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Jeder im 3. Polizeirevier, der nicht in den letzten drei Monaten längere Zeit im Urlaub, auf Schulung oder dienstunfähig gewesen ist, kennt Gabriele Wilhelmi, Sekretärin des Abteilungsleiters Spedition & Logistik von »Brömme, Canisius & Cie Im- und Export und Schiffsmakler GmbH«, alleinstehend, seit 21 Jahren geschieden, keine Kinder, seit ihrer Scheidung wohnhaft in einer 3-Zimmer-Altbauwohnung in einem Gründerzeitbau in der Scharnhorst-Allee in Lübeck-St.Gertrud - denn sie steht oft genug auf dem Revier. Unterschiedliche Ansichten gibt es bei den Polizeibeamten, ob die Wilhelmi vollkommen verrückt sei, oder nur ein bißchen, oder ob tatsächlich ein mysteriöser Unbekannter in ihrer Wohnung sein Unwesen treibt. Wogegen zumindest alle überprüfbaren Fakten sprechen. Edgar Stranitzki, ehemaliger Drogenfahnder und jetzt im Dezernat für Todesermittlungen der Lübecker Kripo, hat gute Laune, weil er endlich zum Kriminalhauptkommissar befördert worden ist, und so will er sich der Sache annehmen, bevor es einen Toten gibt. Aber seine kluge Idee, die Sache zu klären, kommt zu spät... ... Sie rannte wie gehetzt in die Küche. Doch dort schien alles wie immer. Kein Messer lag offen herum, wo es nicht herumzuliegen hatte. Kein Stück der Dekoration hatte sich in Luft aufgelöst oder seinen angestammten Platz gewechselt. Der Deckel des alten Brotkastens, eines Überbleibsels aus der Wohnung einer verstorbenen Tante, aus weiß lackiertem Blech mit einem Deckel aus braunem Holz, der Deckel des alten Brotkastens stand zwei Finger breit offen. Hatte sie den Deckel vorhin nach dem Frühstück nicht richtig wieder geschlossen? Und wie konnte er überhaupt so ein kleines Stück offen stehen? Hätte ihn die Schwerkraft nicht nach unten oder höchstens auch in die andere Richtung ziehen müssen? Sie ging zum Brotkasten und versuchte, den Deckel zu schließen. Er klemmte. Hektisch versuchte sie den Deckel herunterzudrücken, bis sie merkte, daß sich ein Stückchen steinhartes Graubrot in der Führungsschiene des Deckels verklemmt hatte. Sie pulte es mit wilden, ungeschickten Bewegungen heraus. Sie hatte vor mindestens zwei Wochen das letzte Mal Graubrot gekauft. Sie rannte aus der Küche zur Garderobe, zog sich mit fahrigen Bewegungen ihren Mantel an, band ein Kopftuch um, griff sich den Regenschirm, schnappte sich ihr Schlüsselbund und verließ die Wohnung. ...
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Alle Personen und Geschehnisse in diesem Kriminalroman sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Personen oder wahren Ereignissen wären daher vollkommen unbeabsichtigt.
Zufällig wären sie indessen nicht unbedingt. Jeder Autor wird von dem inspiriert, was er tagtäglich in der Zeitung liest oder an der Supermarktkasse beobachtet, und beutet es gnadenlos für seine Geschichten aus. Und so wandert der Autor denn auch manchmal ohne Arg und ohne Böses im Schilde zu führen durch die Welt und hält an einer Stelle plötzlich inne, weil er denkt: Dies ist der Platz, der einfach danach schreit, daß an ihm in einer Kriminalgeschichte das Opfer eines Mordes gefunden wird.
»Some figures elbow their way into a novel and sit there
until the writer finds them a place.«
(Einige Figuren drängeln sich so lange mit den Ellbogen in einen Roman und sitzen dort herum, bis der Autor einen Platz für sie findet.)
John LeCarré im Vorwort zu seinem Spionageroman
»The Honourable Schoolboy«
01.
Die Temperatur war auf drei Grad über Null gefallen an diesem 3.November, und es blies ein unangenehmer feuchter Wind. Der Himmel war von einer dichten, dunklen Wolkendecke verhangen und kurz nach siebzehn Uhr war es bereits stockdunkel. Ein typischer Holsteiner Herbstabend.
Gabriele Wilhelmi rieb sich demonstrativ die kalten Hände, als die Doppelschwingtür zum Wachlokal des 3.Polizeireviers wieder hinter ihr zugefallen war. So kam es jedenfalls dem jungen Polizeibeamten vor, der hinter dem langen Holztresen an einem Schreibtisch saß und nun zu ihr hochblickte.
Er kannte Gabriele Wilhelmi.
Nahezu jeder auf dem Revier kannte Gabriele Wilhelmi. Jeder zumindest, der nicht in den letzten drei Monaten längere Zeit im Urlaub, auf Schulung oder dienstunfähig gewesen war.
Gabriele Wilhelmi, 53 Jahre alt, am 12.Mai 1958 in Geesthacht geboren, seit 21 Jahren geschieden, keine Kinder, alleinstehend, wohnhaft in der Scharnhorstallee Nummer 19, einem alten, aber sehr gepflegten und regelmäßig renovierten fünfstöckigen Gründerzeitbau, wo sie eine ebenso gepflegte Dreizimmer-Wohnung im zweiten Stock zur Miete bewohnte, Sekretärin des Abteilungsleiters »Spedition & Logistik« bei Brömme, Canisius & Cie Im- und Export und Schiffsmakler Gesellschaft mit beschränkter Haftung am Nordlandkai, mit dem Auto in etwa zehn Minuten von ihrer Wohnung zu erreichen.
Eine gepflegte Erscheinung, dachte der Polizeibeamte, während er sie musterte und hoffte, sie würde ihn nicht ansprechen, nicht ihn. Etwas langweilig, etwas grau in grau oder besser gesagt beige-braun in grau, die unauffällig frisierten aschblonden Haare hoben sich kaum ab von dem Kostüm in seinem undefinierbaren beige-grauen Design. Konservativ. Auf jeden Fall konservativ. Nicht auffallen wollend. Gabriele Wilhelmi war einer jener Menschen, die nirgendwo auffielen, die sich stundenlang in einem Restaurant, einem Laden, einem Museum aufhalten konnten, ohne daß sich später irgendjemand an sie erinnerte. Eigentlich perfekt, dachte der Polizeibeamte, für einen Zivilfahnder oder einen Geheimagenten.
Aber Gabriele Wilhelmi war keine Geheimagentin. Und unauffällig war sie, jedenfalls für die Polizeibeamten des 3.Polizeireviers am Meesenring im Lübecker Stadtteil St.Gertrud, seit etwa drei Monaten auch nicht mehr.
Werner Lühr, Erster Polizeihauptkommissar, war ein Mann mit einem etwas altmodischen Pflichtbewusstsein. Als Revierleiter hätte er die Sache ohne weiteres einem seiner Beamten übergeben können, aber es entsprach nicht seiner Art, die unangenehmen Aufgaben anderen Leuten aufzuhalsen.
Also schloss er die Tür zwischen dem »Wachlokal« und den weiter hinten im Gebäude gelegenen Diensträumen wieder, zu denen er sich gerade begeben wollte. Er ging zu Gabriele Wilhelmi hinüber, sah ihr fest ins Gesicht und sagte: »Was führt Sie heute zu uns, Frau Wilhelmi?«
Es klang sarkastischer als er es beabsichtigt hatte.
Vier mal in den letzten elf Wochen war Gabriele Wilhelmi auf dem 3.Polizeirevier erschienen, um Anzeige zu erstatten. Lühr erinnerte sich noch gut an das erste Mal, auch damals war er zufällig unten gewesen, und aus irgendeinem Grund - keinem besonderen, wie er sich später sagte - hatte er selbst mit ihr gesprochen.
Es müsse ein Einbrecher in ihrer Wohnung gewesen sein, hatte die Wilhelmi erklärt. Nein, Einbruchsspuren habe sie nicht gesehen, aber nachdem sie von der Arbeit nach Hause gekommen sei, habe sie mehrere Hinweise entdeckt, daß ein Fremder in ihrer Wohnung gewesen sei. Im Schlafzimmer habe ein Unterhemd mitten auf dem Bett gelegen, das sie, nein, da sei keinerlei Zweifel möglich, am Vorabend gebügelt und in den Kleiderschrank in ihrem Schlafzimmer gelegt habe. Nein, sie habe dieses Unterhemd nicht morgens aus dem Schrank genommen, und dann doch ein anderes Unterhemd angezogen, und dieses vielleicht in der Eile eines etwas späten Aufbruchs einfach auf dem Bett liegen lassen, ohne sich später noch daran erinnern zu können.
Sie sei sich dessen absolut sicher, aber selbst wenn sie sich, was ausgeschlossen werden könne, in diesem Punkt geirrt habe, gäbe es zwei weitere, noch viel eindeutigere Anzeichen für die Anwesenheit eines unbekannten Eindringlings in ihrer Wohnung während ihrer Abwesenheit.
Seit sie nach ihrer Scheidung vor nunmehr einundzwanzig Jahren in ihre Wohnung in der Scharnhorstallee im Lübecker Stadteil St.Gertrud gezogen sei und aus diesem Anlass einen neuen Kleiderschrank für das Schlafzimmer gekauft habe, seit 1990 also mit anderen Worten, lägen die Unterhemden in dem schmalen Fach auf der rechten Schrankseite, wohingegen die übrige Unterwäsche - Werner Lühr hatte den Eindruck gehabt, es falle ihr schwer, Worte wie Unterhosen oder Strümpfe in den Mund zu nehmen - wohingegen also die übrige Unterwäsche in der linken Schrankseite untergebracht sei.
Bis zum heutigen Abend, denn als sie das Unterhemd zurück in den Schrank haben legen wollen, hätten die Unterhemden auf der linken Seite des Schrankes gelegen, und die übrige Unterwäsche - was war bloß so schwer an dem Wort »Unterhosen«? - auf der rechten Seite.
Sie sei geradezu geschockt gewesen von diesem Anblick, denn selbstverständlich würde sie sich wohl daran erinnert haben, wenn sie ihren Kleiderschrank komplett umgeräumt hätte, und außerdem habe sie, während sie sich in ihrer Küche zu beruhigen versucht habe, eine dritte, höchst verstörende Sache bemerkt. Als sie an ihren Kühlschrank gegangen sei, um sich ein Glas Mineralwasser einzuschenken, habe sie gesehen, daß ein großes Stück kalten Schweinebratens, das sie am Abend zuvor in den Kühlschrank gestellt habe, verschwunden sei, einfach verschwunden, mitsamt dem Teller, auf dem er, mit einem Stück Klarsichtfolie abgedeckt, gelegen habe.
Der Teller habe ordentlich eingeräumt in der Geschirrspülmaschine gestanden, und die zusammengeknüllte Klarsichtfolie habe sie im Küchenmülleimer für den Recylingmüll gefunden.
Lühr erinnerte sich, daß er die Geschichte zunächst nicht geglaubt und als verrückten Schrei nach ein wenig Aufmerksamkeit einer älteren, alleinstehenden und vermutlich ziemlich einsamen Frau eingestuft hatte. Was ihn aber aufhorchen ließ, war die Sache mit der umgeräumten Unterwäsche. Das Wort Stalker stand auf einmal unausgesprochen im Raum, in Wohnungen von Frauen einzudringen und sich an deren Wäsche zu vergreifen war ein typisches Delikt für Sexualstraftäter wie für Stalker, und es war ein hochgradig beunruhigendes Warnsignal, denn sehr oft waren solche Handlungen erst der Anfang einer stetig heftiger werdenden Eskalation, an deren Ende ein Tötungsdelikt stehen konnte.
Außerdem hatte Gabriele Wilhelmi bei ihrer ersten Begegnung einen absolut vernünftigen, seriösen und glaubwürdigen Eindruck gemacht. Auch wenn Lühr natürlich genau wusste, daß viele Verrückte, Kriminelle und Psychopathen genau diesen Eindruck zu vermitteln vermochten. Immerhin, es konnte sein, daß sich ein Fremder Zugang zu der Wohnung verschafft und dort ein bißchen »herumgespukt« hatte, aus welchen Beweggründen auch immer.
Also war er kurzerhand zusammen mit Gabriele Wilhelmi in einem Streifenwagen zu ihrer Wohnung gefahren, und hatte sich die Sache angesehen.
Das Schloss der Wohnungstür war offensichtlich unbeschädigt, er hatte die Wilhelmi gefragt, ob irgendjemand einen Zweitschlüssel besäße, worauf sie geantwortet hatte: ›Ja, ich selbst. Und dieser Schlüssel befindet sich dort, wo er sein soll, nämlich in der Schublade meines Schreibtisches.‹ Ungefragt hatte sie ihn zu ihrem Schreibtisch gezogen, die Schublade geöffnet und ihm das dort liegende Schlüsselbund gezeigt.
Lühr hatte mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit sämtliche Fenster auf Einbruchsspuren überprüft, doch es gab keine. Nicht einmal den leisesten Hauch einer solchen Spur. Was allerdings wenig bedeutete, denn die Haustür war tagsüber nicht abgeschlossen, und das Sicherheitsschloss der Wohnungstür hätte jemand mit ein bißchen Kenntnis in dieser Materie mit einem Schlüsselpicker öffnen können, und dabei allerhöchstens winzige Spuren hinterlassen, die nur - und auch nur vielleicht - von einem guten Kriminaltechniker erkannt worden wären.
Aber um die Spezialisten der KTU, der Kriminaltechnischen Untersuchung, anzufordern, war die ganze Geschichte dann doch wirklich nicht schwerwiegend genug.
Doch Werner Lühr nahm seine Aufgabe, hilfesuchende Bürger zu beschützen, durchaus sehr ernst, und so hatte er einen Schlüsseldienst verständigt und gewartet, bis der Techniker eingetroffen war. Gabriele Wilhelmi bekam ein neues Türschloss und einen Satz neuer Schlüssel, ohne dabei allzu arg mit einem Nachtzuschlag über den Tisch gezogen zu werden, und war einigermaßen beruhigt, als er sich mit den Worten verabschiedete, sie könne, wenn wieder etwas ungewöhnliches vorfalle, jederzeit die 110 anrufen oder auch persönlich auf dem Revier vorbeikommen. Und das solle sie auch unbedingt tun, falls ihr vielleicht doch noch jemand einfalle, dem sie einen solchen schlechten Scherz zutraue.
02.
Werner Lühr nahm Gabriele Wilhelmi mit in das Büro des Wachleiters und bot ihr einen Stuhl an. Während sie sich setzte und er noch hinter ihr stand, musterte er unwillkürlich ihre Frisur. Aschblond, dachte er, und genauso unscheinbar, unauffällig und verhuscht wie die ganze Person.
Nach dem ersten Besuch von Gabriele Wilhelmi auf dem 3.Polizeirevier war anscheinend mehrere Wochen lang nichts ungewöhnliches passiert, denn die Polizeibeamten hörten nichts mehr von ihr. Bis zu einem Montagabend vier Wochen nachdem sie die merkwürdigen Vorfälle angezeigt hatte. Beckurts, Werner Lührs jovialer und umgänglicher und etwas leutseliger Stellvertreter, hatte damals diese zweite Anzeige aufgenommen.
Wie beim ersten Mal war Gabriele Wilhelmi nach der Arbeit nach Hause gekommen und mit einer mysteriösen Unregelmäßigkeit konfrontiert worden. Draußen hatte es heftig geregnet, die Wilhelmi betrat ihre Wohnung, entledigte sich des klitschnassen Regenschirms, des durchnässten Mantels und der durchnässten Schuhe und betrat das Wohnzimmer, um dort plötzlich in einer großen Wasserpfütze zu stehen. Eines der Seitenfenster des Erkers stand weit offen und es musste wohl schon seit Stunden hineingeregnet haben. Kaum hatte Gabriele Wilhelmi hastig das Wasser aufgewischt und sich halbwegs von dem Schock erholt, ertönte laute Musik aus dem Schlafzimmer. Die Wilhelmi, so hatte sie es gegenüber Beckurts ausgesagt, schwankte einen Augenblick lang zwischen panischer Flucht und wütendem Angriff, dann griff sie sich ihren Regenschirm und ging ins Schlafzimmer.
Dort trällerte auf ihrem Nachttisch der Radiowecker ein Symphoniekonzert, das auf NDR Kultur gesendet wurde - nur daß der Radiowecker seit Jahr und Tag seinen Platz auf der Küchenanrichte hatte, rechts neben dem Brotkasten und links neben dem Plexiglaswürfel mit den weißen Notizzetteln, und daß sie noch niemals mit diesem Radiowecker NDR Kultur gehört hätte und den Wecker auch nicht auf neunzehn Uhr zwölf gestellt habe.
Wozu habe sie das auch tun sollen, hatte sie Beckurts gefragt, der ihre Erklärung ohne eine Miene zu verziehen zur Kenntnis nahm.
Auch der Polizeihauptkommissar Hinrich Beckurts war ein gewissenhafter und pflichtbewusster Polizist. Er begleitete Gabriele Wilhelmi in ihre Wohnung, überprüfte die Wohnungstür und die Fenster auf Spuren eines gewaltsamen Eindringens, ohne jeden Erfolg, und er hatte sogar den Wohnungsnachbarn der Wilhelmi befragt, von dessen Balkon aus man, wenn auch nur sehr theoretisch, das Erkerfenster von Gabriele Wilhelmi hätte erreichen können, ob ihm etwas ungewöhnliches aufgefallen sei.
Was Gabriele Wilhelmis Nachbar klipp und klar verneinte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bei den Beamten des 3.Polizeireviers die Ansicht herausgebildet, daß Gabriele Wilhelmi eine sehr einsame und leicht gestörte Frau sei, die offenbar verzweifelt Aufmerksamkeit suchte, denn es ließen sich keine Spuren finden, die auf das Eindringen eines Dritten in die Wohnung der Wilhelmi schließen ließen, und auch zu einem typischen Belästiger passten die Vorfälle nicht wirklich.
Werner Lühr setzte sich an die andere Seite des Schreibtisches und sah Gabriele Wilhelmi an. Etwa drei Wochen nach diesem zweiten Vorfall war sie ein drittes Mal auf dem Polizeirevier erschienen, diesmal fast hysterisch. Etwa eine Stunde nachdem sie von der Arbeit nach Hause gekommen war, so hatte sie erklärt, habe sie eine Bekannte anrufen wollen, wegen eines gemeinsamen Termins am bevorstehenden Wochenende. Doch das Telefon sei tot gewesen. Sie habe ein paar mal den Wählknopf betätigt, doch das Telefon sei tot geblieben. Am Ende einer hektischen Fehlersuche habe sich dann schließlich herausgestellt, daß das Kabel der Basisstation zur Telefondose am anderen Ende des Korridors herausgezogen gewesen sei. Und nein, sie habe das Kabel ganz sicher nicht herausgezogen, warum hätte sie dies auch tun sollen, und es habe sich auch nicht versehentlich lösen können.
Weil sie befürchtet hatte, so sagte sie damals zu Beckurts, daß man sie bei der Polizei nicht mehr ernst nehmen würde, habe sie erst einmal nichts weiter unternommen, bis sie dann eine Stunde später vergeblich die Fernbedienung des Fernsehers und der Stereoanlage gesucht habe, die spurlos verschwunden gewesen seien - bis sie sie schließlich in der Küchenschublade bei den großen Fleischmessern liegend gefunden habe.
Das mit dem Telefon möge man ja noch als zufälliges Versehen abtun können, hatte die Wilhelmi zu Beckurts gesagt, aber wie die beiden Fernbedienungen in die Küchenschublade gekommen seien, obwohl sie sonst immer - immer, betonte Gabriele Wilhelmi - im unteren Fach des kleinen Schleiflackwägelchens lägen, auf dem der Fernseher stand, das müsse man ihr doch bitte erst einmal erklären.
Hinrich Beckurts hätte spontan ein Dutzend und mehr Erklärungen dafür gehabt, erzählte er am nächsten Tag seinem Kollegen Lühr, er selbst habe schon seine Autoschlüssel in der Tiefkühltruhe und das schnurlose Telefon seiner Familie im Badezimmerschrank auf einem Stapel Frotteehandtüchern wiedergefunden, und ein spurlos verschwundenes Glas Spreewälder Gewürzgurken, das er auf dem Heimweg von der Arbeit im Supermarkt gekauft hatte, Wochen später im Blumenbeet hinter einem Buchsbäumchen neben dem Garagentor.
Lühr und Beckurts waren sich schließlich einig gewesen, daß sich Gabriele Wilhelmi all diese Vorfälle entweder in einer Art leichten Wahns einbildete, oder sie selbst zu verantworten hatte, vielleicht ja durchaus, ohne es wirklich zu wissen, ohne es bewusst getan zu haben. Was letztlich auf dasselbe hinauslief, aber noch lange nicht ausreichte, den sozialpsychiatrischen Dienst zu informieren. Dort hatte man genug Arbeit mit wesentlich schwereren Fällen.
Zwei Wochen lang war Ruhe gewesen, dann saß Gabriele Wilhelmi wieder auf dem 3.Polizeirevier.
Sie habe am Dienstag in der Mittagspause eingekauft, hatte sie Lühr erklärt, ihre Handtasche geöffnet, einen Kassenbon herausgenommen und zu ihm herübergeschoben. »Der rot unterstrichene Posten ist der wesentliche«, hatte sie gesagt.
Tru.Pral. € 12,98 hatte er dort gelesen. Er sah den Kassenbon noch deutlich vor sich.
»Eine Schachtel Pralinen«, hatte Gabriele Wilhelmi gesagt, bevor Lühr fragen konnte. »Die Pralinen waren für das Wochenende gedacht. Eine alte Bekannte von mir hat einen Besuch für den Samstagabend angekündigt. »Ich habe die Pralinenschachtel ungeöffnet in den Wohnzimmerschrank gelegt, dorthin, wo ich immer Süßigkeiten und solche Sachen aufbewahre. Als ich vorhin, kurz nachdem ich von der Arbeit gekommen bin, an den Wohnzimmerschrank gegangen bin, um etwas herauszuholen, sah ich, daß die Cellophan-Hülle der Pralinenschachtel fehlte. Und als ich die Schachtel öffnete, fehlte genau die Hälfte der Pralinen.«
Lühr hatte unwillkürlich erwartet, daß Gabriele Wilhelmi die Pralinenschachtel aus ihrer Handtasche hervorholen würde, aber nichts dergleichen war geschehen.
»Ich kann beschwören«, hatte Gabriele Wilhelmi gesagt, und Werner Lühr hatte gemeint, ein feuchtes Glitzern in ihren Augen erkennen zu können, »daß ich diese Pralinenschachtel nicht angebrochen habe. Ich esse niemals unter der Woche abends Pralinen oder so etwas. Ich halte das für ungesund.«
Weder die Polizeischule noch jahrzehntelange Dienstpraxis, dachte Lühr, bereiten dich darauf vor, wie du mit den verzweifelten Opfern mysteriöser heimlicher Pralinendiebstähle und Unterwäscheumräumaktionen umgehen kannst.
Ihm war nichts besseres eingefallen als sie zu bitten, noch einmal ganz gründlich darüber nachzudenken, wer sich vielleicht einen Nachschlüssel zu ihrer Wohnung verschafft haben könne, und ob es wirklich niemand gäbe, der dafür in Frage käme, sie auf diese perfide Art und Weise terrorisieren zu wollen.
Nun saß sie also zum fünften Mal hier und er wollte ihr gerade vorschlagen, ein zweites Schloss an ihrer Wohnungstür anbringen zu lassen, für alle Fälle, und ihr Schlüsselbund außerhalb der Wohnung nie aus den Augen zu lassen, als sich auf ihren Wangen zwei Tränenspuren aus verlaufender Wimperntusche bildeten.
»Dieses mal war es anders«, sagte mit tränenerstickter Stimme. »So schlimm war es noch nie.«
Lühr sah sie schweigend an und wartete.
»Jedes mal, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, traue ich mich kaum, die Wohnung zu betreten, weil ich Angst habe, daß irgendetwas dort anders ist, daß irgend etwas zeigt, daß jemand während meiner Abwesenheit in der Wohnung war. Als ich heute abend in die Küche kam, stand der kleine elektrische Messerschärfer auf der Küchenanrichte.«
»Und da gehört er nicht hin?« sagte Lühr, der verzweifelt überlegte, was er dazu sagen sollte.
»Ich habe das Ding seit bestimmt einem Jahr nicht mehr benutzt«, sagte Gabriele Wilhelmi. »Der Messerschärfer liegt ganz unten im Küchenschrank hinter allen möglichen Küchengeräten. Ich habe dann ganz automatisch die Küchenschublade aufgemacht, in der die Küchenmesser liegen. Und das größte von den Fleischmessern fehlte.«
»Und das kann nicht versehentlich irgendwo anders in der Küche gelandet sein? So ganz in Gedanken woanders hingelegt?« Es ist sinnlos, dachte Lühr, was ich hier mache.
»Das Messer lag in meinem Schlafzimmer«, sagte Gabriele Wilhelmi leise. »Und jemand hat es ganz offensichtlich sehr gründlich geschärft. Ich habe mich an der Klinge geschnitten.«
Lühr sah auf ihre Hände. Es war ihm vorhin schon aufgefallen, daß ein kleines Pflaster um das vordere Glied des rechten Daumens geklebt war.
»Was soll ich denn machen?« schluchzte sie, und ihre Hände krampften sich um die Griffe ihrer altmodischen Handtasche. »Muß ich erst tot in meiner Wohnung liegen, bevor die Polizei etwas unternimmt?«
Und auf einmal sah der Erste Polizeihauptkommissar Werner Lühr, Revierleiter des 3.Polizeireviers am Meesenring in Lübeck-St.Gertrud, eine Lösung für sein Problem. Auch wenn es vermutlich keine Lösung für Gabriele Wilhelmis Problem war.
»Wenn Sie befürchten, daß Ihr Leben in Gefahr ist, Frau Wilhelmi, dann sollten Sie sich an das Dezernat für Todesermittlungen wenden.« Er hob abwehrend die Hände. »Ja, ich weiß, das klingt jetzt etwas makaber, aber die Kollegen sind nicht nur dafür zuständig, in Todesfällen zu ermitteln, sie sind auch dafür da zu verhindern, daß es überhaupt einen Todesfall gibt. Das sind die Experten der Kriminalpolizei, und die haben ganz andere Möglichkeiten als wir hier auf dem Revier.«
Es ist meine Aufgabe als Polizist, dachte Lühr, Menschen zu helfen, und ich darf Menschen, die Hilfe suchen, nicht einfach wieder wegschicken. Aber wenn ich sehe, daß ich jemandem nicht helfen kann, dann ist es nur richtig, ihn an jemanden zu verweisen, der ihm vielleicht besser helfen kann.
Er schrieb Gabriele Wilhelmi die Adresse der Bezirkskriminalinspektion in der Possehlstraße auf einen Zettel und war überrascht, als sie den Zettel in ihre Handtasche steckte, sich mit einem kleinen weißen Spitzentaschentuch die Tränen trocknete, sich mit dem Versuch eines Lächelns bei ihm bedankte und ohne weitere Worte das Zimmer verließ.
03.
Edgar Stranitzki schob die Aktenhefter sorgfältig zu einem genau ausgerichteten Stapel auf der linken Seite seines Schreibtisches zusammen. Dann fegte er die Kuchenkrümel von der Tischplatte in seine Hand und schüttelte sie über dem Papierkorb aus. Ungerührt beobachtete er, wie die Hälfte von ihnen neben das Ziel auf den Fußboden fielen. In ein paar Stunden würden sowieso die Putzfrauen durch das Büro saugen.
Bernd Kannengießer, Leitender Kriminalhauptkommissar und Chef ihrer Abteilung im Dezernat für Todesermittlungen, saß halb auf der Fensterbank, halb auf dem Heizkörper, auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, und sah zu Stranitzki herüber.
»Die Chefetage sagt, wir bekommen in absehbarer Zeit einen Neuen. Oder eine Neue«, sagte er dann. Er hatte am Tag zuvor mit Kriminalrat Gauselmann darüber gesprochen, dem stellvertretenden Leiter des Dezernats. Seit dem Frühjahr schon war ihre Abteilung unterbesetzt. Vor gut zwei Monaten erst war vorübergehend Malte Kesting-Grünwohld, von allen nur MKG genannt, nachdem Edgar Stranitzki die Abkürzung aufgebracht hatte, ein frischgebackener Kriminalkommissar ganz am Anfang seiner Dienstlaufbahn, vom Kriminaldauerdienst zu ihnen versetzt worden. MKG war Kannengießer aufgefallen, weil er ganz zufällig eine Zeugin, die seine eigene Abteilung hatte abblitzen lassen, zu einer Aussage gebracht hatte, die ganz entscheidend zur Aufklärung einer der spektakulärsten Mordserien der letzten Jahre beitrug. Ein sensibler, aber auch noch ziemlich unsicherer junger Mann, ebenso intelligent wie fleißig, aus dem vielleicht noch eine Menge werden könnte, wenn er erstmal mehr Selbstsicherheit gewann.
An Selbstsicherheit fehlte es Anja Lüttke, der jüngsten in seinem Team, dagegen überhaupt nicht. Sie hatte, so schien es ihm gelegentlich, eher zu viel davon. Mit gerade einmal 25 Jahren war sie eine der jüngsten Kriminalkommissarinnen, die es im Polizeidienst des Landes je gegeben hatte, blitzgescheit, eine Überfliegerin auf dem Gymnasium wie auf der Polizeischule und der Fachhochschule, mit einer Figur wie ein Model, wenn auch mit etwas zu herben Gesichtszügen für Bernd Kannengießers Geschmack. Ihr Faible für knallenge Jeans war inzwischen in der ganzen Polizeidirektion legendär und führte regelmäßig ebenso zu anzüglichen Sprüchen wie zu gierigen Blicken. Sie würde, daran hatte er keinen Zweifel, noch eine beachtliche Karriere bei der Polizei machen, wenn sie das denn wirklich wollte - vorausgesetzt, sie würde im Laufe der Zeit ihrer Selbstsicherheit auch noch ein bißchen Selbstkritik und Selbstzweifel hinzufügen. Man übersah, das hatte er schon vor langer Zeit gelernt, als Kriminalpolizist sehr leicht hier und da einen entscheidenden Zusammenhang, ein verdecktes Motiv, ein winziges Indiz, wenn man sich seiner Sache zu sicher war und andere Menschen und ihr Leben vorschnell zu durchschauen und zu verstehen glaubte. Die Lüttke, erinnerte sich Kannengießer, war es übrigens gewesen, die beinahe die Aufklärung der Mordserie vielleicht um Jahre verzögert oder sogar unmöglich gemacht hätte, eben weil sie eine verunsicherte und vielleicht ja auch wirklich etwas nervige Zeugin so unwirsch abgefertigt hatte, daß die um Haaresbreite die Polizeidirektion wieder verlassen hätte, ohne auszusagen.
Was dann, durch einen reinen Zufall, von MKG verhindert worden war. Malte Kesting-Grünwohld, der natürlich endlose Witzeleien mit »Malte, Sören und Thorben« auf sich zog, seit er in den Polizeidienst eingetreten war, und vermutlich auch schon vorher in der Schule damit gehänselt worden war. Aber nun ging MKG, wie auch er ihn inzwischen nur noch nannte, für ein halbes Jahr nach Wiesbaden, zu einem großen Fortbildungsseminar in Sachen Internetkriminalität.
»Vielleicht kommt MKG ja auch aus Wiesbaden zurück, bevor wir einen Nachfolger haben«, sagte Kannengießer. »Dann erübrigt sich das alles. Obwohl wir gut auch zwei Leute als Verstärkung gebrauchen könnten.«
»MKG wird nie wieder zu uns zurückkommen, es sei denn auf direkte und persönliche Anweisung des Innenministers vielleicht«, sagte Edgar Stranitzki, nahm den Teebeutel - Herbe Kräutermischung - aus seinem Becher und warf ihn in den Papierkorb, wobei er eine Tropfenspur auf dem Schreibtisch hinterließ.
»Wieso das?« fragte Kannengießer, ehrlich erstaunt. »Haben wir ihn so schlecht behandelt?« Die Frage war nicht wirklich ernst gemeint, denn er selbst hatte MKG nie schlecht behandelt, und soweit er es mitbekommen hatte, auch niemand aus ihrem kleinen Team.
Edgar Stranitzki zog ein zerknülltes Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sorgfältig die kleinen Teepfützen auf.
»Nun, dafür muß man eigentlich nicht mal Kriminalhauptkommissar sein«, sagte Stranitzki spöttisch. Kannengießer verzog das Gesicht. Edgar Stranitzki war wahrscheinlich einer der beiden besten Kriminalpolizisten, die er in seinem ganzen Berufsleben kennengelernt hatte. Sie hatten ihn vom Rauschgiftdezernat abgeworben, wo seine Wirksamkeit als Ermittler irgendwann darunter zu leiden begonnen hatte, daß ihn fast jeder, der legal oder illegal im Südosten von Schleswig-Holstein mit Drogen zu tun hatte, persönlich kannte. Was die verdeckten Ermittlungen, die er lange Zeit durchgeführt hatte, dann doch deutlich erschwerten. Stranitzki sah immer noch ein bißchen so aus, wie man sich das Klischee eines Rauschgiftfahnders vorstellte, mit zotteligen dunkelblonden Haaren, die bis auf den Hemdkragen fielen, einem ebenso zotteligen Vollbart, dazu fast immer seine schon fast legendäre abgewetzte braune Lederjacke, und darunter meistens ein altmodisch gemustertes Hemd, das aus einer nahezu unerschöpflichen Sammlung von ebenso geschmacklosen wie altmodischen Hemden zu stammen schien.
In zahlreichen Mordkommissionen hatte er sich als unbezahlbar erwiesen, mit seiner Ruhe und Gelassenheit und seinem Verständnis für die menschlichen Zusammenhänge, wie Stranitzki es manchmal nannte. Man konnte hervorragend mit ihm zurechtkommen, wenn man sich erstmal an seine regelmäßigen kleinen theatralischen Anfälle gewöhnt hatte, wie Kannengießer es insgeheim für sich zu nennen pflegte. Stranitzki konnte manchmal einen Sachverhalt nicht einfach schlicht mit ein paar Sätzen den anderen mitteilen, manchmal führte er den Sach-verhalt geradezu vor, mit etlichen Schlenkern und Schnörkeln, oder sogar mit einer mehr oder weniger gekonnten Schauspieleinlage, meistens dann, wenn er vermutete, daß sein Gegenüber sonst die Klugheit seiner Gedankengänge nicht ausreichend zu würdigen wüssten.
Aber immerhin waren es ohne Ausnahme immer ziemlich kluge Gedankengänge, und sehr oft brachten sie die Sache voran.
Edgar Stranitzki war am selben Tag, an dem Malte Kesting-Grünwohld ihnen mitgeteilt hatte, daß er bis auf weiteres zum BKA ginge, endlich vom Kriminaloberkommissar zum Kriminalhauptkommissar befördert worden, und darauf bezog sich zweifellos seine Anspielung. Bernd Kannengießer gönnte seinem Kollegen die höhere Besoldungsstufe von ganzen Herzen, er kannte kaum jemanden im ganzen Haus, der sie sich so redlich verdient hatte.
»Nun, dann klär mich auf, Herr Kriminalhauptkommissar«, sagte er spöttisch.
»Kesten und Lüttke sind ein Paar«, sagte Stranitzki und nahm einen großen Schluck Kräutertee.
»Du wirst es nicht glauben, aber das weiß ich auch schon seit mehr als zwei Monaten.« Anja Lüttke und sein Stellvertreter als Leiter der Abteilung, der Kriminalhauptkommissar Peter Kesten, versuchten zwar mit einer fast schon absurd wirkenden Korrektheit, jeden Anschein zu vermeiden, daß sie etwas miteinander hatten, trotzdem hatten das natürlich längst alle im Büro und mindestens die Hälfte der Leute in der ganzen Polizeidirektion mitbekommen. Warum auch nicht, es war allein ihre Sache, solange es den Dienst nicht beeinträchtigte. Peter Kesten war vor Jahren geschieden worden, eine typische »Polizisten-Scheidung«, wie Kannengießer das nannte, die Ehe irgendwann ein Opfer von zu vielen Überstunden, zu viel Wochenend- und Nachtarbeit und zuvielen Bereitschaftsdiensten. Und er war der andere der beiden besten Kriminalpolizisten, die Kannengießer je als Kollegen gehabt hatte.
Anja Lüttke hatte wohl, soweit er das mitbekommen hatte, einen festen Freund gehabt, seit einigen Jahren schon, von dem sie sich getrennt hatte, als der sie mit ihrer besten Freundin betrog. Sie war dann aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, und Peter Kesten hatte ihr beim Renovieren und beim Umzug geholfen, und schon nach kurzer Zeit war ihm klar gewesen, daß zwischen den beiden etwas lief. Es waren die winzig kleinen Zeichen, die Gesten, die Art und Weise, miteinander zu reden, trotz aller Bemühungen der beiden, es nicht offen sichtbar werden zu lassen, konnte ein guter Beobachter mit einem guten Einfühlungsvermögen es sehr schnell erkennen. Zumal dann, wenn man jeden Tag miteinander zusammenarbeitete.
Stranitzki sah ihn an. Etwas spöttisch, fordernd. »Und mehr ist Dir nicht aufgefallen?«
Okay, dachte Kannengießer, gut - Stranitzki war wirklich der bessere Beobachter. Denn jetzt plötzlich sah er es auch. Die kleine Veränderung im Verhalten von MKG, sobald Anja Lüttke im Raum war, wenn sie mit ihm redete, wenn er mit ihr reden musste. Kaum war Anja Lüttke mit im Spiel, wurde er angespannt, zog sich zurück, sagte weniger als sonst. Wie konnte ihm das bisher nur entgangen sein?
»MKG und Anja?« sagte er.
»Hoffnungslos verliebt«, sagte Edgar Stranitzki, und es klangt ehrlich mitfühlend, wie Kannengießer überrascht feststellte.
»Hoff-nungs-los. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn er denn auch nur die geringste Chance hätte. Dann hätten wir hier höchstens das Problem, die Hahnenkämpfe in nutzbringende Bahnen zu lenken. Aber tief drin weiß er, daß es völlig hoffnungslos ist.«
Bei einer Frau wie Anja Lüttke, dachte Stranitzki, hat nur der Mann überhaupt erstmal irgendwelche Chancen, der fähig wäre, ihr auch eine runterzuhauen, und ihr auch das Gefühl gibt, daß er das fertigbekäme. Nach außen jede Menge Selbstsicherheit bis zur Überheblichkeit und Arroganz, dachte er, und dahinter eine Menge ganz normaler Unsicherheit, und ein bißchen was besonderes, das man nicht mit einem Etikett bekleben konnte. Das gewisse Etwas, wie es diese blöde Redewendung beschrieb. Und das ganze in einer geradezu provozierend attraktiven Verpackung.
Er selbst war längst immun gegen diesen Typ. Er hatte jahrelang, erst als Schüler, dann als Student, nächtelang an den Tresen irgendwelcher Szenekneipen herumgesessen und immer irgendeine Frau dieses Typs angeschwärmt, angehimmelt, angeschmachtet. Erst nach einem langen Trip durch Südostasien, den er als den Moment empfand, wo er wirklich zu einem erwachsenen Mann geworden war, konnte er ohne feuchte Hände und klopfendes Herz mit ihnen umgehen.
Leider hatten sie in diesem Augenblick auch viel von ihrem faszinierenden Reiz verloren. Irgendwo bedauerte er das ein bißchen. Der Rest ist Zynismus, dachte er.
»Und Du meinst, deshalb...« Kannengießer ließ den Satz unvollendet.
»Das hält auf Dauer keiner aus. Und dann ist es auch besser so. Sie ist einfach ‘ne Nummer zu groß für ihn.«
04.
Peter Kesten kam durch die Verbindungstür zwischen ihren Büros, gefolgt von Anja Lüttke, die einen Aktenwagen schob, auf dem sich etliche Aktenordner türmten. Zeitgleich klopfte es und vom Korridor aus trat Rita Stender ein, eine der beiden Sekretärinnen des Dezernats.
»Wir sind fertig mit allen ausstehenden Berichten«, verkündete Kesten triumphierend. »Sie können den Kram gleich mitnehmen, Frau Stender!«
Rita Stender blickte zweifelnd auf die Aktenordner. In der Hand hielt sie einen Packen Ausdrucke auf lindgrünem Papier. »Das sind die vorläufigen Dienstpläne für die Telefonbereitschaft bis Weihnachten«, sagte sie dann. »Dieses Wochenende und das nächste auch macht Abteilung zwo. Ihr habt also frei. Dann kommt Abteilung drei, und dann seid Ihr wieder dran. Bitte wie üblich die Telefonnummern eintragen, einen Zettel hier aushängen, die restlichen wieder zu mir.«
Sie zögerte.
»Und dann wäre da noch etwas«, sagte sie. »Drüben bei Metzger sitzt eine ältere Dame. Lühr vom 3.Revier hat mich heute morgen in aller Frühe schon angerufen und vorgewarnt, daß die wohl kommen würde. Eine Frau Gabriele Wilhelmi. Sie ist auf dem Dritten wohl keine Unbekannte. Sie fürchtet, man wolle sie ermorden, oder etwas ähnliches.«
Bernd Kannengießer sah Rita Stender skeptisch an. Es war sonst nicht ihre Art, zynisch zu sein.
»Sie erzählt die merkwürdigsten Dinge, die alle nicht wirklich sein können, aber Lühr meinte, vielleicht wäre sie tatsächlich im Fadenkreuz eines verrückten Stalkers. Und er will sich keine Vorwürfe machen müssen, wenn die Polizei das ignoriert, und nachher passiert dann doch was.«
»Und wieso schickt das Revier sie ausgerechnet zu uns?« sagte Anja Lüttke.
»Lühr wusste sich wohl nicht mehr anders zu helfen«, sagte Rita Stender.
Anja Lüttke sah abwehrend in die Runde. »Ich kann diese durchgeknallten Weiber nicht ab!« knurrte sie. »Schickt sie bitte nicht zu mir!«
Zu aller Überraschung erhob sich Edgar Stranitzki von seinem Stuhl. »Schicken Sie sie einfach zu mir«, sagte er. »Ich höre mir das mal an. Ich habe heute sowieso nichts mehr zu tun...« - er klopfte schnell dreimal mit den Knöcheln auf seine Schreibtischplatte - »...und ich habe heute gute Laune.«
»Die Platte ist aus Kunststoff«, sagte Peter Kesten lakonisch. »Da wirkt das nicht.«
»Wir lassen Dich gern mit ihr allein«, sagte Bernd Kannengießer, »und verschwinden derweil in der Kantine.«
Edgar Stranitzki blickte auf seine Armbanduhr. Es war viertel nach eins. Aber er war noch satt von dem Kuchen, den er aus Anlass seiner Beförderung für ein zweites Frühstück spendiert hatte.
»Was soll’s«, sagte er nur.
Eine halbe Stunde später hatte er Gabriele Wilhelmis Berichte über die Ereignisse der letzten Monate mit seiner für jeden anderen Menschen unlesbaren kleinen Handschrift zu Papier gebracht. Das hatte er vor allem gemacht, um, während er ihren Worten immer wieder Einhalt gebot und sich Notizen machte, besser nachdenken zu können.
Die ganze Angelegenheit, dachte Stranitzki nach fünf Minuten, klingt so absurd und unwahrscheinlich, daß sie glatt wahr sein könnte. Konnte sich ein Mensch wirklich so etwas ausdenken? Aber natürlich wusste er als erfahrener Kriminalist, daß sich die Menschen wirklich alles ausdenken konnten, einschließlich der Geständnisse für Morde, die überhaupt nie stattgefunden hatten. »Nichts ist unmöglich!« hätte der Werbespruch der Polizei oder der Feuerwehr sein sollen, und nicht eines japanischen Autoherstellers.
Schon nachdem Gabriele Wilhelmi den dritten Vorfall geschildert hatte, beschloss Stranitzki, sich gleich am Montag die Akten mit den Strafanzeigen vom 3.Polizeirevier kommen zu lassen. Hoffentlich hatten die Kollegen dort die Anzeigen nicht nur in drei Sätzen zu Papier gebracht, dann konnte er überprüfen, ob es Widersprüche zwischen den Schilderungen dort und bei ihm gab.
»Das klingt alles sehr merkwürdig«, sagte er dann, und hob beschwichtigend die Hände, weil er merkte, daß Gabriele Wilhelmi protestieren wollte. »Merkwürdig heißt nicht, daß ich Ihnen nicht glaube, Frau Wilhelmi. Merkwürdig heißt erstmal nur merkwürdig.«
Er stand auf und ging zum Schrank, der hinter seinem Schreibtisch an der Wand stand. Dort griff er sich das Branchentelefonbuch für Lübeck, blätterte, legte es zurück, griff das normale Telefonbuch, blätterte erneut, und legte auch dieses Telefonbuch wieder zurück. Er setzte sich zurück an seinen Schreibtisch, zog die oberste Schublade auf, und schob sie nach einem kurzen Blick gleich wieder zu.
»Finde ich jetzt nicht«, sagte er. »Macht aber nichts, die Telefonnummer kann ich heraussuchen.«
Gabriele Wilhelmi sah ihn an, als wolle er ihr im nächsten Satz zum Besuch bei einem guten Psychiaters raten, den er ihr zufällig empfehlen könne.
