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Gloria ist seit frühester Kindheit ein hingebungsvolles Model. Sie feiert große Erfolge und hat alles, wovon andere Menschen träumen. Mit der Zeit jedoch verliert sie mehr und mehr die Leidenschaft. Tief in sich fühlt sie eine neue Bestimmung, träumt sie von einem anderen Leben. Aber die Realität hält sie gefangen und lässt ihr keine Wahl, als weiter zu funktionieren, wie es von ihr erwartet wird. Eines Tages entbrennt ein heftiger Streit zwischen Gloria und ihrer Mutter. Sie läuft davon und trifft im Wald auf eine sonderbare alte Frau, die ihr die lebensverändernde Geschichte vom krummen Baum Alois erzählt...
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Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ich widme dieses Buch allen Menschen, die den Mut aufbringen, aus dem Hamsterrad auszusteigen, um ihrem Herzen zu folgen, ihrer innewohnenden Kraft zu vertrauen und sich so das individuelle, einzigartige Leben zu erschaffen, von dem sie träumen.
Gloria erzählt…
Die Geschichte vom krummen Baum Alois
Das Abenteuer beginnt
Die neue Heimat
Nach dem langen Schlaf
Vögel und Eichhörnchen
Missmut und Ärger
Stürmische Zeiten
Der Schmetterling Lucinda
Einfach nur ein Baum
Gloria erzählt…
Vita Franz Baldauf (Coverbild)
Vita Alexandra Glander
Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.
Sören Kierkegaard
Es ist Sonnabend. Ein arbeitsreicher, erfüllter Tag liegt hinter mir.
Ich sitze, gemeinsam mit meinen Hunden „August“, „Aristo“, „Alois“, „Lucinda“ und „Old Lady“, zu Füßen des Baumes, den ich vor fünf Jahren hier gepflanzt habe.
Ein laues, warmes Lüftchen weht. Die Wiese ist eingehüllt in ein gold-oranges Licht. Die Fenster unserer Blockhütte, die zwischen dem Wald und dieser, von Blumen übersäten, Wiese liegt, reflektieren das Licht der untergehenden Sonne. Es sieht fast so aus, als würde das Haus lachen. Ich atme tief den Duft der Blumen ein, höre das Summen der Bienen und genieße das Trällern der Vögel.
Ich bin jetzt 23 Jahre alt und blicke, obwohl ich noch so jung bin, auf ein intensives Leben zurück.
Ein Leben, in dem ich vor allem die letzten Jahre nicht mehr gelebt, sondern nur mehr funktioniert habe.
Die meisten Menschen, die heute zu mir kommen, fühlen sich genauso, wie ich mich damals fühlte. Eine Maschine. Ein funktionierender Mensch. Ohne Freude. Ohne Liebe.
Seit ich mein altes Leben aufgegeben habe und hier, gemeinsam mit meinen Hunden, lebe, weiß ich wieder, was es heißt, zu leben.
Ich tue Dinge, die mir Spaß machen und mein Herz erfreuen. Ich trainiere Hunde und lehre Menschen den respektvollen und liebevollen Umgang mit ihren Tieren.
Ich halte Vorträge und biete Seminare an.
Anfangs sind die Menschen ausschließlich zu mir gekommen, weil sie neugierig waren, was ein ehemaliges Model überhaupt zu sagen hat oder, außer ihrer Schönheit, anbieten kann. Zu Beginn gab es jede Menge Vorurteile, aber ich gab nicht auf und hielt an meinem Vorhaben, mein Leben neu zu gestalten, fest.
Meine Vorträge und Seminare über Tierpflege, Tierkommunikation und Tiergesundheit wurden immer besser gebucht. Die Vorurteile verschwanden.
In den letzten Monaten kommen vermehrt Menschen mit Anfragen zu mir, bei denen es nicht ausschließlich um ihre Tiere geht, sondern um sie selbst. Sie sagen, ich bin ein Vorbild für sie und ich sage: „Ich bin, wer ich bin. Mehr musst du auch nicht sein.“
Viele von ihnen wissen nicht mehr, wer sie sind. Sie haben ihre Wurzeln vergessen. Sie kennen ihre eigenen, einzigartigen Fähigkeiten nicht. Sie haben die Verbindung zu ihrem Herzen und somit zu sich selbst verloren.
Und alle haben sie Angst. Angst davor, sie selbst zu sein.
Die meisten lernen schon früh, dass sie nicht sie selbst sein können. Es werden ihnen Ziele und Träume aufgetragen, die sie leben sollen.
Um des Erfolgs und des Glücks willen, denn jeder Mensch möchte erfolgreich und glücklich sein.
Doch was ist Erfolg? Was ist Glück? Was ist gut für uns? Was ist gut für dich? Was ist gut für mich? Geht es denn in meinem Leben nicht um mich? Wer, außer mir, lebt mein Leben? Was, wenn ich lebe, wie ich mich fühle? Was, wenn ich lebe, wer ich bin? Doch woher weiß ich, wer ich bin? Und was werden die anderen dazu sagen?
Immer mehr Menschen stellen sich diese oder ähnliche Fragen.
Ich stellte mir diese Fragen auch.
Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem sich für mich alles veränderte. Die Anzeichen, dass das Leben, das ich lebte, nur mehr eine Qual war, häuften sich, doch ich bemerkte es anfangs nicht. Bis zu jener Begegnung mit einer sonderbaren alten Frau, die mir eine Geschichte erzählte. Einfach nur eine Geschichte.
Ich erinnere mich noch genau an die letzten beiden Tage vor dieser Begegnung:
Ich öffnete die Haustüre und rief meiner Mutter, die in der Küche war, zu: „Ich gehe noch zum Tierheim, Mutter. Bis später!“
„Komm‘ ja nicht zu spät zurück, Gloria! Du musst heute früh ins Bett. Der Termin morgen ist sehr wichtig für dich und entscheidend für deine Zukunft“, ermahnte mich meine Mutter, bevor ich das Haus verließ.
„Ja, ja! Ich weiß“, motzte ich und schloss die Haustüre hinter mir.
Es war ein heißer Tag. Die Sonne brannte auf meinen Rücken, keine einzige Wolke trübte den Himmel. Ich fragte mich, wie es den Tieren im Tierheim bei diesen Temperaturen erging. Ich freute mich, endlich wieder ein wenig Zeit zu haben, um sie zu besuchen. Es war schon mehr als einen Monat her, dass ich dort war. Wie schnell doch die Zeit vergeht.
Auf meinem Weg hielt ich am Eis-Laden an.
„Einen Vanille-Shake mit Kiwi und viel Eis, bitte“, sagte ich zum Verkäufer. Meine Kehle war ausgetrocknet, der Shake war jetzt genau das Richtige.
„Bitteschön, die Dame!“, sagte der Mann und reichte mir den Shake. Ich bezahlte, nahm das wunderbar kühle Getränk und machte mich auf den Weg zum Tierheim.
Wie so oft in den letzten Wochen, wenn ich alleine war und Zeit für mich hatte, zog mein Leben an mir vorbei:
An meinem 3. Geburtstag fuhr meine Mutter mit mir ins nahegelegene Kaufhaus, in dem es viele tolle Bekleidungsgeschäfte gab. Zur Feier des Tages durfte ich mir selbst ein neues Kleid aussuchen.
Als wir das erste Geschäft betraten, fiel mein Blick sofort auf ein hellblaues Kleid mit weißen Rüschen und zarten, weißen Blümchen. Ganz aufgeregt probierte ich es an und zeigte es stolz meiner Mutter. Ich posierte und ging wie ein Supermodel auf und ab. Dann entdeckte ich noch ein Kleid, das mir gefiel. Ich schnappte es, huschte in die Garderobe, zog mich um und präsentierte auch dieses mit vollem Einsatz. Und dann sah ich noch eines und noch eines. Alle probierte ich an und führte sie meiner Mutter vor. Es war so lustig! Ich stolzierte. Ich tänzelte. Ich hüpfte. Ich schnitt Grimassen. So ging das über eine Stunde lang. Ich sah so viele Kleider, die mir gefielen. Meine Mutter lachte. Sie hatte sichtlich Spaß mit mir. Es war schön, sie so zu sehen. Schon lange hatte sie nicht mehr so herzlich gelacht wie an diesem Tag.
Ich hatte gerade ein weiteres Kleid angezogen und kam aus der Garderobe, als ich sah, wie ein Mann auf meine Mutter zuging, ihr die Hand reichte und sie freundlich begrüßte. Er sah zu mir, lächelte mich an und zwinkerte mir zu. Dann wandte er sich wieder meiner Mutter zu und begann eine lange Unterhaltung mit ihr. Ich wartete geduldig.
Nach einer Weile rief mich meine Mutter zu sich.
Sie setzte sich, nahm mich auf ihren Schoß und erzählte mir, dass der Mann mich bei meinem lustigen Kleiderspiel beobachtet hatte und mich toll fand. Sie erklärte mir, dass der Mann auf der Suche nach Mädchen sei, die gerne Kleider anprobieren, sie herzeigen und dabei Spaß haben. Meine Mutter fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, dasselbe, was ich eben hier in diesem Geschäft gemacht hatte, noch einmal zu machen. Es wären dann große Kameras dabei und ein paar Menschen würden mir bei meinem lustigen Spiel zusehen.
´Ich? Viele schöne Kleider? Spaß haben?´, dachte ich bei mir.
Ich sah den Mann an, der mich nett anlächelte. Ich sah meine Mutter an, die geduldig auf meine Antwort wartete.
„Ja, Mama! Das klingt lustig. Ich will das gerne machen!“, sagte ich ganz laut.
Dann sprach meine Mutter noch einmal mit dem Mann, der, wie ich heute weiß, ein Talente-Scout war und für eine internationale Modelagentur arbeitete. Der Mann gab meiner Mutter seine Visitenkarte und sie verabredeten einen Termin für die nächste Woche. Er verabschiedete sich höflich von uns und verließ das Geschäft.
Als der Mann fort war, umarmte mich meine Mutter und gab mir einen Kuss auf die Wange. Sie weinte. Ich verstand nicht, warum.
Ich wand mich gekonnt aus ihrer Umarmung und lief zurück zu den Kleidern, um noch weitere anzuprobieren. Ich wollte Spaß haben und meine Mutter zum Lachen bringen. Sie sollte sich mit mir freuen, nicht weinen.
Damals begriff ich noch nicht, was dieses Angebot für uns bedeutete und dass es genau zum richtigen Zeitpunkt kam.
Das Schicksal ereilte uns wenige Monate zuvor. Mein Vater starb bei einem Verkehrsunfall. Es passierte an meinem ersten Kindergartentag. Für meine Mutter brach eine Welt zusammen. Kurz bevor mein Vater starb, hatten sich meine Eltern unser Haus gekauft. Mit Schulden. Meine Mutter ging damals nicht arbeiten. Mein Vater wollte das nicht. Sie sollte für mich da sein und mein Vater wollte für unseren Lebensunterhalt sorgen. Er wollte uns ein gutes Leben bescheren. Er war ein toller Mensch. Doch dann war er fort.
Für immer.
Der Verlust war für meine Mutter wie ein Weltuntergang. Nicht nur, dass sie den Menschen, den sie so sehr liebte, verlor. Sie wusste auch nicht, wie es mit uns weitergehen würde. Sie konnte die Raten für das Haus nicht bezahlen. Sie versuchte,eine Arbeit zu finden, doch sie fand monatelang nichts. Das Geld wurde immer knapper. Die Bank klopfte bereits an die Tür und verlangte die Einhaltung der Ratenzahlungen. Sie drohten mit dem Rauswurf und der Zwangsversteigerung unseres Hauses. Meine Mutter war am Ende.
Doch dann lief uns dieser Talente-Scout über den Weg.
Diese Begegnung gab unserem Leben eine neue Wendung. Innerhalb weniger Monate war alles anders.
Mit meinem ersten Auftrag für eine große, bekannte Kindermodenkette konnte meine Mutter gleich drei Monatsraten für unser Haus begleichen.
Das Gesicht meiner Mutter werde ich nie vergessen, als sie das Geld auf die Bank brachte. Die harten, verzweifelten Züge, die sich über die Monate in ihrem Gesicht festgesetzt hatten, verschwanden.
Sie strahlte. Sie wirkte weicher. Sie war sichtlich erleichtert.
Kurz nach diesem Auftrag meldete mich meine Mutter zu einem Schönheitswettbewerb an. Die Regieassistentin des Werbefilms erzählte ihr davon. Sie sagte, ich hätte ein engelhaftes Gesicht und ein einnehmendes Wesen. Sie überzeugte meine Mutter davon, dass ich bei diesem Wettbewerb sehr gute Chancen auf den Sieg hätte. Und das Preisgeld war auch nicht zu verachten.
Ich gewann nicht. Ich wurde nur Dritte, aber auch für diesen Platz gab es ein Preisgeld. Meine Mutter konnte das Geld für weitere drei Monatsraten auf der Bank einzahlen.
Und so ging es dann weiter. Bei jedem neuen Wettbewerb, jedem neuen Casting und jedem neuen Auftrag erfuhr meine Mutter von weiteren Möglichkeiten und Chancen.
Sie ging in der Rolle als meine Managerin auf und wir verdienten viel Geld. Wir waren rasch schuldenfrei, konnten uns bald ein größeres Haus leisten und noch mehr. Wir konnten uns Dinge leisten, von denen viele Menschen nur träumen.
