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Der Mord an der jungen Studentin und Aushilfskellnerin Karen Heisemann im Kurpark von Malente gibt den Beamten des Dezernats für Todesermittlungen der Lübecker Kriminalpolizei eine harte Nuß zu knacken. Der Erste Kriminalhauptkommissar Bernd Kannengießer hält eigentlich wenig von Ermittlern mit »Bauchgefühlen«, aber genau die sind es, die ihn Zusammenhänge erahnen lassen. Doch erst ein längst pensionierter ehemaliger Kripo-Kollege aus Kiel, der sein Ruhestands-Domizil zufällig in der selben Pension in Malente bezogen hat, in das Opfer sich für ihren Semesterferienjob einquartiert hatte, bringt Kannengießers Team auf die richtige Spur. Und die reicht weit in eine Vergangenheit zurück, in der es weder Handys noch Internet gab und in Schleswig-Holsteins Szenekneipen noch geraucht wurde, bis die Luft zum Schneiden dick war...
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Alle Personen und Geschehnisse in diesem Kriminalroman sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Personen oder wahren Ereignissen wären daher vollkommen unbeabsichtigt.
Zufällig wären sie indessen nicht unbedingt. Jeder Autor wird von dem inspiriert, was er tagtäglich in der Zeitung liest oder an der Supermarktkasse beobachtet, und beutet es gnadenlos für seine Geschichten aus. Und so wandert der Autor denn auch manchmal ohne Arg und ohne Böses im Schilde zu führen durch die Welt und hält an einer Stelle plötzlich inne, weil er denkt: Dies ist der Platz, der einfach danach schreit, daß an ihm in einer Kriminalgeschichte das Opfer eines Mordes gefunden wird.
»Some figures elbow their way into a novel and sit there until the writer finds them a place.«
(Einige Figuren drängeln sich so lange mit den Ellbogen in einen Roman und sitzen dort herum, bis der Autor einen Platz für sie findet.)
John LeCarré im Vorwort zu seinem Spionageroman
»The Honourable Schoolboy«
1.
28.Juli 1983. Donnerstag.
Die Schwingtür zur Küche klappte auf und Kotti kam heraus und balancierte mit vier Holzbrettchen um den Tresen herum. Auf jedem Brettchen lag eine »Flöte«, ein dampfend heißes belegtes Baguette. Angebackene Schinkenscheiben quollen an den Seiten heraus, der geschmolzene Käse klebte die Papierservietten am Brot fest.
Björn Marzen folgte Kotti mit dem Blick durch den Qualm des Zigarettenrauchs auf dem Weg durch den vorderen Raum des After Dark. In den viereinhalb Stunden, seit die Kneipe geöffnet war, hatte sich die Luft in einen dünnen Nebel verwandelt, der das Licht der Kerzen und Teelichter auf den Tischen und der dunkelgelben Glühbirnen in den spärlich vorhandenen Lampen milchig trübe brach.
Kotti war sechsundzwanzig, soweit Björn Marzen wusste, und ein echtes Urgestein der Eutiner Kneipenszene. Der Szenekneipenszene, um genau zu sein, denn so wie die meisten Gäste des After Dark sich in den gutbürgerlichen Kneipen und Gaststätten im Karrée zwischen Bahnhof, Schloßpark und Stadtgraben nicht wohl gefühlt hätten, so verirrten sich auch selten Leute, die nicht zu den Szenekneipengängern zählten, in das »Dark«, wie es von den meisten kurz genannt wurde.
Kottis Versuche, mit der Musik Karriere zu machen, waren nicht weit gekommen. Das hatte weniger an der fehlenden Disziplin gelegen, und auch nicht daran, daß Kotti musikalisch gute fünfzehn Jahre zu spät gekommen war und sich nicht zwischen frühen Jethro Tull und späten Jefferson Airplane entscheiden konnte.
Kotti war einfach ein lausiger Bassist.
Nachdem er in den letzten acht oder neun Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Abende im After Dark vor dem Tresen sitzend verbracht hatte, bot ihm eines Tages Michel »Mike« Drage, einer der beiden Besitzer der Kneipe, die Möglichkeit an, seine zahllosen Deckel auf der anderen Seite des Tresens und in der winzigen Küche des »Dark« wieder abzuarbeiten.
Kotti erkannte, daß es klug war, das Angebot nicht auszuschlagen, und nach kurzer Zeit entpuppte er sich als Naturtalent am Zapfhahn, und kam auf diese Weise zum ersten Mal zu einem einigermaßen regelmäßigen Einkommen.
Björn Marzen hörte ein helles Frauenlachen durch den dichten Klangteppich aus Musik und Stimmengewirr. Kotti hatte die vier »Flöten« an einem der Tische auf der anderen Seite des Raumes abgeliefert. Er strich einem Mädchen mit der Hand über die Schulter, und das Mädchen lachte wieder laut auf. Von der anderen Seite rief jemand eine Bestellung in Richtung Tresen. Mike Drage, der vor einer Stunde gekommen war, um seine Kellner im üblichen Samstagabendgedränge zu unterstützen, gab mit den Fingern ein Zeichen zurück, daß er die Bestellung verstanden hatte. Björn Marzen zog seine Knie beiseite, als sich zwei nicht mehr ganz nüchterne Leute ruppig an dem großen Ecktisch vorbreidrängten, an dem er saß. Ganz außen am Rand.
Auf der anderen Seite des Ecktisches beherrschte Arno die Diskussion. Ein baumlanger, langhaariger Jüngling, der mit seinem leeren Bierglas in der Hand gestikulierte. Björn Marzen hatte Mühe, der Diskussion am Tisch durch den immer stärker werdenden Lärm zu folgen. Aber die Diskussion war ohnehin keine wirkliche Aufmerksamkeit wert. Arno trug wieder, von übertriebenen Gesten unterstützt, die Geschichte von der großen Demonstration gegen die Nachrüstungspolitik vor, zu der er genau wie ein paar hunderttausend andere nach Bonn in den Hofgarten gefahren war. Opa erzählt vom Krieg, dachte Björn Marzen, irgendwann hatte er das sogar mal laut gesagt, worauf Arno zu seinem Erstaunen mit einem breiten Grinsen reagiert hatte, und einem »Ganz genau erkannt!«
Meistens tauchte Arno alle drei Wochen mit einem neuen Mädchen auf, immer zwei oder drei Jahre jünger als er, meistens aus irgendeiner Initiative gegen Atomkraft oder Atomwaffen oder für die Umwelt oder die Gleichberechtigung der Frau. Oder alles zusammen. Seine augenblickliche Flamme war allerdings eine angehende Zahnarzthelferin, die sich offenkundig überhaupt nicht für Politik interessierte, auch dann nicht, wenn sie von Arno erklärt wurde. Björn Marzen musterte sie im Schummerlicht. Birgit Mell. Mall. Mill? Irgendwie so. Schulterlange, fast schwarze Haare, makellose Zähne, kein Wunder bei ihrem Beruf, ein bißchen zuviel Sonnenstudiobräune.
Sonnenstudiobräune war politisch nicht korrekt. Birgits schwarze Pumps mit den messingfarbenen Bleistiftabsätzen waren politisch nicht korrekt. Aber dafür passten sie hervorragend zu der hautengen weißen Hose mit dem lila Streifenmuster, die Arnos jüngste Eroberung trug. Birgit stand auf und fädelte sich an Arno, Sanne und Todo vorbei aus der Ecke heraus, um sich durch dicht gedrängt stehende Gäste zu den Toiletten hindurchzukämpfen.
Björn Marzen sah ihr hinterher. Das lila Streifenmuster ihrer Hose lief auf dem Hintern als V wieder zusammen. Er wandte sich zurück zum Tisch. Sein Blick traf den strafenden Blick von Sanne. Susanne Bährmann. Käsebleich im Gesicht und an den Armen, obwohl es Hochsommer war. Das war politisch korrekt. Jedenfalls korrekter als Sonnenstudiobräune. Eigentlich witzig, dachte Björn Marzen, während er ihrem Blick auswich, Sanne trug auch Lila. Genauer gesagt eine etwas ausgeblichene lila Latzhose, und um den Hals lose verknotet ein lila Halstuch. Noch genauer gesagt: das lila Kirchentagshalstuch. Zwar war Sanne Bährmann alles andere als religiös, doch das waren eine Menge der Besucher des Kirchentags in Hannover einen Monat zuvor auch nicht gewesen. »Umkehr zum Leben«, hatte das Motto geheißen, und die Aufstellung der Pershing II-Raketen in Westeuropa war das zentrale Thema gewesen.
Immerhin, dachte Björn Marzen, war sie nicht religiös erweckt aus Hannover zurückgekommen. Dafür aber voller Begeisterung für die feministische Spiritualität, die sie allerorten auf dem Kirchentag gespürt zu haben behauptete.
Björn Marzen konnte Susanne Bährmann nicht ausstehen.
Er war sich auch nicht sicher, ob er sich vor der bevorstehenden Aufstellung von ein paar zusätzlichen Atomraketen fürchten sollte. Jedesmal, wenn er seinen Freunden aus der alten Abiturjahrgangsclique ein paar Minuten zugehört hatte, fand er ihre politischen Auffassungen ziemlich naiv. Völlig naiv. Doch das sagte er nie laut.
Er lehnte sich zurück. Die ungepolsterte Lehne der Holzbank drückte gegen Wirbelkörper und Schulterblätter. Die zwei Bacardi-Cola, die er in der letzten Stunde getrunken hatte, zeigten leichte Wirkung. Er nahm die Kakophonie aus Led Zeppelin und ein paar Dutzend gleichzeitiger Unterhaltungen im jetzt völlig überfüllten After Dark, die gegen die laute Musik anzuschreien versuchten, wie durch Watte wahr. Sein Auto war bis Freitagabend in der Inspektion, deshalb war er, ungewöhnlich genug, mit dem Fahrrad unterwegs, und deshalb konnte er, was genauso ungewöhnlich war, unbesorgt trinken.
Birgit kam zurück. Er blickte zur Seite. Von irgendwo her tauchte Christine aus dem Nebel auf, und Björn Marzen wurde schlagartig nüchtern.
Christine Ventz, von den meisten Chrissi genannt. Björn Marzen hatte eines Abends im »Dark« gesessen und sie durch einen Schleier von Tabakqualm gesehen, am Tresen sitzend, die unvermeidliche Zigarette in der Hand, natürlich eine Selbstgedrehte, eine Flasche Bier vor sich stehend, sich gestikulierend unterhaltend, mit einem Typen, dessen lange blonde Haare ihm bis über die Schultern fielen. Er kannte sie schon länger, wenn auch nur vom Sehen, aus den Szenekneipen, aus der Stadt, aber plötzlich, auf einmal, an diesem Abend, erkannte er, daß sie die schönste Frau weit und breit im Universum war.
Er hätte nicht sagen können, ob es ihre Gesichtszüge waren, oder ihre gazellenhafte Art, sich zu bewegen. Sie war groß, bestimmt über ein Meter fünfundsiebzig, mit blonden, langen Haaren, die sie manchmal zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Er wäre am liebsten zu ihr hingegangen und hätte ihr gesagt, sie solle ihre Haare nie wieder in einer anderen Art tragen.
Sie hatte ein Jahr nach Björn Marzen ihr Abitur gemacht, hing herum und kellnerte in der Eutiner Szenekneipe Fluppdupp. Das Fluppdupp war so etwas wie das Alter Ego des After Dark. Es bediente dieselbe Szene von Gästen, und die Kellner aus der einen Kneipe kamen als Gäste in die andere.
Ein Psychologe hätte ihm vielleicht gesagt, daß er sich unbewußt eine Traumfrau ausgesucht hatte, die ihm unerreichbar schien, um alle Wünsche und Sehnsüchte in sie hineinzuprojizieren, ohne jede Chance auf Erfolg, was ihm aber auch einen Vorwand lieferte, es gar nicht erst zu versuchen.
Christine. Chrissi. Sie war zwanzig und umschwärmt von etlichen Jungen in ihrem Alter, die natürlich ohne jede Chance bei ihr waren, Erfolg hatten die älteren, die »coolen«, die, die etwas vorzuweisen hatten. Christine Ventz stand auf Musiker, eine Zeitlang war sie mit dem Inhaber eines kleinen, stets am Rande der Pleite herumkrebsenden Gitarrenladens zusammen gewesen, dem ein zehn Jahre älterer Hamburger folgte, der sich selbst als »Musikmanager« bezeichnete, in Wirklichkeit aber nur hin und wieder ein paar »Gigs«, wie man es nannte, für Amateurbands vermittelte und ansonsten davon lebte, in Musikerkreisen Haschisch und Amphetaminpillen zu verkaufen, die auf verschlungenen Wegen aus der Türkei nach Hamburg kamen.
Die Wirklichkeit war anders. Der Psychologe hätte ihm vielleicht gesagt, daß Chrissis Verhalten, das auf die, die nicht hoffnungslos in sie verknallt waren, eher unnahbar oder sogar arrogant wirkte, das Zeichen von Unsicherheit war, Unsicherheit, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte, was sie studieren oder lernen sollte, woher sie das Geld zum Leben nehmen sollte, wenn ihre Eltern ihr den Geldhahn zudrehen würden.
Chrissi, das hätte jeder der Jungs geschworen, die sie bis nach Ladenschluss am Tresen hockend anschwärmten, konnte jeden Typen haben den sie wollte, und deshalb fragte sich mancher auch manchmal, wenn auch heimlich, wieso sie ausgerechnet die aussuchte, die sie eben ausgesucht hatte. Die Antwort hätte alle überrascht, oder jedenfalls alle, die nur über die Lebenserfahrung eines Zwanzigjährigen verfügten: es fiel ihr schwer, die Männer kennenzulernen, die sie kennenlernen wollte. Von einer Clique unreifer Jungs wurde sie angeschwärmt, von einer bestimmten Sorte Idioten ungeniert angebaggert, und die wirklich guten und netten Männer, die trauten sich nicht, sie anzusprechen, weil sie scheinbar so cool und unnahbar war. Also blieb Chrissi bei denen hängen, die genug Dreistigkeit besaßen, sie abzuschleppen, denn mit den unreifen Jungs konnte sie nun wirklich nichts anfangen, und glaubte, sie wäre es, die die Männer manipulierte, dabei war meistens sie diejenige, die manipuliert wurde.
Björn Marzen spürte Schmetterlinge im Bauch, als sich Christine zu ihnen an den Tisch setzte. Er mußte die Gelegenheit nutzen.
»Wie kommt Ihr eigentlich nächstes Wochenende nach Bonn, zur Nachrüstungs-Demo?« rief er Arno zu, der seinen Arm von Birgits Schulter gelöst hatte und Christine Ventz mit einem Blick ansah, der klar machte, daß er keinerlei Hemmungen haben würde, sie anzubaggern. Aus irgendeinem Grund, irgendwoher wußte Arno, daß Björn Marzen für Chrissi schwärmte. Und komischerweise war er der einzige, bei dem es ihn nicht störte, daß er es wusste. »Ich hätte noch ein paar Sitzplätze im Auto frei.«
Das wäre der Einsatz gewesen für Chrissi. »Kannst du mich vielleicht mitnehmen?« hätte sie fragen sollen.
»Wir fahren mit Heino«, sagte Arno. Wer auch immer Heino sein mochte.
Ausgerechnet Susanne Bährmann übernahm den Einsatz. »Fährst du mit?« fragte sie Christine Ventz. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hielt sie Chrissi für »frauenbewegt«, dabei war die in Wirklichkeit nichts weniger als das.
»Nee, ich bin nächstes Wochenende in Hamburg. Falko managed ein Konzert.«
Falko. War sie also immer noch mit ihm zusammen.
Christine Ventz stand auf, um sich noch ein Bier vom Tresen zu holen. Björn Marzen sah ihr nach, wie sie gazellengleich durch das After Dark schwebte. In nichts sah sie besser aus als in ihrem engen, ausgeblichenen Jeans, den schlichten Turnschuhen und dem dunkelroten Sweatshirt. Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor eins. »Letzte Runde!«, rief Mike Drage.
Wieder keinen Erfolg gehabt, dachte er. Er zahlte seinen Deckel und verließ das After Dark. Die frische, kühle Sommerluft versetzte ihm fast einen Schock, als er aus der abgestandenen, verqualmten Kneipenluft nach draußen kam.
Da sein Auto in der Inspektion war, war er heute mit dem Fahrrad unterwegs. Es graute ihm schon vor dem vorwurfsvollen Kommentaren seines Vaters, weil die Inspektionsrechnung wieder so hoch sei. Dabei war das nicht seine Schuld, er hätte sich auch mit einem alten, billigen Auto zufriedengegeben statt des fabrikneuen VW Polos.
Und er hätte auch einen der coolen »Schrauber« seinen Wagen reparieren lassen, die für wenig Geld für die ganze Kneipenszene mehr oder weniger kompetent an dem Fuhrpark der angerosteten Renaults, VW Käfer oder »Enten« herumschraubten. Aber nein, sein Vater bestand darauf, daß der Wagen in einer VW-Vertragswerkstatt gewartet wurde. Mit welchem Recht beschwerte er sich dann eigentlich bei ihm, daß es immer so teuer war? Und Geld hatte er ja nun wirklich genug.
Björn Marzen schloss sein Fahrrad los, daß er an einem Laternenpfahl schräg gegenüber des After Dark gesichert hatte. Als er gerade losgefahren war, sah er aus dem Augenwinkel Christine Ventz aus der Tür der Kneipe kommen. Sie stolperte über die kleine Stufe und fluchte. Marzen hielt an und stieg vom Rad.
Sie ist ganz schön angeschickert, dachte er.
»Heute ohne Auto?« rief sie zu ihm herüber. Die Schmetterlinge in seinem Bauch tobten.
»Ist in der Inspektion«, sagte er, und schob sein Fahrrad zu ihr herüber.
»Scheiße«, sagte sie. »Sonst könntest du mich jetzt nach Hause fahren.« Die Schmetterlinge waren kurz vor dem Infarkt. Er musste sich bemühen, nicht vor Aufregung zu stottern.
»Ich kann dich ja auf dem Gepäckträger mitnehmen«, sagte er, ohne jede Hoffnung, daß sie sein Angebot annehmen könnte.
»Auch gut«, sagte sie, und schwang sich ohne Vorwarnung auf den Gepäckträger, so daß er mitsamt dem Fahrrad und ihr beinahe umgefallen wäre.
»Bist du noch nüchtern?« fragte sie neckisch.
»Ich ja, aber du wohl nicht mehr, oder«, antwortete er, und war erschrocken über die eigene Kühnheit.
Selbst in seinen kühnsten Träumen, in denen er sich schon eine ganze Menge unwahrscheinlicher Dinge ausgemalt hatte, die Christine Ventz betrafen, hätte er sich niemals vorgestellt, sie einmal auf seinem Fahrradgepäckträger durch das wie ausgestorben wirkende, nächtliche Eutin zu fahren, oder besser gesagt zu eiern. Sie hatte ihre Arme um seinen Bauch geschlungen, während er verzweifelt versuchte, halbwegs geradeaus zu fahren. Dann legte sie ihr Kinn auf seine Schulter. Oder war es ihre Wange? Egal, jedenfalls spürte er ihre Arme, ihren Kopf, und da war noch etwas, was er spürte, das mußte ihr Busen sein.
Er fühlte sich wie im siebten Himmel. Und gleichzeitig suchte er verzweifelt etwas, das er sagen konnte, womit er sie beeindrucken würde.
»Und du willst wirklich nicht mit zur Demo?« sagte er. Das war eine völlige Fehleinschätzung, denn Christine Ventz war alles andere als wirklich am Protest gegen die Nachrüstung interessiert. Sie hätte sich selbst als links bezeichnet, denn man war eben links in den Kreisen, in denen sie verkehrte.
»Ne«, antwortete sie. »Ich bin am Wochenende auf einem Konzert in Hamburg. ›Toasted Bloodhounds«. Echt geile Band aus England.«
Musik, dachte Björn Marzen, da kann ich nun gar nicht mitreden. Sein Musikgeschmack hätte ihn in seinem Freundeskreis und in sämtlichen Szenekneipencliquen nördlich der Alpen völlig disqualifiziert. Deshalb versteckte er die Cassetten, die er im Auto gern höre, auch in einer Plastikbox in der Kartentasche der Fahrertür, und vertraute darauf, daß alle, die ihn gern als bequemes Taxi auf dem Weg zu einer Fete oder von einer Fete benutzten, sowieso ihre eigenen Cassetten aus der Tasche zogen, mit etwas darauf, das jedenfalls als »cool« galt.
Hätte Björn Marzen ein bißchen mehr von Frauen verstanden und ein bißchen mehr über Christine Ventz gewusst, oder besser gesagt von ihr erkannt, dann wäre ihm klar gewesen, daß sein Aussehen für sie ein wesentlich besseres Argument gewesen wäre als alle »coolen« Sprüche, jede politische Aktivität oder mit was sonst immer die Jungs die Mädchen zu beeindrucken versuchten. Ein schlichter Satz, »Hey, ich möchte mir dir ins Bett!«, nicht zu sehr selbstgewiss vorgetragen, hätte ihn vielleicht sogar an diesem Abend direkt ans Ziel seiner Träume geführt, auch wenn er schnell gemerkt hätte, daß das Ziel seiner Träume in der Realität anders aussah als er sich es vorstellte.
So aber führten die nächsten paar Minuten zu einem folgenschweren Mißverständnis, nach dem nichts jemals wieder so sein würde wie vorher.
Björn Marzen bemühte sich, gleichzeitig die Balance auf dem Fahrrad zu halten und halbwegs »coolen« Smalltalk zu machen, in der Hoffnung, ausreichend Eindruck auf Chrissi zu machen, während die zunehmend schweigsam auf dem Gepäckträger saß. Schließlich kamen sie am Rand des Beuthiner Gehölzes zum Stehen. Das Haus von Christine Ventz’ Eltern lag in einer Sackgasse, die durch eine etwa fünfzig Meter lange Treppe mit der Straße verbunden war. Auf der linken Seite der Straße konnte man im fahlen Schein einer Straßenlaterne ein kleines Wäldchen erkennen, die nächsten Häuser an der Straße lagen etwa siebzig Meter entfernt.
Chrissi sprang vom Gepäckträger, und auch Björn Marzen stieg ab.
Hätte sie sich einfach bedankt und verabschiedet und wäre die Treppe zum Haus ihrer Eltern hochgegangen, vermutlich wäre überhaupt nichts geschehen. Björn Marzen wäre mit einem sich langsam wieder beruhigenden Geschwader von Schmetterlingen im Bauch nach Hause gefahren, hätte von Chrissi geträumt und sich niemals eingestanden, daß er diese ganz zufällige Chance, ihr vielleicht näher zu kommen, in den Sand gesetzt hatte.
Aber Christine Ventz blieb stehen, steckte die Hände in die Hosentaschen und trat von einem Bein auf das andere. Sie hatte keine Lust auf ihr Zimmer zuhause, im Haus ihrer Eltern. Sie hatte keine Lust, weiter in diesem Kaff herumzuhängen. Sie dachte an Falko, der auch nicht anders war als all die Typen, die sie in den letzten drei Jahren abgeschleppt hatten oder die sie abgeschleppt hatte. Irgendetwas fehlte in ihrem Leben, das war ganz sicher nicht Björn Marzen, aber dem galt es ja auch nicht, daß sie stehenblieb und ein paar Sekunden lang zögerte, zur Treppe zu gehen.
Björn Marzen deutete ihr Zögern falsch.
Es hatte in den letzten paar Jahren bestimmt zehn oder fünfzehn Situationen gegeben, in denen diese Deutung der Situation richtig gewesen wäre, zehn oder fünfzehn Situationen, in denen ein Mädchen, eine junge Frau ihm damit andeuten wollte »Trau dich, küss mich, mach was!« Zehn oder fünfzehn Situationen, in denen er sich nicht getraut hatte, weil er Angst vor einem Mißverständnis hatte, vor einer Zurückweisung.
Björn Marzen ging auf Chrissi zu, legte die Arme um sie, zog sie etwas unbeholfen zu sich heran und versuchte, sie zu küssen.
Christine Ventz war für eine Sekunde völlig perplex, natürlich hatte sie schon oft genug die etwas stürmischen Annäherungsversuche irgendwelcher Männer erlebt, die etwas von ihr wollten, aber bei Björn Marzen und hier am Waldrand hatte sie wirklich nicht damit gerechnet.
Dann machte sie ihren Körper steif und sagte »Komm, nicht!«
Vielleicht sagte ihr irgendein instinktives Gefühl, daß sie ihre Zurückweisung nicht zu schroff formulieren sollte. Aber Björn Marzen hätten ihre Worte in diesem Augenblick sowieso nicht mehr erreicht. Er fühlte sich am Ziel seiner Träume, er spürte den warmen Körper, den er gegen seinen zog, er hatte ihren Geruch in der Nase, Musk, einen Geruch, den er nach dieser Nacht nie wieder in seinem Leben ertragen können sollte.
Er zwang seine Zunge in ihren Mund, sie stieß ihn zurück und schrie »Du hast doch einen Knall!« Dann rannte sie los, in Richtung auf die Treppe, weil ihr schlagartig klar wurde, daß dies hier nicht einfach nur der etwas plumpe Annäherungsversuch eines Typen war, der sich ein bißchen in sie verknallt hatte und jetzt zudringlich wurde.
Björn Marzen fühlte sich so, als wäre er in stockfinsterer Nacht gegen einen Laternenpfahl gelaufen. Das Blut schoss ihm in den Kopf, ihm wurde heiß und kalt zugleich, und dann ergriff ihn ein ungeheures Gefühl der Peinlichkeit und der Scham.
Ohne nachzudenken rannte er hinter Chrissi her, packte sie von hinten, er wollte... ja, was wollte er eigentlich? Das Mißverständnis aufklären? Ihr seine Liebe gestehen? Sich entschuldigen, daß er sie zu küssen versucht hatte? Am liebsten hätte er die letzten sechzig Sekunden einfach ausgelöscht, ungeschehen gemacht, die Peinlichkeit, die Demütigung der Zurückweisung, sein brennendes Gefühl für sie. Er merkte gar nicht, daß er sie festhielt, daß sie sich wehrte, um sich zu schlagen versuchte.
Vielleicht wäre bis zu diesem Moment alles noch zu klären gewesen, durch den Alkoholkonsum von ihm und ihr zu entschuldigen, oder doch wenigstens zu erklären, und es war ja auch noch nichts wirklich schlimmes passiert, ein Kuß, ein Mißverständnis. Doch dann begann Christine Ventz laut um Hilfe zu schreien.
Denn sie hatte plötzlich Angst. War nicht mehr stark und cool und diejenige, die mit den Männern spielte.
Björn Marzen presste ihr reflexartig die Hand auf den Mund, als er den Schrei hörte. Er drückte sie nach unten, stürzte gemeinsam mit ihr auf den Boden, kam auf ihr zu liegen, presste ihr die eine Hand auf den Mund, die andere auf den Hals, Christine Ventz wehrte sich verzweifelt, zappelte, zuckte, und dann erschlaffte ihr Körper plötzlich.
Er ließ seine Hand fest auf ihrem Mund und ihrer Nase, ganz fest, er wagte es nicht, sie hochzunehmen. Er kniete mindestens eine Minute auf ihr, sein Knie zwischen ihre Beine gepresst, bis er schließlich wagte, seinen Griff zu lockern. Ihre Augen waren offen, und sie rührte sich nicht.
Es war, als würde er aus einem Nebel wieder auftauchen. Mit unnatürlicher Klarheit und Schärfe sah er die Straße, das Wäldchen am Straßenrand, den Gehweg, die Laterne. Irgendwo in der Ferne war das Rauschen der Autos auf einer Fernstraße zu hören.
Er erwartete, daß jeden Augenblick irgendwo Licht hinter Fenstern angehen würde, Rufe ertönen würde, Hundegebell ertönte, aber es blieb totenstill. Er setzte sich neben sie auf den Asphalt und versuchte, seinen Herzschlag und seinen Atem wieder zu beruhigen. Sie war tot, daran konnte kein Zweifel bestehen.
Und plötzlich spürte er eine Entschlossenheit, die er so noch nie erlebt hatte. Er stand auf und sah sich um. Nirgendwo war jemand zu sehen. Er packte sie an den Händen und zerrte sie bäuchlings von der Fahrbahn, über den Gehweg in einen kleinen Waldweg, der ein paar Meter neben der Stelle von der Straße abging, an der Christine Ventz gestorben war.
Das Wäldchen bestand aus kleinen Tannen, höchstens zweieinhalb Meter hoch, die man in präzisen Reihen im Abstand von vielleicht anderthalb Metern gepflanzt hatte. Er ließ ihre Arme los. Das Licht der Straßenlaterne reichte gerade noch bis hier.
Christine Ventz. Chrissi. Noch nie hatte er ihren Körper so ungehindert und so lange betrachtet. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie eng sich ihre Jeans wirklich über ihrem Hintern spannten. Er setzte sich auf ihre Unterschenkel, griff unter ihren Bauch und öffnete den Knopf ihrer Jeans. Dann zerrte er wie verrückt an der Jeans, bis er sie mitsamt der Unterhose bis auf die Oberschenkel heruntergezogen hatte, und starrte regungslos auf ihren nackten Hintern. Wie in Trance sah er, daß ihre weiße Unterhose ein hellblaues Blümchenmuster hatte.
Nach einer halben Ewigkeit, so kam es ihm jedenfalls vor, obwohl es in Wirklichkeit nur zwei oder drei Minuten gewesen waren, wurde er schlagartig nüchtern und begriff, was geschehen war. Was er getan hatte.
Er sprang auf und lief zu seinem Fahrrad zurück. Er sprang auf das Fahrrad und begann, wie ein Verrückter zu treten. Weg von hier, nur weg von hier.
Nach ein paar hundert Metern merkte er, daß er in die falsche Richtung gefahren war. Er hielt an, warf das Fahrrad beiseite, und erbrach sich in ein Gebüsch.
2.
Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er blickte sich atemlos um, aber es war kaum etwas zu erkennen. Das spärliche Licht der trüben Laternen wurde durch die dichte Vegetation fast völlig geschluckt. Hastig stolperte er von der aus großen Steinen aufgemauerten Uferkante die Böschung wieder nach oben. Von ihrem Körper war nichts mehr zu sehen. Außer dem leisen Gurgeln und Glucksen des Flusses war nur das Rascheln der Blätter im Wind zu hören.
Er klopfte sich die Hose sauber, das Jackett. Zum Glück war nichts zerrissen worden. Dann wischte er sich die Hände an seinem Taschentuch ab. Er versuchte, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Es war immer noch niemand zu sehen oder zu hören. Er war außer Atem. Der leblose Körper war schwerer als er gedacht hatte. Er wusste nicht, wieviele Meter er sie über den Waldboden geschleift hatte, vom Gebüsch neben dem Weg in Richtung Wasserlauf. Es war ihm unendlich weit vorgekommen. Er prüfte seine Fingernägel. Keiner war abgebrochen.
Nicht laufen, dachte er. Zügig gehen. Zügig gehen. Zügig gehen.
Er ging zügig. Er ging zügig zum Ausgang des Parks. Der Park schien kein Ende zu nehmen.
Nicht umsehen. Doch. Umsehen. Niemand war zu sehen. Er war völlig allein im Park.
Endlich. Der Ausgang. Das große Stahlgittertor lag aus den Angeln ausgehängt ein paar Meter neben dem Ausgang an die Wand des Kurhauses gelehnt. Das Kurhaus war vollkommen dunkel. Nur schemenhaft zu erkennen.
Auf der Straße war es leer. Kein Mensch war um diese Zeit mehr unterwegs. Das war gut. In dem gegenüberliegenden Restaurant brannte noch Licht. Gedämpfte Stimmen und das Klirren von Gläsern waren zu hören. Er bog nach rechts ab. Sein Atem war jetzt wieder ganz ruhig.
Vor dem kleinen Bahnhofsgebäude, über dem dunkel das Leuchtreklameschild der Deutschen Bahn hing, stand ein einsames Taxi. Schwarz. Eine E-Klasse. Der Fahrer hatte die Innenbeleuchtung angeschaltet und las in einem Taschenbuch.
Er öffnete die hintere rechte Tür und lies sich in den Wagen fallen. Der Fahrer sah sich um und steckte sein Buch in die Seitentasche der Fahrertür. »N’abend«, sagte er. Im Taxi roch es nach einem Duftstein. Eine undefinierbare Geruchsrichtung.
»Einmal nach Eutin«, sagte er ruhig. »Einmal Eutin«, antwortete der Fahrer, schaltete die Innenbeleuchtung aus und startete den Motor. »Und wo da?«
»Albertiweg«, hörte er sich sagen wollen, und schluckte das Wort im allerletzten Augenblick tonlos herunter. Das wäre ein verhängnisvoller Fehler gewesen. Fast.
Fast hätte er eine unübersehbare Fährte gelegt. ›Wie ist der Täter mitten in der Nacht vom Tatort weggekommen?‹ - ›Hatte er ein Auto nahe des Tatortes stehen? Oder hat er ein Taxi genommen?‹ - ›Ein Taxifahrer sagte aus, daß ein Mann, den er nur ungenau beschreiben könne, zum Albertiweg in Eutin gefahren habe, wenige Minuten nach der vermuteten Tatzeit.‹ - ›Albertiweg - dort gibt es genau sechs Häuser, wohlhabende Mittel- bis Oberschicht. Nur wenige Männer im passenden Alter. Bei einer Gegenüberstellung leicht wiederzuerkennen.‹
»Rembrandstraße«, sagte er. Von dort waren es gut zehn Minuten zu Fuß zu seinem Haus, und in der Rembrandstraße gab es zwölf große Wohnblocks, von denen jeder mindestens dreißig Wohnungen hatte.
Er saß wie zum Zerreissen angespannt auf der Rückbank des Taxis. Kunstledersitze. Warum haben Taxis immer Kunstledersitze, dachte er. Seine Finger umklammerten unauffällig den Türgriff.
Der Fahrer beschleunigte auf dem kurzen Stück Landstraße auf hundertzehn. Von Malente nach Eutin waren es ungefähr sechs Kilometer. Ein Auto kam ihnen entgegen. Die Scheinwerfer blendeten bläulich. Hinter dem Ortseingangsschild drosselte der Fahrer die Geschwindigkeit auf etwa achtzig. Fahr nicht so schnell, dachte er. Kein Aufsehen erregen. Oder erregt ein Taxi Aufsehen, das mitten in der Nacht fünfzig fährt?
Ein paar matt erleuchtete Schaufenster huschten vorbei. Ein paar Fußgänger. Ein anderes Taxi. Die Straßen waren so gut wie leer. Der Bahnhof. Hier war die Leuchtreklame der Bahn noch angeschaltet.
Er musterte den Fahrer. Ein Deutscher. Ende fünfzig vermutlich. Untersetzt und mit einem unübersehbarem Bauch, über dem sich der Sicherheitsgurt spannte. Er trug ein kariertes Hemd unter seiner abgewetzten Lederjacke.
Das Taxi näherte sich der Einmündung, von der die Rembrandstraße abging. »Sie können mich an der Ecke rauslassen«, sagte er. Als er sein Portemonnaie herausholte, knipste der Fahrer die Innenbeleuchtung an und drehte sich zu ihm um. Seine Hände waren vollkommen ruhig, als er das Geld herausnahm. Er gab es schnell dem Fahrer und sprang ohne ein weiteres Wort aus dem Wagen. Er ging die Rembrandtstraße herunter ohne sich umzusehen, bis er hörte, daß das Taxi gewendet hatte und weggefahren war. Hinter einigen Fenstern brannte noch Licht, aber auch hier war niemand mehr auf der Straße.
Dann schlug er den Weg ein, der zwischen zwei der Wohnblöcken hindurch zu der kleinen Treppe führte, von der aus er auf die Parallelstraße und dann endlich nach Hause kommen konnte.
3.
Die dunkle Wolkendecke, die am Himmel über dem Hotel Intermar hing, riss genau in diesem Augenblick auf, und die Sonnenstrahlen ließen die Wasseroberfläche hell glitzern.
Auf der Uferpromenade vor dem Anleger der »Fünf-Seen-Fahrt« hatten sich an diesem Sonnabendmorgen kurz nach neun etwa drei Dutzend Menschen versammelt und warteten auf das Ausflugsboot. Ein Trupp Rentner stand ein paar Meter abseits von den anderen, die Männer mit beigefarbigen Outdoorwesten und festem Schuhwerk uniformiert, die Frauen mit Kopftüchern und Schals und großen Umhängetaschen, in denen ausreichend Proviant für den ganzen Tag verstaut war. Sie hielten sorgsam Abstand zu einer Gruppe von zwei Familien, um die laut kreischend vier Kinder herumrannten.
Zwei der Kinder, zwei zehnjährige Jungs mit struppig gegelten strohblonden Haaren, tobten an dem Kassenhäuschen vor dem Bootsanleger vorbei zum Ende der Uferpromenade und ignorierten unbekümmert die hinter ihnen her gerufenen Ermahnungen ihrer Mütter.
An dieser Stelle mündete die Schwentine, nur wenige Meter breit, in den Dieksee, und genau in dem Moment, in dem die beiden Jungs atemlos das Geländer erreicht hatten mit dem die Promenade abschloss, trieb die Leiche aus dem Fluß um die Ecke und bog in einer eleganten Kurve in den See ein.
»Ey - cool!« kreischte der eine, drehte sich um und schrie in Richtung seiner Familie: »Da schwimmt ‘ne Frau im Wasser!«
Da das nicht die gewünschte Wirkung erzielte - es erzielte nämlich gar keine Wirkung - bekräftigte der andere ihn, noch etwas lauter: »Da schwimmt ‘ne tote Frau im Wasser!«
Die Leiche wippte bäuchlings auf den Wellen, der Kopf war weit ins Wasser eingetaucht und wurde von langen blonden Haaren verdeckt. Man sah eigentlich nur einen Rücken, mit einem knallroten Pullover bekleidet, was dem ganzen eine leicht theatralische Note verlieh, und Beine, die in einer engen Jeans steckten, die im trockenen Zustand wahrscheinlich hellblau gewesen war.
Aber es handelte sich unübersehbar um eine Frau, eine junge Frau, schlank, groß, und ganz offensichtlich war sie tot.
Die Strömung trieb den leblosen Körper mit zügiger Fußgängergeschwindigkeit parallel zum Ufer an der Promenade entlang. Er hob sich schemenhaft von den im grellen Sonnenlicht glitzernden Wellen ab. Dann schob sich wieder eine dicke dunkelgraue Wolke vor die Sonne, das Glitzern erstarb, und die Tote auf dem Wasser sah nur noch trostlos aus.
Die beiden Jungs liefen auf Höhe der Leiche mit und kreischten aufgeregt »Mama! Papa! Mama! Die ist ermordet worden!«.
Die Rentnergruppe teilte sich wie auf ein Kommando, die Frauen wichen ein paar Meter landeinwärts zurück, während die Männer sich vorsichtig der Uferkante näherten. »Man muß sie herausholen«, sagte ein hochgewachsener Weißhaariger und fuchtelte mit seinem Spazierstock in Richtung Wasser. »Wo ist die Polizei?« rief ein anderer. »Wo ist die Polizei? Man muß die Polizei rufen!«
Aus der Gruppe der Jüngeren, die jetzt auch zur Uferkante drängte, löste sich einer der Männer und zog sein Handy aus der Jackentasche. Er begann die Szenerie zu filmen. »Hast du einen Knall?« giftete seine Begleiterin ihn an. »Was machst du da? Hör auf damit!«
»Die ist ermordet! Das kommt auf Youtube!« schrie einer der beiden Jungs. Seine Mutter packte ihn von hinten am Kragen seiner Jacke und zerrte ihn vom Ufer weg.
Die Leiche hatte mittlerweile den in den See hinausragenden Vorbau des Restaurants passiert, das neben dem Bootsanleger lag, und blieb an einem hölzernen Ponton hängen, der etwa zehn Meter vom Ufer entfernt auf dem See verankert war und auf dem drei lebensgroße schwarz-weiß gefleckte Plastikkühe standen.
Neun Minuten später hielt das erste Polizeiauto auf der Uferpromenade. Die Traube der Schaulustigen war inzwischen auf etwa zweihundert Menschen angewachsen, was auch daran lag, daß jetzt immer mehr Fahrgäste des Fünf-Seen-Fahrt-Bootes zum Anleger kamen. »Man muß sie herausholen!« rief der hochgewachsene Weißhaarige. »Sie gehen jetzt mal alle zurück!« sagte einer der beiden Polizeibeamten und setzte seine Mütze auf. »Gehen Sie jetzt mal alle zurück!« Von der Hauptstraße her hörte man eine zweite Polizeisirene, dann eine dritte.
Als eine dreiviertel Stunde später die Beamten des Kriminaldauerdienstes aus Lübeck fast in der selben Minute an der Diekseepromenade eintrafen wie die Taucher der Bereitschaftspolizei aus Eutin mit ihrem Schlauchboot, lag die Tote seit ein paar Minuten endlich, unter einer Notfalldecke aus Alufolie verborgen, an Land. Der Versuch sie aus dem Wasser zu holen hatte einen Bootshaken, eine Polizeimütze und ein mit Wasser vollgeschlagenes Ruderboot des benachbarten Bootsverleihers gekostet. Eine der schwarz-weiß gefleckten Plastikkühe war von ihrem Ponton gekippt und trieb auf der Seite liegend immer weiter auf den See hinaus.
4.
Zur selben Zeit, als am Schiffsanleger am Dieksee die Beamten der Polizeistation Malente mit Unterstützung einiger aus Eutin herbeigeeilter Kollegen damit kämpften, die im See treibende Leiche ans Ufer zu bringen, zog Paul Brennecke die Tür seines Zimmers hinter sich zu und drehte sorgsam zweimal den Schlüssel im Schloss herum.
Wie an jedem Morgen ging er nicht gleich zur Treppe, die ins Erdgeschoss und zum Frühstücksraum führte, sondern trat an das Fenster am Ende des Korridors, schob die vergilbte Spitzengardine beiseite und blickte über die Anlagen des Kurparks hinüber zum See. Das war ein Ritual für den Tagesanfang. Das Wetter war schlecht für eine dritte Woche im Juli. Graue Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, und die Blätter der Bäume im Park verrieten, daß es windig war. Der Kurpark war, fand er, in einer Weise verwildert und ungepflegt, die der Bezeichnung Kurpark Hohn sprach.
Brennecke verstaute den Zimmerschlüssel in der kleinen Tasche seiner Anzugweste, die eigentlich dafür gedacht war, eine altmodische Taschenuhr aufzunehmen. Dann ging er die breite, knarrende Holztreppe hinunter. Der abgewetzte rot-blau gemusterte Treppenläufer vermittelte ein Gefühl altmodischer Gemütlichkeit. An den Wänden wechselten sich Bilderrahmen mit vergilbten Fotos des Malente von 1920 und 1960 mit Kupferstichen der Nachbarstadt Eutin aus einer Zeit ab, als dort noch Herder, Klopstock oder Carl Maria von Weber ein und aus gingen. Eine Etage unter sich hörte er Else Bosinski keifen.
Else Bosinski zählte mit ihrem Gatten Siegfried zu den Stammgästen der Pension Haus Luisenhain. Sie kamen aus den Ruhrgebiet, das war nicht zu überhören. Tiefstes Ruhrgebiet. Gelsenkirchen, tippte Brennecke, der von Berufs wegen oft genug mit Dialekten zu tun gehabt hatte. Dialekte und landsmannschaftliche Klangfarben waren ein wichtiges Moment in der Personenbeschreibung durch Zeugen. Wenn diese Zeugen die Person, die sie beschreiben sollten, denn reden gehört hatten.
Das Kennzeichen ihres alten Ford Taunus lautete BOT für Bottrop, AL 109. Braunmetallic, schwarzes Vinyldach, vier Türen, Model 1981, 1,6 GL. Ein Aufkleber mit dem nordrheinwestfälischen Landeswappen, links eine weiße Welle auf grünem Grund, rechts ein aufsteigendes weißes Pferd auf rotem Grund, verdeckte einen Rostfleck auf dem Wagenheck zehn Zentimeter neben der rechten Rückleuchte. Dieser Rostfleck, so meinte Paul Brennecke beobachtet zu haben, war in den letzten sechs Jahren von Jahr zu Jahr ein Stück größer geworden. Links unten auf der Heckscheibe klebte aus ihm nicht bekannten Gründen ein Aufkleber in Form eines miniaturisierten Ortseingangsschildes: Gürzenich.
Genaues Beobachten und präzise Wiedergabe der Beobachtungen waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen, das verlor sich nicht mehr. Es war, fand er, auch ein besseres Training für die kleinen grauen Zellen als Sodokurätsel.
Paul Brennecke war über vierzig Jahre lang bei der Polizei gewesen, den längsten Teil davon bei der Kriminalpolizei. Schleswig, Rendsburg, Kiel. Am längsten: Kiel. Eutin und damit auch Malente kannte er natürlich aus seiner Zeit in der Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei. Die war seinerzeit, also 1956 und 1957, noch militärisch kaserniert gewesen, und auch die Ausbildung der jungen Polizeianwärter erinnerte mehr an eine militärische Grundausbildung. Ein- oder zweimal im Monat hatten sie Ausgang bekommen, und waren in ein Tanzcafé in der Kurstadt Bad Malente gefahren. Dort hatte er auch kurz vor Ende der Grundausbildung seine Frau kennengelernt, und irgendwie war es wohl auch das gewesen, das ihn vor ein paar Jahren zurück an diesen Ort gezogen hatte, nachdem seine Frau gestorben war.
Seitdem lebte der Kriminaloberkommissar a.D. Paul Brennecke, 75, als Dauergast in der Pension Haus Luisenhain, in der die Pensionswirtin Edeltraut von Hassenried ein etwas aus der Zeit gefallenes Regiment führte.
Befriedigt blickte Brennecke auf den Tisch des Frühstücksbuffets, auf dem die Marmeladentöpfchen genau wie die Brotscheiben mit militärischer Präzision ausgerichtet waren. Edeltraut von Hassenried begrüßte ihn, wie an jedem Morgen, mit einem höflich distanzierten »Guten Morgen, Herr Kommissar!«
Else Bosinski zerstörte nur eine Sekunde später die Präzision, als sie sich einen Hügel Erdbeermarmelade auf den Teller schaufelte, der ausgereicht hätte, wenigstens vier Brötchenhälften mit einer zentimeterdicken Schicht zu bedecken. Es folgten etliche Wurst- und Käsescheiben, und zum Abschluss griff Else Bosinski noch in den Korb, in dem in Stoffservietten verpackt die weich gekochten Eier warmgehalten wurden. Wie macht sie das nur, wunderte sich Brennecke, wie an jedem Morgen, daß das Buffet aussieht wie nach einem Bombenangriff, nachdem sie sich ihren Teller vollgeladen hat.
Edeltraut von Hassenried entschwand durch die Verbindungstür zwischen Speisesaal und Küche. Eine Minute später erschien Kasia, rückte die Marmeladentöpfchen wieder zurecht, stellte die Symmetrie auf den Aufschnittplatten wieder her und bedeckte die übrig gebliebenen Eier sorgfältig wieder mit den Servietten.
Kasia Wrczyniwsky. Zweiundzwanzig Jahre alte Polin aus Przemysl am Rande der Karpaten im südöstlichsten Zipfel des Landes, blond, mit einem beachtlichen Busen unter ihrer weißen gestärkten Bluse. Kasia hatte Paul Brennecke sofort in ihr Herz geschlossen, weil er der erste Mensch in diesem Land war, der sich ihren Namen auf Anhieb merken und richtig aussprechen und sogar richtig buchstabieren konnte. Sie war Zimmermädchen, Serviererin, Gartenhilfe und Putzfrau in einem. Schlecht bezahlt, mit einem Arbeitstag, der frühmorgens um sechs anfing und abends selten vor halb zehn zu Ende ging. Am Sonntag einen halben Tag Ausgang für die Kirche, dachte Brennecke bitter. Ganz richtig war das nicht, Kasia Wrczyniwsky hatte einen Tag in der Woche frei, den ganzen Montag, es sei denn, es wäre am Montag morgen noch eines der Pensionszimmer für neue Gäste herzurichten gewesen. Manchmal holte sie ihr Freund ab, Seweryn, ein Pole mit protziger goldener Uhr am Handgelenk und einem schwarzen VW Touareg mit verspiegelten Scheiben.
»Ein Gangster«, hatte er zu Margarete Bohnekamp gesagt, wie die beiden einmal zufällig vor der Pension standen, als Seweryn Prowalzyk die junge Frau abholte. »Ich kenne diesen Typ. Der ist überall gleich. In allen Ländern, zu allen Zeiten. Ein kleiner Gangster.« Zu Kasia hätte er das nie gesagt. Er wußte, wie verliebt sie ihren Freund anschaute, wenn er sie am Montagabend vor der Pension absetzte. Oder manchmal auch während der Woche, spät in der Nacht, und sie sich leise und heimlich in ihr Zimmerchen ganz oben unter dem Dach der alten Jugendstilvilla schlich.
Paul Brennecke hatte sich die polnische Autonummer des Touareg notiert. Alte Gewohnheit.
»Ja, guck du nur!« giftete Else Bosinski ihren Gatten an. Der hatte, wie an jedem Morgen, der jungen Polin ein paar lange, gierige Blicke gewidmet. Besser gesagt: ihren körperlichen Reizen, die von der altmodischen Hausmädchenaufmachung mit schwarzem Rock, weißer Bluse und weiße Schürze noch unterstrichen wurden.
Paul Brennecke empfand für Kasia eher großväterliche Gefühle.
»Einen wunderschönen guten Morgen!« hörte er in seinem Rücken die energische Stimme von Margarete Bohnekamp. Gefolgt von einem gezwitscherten »Guten Mo-horgen!« Das war Mechthild Kurz-Jahns. Brennecke rückte mit seinem Stuhl ein Stück zur Seite. Margarete und Mechthild saßen seit drei Jahren stets mit ihm zusammen am Tisch. Sie kamen jedes Jahr im Juli und August für sechs Wochen in die Holsteinische Schweiz. Zwei muntere Rentnerinnen, Margarete neunundsechzig, Mechthild achtundsechzig Jahre alt.
Sie wanderten, bei jedem Wetter. Ein paar mal hatte sich Paul Brennecke darauf eingelassen, die beiden zu begleiten, aber er hatte schnell begriffen, daß es sich bei ihren Ausflügen nicht um gemütliche Spaziergänge handelte, sondern um Wandertouren, bei denen schon einmal zwanzig oder fünfundzwanzig Kilometer zurückzulegen waren.
Neben Brenneckes Schulter erschien ein Teller in seinem Blickfeld. Eine Scheibchen helles Knäckebrot, ein Näpfchen verpackter Margarine, ein Kleckschen Aprikosenmarmelade.
Friedeman Ohmsen. Zuverlässig in seinen Gewohnheiten wie ein Schweizer Privatbankier, dachte Brennecke. Oder wie sein Vater. Beamter in der Registratur des Landkreises Oldenburg in Holstein von 1928 bis 1973, unterbrochen nicht einmal durch den Krieg. Die größte Veränderung im Leben seines Vaters war 1970 die Zusammenlegung des Kreises Oldenburg mit dem Kreis Eutin gewesen. Die daraus folgende Unordnung in seinen Lebensverhältnissen hätte Otto Brennecke beinahe in die vorzeitige Pensionierung getrieben.
»Herr Ohmsen ist uns gestern am Selenter See begegnet«, sagte Margarete Bohnekamp. Wie kommt ein Mensch nur auf die Idee, von Malente aus zu Fuß zum Selenter See zu marschieren, dachte Brennecke, murmelte aber nur knapp etwas wie »Ah ja«.
»Gavia adamsii«, nickte Ohmsen zustimmend. »Der Gelbschnabeltaucher. Aus der Gattung der Seetaucher. Im vergangenen Jahr gab es Meldungen aus dem Bereich des Selenter Sees.«
»Und wo geht es heute denn hin?«, fragte Brennecke schnell in Richtung von Margarete und Mechthild. Stoppte man Ohmsen nicht sofort wieder, dann war einem ein umfassender ornithologischer Vortrag für die restliche Dauer des Frühstücks sicher .
»Wir fahren in die Stadt. Einkaufen.«
»Die Stadt«, das war für Margarete Bohnekamp und Mechthild Kurz-Jahns Eutin. Einmal in der Woche fuhren die beiden mit dem Bus nach Eutin und kehrten mit einer bemerkenswerten Ladung an Keksen und Knabbergebäck zurück, die sie für ihre abendlichen Fernsehstunden im »Salon« der Pension benötigten.
Also kam er doch noch in den Genuss eines erschöpfenden Vortrags über den Gelbschnabeltaucher und sein Nahrungs-, Fortpflanzung- und Brutverhalten.
Kurz vor zehn kam Sina Grumbach in den Frühstücksraum. Edeltraut von Hassenried, die wie jeden Morgen während der Frühstückszeit an einem kleinen Tischchen neben der Tür zur Eingangshalle saß und die Zeitung las, warf der jungen Frau einen tadelnden Blick zu und sagte: »Frühstück gibt es von acht bis zehn.«
Die Grumbach, mit Shorts, T-Shirt und dünnen Plastiksandalen bekleidet, was allein schon gereicht hätte, um das Mißfallen von Edeltraut von Hassenried zu erwecken, antwortete nicht darauf, schnappte sich eine der Kaffeekannen, stellte fest, daß die leer war, nahm die nächste Kanne, die ebenfalls leer war, und sah sich dann um. Kasia, die gerade anfangen wollte, das Buffet abzuräumen, nahm die Kanne und sagte mit ihren starken polnischen Akzent: »Ich bring dir neu.« Sina Grumbach nutzte die Gelegenheit, sich am Buffet schnell ein Frühstück zusammenzusuchen.
Siegfried Bosinski, dessen Blick sich an den Shorts von Sina Grumbach festgesaugt hatte, sah schnell in eine andere Richtung, als seine Frau ihn anfuhr. »Hast du noch nicht genug geguckt?«
»Na, Kindchen«, drehte sich Margarete Bohnekamp zum Buffet hinüber, »müssen Sie heute nicht arbeiten?« Sie nannte alle jungen Frauen »Kindchen«.
»Spätschicht«, murmelte Sina Grumbach, und schnappte sich die Zeitung, die Edeltraut von Hassenried gerade beiseite gelegt hatte, so sorgfältig zusammengelegt und glattgestrichen, als wäre sie noch nie aufgeblättert worden. Schade, dachte Paul Brennecke. Aber er wollte sowieso einen Spaziergang zum See herunter machen, solange das Wetter noch halbwegs trocken war.
Die Heisemann ist gar nicht zum Frühstück gekommen, dachte er. Auch eine junge attraktive Frau, wie die Grumbach. Die beiden arbeiteten in den Semesterferien als Aushilfskellnerinnen, die Heisemann in einem gutbürgerlichen Speiselokal mit dem Namen Am Kurpark, wo am Sonntagmittag Kurgäste und Ausflügler in zwei Schichten mit dem abgefüttert wurden, was sie für typisch Holsteiner Küche hielten, die Grumbach im Restaurant des ersten Hotels am Platze. Soweit er es aus den Unterhaltungen der beiden Frauen im Frühstücksraum mitbekommen hatte, wartete die Heisemann auf ihre Zulassung zum Medizinstudium, während die Grumbach irgendetwas naturwissenschaftliches an der Kieler Universität studierte.
Edeltraut von Hassenried verließ nach einem kritischen letzten Blick in die Runde den Frühstücksraum. Das war das Zeichen für Kasia, die Tische abzuräumen. Sie zögerte für einen kurzen Moment, und dann räumte sie auch das unbenutzte Frühstücksgedeck ab, das für Karen Heisemann gedacht gewesen war.
5.
29.Juli 1983. Freitag.
Björn Marzen hatte die ganze Nacht angezogen und wach auf dem Bett gelegen. Es war gegen halb drei Uhr morgens gewesen, als er sich leise in sein Elternhaus schlich. Er konnte sein Zimmer, das im Souterrain zum Garten lag, durch den Hintereingang erreichen, so daß seine Eltern oben im Schlafzimmer nicht hörten, wie er nach Hause kam.
Das Geschehene kreiselte unaufhörlich in seinen Gedanken. Er hatte sie umgebracht. Er hatte sie nicht umbringen wollen, nichts weniger als das, es war ein Mißverständnis gewesen, er hatte gedacht, sie wollte, daß er sie küssen würde, aber dann hatte sie sich gewehrt. Am liebsten hätte er alles ungeschehen gemacht, die Zeit zurückgedreht, sie gar nicht erst mitgenommen, nein, doch, sie mitgenommen, aber einfach abgesetzt, »Tschüss, schlaf gut, bis irgendwann dann«.
Wo vor ein paar Stunden noch seine brennende Verliebtheit für Christine Ventz gewesen war, war jetzt nur noch eine Leerstelle, ein großes tiefes schwarzes Loch. Es hatte Chrissi in seinem Leben nie gegeben. »Chrissi? Ja, doch, kenne ich, vom sehen, aus dem ›Dark‹ und aus dem ›Fluppdupp‹, hab ein paar mal mit ihr gesprochen, glaube ich, irgendein Mädel aus der Szene eben...«
Ein Gefühl von Scham überwucherte alles. Ein cooles Mädchen wie Chrissi anbaggern und dann handgreiflich werden, weil sie zu schreien beginnt, weil man sie zu vergewaltigen versucht, das war peinlich. Mehr noch als alles andere war es unendlich peinlich.
Es war ein Unfall gewesen, aber das machte es nicht weniger peinlich. Er hatte doch nur gewollt, daß sie nicht die ganze Gegend zusammenschrie, »Hey, entschuldige - alles ein Mißverständnis!« Kein Grund zur Aufregung.
Er blieb wie starr auf seinem Bett liegen, als er gegen sieben Uhr morgens seinen Vater in der Küche herumklappern hörte. Seine Mutter schnatterte irgendetwas auf dem Flur, dann wurde es wieder still.
Er hatte eine Vorlesung um elf, es war Zeit aufzustehen und zum Bahnhof zu gehen. Fast entwischte er seiner Mutter. »Willst du denn kein Frühstück? Du musst doch etwas essen!«
Warum meinten Mütter nur immer, man müsse etwas essen. Er hätte keinen einzigen Bissen heruntergekriegt. Er trank einen halben Becher Kaffee, selbst den bekam er kaum herunter, dann schnappte er sich seine Sachen und schlich sich aus dem Haus.
Der Weg zu Fuß zum Bahnhof dauerte etwa zwanzig Minuten, wenn man auf dem kürzesten Weg ging. Aber Björn Marzen schlug, ohne es sich bewusst zu machen, einen Umweg ein, der ihn durch kleine Straßen führte, in denen wenig Autos fuhren und wenige Fußgänger unterwegs waren. Am Bahnhof angekommen kaufte er eine Fahrkarte nach Kiel und stellte sich hinter eine der gußeisernen Säulen der Bahnsteigüberdachung. Das war natürlich Quatsch, aber er wurde das Gefühl nicht los, daß jeder ihm ansehen konnte, was in der vergangenen Nacht passiert war.
Erst im Zug ließ die Spannung nach, und als er in Kiel den Hauptbahnhof verließ, war er zum ersten Mal seit der letzten Nacht wieder fast völlig ruhig. Hier in Kiel kannte ihn niemand, gab es niemanden, der ihn vielleicht doch in der Nacht gesehen haben konnte. Ob man den toten Körper von Christine Ventz schon gefunden hatte? Es würde frühestens morgen in den Zeitungen stehen, und nichts in der Welt würde ihn dazu bringen können, selbst in die Nähe des Ortes zu gehen, wo alles passiert war, um zu sehen, ob dort die Polizei nach Spuren suchte, nachdem man die Leiche gefunden hatte.
Als ihm am Nachmittag an der Uni ein Kommilitone plötzlich laut zurief »Hey, du machst ja Sachen!«, da erschrak er fast zu Tode. Doch der Student meinte die letzte Statikklausur, die er in den Sand gesetzt hatte.
Gegen vier fuhr er zurück nach Eutin und wurde mit jedem Kilometer, den der Zug zurücklegte, nervöser. Er ging auf Schleichwegen zur Autowerkstatt, um seinen Wagen abzuholen, und an jeder Straßenkreuzung erwartete er, ein paar Polizeiautos auftauchen zu sehen, aus denen Polizisten sprangen, die gekommen waren, ihn zu holen.
Am Sonnabend stand ein großer Bericht in der Lokalzeitung: Mädchenmord in Eutin. Ein Spaziergänger hatte die tote Christine Ventz im Gebüsch liegend gefunden. Die ganze Stadt sprach ein paar Tage nur über den Mord.
Er machte einen großen Bogen um das After Dark, weil er Angst hatte, daß irgendjemand ihn dort auf Chrissi ansprechen würde, und tatsächlich befragte die Kriminalpolizei etliche Gäste der Kneipe zu dem Donnerstagabend, an dem Christine Ventz kurz vor ihrem Tod noch im »Dark« gesehen worden war.
Die nächsten Tage schwankte er zwischen Fluchtinstinkt - einfach ein paar Sachen packen, alles Geld zusammenraffen, an das er herankommen konnte, und irgendwohin ins Ausland fliehen - und Sich-tot-stellen. Stundenlang saß er in seinem Zimmer und versuchte, sich auf seine Bücher zu konzentrieren, Statik, Baustoffkunde, Bauvorschriften. Wie gut, dachte er bitter, daß er so unauffällig war, und daß ihn die anderen eigentlich nie wirklich als wichtig wahrgenommen hatten. Niemand brachte ihn mit Christine Ventz in Verbindung, niemand befragte ihn, obwohl er doch auch an jenem Abend im After Dark gewesen war. Christine Ventz, so stand es in der Zeitung, habe die Szenekneipe kurz vor der Polizeistunde allein verlassen und sei danach nicht mehr gesehen worden.
Mit der Zeit wurde er ruhiger, er erschrak nicht mehr, wenn ein Polizeiauto auf der Straße vorbeifuhr, nicht mehr, wenn es plötzlich an der Haustür klingelte.
Als er endlich wieder im After Dark auftauchte, nach mehr als vier Wochen, war Christine Ventz dort schon kein Thema mehr. Erstaunlich, dachte er, wie schnell ein Mensch vergessen wird. Und erstaunlich, daß ihn niemand fragte, wo er die letzte Zeit denn gewesen sei. Offensichtlich hatte niemand bemerkt, daß er wochenlang nicht wie sonst fast an jedem zweiten Abend ins »Dark« gekommen war.
Um die Straßen am Beuthiner Gehölz machte er einen großen Bogen. Einmal, als er seine Mutter zu ihrer Fußpflegerin fahren sollte, erfand er eine abstruse Ausrede, einen großen Umweg zu fahren, nur um nicht über die Straße fahren zu müssen, auf der er in jener Donnerstagnacht Chrissi auf dem Gepäckträger seines Fahrrades mitgenommen hatte.
6.
Früher war diese Parkanlage liebevoll gepflegt wie ein königlicher Schlossgarten des vorigen Jahrhunderts, dachte Paul Brennecke. Er registrierte mißmutig den bemosten Sichtbeton an der Rückwand der Liegehalle. Im Vorbeigehen warf er einen Blick durch die große Fensterfront. Die meisten Liegen waren leer. Von hinten hörte er eine Gruppe Jogger heranschnaufen und trat vorsichtshalber an den Rand des Kiesweges.
Die Jogger stampften in einer Schweiß- und Deodorantwolke an ihm vorbei, vorweg ein drahtiger junger Mann in blauem Trainingsanzug, der ein Stück vor der Gruppe lief und sich immer wieder umwandte. Ihm folgte ein knappes Dutzend älterer Läufer, die meisten Frauen.
Brennecke verließ den Kurpark durch den Haupteingang neben dem »Haus des Kurgastes« und kam sich ein wenig so vor, als sei er dem Dschungel entronnen. Für die Stadtverwaltung war es vermutlich ein willkommenes Alibi, unter dem Vorwand des Naturschutzes Bäume und Büsche im Park einfach vor sich hin wuchern zu lassen. Auch so ließ sich Geld sparen.
Er marschierte am Bahnhof vorbei und betrat den kleinen Andenkenladen in einem der niedrigen Häuser in der Haupteinkaufsstraße von Malente. Der Laden wie die ganze Umgebung drumherum verströmten einen nostalgischen Charme, der an die Sechziger und Siebziger Jahre erinnerte. Brennecke griff an dem Drehständer mit den ausgeblichenen und farbstichigen Ansichtspostkarten vorbei zum Stapel mit den Lübecker Nachrichten. Die Bankenkrise beherrschte immer noch die Schlagzeilen.
Während er wartete, daß das ältere Ehepaar vor ihm umständlich einen Packen Postkarten und die Briefmarken, die die Verkäuferin einzeln vorzählte, in einer etwas zu knapp bemessenen Papiertüte unterbrachte, zählte er die handgeschnitzten und handbemalten Miniaturfischerboote im Regal neben der Kasse. Vermutlich stammten sie noch aus einer Zeit, in der Souvenirs noch Andenken genannt und nicht im Fernen Osten von fleißigen Asiatenhänden am Fließband produziert wurden. Jedenfalls waren sie von einer ordentlichen Staubschicht überzogen. Im Regalfach darunter standen geschnitzte Fischer in Reih und Glied, ordnungsgemäß mit Fischermütze, Fischerhemd, die Hände in den Hosentaschen und die Pfeife im Mund. Neun Fischer, und zwölf Fischerboote.
Fischer schienen besser zu gehen, dachte Brennecke, was vielleicht auch daran liegen mochte, daß sie leichter zu entstauben waren.
Vor der Ladentür faltete er seine Zeitung sorgfältig zuerst quer und dann längs, und warf einen kritischen Blick zum Himmel. Dort trieb eine frische Brise immer wieder dunkelgraue Wolken vor die Sonne, und nur an wenigen Stellen blitzte es sommerlich blau. Es war eindeutig zu kalt für einen Hochsommer. Während Paul Brennecke noch überlegte, ob er es riskieren sollte, sich mit seiner Zeitung auf eine Bank unten an der Uferpromenade zu setzen, preschte mit hochtourigem Motor ein dunkelblauer VW Passat mit Lübecker Kennzeichen an ihm vorbei. Etwas zu schnell für die Hauptstraße im sonnabendlichen Vormittagstrubel. Brennecke sah das aufsteckbare Blaulicht auf der rechten Dachseite, den »Kojak«, wie er unter Polizisten oft genannt wurde. Dem Passat folgte ein VW Transporter, auch er mit aufgeklemmten Blaulicht auf dem Dach und dem SH-Kennzeichen, das alle Fahrzeuge der Polizei im Land seit einigen Jahren führten, die nicht als Zivilstreifenfahrzeuge mit einem normalen Kennzeichen getarnt waren.
Die beiden Fahrzeuge bogen sehr rasant in die kleine Straße ein, die hinunter zur Uferpromenade führte. Wie ein Schaulustiger, dachte Brennecke. Dann gab er sich einen Ruck und ging mit zügigen Schritten über den Parkplatz auf der anderen Straßenseite zur Uferpromenade herunter. Er war sich sehr sicher, daß der Transporter der Mordbereitschaftswagen seiner früheren Lübecker Kollegen war. Das »Mordauto«, wie es bei der Polizei auch genannt wurde.
Ein etwa fünfzig Meter langer Bereich der Uferpromenade am Dieksee war abgesperrt wurden. Ein uniformierter Polizist scheuchte die Schaulustigen beiseite, als die beiden Fahrzeuge bis an den Bootsanleger fuhren. Drei Streifenwagen standen bereits unten auf der Promenade, dazu ein grünweißer Mercedes-Bus der Eutiner Bereitschaftspolizei, ein Gerätewagen, der Bootsanhänger der Taucherstaffel, ein Mercedes Geländewagen. Großes Programm, dachte er. Wie oft hatte er das in seinem Polizistenleben wohl mitgemacht? Zweihundert mal? Dreihundert mal? Es gab im ganzen Bundesland Schleswig-Holstein etwa fünfzig bis siebzig vorsätzliche Tötungsdelikte im Jahr, Zahlen, die sich übrigens seit Jahrzehnten nicht geändert hatten, und vier Staatsanwaltschaften, die für ihre Aufklärung zuständig waren und denen die Kriminalpolizei zuarbeitete. Paul Brennecke hatte die letzten sechsundzwanzig Jahre seiner Dienstzeit im Dezernat für Todesermittlungen bei der damaligen Kieler Kriminalpolizeidirektion gearbeitet und war Mitglied von unzähligen Mordkommissionen gewesen.
Brennecke schritt langsam den Weg zur Uferpromenade hinunter, bis er auf eine Mauer aus Neugierigen stieß, die sich vor dem rotweißen Absperrband angesammelt hatten. Jetzt bin ich genau wie die, dachte er, die ich mein ganzes Berufsleben lang verachtet habe. Ein Schaulustiger.
Wie üblich blühten unter den Herumstehenden schon die wildesten Theorien. Eine Frauenleiche, nein, zwei Leichen seien es gewesen, und im Kurpark soll noch eine dritte Leiche liegen. Das waren bestimmt die Ausländer, die Türken, nein, die Russen, die sind ja viel schlimmer, nein, ich sage nur - Albaner. Die Polizei tut nichts, die Polizei ist unfähig, alle aufhängen sollte man die.
Immerhin, dachte er, kommt heute kaum noch jemand auf die Idee, einen Spruch loszulassen »Früher wäre das nicht passiert!« Diejenigen, die dieses »früher« noch erlebt hatten, waren inzwischen fast alle tot. Brennecke konnte sich noch gut an die Bombennächte des Jahres 1944 in Kiel erinnern. Damals war er ein achtjähriger Schuljunge gewesen, der mit seiner Mutter mehr als eine Nacht in einem Luftschutzbunker verbracht hatte. Merkwürdig, daß diese Erinnerungen in den letzten Jahren immer häufiger zurückkamen.
Ein unsanfter, harter Stoß gegen den Arm riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Pressefotograf drängte sich durch die Menschen bis zur Absperrung.
Das Thema der heutigen Abendunterhaltung mit Mechthild Kurz-Jahns und Margarete Bohnekamp stand damit fest, soviel war sicher. Sonst ließen sich die beiden von ihm gern die Fehler und Ungereimtheiten im abendlichen Fernsehkrimi erklären, aber ein echter Todesfall fast vor der Haustür war natürlich um Längen interessanter.
Ein Leichenwagen bahnte sich mühsam den Weg durch die Schaulustigen. Das hat sich geändert, dachte Brennecke. Früher machten alle Platz, wenn der Leichenwagen am Fundort eines Toten erschien und der leblose Körper in einen Blechsarg gehoben wurde, mehr wohl aus Verlegenheit als aus Pietät.
Eine Wasserleiche, das ließ sich aus der Anwesenheit der Eutiner Polizeitaucher jedenfalls schließen. Ermordet? Das war eine laienhafte Frage in den Augen des Kriminaloberkommissars a.D. Paul Brennecke. Auch wenn es völlig vergeblich war, das einem Laien zu erklären. »Zunächst ist es ein Todesfall«, hatte er Mechthild Kurz-Jahns und Margarete Bohnekamp einmal erklärt, nachdem sie gemeinsam eine besonders unsinnige Folge der Fernsehreihe Tatort angeschaut hatten. »Als erstes wird geklärt, ob es ein natürlicher Tod war, oder ein unnatürlicher, oder die Todesursache unklar ist. Ist es kein natürlicher Tod, muß geklärt werden, ob ein Fremdverschulden vorliegen könnte. Liegt ein Fremdverschulden vor, beginnen die Ermittlungen, ob es sich um ein fahrlässiges oder vorsätzliches Tötungsdelikt handelt.«
»Aber wenn es vorsätzlich war«, hatte Margarete Bohnekamp gesagt, »dann ist es Mord.«
»Nein«, hatte Brennecke entgegnet. »Vorsätzliche Tötung kann sowohl Tötung auf Verlangen sein, als auch Totschlag, oder auch Mord. Ob es ein Mord ist, hängt von den Umständen der Tatbegehung ab. Und das stellt sich häufig erst im Laufe der Ermittlungen heraus, und am Ende liegt es am Gericht, ob etwas zum Beispiel als Totschlag oder als Mord bestraft wird. Wir Polizisten suchen keinen Mörder, wir suchen einen Täter. Und die Leitung der Ermittlungsverfahren liegt nicht bei der Polizei, sondern bei der Staatsanwaltschaft. Wir Polizisten sind nur Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft. Ja, so heißt das sogar wörtlich.«
Wasserleichen waren unangenehm. Ihr Zustand, das wusste Paul Brennecke aus leidvoller Erfahrung, war häufig recht ekelerregend. Für seine Kollegen, die inzwischen damit beschäftigt waren, die Uferböschung zwischen Bootsanleger und Schwentinemündung und entlang des Schwentineufers nach Spuren abzusuchen, hoffte er, daß der Leichnam nicht zu lange im Wasser gelegen hatte.
Auf der Straße oberhalb der Uferpromenade hielten vier weitere grünweiße Mercedes-Busse der Bereitschaftspolizei. Brennecke wusste, was jetzt kam. Man würde den gesamten Uferbereich Meter für Meter akribisch nach Spuren absuchen, um festzustellen, ob die Frau - es schien sich ja um eine Frau zu handeln, wenn man den Schaulustigen glauben durfte - vom Ufer ins Wasser gestürzt oder gerutscht war, ob es Spuren eines Kampfes gab, ob sie ins Wasser gezogen oder gerollt worden war.
Die meisten Todesfälle, dachte Brennecke, als er sich umdrehte, um zurück in die Innenstadt zu gehen, werden zum Glück schnell aufgeklärt. Und nur sehr wenige Tötungsdelikte bleiben längere Zeit ungeklärt. Er selbst hatte in seiner Zeit als Ermittler nur drei Tötungsdelikte erlebt, die nie aufgeklärt werden konnten und bis heute ungesühnt waren.
7.
Sina Grumbach schritt mit einem aufreizendem Hüftschwung vor ihm her und blickte sich immer wieder auffordernd lächelnd zu ihm um. Sina Grumbach war bis auf ihre dünnen gelben Plastiksandalen nackt.
Sie ging vor ihm durch den langen Gang des Luftschutzbunkers. Neben jeder Stahltür war mit weißer Farbe eine Aufschrift auf den Beton gemalt. Raum F, 24 Personen. Raum G, 24 Personen.
