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Roland spürt aber auch, dass er an diese unirdische Frau sein Ich verliert, schleichend, endlos langsam und dennoch unaufhaltsam.Es ist ein durch nichts zu beweisender Verdacht, fernab jeder Realität, wie ein See, der über Jahrhunderte sein Wasser verdunstet, allmählich verlandet bis er zur Salzwüste wird. Kaum, dass diese Gedanken und Empfindungen seinen Verstand erreichen, hält er sich für verrückt , und dennoch glaubt er , seine Irina sei von einem anderen Stern. Vom Mars vielleicht? Die Menschen aus seinem Umkreis, seine Freunde, seine Familie, bemerken diese Veränderung anscheinend nicht. Für Roland ist sie immer gegenwärtig. Wurde das durch seine Liebe zu Irina verursacht? Stahl sie ihm seine Seele?
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2019
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»Wir werden geformt und gestaltet durch das, was wir lieben.«
Johann Wolfgang von Goethe
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Die Häuserreihe in der Hüxstraße, in der sich auch ihre Wohnung befand, stand noch. Doch durch den Luftdruck der detonierenden Bomben waren sämtliche Fenster und Türen herausgeflogen.
Palmsonntag. März 1942. Lübeck war die erste Stadt, die von den Alliierten bombardiert wurde. Das war furchtbarer als alles, was ihm bisher geschehen war. Seinen Vater hatten sie ihm genommen, und er konnte sich kaum noch erinnern an den Mann, der in den Krieg hatte ziehen müssen. Der Hunger hörte nicht auf, wann war er das letzte Mal satt geworden?
Am Tag nach der ersten Angriffswelle rannte er zu der Stelle, an der gestern noch das Haus des Kohlenhändlers gestanden hatte und in dem sein Freund Hansi lebte, den er in der Nacht vergeblich im Bunker gesucht hatte. Feuerwehrleute waren damit beschäftigt, im Schutt der Häuser nach Überlebenden zu suchen. Keiner kümmerte sich um den kleinen Jungen. Roland sah einen Fetzen Stoff zwischen den Steinen flattern, und als es ihm nicht gelang, den Fetzen hervorzuziehen, begann er zu buddeln. Das, was er aus dem Schutt zog, war ein Bein, ein abgerissenes Bein.
Roland war tränenüberströmt, als er seinen Fund zum nahen Kanal schleppte, um ihn dort in der weichen Erde zu vergraben. Er glaubte fest, dass es Hansis Bein war, das er gefunden hatte und nun dort vergrub.
Am Tag dieses Begräbnisses eines Kinderbeines war Roland noch keine fünf Jahre alt.
Die Grillen lärmen wie tausende kleine Motorsägen in den Zypressen, die wie eine grüne filigrane Wand die Terrasse gegen die Weingärten abschirmen, die den Berg empor klettern. Dieser sirrende, in hohen Tönen knirschende Lärm dringt in die Gehörgänge und in sämtliche Zellen des Körpers, lässt ihn vibrieren, verdrängt das Bewusstsein und lässt den Gedanken kaum Möglichkeit und Raum, sich zu formieren.
Um diese frühe Abendstunde gibt es keine Fluchtmöglichkeit vor dem Terror dieser Insekten. Er ist überall, im Weinberg, in den Bäumen, selbst hinter den dicken Mauern der hundert Jahre alten Villa Fuente, deren vierstöckiger Wohnturm sich trotzig über das klirrende Geigen der Grillen erhebt und mit seinen stoffverhangenen Fenstern sehnsüchtig weit über die Weinberge und die hellgrünen krausen Wipfel der Pinien in Richtung Mittelmeer schaut.
Roland, ein sportlich wirkender Mann von etwa vierzig Jahren, mit leicht schütterem dunkelblonden Haar, blauen Augen und einer eindrucksvollen Nase, von seinen Freunden Rolli gerufen, liegt auf der Umfassungsmauer, die aus kopfgroßen Feldsteinen gebaut kaum einen Meter hoch die Terrasse umschließt. Er atmet die darin gespeicherte Wärme mit allen Poren seiner Haut.
Die blaue Stunde neigt sich der Dunkelheit entgegen. Das Bergmassiv jenseits der Straße von Cassis nach La Ciotat sieht aus wie das Maul eines Zyklopen mit weit geöffnetem Schlund, in den der Mond hinein zu stürzen droht.
Die Stimmen der beiden Frauen, die ein wenig abseits im Schatten der großen Pinie auf der Terrasse sitzen, dringen bruchstückhaft in sein Gehör. Verstehen kann Roland nicht, was sie sagen. Das Pfeifen der Grillen zerhackt die Worte zu unverständlichen Lauten. Die Frauen haben den gleichen Vornamen und sind Freundinnen, doch sie könnten unterschiedlicher nicht sein.
Claudia aus Düsseldorf. Tochter eines Unternehmers, der ihr einen Haufen Geld hinterlassen hat, und die darum jeder Art von Arbeit aus dem Weg geht, ist eine Schönheit wie aus einem Märchenbuch. Bei einer Größe von etwa einen Meter fünfundsiebzig ist ihr Körper sehr schlank und biegsam. Große braune Augen, eine schmale Nase, hohe leicht einfallende Wangen geben ihrem Gesicht einen ätherischen elfenhaften Zug, wäre da nicht der breite Mund mit den vollen Lippen. Die dunklen schulterlangen Haare betonen ihre helle Haut und lassen sie noch mehr leuchten.
Claudia aus Hamburg. Die andere Claudia. Sie ist Ende dreißig wie ihre Freundin, doch anders als diese darauf angewiesen, ihr Geld zu verdienen. Als Sonderschullehrerin. Dunkelblond ist Claudia, mit einer kurzen Ponyfrisur, und bei gleicher Größe pummelig, was ihr gut steht und ihr eine erotische Fraulichkeit gibt. Ihre leicht stupsige Nase und der schmale zu kleine Mund lassen das Gesicht etwas großflächig erscheinen.
Das weich werdende Gewebe der Haut zieht ihre Mundwinkel leicht nach unten, was ihr einen müden Ausdruck verleiht. Ihr Körper aber ist fest mit kleinen runden Brüsten. Sie sonnt sich gerne oben ohne und beklagt sich dabei über die »unverschämten Blicke der Kerle, die auf meinem Busen spazieren gehen«.
Roland, Irina und Muriel waren mit Claudia in ihrem Auto von Hamburg nach Cassis gefahren. Zuhause ist Claudia eine fröhliche Gastgeberin, wenn auch immer vom Gedanken besessen, einen Mann zum Heiraten zu finden. Auf dieser Fahrt allerdings wurde Claudia immer nörgeliger, meckerte über zu volle Straßen, andere Autofahrer, die zu schnell fuhren oder zu langsam. Die Sonne zu warm, der Regen zu kühl.
Sie waren froh, endlich am Ziel zu sein und hier im Haus mit der Düsseldorfer Claudia entspannte sich die Situation. Dennoch war Roland frustriert, nicht so sehr über das Verhalten Claudias, sondern mehr darüber, keine Empathie zu empfinden, sich nicht in ihre Gefühle einfinden zu können. Wann, verdammt noch mal, hatte dieser schleichende Verlust eingesetzt? Die diffuse Veränderung seines seelischen Mitempfindens?
Hier auf der warmen Mauer liegend, überkam Roland die Erinnerung an den heutigen Nachmittag. Sie hatten am Strand gelegen, nach einem Spaziergang durch Cassis, und am frühen Abend im Yachtclub das Abendessen eingenommen. Sie, das waren seine geliebte Irina, ihre gemeinsame Tochter Muriel und die beiden Claudias. Das Essen war schlecht und der Abend viel zu warm. Sie tranken einige Flaschen Weißwein aus einem Chateau der Gegend. Der Wein war leicht und trocken, mit einer Frucht aus Stachelbeere und Melone, gut gekühlt erfrischte er den Körper und erheiterte die Seele. Auf dem Rückweg am Strand entlang, das Abendrot hielt die Nacht noch zurück, überkam Roland der Übermut. Er entkleidete sich und lief in das leicht plätschernde sommerwarme Mittelmeer.
Irina und Muriel taten es ihm nach, das Wasser glitzerte in der untergehenden Sonne. Die Claudias blieben am Ufer stehen und schauten sich hilflos um. Die Hamburgerin setzte sich schließlich in den Sand und strahlte Missmut aus. Die Düsseldorferin stand noch im feinen Kleid unschlüssig am Strand.
Roland ließ Irina los und Muriel, mit denen er im Wasser getobt hatte, und lief auf Claudia zu. Schlang die Arme um ihren schönen Hintern und schleppte sie trotz des feinen Kleides ins Wasser. Sie stieß spitze Schreie aus, schleuderte ihre Sandalen und ihre Tasche auf den Strand, und schlang ihre Arme und Beine um Roland. Er lief mit ihr ins Meer hinein, bis ihnen das Wasser bis zur Brust reichte. Dort blieb er stehen. Claudia hielt ihn weiter umschlungen, legte den Kopf in den Nacken, lachte glucksend und rieb ihren Körper an seinen. Irina und Muriel schwammen auf sie zu, sie umarmten sich und ein unwahrscheinlich zärtliches Glücksgefühl vereinte sie zu einer gleich empfindenden großen Gestalt aus vier Leibern.
Die Sonne folgte ihrem Vorbild und sank ins Meer, um sich dort hinterm Horizont mit ihm zu vereinen. Die vier verließen das Wasser und zogen die Kleider über die nasse Haut. Claudia wrang ihr Kleid aus und zog es erneut über. Es war windstill und warm.
Zurück in der Villa Fuente trockneten sie sich ab und begaben sich auf die Terrasse, während Irina im Turm des Hauses das Kind ins Bett brachte.
Die Steine der Umfassungsmauer drücken Roland in den Rücken. Er achtet nicht mehr auf die beiden Frauen, die immer noch miteinander schwatzen. Seine Gedanken wandern zu Irina, die sich seit Jahren weigert, ihn zu heiraten. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ist ihre Verbindung vertrauensvoller, zuverlässiger und wärmer und gleichzeitig freier und großzügiger als alles, was er vorher kennengelernt hat, einschließlich seiner Ehe.
Ein Glücksgefühl durchströmt ihn, das er ähnlich empfindet wie es im Augenblick des Todes angeblich die Sterbenden erfüllt. Die Welt wird hell, und das Licht ist warm und fühlbar, so wie ein Leib einen anderen umschlingt im nicht enden wollenden Liebesakt.
Irina. Roland sieht sich in ihren grünen Augen versinken, in endloser Tiefe, sieht sich von ihren blauen Haaren umsponnen wie in einem Kokon, und er spürt die Liebe und Zärtlichkeit, mit der sie ihrer beider Tochter im Turmzimmer schlafen legt.
Roland spürt aber auch, dass er an diese unirdische Frau sein Ich verliert, schleichend, endlos langsam und dennoch unaufhaltsam. Es ist ein durch nichts zu beweisender Verdacht, fernab jeder Realität, wie ein See, der über Jahrhunderte sein Wasser verdunstet, allmählich verlandet bis er zur Salzwüste wird. Kaum, dass diese Gedanken und Empfindungen seinen Verstand erreichen, hält er sich für verrückt, und dennoch glaubt er, seine Irina sei von einem anderen Stern. Vom Mars vielleicht?
Die Menschen aus seinem Kreis, seine Freunde, seine Familie, bemerken diese Veränderung anscheinend nicht. Für Roland ist sie immer gegenwärtig. Wurde das durch seine Liebe zu Irina verursacht? Stahl sie ihm seine Seele?
Seine Gedanken schweifen zurück. Zu dem Tag, als es begann.
Es war ein warmer Augusttag, und er hatte sein Studio an der Lübecker Mühlenbrücke abgeschlossen. Er wandte sich nach links zum Kanal, ging dann aber zur gegenüber liegenden Seite zum Mühlenteich hinunter. Er war mürrisch. Die Eifersucht seiner Frau Britta setzte ihm so zu, dass er bei seiner Arbeit bereits starke Motivationsstörungen hatte. Er wurde von Lustlosigkeit ergriffen, der Frust ließ ihn schon mal tagsüber zur Cognacflasche greifen. Seiner Meinung nach hatte seine Frau keinen Grund für ihr schon krankhaftes Verhalten. Doch er fand keinen Ausweg aus dieser Misere.
Roland hatte einen Traumstart als Fotograf hingelegt. Bereits ein Jahr nach der Gründung seines Studios arbeitete er für die große Tageszeitung der Stadt, den Lübecker Nachrichten, und für fünf der in Lübeck ansässigen Werbeagenturen. Die SPD ließ ihren künftigen Ministerpräsidenten von ihm porträtieren. Etliche private Aufträge wie Hochzeitsfotos standen in seinem Kalender. Der Direktor des St. Annen-Museums hatte eines Tages in seinem Atelier gestanden und ihn gefragt, ob er die Ausstellungsobjekte fotografieren könne. Ein Auftrag, der einem Ritterschlag nahe kam.
Es hätte alles so schön sein können, doch die Eifersucht seiner Frau ließ ihn mutlos werden. Sie machte ihm Vorwürfe, wenn er die Models oder auch seine privaten Kundinnen anfasste, um sie in die Position zu bringen, die er sich für das Foto vorstellte. Doch Britta war nicht nur eifersüchtig auf die Frauen, sondern auf nahezu alles, was nicht mit ihr zu tun hatte. Ob er Häuser fotografierte oder Obst und Gemüse, ob Autos oder alte Gemälde, ob er sich mit Freunden oder Kollegen traf, es störte sie alles.
Roland spazierte am Mühlenteich entlang, der still und glitzernd in der Abendsonne lag, hinüber zu der alten Wassermühle, wo er Stöckchen in den schäumenden Wasserfall des kleinen Wehrs warf. Er schlenderte zu den Wallanlagen, ziellos und in seinen Gedanken verloren. Von hier oben hatte man einen wunderschönen Blick auf die berühmte Stadtsilhouette mit den sieben goldenen Türmen der Lübecker Kirchen, die ihre nun grünen Zipfelmützen über die Häuser reckten und ihren Bewohnern ein diffuses Gefühl von Schutz und Geborgenheit vermittelten.
Eine Kindheitserinnerung stieg in ihm auf an den März des Jahres 1942. Die in Flammen stehenden Türme von der Marienkirche, dem Dom, von St. Petri, damals als er mit seiner Mutter und der kleinen Schwester nach dem ersten großen Angriff auf Lübeck aus dem Bunker gekommen war.
Roland setzte seinen Gang über die Wallanlagen fort. Dunkelheit legte sich über die Landschaft und ließ sie unter dem grauen Tuch des Abends verschwinden. Lichter flammten auf, um sich wie kleine Feuerzungen durch die Finsternis zu fressen. Auf einmal stand er vor dem Riverboat, einem alten Kahn, der im Stadtgraben vor Anker lag, unmittelbar neben der Puppenbrücke, die ihren Namen den lebensgroßen steinernen Götterfiguren verdankte, die an den vier Ecken der Brücke standen. Dieser Kahn im Stadtgraben war der angesagte Musik- und Tanzschuppen der Hansestadt.
Roland ging über den hölzernen Bootssteg, der seine Schritte mit leisem Kettengeklirr begleitete. Er betrat das Foyer und wurde von Klaas Kubbernuss, einem rothaarigen Gelegenheitstrompeter, mit der müden Nonchalance einer schon zu lange währenden eher losen Freundschaft begrüßt.
Er wandte sich nach links, wo sich eine Öffnung im Boden befand. Von dort führte eine Rutsche direkt auf die im unteren Geschoss befindliche Tanzfläche.
Plötzlich überfiel Roland das Gefühl, nicht freiwillig hergekommen zu sein. Eine geheimnisvolle Kraft schien ihn angezogen zu haben. Wie in Trance ließ er sich über die Rutsche in den Bauch des Schiffes fallen, direkt auf die Tanzfläche. Er richtete sich auf und blickte in ein Gesicht mit unglaublich grünen Augen, einem viel zu großen knallroten Mund, umrahmt von blauen Haaren. Er starrte auf diesen lachenden Mund und in diese Augen von unergründlicher Tiefe, und eine Kaskade aus Lichtern, Jazzmusik, Stimmen stürzten in einer ungeheuren Mixtur über ihm zusammen. Er glaubte einer Ohnmacht nahe zu sein, als dieser Mund sich ihm näherte und ihn ertrinken ließ in einem nicht enden wollenden Kuss.
Er traf sich mit Irina zu jeder möglichen und unmöglichen Zeit. Provozierte Streit mit seiner Frau, der allzu leicht herbei zu führen war, um scheinbar wutentbrannt Haus und Studio zu verlassen. In der Mittagspause ging er zu dem Kaufhaus, in dessen Kosmetikabteilung Irina arbeitete. Sah sie ihn, gab sie ihm ein Zeichen, und sie trafen sich in einem nahen Stehcafé. Immer und immer wieder berührten sie sich, ihre Blicke konnten sich kaum voneinander lösen, eine große Sehnsucht, ein endloses Verlangen war in ihren Seelen und ihren Körpern.
An den Abenden war es nahezu unmöglich, sich zu treffen. Roland mochte nicht zu offensichtlich vorgehen und seine Frau verletzen, der er sich doch noch immer und trotz alledem verpflichtet fühlte. Er vermochte nicht zu sagen, ob er sie noch liebte, gestand sich aber ein, dass neun Jahre Ehe nicht einfach ausgelöscht werden konnten. Hatten diese Jahre nicht auch einmal mit großen Gefühlen begonnen?
Er war sich auch nicht klar darüber, ob die Empfindungen für Irina Verliebtheit oder Leidenschaft waren oder doch die ganz große Liebe. In seinem Kopf waren zu viele Gedanken, die alle im Widerspruch zueinander standen, und da Irina sich ihm sexuell verweigerte, wusste er überhaupt nicht mehr, woran er war.
Er fiel wieder öfter über seine Frau her, mit gieriger Verzweiflung und der Phantasie, es mit Irina zu treiben, und so zog Britta den Trugschluss, sie würden sich wieder besser verstehen.
Seine Verzweiflung brachte ihn jedoch immer wieder dazu, seine Frau mit vorgeschobenen Vorwürfen zu quälen. War sie nicht Schuld daran, dass Irina sich ihm verweigerte? Irina hatte ihm erklärt, dass sie ihn liebe, doch nicht mit ihm ins Bett gehen würde, da er verheiratet sei.
Fast ein halbes Jahr verging, und Irina blieb standhaft. Roland wurde schier wahnsinnig, doch er empfand auch eine tiefe Bewunderung für Irinas Ernsthaftigkeit. Kein flüchtiges Gefühl, das sie beide verband, keine leichtsinnige Leidenschaft. Er liebte Irina und sie liebte ihn.
Es wurde Silvester, und Roland saß in der Zwickmühle. Er wollte den Abend mit Irina verbringen, fühlte sich aber auch Britta verpflichtet. Aus dem Nichts entstand ein heftiger Streit zwischen ihm und Britta, der ihm sehr gelegen kam. Er konnte ihr den schwarzen Peter zuschieben, wutentbrannt die Wohnung verlassen, Irina anrufen und sich mit ihr treffen.
Mit Freunden, die von ihrer Liaison wussten, fuhren sie nach Hamburg, um dort in einem Hinterhofhaus am Schlump den Jahreswechsel zu feiern. Ein Bekannter der Freunde hatte dort eine Fete organisiert, die mit Haschisch und Alkohol in ausreichender Menge einem unbekannten Höhepunkt zustrebte. Von diesem Abend blieb kaum was in ihrer Erinnerung. Sie hatten nur Augen, Münder, Hände füreinander.
Lange nach Mitternacht zuckelten sie in ihrer Ente zurück nach Lübeck. Roland und Irina und Rolands Freund Bernd, der den Deux Cheveaux fuhr, und neben dem eine heiße Braut saß, die er auf der Fete kennengelernt hatte. In Lübeck angekommen, fuhren sie zu Freunden, sahen dass noch Licht in den Fenstern war, und beschlossen dort diese Nacht ausklingen zu lassen.
Bei Ilka und Klaus rauchten sie noch einen Joint, tranken ein weiteres Glas Wein, und ließen sich schließlich auf dem Fußboden nieder, vor dem Sofa, auf dem es sich Bernd mit seiner Blondine bequem gemacht hatte.
Die beiden Wohnungsinhaber zogen sich zurück und gingen ins Schlafzimmer. Roland war leicht benommen von all dem guten Stoff. Trotzdem oder gerade deshalb begehrte er Irina wie nie zuvor. Er streichelte und küsste sie mit aufflammender Gier, ihr üppiger wohlgeformter Leib drängte sich an ihn, und nun war es auch mit ihrer Zurückhaltung vorbei. Ihre Schenkel öffneten sich, sie nahm seine Hand und führte sie in ihren Schritt. Sie hatte kein Höschen an, und er fühlte die Nässe zwischen ihren Beinen. Ihre Zunge in seinem Mund wurde drängender und mit vor Erregung zitternden Händen rissen sie sich die Kleider vom Körper. Roland drang in sie ein, Irina stöhnte laut auf, und ihre Finger krallten sich in seine Arschbacken.
Sie liebten sich wieder und wieder, und die Welt um sie herum hörte auf zu existieren. Alles andere war unwichtig geworden. Dass Bernd sich mit seiner neuen Flamme hinterm Sofa vergnügte, nahmen sie nicht wirklich wahr.
Nach dieser Nacht war es noch weniger vorstellbar, ein Leben ohne Irina zu leben. Er verspürte so viel Liebe und Zärtlichkeit in sich und fühlte eine ungeheure Kraft von Irina ausgehend, die ihm das Gefühl gab, nicht mehr er selbst zu sein. Er schien beherrscht zu werden von einer anderen Macht.
Schuldbewusstsein und Mitleid stießen ihn in widerstreitende Empfindungen seiner Frau gegenüber. Er war seit neun Jahren mit ihr verheiratet, und sie hatten sich einmal geliebt. Waren sie mit vierundzwanzig Jahren zu jung für diese Ehe gewesen?
Roland wusste nicht, ob es Pflichtgefühl war oder noch ein Rest von Zuneigung, dass er noch immer mit ihr schlief, was aber oft zu Tränen und Auseinandersetzungen führte. Ihre Tage bestanden aus Beschimpfungen und nun auch Handgreiflichkeiten. Es war eine Zeit permanenter Zuspitzungen und der Suche nach einem Ausweg aus der Misere. Er betäubte sich immer öfter mit Alkohol, oft schon am frühen Morgen. Sein Wertegefühl war völlig durcheinander geraten. Es schwankte zwischen der Pflicht, der Angst alles zu verlieren und der Liebe zu Irina.
An einem Abend im Mai drohte ihm Irina mit Trennung. Er suchte danach allein eine Kneipe in der Burgstraße auf und trank viel zu viel Wein, bevor er nach Hause zur Mühlenbrücke zurückkehrte und vom Studio aus in die Wohnung ging.
Die vorderen Räume bestanden aus einem großen Ausstellungs- und Empfangsraum mit einem Schaufenster zur Straße, in dem einige seiner Fotoarbeiten präsentiert wurden. Hinter diesem ersten Raum befand sich das Fotostudio, eines der ersten, das mit einer Blitzanlage ausgestattet war an Stelle von Hitze erzeugenden Glühlampen. Dann kam die Wohnung mit einer offenen Küche zum Salon hin und dem Schlafzimmer mit Terrasse zum Krähenteich. Außer ihm und Britta lebten noch zwei Katzen hier, die sich allerdings meist im Garten und am Ufer des Teiches aufhielten, auf der Jagd nach Mäusen und anderem Getier.
Roland ging ins Schlafzimmer und fand das Bettt unbenutzt vor. Das war ungewöhnlich, und der Gedanke, der ihm als erster in den Kopf kam, entsetzte ihn: Britta hatte sich was angetan.
Er lief durch die Räume, suchte nach ihr, fand schließlich die Tür zum Keller halb offen stehend. Roland trat auf die Tür zu, als die plötzlich aufflog und Britta im Rahmen erschien. Ihre Augen waren weit aufgerissen, die Haare hingen wirr, ihre Hände umklammerten ein langes Küchenmesser. Sie stürzte sich auf ihn.
Trotz seiner Trunkenheit konnte er ihrem Angriff ausweichen, und im Reflex der Abwehr traf er sie mit der geballten Faust ins Gesicht. Die Wucht war so groß, dass Britta in eine Ecke des Studios flog und dort wimmernd liegen blieb.
Roland fing an zu zittern. Sein Herz raste, und die Gedanken tobten wie eine Meute geifernder Hunde durch sein Gehirn: Du Idiot. Was hast du gemacht, was ist bloß aus eurer Liebe geworden. Du hast dein Herz an eine andere verschenkt und deine Frau ist dir nur noch eine Last. Doch du hast noch immer Gefühle für sie. Noch kannst du zurück. Vergiss Irina, und alles wird wieder gut.
Verzweifelt versuchte Roland diesen Gedanken andere entgegen zu setzen: Britta hat mich doch schon so lange mit ihrer Eifersucht gequält als es noch gar keine Irina in meinem Leben gab und ich nur ein paar Freiräume wollte. Freiräume. Nicht einmal Freiheiten.
Die Bilder in seinem Kopf reihten sich aneinander wie in einem Kaleidoskop, mal war es Irinas Gesicht, sanft und voller Gefühle für ihn, dann Britta, die fordernd war, aggressiv, selbstzerstörerisch. Das Kaleidoskop wurde zu einem immer schneller kreisenden Karussell. Britta-Roland-Irina-Roland-Britta-Irina-Roland. Er sank neben Britta auf den Boden des Studios. Sie umarmten sich, tränenüberströmt zerrten sie sich die Kleider vom Leib und liebten einander mit einer Verzweiflung, die an Ertrinkende erinnerte, die sich an einen zu dünnen Zweig klammerten. Völlig erschöpft schliefen sie auf dem Fußboden ein.
Mit schwerem Kopf und schmerzenden Gliedern wachten sie am frühen Morgen auf. Britta ging ins Bett, und Roland schleppte sich unter die Dusche. Das heiße Wasser ließ ihn klarer werden, und er wusste, dass es zu einer Entscheidung kommen musste. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn es zu einer Scheidung käme, denn mit Britta konnte er nicht mehr leben.
Tagelang gingen sie sich aus dem Weg. Doch auch Irina sah er längere Zeit nicht. Er hatte Schuldgefühle. Beiden Frauen gegenüber. Betrog er sie nicht beide? Irina, weil er ihr nicht klar machen konnte, warum es schwer war, sich von Britta zu trennen?
Britta, der er nicht sagen konnte, wie groß seine Liebe zu Irina war? Da schien kein Ausweg zu sein aus dieser Sackgasse.
Er dachte daran, wie es gewesen war als er Britta kennengelernt hatte. Vierundzwanzig war er und stationiert bei der Bundeswehr in Husum. An einem Wochenende, das er mit einem Kameraden und Freund in St. Peter-Ording verbrachte, hatte er sie in einer Kneipe kennengelernt. Zum Leuchtturm hatte die geheißen.
Die gleichaltrige Britta, Sportlehrerin, kam aus dem Rheinland. Sie verliebten sich sofort ineinander und heirateten, nach Rolands Bundeswehrzeit, in seiner Heimatstadt Lübeck.
Roland hatte sich in verschiedenen Berufen versucht, bis er sich entschloss, seiner Leidenschaft nachzugeben und Fotograf zu werden. Er fand eine Lehrstelle und bestand nach zweijähriger Ausbildung die Prüfung mit Auszeichnung. Nach einem weiteren Jahr als Angestellter bei Foto-Jäger in der Holstenstraße, machte er sich mit seinem Studio an der Mühlenbrücke selbständig.
Er war in Britta verliebt gewesen, eine Verliebtheit, die sich so selbstverständlich und leicht über einen stülpte in diesen jungen Jahren und die man viel zu voreilig zu etwas Verpflichtendem machte, das einen auf ewig zu binden schien.
Irina hingegen war er verfallen mit allen Fasern seines Seins, sie liebte er mit allen schmerzlichen Konsequenzen. War er mit ihr zusammen, besaß sie ihn ganz. Durch Irina fühlte er sich in andere Räume des Erlebens versetzt. Sie weckte in ihm Empfindungen und Emotionen, von deren Existenz er nie etwas geahnt hatte, es nicht für möglich gehalten, dass so etwas in ihm verborgen war. Irina entführte ihn mit ihrer Liebe und Körperlichkeit in Welten, die jenseits seines Bewusstseins lagen. Sie war für ihn zu einer Droge geworden, die immer stärker von ihm Besitz ergriff. In ihr konnte er seine Seele fließen lassen, ohne etwas zurück zu halten.
Ein Teil seines Ichs blieb bei ihr.
Roland wusste, dass er sich trennen musste von Britta, doch eine Trennung war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Da war das Studio und die damit verbundene gemeinsame Wohnung. Da gab es geschäftliche und freundschaftliche Verbindungen, die oft miteinander verknüpft waren, vieles, das sich nicht mit einem einzigen Schnitt kappen ließ.
Er hoffte darauf, dass Britta die Ausweglosigkeit der Situation erkennen und richtig einschätzen würde. Sie musste doch einsehen, dass sich der Status Quo nicht aufrechterhalten ließ, und ihr nichts anderes übrig bliebe, als die Scheidung einzureichen. Doch er hatte nicht mit ihrer Hartnäckigkeit gerechnet und dem Einfluss, den ihre katholische Erziehung auf ihr Weltbild hatte. Eine Scheidung war da nicht vorgesehen.
Alles blieb also beim Alten. Erst einmal. Roland traf sich wieder mit Irina, und seine Empfindungen für sie festigten sich mit jedem Gespräch, jeder erotischen Ausschweifung. Es waren die sechziger Jahre, die da zu Ende gingen, und die hielten für alle Suchenden, alle Grenzüberschreiter Drogen jeder Art bereit.
Sie rauchten Haschisch, roten Libanesen, grünen Afghanen oder schwarzen Türken, buken Plätzchen daraus und schluckten LSD. Die Halluzinogene verstärkten ihre Erlebnisse, und oft fühlten sie eine Vereinigung als seien sie ein Leib. Der eine Körper hatte in einem Augenblick die selben Gefühle wie der andere, die Gedanken tanzten den selben Walzer, den selben Rock’n Roll. Der Mund schien sich selbst zu küssen, und die gemeinsam explodierenden Orgasmen ließen diesen Körper aus zwei Leibern in vulkanischen Eruptionen erbeben. Bei einem dieser Ausflüge in die Drogenwelt, sie hatten einen LSD-Trip eingeworfen, verließen sie das sichere Haus und begaben sich auf den Weg in die Stadt, die mit ihrer Kakophonie aus Motorengeheul, Fahrradklingeln, Arbeitsgeräusch, Hundegebell und menschlichen Stimmen auf sie einstürzte wie der Lärm des Dschungels in der Nacht.
Sie kamen aus einer Villa in der Gartenstraße. Als sie die Kronsforder Allee überqueren wollten, bemerkte Roland beim Betreten des Zebrastreifens, dass dieser zu einer bösen Falle geworden war. Er durfte seine Füße nur auf die weißen Streifen setzen. Falls er die schwarzen Zwischenräume träfe, würde er unweigerlich in die Tiefe stürzen und nie mehr an die Oberfläche der Erde kommen. Er hatte mit sehr bangen Schritten die Mitte der Straße erreicht, Irina wartete schon auf der anderen Seite, als ihn das Fauchen eines Tigers zwang, stehen zu bleiben. Er drehte sich nach rechts, von da schien das Fauchen zu kommen, und erblickte die glühenden Augen der Bestie, die auf ihn zuraste.
Roland erstarrte. Völlig unfähig zu fliehen, schaute er in die sich rasend schnell nähernden Lichter, wissend, jetzt gefressen zu werden. Kurz bevor sie ihn erreichten, wichen sie aus, Reifen kreischten, ein Auto schleuderte. Das laute Hupen holte ihn zurück ins Bewusstsein, so dass er die Straße verlassen konnte, um sich zu Irina auf den Bürgersteig zu retten. Die Bäume im angrenzenden Park der Landesversicherungsanstalt schüttelten ihre Zweige und klatschten mit den Blättern Beifall.
Irina und er wanderten weiter durch die Stadt, ohne Ziel und ohne Zeitgefühl. Die Geräusche der Nacht lockten, die farbigen Lichter. Sie ließen sich treiben, lachten, weinten, lagen sich in den Armen, um nach einer imaginären Musik zu tanzen. Sie wussten nicht, wie lange sie unterwegs waren und auch nicht, wo überall sie sich herumgetrieben hatten, als sie den Kohlmarkt erreichten und ihn in Richtung Marienkirche überquerten. Die Morgendämmerung setzte ein, und die beiden gewaltigen Türme dieses riesigen Bauwerkes beugten sich zu ihnen herunter, um sie zu begrüßen.
Sich vor Lachen ausschüttend, liefen sie davon, um die Kirche herum zu den Schrangen und dann in die Straße, in der Irina eine Wohnung mit ihrer jüngeren Schwester Mona teilte.
Die Wirkung der Droge ebbte langsam ab, und auf eine Phase der Klarheit folgte ein Rückfall ins Unbewusste und machte es schwer, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden. Da Mona nicht zu Hause war, gaben sie sich noch einmal ihrer Lust hin und fielen dann in einen unruhigen Schlaf voller wilder Träume.
Die Bombardements jenes Frühlings 1942 gingen noch eine Zeit lang weiter, doch ihre Wohnung blieb verschont. Die zerbrochenen Fensterscheiben wurden notdürftig mit Wellpappe abgedichtet.
Die Frauen aus dem Haus halfen sich gegenseitig bei den Reparaturen, die an vielen Stellen nötig geworden waren. Roland liebte es, zu stromern, seine Mutter konnte sich kaum um ihn kümmern. Sie hatte alle Hände voll zu tun mit der Versorgung der kleinen Familie. Ihre größte Sorge war, das Baby durchzubringen. Sein Schwesterchen.
Mit den Jungs aus der Nachbarschaft durchstreifte Roland die Ruinen auf der Suche nach Verwendbarem, und sie gruselten sich, wenn sie durch halb zerstörte Keller krochen. So ganz begriffen sie nicht den Ernst der Lage. Für sie war alles ein einziges großes Abenteuer. Der Tod war darin inbegriffen.
Der wilde Frühling neigte sich seinem Ende entgegen. Der Juni begann und mit ihm näherte sich Rolands dreiunddreißigster Geburtstag. Er hatte erkennen müssen, dass sich seine Probleme weder durch Drogen noch durch Alkohol lösen ließen. Allenfalls konnte er sie eine Zeitlang verdrängen.
Aus heiterem Himmel, so kam es ihm vor, eröffnete ihm Irina, dass sie nicht länger willens und in der Lage sei, mit ihm zusammen zu bleiben. Da er keine Anstalten machte, die Scheidung in die Wege zu leiten, müsste sie ihn verlassen, auch und weil sie ihn so sehr liebe. Außerdem verbiete es ihre Moral und Erziehung mit einem verheirateten Mann zusammenzuleben. Sie wolle keine Geliebte sein und damit das dritte Rad am Wagen einer Ehe. In Lübeck könne sie nicht bleiben, da sie sich dauernd über den Weg laufen würden und zu viele Freunde und Bekannte wissen wollten, was denn los mit ihnen sei.
Irina sagte ihm, sie habe eine Stelle als Stewardess auf einem Frachtschiff angenommen und besitze bereits das Seefahrtsbuch. Der Abreisetag sei in zwei Tagen, dann würde sie in Bremen an Bord gehen und nach Afrika fahren.
Roland war wie vor den Kopf geschlagen. Sollte Irina ihre Drohung wahr machen, denn als solche fasste er ihre Ankündigung auf, wäre das kaum zu ertragen. Es konnte nicht sein, dass ihre unglaubliche himmelstürmende Liebe so enden sollte. Er lief wie betäubt durch die Gegend, um dann festzustellen, dass Irina tatsächlich abgereist war. Sie hatte sich noch nicht einmal von ihm verabschiedet.
In seiner Verzweiflung fiel er über Britta her und vögelte sie wie ein wildes Tier, obwohl er sie lieber umgebracht hätte.
Zwei Tage später rief sein Freund Pingel aus Hamburg an und behauptete, dass das Schiff, auf dem Irina unterwegs sein sollte, noch im Hamburger Hafen am Afrikakai läge. Roland konnte es nicht glauben und beschimpfte seinen Freund, dass er ihn verarschen wollte. Doch Pingel blieb dabei. Irinas Schiff lag noch im Hamburger Hafen. Roland war verwirrt und wusste nicht, wie er reagieren sollte. War das ein Wink des Schicksals? Wie würde Irina reagieren, wenn er jetzt plötzlich auftauchte?
Was sollte er ihr sagen? Wie sollte es weitergehen?
Er entschloss sich, zu fahren. Punkt achtzehn Uhr verließ er sein Studio und nahm den Zug nach Hamburg.
Pingel, ein Freund aus der gemeinsamen Lehrzeit in Lübeck, der im Hamburger Hafen als Fotograf arbeitete, holte ihn vom Bahnhof ab. Gemeinsam fuhren sie in Pingels VW zum Afrikakai, an dem tatsächlich das Schiff lag, auf dem Irina angeheuert hatte.
Die Situation ging über Rolands Kräfte. Da war die Angst, dass sein Wiedersehen mit Irina wie eine Seifenblase platzte, dass sie ihn gar nicht sehen wollte, vielleicht sogar verhinderte, dass er das Schiff betreten konnte.
Er blieb im Auto sitzen und bat Pingel an Bord zu gehen und sich nach Irina zu erkundigen. Einige Minuten später, die Roland wie eine Ewigkeit vorkamen, erschien Pingel unverrichteter Dinge und sagte, das sei zwar das richtige Schiff, doch Irina sei leider nicht an Bord und wahrscheinlich in die Stadt gegangen.
Roland erwachte aus seiner Starre. Nein. Das konnte er nicht glauben. Irina kannte keine Seele in Hamburg, sie würde das Schiff nicht verlassen. Er sprang aus Pingels VW und rannte die Gangway hoch. Oben an Bord klopfte er an die erstbeste Kajütentür. Der verschlafene Typ, der die Tür öffnete, zeigte lediglich auf die gegenüberliegende Tür als er Irinas Namen hörte. Roland wandte sich dieser Kajüte zu, deren Tür sich in der Sekunde öffnete.
