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Der lebende Beweis erzählt von einer Frau Mitte 40, die eine zunehmende Entfremdung verspürt – von ihrer Umgebung, ihrer Familie und von sich selbst. Zurückgezogen auf den Dachboden ihres Hauses, blickt sie auf das Dorf, in das sie einst voller Hoffnung gezogen ist. In dem Versuch, die Welt um sich herum und ihre Position darin neu zu begreifen, beginnt sie eine »wissenschaftliche Untersuchung des kollektiven Bewussten und Unbewussten des Ortes«. In Begleitung des gewissenhaften Dorfchronisten, der esoterischen Pastorin und zweier Außenseiter begibt sie sich auf eine Reise in die Untiefen des abgelegenen Fleckens. Die Grenzen zwischen Beobachterin und Beobachtetem verschwimmen. Je tiefer sie in die Mechanismen des Dorfes eindringt, desto klarer wird: Ihre Forschung gilt nicht nur dem Ort, sondern auch ihrer eigenen Natur – und der Natur des Menschen überhaupt. Sie selbst wird zur »porösen Stelle«, durch die längst verdrängte Gespenster an die Oberfläche drängen. Was als rationale Analyse beginnt, destabilisiert sich zunehmend – denn die Strukturen, die sie zu entwirren sucht, erfassen sie selbst. Der lebende Beweis ist eine Reflexion über soziale Dilemmata und die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Innen und Außen, Individuum und Kollektiv. Formen wir die Welt, oder formt sie uns? Oder ist das überhaupt ein Widerspruch?
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Lola Randl
Roman
PILZ/GEHIRN
HAUS
FORSCHUNG
HAUS II
PARADIES
AUFBAU
AUSBLICK
ARCHIV
DORF
OCHSENBLUT
LAUS
DER HINREICHENDE GRUND
NEUER ANLAUF (ICH-ANSATZ)
GELD
SOLL
SELBSTWIRKSAMKEIT
KOSMOS
BRIEF
AUFHÄNGUNG
BORDSTEIN
MORPHOLOGIE
MOLLUSKE
MORPHOLOGIE II
SCHULD
GOTT
GOTT II
SONNTAG
MORPHOLOGIE III
ARCHIV II
NATURKUNDEN
NEUER ANLAUF II
EINLADUNG
REUE
RUMPELKAMMER
ARCHIV III
UNTERGANG
POLIZEI
GRUFT
SOZIOTOP
GEISTER
GEISTER II
MURMELN
HEXE
ALBERICH
RECYCLING
ROTER FADEN
KREISLAUF
MATHEMATIK
MATHEMATIK II
VOGEL WERDEN
MATHEMATIK III
LÄHMUNG
GESTRÜPP
LICHTSPIELE
ROTER FADEN II
KLUMPEN
TEUFEL
PASTORIN
LAUS II
PROTEST
GEISTER III
ARCHIV IV
ALBERICH II
MALFATTI
POLTERGEIST
STRUKTUR
MÄRZ
UROBOROS
AUS DER TIEFE
AUFERSTEHUNG
EPILOG
Ich wollte mich nur noch verkriechen und höchstens als ganz neues Wesen wieder hervorkommen, als ich doch noch einmal stehen bleibe. Es kann unmöglich ein Gehirn sein, das da vor mir in der Pfütze auf dem Kirchhügel liegt. Vermutlich ist es einer dieser Pilze, die an abgestorbenen Bäumen wachsen und zum Teil wirklich erstaunliche Formen annehmen. Aber im ersten Moment – und auch im zweiten – sieht es aus wie ein menschliches Gehirn.
Ich suche mir ein Stöckchen und stochere in das Gebilde hinein. Es ist fester, als ich dachte, aber doch elastisch. Zum Glück hat es noch keinen Frost gegeben, sonst wäre die Zellstruktur bestimmt zerstört.
Ich könnte den Organismus auf einer meiner Karten eintragen. Aber als was? Die Karten habe ich angelegt, um meine Situation mit einer gewissen Distanz und dem richtigen Maß an Abstraktion zu betrachten. Es gibt die Karte der Pflanzen, der Vögel und Insekten, eine Karte für Geister und Verbindungen, seelisch und familiär. Es gibt die Karten der Machtverhältnisse, Missverständnisse, Wünsche und so weiter. Mittlerweile ist es schon ein ganzer Atlas.
Die Glocken der Kirche schlagen fünf, viermal hoch für die volle Stunde und fünfmal tief. Ich werfe das Stöckchen in die Pfütze, gehe über den Dorfplatz hinüber zu unserem Haus und gleich bis nach oben durch auf den Dachboden. Ich schleiche nicht, bemühe mich aber, keine lauten Geräusche zu machen. Auf keinen Fall will ich meiner Familie, Gartenhelfern oder sonst jemandem über den Weg laufen. Ich schiebe den kleinen Riegel vor, den ich erst vor Kurzem an die Brettertür geschraubt habe, steige über das Gerümpel nach hinten und lege mich auf die Matratze.
Eigentlich waren wir gerade dabei uns zu trennen, entwickelten in dieser Phase der Abkopplung aber ein seltsames Interesse an Häusern auf dem Land und stöberten abends im Bett durch die Angebote. Nicht, dass wir gehofft hätten, damit unsere Beziehung zu retten, es sollte uns eher helfen, das Ende zu kaschieren. Damit das Ganze nicht ausuferte, holte der Mann irgendwann seinen alten Schulatlas, zog einen Kreis bis hundert Kilometer um die Stadt und kleinere, bis 15 Minuten Entfernung, um die Bahnhöfe, die sich darin befanden. Ich dachte, auf diese Art wird man niemals zu einer Entscheidung kommen, und ließ ihn machen.
Ich weiß nicht, ob er die Internetsuche dann so einstellte, dass sie sich genau an seinen Kreisen orientierte, aber das erste Haus, das auftauchte, lag in unserem Budget und entsprach genau seinen Kriterien. Ein schmuckloses, zweistöckiges Gebäude, das als »Mehrzweckhalle« ausgeschrieben war. Es war ziemlich offensichtlich, dass etwas damit nicht stimmen konnte, aber wir dachten lieber nicht weiter darüber nach und vereinbarten einen Besichtigungstermin.
Aus dem Autofenster betrachtete ich die fremde Landschaft, die nach etwa einer Stunde anfing, hügelig zu werden. Sie erinnerte mich an die Gegend meiner Kindheit. Über die geschwungenen Felder, unterbrochen von Buschwerk und Tümpeln konnte man weit in den Himmel schauen und erahnen, dass sich die Wolken hinter dem Horizont noch unendlich fortsetzten. Plötzlich erschienen mir meine Sorgen und Nöte ganz unwichtig und eine unerwartete Ruhe stellte sich ein. Alles würde sich irgendwie fügen, dachte ich. Sogar die Tasche mit dem Geld unter meinem Bett wäre nach dem Kauf eines Hauses endlich weg. Dabei war es nie mein Plan, aufs Land zu ziehen. Ich erinnerte mich an die Fahrt mit meinem Vater, als er mich aus dem ersten Dorf, in dem ich mit meiner Mutter lebte, abholte, um meiner fortschreitenden Verwilderung ein Ende zu setzen. Aus der Heckscheibe seines alten Mercedes sah ich, wie das Dorf meiner Kindheit immer kleiner wurde. Nie wieder, hatte ich mir damals geschworen, wollte ich zurückkehren, höchstens um Rache zu nehmen.
Wenn es eine Chance gibt, herauszufinden aus der Lage, in die ich mich manövriert habe, dann mit einer neutralen, unabhängigen Beobachtung. Die mir vertrauten Verhaltensmuster, auf die ich sonst zurückgreifen konnte, funktionieren nicht mehr. Fakt ist, dass ich mich nach den allergrößten Anstrengungen, in diesem Dorf im Norden heimisch zu werden, fremder fühle als je zuvor. Also nicht fremd wie eine Unbekannte. Ich befinde mich in dem Land, in dem ich geboren wurde, die meisten Menschen in meiner Umgebung kennen mich, wir sprechen formal die gleiche Sprache und unterscheiden uns äußerlich nur in unwichtigen Details. Ich bin eher fremd in der Welt, entfremdet von mir selbst. Irgendwas muss mein Gerüst, mein Konstrukt erschüttert und zum Einstürzen gebracht haben.
Ich muss hier raus, denke ich. Aber das denke ich ja immer, und gleich darauf denke ich, dass eigentlich alles in Ordnung ist und ich mich nicht beschweren sollte. Dann dauert es nicht lang und ich verfalle wieder in diese Müdigkeit. Warum bin ich so müde? Nicht schlafensmüde, einfach müde. Lebensmüde, aushaltensmüde. Das Material ist ermüdet, aber ein anderes habe ich nicht.
»Was hast du denn erwartet?«, wirft mir der Liebhaber an den Kopf. »Wenn du dich so jung in einem gottverlassenen Winkel versteckst, klar bist du dann abgehängt.«
Das stimmt nicht, ich habe mich nicht versteckt, und den Anschluss habe ich auch nicht verloren. Im Gegenteil. Ich habe etwas Neues angefangen, ich habe Kinder bekommen, ein altes Haus renoviert und eine verlassene Schlossgärtnerei entwickelt. Aus all dem hab ich keinen Hehl gemacht und am Ende sogar ein Buch darüber geschrieben, das unterschiedlich aufgenommen wurde.
»Entwickelt« ist in Bezug auf die Schlossgärtnerei vielleicht das falsche Wort, das hört sich so an, als wäre an diesem Ort vorher nichts gewesen, bis ich mit einem Businessplan und Investoren aufgetaucht bin. Das ist natürlich nicht der Fall. Die Schlossgärtnerei hatte eine lange Historie, bevor sie von mir »entdeckt« wurde, war aber zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger ungenutzt und wurde von einer Waisenhausstiftung zum Verkauf angeboten. Man könnte sagen, die Geschichte der Gärtnerei war vorübergehend ein wenig eingeschlafen.
Ich gebe zu, dass bei der Vorstellung, neuer Besitzer einer einst feudalen Struktur zu sein, auch ein utopischer Gedanke mitschwang: die Idee, neue Formen des Zusammenlebens zu erproben, den Raum zwischen dem, was ist, und dem, was sein wird, zu gestalten, ein besseres Leben für uns oder vielleicht sogar ein Modell für eine andere Gesellschaft zu kreieren.
Im Moment ist jegliches utopisches Potenzial aus meinem Alltag verschwunden. Ich habe keine Hoffnung mehr, was mich zu der Frage bringt, wie man ohne Perspektive, ohne Verheißung, ohne diese vitale Kraft mit dem Alltag zurechtkommen soll.
Es hilft nichts, ich kann nur meine Forschung vorantreiben. Meine Forschung, in der ich mit kaltem, nüchternem Blick das Geschehene rekapituliere, um mich so aus meinem Gefängnis zu befreien, und die mit dem Vorliegen dieses Textes zu einem Abschluss gekommen sein wird.
Fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit klopften wir an die massive Holztür, die vor vielen Jahren grün gestrichen worden war. Nichts regte sich. Der Besitzer wird sicher gleich kommen, dachten wir und warteten. Im Innenhof gab es zwei Hundezwinger, aber zum Glück ohne Hunde. Man konnte sehen, dass jemand versuchte, des Chaos Herr zu werden, trotzdem machte alles einen recht verwahrlosten Eindruck. Es gab Haufen mit Möbeln und Vorhängen, andere aus Metall oder Schutt und noch einiges mehr, dessen Sortierung sich nicht erschloss. Am Ende des Grundstücks stand quer zum Haus eine Scheune, und wir kamen überein, dass deren Dach als Erstes repariert werden müsste, sonst würde sie bald zusammenfallen.
Irgendwann verloren wir die Geduld und trauten uns, die Klinke der grünen Tür herunterzudrücken. Obwohl das Haus riesig war, schien innen alles finster und beengt. Jeder Raum war vollgestellt und die Flure so schmal, dass man sich gerade noch hindurchquetschen konnte. Wir hörten jemanden Flöte spielen, nicht besonders gut, eher manisch, den eigenen Klängen folgend.
Wir suchten den Ursprung des Flötenspiels und fanden den Besitzer. Er saß mitten in einem Zimmer auf einem Bündel alter Zeitungen, umgeben von weiteren Bergen aus Altpapier. Das meiste davon, erklärte er, stamme noch vom Wertstofflager seiner Eltern. Sie hätten, nachdem sie das Hotel und später die Gaststätte geschlossen hatten, die erste Sammelstelle für Recycling – oder Sekundärrohstoffe, wie es damals hieß – im Dorf betrieben. Er bewohne nur noch zwei Zimmer in dem riesigen Gebäude, und selbst die seien ihm eigentlich zu viel. »Ich blicke da nicht mehr durch«, sagte er und beteuerte, dass er nur noch alles loswerden wolle.
Dann führte er uns durch das Haus, das uns wie ein Labyrinth vorkam. Vorbei an Türmen von Material, an Tischen, auf denen Zettel und Rechnungen und Listen lagen, durch Zimmer mit Betten und Schränken voller Kleidung. Die Menschen, die hier gelebt, Dinge getan, sich etwas vorgestellt, geplant, geliebt und gehasst hatten, waren alle noch präsent – als ob sie jederzeit zur Tür hereinkommen, sich hinsetzen und an einer der Listen weiterarbeiten könnten. Der Mann tat professionell, hielt ein Lasermessgerät mal dahin und mal dorthin oder klopfte mit dem Griff eines Schraubenziehers auf Holz, um dessen Beschaffenheit zu prüfen, auch wenn das Ergebnis keinen Einfluss auf irgendetwas haben würde. Der Besitzer versicherte uns, dass er dabei sei, alles leerzuräumen, deutete aber an, dass er nicht alles schaffen würde. Mit dem Preis könne er auch nicht weiter runtergehen, schob er gleich hinterher, sonst reiche der Betrag nicht aus, um die Schulden bei der Bank zu tilgen. Wir könnten aber Möbel, Geschirr und auch sonst alles behalten.
Ich nahm eine Tasse aus DDR-Steingut mit blauen Blumen in die Hand und stellte mir vor, dass so mein Leben sein würde; dass ich eine Person wäre, die an einem der Tische sitzt und solche Listen ausfüllt. Ich hörte schon gar nicht mehr genau hin, als er etwas von einem Wechsel erzählte, in den er oder seine Eltern mit Kauf des Hauses eingetreten seien. Niemand wisse, ob der Gläubiger überhaupt noch lebe oder wer diesen Wechsel jetzt besitze.
Aus welchem Grund wir am Ende auch noch den verwilderten Schlossgarten dazukauften, ist nur schwer zu erklären. Auch diesmal war es weniger eine planvolle Entscheidung als ein Hineinstolpern, aus Größenwahn, aus Neugier oder weil es eben möglich war.
Wirklich bewusst wurde uns erst im Nachhinein, dass der von hohen Mauern umgebene, nach barockem Vorbild angelegte Garten wie geschaffen dafür war, in den Köpfen der Menschen utopische Kraft zu entfalten.
Kurz nachdem wir das Grundstück übernommen hatten, hörten zwei Japanerinnen von dem Garten und dass wir für die Idee, dort ein Café oder etwas Ähnliches zu betreiben, durchaus offen seien. Es war ein wirklich kalter und grauer Tag Ende November, als der Liebhaber sie vom Bahnhof abholte, und wir hatten große Bedenken, dass sie ein falsches Bild bekommen könnten. Wir führten sie herum, zeigten das Dorf, den Garten, unser Haus und erklärten, wie alles zusammenhängt. Was sie genau von den Ausführungen verstanden, konnten wir nicht einschätzen. Sie waren überaus freundlich und tuschelten auf Japanisch, wobei unklar blieb, ob sie dem Ganzen positiv gegenüberstanden oder skeptisch.
Dann fing es an zu schneien, dicke Flocken, das erste Mal in diesem Jahr. Es war Nachmittag und dämmerte schon, als sie sich alles noch einmal allein, also zu zweit, anschauen wollten. Später suchte ich nach ihnen, um sie zum Abendessen zu holen – ich glaube, es gab Spaghettikürbis mit Salbeibutter – und fand sie auf einer der Terrassen der Gärtnerei. Sie hatten sich Stühle geholt, saßen nebeneinander, reckten die Gesichter in die Luft und ließen die Flocken auf ihrer Haut schmelzen.
Im Frühling stiegen sie dann wieder aus dem Zug, mit Koffern, so groß, dass sie sie kaum auf den Bahnsteig zerren konnten. Zum Glück war der Liebhaber wieder da und wuchtete die Gepäckstücke in sein Auto. Sie hatten über den Winter Geschirr von Flohmärkten oder Geschenkbasaren besorgt, winzig kleine Tässchen, ausgespülte Senfgläser, Tücher und Decken, Schürzen, Kleider, alles Mögliche. Dann ging es los. Die Prozedur nahm einige Zeit in Anspruch, aber als sie die ersten Gedecke nach draußen brachten, Edamame und Onigiri, Curry und Sushi-Torte, verziert mit Veilchen und Halmen, waren alle verzaubert. Die Japanerinnen, ihr Wesen und ihre Gerichte waren so fremd, so anders an diesem Ort, dass das ganze Dorf stolz sein konnte auf »seine« Japanerinnen. Der »Garten der Wonne«, wie Garten Eden übersetzt heißt, zog daraufhin das Publikum magisch an: Sinnsucher, Weltverbesserer und neureicher Geldadel. Inwiefern das relevant ist, also wichtig für die Forschung, weiß ich nicht. Unbestreitbar ist es aber Teil der Geschichte und muss daher erwähnt werden. Ich halte ebenfalls fest, dass die Unwahrscheinlichkeit, die uns und viele andere verzauberte, entsprechend gut ankam, was sich nicht unbedingt in Geld, aber in Aufmerksamkeit, Tausenden von Likes und noch mehr Besuchern niederschlug.
Die drei weiteren Japanerinnen, die noch hinzukamen, um den Ansturm zu bewältigen, waren auch noch erstaunlich, genau wie die Koreanerinnen, die ein Töpferstudio eröffneten, die Fischräucherei, der Kiosk, die Bar und die solidarische Landwirtschaft. Jeder und jede, der dazukam, sorgte für noch mehr Betriebsamkeit und ab einem gewissen Punkt konnte man den Garten nicht anders als »regionalen Hotspot« bezeichnen. Im Zuge dieses Prozesses wurde das Bezaubernde vom Anfang immer realer und damit weniger erstaunlich. Die Wende, der Umschwung, war damit weniger ein Bruch als eine schlüssige Entwicklung, eine Korrektur. Als den Japanerinnen der Ansturm zu groß wurde, übernahm ein Restaurant aus der Stadt den Betrieb. Die neu eingeführten Tischreservierungen wurden über ein Online-System reguliert, und die Bedienungen bekamen Terminals in die Hand, um Bestellungen entgegenzunehmen und zur gleichen Zeit das Kassen- und Warenwirtschaftssystem zu befüttern. Im Zuge dieser Umstellung, das versteht sich, mussten auch die Preise angepasst werden.
Der Moment, an dem etwas kippt, also ob eine Kondition, ein Umstand kurz vor dem Kippen oder gerade schon gekippt ist, ist gar nicht so leicht zu bestimmen. Erst im Nachhinein fängt man an, sich zu fragen, aus welchem Grund die Dinge so und nicht anders gelaufen sind.
Das Dorf stellt für den Experimentator das Labor zur Verfügung oder, besser gesagt, das Dorf ist das Labor. Der Forscher oder die Forscherin müssen sich außerhalb ihres zu beobachtenden Modells befinden, in meinem Fall auf dem Dachboden, und dürfen sich nach Versuchsbeginn ausschließlich passiv verhalten.
Versuch 1: Ich klebe einen Streifen Pflaster auf die Gartenschere meiner Mutter, schreibe meinen Namen darauf und gehe damit auf den Dorfplatz. Ich lege die Schere auf das Geländer der Bushaltestelle und begebe mich zügig, aber ohne zu rennen, zurück auf den Dachboden. Soweit ich es beurteilen kann, hat mich niemand gesehen. Ich weiß, dass liegengelassene Gartengeräte hoch im Kurs stehen, vor allem so eine kleine Schere, die man leicht in der Tasche verschwinden lassen kann.
Durch das Entlüftungsrohr, das noch nach oben durchgezogen werden muss, wenn wir irgendwann das Dach neu machen, höre ich die Stimmen meiner Mutter, der Kinder, das Klappern von Geschirr. Es ist angenehm, dass die Töne nur gedämpft bei mir ankommen und ich nicht verstehen muss, was gesprochen wird.
17:24 Uhr: Drei männliche und eine weibliche Jugendliche aus dem Jugendheim setzen sich feixend in die Bushaltestelle. Sie befinden sich auf dem Höhepunkt der Pubertät, zumindest die Jungs. Das Mädchen ist vielleicht schon etwas weiter, oder sie tut nur erwachsener. Sie haben Getränke in Flaschen dabei, wohl alkoholische. Einer der männlichen Jugendlichen springt auf die Brüstung. Mit einer Hand hält er sich an einem Stützbalken fest, mit der anderen an seiner Flasche. Die Gartenschere fällt herunter, aber die Jugendlichen bemerken es nicht, oder es interessiert sie nicht.
Das Heim für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche, wie es jetzt heißt, wurde nach dem Ersten Weltkrieg als anthroposophisch geprägtes Waisenhaus gegründet und wandelte sich in der DDR-Zeit zu einem Jugendwerkhof. Viele Dorfbewohner waren dort beschäftigt und erinnern sich, dass die Kinder damals höflicher und disziplinierter gewesen seien. Eine ehemalige »Lehrerzieherin« erklärte mir, dass sie heutzutage keine Lust mehr habe, zu unterrichten, das mache alles keinen Spaß mehr.
Ich kann die Geräusche aus dem Lüftungsrohr ziemlich genau zuordnen. Den Wasserkocher, das Anzünden des Gasherds, die Kühlschranktür und dann die Klappe zum Gefrierfach, wenn heimlich nach Eis gesucht wird.
Spüren sie nicht, dass ich ihnen die Mutter, Partnerin und Tochter nur noch vorspiele? Ist ihnen egal, dass ich nicht anwesend bin? Bei den Kindern ist das ja einprogrammiert, sie können nicht anders, als mich weiterhin als ihre Mutter zu sehen, aber der Mann und vor allem der Liebhaber müssen doch spüren, dass es vorbei ist.
Der Rundendreher kommt, wie jeden Tag, an der Bushaltestelle vorbei. Er geht die immer gleichen Wege, die Hände tief in den Taschen seiner Trainingsjacke vergraben, den Oberkörper ganz gerade, fast schon nach hinten gelehnt, womöglich die Folge einer Wirbelsäulenversteifung. Ich kann nicht sagen, ob er Mitte 60, Mitte 70 oder sogar schon 80 ist. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man ihn mit seiner Schirmmütze und den zu weit gewordenen Bundfaltenhosen für einen Hipster halten, aber davon ist er weit entfernt. Seinen negativen Gefühlen lässt er freien Lauf und grummelt vor sich hin, feindselig, verschwörerisch, von der notwendigen Bewaffnung des Volkes, zu dem er natürlich weder Ausländer noch Linke zählt. Abschießen, alle abschießen.
Ich habe ihn lange für so etwas wie einen dorfeigenen Ordnungshüter gehalten und ihm nie richtig widersprochen. Stattdessen habe ich über seine Tiraden gelacht, als wäre alles nur ein Scherz.
Die Jugendlichen ignorieren ihn. Er schaut prüfend in ihre Richtung, nicht ohne Vorwurf. Im Vorbeigehen stoppt er sogar seinen Redeschwall, die Fronten sind geklärt, er kann sie nicht leiden und sie hassen ihn, was soll’s.
Ich weiß gar nicht, ob sie ihn wirklich hassen oder ob er ihnen einfach total egal ist. Sie sind die Schwererziehbaren, sie müssen nichts beweisen. Das stimmt nicht, sie müssen ganz viel beweisen, sonst würden sie nicht auf der Brüstung der Bushaltestelle herumturnen und grölen.
Der Rundendreher murmelt wieder vor sich hin. Hat er die Schere gesehen, die neben der Bushaltestelle auf dem Boden liegt? Er hat hingeschaut – aber hat er sie bemerkt? Ist sie Teil seines Monologs geworden? Ich weiß es nicht. Ich würde so eine Schere wahrscheinlich mitnehmen und sie nicht zurück auf die Brüstung legen, aber würde ich sie an die Besitzerin zurückgeben, wenn ihr Name draufstünde?
Was für ein blöder Versuch, was will ich daraus überhaupt ableiten? Warum hat der Rundendreher die Schere nicht einfach eingesteckt, dann wäre das wenigstens geklärt.
18:32 Uhr: Meine Mutter ruft über die Treppe zu mir hoch, dass ich zum Essen kommen soll. Wir haben uns genauso strenge Zeiten auferlegt wie die anderen Dorfbewohner. Frühstück 6:45 Uhr, außer an den Wochenenden, Mittag 13 Uhr, Abendessen 18:30 Uhr. Sogar der Liebhaber hält sich mittlerweile an immer gleichen Essenszeiten fest, obwohl er meistens allein ist und sich an gar nichts halten müsste.
Als ich nach unten komme, sitzen schon alle am Tisch. Auch der junge Architekt, von dem wir hoffen, dass er die Umgestaltung des Pförtnerhauses im Schlossgarten zu einem Kiosk kostengünstiger betreut als der Stararchitekt aus der Stadt. Nur meine Mutter rührt noch im Apfelkompott und schaut mich dabei wieder so von der Seite an.
Beim Essen ist es seltsam still, der Große stochert die Zwiebeln aus dem Salat und der Kleine schaut gar nicht von seinem Teller auf, wo doch das Abendessen immer ein willkommener Anlass für Nörgeleien ist.
»Was ist?«, frage ich in die Stille hinein, bekomme aber keine Antwort. Das beklommene Schweigen beherrscht sofort den Tisch. Der Kleine fasst sich ein Herz und will wissen, wann sie endlich den Dachboden zurückhaben können. Der Große schaut jetzt auch hoch und sagt, das sei ihr Dachboden.
»Der Dachboden gehört dem, der ihn gerade nutzt«, stelle ich fest, und um jeden Widerspruch zu unterbinden, frage ich, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sie schauen mich an und wissen nicht, wie sie das verstehen sollen, in der Freien Schule gibt es nie Hausaufgaben. Zum Glück fällt mir der Mann nicht auch noch in den Rücken, sondern fragt die Kinder, wann sie endlich wieder regulären Unterricht haben. Als während der Pandemie die Schule geschlossen wurde und sich niemand um das Gebäude kümmerte, lief wochenlang Wasser aus einem gebrochenen Rohr und machte einen großen Teil des Schulhauses unbenutzbar. Zur Reparatur musste dann erst einmal der Schaden aufgenommen, ein Plan erarbeitet und, was am schwierigsten war, Geld gefunden werden. Die Pandemie hat ihren Schrecken längst verloren, aber die Schule hat bis heute nicht wieder so richtig angefangen. Zumindest nicht in der Form, wie man sich Unterricht klassisch vorstellt.
Das reformpädagogische Konzept der Freien Schule beinhaltet, dass der Antrieb, etwas zu lernen, von innen kommen, also intrinsisch sein muss. Das ist schön gedacht, aber was passiert, wenn dieser Antrieb ausbleibt? Im Fall des Hausmeisters, der die Heizung gefrieren lässt, zeigt sich die Problematik dieses Ansatzes. Bei den Kindern ist das nicht anders. Ich warte auf den Moment, in dem sie die wirklich wichtigen Fragen stellen. Aber was ist, wenn ihnen die Voraussetzungen fehlen, um die entscheidenden Fragen überhaupt zu denken? Wann ist es zu spät? Wie viel Autorität ist zu viel? Wie wenig Freiheit zu wenig?
Ich bin ratlos. Wer erzieht wen und was will man überhaupt erreichen? Gibt es Erziehung durch Unterlassung? Soll ein Kind angepasst werden, um sich in bestehende Strukturen einzufügen, oder Freiräume zugestanden bekommen, um sich selbst zu entfalten? Seit ich den Faden verloren habe, ist mir noch viel weniger klar, wie und mit welcher Berechtigung ich auf meine Kinder einwirken soll. Ich will raus aus dem System, aber kaum gerate ich an den Rand, wird mir flau.
Meine Mutter wirft ein, dass dies schon wieder der wärmste Herbst seit Aufzeichnungsbeginn sei, genau wie der vergangene. Der junge Architekt schaut nur zurückhaltend – grinst nicht, lächelt nicht, sagt nichts – ganz wertungsfrei.
Der Mann vermutet, dass die Angst vor den Kipppunkten der Grund dafür ist, dass in Zukunft immer mehr Menschen von der Stadt aufs Land ziehen werden. Dann ist es wieder seltsam still am Tisch. Nach einer Weile fügt der junge Architekt hinzu, dass der erste Kipppunkt die Sesshaftwerdung des Menschen gewesen wäre. Die beiden Männer schießen sich auf das Thema ein und sprechen über die planerischen Fähigkeiten des Menschen und das Konzept Zukunft. Ich schaue demonstrativ aus dem Fenster.
An der Bushaltestelle, in die man von hier aus etwas weiter hineinschauen kann als vom Dachboden, wartet ein Mann. Die hellgraue Wattejacke spannt über dem Bauch, seine Arme hängen seitlich an ihm herunter. Neben ihm steht ein Einkaufstrolley, an dem eine leere große Plastiktasche mit Discounteraufdruck hängt. Ein Rabe bugsiert eine Walnuss aus dem Rinnstein in Richtung Fahrbahn. Das Dorf gibt sich stoisch, denke ich, selbst wenn die Individuen, die Puzzleteile des Dorfes, bis an den Rand des Wahnsinns verzweifeln.
Es ist schon fast ganz dunkel, trotzdem erkenne ich die Pastorin, die von hinten über den Trampelpfad zur Kirche geht. Sie schaut nicht auf, nicht nach rechts und nicht nach links, pinnt nur den Zettel mit den liturgischen Terminen an die Anschlagtafel und verschwindet wieder hinter dem Kirchenschiff.
Sie muss ungefähr zur gleichen Zeit wie wir ins Dorf gekommen sein, aber in all den Jahren haben wir noch nie miteinander gesprochen. Ich glaube nicht, dass es etwas Persönliches ist, sie spricht nur mit den Allerwenigsten. Dabei betreut sie ein Dutzend Kirchen, die in den Mitten der Dörfer der dünn besiedelten Gegend stehen und von ihr regelmäßig auf- und zugeschlossen werden.
Meine Mutter beschwert sich, dass der Bach fast kein Wasser mehr führt und ihre Pumpe Luft zieht, die Kinder kabbeln sich mit den Füßen unterm Tisch.
Wann hat es angefangen, dass die gemeinsame Familienzeit eine Qual für mich wurde? Oft träume ich davon, meine Mahlzeiten schweigend, mit aufgeklapptem Laptop vor mir einzunehmen. Seit ich gelesen habe, wie schlimm es für die Psyche sein soll, wenn man alleine isst und dabei im Internet herumdaddelt, lässt mich der Gedanke nicht mehr los.
Der Mann führt aus, dass wir in der am weitesten entwickelten Gesellschaft aller Zeiten leben und die Menschheit trotz der aktuell pessimistischen Grundstimmung Lösungen für Probleme finden wird, die es im Moment noch gar nicht gibt.
Auf einmal fällt mir das Gehirn wieder ein. Es ist vollkommen unmöglich, dass es aus Zufall in die Pfütze auf dem Kirchhügel gelangt ist. Aber mit welcher Absicht sollte es jemand dort deponiert haben? Wie habe ich es da nur liegen lassen können?
Ohne ein Wort zu sagen, springe ich auf, renne in unseren Vorratskeller, schnappe mir das große Schraubglas, in dem wir irgendwann versucht haben, Rumtopf anzusetzen, und laufe hinüber zum Kirchberg.
Das Organ ist kalt und erstaunlich schwer. Ich muss es ein wenig quetschen, um es durch die Öffnung zu bekommen, und schöpfe mit der hohlen Hand Wasser aus der Pfütze darüber, bis es endlich hineinplumpst.
Ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden, aber es ist niemand zu sehen. Ich stelle mir vor, dass ich mir selbst zusehe. Es macht mich ein bisschen stolz, wie ich mit dem Gehirn im Glas die Straße überquere. Ich kenne die Geschichte des Gehirns nicht, und doch ist dieser Moment ein Glied in einer langen Kette, in der ich mich bewege und das Gehirn sich auch. Ab hier sind wir verbunden.
Aufrecht stehen kann man auf dem Dachboden nur in der Mitte. Nach außen hin fällt das Blechdach mit geringer Neigung bis zu den Kniestöcken auf beiden Seiten ab, in denen winzige Fenster sitzen, die die Kinder als Schießscharten nutzten, als sie hier oben noch Detektiv spielten.
