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Jan Hinnerk Feddersen

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Beschreibung

1986... Nur dreiunddreißig Jahre zurück, und dennoch eine Welt, die man sich heute kaum noch ohne größere Mühe wirklich vorstellen kann. In Bonn regiert seit gerade drei Jahren die CDU Helmut Kohls, noch hat kein Kieler Ministerpräsident ein skandalumwittertes Ende in einer Genfer Hotelbadewanne gefunden, die Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung ist eine nachgerade absurde Vorstellung, der selbst konservative politische Kräfte nicht ernsthaft anhängen, die Teilung der Welt in zwei Blöcke scheint felsenfest zementiert, und in Moskau ist von einer politischen Wende weit und breit nichts zu ahnen. Computer sind noch sündhaft teure Geräte, deren Leistung etwa der eines heutigen Taschenrechners entspricht, zur polizeiliche Rasterfahndung rechnen ganze Stockwerke voll von ihnen mehrere Tage lang. Der »Europäische Binnenmarkt« ist ein fernes Zukunftsversprechen, der »Euro« kaum angedacht, und das Internet existiert noch nicht einmal in den Köpfen der zukunftsgläubigsten Denker, während sich das Fernsehprogramm wie das des Rundfunks auf jeweils drei Sender beschränken und das Wort »Sendeschluß« bedeutet, daß wochentags spätestens kurz nach Mitternacht nur noch das Testbild über die Mattscheiben flimmert. Andere Zeiten also. 1986 - im November jenes Jahres wird in Kiel die achtjährige Industriellentochter Verena Siebert entführt. Kein politisches Delikt, sondern einfach ein kriminelles; eine Million Mark will der Entführer. Oder sind es mehrere Entführer? Die schlichte Dreistigkeit der Lösegeldforderung jedenfalls verblüfft die 1.Kieler Mordkommission, die den Fall zuständigkeitshalber übernimmt, noch bevor es eine Leiche gibt. Doch der Fall erweist sich als vertrackter als zunächst vermutet, und bevor Monate später die Lösung auf dem Tisch liegt, finden noch mehrere Menschen den Tod.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Alle Personen und Geschehnisse in diesem Kriminalroman sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Personen oder wahren Ereignissen wären daher vollkommen unbeabsichtigt.

Zufällig wären sie indessen nicht unbedingt. Jeder Autor wird von dem inspiriert, was er tagtäglich in der Zeitung liest oder an der Supermarktkasse beobachtet, und beutet es gnadenlos für seine Geschichten aus. Und so wandert der Autor denn auch manchmal ohne Arg und ohne Böses im Schilde zu führen durch die Welt und hält an einer Stelle plötzlich inne, weil er denkt:  Dies ist der Platz, der einfach danach schreit, daß an ihm in einer Kriminalgeschichte das Opfer eines Mordes gefunden wird.

1986...

Nur dreiunddreißig Jahre zurück, und dennoch eine Welt, die man sich heute kaum noch ohne größere Mühe wirklich vorstellen kann.

In Bonn regiert seit gerade drei Jahren die CDU Helmut Kohls, noch hat kein Kieler Ministerpräsident ein skandalumwittertes Ende in einer Genfer Hotelbadewanne gefunden, die Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung ist eine nachgerade absurde Vorstellung, der selbst konservative politische Kräfte nicht ernsthaft anhängen, die Teilung der Welt in zwei Blöcke scheint felsenfest zementiert, und in Moskau ist von einer politischen Wende weit und breit nichts zu ahnen. 

Computer sind noch sündhaft teure Geräte, deren Leistung etwa der eines heutigen Taschenrechners entspricht, zur polizeiliche Rasterfahndung rechnen ganze Stockwerke voll von ihnen mehrere Tage lang. Der »Europäische Binnenmarkt« ist ein fernes Zukunftsversprechen, der »Euro« kaum angedacht, und das Internet existiert noch nicht einmal in den Köpfen der zukunftsgläubigsten Denker, während sich das Fernsehprogramm wie das des Rundfunks auf jeweils drei Sender beschränken und das Wort »Sendeschluß« bedeutet, daß wochentags spätestens kurz nach Mitternacht nur noch das Testbild über die Mattscheiben flimmert.

1986 - in diesem Jahr läßt Jan Hinnerk Feddersen zum ersten Mal das »Dezernat 12 - Delikte am Menschen« der Kriminalpolizeidirektion Kiel die Bühne des literarischen Verbrechens betreten. Da ist der Kriminaloberkommissar Erwin Brandt, 57 Jahre alt, der Inbegriff des durchschnittlichen Beamten, nicht mit sonderlich viel Phantasie gesegnet, aber dafür mit Zuverlässigkeit, Berufserfahrung und Nierensteinen, und außerdem mit einer verständnislosen Ehefrau. Sein Chef, Hauptkommissar Wilfried Dethlefsen, kann ihm an kriminalistischer Erfahrung nicht unbedingt das Wasser reichen, hat dafür aber gute Verbindungen nach oben und den Ehrgeiz, in höhere Kreise aufzusteigen. In diesen Kreisen bewegt sich bereits der intrigante Kriminaldirektor Werner von Estorff, Chef des »14.Kommissariats« im Landeskriminalpolizeiamt - des »politischen Kommissariats«. Von Estorffs »erster Mann« hingegen, Kriminalhauptkommissar Siegfried Heidthausen, den er als »Aufpasser« in die Mordkommission delegiert, weil das Entführungsopfer die Tochter seines Parteifreundes ist, erweist sich eher unbeabsichtigt dann aber als wichtige Hilfe bei den Ermittlungen.

1986 - in Brokdorf gibt es nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl blutige Auseinandersetzungen zwischen Tausenden von Polizisten und Zigtausenden von »Anti-AKW-Demonstranten«, so wie sie auch in den Jahren seit 1977 fast regelmäßig in Brokdorf und anderen symbolträchtigen Orten stattfinden. Die Anschläge der »Bader-Meinhof-Bande« (oder auch »Roten Armee Fraktion« - je nach politischem Standort) sind noch in frischer Erinnerung, ebenso die Polizeimaßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus. Und beinahe jede politisch links angehauchte Wohngemeinschaft legt wert darauf, daß zumindest die ernstzunehmende Möglichkeit besteht, der Staatsschutz würde ihr Telefon abhören. Auch das gibt es im Jahr 1986 nur von einer Behörde, die noch »Deutsche Bundespost« heißt.

Andere Zeiten also.

1986 - im November jenes Jahres wird in Kiel die achtjährige Industriellentochter Verena Siebert entführt. Kein politisches Delikt, sondern einfach  ein kriminelles; eine Million Mark will der Entführer. Oder sind es mehrere Entführer? Die schlichte Dreistigkeit der Lösegeldforderung jedenfalls verblüfft die 1.Kieler Mordkommission, die den Fall zuständigkeitshalber übernimmt, noch bevor es eine Leiche gibt.

Doch der Fall erweist sich als vertrackter als zunächst vermutet, und bevor Monate später die Lösung auf dem Tisch liegt, finden noch mehrere Menschen den Tod.

1.

Das kleine blonde Mädchen ging ziemlich schnell die Straße entlang. Auf dem Rücken trug es einen dicken braunen Schulranzen mit orangefarbenen Reflektoren auf den Schnappschlössern.

Der Gehweg war mit dunkelgrauen und hellgrauen Betonplatten gepflastert und das Mädchen durfte die dunkelgrauen Platten nicht berühren. So ging das Spiel, daß es beinahe jeden Tag auf dem Weg von der Schule nach Hause spielte.

So hüpfte es mehr über den Gehweg als daß es ging, und deshalb achtete das Mädchen nicht auf die Autos, die am Straßenrand parkten.

Das Mädchen bemerkte aus diesem Grund auch nicht, daß in dem roten, schon etwas älteren VW-Golf, der ein paar Meter vor der Kreuzung mit der Caprivi-Straße stand, ein Mann und eine Frau saßen und warteten. Hätte das Mädchen die beiden in ihrem Auto gesehen, wäre es allerdings wohl auch kaum von seinem Weg abgewichen. Schließlich ist nichts dabei, wenn ein Mann und eine Frau an einem Donnerstagvormittag um viertel vor zwölf in einem Auto sitzen, das am Straßenrand parkt.

Wenn es nicht in sein Spiel vertieft gewesen wäre, dann hätte das Mädchen vielleicht gesehen, daß die beiden große, dunkle Sonnenbrillen aufgesetzt hatten, und es hätte sich vielleicht gewundert, denn der Himmel über Kiel ist im November fast immer grau und diesig.

Als das Mädchen gerade auf der Höhe des roten Golfs angelangt war, wurde die Tür aufgerissen und die Frau, die auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, sprang heraus. Sie packte das Mädchen am Arm und stieß es gegen den Wagen. Ihr Begleiter beugte sich blitzschnell über den Beifahrersitz und klappte ihn nach vorn.

Das Mädchen war wie starr vor Schreck und schrie nicht einmal, als es in das Auto gezerrt wurde.

Sein Schulranzen verhakte sich im Sicherheitsgurt und am Türpfosten, und die Frau gab dem Mädchen einen Stoß, bevor sie hinterher kletterte und es auf den Wagenboden drückte. Der Wagen fuhr mit aufheulendem Motor und schepperndem Auspuff los.

Es befand sich in diesem Augenblick kein Mensch auf der Straße und auch keine Gardine bewegte sich. Zurück blieb nur die zerbrochene Plastikverkleidung der Innenbeleuchtung des Autos, die von dem Schulranzen des Mädchens abgerissen worden war.

 

2.

Evelyn Siebert fuhr die Auffahrt zum Haus der Sieberts am Niemannsweg hinauf, stellte den Motor ab und stieg aus. Die beiden Einkaufstüten, die sie vom Beifahrersitz nahm, waren übergroß, aus grell pinkfarbenem Plastik und trugen die Aufschrift »chic & fashion«.

Das Haus, auf das sie zuging, hätte man als Villa bezeichnen können, wenn es sich nicht um einen Bungalow mit Flachdach aus schwarzer Teerpappe gehandelt hätte. Immerhin hatte der Siebert’sche Bungalow acht Zimmer, eine hypermodern eingerichtete Küche, zwei Badezimmer und eine Sauna.

»Alles vom Feinsten«, pflegte Frau Wedemeier zu sagen, »die stinken vor Geld.«

Als Evelyn Siebert die Küche betrat, sagte Frau Wedemeier das natürlich nicht, denn sie war die Haushaltshilfe bei den Sieberts, und sie wollte ihren Job behalten.

»Sie haben mir gar nicht gesagt, daß die Kleine heute länger Schule hat.«

Frau Wedemeier bemühte sich, den vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme zu unterdrücken. Sie wußte, daß Evelyn Siebert es nicht gern sah, wenn ihre Haushaltshilfe Einfluß auf den Tagesablauf in ihrem Haus nahm.

»Verena hat heute nicht länger Schule«, sagte sie. »Sie hat um zwölf Schluß.«

»Sie ist aber noch nicht hier!« sagte Frau Wedemeier beinahe triumphierend. »Vielleicht mußte sie nachsitzen!«

»Unsinn!« Evelyn Siebert sah Frau Wedemeier mit einem Gesichtsausdruck an, der deutliche Mißbilligung zeigte. »So etwas gibt es heute nicht mehr.«

»Was weiß denn ich?« Die Haushaltshilfe verschwand grummelnd im Badezimmer.

Verena fand sich weder im Haus noch im Garten, wie ihre Mutter fünf Minuten später festgestellt hatte.

Evelyn Siebert überlegte. Wenn ihre Tochter in der Schule einen Unfall gehabt hätte, würde das Schulsekretariat sicherlich bei den Sieberts zu Hause oder im Unternehmen ihres Mannes angerufen haben. Es war aber auch unwahrscheinlich, daß ihre Tochter sich fast zwei Stunden verspätet hatte. Der Weg von der Schule bis zum Haus der Sieberts dauerte kaum zwanzig Minuten.

Evelyn Siebert war eine Frau, die nicht so leicht die Übersicht verlor. Sie ging zum Telefon und rief in der Schule an. Aber Verena hatte keinen Unfall gehabt. Sie war auch nicht bei einer Schulfreundin, wie sie schnell herausgefunden hatte. Das war auch unwahrscheinlich, wie sie zu sich selber sagte, als sie den Telefonhörer schließlich wieder auf die Gabel legte. Verena wußte, daß Frau Wedemeier mit dem Essen auf sie wartete.

Nun erfaßte sie doch eine leichte Unruhe. Vielleicht hatte ihre Tochter auf dem Weg nach Hause einen Unfall gehabt? Womöglich war sie so schwer verletzt worden, daß sie ihren Namen nicht mehr sagen konnte. Aber der stand doch auf ihrer Schultasche und auch auf den Schulheften.

Sie sah plötzlich die Schultasche ihrer Tochter auf der Fahrbahn liegen, wie sie von den Zwillingsreifen eines Lastwagens zerfetzt worden war. Sie mußte an ein kleines Schulmädchen denken, das sie in der Notaufnahme des Krankenhauses gesehen hatte, als sie während ihres Medizinstudiums dort ein Praktikum machte. Ich muß mich zusammenreißen, dachte sie, und atmete tief durch. Wieder griff sie zum Telefonhörer, und diesmal wählte sie die Nummer des Polizeinotrufs.

Nach dem vierten »tüüt« hörte sie es klicken, und dann sagte eine ungemein gelangweilte Stimme: »Polizeinotruf.«

Evelyn Sieberts Gedanken begannen plötzlich zu rasen, aber mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zwang sie sich zur Ruhe.

»Siebert. Evelyn Siebert«, sagte sie. »Ich...äh, meine Tochter hat vor zwei Stunden schon Schluß in der Schule gehabt und ist bis jetzt noch nicht nach Hause gekommen. Können Sie mir vielleicht sagen...ich meine, wissen Sie vielleicht etwas von einem Verkehrsunfall?«

Pause.

»Vor zwei Stunden, sagen Sie, hat sie Schulschluß gehabt? Ja, kann sie da nicht nach der Schule irgendwo hin gegangen sein? Wie alt ist Ihre Tochter denn überhaupt?«

»Sie ist acht.« Evelyn Siebert wickelte sich die Schnur des Telefons um den Zeigefinger.

»Acht«, sagte der Polizist nach einer längeren Pause, »ah ja. Könnte sie denn nicht mit einer Schulfreundin...«

Evelyn Siebert fühlte die Wut über diesen begriffsstutzigen Beamten mit seiner langatmigen Sprechweise in sich aufsteigen.

»Nein, nein!« sagte sie ungeduldig. »Das habe ich doch schon alles versucht. Sie ist nirgendwo zu finden. Können Sie denn nicht feststellen, ob sie vielleicht einen Unfall gehabt hat?«

»Natürlich können wir das feststellen.« Die Stimme am anderen Ende klang beleidigt.

»Auf welcher Schule ist sie denn?«

»Gorch-Fock«, schrie Evelyn Siebert fast. Sie hatte sich inzwischen restlos mit der Telefonschnur verheddert. Ich bin nervös, dachte sie.

»Auf der Gorch-Fock-Schule. Ah ja«, sagte die langsame Stimme. Es gab wieder eine Pause.

»Sagen Sie, wie heißt denn Ihre Tochter mit Vornamen?«

»Verena«, antwortete sie und versuchte, ihre Wut zu unterdrücken.

»Und wann ist sie geboren?«

Als ob das so wichtig wäre, dachte Evelyn Siebert. Sie nannte ihm das Geburtsdatum. Er bat sie, einen Moment zu warten.

Es klickte wieder ihm Hörer. Es kam ihr vor, als hätte es eine halbe Stunde gedauert, bis der Polizeibeamte sich wieder meldete.

»Nein, Frau Siebert. Einen Unfall hat sie nicht gehabt. Jedenfalls ist sie nicht in ein Krankenhaus eingeliefert worden.«

Diesmal war es Evelyn Siebert, die eine längere Pause entstehen ließ.

»Dann möchte ich eine Vermißtenanzeige machen«, sagte sie. »Sie müssen sie suchen.«

Dafür sei ihr Polizeirevier zuständig, bekam sie zu hören. Sie bat den Mann, sie weiter zu verbinden. Wieder gab es eine Pause.

»Verbinden?« Er klang erstaunt. »Das geht nicht. Da müssen Sie schon direkt anrufen.«

Er gab ihr die Nummer des Reviers. Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, drückte sie die Gabel des Telefons herunter und wählte die Nummer.

Eine unbestimmte Erregung stieg in ihr auf, aber diesmal war es die Empörung über das Desinteresse der Polizei.

 

3.

Dr.Wolfram Siebert blickte aus seinem Bürofenster und starrte ins Leere. So sah er weder das grau gestrichene Uboot, das langsam die Kieler Förde hinabglitt, noch die blau und orange gestrichenen Kräne der Howaldtswerft.

»Und was hat die Polizei gesagt?« fragte er seine Frau.

»Wir sollen uns keine Sorgen machen!«

Sie lachte bitter. »Ich fahre jetzt ‘rüber und bringe ihnen das Foto.«

Siebert nahm den Telefonhörer in die andere Hand.

»Ja.« Erblickte weiter aus dem Fenster. »Vielleicht hat sie ja nur etwas Spannendes gesehen oder...vielleicht ist sie mit jemandem aus der Schule losgezogen.«

»Wolfram, Verena ist acht.« Seine Frau klang wütend.

Wolfram Siebert gab sich einen Ruck.

»Na gut«, sagte er, »ich rufe mal von Estorff an.«

Er besprach Probleme am liebsten auf höchster Ebene, und selbstverständlich hatte er auch zur Polizei einen entsprechenden Draht. Er suchte sein Telefonverzeichnis und blätterte, bis er den Namen ‘von Estorff, Werner’ gefunden hatte. Die dazugehörige Nummer hätte sich in keinem Telefonbuch Kiels finden lassen. Es war eine geheime Behördennummer.

»Rose, Büro Kriminaldirektor von Estorff.«

Die Stimme der Sekretärin hatte den Hauch eines geöffneten Kühlschranks. Wenn ein Kühlschrank denn eine Stimme gehabt hätte.

Siebert nannte seinen Namen und wurde sofort weiter verbunden. Er erkannte sofort die gleichermaßen freundliche wie dynamische Stimme von Estorffs.

»Wolf! Das ist eine Überraschung. Was gibt’s? Hat Evelyn mal wieder falsch geparkt?«

»Laß die Witze bitte«, sagte Siebert. »Verena ist verschwunden.

»Wie - verschwunden? Könntest Du das bitte etwas genauer erklären?«

Wolfram Siebert war seit jeher der Meinung gewesen, zu den Erfolgsvoraussetzungen eines Managers und Unternehmers gehörten eine schnelle Auffassungsgabe und ebenso die Fähigkeit, anderen Tatbestände schnell und konkret mitzuteilen, und so hatte er den Kriminaldirektor Werner von Estorff, Leiter der Abteilung für politische Delikte im Kriminalpolizeiamt des Innenministeriums, innerhalb von zwei Minuten über das ins Bild gesetzt, was ihm seine Frau gerade am Telefon berichtet hatte.

Kriminaldirektor von Estorff hatte an sich dienstlich überhaupt nichts mit verschwundenen Kindern zu tun, aber da er einen gewissen gesellschaftlichen und manchmal auch dienstlichen Umgang mit Wolfram Siebert pflegte, nahm er sich der Sache an.

 

4.

»Dicke Luft, Kollegen!«

Polizeiobermeister Humpert rollte mit den Augen, als er das Wachlokal der Revierwache am Kieler Hindenburgufer betrat.

»Wer hat mit der Tante mit dem vermißten Kind geredet?«

Ein junger Polizist, der an einer der Fensterbänke lehnte, drehte sich zu ihm um.

»Schulz. Der ist gerade Pommes holen. Das Foto von der Kleinen habe ich hier.«

»Der Chef hat gerade einen Anruf aus dem Innenministerium gehabt«, sagte Humpert. »Ganz hohes Tier. Wir sollen Dampf machen. Warum wir noch keine Suchaktion eingeleitet haben.«

»Ach du meine Güte!« Humperts Kollege Behrends stieß sich vom Schreibtisch ab und rollte auf seinem Drehstuhl zum Tresen. »Wer ist denn das überhaupt, der Siebert? Dr. Siebert?«

Humpert zuckte die Achseln.

»Irgend so ein wichtiger Industrieller. Data Equipment heißt der Laden.« Er hatte Mühe, das englische Wort auszusprechen. »Rüstungselektronik oder so. Der Chef meint, es bestünde die Möglichkeit einer Entführung. Wir sollen den ganzen Weg zwischen Schule und Elternhaus absuchen. Am besten gleich die ganze Gegend.«

Humpert lockerte den Gürtel seiner Diensthose und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Schade, daß es bei uns keine Hosenträger zur Uniform gibt, dachte Behrends. Er würde aussehen wie ein Dorfpolizist bei Astrid Lindgren.

»Ist klar«, seufzte er dann und griff zum Mikrophon der Funksprechanlage. Er fragte sich, was die Polizei wohl finden sollte.

In der Gegend um den Niemannsweg wunderte sich niemand über die Streifenwagen, die betont langsam durch die stillen Straßen rollten. Die haben mal wieder nichts Besseres zu tun, dachte ein rotgesichtiger Rentner, der mit seinem Dackel auf dem Weg ins Düsternbrooker Gehölz war.

Als der grün-weiße Audi mit den beiden völlig desinteressiert dreinschauenden Polizisten an ihm vorbeigefahren war, zog er genüßlich hoch und spuckte auf die Straße. Ein paar Meter weiter, vor der Kreuzung mit der Caprivi-Straße, stieß er mit dem Fuß ein kleines Stück zerbrochenes, durchsichtiges Plastik vom Gehweg auf die Fahrbahn herunter.

Ein guter Kriminaltechniker hätte nach einigen Nachforschungen feststellen können, daß es einmal zur Innenbeleuchtung eines VW-Golf, Baujahr zwischen den Werksferien 1978 und Weihnachten 1981, gehört hatte.

Evilyn Siebert saß zu dieser Zeit zu Hause im Wohnzimmer und machte sich nun ernsthaft Sorgen.

Es war inzwischen halb fünf und fast völlig dunkel geworden. Draußen hatte ein feiner Nieselregen eingesetzt und der Wind trieb die Wassertröpfchen durch die Straßen. Es war das, was die Leute südlich der Elbe ein typisches Holsteiner Wetter nannten. Die Kieler nahmen es kaum wahr. Auf der anderen Seite der Förde verschwanden die Lichter auf dem Gelände der Werft von HDW hinter einem Schleier aus Sprühregen, und in den Straßen der Innenstadt standen die Autos wie immer am Nachmittag um diese Zeit Stoßstange an Stoßstange.

Wolfgang Siebert saß in seinem Büro im Verwaltungsgebäude der Data Equipment GmbH am Ostufer und hörte das Dröhnen der Niethämmer auf der Werft.

Er sah einen weißen Fördedampfer Kurs auf Laboe nehmen und beobachtete die grünen und roten Positionslichter, bis sie von den Pappeln verschluckt wurden, die das Gelände seiner Firma von der Werft trennten

Im Kieler Kriminalpolizeiamt starrte Kriminaldirektor von Estorff wütend auf sein Telefon.

Dieser kleinkarierte Beamte wird noch Ärger bekommen, dachte er.

›Dieser kleinkarierte Beamte‹ war der Kriminalkommissar Erwin Brandt, mit dem er gerade telefoniert hatte. Brandt war der zweite Mann im Dezernat 12 »Delikte am Menschen« der Kieler Kripo-Direktion, die auch für Entführungen zuständig war.

›Ich bitte Sie, Herr Kriminaldirektor‹, hatte ihm Brandt gesagt, ›es gibt doch noch überhaupt keine Anzeichen für eine Entführung.‹ Wenn dem Kind etwas passiert sei, wäre ein Sexualdelikt sicher wahrscheinlicher. Zumal es ja noch nicht einmal den kleinsten Hinweis gab, keine Lösegeldforderung, nichts. Da sei es doch wohl das Beste, erst einmal nach der üblichen Verfahrensweise vorzugehen.

Eingebildeter Schnösel, dachte Brandt, nachdem er den Hörer mit einem ›Ja, Herr Kriminaldirektor, ich halte Sie auf dem Laufenden‹ auf die Gabel geknallt hatte.

»Von Estrich« hieß der Kriminaldirektor bei den unteren Rängen der Kieler Kripo nur noch, nachdem er vor zwei Jahren bei der Besichtigung der Baustelle eines neuen Nebengebäudes des Ministeriums von einer Holzplanke abgerutscht und bis zu den Knöcheln im noch feuchten Beton versunken war. Unzählige Witze hatten damals die Runde gemacht, daß in Kiel nicht die Mafiosi, sondern die Polizisten mit den Füße in einem Betonklotz im Hafenbecken versenkt würden. Sogar die Lokalzeitung hatte den Vorfall süffisant erwähnt, was das Verhältnis zwischen dem Blatt und dem Kriminaldirektor nachhaltig getrübt hatte.

Zum Glück, dachte Brandt, ist der Chef nicht da. Der wäre wahrscheinlich gleich losgerast. Hauptkommissar Wilfried Dethlefsen, der dynamische Chef des Dezernats 12 und zur Zeit auch noch diensthabender Leiter des ganzen Dezernats, war allseits für seine guten Beziehungen ins Ministerium und zu von Estorff bekannt. Beide waren auch Mitglieder der Regierungspartei, die in Schleswig-Holstein schon so lange regierte und so mit der Verwaltung verwoben war, daß zynische Polizeibeamte gelegentlich spotteten, sie sei die größte kriminelle Vereinigung im Land.

Seit dem Ende der großen Demonstrationen gegen das Kernkraftwerk in Brokdorf an der Unterelbe und der Verhaftung von zwei Terroristen im Sachsenwald hatte von Estorffs Staatsschutz nur noch mit alltäglichem Kleinkram zu tun. Das Land zwischen Nord- und Ostsee schien Terroristen offensichtlich zu unbedeutend, und selbst die von militanten Kernkraftgegnern umgesägten Strommasten ließen sich an einer Hand abzählen.

Von Estorff bedauerte es auf jeder Tagung mit Kollegen aus anderen Bundesländern wieder, nicht mit so spannenden Geschichten aufwarten zu können, wie die Abteilungsleiter mancher Landeskriminalämter. Nicht einmal einen richtigen Flughafen gab es im Land. Manchmal versuchte von Estorff sich vorzustellen, welchen Wirbel es machen würde, wenn auf dem Flughafen Kiel-Holtenau zwei international gesuchte Topterroristen mit Waffen und Sprengstoff im Gepäck festgenommen würden.

Auf dem Flug nach Berlin zum Beispiel. Oder nach Frankfurt oder nach Kopenhagen. Mehr Flüge gab es von Holtenau aus nämlich nicht.

Vor zwei Monaten hatte die Staatsschutzabteilung um Haaresbreite einen solchen Erfolg gehabt. Auf Bitten der schwedischen Polizei hatte man einige Tage lang die Autofähren nach Schweden bewacht, da mit dem Einsickern einiger verdächtiger Palästinenser nach Schweden gerechnet wurde. Tatsächlich tauchte einer der Tarnnamen einer bekannten arabischen Aktivistin auf den Buchungslisten der Göteborg-Fähre auf.

Der Chef der Ermittlungsgruppe, Hauptkommissar Heidthausen, hatte dann allerdings seinem Chef das Konzept verdorben, als er bei einer Nachfrage herausfand, daß die besagte Leila Nahmed erst zwölf Jahre alt und das Kind syrischer Gastarbeiter war, die Verwandte in Schweden besuchen wollten.

Erwin Brandt ahnte nichts von den Gedankengängen des Kriminaldirektors, aber er wußte, daß von Estorff überall im Haus dafür berüchtigt war, auf der Suche nach »politischen Hintergründen« seine Nase in alle erreichbaren Vorgänge zu stecken.

 

5.

Das kleine Mädchen hatte zu weinen aufgehört. Es sah sich ängstlich in dem dunklen, feuchten Kellerraum um, in dem es sich seit fast fünf Stunden befand. Es konnte nicht viel sehen, denn das einzige Licht im Keller kam durch ein kleines Fenster unterhalb der Kellerdecke, das mit dichtem Fliegendraht überzogen und mit alten Säcken verhängt war.

Es hörte Schritte auf der Kellertreppe, und dann ging die Tür auf. Die Frau, die hereinkam, hatte ein Halstuch vor dem Gesicht, das ihr bis über die Nase ging, und sie trug eine große dunkle Sonnenbrille.

Das Mädchen sprang auf und krallte sich an der Frau fest, die darauf fast das Tablett fallen gelassen hätte, das sie in den Händen trug.

»Ich will nach Hause!« schrie das Mädchen und fing wieder an zu weinen.

»Du kannst noch nicht nach Hause«, sagte die Frau mit ärgerlicher Stimme, »iß jetzt etwas!«

Sie balancierte das Tablett zu der großen Holzkiste, die in der Ecke stand und wäre in der Dunkelheit fast über eine alte Harke gestolpert, die auf dem Boden lag. Sie stellte das Tablett ab, machte sich von dem Mädchen los und ging zurück zur Tür.

»Ich mache Dir jetzt das Licht an, solange Du ißt«, sagte sie und zog die Tür wieder zu. Der Schlüssel wurde im Schloß herumgedreht und die Schritte auf der Kellertreppe entfernten sich wieder.

Das kleine Mädchen dachte an Frau Wedemeier, wie sie zu Hause am Niemannsweg stand und das Essen in der Küche machte, sie dachte an ihre Eltern und an den großen roten Plüschelefanten, der auf ihrem Bett saß, und dann fing sie wieder an zu weinen.

Die Frau hatte inzwischen das Tuch und die Sonnenbrille auf den Küchentisch gelegt und steckte sich eine Zigarette an.

Sie trug Jeans und einen billigen blau-rot gestreiften Pullover, und ihre Hüften waren ein bißchen zu breit.

»Wir sollten ihr morgen irgend etwas zum Spielen besorgen«, sagte sie, »dann wird sie bestimmt ruhiger.«

Der Mann, der am Küchentisch saß, sah sie an. Sie sollte keine quergestreiften Pullover tragen, dachte er.

»Dann hol’ ihr eben was«, sagte er.

6.

Auch ohne Blick auf den Kalender wußte jeder, daß Samstag war. Den ganzen Vormittag über wälzten sich Zehntausende durch die Straßen der Kieler Innenstadt. In der Holstenstraße, der langen Fußgängerzone nur ein kleines Stück vom Hafen entfernt, mußte im Zickzack laufen, wer es eilig hatte.

Alle paar Meter ballten sich Trauben von Menschen vor den Auslagen in den Schaufenstern zusammen. Andere standen zusammen und redeten, oder sie versuchten, mitten im Gedränge Brötchen mit grellrosa gefärbten Lachsersatz zu verschlingen, ohne daß dabei allzuviele Zwiebelringe auf das Pflaster fielen. Der Nieselregen hatte in der Nacht aufgehört und der Himmel war stahlblau. Das ist selten an einem Novembersamstag in Kiel, und deshalb hatte sich tatsächlich trotz der vorgerückten Jahreszeit ein Straßensänger mit seiner Gitarre nach draußen gewagt.

Der Geschäftsführer des Herrenbekleidungsladens, vor dessen Eingang der Sänger sich aufgestellt hatte, überlegte sei zwei Stunden, ob er die Polizei rufen oder besser den Mann mit einem Zwanzigmarkschein bestechen sollte, mit seinen Darbietungen auf zuhören.

Der Mann sang und spielte seit zwei Stunden abwechselnd »Blowin’ in the Wind« und »Satisfaction«.

Evilyn Siebert vermied es gewöhnlich, sich am Samstagvormittag durch die Stadt zu quälen. Das tat sie nur, wenn der Terminkalender ihres Mannes es zuließ, ausnahmsweise einmal einen Familienausflug durch die Spielzeugläden und Kinderbekleidungsboutiquen der Innenstadt zu machen. Ihre Tochter benahm sich jedesmal wie im siebten Himmel, wenn ihr Vater ein paar Stunden Zeit für sie hatte.

Aber Verena Siebert war seit ziemlich genau achtundvierzig Stunden spurlos verschwunden.

Sie hatte wie an jedem Donnerstag ein paar Minuten nach halb zwölf den Schulhof der Gorch-Fock-Schule verlassen. Die ersten hundert Meter war sie wie immer mit einem anderen Mädchen aus ihrer Klasse zusammen gegangen, und dann hatten sich - wie immer - ihre Wege an der Kreuzung mit dem Rechenbachkamp getrennt.

Alles war genauso gewesen wie an jedem Donnerstag seit Schuljahrsbeginn. Nur mit dem Unterschied, daß Verena Siebert an diesem Donnerstag nicht zu Hause angekommen war.

Kriminalkommissar Erwin Brandt war am Frühstückstisch ausgesprochen mürrisch und wortkarg gewesen.

Der dienstfreie Samstag hatte ein längeres, gemeinsames Frühstück mit seiner Frau zur Folge, und Erwin Brandt konnte einem Tagesbeginn nichts abgewinnen, bei dem er eineinhalb Stunden lang dem Redefluß seiner Frau ausgesetzt war. Er fragte sich, ob das Wochenende tatsächlich dienstfrei bleiben würde, denn seine Schicht des Dezernats stand bis zum Sonntagabend in Rufbereitschaft.

Am Abend zuvor war er erst kurz vor halb elf nach Hause gekommen. Wie üblich war das Essen kalt geworden, das Hannelore Brandt vorbereitet hatte, und wie üblich hatte sie ihn gefragt, ob er der einzige Beamte in der Mordkommission wäre, da er offensichtlich alle Arbeiten selbst machen müsse.

Er hatte es aufgegeben, mit ihr darüber zu streiten.

Am frühen Freitagabend hatte es eine Schlägerei in einer Kleingartenkolonie in der Nähe des Universitätsgeländes gegeben. Eine feucht-fröhliche Runde von »Kleingartenfreunden der Eisenbahn von 1913 e.V.« war aneinandergeraten. Soweit es sich noch feststellen ließ, waren ein paar zotige Bemerkungen der einen Seite über die Ehefrauen der anderen der Auslöser gewesen. Oder der Frauen der anderen Seite über die Ehemänner der einen.

Ganz genau konnte das nicht mehr ermittelt werden. Jedenfalls hatte einer der Beteiligten versucht, seinem Kontrahenten mit einer Bierflasche auf den Kopf zu schlagen. Beim dritten oder vierten Versuch - die Zeugen waren sich nicht ganz einig - waren die Flasche und die Schädeldecke des Opfers schließlich arg in Mitleidenschaft gezogen worden.

Obwohl das juristisch eher eine gefährliche Körperverletzung war und kaum ein versuchter Totschlag, hatte die Schutzpolizei die Kriminalpolizei hinzu gerufen.

Brandt vermutete, daß sich das Gericht mit einer Verurteilung wegen vorsätzlichen Vollrausches vor einem endlosen Gutachterstreit über die Zurechnungsfähigkeit des Täters retten würde.

Ansonsten war die Woche recht ereignislos gewesen, jedenfalls für die Kieler Mordkommission. Der Fall Verena Siebert galt für sie noch nicht als Fall. Ein Kind war verschwunden - polizeilich eine Vermisstensache, solange es keine Anhaltspunkte gab, die auf ein Verbrechen schließen ließen.

Erwin Brandt mochte keine vermißten Kinder. Wenn es sich nicht bloß um einen Ausreißer handelte, konnte ein vermißtes Kind nur ein Verbrechen bedeuten. Meistens ein Sexualdelikt, denn Kindesentführung zur Lösegelderpressung ist in Deutschland ein eher seltenes Verbrechen.

Seine Vorahnung, daß das Wochenende nicht ungestört bleiben würde, erwies sich schon um kurz nach zwölf als richtig. Kriminaldirektor von Estorff bestätigte sie, als er Brandts Chef Wilfried Dethlefsen mit einem Telefonanruf aus der Sporthalle holte, in der er gerade mit einer stadtbekannten Industriellentochter Squash spielte.

Unter einigen Zeitungen und der Privatpost, die Evilyn Siebert kurz nach elf aus dem Briefkasten genommen hatte, war ein Erpresserbrief gewesen.

 

7.

Die Frau, die aus dem Fenster auf die Knicks vor dem Molfseer Gehölz blickte, war 37 Jahre alt. Hätte sie sich in diesem Augenblick im Spiegel betrachtet, wäre ihr aufgefallen, daß ihr Gesicht von einer starken Nervenanspannung gezeichnet war.

Sie hatte Schatten unter den Augen, als hätte sie zwei Nächte nicht geschlafen, und ihre schulterlangen dunkelblonden Haare waren fettig. Ihre Finger waren gelblich braun vom Nikotin der vielen Zigaretten, die sie in den letzten Tagen geraucht hatte. Sie wandte sich um und sah auf die Packung mit Buntstiften, die auf dem Wohnzimmertisch lag. Zwölf Buntstifte, kaum länger als eine Filterzigarette, von zitronengelb bis dunkelblau sortiert.

Papier, dachte sie, ich habe Papier vergessen. Ich hätte einen Zeichenblock kaufen sollen.

Ihr Blick wanderte durch das Zimmer und blieb an einem Stapel alter Zeitungen und Zeitschriften hängen, die neben dem Fernseher lagen. Unter den obersten sieben oder acht Zeitschriften lag ein abgegriffener Leitzordner.

Sie zog ihn heraus und schlug ihn auf. Canis-Verlag Heidelberg stand oben auf dem Deckblatt. Loseblattsammlung Hundeerziehung, Teil drei, der deutsche Schäferhund als Wachhund. Schäferhunde passen zu ihm, dachte sie. Eigentlich komisch, daß er sich keinen hält.

Sie blätterte weiter. Die Rückseiten der Blätter waren unbedruckt. Sie nahm einen ganzen Packen der Blätter aus dem Ordner und schob ihn dann wieder in den Stapel zurück.

Als die Frau die Kellertür aufschloß, saß das kleine Mädchen mit ängstlichen Augen in die Ecke gekauert.

Der Teller mit dem Tablett, das auf der Kiste stand, war leer, und auch das Glas Milch war ausgetrunken,

»Na also«, sagte sie, »es geht doch.

---ENDE DER LESEPROBE---