Der Kuss - Tina Harf - E-Book

Der Kuss E-Book

Tina Harf

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Beschreibung

Sie alle hatten einen Plan gefasst. Pauline wollte die Vorstadt hinter sich lassen, Amelie nicht als prüde Spießerin verkümmern. Marlene hatte ein Leben, bis sie ihre große Liebe verlor. Für Josephine und Marie war Romantik ein Luxus aus der Zeit vor Ehe und Familie. Doch dann tut sich ein Fenster auf und hinein kommt nicht immer das, was man sich insgeheim gewünscht hat. Mal gibt es nicht den ersehnten Kuss, mal stirbt ein geliebter Mensch, mal ändert eine leidenschaftliche Begegnung die eigene Perspektive. All diesen Frauen ist jedoch eines gemeinsam: Sie mögen auf starke Männer oder schwierige Situationen treffen, am Ende ist in ihnen selbst, was sie und ihr Leben zum Leuchten bringt. Tina Harf hat mit ihren Erzählungen fünf Lieben und fünf Leben eingefangen, die von den Träumen junger Mädchen und reifer Frauen handeln, von den miesen Momenten des Lebens oder von Glück. Sie schreibt mit Gefühl und dem, was man Lebensweisheit nennt - und hält immer eine überraschende Antwort parat.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Tina Harf

Der Kuss

Fünf Lieben – Fünf Erzählungen

Atlantik

FÜR DIE LIEBE

DER KUSS

Das Licht war schummerig, in der Luft lag ein modriger Geruch, nur die grüne Tischtennisplatte schien real, der Rest der Welt weit weg, irgendwo da oben.

Marco hatte die Partie gewonnen und behauptete, er könne sich nun etwas wünschen, und das sollte ein Kuss sein, ein Kuss von Pauline.

Pauline wurde ganz heiß, sie hielt sich an ihrem roten Tischtennisschläger fest, sie wusste doch gar nichts vom Küssen, was genau sollte sie denn machen, was erwartete er wohl? Er, Marco, von dem sie heimlich träumte, weil er so toll aussah, der stärkste Junge im Viertel, der frechste in der Klasse, der mit den großen dunklen Augen und dem verwegenen Mund. Sie konnte nicht lange nachdenken, denn da stand er schon vor ihr, legte die Hände auf ihre Schultern, sie schaute verzagt zu ihm hoch, er war so groß und plötzlich fast erwachsen, so kam es ihr vor. Dann schloss sie einfach die Augen und spürte seine Lippen auf ihren, mit ganz leichtem Druck, nicht zart, nicht fest, irgendwas dazwischen. Sie hatte mal gelesen, es sollte süß schmecken beim Küssen, aber es schmeckte eigentlich nach gar nichts, war nur verwirrend auf eine schöne Weise, und Pauline wurde ein wenig schwindlig.

Es fanden noch ein paar Partys statt, auf denen Marco sie verstohlen und verborgen vor den Augen der anderen küsste, doch dann war die Grundschule vorbei, er ging auf eine andere Oberschule. Pauline hat ihn nie wiedergesehen.

Als Pauline zum Teenager herangereift war, fingen die Jungen an, ihr auf der Straße und in der Schule hinterherzustarren. Sie pfiffen, sie machten Witze über sie, aber es lag auch eine gewisse Anerkennung in den Sprüchen, die Pauline tagtäglich zu hören bekam. Genau wusste Pauline nicht, woran das lag, aber sie ahnte, dass es ihre langen Beine waren, ihr rund gewordener, zarter Busen, ihre weiblicheren Hüften und ihr schwingender Gang, der ebenso wie alles andere ungeplant und wie von selbst entstanden war.

In der grauen Wohnsiedlung, in der sie mit ihrer Mutter lebte, war der lebendigste Ort ein kleiner Imbissladen, Currywurst, Bouletten und Pommes wurden da verkauft, außerdem abgepacktes Speiseeis aus einer Truhe, über der eine ehemals bunte, inzwischen von der Sonne verblichene Verkaufstafel hing. Am meisten Umsatz machte der Laden mit kleinen Schnapsflaschen, die eine magische Anziehungskraft auf viele Anwohner ausübten, natürlich gab es auch Fanta, Cola und Kaffee und zwei wacklige Tische mit jeweils vier Plastikstühlen, die im Laufe der Zeit mit Filzstift beschmiert worden waren. Der Imbissladen war der Treffpunkt der Jugendlichen, meist lungerten sie davor herum, sogar im Winter; bei Regen gingen sie auch mal rein, dann kauften sie für alle zusammen eine Cola und starrten in die trübe Außenwelt.

Pauline war oft da, sie hielt es in der dunklen, schäbigen Wohnung nicht aus und flüchtete, sobald sie nur konnte. Sie unterhielt sich mit den anderen Mädchen, die für ihr Alter viel zu stark geschminkt waren, ihr weniges Geld für Piercings oder Tätowierungen ausgaben, beobachtete die Jungs, schnorrte ab und zu eine Zigarette und hing eben einfach herum. An den Sommertagen hatte meist einer einen Ghettoblaster dabei. Dann dröhnte die Musik, der Beat war hart, einige tanzten eine Art Hip-Hop, als wären sie in der New Yorker Bronx.

Der beste Tänzer, der sich sogar auf dem Kopf drehen konnte, wenn er seine Mütze trug, war Thomas. Er wohnte im Hochhaus nebenan, ein großer, blasser Typ mit schlechten Zähnen und braunen, ungekämmt wirkenden Haaren. Das Auffälligste an ihm war seine schwarze Lederjacke mit dem großen aufgedruckten Bullenkopf hintendrauf. Mit Thomas unterhielt sich Pauline manchmal.

Als es an einem Abend im Juli dunkel wurde, löste sich die Gruppe auf. Einige wollten noch in die Stadt, andere waren wegen der Wärme schlapp und gingen nach Hause.

»Wo willst du denn jetzt hin?«, fragte Thomas.

»Ich geh nach oben.« Pauline deutete mit dem Kopf auf ihr Hochhaus.

»O.k., na, ich bring dich«, sagte Thomas.

»Echt?«, fragte Pauline.

»Warum nicht?«, gab Thomas zurück.

Sie schlenderten nebeneinander her.

»Wie geht’s eigentlich deinem Vater?«, fragte Pauline.

»Findet keine Arbeit. Die meisten Fliesenleger arbeiten schwarz, aber er hatte Zoff mit seinem letzten Bauleiter, der gibt ihm keine Jobs mehr, verstehst du? Ab und zu geht er zum Amt, sind alles Penner, die haben auch nichts für ihn.«

»Echt blöd«, antwortete Pauline.

»Mal wieder was von deinem Alten gehört?«, fragte Thomas.

Pauline schluckte. »Nee, keine Ahnung, was der macht, vielleicht malt er immer noch abstrakte Bilder und so. Vielleicht lebt er auch gar nicht mehr.«

Thomas reagierte nicht.

»Und was hast du vor? Mit der Arbeit, meine ich«, fragte Pauline schnell.

»Weiß nicht«, antwortete Thomas. Er zog seine Jeans hoch, weil sie ihm beim Laufen von den Hüften rutschten.

»Du wolltest doch nach einer Lehrstelle suchen, oder?«

»Alles scheiße. Ich will nicht auf dem Bau ackern wie mein Alter. Und auf Autoschlosser hab ich auch keinen Bock.«

»Nee, schon klar!«, sagte Pauline.

»Vielleicht werde ich ja Tänzer. Für Musikvideos, oder so.«

Pauline schaute ihn kurz von der Seite an, sagte aber nichts. Schweigend gingen sie weiter, bis sie vor Paulines Haus ankamen. Der Eingang war nur mäßig erleuchtet, zwei der drei Glühbirnen in der runden Lampe über der Tür waren schon seit längerer Zeit durchgebrannt.

Sie holte ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche und wollte sich von Thomas verabschieden. Da kam er plötzlich näher und näher, Pauline wich zurück, doch das hielt ihn nicht davon ab, sie an die Glastür zu drängen. Pauline schaute sich um, es war niemand da, und selbst wenn jemand sie sehen würde, wäre es egal, hier guckte man weg, hier war jeder auf sich gestellt, ob alt oder jung, ob Frau oder Mann.

»Thomas!«, sagte Pauline.

Er griff nach ihrem Handgelenk, und Pauline ließ vor Schreck den Schlüssel fallen. Scheppernd fiel er auf das Metallgitter vor der Tür.

»Nein, Thomas, hör auf!«, rief Pauline.

Doch er zog sie an dem Revers ihrer Jeansjacke an sich heran.

Sie versuchte, sich frei zu kämpfen, aber Thomas riss sie noch enger an seine Brust, beide stolperten ein paar Schritte, bis Pauline mit ihrem Hinterkopf gegen die Glastür stieß.

»Lass mich los!«, rief Pauline.

Sie bekam kaum Luft, ihr Kopf tat weh an der Stelle, an der sie gegen das Glas geschlagen war, und Thomas’ schlecht riechender Atem war plötzlich überall in ihrem Gesicht.

»Küssen wird ja wohl noch erlaubt sein«, raunte er.

Er presste seine schmalen Lippen fest auf ihre, und gerade, als Pauline aufschreien wollte, drückte er ihr seine Zunge in den Mund, die sich hart anfühlte und nass und riesig und so ekelhaft, dass Pauline dachte, sie müsste sich auf der Stelle übergeben. Seine Zunge stieß an ihren Gaumen und wühlte in ihrem Mund herum, bis Pauline würgte und er endlich von ihr abließ.

Da gab Pauline ihm mit aller Kraft einen Stoß, bückte sich, hob blitzschnell die Schlüssel auf, öffnete die Tür und schlüpfte ins Haus. Sie wollte Thomas nicht anschauen, sie rannte einfach nur zum Fahrstuhl, wischte sich die Lippen ab, fuhr mit dem Fahrstuhl in den 12. Stock, lief zur Wohnung, schloss mit fahrigen Fingern auch diese Tür auf, stürmte ins Badezimmer und drehte den Wasserhahn auf. Weit vornübergebeugt, hielt sie ihren Mund unter den Hahn, ließ das Wasser über Lippen und Kinn laufen, nahm Wasser in den Mund, spülte und spülte, gurgelte schließlich, spülte weiter und gurgelte wieder, bis sie Geräusche in der Wohnung hörte. Sie griff zu einem Handtuch, tupfte den Mund ab, schaute ins Wohnzimmer und hörte das Schnarchen ihrer Mutter nun deutlicher. Sie lag bei laufendem Fernseher auf dem Sofa, schlief, neben ihr auf dem Fußboden die leere Schnapsflasche.

Pauline ließ sich in den Sessel fallen.

Zwei Jahre später wurde Pauline 16 Jahre alt. Ihre Mutter hatte den Job in der Fabrik verloren, sie war zu oft angetrunken oder noch nicht ausgenüchtert, wenn sie morgens ihre Schicht beginnen sollte. Das Geld vom Sozialamt würde auf Dauer nicht reichen, Unterhaltszahlungen vom verschollenen Vater waren ohnehin nicht zu erwarten, so ging Pauline von der Schule ab.

Aus einer Krankenschwester wurde kein Arzt, eine Friseuse blieb Friseuse, eine Kellnerin eben Kellnerin, aber als Verkäuferin wäre sie vielleicht nicht für immer festgelegt, überlegte sie. Da wäre sie gewissermaßen im Geschäftsleben, vielleicht ließ sich eines Tages daraus etwas machen.

Pauline hatte Glück: Sie bekam einen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskauffrau in einem Kaufhaus. Dort landete sie in der Kurzwarenabteilung. Sie sortierte und verkaufte den lieben langen Tag Reißverschlüsse, Druckknöpfe, Nähgarn, Fingerhüte und allen nur erdenklichen Kleinkram. Nur am Freitag begann ihre Freiheit für kurze Zeit: Da fuhr Pauline nach der Arbeit nach Hause, aß ein Brot mit ihrer Mutter zu Abend, und wenn sich die Mutter vor den Fernseher legte, machte sich Pauline schön, schminkte ihre großen, blauen Augen, ihre Wangen, ihren Mund, kämmte sich die langen dunklen Haare, bis sie schimmerten, und zog sich zum Ausgehen um. Ein enges, knapp taillenlanges Oberteil und enge schwarze Hosen, das war ihr Look, mehr brauchte sie nicht, ihre Figur war so perfekt.

Schon auf dem Weg in die Innenstadt im Bus freute sich Pauline auf das SHAKE, die Disco, die angesagt war, nicht bei den kaputten Typen aus ihrer Wohnsiedlung, nein, bei den Menschen, die in der Woche arbeiten gingen und am Wochenende tanzten unter hüpfenden, bunten Lichtern, stundenlang, bis zur Erschöpfung, bis zum Morgengrauen.

»Hallo, Blauauge!«, sagte der Rabe.

Der Rabe war der Geschäftsführer des SHAKE. Seine Haare waren blauschwarz und dicht wie das Gefieder der düsteren Vögel, aber seine Stimme war sanft, sein Blick so intensiv, dass Pauline die Knie ganz weich wurden.

»Hallo«, antwortete sie leise. Er muss mich beobachtet haben, er kennt sogar meine Augenfarbe, dachte Pauline und schaute verwirrt nach unten, dann wieder den Raben an, der sie amüsiert musterte.

Er war einen Kopf größer als sie, immer elegant gekleidet, sein schwarzer Anzug saß makellos, kein Vergleich zu den Hängehosen und schlabberigen Sweatshirts der Jungs in ihrer Siedlung. Pauline schaute dem Raben hinterher, als er wie üblich durch die Diskothek streifte. Fortan versuchte Pauline, sich unauffällig immer wieder in sein Blickfeld zu schieben. Wenn sie ihn nicht finden konnte, tanzte sie, sie tanzte und tanzte, bis sie alles vergaß, die Kurzwarenabteilung, die Mutter, die Angst. Verschwitzt rannte sie danach zu den Waschräumen, kontrollierte ihr Make-up, ordnete ihre Haare und ging erneut auf die Suche nach ihm.

Eines Abends lächelte sie ihn schüchtern an, er blinzelte ihr zu und gesellte sich wenig später zu ihr.

»Na, wie geht’s?«, fragte der Rabe.

»Gut«, antwortete Pauline.

»Bleibst du noch? Dann fahre ich dich nach Hause, und wir können ein bisschen quatschen. Zu laut hier.«

Die letzten Worte sagte er ihr ins Ohr, sie konnte fast seine Lippen auf ihrer Ohrmuschel spüren. Er war ganz nah, sie sog seinen Duft ein, keines der billigen Aftershaves aus dem Kaufhaus, das erkannte sie sofort. Und seine Wimpern, sie starrte auf seine Wimpern, die waren lang und dicht, pechschwarz, sie machten seine Augen geheimnisvoll, ernsthaft, fast tragisch. Vielleicht war er wie sie, wie Pauline, die auch stets unter vielen Leuten war und doch allein.

Pauline nickte.

Sie konnte ihr Glück kaum fassen.

Drei Stunden später saß sie neben ihm. In einem schwarzen Mercedes Cabriolet. Pauline hielt die Luft an, als sie auf den weichen Ledersitz glitt.

»Und wohin, meine Schöne?«, fragte der Rabe.

Obwohl sie sich fürchterlich schämte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm die Adresse der Sozialbausiedlung zu nennen. Aber er nickte ungerührt und fuhr los. Trotz einer langen Nacht in der Disco war er munter, plauderte mit Pauline, die eingeschüchtert neben ihm saß und fieberhaft überlegte, was sie sagen könnte, um interessant zu erscheinen, weltgewandt, erwachsen, attraktiv. Ihr fiel überhaupt nichts ein, sie hatte einen weißen Fleck im Kopf.

Als er vor ihrem Hochhaus hielt, schluckte Pauline verzweifelt. Nun wusste er, dass sie nicht nur arm, sondern auch noch phantasielos und langweilig war.

»Wann sehen wir uns wieder?«, fragte er.

Sie trafen sich an den folgenden drei Dienstagen, da hatte die Disco geschlossen. Er holte Pauline ab und brachte sie immer wieder zurück in die Siedlung, nachdem sie im Kino gewesen waren oder etwas essen. Pauline ging freitags nach wie vor ins SHAKE, wartete, bis alle anderen Gäste gegangen waren, und ließ sich von ihm nach Hause fahren.

Beim zweiten Treffen hatten sie begonnen, sich im Auto zu küssen. Erst sanft und behutsam, dann wurden seine Küsse fordernder. Pauline ließ sich hineinfallen in diese Küsse, der Rabe war aufregend erwachsen, er hatte sie ausgesucht, und sie war so verliebt, wie man nur verliebt sein konnte: Sie dachte morgens beim Aufwachen an ihn, beim Duschen, auf der Fahrt zur Arbeit, bei der Arbeit, auf dem Heimweg und vor dem Einschlafen. Es war kaum noch Platz für etwas anderes als für die Gedanken an ihn.

Eines Abends nahm er sie mit zu sich nach Hause. So eine Wohnung hatte Pauline noch nie gesehen: Eine geschwungene lila Sofalandschaft zog sich durch das geräumige Wohnzimmer, flauschige dunkle Teppiche lagen auf gepflegtem Parkettboden, es gab sogar Stuck an den weißen Decken. Vor allem war überall Platz, und es war trotzdem gemütlich. Staunend stand Pauline in der Mitte des Raumes, bis der Rabe sie lächelnd auf das Sofa drückte.

»Heute feiern wir!«, sagte er.

Geschickt öffnete er eine Flasche und goss das sprudelnde Getränk in zwei Gläser, von denen er eins Pauline reichte.

»Was ist das?«, fragte Pauline.

»Spumante«, antwortete der Rabe.

»Alkohol?«

Er lachte. »Ja, meine Kleine. Aber koste mal, schmeckt süß, das mögen kleine Mädchen wie du!«

»Ich bin kein kleines Mädchen«, protestierte Pauline.

Nie trank sie Alkohol, sie hasste allein schon den Geruch, weil dieser Geruch zu Hause überall hing, in der Küche, im Wohnzimmer, im Atem der Mutter. Aber dieser Spumante roch besser als Schnaps. Sie musste dem Raben beweisen, dass sie schon erwachsen war. Vorsichtig nippte sie am Glas.

Aufmunternd prostete er ihr zu, Pauline trank noch einen Schluck und noch einen, fast schmeckte der Spumante wie Limonade, er war köstlich und eiskalt. Der Rabe schenkte nach, und Pauline merkte, wie ihr Kopf ein wenig leichter wurde, wie alles leichter wurde, auch das Reden. Und das Küssen, das war nun berauschender als jeder Spumante der Welt. Pauline küsste ihren Raben, sog sich an seinen Lippen fest, Küssen war wie Essen, lebensnotwendig, und seine Küsse sprachen eine ganz besondere Sprache. Es war die Sprache der Liebe, davon war Pauline überzeugt, wer nicht liebte, konnte nicht so küssen, und so küsste sie, denn sie liebte ihn und wollte nie wieder aufhören damit.

Während er sie vom Sofa zog, sie hochhob und sie in sein Schlafzimmer trug, küsste er sie, auf dem ganzen Weg, in jeder Sekunde, bei jedem einzelnen Atemzug. Er zog sie aus, dann sich selbst, immer seine Lippen auf den ihren, und als er mit ihr schlief, war es ihr erstes Mal, es tat gar nicht weh, es war fremd, aber es gehörte eben dazu, wenn man sich liebte, schließlich war er ein Mann und sie nun endlich auch eine richtige Frau.

Viele Stunden später, nachdem er sie heimgebracht hatte, lag sie in ihrem Bett, erfüllt von glücklichem Staunen. Sie konnte es gar nicht abwarten bis zum nächsten Dienstag, da waren sie verabredet wie immer, und sie wünschte sich, auch diesmal zu ihm zu gehen und die erste Nacht mit ihm zu wiederholen, alles noch einmal zu erleben, wieder und wieder. Endlich war es Dienstag, Pauline fuhr pünktlich mit dem Fahrstuhl hinunter, schaute durch die Glastür auf den Parkplatz, sah ihn nicht, setzte sich auf die Treppenstufe, ließ die Auffahrt nicht aus den Augen und wartete.

Das Licht im Treppenhaus ging nach ein paar Minuten automatisch aus, sie hatte es schon mindestens 200-mal wieder angeknipst, dann war sie einfach nur im Dunkeln auf der kalten Steintreppe sitzen geblieben. Nach einer Stunde gab sie auf. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl zurück in die Wohnung, um ihr Herz lag ein enger Ring aus Eis.

Der Mittwoch wurde zur Qual, sie hatte kaum geschlafen, so viele Fragen in ihrem Kopf, auf keinen Fall wollte sie im Club anrufen, das war ja sein Arbeitsplatz, und er würde das wohl als aufdringlich empfinden. Pauline grübelte, was wohl passiert sein konnte, ein Unfall oder eine Familienangelegenheit, ein wichtiger Termin, oder ob sie vielleicht etwas Falsches gesagt oder getan hatte oder zu wenig aufregend gewesen war, nicht sexy genug, sie kannte sich ja noch nicht so aus, doch auch am Donnerstag war sie nicht klüger, nur angefüllt mit nagender Ungewissheit.

Endlich wurde es Freitagabend, sie fuhr mit dem Bus ins SHAKE, sie musste endlich mit ihm reden, alles war sicher nur ein Missverständnis, dachte sie, auch wenn sie das Gegenteil befürchtete. Dann sah sie ihn: Er stand in einer Ecke hinter der Bar mit einer langbeinigen Brünetten. Seine Hand lag auf ihrem Po, seine Lippen auf ihrem Mund, und Paulines Herz gefror.

Drei Tage lang weinte sie. Dann traf sie eine Entscheidung:

Das würde ihr nie wieder passieren!

Sie hatte Spaß mit Mirko, der ganz verrückt nach ihr war, sie aber nicht nach ihm, es gab eine Liebelei mit Hans, danach mit Michael und Friedrich. Schließlich kam Alex, der sie Schneewittchen nannte und ihr Herz auftauen wollte und deshalb zu gefährlich wurde. So folgten Patrick, der Lustige, Bernd, der Ruhige, und Christian, der Kluge. Niemals für länger, niemals der Richtige.

Pünktlich wie immer betrat Pauline morgens um 9 Uhr die Parfümerie. Der Duft verschiedener Essenzen lag in der Luft, Bergamotte, Amber, Magnolie, Rosmarin, Geranium, Sandelholz und noch so einige mehr. Schon auf dem ganzen Weg zur Arbeit hatte sich Pauline auf einen frischen, heißen Tee gefreut. Zu Hause gab es nicht einmal mehr Teebeutel.

»Guten Morgen, Britta«, begrüßte Pauline eine Kollegin.

»Was hast du denn da an?«, fragte Britta und runzelte die Stirn.

»Wieso?«, fragte Pauline.

Sie trug unter ihrem offenen Mantel schwarze Strumpfhosen, schwarze Schuhe und einen langen grauen Pullover, der zwei Handbreit über dem Knie endete.

»Nee, oder?« Britta schüttelte den Kopf. »Hast du keinen Rock gefunden?«

»Wozu? Man sieht doch sowieso nichts davon.«

Pauline hängte ihren Mantel auf und schlüpfte in den türkisfarbenen Kittel mit dem aufgestickten Schriftzug »Parfümerie am Dom«.

Britta grinste. »Du bist mir schon eine. Ich hab meinen Dispokredit mal wieder überzogen. Hier, guck, sieht doch scharf aus, oder?« Sie wedelte mit einer nagelneuen cremefarbenen Handtasche, die einen riesigen goldenen Verschluss hatte.

»Schön!«, antwortete Pauline.

»Und mein Kleid, was sagst du dazu?« Britta drehte sich einmal um die eigene Achse. »Seidenchiffon!«

Pauline nickte. Sie hatte noch nie etwas aus Seidenchiffon besessen.

»Was machst du eigentlich mit deinem ganzen Geld?«, fragte Britta.

Inzwischen kochte das Teewasser, Pauline goss es in den Becher mit dem Teebeutel.

Pauline lächelte, knöpfte den Kittel zu, drückte den Teebeutel mit einem Löffel aus, holte ihn aus dem Becher heraus und ließ vorsichtig vier Würfel Zucker in den Tee fallen. Sie schaute zu, während Britta ihr Kleid auch den anderen Kolleginnen vorführte, und genoss den süßen Tee in kleinen Schlucken. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Kaum hatte die Mannschaft der Parfümerie die Kasse in Betrieb genommen, neue Tüten aus dem Lager geholt und die Türen weit geöffnet, kamen auch schon die ersten Kunden.

Pauline kannte sie alle. Die biederen Hausfrauen, die gehetzten Managerinnen, die verwöhnten Gattinnen, die verzweifelten Singles, die Verrückten, die Entrückten, die Jünglinge, die eitlen Gockel, die Familienväter im zweiten Frühling, die flirtenden Casanovas und die netten Opas. Eines hatten alle gemeinsam, egal, wie selbstbewusst sie sich in ihrem Leben auch gaben: Beim Kauf von Parfüms wurde Beratung gewollt. Und damit verdiente Pauline ihr Geld. Sie kannte alle Tricks, hatte von erfahrenen Kolleginnen die besten Sprüche gelernt, blieb freundlich bei unangenehmen Kunden, geduldig bei denen, die sich nicht entscheiden konnten, und lächelte, zumindest mit dem Mund, wenn auch nicht immer mit den Augen.

Bis zur Mittagspause verkaufte sie die verschiedensten Parfüms und Aftershaves, von Calvin Klein über Balenciaga bis hin zum neuesten Herrenduft von Joop. Im Kopf überschlug sie die Preise und ihre Provision und nahm sich vor, am Nachmittag noch schneller, noch besser zu sein. Jeder Verkauf zählte, jeder Tag zählte.

»Los, raus hier, wir gehen was essen«, sagte Britta.

»Ich …«, begann Pauline.

»Ja, ja, ich weiß, du hast einen Apfel und eine Banane dabei, ganz toll. Komm, ich lad dich auf eine Pizza ein.«

Widerstrebend ließ sich Pauline von Britta überreden. Sie gingen um die Ecke in ein kleines italienisches Restaurant.

»Eigentlich könntest du mir endlich erzählen, wofür du dein Geld auf die Seite legst. Und nun sag bloß nicht, fürs Alter, du bist ja noch nicht mal 30.«

»Aber in zwei Monaten.«

»Also dauert es noch eine Weile bis zur Rente. Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!« Britta aß vergnügt ihre Pizza und schaute Pauline erwartungsvoll an.

»Ich will nach New York!«, sagte Pauline.

»Nach New York?« Britta dehnte die Worte und riss die Augen auf.

»Ja, das ist mein Traum!« Pauline lächelte. »Es hat etwas mit meiner Mutter zu tun.«

»Ich dachte, deine Mutter lebt nicht mehr. Sie hatte doch einen Unfall, oder?«

Genau genommen war sie volltrunken vor ein Auto gelaufen, durch die Luft geschleudert worden und kurz darauf gestorben, dachte Pauline und schluckte schwer.

»Ja, stimmt. Jedenfalls, wir haben früher oft zusammen amerikanische Spielfilme im Fernsehen geschaut. Das war für sie das Größte, und sie hat immer gesagt: Pauline, eines Tages machen wir es wie Holly Golightly.«

»Holly wer?«, fragte Britta kauend.

»Holly Golightly, die Hauptfigur in ›Frühstück bei Tiffany‹. Das war der Lieblingsfilm meiner Mutter. Mit Audrey Hepburn.«

»Klar, Audrey Hepburn, mitten in New York, kenne ich«, sagte Britta grinsend. »Und nun willst du das ganz alleine durchziehen?«

»Unbedingt! Ich will mit einem Yellow Cab fahren wie Holly, das sind die gelben Taxis, verstehst du, und ich möchte die Fifth Avenue entlanglaufen, ich muss unbedingt zu Tiffany, und ich werde Männer einfach nur Liebling, Herzchen oder Schätzchen nennen, ich werde machen, wozu ich Lust habe, und es ist mir egal, wenn alle glauben, ich wäre verrückt.« Pauline hatte so schnell gesprochen, dass sie ein wenig atemlos war.

»Tiffany …«, wiederholte Britta und seufzte.

»Hast du schon mal Champagner im Flugzeug getrunken?«, fragte Pauline.

»Nee, nicht mal warmen Sekt.«

Pauline nickte. »Meine Mutter hat immer gesagt, wenn wir es machen, dann mit Stil. Deshalb gehört der Champagner im Flugzeug auch dazu. Ich brauche also ein Ticket in der Business Class.«

»Kostet bestimmt ein Vermögen!«, sagte Britta.

»Genau!«, antwortete Pauline.

»Und wo willst du da wohnen?«

»Im berühmten Plaza-Hotel. Das ist direkt am Central Park und nur zwei Minuten von Tiffany entfernt.«

»Das wird ja auch irre teuer sein.« Britta schüttelte den Kopf.

»Leider.«

»Da musst du dich aber anständig anziehen, nicht so.« Britta zeigte auf Paulines grauen Pullover.

»Schwarzes Kleid mit Perlenkette, Brillantohrringe habe ich nicht, aber welche aus Strass, schwarze spitze Pumps und große schwarze Sonnenbrille«, antwortete Pauline wie aus der Pistole geschossen.

»Alle werden denken, Audrey Hepburn ist unterwegs, dabei ist es unsere Pauline aus der Parfümerie am Dom!« Britta kicherte.

Pauline kaute versonnen auf ihrer Pizza herum und hörte kaum noch zu, was Britta nun erzählte. Sie hatte nicht die Absicht, mehr von sich zu offenbaren als diesen Traum Nummer eins.

Paulines Traum Nummer zwei war ihr Geheimnis: Eines Tages wird sie geküsst werden, ihr Herz wird auftauen, sie wird wissen, dass sie den Mann küsst, den sie lieben kann, bedingungslos und für immer. Wie der Mann aussieht, weiß Pauline nicht, sie weiß nur, dass er stark ist, kein Spinner, kein Phantast und schon gar kein Künstler, wie ihr Erzeuger, der schon kurz nach ihrer Geburt verschwunden war, weil er keine Verantwortung tragen wollte oder ihre Mutter doch nicht geliebt hat oder nicht wusste, was er wollte, nur wusste, was er nicht wollte, nämlich sie, die ungeplante Tochter. Ja, es wird ein Kuss kommen, der schönste Kuss ihres Lebens, der ihr zeigen wird, wer der Richtige ist!

Es war bereits Feierabend, aber Pauline räumte noch auf und sortierte an den Stellen neue Ware in die Regale, an denen durch einen erfolgreichen Tag Lücken entstanden waren.

»Guten Abend, Mala.« Pauline nickte der Putzfrau zu, während sie weiter glänzende Kartons mit Parfüm in eine Schublade legte.

Mala hob schüchtern den Kopf. Sie war klein, sie war jung und ganz offensichtlich erschöpft. Ihr kurzes krauses Haar wirkte stumpf, ihre großen braunen Augen müde. Diesen Blick kannte Pauline nur zu gut, sah die matten Augen ihrer Mutter vor sich, wenn sie nach der Schicht endlich nach Hause gekommen war.

»Wie geht es deinem Kind?«, fragte Pauline.

Sie interessierte sich nicht besonders für Kinder, brach nie in Rufe des Entzückens aus, wenn sie Neugeborene oder Kleinkinder sah, sie fühlte einfach nichts. Ich fühle mit dem Kopf, dachte Pauline oft. In ihrem Kopf wusste sie, was gut war und was böse, was richtig war und was falsch, wie man sich Mitmenschen gegenüber benehmen musste und wie nicht, aber ihr Herz blieb stumm.

»Gut«, antwortete Mala leise.

»Wie alt ist es denn jetzt?«, fragte Pauline, mehr aus Höflichkeit und damit Mala nicht dachte, sie fühlte sich als was Besseres, weil sie Parfümverkäuferin war und keine Putzfrau. Sie wusste, dass Mala ein Kind hatte, konnte sich aber nicht mehr erinnern, ob mal von einem Mädchen oder einem Jungen die Rede gewesen war.

»Sie ist drei Jahre und sieben Monate«, sagte Mala. Ihr Akzent war deutlich hörbar, aber sie sprach inzwischen ganz gut Deutsch.

Ach ja, ein Mädchen, dachte Pauline. Mala, diese tapfere Frau aus dem fernen Afrika mit ihrer schönen, dunkel glänzenden Haut, hatte eine Tochter.

»Bring sie doch mal mit«, sagte Pauline.