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Der Tatort ist so abgelegen, daß die Kriminalpolizei erst einmal mit Hilfe der GPS-Koordinaten klären muss, welche Dienststelle denn überhaupt für den vermeintlichen Mordanschlag zuständig ist. Eberhard Werthenfels, leidenschaftlicher Jäger und Immobilien-Spekulant im Lauenburgischen, bleibt bemerkenswert gefasst, nachdem er in seinem Revier von einem Unbekannten angeschossen wurde. Schnell scheint klar, daß der »Saukerl«, der nichtsnutzige Liebhaber seiner fünfundzwanzig Jahre jüngeren Ehefrau den Mordanschlag verübt hat. Doch das Team um den Lübecker Ersten Kriminalhauptkommissar Bernd Kannengießer muss bald erkennen, daß vieles nicht so ist wie es zunächst aussieht, und ein erster Mord zieht bald einen zweiten nach sich...
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Alle Personen und Geschehnisse in diesem Kriminalroman sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Personen oder wahren Ereignissen wären daher vollkommen unbeabsichtigt.
Zufällig wären sie indessen nicht unbedingt. Jeder Autor wird von dem inspiriert, was er tagtäglich in der Zeitung liest oder an der Supermarktkasse beobachtet, und beutet es gnadenlos für seine Geschichten aus. Und so wandert der Autor denn auch manchmal ohne Arg und ohne Böses im Schilde zu führen durch die Welt und hält an einer Stelle plötzlich inne, weil er denkt: Dies ist der Platz, der einfach danach schreit, daß an ihm in einer Kriminalgeschichte das Opfer eines Mordes gefunden wird.
»Some figures elbow their way into a novel and sit there until the writer finds them a place.«
(Einige Figuren drängeln sich so lange mit den Ellbogen in einen Roman und sitzen dort herum, bis der Autor einen Platz für sie findet.)
John LeCarré im Vorwort zu seinem Spionageroman
»The Honourable Schoolboy«
1.
Es regnete Bindfäden, und was den Regen noch unangenehmer machte war der kräftige Wind, der aus Richtung Westen über das Land blies.
Sie war vom Klappern des Fensters aufgewacht und griff vorsichtig zu ihrer Armbanduhr, die auf der alten, zweckentfremdeten Teekiste lag, die als Ersatz für einen Nachtschrank neben dem Bett stand. Dem Bett, das nichts weiter war als eine mit einem Spannlaken überzogene zwei mal zwei Meter Schaumstoffmatratze, die auf einer Konstruktion aus zusammengeschraubten Europaletten lag.
Es war kurz vor acht. Sie richtete sich leise im Bett auf und sah auf Krockow herunter, der auf dem Rücken lag und ruhig und gleichmäßig atmete. Kräftige, von der Sonne gebräunte Muskeln, und immer noch ein Waschbrettbauch, dabei war er auch schon 38. Draußen war es so dunkel, daß man am liebsten das Licht angemacht hätte, obwohl es Ende August war. Hochsommer. Oder schon Spätsommer? Jedenfalls ein weitgehend verregneter Sommer, dieser Sommer des Jahres 2011.
Ob ihr Mann bei diesem Wetter tatsächlich auf die Jagd gegangen war? Fest vorgehabt hatte er es, er versuchte, an zwei Sonntagen im Monat morgens mit dem ersten »Büchsenlicht«, wie er es nannte, auf einem der Hochsitze in seinem Revier zu sitzen, koste es, was es wolle. Aber bei diesem Wetter? Sie war sich nicht einmal sicher, ob man bei so einem Wetter genug sehen konnte, um am Waldrand irgendein Reh oder Wildschwein zu erschießen.
Ihr Mann hatte schnell begriffen, daß sie sich nicht für die Jagd interessierte, nicht für den Jäger-Jargon, für’s »abblasen« und »abfedern«, für »Rotten« und »Schaufeln« und »Sulze«. Nicht daß sie moralisch etwas dagegen einzuwenden gehabt hätte, Tiere zu töten um sie anschließend zu essen. Aber das jägerische Gehabe der Jagdbegeisterten und besonders der jagdbegeisterten Freunde ihres Mannes fiel ihr schnell auf den Wecker. Ihr Mann war klug genug, sie nicht mehr als vermeidbar damit zu behelligen. Ihre Ehe beruhte auf einigen klaren und letztlich sehr rationalen Abmachungen.
Das dachte sie jedenfalls.
Krockow ging auch auf die Jagd.
Allerdings nicht im schicken jägergrünen Lodendress, sondern in einem alten, vielfach geflickten Bundeswehrtarnanzug, und auch nicht im ersten morgendlichen Büchsenlicht, sondern im Lichtkegel der Scheinwerfer seines alten Mitsubishi Galloper, oder mit einem Nachtsichtgerät aus alten NVA-Beständen, mitten in der Nacht, schnell, heimlich, und so leise wie möglich.
Wenn Krockow jagen ging, wurde keine »Strecke« nach Ende der Jagd feierlich abgeblasen, sondern das erschossene Reh oder Wildschwein an Ort und Stelle schnell in drei oder vier handlichere Teile zerlegt, die in blaue Müllsäcke verpackt im Kofferraum des Geländewagens landeten, der mit schwarzer Teichfolie ausgelegt war, damit keine verräterischen Blutspuren zurückblieben.
»Mein Mann jagt«, hatte sie Krockow einmal erzählt, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten und das erste Mal zusammen in’s Bett gegangen waren. »Ich auch«, hatte er gesagt, und auf ihre erstaunte Nachfrage erklärt, daß er sich einfach am Reichtum der Wälder bediene, um gut zahlende Gastwirte zwischen Nord- und Ostsee mit Reh-, Hirsch- oder Wildschweinfleisch zu beliefern, oder gelegentlich auch mit ein paar Fasanen.
»Mit welchem Recht nehmen Leute für sich in Anspruch, wilde Tiere seien ihr Eigentum, nur weil die zufällig heute hier und morgen woanders im Wald herumlaufen?« hatte er gefragt.
»Ich vögele also mit einem echten Wilderer«, hatte sie grinsend gesagt, und sich auf ihn gesetzt, nackt, genauso wie er. Er hatte sie mit einem brutalen Griff unter sich verfrachtet und »Und macht es Spaß, mit einem Wilderer zu ficken?« gefragt, während er ihre Handgelenke fest umklammert auf die Matratze drückte.
Krockow mochte es nicht, wenn eine Frau oben lag.
Sie blickte auf das Fenster, das immer noch im Wind klapperte. Ein altes, einfach verglastes Holzfenster, verwittert, vor vielen Jahren zum letzten Mal gestrichen. Der Wind zog hindurch, wie bei allen Fenstern in Krockows Haus. Ein alter Resthof, der vor fünfzig Jahren seine besten Tage gesehen haben mochte, und jetzt zunehmend verfiel.
Sie zog die Bettdecke bis zu den Schultern hoch. Zu Hause hätte sie jetzt die Heizung angedreht, die zuverlässig auch im August funktionierte. »Ich werde erst zum Winter wieder Heizöl besorgen«, hatte Krockow gesagt, als sie sich über die Kälte im Haus beklagte. »Und wenn du frierst, dann werde ich dich schon aufwärmen!«
Es war egal, ob ihr Mann an diesem Sonntag zur Jagd gegangen war oder nicht, so oder so ging er davon aus, daß sie die Nacht in Hamburg bei ihrer Freundin Isabell de Gauthier verbrachte, ihrer besten Freundin. Isa wusste zwar nicht, wo sie war und mit wem sie die Nacht verbrachte, aber sie würde jeden Anruf ihres Mannes auf dem Anrufbeantworter auflaufen lassen, und ihn später zurückrufen, spät genug, um sagen zu können ›Anne ist schon auf dem Weg nach Hause, sie müsste bald zurück sein‹.
Aber ihr Mann hatte noch niemals bei Isa angerufen, um nach ihr zu fragen, obwohl sogar Isas Telefonnummer im Telefon auf einer Kurzwahltaste einprogrammiert war, und sie konnte sich auch nicht vorstellen, daß er das jemals tun würde.
Sie schlug die Bettdecke zurück und stand auf. Kaffee kochen, um wach zu werden, und um sich aufzuwärmen.
Sie ging nackt durch das Schlafzimmer. Als sie die Tür zur Diele öffnete, hörte sie hinter sich Krockows Stimme.
»Stop.«
Unwillkürlich blieb sie stehen.
»Hierher.«
Sie zögerte, obwohl sie genau wusste, was sie tun würde.
»Hierher«, sagte Krockow.
Sie drehte sich um und ging zum Bett zurück. Irgendetwas hatte er in seiner Stimme, das es ihr unmöglich machte, seinem Befehl nicht zu folgen.
2.
Eberhard Werthenfels hatte sich seit zwei Stunden nicht mehr bewegt. Der Regen lief in Sturzbächen über die Frontschreibe des Range Rover, den er etwa fünfzig Meter von dem Resthof entfernt in der Einfahrt zu einem kleinen Waldweg geparkt hatte. Die Sicht reichte gerade aus, um im Blick behalten zu können, ob jemand das Haus betrat oder verließ. Und für alle Fälle hatte er das starke Zeiss-Fernglas, das neben ihm auf dem Beifahrersitz lag.
Es fiel Werthenfels nicht schwer, stundenlang still zu sitzen und zu warten. Für einen Jäger war das nicht ungewöhnlich, er saß regelmäßig auf einem der Hochsitze in seinem weitläufigen Jagdrevier, und im Grunde war dies auch nichts anderes als ein Anpirschen auf der Jagd.
Etwa dreihundert Meter weiter in den Wald hinein zeigte eine verrostete, ehedem rot-weiß gestreift Schranke an, daß an dieser Stelle der Ausläufer des Staatsforstes endete und der Werthenfels’sche Forst begann. Wie es aussah, würde er die restlichen paar Hektar spätestens im kommenden Jahr dem Land abkaufen können. Dann wäre der Resthof von Bernd Krockow an drei Seiten von seinem Grund und Boden eingerahmt, und zur vierten Seite von der Kreisstraße begrenzt.
Eine völlig überflüssige Ironie.
Die Haustür öffnete sich. Werthenfels sah auf die Uhr in der Mittelkonsole. Es war halb zehn.
Annegret Werthenfels lief durch den Regen zu dem silbernen Mercedes SLK, wobei sie sich ihre Jacke über den Kopf hielt, um sich vor der Nässe zu schützen, ein sinnloses Unterfangen, denn als sie am Auto angelangt war, mußte sie die Jacke herunternehmen, um den Autoschlüssel herauszuholen. Sie warf die Jacke ins Auto, stieg ein und schlug hastig die Tür zu. Einen Moment später fuhren die Scheibenwischer des SLK über die Frontscheibe.
Werthenfels ließ den Motor des Range Rover an. Er sah, wie die Scheinwerfer des SLK aufleuchteten und der Wagen von dem mit Schlammpfützen übersäten Hof auf die Kreisstraße einbog. Sie fuhr in die Richtung der Villa.
Er zögerte eine halbe Minute, dann bog er in der entgegengesetzten Richtung auf die Kreisstraße ein. Er wollte es nicht riskieren, daß sie den Range Rover im Rückspiegel erkannte. Also umrundete er das etwa fünfhundert Hektar große Waldstück und kam ein paar Minuten nach ihr an der Villa an. Der Regen hatte inzwischen fast aufgehört.
Das Anwesen der Familie Werthenfels lag wenige Kilometer südlich von Ratzeburg und in der Nähe von Mölln. Bis 1989 war die ganze Gegend »Zonenrandgebiet« gewesen, ein Wurmfortsatz des Bundeslandes Schleswig-Holstein, fast zur Hälfte umgrenzt von der DDR. Auf Plattenwegen an der innerdeutschen Grenze patrouillierten hin und wieder die dunkelgrünen Geländewagen des Bundesgrenzschutz, auf der anderen Seite der Grenzanlagen rund um die Uhr die olivgrünen Barkas-Kleinbusse der DDR-Grenztruppen.
Die Werthenfels’ lebten seit den Zeiten Otto von Bismarcks in dieser Gegend. Früher von Adel, war ihnen in der Weimarer Republik das »von« vor dem Namen abhanden gekommen, oder vielleicht war das auch in der Hitlerzeit gewesen. So genau mochte in späteren Jahren niemand in der Familie mehr nachfragen. Einer glücklichen Fügung des Schicksals sei Dank hatte sich der Urgroßvater von Eberhard Werthenfels westlich der späteren Demarkationslinie niedergelassen, als gleich nach dem siegreichen Krieg über Frankreich 1871 der gemeinsame Aufstieg des Deutschen Kaiserreichs und der Familie Werthenfels begann. Man munkelte zu fortgeschrittener Stunde am Kamin gelegentlich darüber, dies habe etwas mit einer heimlichen Liaison zwischen einer Urgroßtante Eberhard Werthenfels und dem alten Otto von Bismarck zu tun gehabt, aber das war vermutlich nur Protzerei.
Die Eigentumsverluste im Zweiten Weltkrieg waren jedenfalls überschaubar geblieben, und auch ein paar unerfreuliche Erbauseinandersetzungen in den 70er Jahren hatten genug für Eberhard Werthenfels übrig gelassen. Ein paar hundert Hektar Wald im südöstlichen Schleswig-Holstein, Fischteiche, aus denen heute Freizeitangler am Wochende gegen Kopfgeld Karpfen und Forellen herausholen durften, einige Wohn- und Geschäftshäuser in Lübeck und in Zürich, und die um die Jahrhundertwende gebaute Villa, vor deren Freitreppe Werthenfels den Range Rover gestoppt hatte.
Ein teures Gemäuer, mit hellgelb und weiß gestrichener Fassade, drei Stockwerke mit der für die damalige Zeit typischen Deckenhöhe, mit etlichen Erkern und Türmchen, im Stil der Gründerzeit, an dem ständig etwas zu reparieren war. Aber der Vorteil war neben der Ruhe und Abgeschiedenheit die Nähe zu seinem Jagdrevier.
Eberhard Werthenfels nahm die beiden Jagdgewehre aus dem Kofferraum und blickte auf den silbernen SLK, dessen rechter Hinterreifen halb in dem Rosenbeet stand, das vom rechten Treppenflügel an der Fassade entlang um die Hausecke bis nach hinten in den Park verlief. Er stapfte die Treppe hinauf. Die Eingangstür stand einen Spalt offen.
Auf dem alten dunkelgrünen Ledersessel in der Eingangshalle lag die durchnässte Jacke seiner Frau. Die beiden roten Pumps, die sich ebenfalls voll Wasser gesogen hatten, hatte sie achtlos in die Ecke geworfen. Werthenfels stellte die Gewehre neben der Tür ab und zog den Lodenmantel aus.
Annegret Werthenfels kam die Treppe aus dem ersten Obergeschoss herunter. Über den Jeans trug sie nur ein dünnes Spitzenunterhemdchen. Sie rubbelte sich mit einem Handtuch die Haare trocken.
»Ein fürchterliches Wetter«, sagte sie. »Ich bin nur auf den paar Metern vom Wagen ins Haus klitschnass geworden.«
Werthenfels hängte den Lodenmantel an die Garderobe.
»Jetzt hat es aufgehört zu regnen«, sagte er.
»Warst Du im Revier?« fragte sie. Sie brachte es nicht über sich, »auf der Pirsch« zu sagen. Sie fand es zu albern.
»Ja«, sagte Werthenfels. »Seit heute früh um fünf.«
Sie blickte auf den Lodenmantel an der Garderobe, der knochentrocken war.
»Fürchterliche Fahrt von Hamburg hierher. Man konnte vor lauter Regen kaum die Straße erkennen«, sagte sie.
3.
Man muß etwas tun für sein Geld, stellte sie sachlich fest, als sie die Perlenkette einhakte. Kritisch musterte sie sich im Schlafzimmerspiegel von Kopf bis Fuß. Nicht zu extravagant, aber sexy genug, um für jedermann unübersehbar zu dokumentieren, daß Eberhard Werthenfels, fünfundfünfzigjähriger vermögender Wald- und Immobilienbesitzer und leidenschaftlicher Liebhaber der Jagd auf Rot-, Damm- und Niederwild, ein Meter achtundsiebzig groß und mit unschönem Bauchansatz, stark fortgeschrittenem Haarausfall und gelben Zähnen, sich eine attraktive Dreißigjährige leisten konnte.
Es war ein Nullsummenspiel. Egal ob seine Geschäftsfreunde und -feinde, Honoratioren und Kommunalpolitiker und wer sonst noch wichtig für ihn war nun unterstellten, er müsse wohl seiner deutlich jüngeren und attraktiven Ehefrau irgendetwas besonderes im Bett zu bieten haben, oder ob sie vermuteten, es sei allein das viele Geld, das sie an ihren Mann binde - so oder so festigte es Eberhard Werthenfels’ Ansehen.
Auf jeden Fall war es langweilig. Von ihr wurde erwartet, mit ihrem Gatten zusammen die beiden Gäste zu begrüßen, ein wenig Small-Talk zu machen, dann zu beaufsichtigen, daß die Köchin das Abendessen servierte, während des Essens weiteren Small-Talk zu machen, was aber einfach war, weil die drei Herren in der Runde ohnehin die Unterhaltung bestritten, mit ihren Erzählungen aus dem Geschäftsleben und den Abenteuern auf der Jagd und den regionalen Autobahnen, und schließlich Kaffee und Cognac im »Jagdzimmer« bereitzustellen, alle noch einmal freundlich-einladend anzulächeln, und dann die gläsernen Flügeltüren hinter sich zu schließen und sich zu verabschieden.
Die Geschäfte ihres Mannes, das hatte er ihr vor langem schon deutlich klar gemacht, gingen sie nichts an.
Je nach Dauer des Abends und Menge des Alkoholkonsums entschied sich später in der Nacht, ob noch Sex von ihr erwartet wurde. Je höher der Alkoholpegel stieg, desto unwahrscheinlicher wurde das, immerhin, sie wußte das zu schätzen. Aber das heutige Treffen war eindeutig eine geschäftliche Besprechung, da blieb man hinreichend nüchtern. Eberhard Werthefels mochte alles mögliche sein, aber er war kein Idiot, und auch niemand, der sich wichtige geschäftliche Entscheidungen durch Alkohol oder sonst irgendein Vergnügen vernebeln ließ.
Das sah bei Albert Huchthausen schon anders aus.
Huchthausen war ein fetter, schwabbeliger Bauunternehmer, als gäbe er sich extra Mühe, jedes abgeschmackte Klischee über einen Bauunternehmer aus der Provinz überzuerfüllen. Sie kannte diese Typen noch von früher, als sie als Stewardess auf den Deutschland- und Europa-Strecken der Lufthansa geflogen war. Drei Whiskys auf der Strecke Zürich-Frankfurt, gratis enthalten im Business Class-Tarif, inklusive einem Grapscher nach dem Hintern der Stewardessen. Eisern lächeln.
Wenn man die Zumutungen ins Verhältnis zur Bezahlung setzt, dachte sie, hatte sie mit ihrer Heirat die eindeutig bessere Wahl getroffen.
Huchthausen kam zusammen mit Ungeheuer. Siegfried Ungeheuer, Direktor der örtlichen Land- und Bauernbank. Zu unbedeutend, um den Finger an den Schwarzgeldkonten von Werthenfels oder Huchthausen haben zu dürfen, aber gut genug für die günstige Finanzierung der einen oder anderen Schweinerei vor Ort, abgegolten mit einer schönen Provision. Er war kleiner als Huchthausen und nur halb so dick, schwarze Hornbrille und, sie schaute zweimal hin, um sich zu vergewissern, tatsächlich, Pomade im Haar.
Man mußte etwas tun für sein Geld.
Sie öffnete die Doppeltür zum Speisezimmer, halb Gattin, halb Dienstmädchen, ging den Herren voran, und war sicher, daß ihr alle drei auf den Hintern glotzten.
Werthenfels würde sich, wenn er wollte, später in der Nacht davon überzeugen dürfen, daß sie unter dem straffen, gerade knapp über Knie langen Kostümrock nur ein schmales Bändsel von einem String trug, die beiden anderen mochten das ahnen, hoffen, phantasieren. Ungeheuer hätte sie jederzeit um den kleinen Finger wickeln können, und Huchthausen war schlicht viel zu dumm, um nicht einer attraktiven, jüngeren Frau zu verfallen, wenn sie es richtig anstellte. Eberhard Werthenfels war ein anderes Kaliber, das war ihr klar, und sie war sich nicht sicher, ob das eher für oder gegen ihn sprach.
Kurz vor zehn hatten sich die drei in das Jagdzimmer zurückgezogen, um das Geschäftliche zu besprechen, das der eigentliche Anlass für das heutige Treffen gewesen war.
Annegret Werthenfels warf noch einen Blick in die Küche, wo die Köchin inzwischen fast alle Spuren des Menus mit Spargelcremesuppe, Rehbraten und Mousse au chocolate beseitigt hatte. Nicht gerade einfallsreich, aber immerhin gut und reichhaltig. Bodenständig, hätte ihr Mann gesagt. Ohne »Kinkerlitzchen«.
Sie ging leise hinüber in die Bibliothek, deren größter Teil noch vom literatur- und kunstsinnigen Großvater Eberhard Werthenfels angeschafft worden war, und setzte sich in einen Ohrensessel nahe der kleinen Tür zum Jagdzimmer. Sie konnte die Stimmen der drei durch die geschlossene Tür hören, denn alle drei unterhielten sich mit der dröhnender Lautstärke der Sieger.
Sieger in einem ungleichen Kampf, einem unfairen Kampf, nein, eher einem heimtückischen Raubzug. Sie hatten einem überschuldeten, alten Bauern den Geldhahn zugedreht, was nicht weiter schwierig gewesen war, mit Ungeheuers Hilfe. Einem Mann, dessen Familie ungefähr genauso lange auf eigenem Grund in der Gegend ansässig war wie die Familie Werthenfels. Zu klein für die moderne Landwirtschaft, zu klein, um gegen die Subventionen für die Großen mithalten zu können, dazu ein bißchen ungeschickt gewirtschaftet, und schon war die Zwangsversteigerung angesetzt.
Nach einer kurzen Schamfrist würde dort ein knappes Dutzend »Minivillen« entstehen, für vermögende Anleger und solvente Eigennutzer, von Ungeheuers Bank finanziert, von Huchthausen gebaut, und von Eberhard Werthenfels verkauft. Jeder von ihnen verdiente mehr an diesem Deal als dem ehemaligen Bauern nach der Zwangsversteigerung an Schuldenlast übrigbleiben würde.
Sie dachte an Krockow und seine groben, kräftigen Hände.
4.
Vor ein paar Jahren, dachte der Wirt, wäre zu der Kakophonie der Geräusche und dem undefinierbaren Dunst aus Bier-, Schnaps- und Schweißgeruch noch ein dichter blaugrauer Nebel aus Zigarettenqualm gekommen. Stimmen, manche erkennbar nicht mehr ganz nüchtern, klirrende Gläser, Musikfetzen aus der Musicbox im Nebenraum, das Rumpeln der Kugeln auf der Kegelbahn, das hölzerne Krachen der umstürzenden Kegel, und ein unregelmäßig aufbrandendes »Jaaa!« oder »Oooh!« oder »Uiiih!«
Er sah der Kellnerin zu, die ein Tablett mit Bier- und Schnapsgläsern durch die Tür zur Kegelbahn balancierte. Tina, die neunzehnjährige Tochter des Bauern Stappendiek, die sich abends im Auerhahn ein paar Euro zu ihrem Lehrlingsgehalt hinzuverdiente.
Bis auf Kasch hatten sich die Kegelfreunde an den Resopaltisch in der Ecke des Raumes gesetzt, der unausgesprochen das heilige Refugium der Freiwilligen Feuerwehr von Hennsdorf war. Hennsdorf an der Bundesstraße 203, ein paar Kilometer nördlich des Nord-Ostsee-Kanals, sechzehn Kilometer bis Rendsburg, neunundzwanzig bis Heide, eintausendzweihundertfünfundsiebzig amtlich gemeldete Einwohner, eine Grundschule, eine Tankstelle mit Reparaturwerkstatt, ein EDEKA-Markt, ein Schlachter, der in der ganzen Region für sein gutes Wildfleisch bekannt war, die Niederlassung eines Landmaschinenhändlers mit »Wartungsstützpunkt«, ein paar kleine Handwerksbetriebe und ein Haufen Bauernhöfe. Tagsüber war der EDEKA-Markt der Mittelpunkt des Dorfes, abends dann der Auerhahn.
Mittwochabend trafen sich die Männer der Freiwilligen Feuerwehr Hennsdorf, jedenfalls die aktiven, nachdem sie im »Spritzenhaus« wie jede Woche ihre Ausrüstung und das alte Unimog-Gerätefahrzeug auf Vollständigkeit und Funktionstüchtigkeit überprüft hatten.
Tina sammelte die leeren Gläser vom Tisch, wischte mit einem Lappen die Bier- und Schnapsränder vom Resopal, und verteilte dann den Nachschub an die Runde. Friedrichsen, der Bürgermeister, starrte ihr ungeniert auf den Hintern, als sie sich dazu über den Tisch beugte.
»Nanana!« johlte Pörksen, der Tankstellenbesitzer. »Laß das mal nicht Deine Alte zu Hause sehen!«
»Ach was«, wischte Friedrichsen die Mahnung mit einer ausholenden Handbewegung beiseite, und traf dabei Hermann Ebermann, den Schlachter, an der Schulter.
»Na ja«, sagte Armin Radtke, Inhaber von EDEKA aktiv Markt Radtke, und senkte seine Stimme verschwörerisch, »wir wollen ja lieber gar nicht darüber reden, was manche Weiber so treiben, wenn wir nicht zu Hause sind.«
»Hört, hört!« rief Pörksen. »Wen hast Du denn da im Sinn? Doch nicht etwa Deine Elfriede?«
»Wir können ja den Hermann mal fragen, wo eigentlich das ganze Wildbret herkommt, das er in seinem Laden so verkauft.«
»Was hat denn das damit zu tun?« schnappte Ebermann.
»Mir kann das ja egal sein, und Wildfleisch führen wir sowieso nicht«, sagte Radtke mit verschwörerischer Miene und dreht das Bierglas zwischen seinen Fingern hin und her. »Aber wie ich hörte, bleibt Dein holsteinischer Jennerwein immer noch zwei Stündchen, nachdem er das Fleisch bei Deiner Frau abgeliefert hat.«
»Was denn für ein Jennerwein?« fragte Pörksen verständnislos.
»Das war ein berühmter Wilderer in Bayern«, sagte Radtke, »Du guckst wohl keine Heimatfilme in der Glotze, was?«
»Moment, was jetzt?« sagte Friedrichsen und guckte verwirrt in die Runde. »Der Hermann kriegt sein Wildbret von einem Wilderer? Einem echten Wilderer?«
»Ich will ja nichts gesagt haben«, antwortete Radtke schnell, bevor Ebermann etwas sagen konnte. »Ist mir ja auch egal. Nur auffällig, daß das Zeug immer dann geliefert wird, wenn der Hermann nicht zu Hause ist. Jetzt übrigens auch. Als ich vorhin um kurz nach acht bei Hermann vorbeigefahren bin, stand dieser alte Jeep hinten auf dem Hof. Und als ich gegen halb zehn zum Stammtisch gefahren bin, da stand er immer noch da.«
Er blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr. »Jetzt ist es halb elf. Ich möchte wetten, daß die alte Schrottkiste immer noch dort steht. Wir wissen doch alle, daß unser Hermann am Mittwoch nie vor zwölf nach Hause geht.«
»Hoho!« rief Pörksen und zeigte mit dem Finger auf Ebermann. »Dann pass bloß auf, daß Dir Deine Alte kein Geweih aufsetzt. Buchstäblich!«
Er lachte wiehernd und schlug mit der flachen Hand auf den Resopaltisch.
Ebermann sprang hoch. Friedrichsen versuchte ihn zu beruhigen. »Komm, lass doch, Hermann!«
»Das werden wir ja sehen!« fauchte Ebermann nur, und stürmte aus dem Saal.
5.
Die untergehende Augustsonne warf ein wunderschönes mildes Licht über die Landschaft, als Siegfried Ungeheuer, Direktor der Land- und Bauernbank Ratzeburg, seinen Wagen über die Landesstraße 287 in Richtung Gudow lenkte. Viel zu schön für die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte.
Ungeheuer fühlte sich jedesmal elend, wenn er einem säumigen Schuldner seiner Bank mitzuteilen hatte, daß die Gläubiger nunmehr die endgültige Reißleine ziehen und das Einkommen pfänden, das Haus zwangsversteigern oder auf andere Weise einer meist langjährigen Schuldnerkarriere ein Ende bereiten würden. Fand so ein Gespräch in seinem Büro in der Bank statt, war das eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen er anschließend die Schnapsflasche herausgeholte, die zwischen ein paar Aktenordnern eingeklemmt in seinem Aktenschrank stand.
Meistens standen traurige Geschichten hinter solchen Insolvenzen, Familientragödien, schwere Krankheiten, der Verlust des Arbeitsplatzes, irgendetwas, das einen Menschen mit Wucht aus der Bahn warf und auf eine schiefe Ebene beförderte, auf der es nur noch den Weg in die Pleite gab. Hätte ihm nicht die Revision im Nacken gesessen, dann hätte Ungeheuer so manches mal den Dispositionskredit einfach um ein paar weitere Monate verlängert, um das Ende mit Schrecken noch ein wenig hinauszuzögern. Alles, nur nicht diese deprimierenden Gespräche.
Wilhelm Tönnsen war ein besonders deprimierender Fall.
Der alte Tönnsen war der letzte aus einer alteingesessenen Bauernfamilie aus der Region. Schon seit den achtziger Jahren war der Hof alle paar Jahre um ein paar Hektar geschrumpft, verkauft, um Schulden zu bezahlen, zurückgepachtet, um weiter wirtschaften zu können, bis irgendwann das Geld für die Pacht nicht mehr aufzubringen war, und der Hof wieder ein Stückchen schrumpfte, und noch ein bißchen unwirtschaftlicher wurde.
Familiäre Tragödien waren über Tönnsen hereingebrochen wie biblische Plagen. Vor vier Jahren war sein Sohn, das einzige Kind, bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Angeblich war Martin Tönnsen auf dem Rückweg von einer jungen Frau in Ratzeburg gewesen, die sein Vater um nichts auf der Welt auf seimem Hof dulden wollten, nicht einmal als Besucherin, und schon gar nicht als künftige Schwiegertochter. Jedenfalls war der Wagen mitten in der Nacht bei hoher Geschwindigkeit in einer Kurve von der Straße abgekommen und hatte sich buchstäblich um einen Baum gewickelt. Martin Tönnsen habe, so wurde erzählt, noch ein paar Stunden schwerverletzt in seinem Auto gelegen, bis er schließlich starb.
Ein Jahr später starb Grete Tönnsen, seine Frau, an Krebs, nachdem sie zuvor monatelang nur noch von den Maschinen der modernen Apparatemedizin am Leben gehalten worden war, oder besser an dem, was manche Ärzte als Leben bezeichnen.
Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Hof schon lange in den roten Zahlen. Baute Tönnsen in einem Jahr Gerste an, gingen die Preise für Gerste in den Keller, versuchte er es im nächsten Jahr mit Weizen, verdarb das Wetter die Hälfte seiner Ernte, während anderswo eine besonders gute Ernte für schlechte Preise sorgte. Zu spät wollte er schließlich auf den Zug der Produktion von Mais für Biokraftstoffe aufspringen, drei oder vier Windkrafträder aufstellen lassen oder ein paar hundert Quadratmeter gut subventionierter Panels für Solarenergie.
Die Windkrafträder scheiterten im Genehmigungsverfahren der Gemeinde, es war vermutlich der einzige Fall der letzten Jahre, dachte Ungeheuer, wo im Landkreis eine solche Anlage nicht genehmigt worden war. Er wußte, daß Eberhard Werthenfels und Alfred Huchthauen ihre Beziehungen hatten spielen lassen. »Wir können doch nicht zulassen, daß diese einmalige Seeuferlage am Gudower See mit häßlichen Windrädern verspargelt wird!«, hatte Werthenfels hämisch lachend gesagt. »Das können wir der Umwelt nun wirklich nicht antun.«
Die Idee mit der Solaranlage scheiterte an der Finanzierung, »Ich gehe davon aus, daß Dir klar ist, daß es nicht im Interesse Deiner Bank liegt, diese Idee zu finanzieren«, hatte Huchthausen gesagt. Mehr war nicht nötig gewesen. Ungeheuer hatte verstanden, was er zu tun hatte. Am Ende hatte seine Bank das Zwangsversteigerungsverfahren eingeleitet.
Wilhelm Tönnsen saß derweil auf seinem Hof und trank zu viel Alkohol. Selbst unter viel besseren Umständen wäre es schwierig mit ihm gewesen, er war nicht nur ein bäuerlicher Sturkopf und Dickschädel, er war geradezu der Prototyp eines bäuerlichen Sturkopfs und Dickschädels. Nur daß er sich diesen inzwischen an den Realitäten einrannte.
Ungeheuer lenkte den 200er Mercedes von der Straße auf den Hof von Tönnsen. Von den beiden gemauerten Pfeilern der Toreinfahrt war längst der meiste Putz abgebröckelt, und die verrosteten Torflügel, die vermutlich ohnehin niemals jemand geschlossen hatte, lagen zwischen unkrautüberwuchertem Schutt neben dem Zaun, der den Hof vom Straßengraben abgrenzte. Er hielt mitten auf dem Hof, in respektvollem Abstand zum Wohntrakt. In einem der Zimmer brannte Licht. Bald, dachte Ungeheuer, würde ihm der Stromversorger auch noch den Strom abstellen. Dann würde der alte Tönnsen sich vermutlich mit einem Dieselgenerator behelfen.
Er blieb einen Moment lang im Auto sitzen, es kostete ihn Überwindung, mit Tönnsen zu reden.
Dann öffnete sich die Haustür, und Tönnsen kam heraus. Ungeheuer stieg aus dem Wagen.
»N’abend, Wilhelm!«
Der Alte starrte ihn böse an. Er trug ein fleckiges, irgendwann einmal weiß gewesenes Unterhemd, eine abgeschabte braune Cordhose steckte in schwarzen Gummistiefeln.
»Für Dich immer noch Herr Tönnsen!« brüllte er mit schwerer Stimme, »Ich kann mich nicht erinnern, mit Dir Schweine gehütet zu haben!«
Ungeheuer schluckte. »Also dann, guten Abend, Herr Tönnsen! Wir müssen reden!«
»Givt nix to vertellen!« schrie Tönnsen. »Verschwinde von mien Hof!« Er griff zu einer Mistforke, die neben der Tür an die Hauswand gelehnt stand.
Ungeheuer machte vorsichtshalber einen Schritt zurück. Das war doch alles aussichtslos.
»In zwei Wochen ist der Termin für die Zwangsversteigerung, Herr Tönnsen. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß es auf jeden Fall einen Käufer gibt, der auf jeden Fall das Mindestgebot zahlen wird. Und Sie können dann in jedem Fall noch mindestens acht Wochen auf dem Hof bleiben und in aller Ruhe Ihre Sachen packen und ausräumen.«
Es würde niemand für den Hof bieten, dafür hatte Werthenfels gesorgt, die Gemeinde verlangte eine Sanierung des Bodens unter den alten Jauchetanks, ein Teil des Grundstücks galt offiziell als verseucht. Werthenfels würde also beim ersten Durchgang den Zuschlag zum Mindestgebot bekommen, und nach einer Anstandsfrist, wenn der alte Tönnsen möglichst weit weg abgeschoben worden war, würde die Gemeinde befinden, daß die Bodenwerte doch deutlich besser waren als befürchtet, und eine kostspielige Bodensanierung nicht notwendig sei. Huchthausen würde seine Bagger anrollen lassen, die die ganze Bruchbude dem Erdboden gleichmachten, damit gar nicht erst irgendjemand auf die Idee kam, sich dort einzunisten, und nach einer weiteren Anstandsfrist würde der Gemeinderat das Land als Bauland ausweisen. Beim Kreis würde ebensowenig jemand Einsprüche erheben wie beim Land, zumal die Bauträgergesellschaft die Einrichtung eines kleinen Biotopes für seltene Molcharten oder ähnliches Getier zusagen und finanzieren würde.
Das war sogar nicht einmal ein leeres Versprechen, im Gegenteil, man würde einen Umweltbiologen aus Kiel oder Hamburg dafür kommen lassen. ›Wo es geschützte Molche gibt‹, hatte Werthenfels gesagt, ›werden nicht einfach Schnellstraßen gebaut, und auch keine weiteren Wohnhäuser, und wenn ich den Käufern zusichern kann, daß sie durch die Existenz okölogisch höchst wertvoller Tümpel vor künftigen Belästigungen durch Straßenlärm oder irgendein Proletariat in der Nachbarschaft geschützt sind, steigt der Wert der Immobilien ganz erheblich.‹ Das gesamte Projekt hatte einen Verkaufswert von mindestens sechs Millionen Euro.
Der alte Tönnsen, dachte Ungeheuer, wird mit dem Geld aus dem Mindestgebot höchstens zwei Drittel seiner Schulden bezahlen können.
»Ich bin sicher, Herr Tönnsen«, sagte Ungeheuer, »daß der Käufer bereit ist, die Entsorgung von allen Sachen zu übernehmen, die Sie nicht mitnehmen können oder wollen. Damit sparen Sie dann auch noch mal eine Menge Geld und Mühe!«
Tönnsen kniff die Augen zustimmen, richtete die Mistforke auf Ungeheuer und begann, mit langsamen Schritten auf ihn zuzukommen.
»Hau ab von mien Hof!« brüllte er. »Seh to, daß du verschwindest, du Aasgeier!«
Ungeheuer wich zurück, allerdings in die falsche Richtung, nicht zu seinem Wagen hin, sondern weiter auf den Hof. Tönnsen trieb ihn brüllend mit der Mistforke immer weiter vor sich her, bis Ungeheuer stolperte und rückwärts auf den Misthaufen fiel. Ein paar Sekunden lang starrten sich die beiden Männer an, Tönnsen weiß im Gesicht vor Wut, Ungeheuer bleich vor Angst. Dann drehte sich Tönnsen um und ging wortlos zurück ins Haus.
Ungeheuer rannte zu seinem Wagen, ohne sich den Schlamm und Mist vom Anzug zu klopfen, sprang in den Wagen und startete den Motor. Nach ein paar vergeblichen Versuchen schaffte er es, den Rückwärtsgang einzulegen, er stieß zurück, wendete und sah aus dem Seitenfenster, wie Tönnsen aus dem Haus zurückkam, mit einem Gewehr in der Hand. Er gab Vollgas, die Hinterräder drehten durch, der Wagen schleuderte mit dem Heck hin und her, aber dann schoß er endlich nach vorn auf die Hofeinfahrt zu.
Der Mercedes streifte mit dem rechten hinteren Kotflügel den Torpfosten, es gab ein häßliches Geräusch, und dann war Ungeheuer endlich auf der Landstraße und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch.
6.
Bernd Krockow zündete sich eine Zigarette an und zog die Hose wieder an. Gerlinde Ebermann setzte sich im Bett auf, so daß ihr Unterhemd, das bis zum Busen hochgeschoben war, herunterrutschte. »Gib mir auch eine«, sagte sie zu Krockow.
Krockow schüttelte eine Camel aus der zerknautschten Packung und hielt sie ihr hin. Dann warf er das Feuerzeug auf’s Bett. Die Kippe im Mund und die Hände in den hinteren Hosentaschen versenkt trat er an das Regal heran und musterte das Plastikmodell einer Messerschmidt Me-109, in Tarnfleckmuster bemalt und mit Balkenkreuz und Hakenkreuzen historisch getreu beklebt.
Es war das frühere Zimmer von Peter Ebermann. Der Sohn von Hermann und Gerlinde Ebermann war schon vor bald zehn Jahren ausgezogen, hatte studiert und arbeitete als Ingenieur in einem großen Unternehmen für Lebensmittelmaschinen in Heidelberg. Irgendwie war niemand je dazu gekommen, seine restlichen Sachen auszuräumen. Es gab ja auch genug Platz im Haus, und so diente das Zimmer als Übernachtungsmöglichkeit, wenn Peter Ebermann ein paar Mal im Jahr zu Besuch nach Hause kam. Hermann Ebermann betrat es kaum je, es gab ja auch keinen Anlaß dazu, seine Frau machte gelegentlich dort sauber, und als sie zum ersten Mal den unverhohlenen, dreisten Avancen von Bernd Krockow nachgab, als der wieder einmal sein gewildertes Fleisch anlieferte, da verzog sie sich mit ihm in dieses Zimmer. Krockow war es völlig egal, er hätte es genauso gut auch in ihrem Ehebett mit Gerlinde Ebermann getrieben, aber für sie wäre das unmöglich gewesen.
Warum vögele ich mit ihr, fragte sich Krockow, während er die Messerschmidt betrachtete. Vermutlich war es der Reiz des Heimlichen und Verbotenen, und der Reiz, über Ebermann zu triumphieren, der ihm gutes Geld für das in der Nacht gewilderte Wildbret bezahlte und nicht ahnte, daß sein Lieferant ihm Hörner aufsetzte. Außerdem ließ Gerlinde alles mit sich machen, vermutlich lief mit ihrem Mann nur noch wenig, und nicht zuletzt war sie genauso seine Abnehmerin wie ihr Mann, denn die Schlachterei gehörte ihr zur Hälfte.
Unten auf dem Hof zwischen Hauptgebäude und der kleinen Halle mit den Kühlräumen leuchteten Autoscheinwerfer auf. Krockow fuhr zusammen, und sprang mit einem Satz neben das Fenster, dessen Gardine halb zugezogen war. Er sah hinunter. Unten stand Ebermanns Mercedes-Kombi.
»Verdammt!« fluchte er unterdückt. »Dein dämlicher Mann kommt! Wieso ist der nicht beim Stammtisch? Ich denke, der ist bei seinem verfickten Stammtisch?«
Gerlinde sprang auf und lief zum Fenster. Sie war bis auf das Unterhemd nackt, und das Unterhemd reichte ihr knapp bis zum Ansatz ihres Hinterns. Sie suchte hektisch nach ihrer Unterhose. Krockow zog sich mit schnellen Bewegungen die Schuhe an und griff sich seinen Pullover. Mit dem Pullover in der Hand stürmte er die Treppe nach unten. Als er am Absatz zum ersten Stock angekommen war, sah er Hermann Ebermann, der wutentbrannt ins Haus gestürmt war. »Bleib stehen, du elender Schweinehund!« brüllte er. »Ich mach dich fertig!«
Logisch, die Sache war klar. Krockows alter verbeulter Gallopper stand auf dem Hof, obwohl er schon lange hätte wieder weg sein müssen, er hatte seinen Pullover in der Hand, und ein paar Meter entfernt versuchte Ebermanns Frau sich wieder anzuziehen, in einem Zimmer mit einem zerwühlten Bett, in dem er, Krockow, nun wirklich nichts zu suchen hatte.
