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Als das Erfolgskonzept "Die Kruses" nach über dreißig Jahren Ehe doch noch überraschend scheitert, gehen Karin und Robert getrennte Wege. Während Reihenhaus-Robert als Endfünfziger seine ersten zaghaften Schritte als Junggeselle geht, betritt er eine Welt, die ihm stark verbesserungswürdig erscheint. Mit tatkräftiger Unterstützung des Internets, eines verlogenen Barkeepers und einer Insel namens Manfred macht sich Robert daran, die Welt vor sich selbst zu retten.
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Seitenzahl: 542
Veröffentlichungsjahr: 2020
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DER KRUSE
Eine menschliche Flipperkugel kämpft um ihr Freispiel
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Impressum
Texte: © by Burkhard Simon
Umschlaggestaltung: © Copyright by Burkhard Simon
Verlag: Burkhard Simon / Wolkendreher
www.wolkendreher.de
Vertrieb: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Die in diesem Buch verwendeten Zitate entstammen der Internetseite Zitate.net.
Alle Personen und Handlungen in diesem Buch
Hotel „König Josef“ in München
23:45 Uhr
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Okay, ich schreibe ein Buch.
Wie geht man ein solches Projekt wohl an?
Ich meine: Ich schreibe ein Buch? Du lieber Himmel!
Die größten Probleme bereitet man sich tatsächlich immer selbst. Das merke ich schon jetzt, dabei befinde ich mich gerade mal am Beginn der ersten Seite.
Na ja, wahrscheinlich werden Sie Nachsicht mit mir haben, wenn ich mich ein wenig ungeschickt anstelle und auf den ersten paar Seiten leicht unbeholfen vor mich hin stammele. Sie kennen mich ja. Ich werde das schon hinkriegen. Ich kriege alles hin. Schließlich bin ich nicht irgendein Dumpfsack aus Rumpel an der Knatter. Ich bin das moralische Gewissen Deutschlands! Oder zumindest war ich es bis vor gut zwei Stunden. Oder bin ich es am Ende noch immer? Keine Ahnung. Könnte durchaus sein. Im Moment ist es schwer zu sagen. Vielleicht sehe ich morgen schon viel klarer. Mein momentaner Status was das angeht, dürfte ein wenig in der Schwebe hängen.
Was ich sagen will, ist Folgendes: Ich habe in kürzester Zeit mehr erreicht, als ich es je für möglich gehalten hätte. Wie schwer kann es da schon sein, ein Buch zu schreiben? Noch dazu für einen Menschen in meiner Situation! Für Jemanden, der sich nichts ausdenken muss, weil er alles, was er niederzuschreiben gedenkt, selbst erlebt hat?
Wissen Sie, ich möchte Ihnen erzählen, wie es wirklich war. Ich meine nicht die Hochglanzversion, ich meine die Wahrheit. Erinnern Sie sich noch an diesen Begriff und an das Prinzip, welches er verkörperte?
Wahrheit?
Die Älteren werden sich vielleicht erinnern, die Jüngeren wahrscheinlich nicht. Wahrheit war mal wichtig. Das war lange bevor wir uns freiwillig und ohne Not Dingen zuwandten, die plötzlich allein durch ihre Existenz eine gewisse Wichtigkeit erlangten. Eine Wichtigkeit, die niemals hinterfragt wird, obwohl sich das Hinterfragen sicherlich lohnen würde. Ich rede von Hirnfürzen, wie „alternativen Fakten“. Von Dingen, wie der Anzahl Ihrer Follower auf Instagram, Ihrer YouTube-Abonnenten, oder auch der komplett sinnfreien „Likes“ auf irgendwelchen Internetseiten.
Ich rede von Wahrheit. Fotos auf Instagram, durch fünfzig Filter gejagt und vor dem Upload mit fünfzehn nahezu identischen Fotos verglichen um das Beste auszuwählen, hat mit Wahrheit nichts zu tun. Es hat etwas mit übersteigertem Selbstwertgefühl, finanziellen Interessen, Geltungsdrang, Oberflächlichkeit oder schlicht Mitläufertum zu tun. All das mag ein solches Foto widerspiegeln, die Wahrheit spiegelt es jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Wahrheit... Ein unkompliziertes, einfaches und doch über alle Maßen effektives Prinzip. Etwas ist entweder wahr oder es ist Blödsinn. Wenn es wahr ist, verdient es unsere Aufmerksamkeit, wenn es Blödsinn ist, sollte es auch wie Blödsinn behandelt werden. So einfach kann das Leben sein. Wie gesagt: Die Älteren werden sich erinnern.
Sie wissen, es fällt mir wahrhaftig nicht schwer, literweise meinen hochinteressanten persönlichen Senf über Gott und die Welt und vor allem über unsere ach so zivilisierte Gesellschaft zu verschütten. Ich meine, schließlich kennen Sie mich als eloquenten Redner und Analysten. Allerdings macht sich in mir die Angst bemerkbar, dass zwischen dem Kommentieren des Tagesgeschehens und dem Erzählen meiner eigenen Geschichte – meiner ganz und gar persönlichen und eben auch wahren Geschichte – ein riesiger Unterschied besteht. Es ist irgendwie... näher an mir dran? Intimer? Persönlicher? Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll.
Tolle Voraussetzungen für einen wirklich gelungenen Start in mein neues Leben als gefeierter Buchautor, finden Sie nicht auch? Aber wie gesagt: Sie kennen mich. Ich kriege das schon irgendwie hin. Ich kriege alles hin.
Ein Buch.
Okay.
Wie schwer kann das sein?
Mir fällt gerade auf, dass meine ersten Sätze dessen, von dem ich hoffe, dass irgendwann einmal ein Buch daraus wird, einen kleinen aber tiefgreifenden Fehler enthalten: Ich schrieb, dass Sie mich kennen, und das sogar mehrmals. Und das ist Quatsch. Klar, jeder, der die letzten anderthalb Jahre nicht mit geschlossenen Augen und Stöpseln in den Ohren in einer Höhle verbracht hat, glaubt, mich zu kennen. Ich meine, Sie kennen natürlich den Fernseh- und Radiotypen, den Internetstar, den Kerl aus dem Frühstücksfernsehen, den geheimnisvoll dreinblickenden Promi auf dem Hochglanzumschlag Ihres wöchentlich erscheinenden Lieblingsblättchens, aber mich selbst, mich persönlich kennen Sie nicht. Sie nicht, ihr Nachbar nicht, ihr Facebook-Freund mit den lustigen Hundefotos nicht, und ich denke, dass selbst mein eigener Agent nicht die geringste Ahnung hat, mit wem er in letzter Zeit wirklich seine Brötchen verdient hat.
Sie wissen, wer ich bin, doch Sie kennen mich nicht. (Oder sollte ich vielleicht besser schreiben, dass Sie mich kennen, aber nicht wissen, wer ich bin? Knifflig...)
Gütiger Himmel, und ich will ein Buch schreiben?
Ja. Obwohl ich fürchte, dass der Versuch, Ihnen zu erklären, was tatsächlich vorgefallen ist, wie sich in Wirklichkeit die Dinge ereigneten, die während der letzten Monate Ihre Presse und Social Media auf Trab gehalten haben, ein ganz schöner Kampf werden könnte, möchte ich den Versuch starten. Und wenn es sich tatsächlich als Kampf herausstellen sollte, dann haben Sie mein Wort: Ich habe vor, ihn zu gewinnen.
Also noch einmal von vorn: Wie soll ich diese Sache angehen? Einen Anfang für einen Anfang finden?
Nun, zunächst möchte ich Sie auf eine Tatsache hinweisen, die Ihnen wahrscheinlich schon beim Lesen der ersten Seiten klargeworden sein dürfte. Ich mache das hier zum ersten Mal und bin entsprechend nervös. Ich bin nämlich beileibe kein Schriftsteller. Anhand der Ereignisse der letzten Zeit mögen Sie das vielleicht denken, aber auch was das angeht, sind Sie schief gewickelt. Auch, wenn Sie mich als Star kennen, bin ich von Hause aus eigentlich Buchhalter.
Lohnbuchhalter, um genau zu sein.
Ich denke, ich bin es tief in mir drin noch immer. Manche Menschen behaupten ja gerne, dass man den Genauigkeitsfanatiker, den Erbsen zählenden Kontrollfreak und Pedanten nie mehr aus einem Menschen herausbekommt, wenn er diesen Weg erst mal eingeschlagen hat. Über die Richtigkeit dieser Vermutung soll die Nachwelt entscheiden. Es ist mir so egal wie zwölf oder ein Dutzend, ob die Ereignisse, die mein Leben in letzter Zeit komplett auf den Kopf gestellt haben, nun einen anderen Menschen aus mir gemacht haben, oder nicht. Alles, was ich dazu sagen kann ist, dass ich irgendwie nach all dem Zinnober noch immer nur ich bin. Aber ich greife vor. Gehen wir die Sache der Reihe nach an.
Stand der Dinge: Ich sitze in einem Hotelzimmer, welches exakt die sterile und unpersönliche Ausstattung vorzuweisen hat, die scheinbar den Standard für die anonyme Mittelklasse markiert. Da wäre ein leise brummender Minikühlschrank im Nachtschränkchen, ein fest an der Wand verschraubter Fernseher, Bettwäsche wie im Krankenhaus, Tapeten wie im Seniorenstift und eine Fernbedienung in der Nachttischschublade, die ich für nichts auf der Welt anfassen würde. Ich meine, wer weiß schon, wer hier vor mir wohnte, welche zahlungspflichtigen Programme sich meine Vormieter über den fest verschraubten Fernseher an der Wand anschauten und wie es um die Handhygiene dieser Menschen bestellt war, nachdem... sie wissen schon. Glauben Sie wirklich allen Ernstes, dass Hotel-Fernbedienungen regelmäßig von qualifiziertem Fachpersonal desinfiziert werden?
Sehen Sie? Ich auch nicht. Es ist ekelhaft.
Dass in der selben Schublade tatsächlich auch eine Bibel liegt (ich wusste gar nicht, dass sich hier in Bayern noch immer in jedem Hotelzimmer eine Bibel findet) betrachte ich als Zeichen von gelebtem Liberalismus. Es ist scheinbar so, dass selbst hier in Bayern, südlich des Weißwurstäquators, heutzutage die Maxime lautet: „A jeder, wie er mog.“
Das bedeutet im Klartext, dass man in der Schublade des Nachtschränkchens für den ersten Gast die heilige Schrift mit den zehn Verboten hinterlegt, während man für den nächsten Gast eine Fernbedienung mit ihren weniger kirchenfesten Verheißungen aus dem morastigen Becken menschlicher Schwächen und Gelüste bereitstellt. Und damit sind wir eigentlich auch schon mitten im Thema. Schauen Sie, es gibt heutzutage einfach keine klare Linie mehr! Nichts hat mehr Bestand, da ist nichts mehr, an dem man sich orientieren oder nach dem man sich verlässlich richten könnte.
Jeder, wie er will, alle dürfen alles, keiner muss gar nichts, und wenn dann am Ende die Rübe völlig matschig ist, entscheiden wir telefonisch für fünfzig Cent pro Anruf darüber, wer sich ab dem heutigen Abend offiziell als „Superstar“ bezeichnen darf. Ich bitte Sie! Ist das wirklich unser Ernst?
Am nächsten Abend freuen wir uns dann darauf, gemütlich bei einem Stück Pizza vom Bringservice dabei zuzuschauen, wie irgendein käsiger F-Klasse-Promi aus dem Dschungelcamp fliegt, obwohl es diese bemitleidenswerte Kreatur, dieser völlig schamfreie und durch und durch bedauernswerte Mensch im Vorfeld über sich brachte, vor laufender Kamera sein Innerstes nach außen zu kehren, sich den blamabelsten Herausforderungen zu stellen und seine Menschenwürde freiwillig mit Füßen zu treten. Und warum macht er so etwas, so fragt man sich?
Nur damit die arme Sau noch ein wenig länger medienpräsent sein darf. Noch immer nicht in der Versenkung verschwunden und vergessen, noch immer im Fernsehen. Noch ein klein wenig länger im öffentlichen Bewusstsein, um sich im Licht der extrem kalten Sonne zu präsentieren, die wir „Berühmtheit“ nennen. Oder anders ausgedrückt: um sich noch ein paar Stündchen länger von exakt dem Haufen von Arschlöchern beim Blamieren begaffen zu lassen, der unserem „Prominenten“ dann schließlich feixend einen schönen Rückflug nach Deutschland wünscht.
Obwohl... Vielleicht geht ja Selbsterniedrigung, gepaart mit dem Verlust jeglicher Würde heutzutage als vielversprechendes und lukratives Karrieremodell durch? Großer Gott! Deutschland, du Land der Dichter und Denker.
Sie müssen entschuldigen... Ich schweife ab.
Wissen Sie, ich versuche gerade, so etwas wie Ordnung in mein gedankliches Chaos zu bringen. Ich möchte einen Anfang für das finden, was ich Ihnen gerne erzählen möchte, aber das ist gar nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wie gesagt: Ich bin Buchhalter. Haben Sie also bitte ein wenig Geduld mit mir und kommen Sie einfach mit auf meine persönliche Reise in den Wahnsinn. Sie können ja jederzeit eine kleine Pause einlegen, wenn es Ihnen passt. Sie haben Glück. Sie können das.
Ich schreibe ein Buch.
Gütiger Himmel.
Ich bin noch immer sehr aufgewühlt, von dem, was vor nicht ganz zwei Stunden geschehen ist.
Ja, vielleicht sollte ich damit anfangen. Vielleicht sollte ich Ihnen als erstes erzählen, wie ich so ticke, damit Sie verstehen können, warum ich so unfassbar angefressen bin, so über alle Maßen hinaus fertig mit dieser Gesellschaft und damit auch – so leid es mir tut – mit Ihnen, lieber Leser. Schauen Sie, ich bin ein Mensch, der eigentlich nicht gerne im Rampenlicht steht. Wirklich nicht. Nun ist es nicht so, dass ich in der Vergangenheit viel Gelegenheit dazu gehabt hätte, dies herauszufinden. Ich stand eigentlich nie im Rampenlicht, war nie ein Show-Talent oder die Art von Mensch, die sich sofort meldet, wenn in einer Besprechung mein Boss „Vorschläge?“ in den Raum bellt. Du lieber Himmel, als Frau Kunze damals in der fünften Klasse fragte, wer sich um das Amt des Klassensprechers bewerben wolle, tauchte ich völlig panisch unter meinen Tisch ab und versuchte, den Eindruck zu erweckten, in meiner Tasche nach Tintenpatronen zu suchen! Nein, ich bin kein Mensch für die Bühne. Soviel steht fest. Und doch kann ich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich am heutigen Abend für den größten Knaller in der deutschen Fernsehunterhaltung seit dem Mauerfall gesorgt habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Anzahl der Clicks auf YouTube mit Bezug auf meinen Fernsehauftritt schon jetzt durch die Decke geht! In den letzten zwei Stunden habe ich dafür gesorgt, dass ich von jetzt an endgültig meine Ruhe vor der Allgemeinheit haben dürfte. Von dem dummdosigen Bescheuertensoziotop, in dem wir gezwungen sind, uns täglich aufzuhalten oder – wie ich es nenne – vor der „Zielgruppe“. Denn nur um sie geht es. Es geht immer nur um „die Zielgruppe“. Aber dazu später mehr.
Und nun? Zwei Stunden nach dem großen Knall?
Wenn ich die Gardine meines Fensters ein wenig zurückziehe, kann ich sehen, dass draußen auf der Straße alles seinen gewohnten Gang geht. Ein paar Autos, eine gelegentliche Straßenbahn, Fußgänger, und ein Boxermischling, der auf den Grünstreifen zwischen Fuß- und Radweg scheißt, während sein strähnenblondiertes Frauchen abwesend auf ihr Handy glotzt. Da kann man mal wieder sehen, dass im Grunde genommen alles nur ein Witz ist. Der Eine erlebt den wohl aufregendsten Trip seines Lebens, und der Andere informiert sich darüber, an welcher Tankstelle der Diesel am billigsten ist. Das ist das Leben. Der Alltag. Und der schnurrt wie eine gut geölte Maschine vor sich hin. Unabschaltbar, unaufhaltbar, und ohne auch nur zu ruckeln.
Vielleicht sollte ich die Gardine lieber wieder schließen und mich konzentrieren. Vielleicht sollte ich mir auch etwas möglichst Hochprozentiges aus dem Minikühlschrank holen, mich erst einmal sammeln und mich Ihnen vorstellen. Ich meine damit, mich Ihnen so vorzustellen, als würden Sie mich nicht schon seit Monaten kennen. Ja, das klingt vernünftig.
Vor allem die Sache mit dem Minikühlschrank.
Wie wir bereits festgestellt haben, wissen Sie, wer ich bin. Und nun sollen Sie mich kennenlernen.
Gestatten: Kruse. Mein Vorname ist Robert. Zu der Zeit, in der ich mit meiner Geschichte ansetzen möchte, nannte mich jedoch kein Schwein bei meinem Vornamen. Meine Kollegen nannten mich „Kruse“ (»Kruse, hast du schon das Memo gelesen?«), und meine Freunde nannten mich „Robbie“. Glauben Sie mir, ich habe keine Ahnung, warum. An meiner Ähnlichkeit mit einem britischen Popstar gleichen Namens wird es jedenfalls nicht liegen. Ich war damals so etwa Mitte fünfzig, hatte einen stattlichen Bauchansatz, und die einzige Kopfbehaarung, die noch nicht aschgrau war, wuchs mir neuerdings aus den Ohren. Ich war – wie erwähnt – Buchhalter, ein Job, der in der Top-Ten-Bewertung der coolsten Berufe Deutschlands so in etwa auf Platz vierundsiebzig ins Ziel keuchen dürfte.
Robbie... Was für ein bescheuerter Spitzname. Wie kann man denn bitteschön auf die Idee kommen, einen fetten, grauhaarigen, buchhaltenden Mittfünfziger „Robbie“ zu nennen? Es war wohl ihr persönlicher Witz auf meine Kosten, und es war meine allseits anerkannte Aufgabe, mich darüber aufzuregen.
Wenn ich heute – mit einem gewissen Abstand – darüber nachdenke, waren es eigentlich gar nicht wirklich meineFreunde. Genaugenommen konnte diese komischen Typen, die an den Wochenenden mein Haus überrannten, wie eine grunzende Horde angesoffener Mongolen, nie ausstehen. Ich nicht. Aber meine Frau. Ja, so muss man es sehen. Es waren eigentlich ihre Freunde. Sehen Sie, wenn man eine Frau heiratet, dann heiratet man ihre Freunde scheinbar mit (auch so ein Ding, das man anno 1985 beim Anbaggern im Bonner „Rock-Pop-Keller“ überhaupt nicht auf dem Schirm hatte). Zu jedem noch so kleinen Anlass rannten mir diese Blödmänner die Bude ein, und meine Frau hatte nichts Besseres zu tun, als die ganze Sippschaft von vorne bis hinten zu bekochen und ihnen mein letztes Bier anzubieten. Ja, ich denke, hier sind wir am eigentlichen Kern meines Problems angelangt: bei meiner Ehe.
Die Geschichte meines Untergangs beginnt, wie so viele Untergänge in der Geschichte, mit einem einzigen kleinen Wort. Damals, im April 1912, war es das Wort »Eisberg«, ausgesprochen im Krähennest der Titanic, 1986 war es das Wort »Hoppla«, ausgesprochen in einem Kontrollraum im ukrainischen Tschernobyl, und in meinem Fall war es das Wörtchen »Ja«, ausgesprochen im Trauzimmer des Standesamtes in Bonn-Bad Godesberg vor gut dreißig Jahren. Dieses kleine Wort, diese beiden unbedeutenden Buchstaben läuteten mein persönliches Desaster ein. Zumindest sehe ich das heute (als durch das Leben geläuterter und verbesserter „Robbie“) so, und ich denke nicht, dass „Robbie“ damit allzu falsch liegt.
Ich kann förmlich riechen, was Sie gerade denken, aber Sie liegen schon wieder daneben. Nein, ich hänge nicht in einer extrem verspäteten Midlife-Crisis. Nein, ich bin auch keineswegs verbittert! Ich bin keiner dieser selbsternannten Sozialverbesserer, die den lieben langen Tag am Fenster sitzen und Falschparker über die Notrufnummer der Polizei melden. Ich bin keiner dieser Typen, die darauf warten, das Waldo von nebenan auf ihren Rasen kackt, damit sie den ersten nachbarschaftlichen Kleinkrieg nach mindestens drei langen und ereignislosen Stunden anzetteln können. Ganz im Gegenteil.
Ich war eigentlich die meiste Zeit meines Lebens ein ziemlich umgänglicher Mensch. Schwer, zu glauben, habe ich Recht? Kein Party-Animal, ganz bestimmt nicht, aber auch kein Kostverächter, wenn Sie wissen, was ich meine.
Es gab mal Zeiten, da fühlte ich mich so richtig wohl in meiner Haut. Ich hatte einen guten Job (Lohnbuchhalter bei der Deutschen Roheisen und Hütten Bank AG, mittlerweile sogar als stellvertretender Abteilungsleiter), brachte jeden Monat mein sauer verdientes Geld auf das gemeinsame eheliche Konto und hatte eigentlich ein recht gutes Auskommen durch Einkommen, wie man so schön sagt. Einmal, manchmal sogar zweimal im Jahr, fuhr ich mit meiner Frau Karin in den wohlverdienten Urlaub. Und damit ging es los: mit unserem letzten Urlaub.
Von diesem Urlaub möchte ich Ihnen gerne berichten. Von unserem letzten Urlaub und von einigen Dingen, die er ins Leben rief. Es ist die Geschichte von Herrn Robert Kruse nebst Gattin. Von dem leidlich wohlsituierten Ehepaar mit dem Reihenhaus. Es ist auch eine Geschichte über Ruhm und Ansehen, eine Geschichte über Macht und Ohnmacht und die Geschichte von der Sache mit den Tickets ins Paradies. Und natürlich ist es auch eine Geschichte über Sie, lieber Leser. Über die „Zielgruppe“.
Urlaub. Wie wundervoll kann dieses Wort klingen.
Urlaub...
Eine Zeit der Erholung sollte es sein. Eine Zeit ohne Stress, ohne Zeiterfassungs-Chips, ohne Computer und all den anderen Kram, mit dem man so Tag für Tag zu tun hat. Eine Auszeit. Eine Unterbrechung des täglichen Lebens, damit man mal wirklich leben kann.
Es lief folgendermaßen ab: Kurz vor meinem Urlaubsantritt kam es zu den üblichen Schwierigkeiten, mit denen man immer zu rechnen hat, wenn man eine Stufe vor dem Posten des Abteilungsleiters steht und anfängt, ernsthaft Verantwortung in der Firma zu übernehmen. Immerhin war ich als stellvertretender Abteilungsleiter der Lohnbuchhaltung in planerischen Dingen davon abhängig, dass mein Chef auf dem Posten war. Fehlte mein Chef, war es an mir, ihn zu vertreten, und was soll ich sagen? Fast wäre es dazu gekommen, dass ich meinen Urlaub hätte auf Eis legen müssen.
Es wäre interessant, zu erfahren, wie mein Leben in den letzten anderthalb Jahren dann verlaufen wäre.
Aber der Reihe nach...
Mein direkter Vorgesetzter trug zwar den extrem säuberlichen Namen Reinhard Glanzknecht, war jedoch ein absolut widerlicher Drecksack. Ein Bilderbuch-Macho, der mit seinen samstäglichen Besuchen im „Sauna-Club“ angab, wie andere Leute mit dem Nobelpreis für Medizin. Ich sah ihn, umgeben von einem erregt summenden Schwarm schleimscheißender Kollegen, auf dem Korridor in der Ecke mit der Kaffeemaschine. Gerade wollte ich zurück in mein Büro flüchten, da entdeckte er mich und winkte mich zu seiner Fangemeinde hinzu.
»Schau an, der Kruse! Ich nehm sie nicht, nimm Du se, sonst nimmt sie halt der Kruse!«
Die Tatsache, dass das, was ihm da gerade aus dem Kopf gefallen war, nicht nur keinen Sinn ergab, sondern auch noch total unwitzig war, schien meine Kollegen nicht die Bohne zu stören. Sie lachten, als habe dieser selbstverliebte Idiot eben den Kalauer des Jahres gerissen und grinsten mich frech an. Immerhin war es ja ein Witz auf meine Kosten (auch wenn es kein Witz war).
Ich mühte mir ein Lächeln ab, schloss kurz die Augen und kniff mir in den Nasenrücken. Kündigte sich da ein leichter Kopfschmerz an? Vor meinem geistigen Auge erschien Reinhard Glanzknecht, wie er mit einer überdimensionalen Fleischwurst in der Luft herumwedelte und ein Haufen speichelleckender Hunde, völlig außer sich vor Begeisterung, an ihm hochsprang und Kunststückchen vorführte. Ich öffnete die Augen, das Bild verschwand, und ich war überrascht zu sehen, wie wenig sich die Szene an der Kaffeebar von meiner Vision unterschied. Ich tackerte mental mein gequältes Lächeln an den Mundwinkeln fest und gesellte mich zum Rest der Abteilung, die fast vollzählig an den Lippen unseres obersten Bürohengstes hing. Nach einem kurzen »Morgen, zusammen« bediente ich mich und hielt mich dann krampfartig an meiner Kaffeetasse fest.
Nachdem er ausgiebig über die Vorzüge osteuropäischer Damen referiert hatte (»Jungs, die gehen da viel unverkrampfter an die Thematik, als ihr das von euren Faltenrock-Weibchen zuhause kennt!«), kam die Sprache auf gesundheitliche Probleme, die er seit einiger Zeit hatte, die ihm aber nicht direkt Sorgen zu machen schienen. Genauer gesagt, klagte er über leichte Übelkeit, begleitet von einem sehr lästigen Hautausschlag. Er habe seit Tagen eine leicht erhöhte Temperatur, was ihn aber nicht weiter störte, so sagte er. Nur der Ausschlag würde ihn dazu treiben, sich im Schlaf handflächengroße Hautfetzen vom Leib zu kratzen, wie er meinte. Dann lachte er wieder, und die Kollegen lachten mit ihm. Er meinte, es sei wahrscheinlich nur irgend etwas, das er sich neulich bei einem Kurztrip nach Bangkok eingefangen habe und lachte nun noch lauter. Pflichtbewusst, wie sie waren, lachten meine Kollegen nun ebenfalls lauter. Dabei machten Sie abwinkende Gesten, die wohl bedeuten sollten, dass man so etwas als ganzer Kerl ja schließlich kenne, und dass mein Chef ihnen da nichts Neues erzählte. Glanzknecht, dem mein gekünsteltes Lächeln aufgefallen sein musste, schlug mir, jetzt vor Lachen schier prustend und mit hochrotem Kopf, kumpelhaft auf die Schulter.
»Mensch, Kruse! Machen Sie sich mal locker! Wir sind hier unter uns, und die Dame des Hauses wird Sie ja wohl kaum hören können, was?«
Die Kollegen wieherten jetzt schier vor Begeisterung.
»Oder kriegen Sie sonst was mit dem Nudelholz über den Schädel, oder wie?«
Er stieß ein bellendes Lachen aus und die Meute bellte ihm nach. Er schlug mir erneut kraftvoll auf die Schulter, und das Kläffen meiner Kollegen erreichte seinen Höhepunkt.
»Immer schön der Herr im Hause bleiben, was Kruse«, dröhnte mein Boss, während die Farbe seines Kopfes nun von einem tiefen Rot in ein dunkles Violett changierte. Ich bemerkte ein leichtes Flattern in seinem rechten Augenlid. Dann deutete er auf eine Stelle an der kahlen Wand, rief »Pudding!« und schlug stocksteif der Länge nach aufs Gesicht.
Jetzt lachte er nicht mehr. Meine Kollegen auch nicht. Ich schon, aber ich versuchte, es mir – angesichts der Dramatik der ganzen Situation – zu verkneifen.
Einigermaßen überrascht von der etwas sprunghaften Entwicklung des Vormittags verständigten wir den Notarzt. Mein Boss wurde mit viel Tatütata in die nächste Klinik gebracht. Dort kicherte er wirr vor Fieber vor sich hin und verfiel hin und wieder in einen seltsamen Singsang, der schließlich von einem zufällig anwesenden Hausmeister zweifelsfrei als die Nationalhymne Papua Neuguineas identifiziert wurde, was jedoch niemandem sonderlich weiterhalf und den Hausmeister, der gehofft hatte, in bester Dr. House-Manier den entscheidenden Hinweis für eine Diagnose geliefert zu haben, einigermaßen zerknirschte. Er verbrachte die nächsten Tage auf der Intensivstation (Glanzknecht, nicht der Hausmeister), ohne dass die Ärzte die genaue Ursache seines plötzlichen Zusammenbruchs herausfinden konnten.
Natürlich kam meine Urlaubsplanung im Zuge dieser Ereignisse bedenklich ins Wanken und hatte schon eine recht bedrohliche Schlagseite, als plötzlich die Nachricht die Firma erreichte, dass es meinem Vorgesetztenmacho wieder erheblich besser ginge, und er tatsächlich sogar von der Intensiv- auf eine normale Station verlegt worden sei.
Am nächsten Tag besuchte ich ihn (im Auftrag der Abteilung Personalbuchhaltung, zu deren Obermotz ich während der Abwesenheit dieses Kotzbrockens geworden war), und beglückwünschte ihn zu seiner schnell fortschreitenden Genesung. Bei dieser Gelegenheit ließ ich ganz lapidar einfließen, dass ich eigentlich demnächst Urlaub hätte, ihn aber gerne verschieben könne, sollte mein Chef nicht pünktlich wieder auf dem Damm sein. Schließlich hatte ich nichts fest gebucht, ich wäre also flexibel, falls ich es sein müsse, fügte ich hinzu (immer ein Satz, den Vorgesetzte gerne hören). Er lachte, winkte ab und wünschte mir persönlich und voller guter Dinge einen angenehmen Urlaub. Es war schön zu sehen, wie gut sich der Arsch erholt hatte. Seine Gesichtsfarbe war frisch und fast schon wieder normal, sein Lächeln wirkte nicht gekünstelt, sondern offen und ehrlich. Meine Laune besserte sich gemeinsam mit seinem Gesundheitszustand, und alle waren wir glücklich und zufrieden, denn je schneller die Genesung von „Mr. Saunaclub“ voranschritt, desto schneller konnten für Karin und mich die schönsten Wochen des Jahres beginnen.
Am Freitag der darauf folgenden Woche, meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub, hörte ich zufällig in der Kantine die Unterhaltung zweier Kollegen aus der Kreditwirtschaft, Abteilung A bis F, die sich darum drehte, dass die Spätzle nach Hausmacherart mal wieder schmeckten, wie in Streifen gerissene Raufasertapete, die Soße – rein von der Konsistenz her – stark an Kleister erinnere und somit dem ganzen Mittagessen ein Hauch von Renovierungsarbeiten anhefte. Einer der Kollegen merkte bei dieser Gelegenheit scharfsinnigerweise an, dass umfangreiche Renovierungsarbeiten der leicht in die Jahre gekommenen Dame an der Essensausgabe auch nicht schaden würden. Von so viel Wortwitz überwältigt, konzentrierte ich mich wieder auf mein eigenes Problem, nämlich, mein Zartes Filet vom Schwein an jungen Möhrchen mit Püree von der Süßkartoffel daran zu hindern, sich nach jedem Bissen kurz oberhalb des Kehlkopfes schmerzhaft in meinem Hals zu verkeilen.
Die Luft war angefüllt von den exotischen Gerüchen unserer Nahrungsmittel-Surrogate, dem Geklapper von Besteck auf dem schmucklosen Kantinengeschirr, der Unterhaltungen unserer Mitarbeiter und der unvergleichlichen Unruhe und Hektik, die man nur in den Pausenräumen großer Firmen zu finden scheint. Die Mitarbeiter von der Kreditvergabe machten gerade Mittagspause, während die Jungs vom Fuhrpark noch in den letzten Zügen der Frühstückspause lagen. Immer ein unruhiger Moment in unserer Kantine.
Mein heroischer Kampf gegen das Zarte Filet vom Schwein war gerade in eine besonders heikle Phase getreten, als ich von den Kollegen am Nebentisch die Fortsetzung ihrer Unterhaltung mitbekam. Das Gespräch wurde eher geschrien als gesprochen, und so gelangte ich ungewollt an neue Informationen über den weiteren Genesungsverlauf meines Bosses. Es handelte sich um Informationen, auf die ich lieber verzichtet hätte.
Offenbar ging es mittlerweile darum, dass mein fast schon wieder komplett gesundeter Chef von seinen Ärzten dazu ermuntert worden war, in der würzigen Abendluft einen kleinen Spaziergang im Krankenhauspark zu unternehmen, in dessen Verlauf er dann prompt von einer entfesselten Horde endorphintriefender Mountainbiker über den Haufen gefahren wurde. So lag er nun, ausgestattet mit vielen neuen und medizinisch herausfordernden Verletzungen, erneut in seinem angestammten Bett auf der Intensivstation und wartete dort gemütlich sediert auf eine grundlegende Renovierung ausgedehnter Teile seines Knochenbaus.
Sie werden sicher verstehen, dass ich die anhaltende Renovierungs-Wortspielerei nicht mit der selben Begeisterung wie meine Kollegen aufnehmen konnte. Zwar war ich leidenschaftlich am Wohlergehen meines Vorgesetzten interessiert (immerhin war es ja untrennbar mit meinem eigenen Urlaub verbunden), jedoch entschied ich mich trotzdem, so zu tun, als hätte ich die Unterhaltung meiner Kollegen nicht gehört. Ich wollte auf keinen Fall den Anschein erwecken im Bilde zu sein, denn dass wäre der Verpflichtung gleichgekommen, dem Sack erneut einen Besuch abzustatten, und wir wissen doch alle, wie anstrengend diese Besuche für Patienten sind, die doch eigentlich nur viel Ruhe brauchen.
Die restlichen Stunden im Büro verbrachte ich also mit einer imaginären Telefonkonferenz mit einem nicht minder imaginären Kollegen in unserer Hamburger Niederlassung, die ich mir aus den Fingern gesaugt hatte, um einen „Bitte nicht stören, Telefonkonferenz“-Zettel an meiner Tür anbringen zu können. Ich durfte auf gar keinen Fall einem meiner Kollegen über die Füße laufen, denn dann hätte ich zweifellos vom Unfall meines Bosses „erfahren“ und mein Urlaub wäre auf unbestimmte Zeit verschoben worden. An diesem letzten Arbeitstag hatte die Stunde gefühlte einhundert Minuten aber schließlich wurde es dann doch noch siebzehn Uhr, und ich machte mich, in aller gebotenen Eile und mit einem aus dem sich schließenden Aufzug vorgebrachten „Tschüss, zusammen!“ vom Acker.
Tja, und so ging das los.
- - - -
„Wer einen Sieg über sich selbst errungen hat, ist stark.
Wer einen Sieg über seine Frau errungen hat, lügt.“
(Li Bai)
Wie ich bereits kurz angeschnitten habe, beginnt die Geschichte meines Untergangs, meines phoenixgleichen Wiederaufstiegs und all den damit verbundenen Begleiterscheinungen, wie bei so vielen Menschen, mit meiner Ehe. Karin und ich waren gefühlte vierhundert Jahre verheiratet, als der ganze Mist seinen Anfang nahm. Tatsächlich waren es ziemlich genau drei Jahrzehnte, was ebenfalls eine ganz schön großzügige Zeitspanne ist, aber glauben Sie mir, es fühlte sich länger an.
Langeweile spielte in unserer Ehe keine besondere Rolle. Wir führten weiß Gott kein besonders aufregendes Leben, doch man kann auch nicht sagen, dass uns jemals der Gesprächsstoff ausgegangen wäre. Nein, das Leben war im Großen und Ganzen beschwerdefrei, uns fehlte es an nichts, und so kam es auch nie zu Dramen, wie Fremdgeherei oder Eifersucht. Um es kurz zu machen: Unsere Ehe war, wie alle Ehen, von denen man so hört, glücklich.
Allerdings hatten wir einen kleinen, unbedeutenden Streit, der sich im Zuge der Ereignisse zu einer großen und sehr bedeutenden Krise hocharbeitete. Es ging, wie sollte es auch anders sein, um das liebe Geld.
Karin war der vollkommen bescheuerten Meinung, ich solle meine Weihnachtsgratifikation sowie mein Urlaubsgeld auf einem gesonderten Konto deponieren, um so eine Rücklage für harte Zeiten zu bilden, was natürlich exakt die dämliche Einstellung ist, die Frauen nun mal haben.
Ich jedoch war der absolut vernünftigen Ansicht, dass das Geld bestimmt viel zufriedener mit seiner Verwendung wäre, würde es in eine nette kleine Reise investiert, denn was das Herrchen freut, das freut auch das Geld. Schließlich sei es ja die Aufgabe von Kaufkraft jeder Art, Freude und Entlastung zu bringen, Bedürfnisse zu befriedigen und das Leben lebenswerter zu gestalten. Warum würde man sonst so unglaublich viel Zeit damit verbringen, ihm hinterher zu laufen? Es wurde – dies war ein Punkt den ich meiner Gattin gegenüber besonders herausarbeitete – von den fleißigen Mitarbeitern der Bundesdruckerei nicht hergestellt, um dann ein virtuelles Dasein auf einem unpersönlichen Konto zu fristen. Ich erinnere mich noch, dass ich sogar eine recht humorvolle Bemerkung darüber machte, dass ich ja schließlich Buchhalter sei und daher bestens wisse, wovon ich rede, wenn es um Geld und Konten ginge, eine amüsante Fußnote, die Karin, diese humorlose Schnalle, überhaupt nicht zu würdigen wusste.
Sie schaute mich nur stumm an, schüttelte langsam den Kopf und atmete tief durch. Die Pause war kurz.
»Und was ist mit der anderen Sache?«
»Welche andere Sache?«
»Wirklich, Robert?«
»Was ist denn?«
»Wirklich? Echt, jetzt?«
»Was meinst du denn? Was für eine andere Sache?«
»Die andere Sache, über die ich vor noch nicht ganz zwei Minuten mit dir gesprochen habe!«
»Was? Wie jetzt? Wir haben über das Geld gesprochen oder etwa nicht?«
»Ja, auch.«
»Was, auch?«
»Auch über das Geld. Aber nicht nur. Wir sprachen über das Geld und auch über derbe Zeiten, Robert! Über derbe Zeiten und Rücklagen und Sicherheit und Vorsorge und darüber, sich zu verhalten, wie ein erwachsener und mündiger Mensch und nicht, wie ein Teenager, der plötzlich ein paar Euro mehr in der Tasche hat, als erwartet! Darüber haben wir gesprochen! Schön, dass du mir zugehört hast!«
Ich erklärte Karin, dass mein Vorgesetzter – sollte er seinen nächsten heilsamen Spaziergang überleben – schon im nächsten Jahr bis zur vollkommenen Unfähigkeit befördert werden würde, und ich als sein Stellvertreter der nächste Mann auf der Karriereleiter war. Derbe Zeiten konnten mir (und damit auch Karin) demzufolge bis auf Weiteres den Buckel runter rutschen, vielen Dank auch, und das wäre dann das.
Quod erat demonstrandum, wie mein alter Mathelehrer immer sagte.
Meine Frau, ein Mensch mit Prinzipien, war jedoch der Ansicht, dass derbe Zeiten nicht zuletzt deshalb derbe Zeiten seien, weil sie nicht die Angewohnheit hätten, sich im Vorfeld anzukündigen. Sonst könne man sich auf sie vorbereiten und schon wären es keine derben Zeiten mehr. Man könne also nie vorsichtig genug sein, vor allem, wenn man selbst jederzeit durch einen Unfall oder Ähnliches ausfallen könne. Meine geplante Karriere habe also nichts mit der Vorsorge gegen derbe Zeiten zu tun.
Quod erat demonstrandum (wie sie meinte).
Aber nicht mit mir, Schätzchen.
Ich wies Karin mit leicht ironischem Unterton darauf hin, dass sie selbst gerade versuche, sich gegen derbe Zeiten abzusichern, indem sie Geld anlegen wolle, statt es in einen Urlaub zu investieren. Dagegen sei im Grunde genommen nichts einzuwenden, nur führe sie damit ihre eigene Beweiskette – nämlich, dass man sich nicht auf derbe Zeiten vorbereiten könne – ad absurdum, weil sie sich auf etwas vorbereiten wolle, worauf man sich ihrer eigenen Aussage nach nicht vorbereiten kann. In diesem Punkt widersprach sie sich zweifelsfrei selbst, was bedeutete, dass mein Urlaubsvorschlag mittlerweile die einzige Idee war, die noch immer gesund, munter und massiv wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung ihrer argumentativen Kunstfurzereien stand.
Quod erat demonstrandum und ein klarer Punkt für mich.
Karin schwieg, genau darauf bedacht, dass die dadurch entstehende Pause exakt lang genug war, um Spannung aufkommen zu lassen, nicht aber lang genug, um Platz für eine weitere Einlassung meinerseits zu schaffen (eine unglaublich demütigende Technik, auf die ich jedes mal hereinfiel.) Ich wollte gerade etwas sagen, kam aber mal wieder nur bis: »Also.....«
»Hör mal, Kruse! Wir werden dieses Jahr nicht, ich wiederhole, NICHT viel Geld zum Fenster hinauswerfen und uns in irgendeinem fremden Land an einen überfüllten Strand legen, okay? Wir können gerne über ein verlängertes Wochenende reden, aber das war es dann auch schon. Früher war das doch auch immer gut genug für uns! Da sind wir mit dem Käfer bis runter nach Österreich gefahren und haben im Auto gepennt. Weißt du noch? Das du immer so übertreiben musst! Kaum ist Geld im Haus, kannst du es kaum erwarten, es mit vollen Händen über ganz Europa zu verteilen! Ach, Robbie... wir können es uns nicht leisten... Warum geht das nicht in deinen Kopf?«
Dabei schaute sie mich an, als käme ich frisch von der vermasselten Aufnahmeprüfung für die Baumschule.
»An die Käfer-Tour kann ich mich erinnern. Und ob... Da liefen im Autoradio Boy George und Falco, oder? Sind wir heute finanziell kein bisschen weiter? Im Auto pennen willst du heute bestimmt auch nicht mehr! Und hör auf, mich Robbie zu nennen, verdammt noch mal! Wir können es uns ja wohl noch leisten, einen korrekten Urlaub zu stemmen!«
»Nein, Robert. Das können wir nicht.«
Ich wünschte mir, sie würde wenigstens anfangen, zu schreien. Mit dieser ruhigen Masche machte sie mich noch ganz kirre. Und dazu ging mir dieses „Können-wir-können-wir-nicht“ Pingpong gehörig auf die Nerven. Mein nächster Satz kam viel lauter heraus, als ich es gewollt hatte.
»Karin, ich verdiene das Geld und ich sage, wir können uns einen schönen Urlaub leisten! Fertig! Was ist gegen einen verdammten Urlaub einzuwenden, das würde ich gerne mal wissen! Ende der Diskussion, verdammt noch mal! Wir fahren und fertig ist die Laube!«
Das ganze Hin und Her zog sich noch über den Rest des Nachmittags und einen Teil des Abends hin, bis uns schließlich um Punkt zwanzig Uhr die Tagesschau von unserer Unterhaltung erlöste. Der Fernseher lief stundenlang, und wir hatten uns scheinbar nichts mehr zu sagen. Die Fronten waren verhärtet, ich hatte nicht nachgegeben und war entsprechend zufrieden, Karin war sich völlig sicher, dass sie sich früher oder später würde durchsetzen können und für den Rest des Abends schwiegen wir uns lauthals an.
Wie dem auch sei, jedenfalls beschloss ich Idiot, nur um mal klarzustellen, wer in unserem Haus die Hosen anhatte, das Geld ohne vorherige Absprache mit dem Wärter meines persönlichen Glücks in eine Kreuzfahrt zu investieren, bevor sie auch nur einen einzigen Cent davon zu Gesicht bekäme. Und ich rede nicht nur von meiner Weihnachtsgratifikation und meinem Urlaubsgeld! Ich rede hier von meiner Weihnachtsgratifikation, meinem Urlaubsgeld, von einem Teil meines Gehalts und einem satten Batzen von unserem Ersparten! Ich rede von Urlaub! Ich rede von einem Flug von Frankfurt in die Vereinigten Staaten von Amerika! Und von einem Zug-Transfer zum Hafen von Miami, denn von dort aus kommt man per Schiff in die Karibik.
Ja, ich rede von einer Karibik-Kreuzfahrt. Und es war beileibe nicht die popeligste Karibik-Kreuzfahrt der Geschichte, denn wenn Herr Kruse Urlaub macht, dann auch richtig! Der Kruse hatte das Geld verdient, der Kruse hatte entschieden, der Kruse hatte gebucht. Punkt.
Ich war eben sauer.
Im Nachhinein betrachtet, war meine Entscheidung vielleicht tatsächlich ein wenig eigenmächtig, um nicht zu sagen arrogant, aber in der Situation fühlte es sich richtig an, so zu handeln. Ich hatte mich in einigen Prospekten umgeschaut, machte ein paar Telefonate, redete mit einem Kollegen, der Ahnung von all dem Internet-Kram hatte, ließ mir ein paar Angebote ausdrucken und buchte schließlich einen Wahnsinnsurlaub für Karin und mich.
Was war schon dabei? Ich hatte das viele Geld schließlich nicht für mich, sondern für uns ausgegeben! Egoismus würde sie mir jedenfalls nicht vorwerfen können. Es war eine Reise, die wir gemeinsam antreten würden, als Mann und Frau. Auf diese Art war für ihre Erholung gesorgt, war für meine Erholung gesorgt, und wir würden gemeinsam eine schlichtweg wundervolle Zeit unter der karibischen Sonne verbringen.
Ich war mir sicher, dass es nach diesem Urlaub nie wieder zu Diskussionen kommen würde, was Urlaubsplanungen anging. Und ich war fest davon überzeugt, dass Karin mir nie wieder mit einer Schnapsidee wie dem Sparen meines Urlaubsgelds käme, wenn ich ihr schließlich die Tickets unter die Nase gehalten hatte.
Ich meine, was ist mit Sprüchen, wie Leben und Lernen? Was ist mit Weisheiten, wie Erfahrungen kann man nicht sammeln, Erfahrungen muss man erfahren? Lag ich damit so schrecklich falsch? Erfahrungen sammelte man nicht in Bonn am Rhein, sondern unter der glühenden Sonne der Karibik! Das war eine Erfahrung! Und diese Erfahrung war nun gebucht, bestätigt und besiegelt.
Abends lag ich im Bett und hing meinen Gedanken nach. Das Licht schon längst gelöscht, aber in meinem Kopf schien die Sonne auf weiße Sandstrände herab. Sie schien auf die Planken des Sonnendecks und auf Stewards in blendend weißen Uniformen. Sie schien auf einen erfahrenen Kapitän, der durch seinen ersten Offizier ausgewählte Passagiere zum Dinner an seinen Tisch bitten lässt, sie schien auf exotische Bars und bunte Drinks mit Schirmchen und allem erdenklichen Pipapo.
Eine Kreuzfahrt in die Karibik.
Wahnsinn.
Vor meinem geistigen Auge erschienen immer neue Momentaufnahmen: Herr Kruse und Gemahlin beim Shuffleboard („Bitte recht freundlich... KLICK... Danke!“), Herr und Frau Kruse auf dem Sonnendeck, während im Hintergrund blutrot die Sonne im endlosen, kristallklaren Meer versinkt („Entschuldigen Sie... würde es Ihnen etwas ausmachen? Nein? Oh, vielen Dank! Sehr freundlich von Ihnen... ja, einfach auf den Knopf drücken... KLICK... nochmals vielen Dank!“)
Ich konnte kaum erwarten, ihr Gesicht zu sehen, wenn ich sie in mein kleines Geheimnis einweihen würde. Sicherlich rechnete Karin damit, dass ich klein beigegeben hatte, vor allem, da in den Tagen nach unserem Streit nicht mehr über das Thema geredet worden war. Vielleicht hatte sie damit gerechnet, dass ich – quasi um mein Gesicht zu wahren – ohne ihr Einverständnis eine Woche in Klein-Kleckersdorf bei einem dieser Busreiseunternehmen buchen würde oder vielleicht mit einem langen Wochenende auf Mallorca mit Billig-Air, aber eine Karibik-Kreuzfahrt hatte sie garantiert nicht erwartet.
Ich hatte wirklich das volle Paket gebucht. Es hatte sogar einen Namen, der mir aber im Moment nicht einfallen will. Irgend etwas Englisch-Neudeutsches. So etwas wie „Comfort Class Convenient Cruise“ oder so ähnlich. Jedenfalls eine Menge Wörter, die mit „C“ anfingen, und die alle irgend etwas Gutes zu bedeuten hatten. Ich war mir sicher, dass Karin, würde sie die Tickets erst mal in Händen halten, ihre Meinung ändern würde. Ihre Meinung im Bezug auf unsere Beziehung, im Bezug auf meine Qualitäten als Familienvorstand, meine Qualitäten als Urlaubsplaner, meine Qualitäten als Mensch im Allgemeinen. Und das überzeugende Argument, das für eine Änderung ihrer Einstellung sorgen würde, lag gerade in einem Briefumschlag in der Innentasche meines Mantels. Ich schlief lächelnd ein und wusste, dass der morgige Abend ein wichtiger Moment in unserer Ehe sein würde.
Und ich sollte Recht behalten.
Irgendwie schon.
- - - -
„Manche Männer bemühen sich lebenslang, das Wesen einer Frau zu verstehen.
Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen, wie zum Beispiel der Relativitätstheorie.“
(Albert Einstein)
Der Abend war schön.
Wirklich schön.
Es war der Abend des Tages, an dem es mir gelungen war, aus der Firma zu verschwinden, ohne offiziell vom Pech meines Vorgesetzten zu erfahren, so dass meinem Urlaubsantritt nun nichts mehr im Wege stand. Nichts mehr, außer der Tatsache, dass Karin noch nichts von ihrem baldigen Glück unter der karibischen Sonne wusste. Den ganzen Abend lang herrschte zwischen uns gelöste Stimmung und gute Laune, was ich in erster Linie auf Karins Vorfreude zurückführte. Sie war völlig aus dem Häuschen, weil ich nun endlich Urlaub hatte und so endlich dazu käme, das rissige und trockene Holz des Garagentores abzuschleifen und mit guter Holzschutzlasur auf Vordermann zu bringen. Ein Projekt, vor dem ich mich seit geraumer Zeit mit einigem Erfolg gedrückt hatte.
Wir saßen am Esstisch, und ich genoss den Abend in vollen Zügen. Wir redeten während des Essens miteinander, was selten vorkam. Meistens war es zwischen uns eher so, dass man sich nur gegenüber saß und auf seinen Kartoffeln herumkaute. Das waren die Momente, in denen ich mir wirklich vorkam, wie ein Teil eines alten Ehepaares, ein Bild, das nach dreißig Jahren Ehe sicherlich auch nicht ganz falsch war. Trotzdem kam es mir falsch vor, so am Tisch zu verschimmeln, kauend und schweigend, wie fremde Tischnachbarn im Seniorenstift. Dafür waren wir selbst nach all den Jahren noch viel zu jung. Es gibt Dinge, die macht das Leben einfach mit dir, ohne sich vorher mit dir abzusprechen. Die langen schweigenden Abendessen gehörten zu diesen Dingen. Und ich hasste sie.
Dieser Abend jedoch schien unter einem anderen Stern zu stehen. Wir sprachen über unseren jeweiligen Tag und machten uns ausgiebig über die neuesten Entwicklungen in der Carola Reimann Problematik lustig. Das Ehepaar Reimann wohnte zwei Häuser weiter und was ihre Ehe anging, könnte man behaupten, dass der Haussegen in letzter Zeit nicht nur schief hing, sondern derartig am Nagel rotierte, dass die Tapete in Fetzen von der Wand flog. Carola Reimann genoss innerhalb der Spießerfraktion unserer gutbürgerlichen Nachbarschaft aufgrund ihres eher freizügigen Kleidungsstils den Ruf einer Vorstadtschlampe reinsten Wassers.
Die alte Frau Kampnagel, die das Haus zwischen uns und den Reimanns bewohnte, hatte Karin hinter vorgehaltener Hand über den Gartenzaun hinweg berichtet, dass es bei „dem Reimann und seinem Flittchen“ am vergangenen Abend wieder zu Geschrei und zugeschlagenen Türen gekommen sei. Sie erzählte, dass es im Zuge der Streitereien auch zum Gebrauch von Schimpfwörtern der übelsten Art gekommen sei, Schimpfwörter, die Frau Kampnagel nicht wiederholen wolle, da sie ja schließlich eine Dame sei, nicht so wie die Reimann, bei der die Röcke eher aussähen, wie breite Gürtel, aber „Arschloch“ sei auch dabei gewesen, dass müsse man sich nur mal vorstellen. Es sei einfach nicht zu fassen, gleich nebenan, hier in unserer Straße, was es ja früher niemals gegeben hätte, aber schließlich ging ja die komplette Gesellschaft gerade geschlossen vor die Hunde, weswegen man sich ja eigentlich nicht zu wundern bräuchte, vor allem jetzt, wo so viele Ausländer nach Deutschland kämen, und man den ganzen Juden überall türkische Teehäuser hinsetzen würde, damit die da in Ruhe in ihren Burkas ihre Korangürtel bauen könnten, aber wie die Reimann rumlief, dass wäre ja auch nicht in Ordnung, man könne ja auch irgendwo dazwischen was finden, also nicht mit der Burka aber auch nicht, wie die Reimann herumliefe, das wäre doch richtig ekelhaft, wie sie die Straße runterstöckelte, mit ihren Röcken.
Abschließend fügte sie noch hinzu, dass man ja ohnehin nichts machen könne, so lange die Politiker alles aussäßen und nicht zu Potte kämen, schämen müsse man sich so langsam, und dann fragte Sie mit dem geübten Blick einer Frau, die jahrelang in der Kantine des Landesvermessungsamtes gearbeitet hat, ob Karin mit ihrem neu gepflanzten Rosenbusch auch tatsächlich die vorgeschriebenen fünfzig Zentimeter Abstand zum Grenzzaun eingehalten habe.
Wir lachten uns schlapp bei der Vorstellung, wie die alte Kampnagel mitten in der Nacht bei gelöschtem Licht am gekippten Fenster saß, um den Krimi nebenan in allen Details mitzubekommen, damit auch nur nichts an verwertbaren Informationen verloren ginge.
Jedenfalls spürte ich so etwas wie ein Gefühl der Einigkeit zwischen uns. Alles war in Ordnung und die Atmosphäre schien einfach perfekt, um in dieser Situation häuslichen Friedens die Katze aus dem Sack zu lassen. Ich konnte die Rufe der Tickets, die ich jetzt in einem Briefumschlag in meinem Arbeitszimmer versteckt hielt, förmlich hören. Jetzt war der Moment für den ganz großen Hammer gekommen. Wir verstanden uns prima, wir redeten sogar miteinander, wir waren – wie man so schön sagt – auf einer Wellenlänge. Sie freute sich darauf, zuzuschauen, wie ich unserem Garagentor zu neuem Glanz verhelfen würde? Ich würde ihr etwas geben, worauf man sich wirklich freuen konnte.
Sommer, Sonne, Schirmchendrinks! Wenn ich ihr die Tickets jetzt nicht zeigen würde, wann dann?
Ich entschuldigte mich kurz, lobte wohl zum dritten Mal an diesem Abend ihre Kochkünste, murmelte möglichst nebensächlich irgendwas von wegen »Ich bin gleich wieder da... muss nur schnell was nachsehen...« und holte den Briefumschlag. Sein Innenleben bestand, neben den beiden Tickets, aus einer Hochglanzbroschüre mit wunderschönen Fotos der Ziele, die wir auf unserer Route anlaufen würden, einer Landkarte, auf der ich schon mal den etwaigen Verlauf der Kreuzfahrt eingezeichnet hatte, sowie einem beeindruckenden Foto unseres Schiffes, der Sonne des Südens. Welch passender Name.
Als ich wieder den Raum betrat, tupfte sich Karin gerade mit einer Papierserviette etwas Soße aus dem Mundwinkel und nahm noch einen Schluck Wasser.
»Ist alles okay, Schatz?«
»Ja, alles gut. Ich war nur schnell im Arbeitszimmer, etwas nachsehen. Oder besser gesagt: Ich wollte etwas holen.«
Ich versuchte, möglichst geheimnisvoll dreinzuschauen und machte eine völlig übertriebene Geste, wie ein Magier, der vor einem faszinierten Kindergartenpublikum einen Strauß Blumen unter einem Tuch hervorzieht, doch sie war schon wieder mit ihrem Abendessen beschäftigt und bekam von meinen Bemühungen überhaupt nichts mit. So verharrte ich in affiger Pose im Esszimmer und wartete darauf, dass Karin zu mir hochschaute, doch als sie nach etwa fünf Sekunden noch immer mit Ihren Gemüse beschäftigt war, kam ich mir blöd vor und setzte mich zurück zu ihr an den Tisch.
»Hhm.«
»Du, Karin...?«
Sie schaute auf. »Ja?«
»Also... ich...«
»Robert, ist wirklich alles in Ordnung mit dir? Du bist auf einmal so komisch...«
»Ja, alles in Ordnung! Wirklich! Es ist nur... Na ja... Weißt du, unser Streit neulich hat mich ganz schön ans Nachdenken gebracht, und ich wollte...«
Sie lächelte verständnisvoll. »Robert, es ist schon gut! Du hast es ja auch irgendwie gut gemeint, und ich kann auch verstehen, dass du mal eine anständige Reise machen wolltest. Lass es gut sein, Schatz, okay? Jetzt komm her und iss auf. Ich denke, es schmeckt dir so gut...«
»Ja, tut es auch. Sehr lecker. Wirklich.«
Ich setzte mich und nahm noch einen Bissen, dann legte ich mein Besteck wieder hin und platzierte ohne ein weiteres Wort den Umschlag auf den Tisch zwischen uns.
Karin schaute verdutzt. »Was ist denn in dem Umschlag?«
»Ich habe da eine Kleinigkeit für dich, Schatz.«
Sie schien erfreut. »Was? Ach, Robert! Du sollst doch nichts für mich...«
»Es ist eigentlich etwas mehr als nur eine Kleinigkeit. Aber nach unserem Streit dachte ich, wir sollten einfach mal Ruhe einkehren lassen und uns selbst einen kleinen Tapetenwechsel verordnen, weißt du?«
Karin war noch immer mit ihren Kartoffeln beschäftigt. Sie nahm sich noch ein Stück, und noch während sie kaute, legte sich ihre Stirn in Falten. »Sag mal, was genau meinst du denn mit Tapetenwechsel?«
Es lag unzweifelhaft etwas Skeptisches in ihrer Stimme, aber immerhin hatte sie noch nicht ihr Besteck niedergelegt. Es war noch immer ein nettes Gespräch beim Abendessen. Nichts weiter. Trotzdem machte sich bei mir langsam Verunsicherung breit.
Der Umschlag lag noch immer unangetastet zwischen uns auf dem Tisch. Karin schien ihn absichtlich zu ignorieren.
»Tapetenwechsel? Was ich damit meine? Na, ja... Ich dachte halt, jetzt sind wir schon so lange zusammen und haben noch immer nichts von der Welt gesehen, meinst du nicht auch? Und du hast ja selbst gesagt... du weißt schon... Das verlängerte Wochenende oder die Tour mit dem Auto... und... also, da dachte ich, wenn du doch auch so urlaubsreif bist, wie ich... ähm..., dann sollten wir es auch gleich richtig angehen! Ich meine, der Moment ist günstig, das Geld ist da, und auch, wenn ich noch was drauf packen musste, denke ich, du wirst dich freuen.«
Ich tippte auf den noch immer unbeachtet zwischen uns liegenden Briefumschlag.
»Hier, mein Schatz. Für dich! Schau doch mal rein!«
Sie legte langsam, sehr langsam, ihr Besteck auf den Teller und schaute mich nachdenklich an.
Dann schaute sie auf den Umschlag.
Dann wieder zu mir.
Sie nahm die Serviette, tupfte sich den Mund ab und legte sie auf ihren Teller. Sie nickte in Richtung des Umschlags.
»Robert, was ist das?«
Ihre Stimme zischte leise. Es klang ein wenig nach einem angerissenen Streichholz in einer Feuerwerksfabrik.
»Was ist was?«
»Verkauf mich nicht für blöd, Robert. Der Umschlag. Ich will von dir wissen, was in dem komischen Umschlag ist.«
»Mach ihn doch mal auf! Ist für dich! Oder auch für uns, wenn du so willst!«
Karin schob den Teller beiseite und nahm den Umschlag an sich. Sie klappte ihn auf und zog langsam eines der Tickets so weit hinaus, dass der Bug eines Schiffes sichtbar wurde.
»Tataa!«, rief ich.
Karin stand auf und sagte: »Ja. Tataa. Heute kannst du ja mal abräumen, wenn es dir nicht allzu viel ausmacht.«
Mit diesen Worten rauschte sie an mir vorbei und verschwand im Schlafzimmer.
Karin fuhr nicht mit mir in die Karibik. Sie fuhr zu ihrer Mutter nach Wanne-Eickel, was ja auch ein schönes Fleckchen Erde sein soll.
Innerhalb weniger Minuten hatte sie ein paar Klamotten in den alten Koffer gepackt. Dann hatte sie ihre Mutter angerufen, den Bahnhof angerufen, ein Taxi bestellt (wobei sie betonte, sie würde unten an der Ecke auf den Wagen warten) und schließlich – ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen – die Tür hinter sich zu geknallt. Das alles ging so schnell, dass ich noch immer, mit meiner Serviette in der Hand, in der Diele stand und nach passenden Worten suchte, um einer Situation zu begegnen, die längst vergangen war.
So schnell kann es gehen. Gefühlte vierhundert Jahre Ehe. Und jetzt war sie weg.
Nachdem ich noch eine ganze Weile lang die geschlossene Tür vor mir bestaunt hatte, entschloss ich mich, Karin ein wenig Zeit zum Nachdenken zu geben. Irgendwie konnte ich sie sogar verstehen. Ich meine, schließlich hatte sie ja so reagieren müssen, wollte sie mir gegenüber ihr Gesicht nicht verlieren. Okay, sie war dagegen, das Geld auszugeben. Okay, wir hatten darüber geredet. Okay, ich hatte noch ganz schön draufzahlen müssen. Okay, sie war sauer. Okay, das Ding war nach hinten losgegangen.
Okay, okay, okay.
Ich ging ins Wohnzimmer, setzte mich auf die Couch und legte die Tickets vor mir auf den Tisch. Diese dämlichen Papierschnipsel hatten mir eine Menge Ärger eingehandelt. Den größten Ärger seit dem Bestehen unserer Ehe.
So saß ich da und wartete auf Karins Rückkehr.
Allzu lange würde es ja sicherlich nicht dauern. Ich glaubte keine Minute daran, dass sie wirklich den weiten Weg bis zu ihrer Mutter fahren würde, nur um mir ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Sie würde bald zurückkommen, um sich mit mir einen richtig schönen altmodischen Schlagabtausch zu liefern, da war ich sicher. Wahrscheinlich würde sie mit einem Spruch eröffnen, wie: »Ich sehe gar nicht ein, dass ich zu meiner Mutter fahren soll, nur damit du hier auch noch in Ruhe den Junggesellen raushängen lassen kannst, mein Freund! Ich hab keinen Mist gebaut, Robbielein, das warst immer noch du!«
So was in der Art.
Anschließend würde sie mir dann all die guten Argumente und sorgfältig zurechtgelegten Sprüche um die Ohren hauen, die sie sich ohne jeden Zweifel – während ich arme Sau zuhause saß und auf sie gewartet hatte – vorformuliert haben würde. Komplett mit jeweils passendem Gesichtsausdruck und Tonfall, jeden Einschlag ihrer Satzgranaten auf maximale Wirkung programmiert.
Langsam wurde es dunkel und Karin war noch immer fort. Als der Film um viertel nach acht vorbei, und noch immer kein Lebenszeichen meiner Gattin in Sicht war, machte sich schleichend ein ganz neuer Gedanke in meinem Kopf breit: Sie war vielleicht, nur vielleicht, wirklich zu ihrer Mutter gefahren! Ja, war diese dusselige Kuh denn jetzt völlig übergeschnappt? Scheinbar wollte sie diesen theatralischen Blödsinn tatsächlich bis zum bitteren Ende mit mir durchziehen! Unfassbar!
Na gut. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Natürlich versuchte ich sofort, sie in Wanne-Eickel anzurufen. Das Gespräch mit dem Domizil meines heißgeliebten Schwiegertieres lief in etwa folgendermaßen ab:
Tuuut..... Tuuuut.....
Tuuut..... Tuuuut.....
»Hauser, hallo?«
»Ja, hallo! Ich bin es, Robert! Grüß dich! Sag mal, ist Karin bei dir? Ich weiß, die Frage muss dir komisch vorkommen, aber...«
»Die Karin ist noch nicht hier, und ich weiß auch nicht genau, wann sie ankommen wird. Aber ihr Bett ist schon frisch bezogen! Sie hatte sich doch zu Weihnachten ein neues Smartphone von dir gewünscht! Ihr altes Telefon fällt ins Spülwasser, in dem meine Tochter deine dreckigen Teller abwäscht, und du vertröstest meine Karin auf den nächsten Sonder-Rabattverkauf? Typisch Buchhalter! Mein Lieber Robert... wenn du ihr damals so ein Ding gekauft hättest, könntest du sie jetzt selbst anrufen und sie fragen, wann sie ankommt! Jedes Kind hat heute so ein Ding! Kein Mensch rennt mehr ohne so ein blödes Handy durch die Gegend, zwölfjährige Mädchen haben so was, aber der Herr Buchhalter schaut natürlich auf die Mark, wenn es um seine Frau geht! In der Fernsehwerbung sagen sie immer für null Euro, Robert! Null Euro! Ist das noch immer zu viel für meine Karin, Robert? Ja? Null Euro sind zu viel für meine Tochter, ja?«
»Äh... ja! Nein! Ich meine natürlich nein! Hör´ mal Margot, kannst du ihr vielleicht was von mir ausrichten?«
KLICK.
Meine Schwiegermutter vertrat schon immer die Meinung, dass ich nicht die richtige Partie für ihren kleinen Engel war. Sie gehörte zu den Vertretern des weiblichen Stereotypen mit bläulich schimmernder Betonfrisur, die nachmittags im „Café Waldblick“ ihren Pudel unter dem Tisch mit Pralinen mästen und den Tierarzt verklagen, wenn die kleine Trixi an Herzverfettung stirbt.
In den vierhundert Jahren meiner Ehe hatte mein Schwiegermonster sage und schreibe vier dieser haarigen Trethupen ihrem Erschaffer zugeführt. Genauso oft hatte sie den Tierarzt gewechselt und hinterher eine regelrechte Hetzkampagne gegen ihn und seine Praxis geführt.
Das einzige Vergehen des jeweiligen Tierarztes hatte darin gelegen, meiner Schwiegermutter immer und immer wieder vorzubeten, dass es einen guten Grund dafür gibt, dass sich Hundefutter gerade unter Hunden solch hoher Beliebtheit erfreut, und Süßigkeiten doch eher was für Menschen seien.
Falls Sie sich die Frage stellen sollten: Nein, ich mochte meine Schwiegermutter nicht besonders. Ich weiß, es ist ein Klischee und wenn man sich hinsetzt, um Seiten mit Buchstaben zu füllen, sollte man sich nicht an der Aufrechterhaltung dämlicher Klischees beteiligen, aber was soll ich machen? Meine Schwiegermutter war ja selbst ein Klischee. Sie hier anders darzustellen, würde einer Lüge gleichkommen.
Dann doch lieber das Klischee.
Karin und ich hatten es bislang immer verstanden, unsere Eltern – und speziell ihre Mutter – aus unseren Diskussionen auszuklammern. Schon während der Flitterwochen waren wir zu dem Entschluss gekommen, es sei besser, unsere kleinen Kabbeleien ausschließlich unter uns auszufechten. Es waren private Dinge, die weder ihre noch meine Eltern etwas angingen. Hätten wir uns nicht immer an diesen Vorsatz gehalten, glauben Sie mir, wir wären schon geschiedene Leute gewesen, bevor wir überhaupt an eine Verlobung gedacht hätten.
Unsere Eltern kannten sich aus dem Kegelclub, doch die Clans der Kruses und der Hausers waren sich nie wirklich grün gewesen. Ich könnte Ihnen da, nur zur Verdeutlichung, die Geschichte von der Sitzordnung bei unserer Hochzeit zum Besten geben.
Die Gäste der Braut, vom Tisch des Brautpaares aus gesehen, links, die Gäste des Bräutigams rechts, und in der Mitte, wo eigentlich hätte getanzt werden sollen, zog sich ein unsichtbarer und unüberwindlicher Graben durch den Festsaal. Wir hätten auf der improvisierten Tanzfläche ebenso gut unter viel Tschingerassabumm den letzten noch lebenden Dodo grillen können, glauben Sie mir, niemand unserer Gäste hätte das Aussterben dieses bemerkenswerten Vogels bemerkt, denn das hätte die Gefahr unmittelbaren Blickkontaktes nach sich gezogen.
Ein tolles Fest war das damals. Sehr gemütlich, wirklich. Doch das nur am Rande.
Und wo stand ich jetzt? Vier Jahrhunderte nach diesem schicksalhaften Tag? So, wie es aussah, stand ich erst mal alleine im Flur.
Karin war verschwunden. Zu ihrer Mutter. Ausgerechnet zu der Pudelplätterin aus dem Ruhrpott war sie geflohen. Zu jedem anderen hätte sie gehen können. Zu einer Freundin, zum Beispiel. Das wäre wunderbar gewesen! Eine Freundin hätte sich verständnisvoll ihren Blödsinn anhören und später als Vermittlerin fungieren können. Aber nein, die ledrigen Fittiche des Drachen mussten es sein. Mutti, eben. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, was jetzt unter der für die Ewigkeit ausgehärteten Dauerwelle dieser Psycho-Oma vorging. Da war natürlich in erster Linie Bestätigung, denn Margot Hauser, die unerschrockene Bezwingerin großer Teile der Wanne-Eickel'schen Hundepopulation, war insgeheim natürlich schon immer der Meinung gewesen, der Pfennigfuchser aus dem Rheinland, dieser seltsamen Gegend, in der sich die Leute einmal im Jahr zum Amüsieren als Cowboy und Indianer verkleideten, und wo billige Süßigkeiten von Anhängern aus in eine besoffen grölende Meute geworfen wurden, sei nicht der richtige Mann für ihren kleinen Engel.
Nun war Karin wieder heimgekehrt.
Der geheime Traum des Köterkillers war nun endlich in der Realität angelangt.
Weitere Versuche, mit Karin Kontakt aufzunehmen, scheiterten auf die selbe klägliche Weise, wie mein erster Anlauf. So gingen die Tage langsam, unendlich langsam, ins Land, und der Termin der Abfahrt der Sonne des Südens rückte unaufhaltsam näher. Der verdammte Kahn sollte am fünfzehnten August auslaufen. Ausgerechnet an meinem Geburtstag. Als ich einige Zeit zuvor im Reisebüro die Buchung für unseren Urlaub klargemacht hatte, deutete ich dieses Datum als Omen. Als den Startschuss für den Neubeginn unserer leicht in die Jahre gekommenen Ehe. Mann und Frau gehen mit Problemen belastet an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, welches mit Hilfe der Sonne des Südens zur Rettung ihrer Ehe und einem Wiederbeleben der gegenseitigen Liebe führen sollte.
So was in der Richtung, Sie verstehen schon.
Jetzt stand ich da, das Geschirr stapelte sich in der Spüle, und der Neubeginn unserer Ehe schien schon vor dem Startschuss verreckt zu sein.
Als langsam klar wurde, dass Karin wohl tatsächlich nicht mit mir auf große Fahrt gehen würde (davon ging ich aus, denn ich hatte es noch immer nicht geschafft, sie auch nur ans Telefon zu bekommen), beschloss ich schweren Herzens, die Tickets zurückzugeben und den ganzen Quatsch abzusagen. Es fiel mir nicht leicht, dass kann ich Ihnen versichern. Zu allem Überfluss schien es, als hätte sich der Wettergott in den Kopf gesetzt, mir den Gedanken einer Absage der Reise schnellstmöglich wieder auszutreiben, denn als ich mich in meinen Wagen setzte, schüttete es wie aus Eimern.
Scheibenwischer an, raus aus der Einfahrt, Gebläse auf die Frontscheibe. Der kurze Weg von der Haustür bis zu meinem Wagen hatte ausgereicht, um meine Jacke so zu durchnässen, dass die Scheibe fast augenblicklich beschlug und ich die Lüftung voll aufdrehen musste.
Die wirklich sehr nette junge Dame im Reisebüro zeigte viel Verständnis für meine etwas delikate Situation, die ich ihr – ohne allzu sehr ins Detail zu gehen – schilderte, während das Regenwasser vom Saum meiner Hose langsam aber sicher eine Pfütze vor ihrem Schreibtisch bildete. Sie ließ ein freundliches Lächeln zu mir hinüber wehen und bot mir einen Stuhl an. Ich setzte mich zwar, wusste aber nicht genau, warum. Die ganze Angelegenheit konnte eigentlich nicht mehr als höchstens ein paar Minuten in Anspruch nehmen, kaum Zeit genug, deshalb einen gepolsterten Stuhl zu durchnässen. Trotzdem nahm ich das Angebot an.
Sie war hübsch. Echt hübsch. Vielleicht ein bisschen zu jung für den alten Herrn Kruse, aber hübsch. Ich erwischte mich dabei, so etwas wie ein schlechtes Gewissen zu haben. Schließlich war ich ja noch immer mit Karin zusammen.
