Der Kugelmann - Karl Ballhorn - E-Book

Der Kugelmann E-Book

Karl Ballhorn

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Beschreibung

Berlin. Eine Gruppe junger Freigeister will mehr als nur knallharte Champagnerfeten – das echte Leben. Authentisch und frei wollen sie sein. Aber geht das in einer Gesellschaft wie dieser? Anschläge sind bei den Falschen modern! Die Machtverteilung auf der Welt verschiebt sich, Umweltschutz wird als zweitrangig erklärt und die Gerechtigkeit endgültig verabschiedet! Man muss selbst etwas tun! Die Leute darauf aufmerksam machen, was wirklich läuft! Ist das richtige Leben im falschen System überhaupt möglich? Die Stadt zuplakatieren, den Reichstag fluten, ganz Berlin den Kopf verdrehen – Vollgas jetzt! Der Funke springt über und in vielen Köpfen beginnt eine Revolution …

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2017

www.weeerd.de

© 2017 Verlag der Ideen, Volkachwww.verlag-der-ideen.de

ISBN 978-3-942006-30-9

Covergestaltung und Satz:Jonas Dinkhoff, www.starkwind-design.de

Coverbild: René LohrumBilder im Innenteil: Karl Ballhorn and Friends

Printed in Germany

Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-942006-87-3

Karl Ballhorn kam 1975 in New Mexico auf die Welt. Seine Jugend verbrachte er in einem bayrischen Dorf und lebt und arbeitet seit 2003 mit Frau und Kind in Berlin. Mit seinen Texten möchte er unterhalten, aber auch gesellschaftliche Missstände aufzeigen. Er schreibt Kurzgeschichten, Liedtexte, Gedichte und arbeitet momentan an seinem zweiten Roman. Der Kugelmann ist sein erster Roman.

[email protected]

Inhalt

Anmerkung

Das Kannibalen-Date

Der Vortrag

Ein sensibler Geist

Der Windelmann

Der See

Der Winter

Der Erfinder

Die Erfindungen

Teatime

Anschlag I

Reaktion I

Die Schafhirtin

Helden I

Das Treffen

Logan

Anschlag II

Reaktion II

Der Absturz

Das Pausenglück

Die Erinnerungen

Das Lernen

Anschlag III

Reaktion III

Der Kugelmann

Helden II

Die Wende

Der Abschied

Abgetaucht

Der Showdown

Outro

Songs

Danksagung

Anmerkung

Zusätzlich zum Text und zu den Bildern gibt es etwas zum Hören. An bestimmten Stellen finden sich Links oder QR-Codes, über die gelangt man zu den jeweiligen Audiofiles. Es gibt Lieder, Sprechgesangs-Werke vom Kannibalen-Ochsen und für zwei Kapitel gibt es Song-Mixes. Die Stücke kann man sich direkt auf den angegebenen Seiten anhören oder in einem Rutsch herunterladen.

Die Song-Mixes sind an die jeweiligen Kapitel angepasst. Sie richten sich nach dem Inhalt und der Dynamik in den Kapiteln. Zeitlich orientiert sich die Musik an einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit.

Das Kannibalen-Date

2013. Wo ist das Licht, das den Schatten durchströmt? Er könnte brüllen. Das tat er, und zwar oft und nicht zu knapp. Der Kannibale streifte durch den Bezirk. Es ist bereits länger her, seit er dort bewusst sammeln war. An diesem Tag lief in jedem, ja in jedem Laden Neunzigerjahre-Hip-Hop. Vor ein paar Jahren lief minimal Elektronisches, später verschiedene Gitarrenmusik, und jetzt das. Im Grunde sein Ding.

Während er den Laden betrat, sprach er, der MC Kannibalen-Ochse, schreiend im Takt:

»Dringend ist es zwingend, dreifach Fach, für einen Fachladen, dieses Muster zu zerbrechen.«

Und stöberte im Sortiment. Beim normalen Reden versteht man ihn sogar gegen den Wind – wenn er spontan Sprechgesang betreibt, bekommt man Angst. Oft platzt es aus ihm heraus, er kann nicht anders. Wie die Ratten verzogen sich die Kunden in ihre Ecken oder entschwanden im Geheimen. Selbstverständlich ist sich der Ochse im Klaren darüber, dass Mode und Musik Geschmacksfragen sind, dass der Mensch bestimmte Muster zum Funktionieren braucht und der Konsumgüteranbieter sich daran orientiert. Strikt synchron eingehaltene Diktate machen den Kannibalen dennoch wütend. Er liebte einst die Unberechenbarkeit dieser Gegend.

»Doch mittlerweile Langeweile, mittlerweile Gehen, Stehen, Lehnen gegen eine Welle, wie eine Suche nach einer Atmosphäre, die dich in Ferien bringt«, dudelte es diesmal zur Beruhigung aller Restkunden in seinem Kopf. Der Kannibale verließ den Laden.

»Hassklang trifft auf Mauerbruch, machen Bierdusche und Wettrülpsen.« War das früher mit den Punks wirklich besser? Er wusste es nicht.

Ach, was ist er froh, solange er nicht an den Menschen denkt. Übrigens kommt der Name Kannibalen-Ochse von

Endlich ließ sich Tarzan überreden und masturbierte für Ina und Lena. Er setzte an und ein fürchterlich schrilles Trillern durchschoss den Raum. Monika riss die Augen auf. Immer öfter wird sie vom Wecker geweckt. Sie weiß, das kann nicht gut sein, auch nicht für Tarzan.

Monika kam mal aus Spanien. Früher hat sie hier und da ausgeholfen, heute arbeitet sie fast jeden Tag. Früher malte und tanzte sie, heute ist sie Sklavin. Keine Gegend ist mehr sicher.

Heute geht sie erst Schicht schieben und dann trifft sie den Ochsen. Die Wege der beiden hatten sich getrennt, obwohl Monika ihn geliebt hatte. Letzten Endes war er ihr zu entrückt. Monika war aufgewühlt, vielleicht ist er normaler geworden?

»Ich bin ein Azzlack,

zertrete dich mit meinem Fuß

wie eine Kakerlak,

du bist ein Parasit,

der gerade stirbt

und dabei Gott sieht.«

Auf dem Weg zu seinem Date quoll dröhnend, in gebrochenem Deutsch, dies Meisterwerk der Dichterkunst aus einem schwarzen, großen Migrationsauto. Auch hier wurde dies untermalt mit einem Beat, der aus den Neunzigern hätte sein können. Kannibalen-Ochse beruhigte sich ein wenig. Im Grunde war dies für ihn die ehrlichere Art, mit Musik umzugehen, anstatt hypeorientiert, diese zum Accessoire reduziert, zu vergewaltigen.

Ochse wartete eine viertel Stunde in einem überfüllten engen Café in der Simon-Dach-Straße auf Monika. Sie kam und setzte sich. Er verstand alles und jeden, nur nicht Monika. Kannibale hatte sich zuvor auferlegt, würde er öfter als 66-mal Wörter wie »Meeting, Optimierung« und dergleichen vernehmen, reichte es. Schnell war die Zahl überstiegen. Kannibalen-Ochse rastete aus und plärrte rappend:

»Brach Stahl brachial«,

– und schlug auf den Tisch, während er aufstand –

»kam die Wahl auf ein dezentes Vergnügen der Gesinnung, auf Gewinnung, auf Neues«,

– und deutete auf Monika –

»doch da sind Symbole die Prägung der Empfindung, der Umgebung«

– und deutete aus dem Fenster –

»zur vernetzten Verstrickung«

– und deutete reihum.

Zwei lange Sekunden absolute Stille.

Dann Geflüster:

»What did he say?« »Lo que dijo?« »Was hat er gesagt?«

Ochse ist klein, aber ein Kraftpaket.

Besonders, wenn ihn der Hass bewegt.

Er ging auf einen los, der »in letzter Zeit zu oft auf Meetings« gewesen sei, griff ihn am Kragen und zog ihn zu sich heran. Stirn an Stirn. Man hatte das Gefühl, er wollte ihn essen. Der Kannibale eben. »Meetingman« verlor fast das Bewusstsein.

»Verlassen Sie sofort das Café«, quietschte unbeherrscht die Bedienung, »sonst rufe ich die Polizei!«

»Das lässt du bleiben!«, rief Ochse, während er einen Stuhl umschmiss.

Dann nahm er Monika in den Arm und trug sie aus dem Laden. Sie fand schon, dass er Eierchen hatte, und war auf eine skurrile Art endlich wieder verliebt. Draußen küsste der Ochse Monika und stapfte davon.

Der Vortrag

Musikdownload:

www.weeerd.be/zeug

1_Der-Kugelmann_Werden-Wege-neu-gelegen-werden_Kannibalen-Ochse

»Keine meiner Leinen war reiner als mein Schein,

kleiner als das Meine fließt Wasser abwärts,

groß und stark, werden diese derben Dinge zu beklemmenden Zwickmühlen, wegen Gewittern,

werden die Schulen der Nacht gefährdet von Wahnsinn,

werde keine Erde neu errichten ohne fortwährende Fortpflanzung voran,

deshalb regiert der Schwung von Dingen,

diejenigen, die mit Sinnen sind und

eine Leine brauchen, ohne einen Führer dran.

Deswegen werden Wege neu gelegen werden,

werden Wege neu gelegen werden!

Deswegen werden Wege neu gelegen werden,

werden Wege neu gelegen werden?«

Wie ein Leuchtturm bei Nebel auf hoher See ertönte der Kannibalen-Ochse und performte dieses dadaistische Werk der Sprechgesangskunst. Jako und Paule befanden sich im Schleier des Rausches und während einer Druckbetankung an der Bar. Keiner war rechtens über Kannibals Anwesenheit informiert, als ein bizarres Instrumental ertönte und ein paar Takte später Mr. Ochse zu rappen anfing. Die Bude war brechend voll und dennoch war er nicht zu überhören. Die Herde drehte sich zu ihm. Er schritt zur Bar, während ihm königlich Platz geschaffen wurde. Zeitgleich rappte er und klappte den Schirm seiner Basecap mit der rechten Hand im Takt nach oben und unten. Mit der linken Hand dirigierte er seinen »Gesang« betonend vehement. Mit einem seitwärts gehenden Moonwalk glitt er zum Tresen. Genau dort stoppte er den Vortrag.

»Rum mit einem Schuss Cola, bitte!«

Jako strahlte über Kannibalen-Ochses Erscheinung. Gerade als er MC Ochse herbeiwinken wollte, unterdrückte Paule dies, indem er Jakos Hand mit seiner Linken im Bewegungsfluss stoppte. Mit der rechten Hand wischte er pantomimisch einen Tisch. Das Ganze unterstrich er, indem er die Augen schloss und die Unterlippe vorschob. Das hieß so viel wie: »Bitte nicht!« Jako verstand und verlegte ein Wiedersehen mit dem Kannibalen-Ochsen ein weiteres Mal auf später. Soweit das in dieser Umgebung ging, schien Paule gerade etwas Ruhe zu benötigen, aber Herr Kannibale versprach alles andere als Ruhe.

Sie schwiegen. Jako sinnierte über Kannibalen-Ochses Text. »Keine meiner Leinen war reiner als mein Schein – kleiner als das Meine fließt Wasser abwärts«, muss wohl so was heißen wie dass das Leben, der »Schein« oder das Leuchten der Seele, wie eine Leine, wie ein Faden verläuft und mindestens solchen Naturgesetzen unterliegt wie dass das Wasser immer abwärts fließt und man sich daraus die Frage stellen könnte: Kann man genau deswegen im Leben etwas ändern, »deswegen werden Wege neu gelegen werden!«, oder genau deswegen ist alles vorherbestimmt, »werden Wege neu gelegen werden?«.

Jako fragte Paule: »Glaubst du, dass der Text davon handelt, ob man überhaupt etwas ändern kann?« Paule schaute durch Jako hindurch und nickte dies bestätigend ab. Dann sagte er leicht lallend:

»Ich glaube sogar, dass er meinte, Verrückte, oder sagen wir Entrückte, deren Sinne geschärft sind und im Wahnsinn nicht untergehen und die keinen Führer brauchen, sind diejenigen, die in der Lage sein könnten, auf der Welt etwas zu verändern.« Jako nickte anerkennend. Sie schwiegen, bis Paule gestand:

»Ich fliege übrigens übermorgen mit Jasmin nach Portugal.« »Hey, davon weiß ich ja gar nichts. Warum?«

Blöde Frage, Paule suchte eine Antwort, »wegen der Freiheit«?

Jako nickte. Sie schwiegen.

Im Nebenzimmer hörten sie, wie sich der Kannibalen-Ochse emotionsgeladen mit einer Gruppe Männer austauschte. Einer von ihnen hatte allem Anschein nach irgendein Heft verloren.

Die Gruppe schrie etwas von:

»Wer befiehlt die Wahrheit? Wer hat das Judenheft? Wer hat es versteckt? Es fehlt und ist am Ende gar fehlerhaft! Wer oder was hat sich gegen wen oder was verschworen?« Im Zwiespalt der Sache.

Einige Takte später stießen Jako und Paule auf drei Frauen. Die drei meinten, sie arbeiteten alle im selben Nachtklub und kämen aus Irland. Genauer: Dublin. Jako mochte Dublin nicht, er verband damit unschöne Tage aus seiner Zeit als Weltenvagabund.

Auf Anhieb hatten sie mit den drei Frauen Spaß. Paule wollte wissen, was sie unter Nachtklub verstanden, bekam aber keine vernünftige Antwort. Sie mochten Dublin auch nicht. Berlin sei viel cooler. Paule hatte eine andere Vorstellung von Irinnen. Kurze Zeit später zog eine Paule zu sich herunter, legte ihre Hand um seine Schulter und wisperte:

»Psst, darling, we are from New Jersey, the States. To be honest. But at least we all have irish roots. Where are you from?« »I am from here.« Und deutete auf den Fußboden. Sie schaute sich die Stelle an, auf die er zeigte. Paule sah auch mal nach. Beide hoben zeitgleich die Köpfe und grinsten sich an. »Hi, I am Enia«, und fletschte die Zähne.

Paule richtete sich auf, stemmte das Bier in die Hüfte und wollte auch Gebiss zeigen. »Hi, I am Paule.« Das sah wohl lustig aus. Enia, die Amerikanerin irischer Abstammung, begann laut zu lachen und keifte:

»Damn, I love you German guys!«

»Me, too!«, gab Jako zu verstehen und schüttelte sich verliebt. Paule richtete seine bierfreie Hand auf Jako und meinte: »And what about Italian boys?« Stimmt, Jako hat etwas Südländisches. Dunkle Haare, etwas dunklere Haut und überhaupt, gerade heute, eine laute Art.

»Yeah, we love Italian boys!«

Jako strahlte und schrie: »And I love Irish girls!« »Die drei Girls« betrachteten sich gegenseitig, um dann laut schallend zu lachen.

»Das Nuttenkarussell«, so nannten Jako und Paule diese Bar früher, bewies konkreten Namensbezug. Auch als Karussell. Die Theke war gebogen, bildete einen Halbkreis. Man kam dadurch schneller mit dem Nachbarn ins Gespräch, der Verschleiß des Personals war allerdings sehr hoch. Es war einfach verdammt anstrengend, dort zu arbeiten. Für mich eine weitere öde Schenke. Wenigstens als legales Indoor-Raucherzentrum zu verbuchen. Als angehender Nichtraucher wiederum egal. Paule wäre an diesem Abend lieber woandershin gegangen, Jako wollte aber unbedingt Karussell fahren.

Enia beschäftigte sich weiterhin hauptsächlich mit Paule. Sie bewegte sich viel. Immer wieder kniff sie ihn, zog ihn zu sich heran oder stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. Paule wurde heiter bis redselig. Neben dem Reden benutzte er seine bekannte Zeichensprache, die er hochprozentiger und somit weiblicher einsetzte als der Mann an sich. Abwinken, herbeiführen, Fischernetz einholen und mit dem dicken Zeigefinger Löcher in die Theke hauen. »Gay« war das nicht. Paule hatte starke große Hände und dieses Handwerkliche, geerbt vom Vater. Gut, es gibt schwule Handwerker und kann man Handwerkertum erben? Er selber hat nie viel gezimmert, gebohrt und gehämmert. Er war zwar seit sieben Jahren Hausmeister, doch nach eigenem Bekunden öffnete er dort lediglich Türen und vermaß Kühlschränke. Er bückte sich und streckte sich. Die beiden gaben ein stimmiges Bild ab. Enia war die Fülligste von den dreien, hatte »Holz vor der Hütte« und zeigte dies auch wie eine Verkäuferin mit tragbarem Bauchladen. Immer wieder zog sie den großen, gelegentlich wie ein Riesenbaby wirkenden Paule zu sich herunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr, dabei dirigierte sie seinen Blick so, dass Paule sich ein genaues Bild von ihrem Sortiment machen musste. Ihre hellbraune Kurzhaarfrisur mit langem Scheitel, der ihr ab und an ins Gesicht fiel, und ihre schnellen Bewegungen ließen sie jung und frisch wirken.

Jako war immer noch mit der ihm am nächsten stehenden Dame beschäftigt. Die Dritte im Bunde verschwand hier und da, tauchte irgendwann wieder auf und man hatte nicht den Eindruck, als fände sie es zu »blöde«, dass ihre beiden Freundinnen sich mit Jako und Paule beschäftigten. Im Gegenteil, man konnte fast meinen, sie freue sich für sie. Eines musste man Jako lassen: Dieser Typ hatte Anziehungskraft, im Speziellen auf Frauen. Seine Augen oder sein ganzer Ausdruck verführten dazu, mehr von ihm erfahren zu müssen. Beim schelmischen Blick wollten sie in ihn hinein, um zu erfahren, was er ausheckte. Beim Pathosblick wollten sie in ihn hinein, um zu erfahren, welch Schmerz ihn denn beseelte. Zusätzlich dazu kam, in einem nicht unerheblichen Maß, sein Aussehen: schmale Hüften, breites Kreuz, sportlich gebaut und eine relativ große Statur. Diese Erscheinung wurde stilvoll leger unterstrichen von einer gut sitzenden schwarzen, festen Stoffhose einer mittlerweile bekannten amerikanischen Arbeiterbekleidungsfirma, einem körperbetonten navyblauen T-Shirt und einer dunkelblauen Jeansjacke. Allem Anschein nach wurden diese leicht über dem Durchschnitt liegenden Merkmale bereits von seiner Gesprächspartnerin bemerkt.

Jako und seine »Irin« spielten das Spiel im Grunde genau anders herum als Paule und Enia. Jako war derjenige, der in regelmäßigen Abständen seine Hand um die Taille seiner Auserwählten legte und sie bestimmend zu sich heranzog. Keine halbe Stunde später stand sie mit dem Rücken zur Wand und die beiden knutschten wie zwei Teenies. Zeitgleich hatte Jako einen Horror-Backflash und glaubte, sich im Röhrmooser Jugendklub seines bayrischen Heimatdorfes zu befinden, während »Dirty gedanced« wurde, Patrick Swayze ihm tanzend über die Schulter schielte und sich im Hintergrund jeder anbrüllte. Der normale Umgangston in Röhrmoos. Eines Tages fahre ich da mal hin. Egal.

Paules Enia machte Avancen, dem gleichzuziehen, und begann äußerst vielversprechend und gekonnt, zur Musik ihre Rundungen zu wiegen. Speziell der Beckenbereich drehte und wippte sich immer wieder vor und zu ihm. Als sie Paule umarmte und sich gleichmäßig auf und ab bewegte, erstarrte Paule in der Totalen. Vor seinem inneren Auge glühte die rote Gefahrenlampe. Natürlich hätte er gerne ihr Fickgesicht gesehen, aber er war ja vergeben. Alsbald tat er so, als hätte er einen Bekannten entdeckt, den er unbedingt begrüßen müsse, entschuldigte sich bei seiner irischen Enia aus New Jersey und machte einen »Polnischen«, indem er davonrannte, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden. Manch einer verstand es, manch einer verstand es nicht. Seine Jasmin liebte es.

Ungefähr als es aufhörte zu regnen, zog Jako mitsamt Flamme weiter. Die beiden anderen wollten bleiben. Jakos Wohnung lag zehn Gehminuten entfernt. Sie kauften im Späti etwas zu trinken und gingen zu ihm. Sie tranken und konnten nicht voneinander lassen. Jako hatte mächtig einen in der Krone. Er handelte feinfühlig instinktgesteuert. Vieles bekam er gar nicht mehr mit. Spätestens als beide ihre Körper befühlten, kam Jako wieder zu Bewusstsein.

Ihr Körper war extrem durchtrainiert und tätowiert. Als sie auf ihm saß, hatte er das nicht wahrgenommen. Als sie sich drehten und er auf ihr lag und er begann, ihren Körper zu küssen, vernahm Jako im Halbdunkel allerlei Bildbotschaften. Als er seinen Koitus interruptus plante und seine Ladung auf ihrem Bauchbereich abspritzte, traf er damit eine Möwe, die gerade kackte. Er empfand es als Gehirnfick. Mann, wer lässt sich eine kackende Möwe tätowieren. Jako keuchte: »Fucking seagull, scheiß Möwe!«, verdammt, er wusste, dieses Bild würde er sein Leben lang nicht vergessen.

Ein sensibler Geist

Wir drei, Jako, Paule und ich, der Erwin Dietrich, sind so unterschiedlich nicht. Politisch und ethisch auf gleichem Kurs, Reizbefriedigungen und Infosuche auf ähnlichen Kanälen und vor allem sind wir der Meinung, weniger bis hin zu Nichtstun die Welt retten könnte. Nun gut, umgesetzt bekomme ich das weniger. Jako und Paule vielleicht.

Sind es vielmehr die kleinen Dinge, die uns unterscheiden. Die aber wiederum eine grundlegend andere Lebenswahrnehmung konstruieren. Etwa Jako und ich. Für ihn war die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht nie schwierig und wurde mit den Jahren immer leichter. Ich hingegen scheine auf Anhieb bei Frauen wenig Paarungsbereitschaft hervorzurufen. Ja, natürlich liegt das zum großen Teil an seiner offenen Art und zu Herzen gehenden Gestik. Bla, bla, ich könnte im besten und ehrlichsten Flirt-Flow sein, einen Salto schlagen, eine ganze Harald-Schmidt-Show moderieren und würde weniger Interesse wecken als er. Es geht vorwiegend um bessere Körpermaße und natürliche Symmetrie.

Okay, er legte sich für dieses Spiel oft genug ins Zeug, willentlich für ein Lächeln, einen Blick, ein Lachen den Affen zu markieren. Ruck, zuck zum Narren gemacht. So läuft das halt. Immer und immer wieder. Frauen wurden für ihn zur Droge, ein Blick – und er war süchtig. Streckenweise Multitasking-Fließbandarbeit. Seine allgemeine Wertschätzung Beziehungen gegenüber litt darunter.

Darüber hinaus verspürte er seit jeher einen gewissen Menschenhass, zusätzlich konnte er sich schnell über Dinge erhitzen. Diese Gabe brachte ihm in seiner Jugend des Öfteren Anzeigen wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung ein. Ein weiterer Unterschied zu mir, wohlgemerkt.

Nicht falsch verstehen, Jako ist ein lustiger und angenehmer Zeitgenosse, im Großen und Ganzen ist er mit sich im Reinen und will das Gute. Man könnte ihn als Heißsporn bezeichnen. Ein weiterer Unterschied zu mir, wohlgemerkt.

Jako hatte seit Jahren keine feste Freundin und wollte das ändern. Ansatzweise funktionierte es auch. Jakos Begegnungen mit Frauen wurden mit angezogener Handbremse gefahren und von ihm nicht mehr gänzlich so strukturiert, sie wieder loszuwerden, sondern er ging mit der Einstellung heran, dass es möglicherweise zu einer engeren Bindung kommen könnte. Als Erstes jedoch: Entzug.

In dieser Phase, »Entziehungskur gegen Frauensucht«, ließ ihn die Ami-Irin rückfällig werden. Jetzt verstand er, warum ihm Paule, beim Polnischen, diesen auffordernden Blick zugeworfen hatte. Das sollte soviel heißen wie: Wolltest du nicht auch lieber nicht?

Um diesen Rückschlag zu verarbeiten, brauchte Jako Ablenkung in der Ruhe mit sich selbst. Und die sollte er bekommen, vor allem aber Ansporn und ein Grundgerüst für später. Jako schwang sich auf sein Rad.

»Du mein Drahtesel, mein treuer Begleiter, hilf mir, zu vergessen.«

Nur mal kurz vom Volkspark zum Treptower Park. Anstatt umzudrehen, fuhr er weiter bis zum Müggelsee. An die sechzig Kilometer in eineinhalb Stunden.

Dort suchte er sich eine ruhige Stelle und setzte sich auf einen umgekippten Baumstamm, der wie eine Bank direkt am Ufer lag. Es war ruhig und er lauschte den Bäumen. Sein Blick streifte über den See. Beim Einatmen ließ er den Blick verschwimmen, beim Ausatmen klärte er den Blick und ließ sich fallen. Das half ihm, seine Aufmerksamkeit auf die Atmung und Stirnpartie zu richten. So glitt er ab und saß an die zwanzig Minuten da, ohne viel zu denken. Besonders Wasser konnte er so stundenlang anstarren. Er schwebte zwischen Himmel und See. In seiner Kindheit bereiteten ihm Träume, in denen er sein eigenes Größenverhältnis zur Außenwelt verlor, Unbehagen. Mittlerweile, wenn es nicht zu intensiv wurde, konnte er darin regelrecht aufgehen und es gab ihm ein erhebendes Gefühl. Heute hatte das Ganze, wegen der Lichtverhältnisse, eine silbrig schimmernde Note, wobei er stellenweise goldene Strahlen durchschritt. Immer wieder war das Zusammenspiel der Elemente Luft, Licht und Wasser für ihn ein Schauspiel, das ihn intensiv und schnell beflügelte. Er befand sich genau an der Grenze zwischen Himmel und Wasser, er empfand sich als kleiner werdend, im gleichen Moment als größer werdend. Der waagerecht verlaufende Horizont diente als eine Art Abschussrampe, wie ein Ziel, um weiterzufliegen und sich immer mehr aufzulösen. Das ging besonders gut an Stellen, bei denen es nichts an der gegenüberliegenden Seite zu sehen gab. Außerdem klappte es gerade müheloser, da sich sein Körper beim Fahrradfahren ertüchtigt hatte, dachte sich Jako und beendete dadurch seinen Exkurs ins Abdriften. Ein Graupelschauer aus kleinen Feuerwolken krönte die letzten Atemzüge.

»Habe ich jetzt Kreislauf?«, murmelte er in sich hinein. Jako sah sich um. Alles war wie vorher. In der Ferne hörte er ein paar Kinder schreiend spielen. Kurz saß er noch, dann stand er auf und streckte sich. Es ging ihm bereits viel besser.

Was jetzt? Blick auf die Uhr. Schöne Uhr. Wirklich, eine wunderschöne Uhr. Nochmals, Blick auf die Uhr. Aha, kurz nach 16 Uhr. Jako grinste. Nun gut, er könnte Richtung Norden am See entlang, das wäre die ihm bekannteste kürzeste Strecke zur nächsten S-Bahn-Haltestelle, und dann zurückfahren. Oder Richtung Süden am See entlang und einmal um diesen herum. Er wollte nicht zurück, hatte noch Zeit und war noch nie um den Müggelsee gefahren. Also Richtung Süden.

Seit einer Stunde begegnete er keinem Menschen. Das ist für europäische oder sagen wir deutsche Verhältnisse eine extreme Seltenheit. Diese Augenblicke gilt es zu genießen. Schon kam ihm eine Dame mit Hund entgegen. Er grüßte, sie lächelte und grüßte zurück.

Jako bekam langsam Hunger und seine Laune trübte sich. Egal, das hört wieder auf. Er wollte unbedingt noch zu einer Stelle, die er kannte. Es war ein großer Steg am Nordufer, den man nur durch einen kleinen Waldpfad erreichen konnte. Er fand den Weg und ging an einem kleinen Bach in Richtung See. Fredersdorfer Mühlenfließ, so hieß der Bach, stand zumindest auf einem Schild. Jako fand den Steg, stellte das Fahrrad ab und setzte sich ans Stegende.

Das Licht bekam eine rötliche Färbung, die Sonne bereitete ihren heutigen Abschied vor. Hoffentlich kommst du morgen wieder. Zwei junge Herren kamen auf den Steg. Der Steg war aus Beton, bestimmt drei Meter breit und erstreckte sich zehn Meter ins Wasser. Warum stellten sie sich genau neben Jako? Sie redeten nicht übertrieben laut, aber so, als würden sie wollen, dass man sie versteht. Jako versuchte, sich nicht ablenken zu lassen. Es war unmöglich. Sie quasselten über Dinge, die, sagen wir mal, niedrigstes Wirtschaftsdenken beinhalteten. So nach dem Motto:

»Wir müssen mehr Arbeitsplätze schaffen, um die Wirtschaft anzukurbeln, um die Welt zu retten.«

Nein Jako, es war ein viel zu schöner Tag, um wegen Doppelmordes angeklagt zu werden.

Unterschwellig inspiriert durch die tags zuvor vom Kannibalen-Ochsen gestellte Liedfrage »Werden Wege neu gelegen werden?«, herbeigeführt durch den Mischzustand aus Hunger geschuldeter Aggressivität und aus der Meditation vorausgekoppelter Weisheit, dachte Jako:

… und machte sich schleunigst vom Acker.

Es war eine ansehnliche, abwechslungsreiche restliche Strecke bis zur Bahnhaltestelle. Zuerst abschließend am See entlang und dann durch eine Allee mit herrschaftlichen Villen als Beiwerk.

Danke, das half schnell, die abstrahlende Dummheit der zwei Primaten zu vergessen.

Es war annähernd dunkel, als er an der S-Bahn-Haltestelle ankam. Eine halbe Stunde später stand er vor seiner Haustür, schulterte das Rad in die Wohnung, hängte es an die Wand und machte sich sofort ein paar Brote. Dazu gab es eingelegte Gurken. Jako war glücklich.

Diese Art Touren wird er bei Gelegenheit öfter machen, nach Möglichkeit weiter raus. Berliner Umland, Brandenburg und so. Er hatte einen erholsamen Schlaf.

Der Windelmann

Wer lacht so blöd durch den schnalzenden Schlot, schiefes Dirn irgendwo im Nirgendwo, mittig der Masse, schwer erkennbar. Bloß nicht ausfindig machen. Er wusste, das würde sofort nach hinten losgehen, oder vorne. Nächstes Mal Madrid oder Rom. Warum so unterkühlt in Oslo. Geh, Mensch, lass ihn in sich gehen, sonst wird das hier nichts. Schwacher Leib ausgesetzt dem Frost und den noch kälteren Blicken. Mitgefühl für nicht verstandene Taten sind wohl eher nicht zu erwarten. Andersherum gab es immer ein Zeichen. Irgendwo im Nirgendwo.

So neu ist das mit der morphischen Fügung nicht, dachte er, während der Boden unter seinen Füßen schmolz und Paule barfuß am Meer spazieren ging. Er begann zu laufen, konnte nicht mehr aufhören und lief und lief. Nachdem er den nächsten Ort hinter sich gelassen hatte und die Sonne das Wasser tätschelte, drehte er um. Es wurde schnell dunkel. Es folgte eine Hardcore-Kneippkur. Die Füße brannten, bis sie schließlich nicht mehr brannten, bis sie wieder brannten. Er genoss den Schmerz, er verdammte den Schmerz, er wollte zurück ins Hotel. Immer wieder kam in ihm bildlich die Erscheinung eines Künstlers auf, den er in Berlin getroffen hatte. Eine seiner Kunstaktionen war es, sich in Fußgängerzonen dieser Welt nackt, nur mit einer Windel bekleidet, auf einen Eisblock zu stellen, bis dieser geschmolzen war. Irgendeine Art Protest. Die Aktion verstand Paule nie in voller Gänze, aber dass es krass war, wusste er jetzt. Ähnlich wie Obi-Wan Kenobi in Star Wars als Vision auf dem Eisplaneten »Hoth«, Luke Skywalker beiwohnt und ihm etwas flüstert, stand da nun der nackte Künstler auf dem Eisblock, während Paule sich am Strand peinigte. Windelmann predigte:

»Sei offen für eine Veränderung, denn sie wird kommen, bei Gelegenheit wähle die Aktion, egal ob dir die CIA in die Quere kommt.«

Stimmt, Paule erinnerte sich, der Eisblockwindelkünstler sprach damals die ganze Zeit von der CIA.

Paule war richtig froh, als er endlich ins Hotelzimmer zurückfand, seine Füße warm abduschte und dicke Socken anzog. Er legte sich ins Bett und wärmte sich auf.

Jasmin und Paule schliefen richtig gut. Paule wurde früher wach als Jasmin und setzte sich auf den Balkon. Die beiden Turteltauben hatten gezielt ein Zimmer im fünften Stock mit Meerblick bezogen. Die Sonne meldete sich am Firmament zurück. Es kribbelte. Paule suchte das Wasser ab: Ob er vielleicht einen Wal oder einen Delfin entdecken würde? Nichts, nur Boote. Er stand auf, atmete tief ein und aus. Natürlich gab es mehr im Leben als den gewöhnlichen Trott. Klar. Eins stand fest, es war wieder an der Zeit für krassere Aktionen. Der Eisblockmann und die aufgehende Sonne hatten recht. Dies war der Anfang für seine innere Revolution, die eine eindeutige äußere zur Folge haben würde. Natürlich wird Paule einen Anstoß brauchen. Aber er war bereit. Denn mehr soll noch kommen. Paule spürte, dass sich für ihn etwas verändern würde. Besser gesagt: Bietet sich eine Veränderung an, wird er sie annehmen. Wird es noch so irre, er wird es machen!