich diesen Braten teilen.

Hier reagiert Vater verärgert: Alles Ausreden! Auch mir sind gewisse Sachen wichtig! Das mit der Beförderung wäre ja noch zu abzuwarten, aber ihr, alle drei zusammen, seid schon über dreißig und habt noch immer keine Kinder. Wie ist das nur möglich? Es ist doch die natürlichste Sache der Welt. Und wir wünschen uns Enkel, lange schon, und - hier verändert er nochmals seine Stimme - in letzter Zeit ist es immer so still im Haus.

Jetzt ist es raus.

Aber da ist auch meine Ruhe dahin und ich schwanke zwischen verletztem Stolz und dem Notstand um eine Erklärung. Er muß doch auch meine Seite verstehen! Und das mit dem Kinderkriegen ist nicht so einfach! Die Zeiten haben sich geändert und die Frauen sind nicht mehr so pflegeleicht wie früher; das muß er beachten. Seit sie neues Bewußtsein haben, seitdem die Emanzipation in den Zeitungen steht, seitdem Kondensmilch nur mehr am Schwarzmarkt zu melken ist.

Alles nur Ausreden - besonders faule - entgegnet er zornig und schlägt mit der Hand auf den Tisch, es braucht nur ein wenig guten Willen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Aber daran mangelt es wohl jedem einzelnen von euch!

Da ist´s genug! Ich springe auf, mit geballten Fäusten; den Pudding können nun die Vögel haben, Notration für den Winter. Ich wende mich ab, gebe dem Sessel einen Tritt und stapfe durch den Garten; sollen sie doch weiter essen und sich leid tun, die Stille beklagen, mich geht das nichts mehr an. Ich platze ins Haus und greife nach meinem Sturzhelm, Sekunden später sitze ich auf meiner Maschine und starte: mit Höllenlärm!

Häuser und Gärten beginnen sich zu bewegen und flitzen an mir vorbei. Die Straße, eine einzige entfesselte Rennbahn! Und ich drehe meine Maschine weiter auf, werde immer schneller, verbissener; nun hatte ich die Kröte wieder gefressen!

Und es bohrt die eine Frage: Warum muß er mich so quälen, mit großen Erwartungen und erhobenem Zeigefinger? Bin ich denn ein Erfüllungsknecht? Ist unser Leben tatsächlich auf der falschen Bahn? Gibt es den Verhau, den ganz großen?

Und immer wieder die Angst vor dem Wind und der Kälte; wo ist denn nun der Wind, wo ist denn nun die böse Kälte?

Mein Innenthermometer flirrt vor Hitze. Und ich gebe noch mehr Gas und ich werde wahnsinnig. Ich komme in eine Kurve, dort modert der Schatten, verquickt mit dem Laub... ich breche aus. Meine Maschine verliert die Bodenhaftung, doch mit derselben Geschwindigkeit geht es weiter. Dann geschieht alles sehr schnell. Ich durchstoße einen Holzzaun, die Bretter fliegen, ich rutsche auf einer Wiese, alles dreht sich, fliegt an mir vorbei, dann etwas Lebendiges, flüchtend, Federn durch die Luft, und ich schieße über ein nasses, schwarzes Feld, gleich einem Pfeil, und kollidiere mit etwas Kompaktem, ... zuletzt überschlage ich mich.

Nach Sekunden des Schreckens komme ich zu mir; ich sitze auf einem Misthaufen, das Visier mit Kot verschmiert; doch dann sinke ich auf meine Schenkel und stinke; nun ist es doch wieder das Weh, das mich packt wie eine Zange. Ich bin verkrampft und bekomme kaum Luft.

Und rings um mich herrscht großes Durcheinander, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Hühner und Gänse gackern, in den letzten Schritten ihrer Flucht und blicken auf mich zurück, die böse Rakete. Ein Hahn schlägt empört mit den Flügeln, die größte Beschwerde vorbringend. Und ich hocke noch immer auf dem Dung; letzten Endes geht es doch allen gleich, man wird überfallen, man wird überrascht, man landet auf dem Mist. Überall verliert die Freude Federn. Und ein Huhn senkt sein Hinterteil und gibt dem Schrecken gehörig Luft.

Den Dreck auf meinem Anzug erledigt die Reinigung, die Kratzer auf der Maschine die Werkstatt, die blauen Stellen verschwinden. Für Knochenbrüche gibt es den Doktor. Doch wer reinigt meine Weste, das Mal unter der Haut?

Eklats dieser Art lähmen mich für Wochen. Dann leide ich und kann an nichts anderes mehr denken ... einen guten Job, eine verständnisvolle Frau, dazu noch Sonnenschein und alles authentisch und frei von schlechter Nachrede.

Doch woher nehmen und nicht stehlen?

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Einmal in der Woche vergesse ich meine Sorgen.

Ich befinde mich in einem schattigen Hof, unter dem prachtvollen Grün von Linden. Meine Maschine steht neben einem Haufen aus Schutt, vorwiegend in grau und blau, dazwischen Bruchstücke von Ziegeln. Auf dem Gepäckträger ruht, sorgsam mit Gummibändern befestigt, ein Holzkoffer; er hat an den Ecken kupferne Beschläge und ist sehr handlich. Ich nehme ihn behutsam von der Maschine. Die Session beginnt. Ich gehe über einen breiten Weg, durch einen Garten, dann durch eine Tür und in das Haus mit Blumen. Schon höre ich die vertrauten Stimmen, es zieht mich, es wartet, und zwei Schritte weiter bin ich da, im Gemisch von Farbgeruch, Milchkaffee und entspannter Atmosphäre. Denn jeden zweiten Mittwoch ist Kurs für Kreativmalerei.

Mutter der Veranstaltung ist Mama Martha, ein in die Vollendung gekommene Frau mit großem Herzen. Sie begrüßt mich mit zwei dicken Küssen auf die Wange und umarmt mich. Ihre Sprache ist die des Körpers, freundliche Augen, reichlich Pfunde und ein Umfang, so breit wie ein Rubensgemälde. Für Mama sind alle Kinder Malende, Sprößlinge der Erde; egal wie dick der Pinsel, wie stark der Auftrag der Farbe, egal wie groß das Können: in jeder Brust pocht warmes Blut.

Ich gehe zu meinem Platz und begrüße die Kollegen, Menschen aller Alterstufen, auch Menschen mit Behinderungen. Die Atmosphäre ist wohlwollend, gemeinschaftlich, es ist das gemeinsame Hobby, das verbindet.

Ich streiche über das Leinen und öffne meinen Malkoffer. Im Koffer: Pinsel, Farbtuben, Verdünnungsmittel, zwei Ballaststoffriegel.

Noch dauert es eine Weile, bis sich alle eingefunden haben. Die Leute sitzen, tratschen, doch allmählich wird es dichter. Schließlich erhebt Mama Martha das Wort. Sie begrüßt die Gruppe mit warmem Willkomm. Am Anfang stehen ein paar einleitende Worte, über die Kunst, über die Freiheit, die große Gnade; denn grau ist alle Theorie, doch hell des Lebens dampfender Strom. Mama Martha stimmt uns ein ...

Am Anfang steht nur die weiße Fläche, das unbenützte Leinen. Doch plötzlich ist Farbe auf dem Pinsel und die Arbeit beginnt. Ich habe anfangs etwas Scheu, mich dem Prozeß zu überlassen. Wer weiß, was kommt? Wer weiß, wovon? Will ich es sehen? Kann ich es tragen? Doch alsbald ist das Lampenfieber verschwunden. Einem Auftakt von Grün folgt Rot, dann Rosa, wie ein wirbelnder Schweif. Es folgen Grau und Blau, ich kann es gar nicht steuern. Der Geist ist erwacht, der Pinsel hat Spaß.

Aber im gesamten Raum herrscht nun Stille und hohe Präsenz. Alle malen fleißig. Mutter Martha geht langsam zwischen den Staffeleien, die Hände am Rücken, mit den voluminösen Hüften, dem erhobenem Kopf, verfolgend die Entstehung der Werke. Ab und wann gibt sie ein wohlwollendes Lächeln, einen ermunternden Blick.

Ein Mann mit stechenden Augen steht gerade vor seiner Staffelei und führt den Pinsel konzentriert; es ist ein Feuer und eine kontrollierte Wildheit in seinen Augen, die er stückweise auf die Leinwand bringt. Das kann was werden.

Ein Greis mit weißem Vollbart wiederum ist die Ruhe selbst; er sitzt vor seiner Leinwand und malt zufrieden, malt selig; alles an ihm ist selbstredend.

Auch das Mädchen im Rollstuhl, mit den Zöpfen und der Zahnspange ist in ihrem Tun zu Hause, malt Wiesen und Himmel, malt Blumen und Kühe. Überall findet man eine etwas andere Art, sich auszudrücken.

Auch ich habe etwas zu sagen. Die Wahl der Farben erfolgt nach Geschmack, dünn oder kräftig, für sich oder ineinander spielend. Und es erscheinen Formen, verkörpernd die Wendung, den inneren Gang. Es ist erfreulich, wenn der Nektar erscheint, es malt gut, wer auch das Gift nicht verneint.

Nach und nach habe ich die gesamte Leinwand ausgefüllt; es ist ein Kolorit aus allerlei Stücken, Beziehungen und Wendungen; aber immer wieder kommen Ergänzungen; es ist ein Prozeß. Dann kommt die Arbeit zum Stoppen. Ich betrachte mein Werk. Es kann sein, daß etwas noch kommt, doch vorerst bin ich leer.

Jetzt ist der Moment gekommen, um aufzustehen und sich ein wenig die Beine zu vertreten. Es ist gut, Abstand vom eigenen Werk zu nehmen, zu pausieren und sich mit einer Tasse Kaffee den anderen zu widmen. Der Blick über die Schulter ist frei und überall gibt es etwas zu entdecken.

Als ich zu meinem Bild zurückkehre, atme ich durch. Ich betrachte es erneut. Es ist gut, es drückt die Lage aus. Da und dort vielleicht noch eine kleine Verbesserung, doch weiter ist nichts zu ändern.

So folgt der zweite Teil des Kurses. Er besteht in der Sichtung und Besprechung der Arbeiten. Dieser ist nicht weniger traditioniell und alle haben Anteil. Irgendwann haben sich alle um das erste Bild versammelt.

Es stellt eine Heidelandschaft dar, vornehmlich in Blau-und Grau, übergossen vom kühlen Schein des Mondes. In der Mitte steht eine Hütte und von dieser entfernt sich ein Wanderer.

Mama Martha nähert sich dem Bild mit bedeutungsreicher Sprache. Hmmm, ahhh, interessant, sehr schön, wirkungsvoll in der Sparsamkeit der Mittel, und der Wanderer, ein starkes Symbol, der Suche, des Weges ...

„WAS HAT ER IN DER HÜTTE GEMACHT,“ fragt jemand aus der Runde, „ HAT ER SICH AUSGERUHT?“

Der Maler schweigt bedeutungsvoll.

„ICH WEIß ES, „ ruft jemand anders,“ ER HAT SICH EINE WURST GEBRATEN!“

Wieder falsch.

„ER HAT DIE HÜTTENWIRTIN ANGEBRATEN!“

Interessant, aber auch falsch.

Endlich gibt der Künstler die Auflösung.

Die Hütte existiert in Wirklichkeit in einer anderen Dimension, und der Wanderer geht an ihr vorbei. Jetzt sind alle enttäuscht und stöhnen auf; Mama Martha gibt das Lob – ein origineller Einfall, darauf wäre niemand gekommen.

Das nächste Bild - es stellt einen roten Kreis und ein Dreieck dar; auf blauem, kongruentem Hintergrund.

„UH, MATHEMATIK, kommt wie erschrocken ein Ausruf aus der Mitte!“

Alle erstarren und nehmen Distanz.

Ja, Mathematik, fügt Mama Martha nach einer Pause hinzu und tritt bedeutungsschwer aus der Mitte ... Mathematik, Pythagoras und Kopernikus, Kepler und Gauß, die Großen. Aber es ist noch mehr; es ist das Relative im Absoluten, Gesetz und Form, Kristall und Struktur. Es enthält Geheimnisse, es ist Flirt mit Epsilon: aber eben auch mit Pi ...

„JA, JETZT SEH ICH ES AUCH!“

Und so geht es weiter. Mama weiß zu jedem Werk etwas zu sagen. Und sind es nur bloße Kohlenstücke, die jemand malt, so ist es die besondere Art, dieselben zu setzten, und malt jemand sehr unsicher, voller Zweifel, so ist es das Verletzliche, das durchkommt. Mama würdigt automatisch.

Und Willi, der stille Greis mit dem weißen Vollbart, hat eine Alm mit lauter Hütten und fleißigen Sennern und Sennerinnen gemalt, mit hohen Bergen im Hintergrund. Und ein Gipfel in der Form eines Hornes ragt besonders hervor, mit augenscheinlichen Kräften. Natürlich wird er bemerkt, und, wie kann es anders sein, Willi als Besitzer ungeahnter, kolossaler Talente entlarvt. Und alles lacht und alle sind zufrieden.

Als mein Bild an die Reihe kommt, entspinnt sich ein Diskurs. Es geschehen richtungsweisende Umbrüche in diesem Werk, meint Mama Martha, große Bewegungen. Es ist ein mutiges Werk, großes Potential, das noch schlummert, und sie sagt es mit Betonung.

Für mich ist es ein Hund im Schnee, dem die Eier frieren, erklingt eine Gegenstimme.

Nein, es ist eindeutig ein Huhn, ein träumendes Huhn in Nepal, behauptet wieder eine andere. Sie ereifern sich, werden emotional, fahren sich fest. Am Ende ist man sich uneins; ist es nun ein Huhn, ein Hund im Schnee, oder großes Potential? Aber in einem gewinnt man Übereinstimmung: die Farben kommen aus Nepal ...

Nach dem Ende des Kurses verlassen wir alle das Haus, gehen durch den Vorgarten und fühlen uns gut; wir wechseln noch ein paar Worte, lachen, zerstreuen uns aber dann in alle Richtungen.

Wieder montiere ich meinen Malkoffer auf die Maschine, und spanne sorgfältig den Gummi; nun ist es die große Sonne, die mich erfüllt. Und die Bäume haben Saft in den Blättern, wirken erneuert. Ich schwinge mich auf meine Maschine und ich habe es nicht eilig irgendwohin zu kommen. Ich fahre die Straße entlang, die Blätter über mir, die Stämme fest darunter. Da betritt ein Mann mit Krücken die Straße, er kommt plötzlich von der Seite. Ich drücke elegant Kupplung und Bremse und warte. Seine Bewegungen sind so langsam, daß er nur Zentimeter für Zentimeter voran kommt. Eine Schnecke könnte konkurrieren.

Wird es den Agenten gelingen, mich zu ärgern? Meine Maschine tuckert und tuckert, ich warte und warte. Irgendwann, bin ich nun eine Minute gestanden oder zehn, hat er es geschafft und ich fahre weiter. Würde der Alte umfallen, so würde ich zurückfahren und ihm auf die Beine helfen. Keine Frage.

An der nächsten Kreuzung blinkt die Ampel Grün, ... spuckt Orange und ... schaltet auf Rot. Ich halte, zufrieden und voller Selbstvertrauen. Da kommt das grüne Signal. Eine elegante Lady in Stöckelschuhen betritt den Zebrastreifen. An der Leine führt sie ein Hündchen in modischer Bekleidung, ein Mäntelchen gegen die Kälte; während sie einen Schritt macht, macht das Hündchen fünf. Sie geht sehr erotisch und lächelt mir zu. Und ich lächle zurück, sehr erfreut hinter meinem Sturzhelm. Und ich stelle mir vor: die Kleine wartet heute abend auf meiner Couch: Kein Problem.

Auch der Hund darf kommen und erhält seine Wurst. Ein Ritter weiß, was sich gehört.

Sich all dies vorzustellen, hat Kraft, hat Potential.

Es geht weiter. Sanft fließt der Verkehr, andere überholen mich, sind schneller; es ist mir egal. Auf meinem Tank spiegeln sich die vorbeiziehenden Häuser, das grüne Gewölbe, mit Braun und Rot, den Farben des Herbstes; ich befinde mich auf einem der breiten Wege, die aus der Stadt führen. Und ich weiß: der alte Noah hätte das Boot nicht besser geschaukelt.

Später; mein Tank spiegelt noch immer die Umgebung wie ein magisches Glas. Nun gucken Kühe daraus, mit großen Augen und riesigen Schnauzen, ich bin auf dem Lande. Ich liebe es, ins Weite zu fahren und neue Flecken zu entdecken. Seit einer ganzen Weile schon ist mir kein Fahrzeug mehr begegnet, Wiesen und Bäche lachen, Gebirge säumen meinen Weg. Und dann gelange ich in ein Dorf mit Häusern und Ställen, die verschlafen in der Sonne liegen. Als ich eintreffe, ist kein Mensch zu sehen. Auch nicht in den Gärten. Alles ist aufgeräumt, der Rasen gemäht, die Wäsche gewaschen, die Leinen gespannt. Und doch ist es so, als könnte jeden Moment jemand um die Ecke kommen und vorsprechen. Oder sollte ich mich irren?

Schließlich, es ist schon am Ende der Ortschaft, drossle ich meine Geschwindigkeit. Denn da steht auf einem umzäunten Grundstück ein Esel; doch noch ein lebendiges Wesen in diesem seltsamen Dörfchen! Ich nehme mir vor, den Burschen mit einem Büschel Gras zu locken und stelle mich an den Zaun. Es dauert eine Weile, bis er mich bemerkt, doch schließlich kommt er näher und nimmt das Futter. Als ich ihn streicheln will, will er mich beißen. Ich versuche es noch einmal, doch der Esel bleibt stur. Plötzlich habe ich das Gefühl, aus diesen Augen blickt mich jemand an. Ein Vorwurf, eine Klage? Ich überlege. Was will er mir sagen? Doch dringe ich nicht durch ...

---

Wenig später eine weitere Begegnung.

Ich habe gerade das Dorf mit dem Esel verlassen, bin wieder auf meiner Maschine; da erscheint, schon von weitem, eingerahmt von Mauern, ein Friedhof. Aufmerksam betrachte ich im Näherkommen diese Anlage, die offen auf einem Hang liegt und wie das Dorf friedlich in der Sonne schläft. Als ich näher komme, verringere ich meine Geschwindigkeit und halte unweit des Einganges. Die Außenmauer ist, abgesehen von wenigen Stellen, gewärmt von Teppichen grünen Efeus, auch der Torbogen, hoch und breit.

Wie bei jedem Objekt, das mein Interesse erweckt, nehme ich meinen Helm ab, bleibe kurz stehen und lasse die Seele des Ortes auf mich wirken; ich atme ruhig, spüre in mich.

Es sind gemischte Gefühle.

Dann aber klemme ich meinen Helm unter die Achsel und gehe durch das Tor, um mich meinem zweiten Hobby zu widmen: Friedhofsbesuche. Immer wieder ist es interessant, die verschiedenen Gräber zu sichten und neue Kleinode der Grabkultur zu entdecken. So liegen viele Parzellen brav und konform, ohne besondere Aufregung, einige jedoch verströmen eine individuelle Atmosphäre.

So begegne ich gleich am Anfang einem Grab mit dem besonderen Flair. Da lehnt die Figur eines Engels, mit schlaffen Flügeln und geneigtem Kopf. Es herrscht Trauer an diesem Grab, in Treue dem Toten zugewandt; die Verbindung zu Lebzeiten schien stark, das Band noch gegenwärtig. Es ist berührend, die Formen aus Stein und die Wolken, sie bleiben grau.

Einige Sprünge weiter finde ich einen klobigen Stein von grotesker Form. Er ist völlig unbearbeitet, mit schroffen Ecken und Kanten, wie ein dicker Monolith; keine Zahl datiert die Abrißkante, kein Photo zeigt den Besitzer. Nur zwei Sätze geben lakonisch Aufschluß: Hier ruht der Komiker XY! Mit freundlichen Grüßen!

Und ich gehe langsam weiter, mich umschauend, ein wenig steif in meinem Lederanzug, meinen schweren Stiefeln, weitere Namen und Zahlen entdeckend, ... der Fundus ist reich.

Am hinteren Ende, mit einem gewissen Abstand von den anderen, befinden sich weiß gestrichene Kreuze, auf durchgehendem Rasen und wenn, so nur spärlich geschmückt. Instinktiv nehme ich mich zurück. Es handelt sich um Gräber von Namenlosen, von Findelkindern, von Selbstmördern und Verbrechern. Mit vorsichtigen Schritten nähere ich mich und halte und dann: ein energetischer Abgrund. An einem der Gräber haftet eine dunkle Verzweiflung und Qual, eine Konzentration, daß ich zurückschrecke; mein erster Gedanke: Einbildung.

Doch dann falte ich intuitiv die Hände, wohl eine Minute, mit der Absicht, gute Gedanken zu senden; und dann, so scheint mir, indem ich mich selber beruhige und die Angst schmilzt, wird es an Ort und Stelle leichter und aus der Finsternis schält sich Reue und Beschämung, vielleicht auch ein Weinen. Das bestärkt mich und indem ich behutsam ein paar Blumen auf das Grab lege, gepflückt vom Rand der Anlage, ist es, als würde sich das Elend nochmals abschwächen ...

An anderer Stelle wiederum relativiert sich das Erlebte: wieder ist es ein einfaches Kreuz, weiß gestrichen, mit ein paar Blumen; im Moment habe ich das Gefühl, es war dies ein Kind, ganz früh gestorben; aber da ist kein Schmerz, kein Bedauern, denn von diesem Grab lächelt dermaßen Leichtigkeit, eine Gewißheit, die alle Gräben überwindet ...

Auch finde ich eine kleine Kapelle mit zwei stattlichen Bäumen, und hinter dem geschmiedeten Tor, neben dem ewigen Licht, ein Heiligenbild, das Fräulein Maria. Mit geneigtem Kopf und den stillen, ergebenen Augen ...

Irgendwann sitze ich zwischen zwei Kreuzen, gelehnt an einen Stein. Es ist überraschend gekommen, doch plötzlich hat sie mich wieder, die Melancholie; es ist die unnennbare Sehnsucht, die Neigung zum Endziel. Vorne hört man die Geräusche eines Ziehbrunnens; eine alte, gebückte Frau pumpt Wasser für die Blumen, sie ist neben mir die einzige auf dem Friedhof. Ich bin sehr schläfrig und habe das Gefühl, ich müßte mich ausruhen, vielleicht für Stunden, vielleicht für Wochen, gelehnt an einen Grabstein, begleitet vom monotonen Leiern eines Brunnens, ... ich glaube aber nicht, daß das der Normalität entspricht.

Einige Stunden später ist Nacht. Ich erschrecke. Die Luft am Gesicht ist kühl und feucht; ich spüre, daß sie auch meinen Lederanzug durchdrungen hat, es ist das Gefühl von Kälte. Ich taste um mich, suche meinen Helm. Ich berühre die Einfassung eines Grabes, greife in das geschmiedete Eisen eines Kreuzes. Allmählich erlange ich meine Orientierung zurück; ich muß wohl viele Stunden geschlafen haben, denn das Geräusch des Ziehbrunnens hat aufgehört, auch die alte Frau ist verschwunden. Doch nun sind überall, illuminierende Schar, die Lichter der Toten erwacht.

*

3.Kapitel

Herbst. Fünfzehn Grad im Schatten. Die Frauenwelt trägt Minirock. Ob wohl gebaut, Durchschnittsbau oder eine Dauerbaustelle – ein Mini darf es sein. Das Herbstmodell präsentiert sich unternehmungslustig und knapp, um einen Daumen breiter ist die Winterfassung. Und der nächste Sommer kommt bestimmt.

Ich sitze hinter meinen Pflanzen - immer wieder flitzen Beine vorbei, in hochhakigen Stiefeln. Manchmal haben sie schwarze Strümpfe, manchmal farbige, das ist nicht immer ganz zu erkennen. Und Deckenlampen scheinen hell, während Bürogeräte fabrizieren das Lied der Arbeit.

Meine Pflanzen haben im Laufe der Monate und Jahre beträchtlich an Ausdehnung gewonnen und ein lokales Kleinklima geschaffen; einmal am Tag gibt es Regen und Gewitter und alle Anfragen müssen draußen bleiben; nur mit Fräulein Blau gilt gesonderte Vereinbarung: ich falte einen kleinen Zettel und stecke ihn durch eine Ritze im Verbau, um meine Botschaft zu übergeben.

„AUCH SCHON ALLE LUKEN DICHT GEMACHT? VORSICHT, NICHT VERGESSEN: SPEZIALANTENNE AUSFAHREN!“

Es dauert ein wenig; da kommt ein Zettel zurück.

„LUKEN GESCHLOSSEN, ALLE SYSTEME KOSCHER. NICHT VERGESSEN: GESCHÜTZE AKTIVIEREN ZUM GEFECHT!“

Da nehme ich zwei Buntstifte, mit den Spitzen voran, klemme sie hinter die Ohren, lege meine Klammermaschine auf den Kopf und tauche langsam und voll mißtrauischer Blicke hinter der Trennwand auf, direkt vor Fräulein Blau – bis wir beide lachen.

Es ist nämlich die ganze Woche Betriebsevaluierung; externe Kontrolleure bewegen sich durch alle Etagen, mit Bleistift und Notizblock, rauf und runter, links und rechts, bis in alle Kellerräume und überprüfen den Zustand des Gebäudes; die Arbeitsplätze, das Mobilar, die Maschinen, selbst die Papierollen auf der Toilette. Unser Chef läßt keine Gelegenheit aus, Mitarbeiter anzuhalten und anstehende Aufgaben zuzuführen; Frau Soundso, tun sie bitte das, Herr Soundso, sehn sie bitte nach, Herr Gerade da, da sie gerade da sind, usw., usw., ... da heißt es, klug sein.

So vertiefe ich mich in die Akten, in die Matrix meiner Gehirnwindungen. Rechts neben der Pelargonie steht eine Kanne mit Kaffee, so muß ich nicht aufstehen und bleibe am Platz. Portionierte Milch und meine Vitamintabletten liegen in der Schublade. Nur Katheter hab ich keinen. Auch Fräulein Blau ist jetzt sehr beschäftigt und alle Scherze schweigen; aber überall herrscht jetzt Geschäftigkeit und Aufmerksamkeit für die Stunde.

Da passiert etwas, tief in mir. Es ist von täglicher Konsequenz und plötzlich doch eine causa irritabilis: ich muß auf die Toilette. War das schon immer? Im alten Rom, bei den Ägyptern? Die Frage ist müßig, doch um sie nicht sofort zu klären, drücke ich meine Schenkel zusammen. Denn mein Bauchgefühl sagt deutlich: Vorsicht! Die Pfeile fliegen tief! So schreibe ich am Computer weiter, in unnatürlicher Haltung. Doch ich selbst, ein Freund der Natur, umgeben von Pflanzen, werde immer unnatürlicher, meine Haltung geschraubt. Schließlich ist Aufschub nicht mehr möglich und eine Entscheidung nötig: Sauberkeit geht vor Sicherheit. Ich strecke meinen Kopf hinter den Pflanzen hervor und prüfe die Lage; dann aber stehe ich auf, gebückt und mit schwingender Krawatte. Nun ist es ein Dringliches; ich hüpfe an den ersten Kollegen vorbei, passiere den Drucker, biege um den großen Gummibaum und fühle mich wie gezogen von der Türe mit dem großen H - für Herren. In gekrümmter Haltung beziehe ich eine der freien Kabinen. Rasch das übliche Prozedere, Riegel vor, drei Lagen Papier, Hosen runter, Feuerwehr Marsch - Sauberkeit vor Sicherheit. Das erkenne ich unter großer Erleichterung.

Nach einer Weile betätigt jemand nebenan die Spühlung und tritt nach außen zum Händewaschen. Während dieses Vorganges erschallt ein Räuspern, streng und selbstbewußt. Und ich weiß, dieser Klang kann nur von zweierlei Herkunft sein: aus der Werkstatt meines Chefs oder von Micky Maus - eins von beidem.

Nachdem die Person wieder gegangen ist, wärme ich noch ein wenig meine Sitzbrille. Denn Sicherheit, sie ist besser als die Gefährlichkeit ...

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