Der Kuss der Göttin - Gerhard Schönbeck - E-Book

Der Kuss der Göttin E-Book

Gerhard Schönbeck

0,0

Beschreibung

Die Edition Moonflower ist eine Mystery-Novellenreihe aus dem Hause Shadodex - Verlag der Schatten. Erscheinungsturnus: Vierteljährlich. Alle Novellen sind in sich abgeschlossen. Inhalt Band 6 ("Der Kuss der Göttin" von Gerhard Schönbeck): »… Als sie in die Tiefe gegraben haben, war plötzlich Klaviermusik zu hören …« Eine seit vielen Jahren geschlossene Bar. Ein neugieriger junger Mann. Und eine geheimnisvolle Frau. Als Prometheus Fichtenthaler Jazzmusik hinter dem zugemauerten Zugang zu einer einstigen Bar, die sein verschwundener Großvater stets besuchte, vernimmt, ahnt er nicht, worauf er dort stoßen und welche Auswirkungen die Begegnung mit der Frau, die sich Fertility nennt, haben soll. »… Ich habe das dumpfe Gefühl, dass das, was dahintersteckt, zu groß für uns ist. …«

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Edition

Moonflower

Band 6

Der Kuss

der Göttin

Von Gerhard Schönbeck

Alle Rechtevorbehalten. Keine Übernahme des Buchblocks in digitale Verzeichnisse, keine analoge Kopie ohne Zustimmung des Verlags. Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden. Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.

Die Handlungen sind frei erfunden.

Evtl. Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.

www.verlag-der-schatten.de

Erste Auflage 2024

© Gerhard Schönbeck

© Coverbilder: depositphotos olegkrugllyak, Iniraswork, EdwardDerule, Sonar

Covergestaltung: © Shadodex – Verlag der Schatten

© Bilder Innenteil: depositphotos wiro.klyngz(Moonflower), Sonar (Klavier), olegkrugllyak (Nebel)

Gerhard Schönbeck (Autorenfoto), Shadodex (Vorschau)

Lektorat: Shadodex – Verlag der Schatten

© Edition Moonflower, eine Novellen-Reihe des

Shadodex – Verlag der Schatten,

Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1,

74594 Kreßberg-Mariäkappel

ISBN: 978-3-98528-311-8

Inhalt

ERSTER TEIL

ZWEITER TEIL

DRITTER TEIL

VIERTER TEIL

FÜNFTER TEIL

SECHSTER TEIL

Über den Autor

Vorschau

»… Als sie in die Tiefe gegraben haben, war plötzlich Klaviermusik zu hören …«

Eine seit vielen Jahren geschlossene Bar.

Ein neugieriger junger Mann.

Und eine geheimnisvolle Frau.

Als Prometheus Fichtenthaler Jazzmusik hinter dem zugemauerten Zugang zu einer einstigen Bar, die sein verschwundener Großvater stets besuchte, vernimmt, ahnt er nicht, worauf er dort stoßen und welche Auswirkungen die Begegnung mit der Frau, die sich Fertility nennt, haben soll.

»… Ich habe das dumpfe Gefühl, dass das, was dahintersteckt, zu groß für uns ist. …«

ERSTER TEIL

1

Prolog

Der Akkord verklang langsam, bis er gleichsam mit der rauchgeschwängerten Luft in der Bar »Goldenes Zeitalter« verschmolzen war.

Die Lüftung hatte alle Mühe, mit dem Dunst fertigzuwerden. Die Gäste an den Tischen im Zuschauerraum schwiegen einen Moment, bevor begeisterter Applaus losbrach, durchsetzt von Jubelschreien.

Das Ensemble auf der Bühne verbeugte sich artig und begann Instrumente und Equipment abzubauen. Ein Besucher im legeren anthrazitfarbenen Anzug saß still in seinem Fauteuil, griff zu seinem Bourbon und nahm einen kleinen Schluck. Seine grau melierten Haare klebten ihm schweißnass an der Stirn.

»Das war groß«, sagte er, zu seinem etwas jüngeren Sitznachbarn in Jeans und Rollkragenpullover gewandt. »Das war ganz groß. Wie von Fertility geküsst. So habe ich das Stück noch nie gehört.«

»Stimmt«, bekräftigte dieser und pustete sich eine Haarlocke aus dem Gesicht. »Diese Harmonie am Schluss, einmalig. Und dieser seltsame Akkord in der Mitte, bei dem man so gespannt darauf wartet, dass es endlich weitergeht, aber das Piano will und will einen nicht erlösen – genial. Wenn ich jetzt einen Hut aufhätte, würde ich ihn ganz tief vor den Jungs ziehen. Ich spiele selbst schon eine halbe Ewigkeit Klavier und, wie ich selbst meine, einigermaßen gut, aber auf so etwas bin ich noch nie gekommen.«

»Was für eine Oase«, sinnierte der Ältere und ließ seinen Blick über die mit abgegriffenen Veranstaltungsplakaten beklebten Ziegelmauern und die locker angeordneten, mit speckigem Leder bezogenen Sitzgruppen schweifen, in denen die Leute wieder zu den früheren leidenschaftlichen Diskussionen zurückgekehrt waren. Das schummrige Licht verlieh dem Raum eine unvergleichlich gemütliche Atmosphäre.

»Das ist wahr«, bestätigte der Musiker beseelt. »Hoffentlich bleibt das noch lange so.« Er machte eine kurze Pause. »Woher kommt dieser Spruch eigentlich?«

»Wie von Fertility geküsst? … Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung«, erwiderte der Gast im Anzug. »Obwohl ihn jeder verwendet. Seltsam.«

»Was halten Sie eigentlich von unserer neuen Regierung?«, wechselte sein Gesprächspartner das Thema.

Der Ältere legte die Stirn in Falten. »Wissen Sie, ich glaube, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird«, sagte er nach einem kurzen Moment des Nachdenkens. »Sicher, sie haben angekündigt, groß aufräumen zu wollen, aber es wird sicherlich nicht so schlimm werden.«

»Meinen Sie?«, gab sein Nebenmann skeptisch zurück. »Ich weiß nicht … So groß, wie sie getönt haben, müssen sie was machen, um nicht das Gesicht zu verlieren. Und die Stimmung heizt sich immer mehr auf.«

»Schon«, wandte der Grauhaarige ein. »Aber was wollen sie tun? Wenn sie ernsthaft Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen verbieten wollen, gibt es einen Aufstand. Das trauen sie sich keinesfalls. Und sonst? Sollen sie Lokale wie dieses hier dichtmachen?«

»Halten Sie das für so abwegig?«, fragte der andere zweifelnd. »Immerhin passiert hier genau das, dem sie einen Riegel vorschieben wollen. Geheime Diskussionen ohne Kontrollmöglichkeit.«

Bevor der Angesprochene antworten konnte, flog die Lokaltür mit einem heftigen Krachen auf.

»Regierungspolizei!«, rief einer der drei bulligen Uniformierten, die im Eingangsbereich standen. »Wir haben Grund zu der Annahme, dass diese Lokalität dem Austausch subversiver Gedanken und Ansichten dient.«

2

Es war ein kalter Oktobermorgen. Der Herbst, der sich in den letzten Wochen schon durch bunt gefärbtes Laub angekündigt hatte, war unerbittlich angekommen. Prometheus Fichtenthaler (mehr als ein Mal hatte er seine Mutter für das diesbezügliche Ausleben ihres Hangs zur griechischen Mythologie verflucht), Sachbearbeiter bei der »Titania Unternehmensberatung AG«, trat aus der Haustür seines Wohnblocks auf den Gehweg und zog angesichts des auffrischenden Windes seinen Schal enger.

Montag, fünf Uhr früh. Da im Büro viel tun war, brach er eine Stunde eher auf. Das Wochenende war wie so oft viel zu kurz gewesen, und wieder stand ihm eine Woche in einem Beruf bevor, den er einst als Brotjob angenommen hatte, der sich dafür allerdings als bei Weitem zu fordernd herausgestellt hatte. Er wusste, dass es so nicht lange weitergehen konnte, für einen radikalen Wechsel fehlte ihm aber momentan die Energie. Zudem erwies sich die Aussicht, abseits seiner Ausbildung so schnell keinen Fuß auf die Erde zu bekommen, als erstaunlich starker Motivator.

Na ja. Eine Weile würde es schon noch hinhauen, und die Begleitumstände machten die Arbeit zumindest erträglich.

Er schritt voran und summte eine Melodie, die ihm vage bekannt vorkam. Irgendwie stieg eine Erinnerung an ein Gefühl der Geborgenheit in ihm hoch, als er sie jetzt Stück für Stück wiederentdeckte. So gut hatte er sich zuletzt vor Monaten gefühlt.

Prometheus schaute auf. Die Häuser sahen anders aus als gewohnt. Verwirrt hielt er Ausschau nach einem Straßenschild. Weshalb war er, entgegen aller Gewohnheit, vorhin in die Lenzgasse eingebogen? Und warum bekam er diese verdammte Melodie nicht aus dem Kopf?

Moment.

Schlagartig wurde Prometheus klar, dass er die Musik tatsächlich hörte – sie war während der letzten Minuten kaum merklich lauter geworden, als führe sie ihn zu einem ganz bestimmten Punkt. Es war ein altbekannter Jazzstandard, den er in seiner Kindheit auf Schallplatte in einem Karton im Haus seiner Eltern gefunden und immer dann abgespielt hatte, wenn diese auswärts waren, in einer neuen, aufregenden Interpretation.

In der Schachtel waren auch Bilder gewesen, die ihn fasziniert hatten – eine Bar im Souterrain eines Altbaus an der Ecke Lenzgasse/Herzogsallee, so tief und versteckt gelegen, dass sie nur durch eine elendig lange Treppe erreichbar war.

Das Lokal war gemütlich möbliert mit weichen, leicht speckigen Lederfauteuils, die um niedrige, abgewetzte Holztische mit klassischen Lesesaallampen gruppiert waren. Die Wände waren dicht an dicht mit Plakaten von Jazzmusikern und Veranstaltungen beklebt. An der Längsseite des Raumes war die eigentliche Bar, wie es sich gehörte mit unzähligen Sorten Scotch, Martini, Gin und dergleichen ausgestattet, die kunstvoll im Wandregal drapiert waren. Und an der Stirnseite befand sich das Herzstück: eine vom Fußboden abgesetzte, durch wenige Stufen zu erklimmende Bühne, schlicht und doch liebevoll aus Holzbrettern gezimmert, mit einem kleinen Stutzflügel auf der rechten Seite.

Staunend hatte er die Fotos von den Trompetern, Saxofonisten, Pianisten und so weiter betrachtet, die auf dem Podium ihr Herzblut in ihren Auftritt steckten. Beim Hören der Musik und dem Betrachten der Bilder war ein Gefühl in Prometheus aufgekeimt, als sei er selbst in der Bar zu Gast und würde, in einem der Fauteuils sitzend, den Gesprächen der übrigen Besucher lauschen. Und irgendwie war dieses Gefühl ein schönes, heimeliges gewesen.

Prometheus erinnerte sich, als er seine Mutter nach dem Hintergrund der Schallplatte und der Fotos gefragt hatte.

Sein Großvater war früher, in ihrer Kindheit, Stammgast in der Bar gewesen, hatte diese ihm daraufhin erzählt. Das eine oder andere Mal hatte ihr Vater sie auch dorthin mitgenommen, und sie hatte genau dasselbe empfunden wie Prometheus – das war wohl die Grundlage für ihre Jazz-Leidenschaft gewesen, die sie auch ihrem Sohn weitergegeben hatte.

Die Ecke Lenzgasse/Herzogsallee war nicht mehr weit. Von einem seltsamen Verlangen getrieben beschleunigte er seine Schritte.

Als er die Kreuzung erreicht hatte, hielt er kurz inne. Der Altbau stand noch unverändert dort, aber es deutete nichts mehr auf einen Eingang zu einem Lokal hin. Wo den Schilderungen nach einst eine unscheinbare Tür mit einem darüber hängenden handgeschriebenen Schild den Weg in den Keller gewiesen hatte, befand sich nun ein Drogeriemarkt.

Sinnend stand Prometheus auf der gegenüberliegenden Straßenseite und rief sich sein Wissen über die Ereignisse vor sechzig Jahren in Erinnerung. Damals hatte ein militärischer Putsch eine Gruppe von Offizieren an die Macht gespült, die sich postwendend darangemacht hatten, das Land in allen Lebensbereichen gehörig umzubauen.

Auch Freizeit und Kultur waren gleichgeschaltet worden, und man hatte der Bevölkerung ein ästhetisches Empfinden aufoktroyiert, das harmlos und allgemein gefällig war. Kritische Bücher, Bilder und Partituren waren öffentlichkeitswirksam vernichtet worden.

Diese politischen Verwerfungen waren letztlich auch der Auslöser für das Ende der Bar gewesen. Den neuen Machthabern waren naturgemäß auch Etablissements, in denen Livemusik gespielt wurde und die eine Plattform für Diskussionen boten, ein Dorn im Auge gewesen. Die Bar war versiegelt worden, die alte Eingangstür oben an der Kreuzung zugemauert.

Für den Großvater war der drohende Verlust seines Stammlokals ein schwerer Schlag gewesen. Als klar geworden war, dass die behördliche Schließung über kurz oder lang nicht abgewendet werden konnte, hatte er nahezu jede freie Minute in der Bar verbracht, vor allem seit er seine Anstellung verloren hatte. Zu Hause war er immer einsilbiger geworden, hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen und in den Fotos geblättert, die er gemacht hatte.

Eines Tages war er nicht mehr aus der Bar nach Hause gekommen.

Am nächsten Morgen hatte die Familie in der Staats- und Parteizeitung gelesen, dass man das Lokal im Sinne der Direktive für öffentliche Harmonie nunmehr geschlossen hatte.

Der Großvater war verschwunden geblieben – seitdem hatte es kein Lebenszeichen mehr von ihm gegeben.

3