Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ich habe nichts gegen Handwerker. Sie sind oft kompetente, gut gebaute und lustige Kerle. Dumm nur: Handwerker stellen Handwerkerrechnungen. Seid ihr auch Besitzer einer eigenen und vielleicht sogar gebraucht erworbenen Immobilie? Gut. Dann wisst ihr, wovon ich rede. Krempelt die Ärmel hoch und folgt mir, aber passt auf, dass ihr nicht stolpert. Denn der Sicherungskasten im Keller schlägt Funken, im Heizungskeller schwappt eine schwärzliche Brühe und im Arbeitszimmer ist die Decke undicht. Glücklicherweise habe ich eine abgebrochene Tischlerausbildung und nichts ist vor mir als Heimwerkerin sicher. Mein Mann hat hingegen zumeist nur zwei Fragen, nämlich "Schaffst du das ohne meine Hilfe?" und "Wie viel Dreck macht das?" Erfahrt außerdem, was Opas Herzoperation mit einem verstopften Abwasserrohr gemein hat, weshalb es sinnlos ist, ein Haus zu putzen, wenn es überall nach Leiche riecht, wie ein entliehener Hund den Hausabriss verhindern kann sowie alle schmutzigen Details über Rohrreinigungsfirmen im Einsatz. Eine oft von schwarzem Humor geprägte Lobeshymne auf das eigene Dach überm Kopf, das Hobby des Heimwerkens, das wunderschöne Siebengebirge und auf das, was Frauen schaffen können, wenn ihre Männer sich zu fein dafür sind. Zudem eine authentische, realistische, sachkundige und lustige Tatsachenerzählung für alle, die sich freuen, wenn andere mit ihren Renovierungen auch nicht vorwärts kommen. Mit Fotos und Infotexten!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Eine Tatsachenerzählung von Almut Widdershoven
Für Papa Dr. Daniel Widdershoven 1930-2014
Dies ist eine Erzählung, die auf Tatsachen fußt. Die Wahrheit ist allerdings ein subjektives Ding, zumal für Rheinländer. Alle geschilderten Ordnungswidrigkeiten sind selbstverständlich Phantasiegespinste.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Gesucht – gefunden
Kapitel 2: Günstiges Parkett und ehrliche Makler
Kapitel 3: Unsere neue Küche
Info: Vorwand- und Oberputzinstallation
Kapitel 4: Nebenbei mitlaufen
Info: Gesetzliche Vorgaben und aktueller Stand der Technik
Kapitel 5: Das Schätzchen offenbart weitere Geheimnisse
Kapitel 6: Wir hätten so gern ein eigenes Ortsschild
Kapitel 7: Eine Woche voller Erlebnisse
Kapitel 8: Unser schöner Bauerngarten
Kapitel 9: Eine Frage der Statik
Kapitel 10: Moderne Heizkörper für Behaglichkeit
Kapitel 11: Pullover sind doch auch schön
Kapitel 12: Dienstbeflissene Telefondienstanbieter
Kapitel 13: Noch mehr gemeinsame Infrastruktur
Kapitel 14: Reinigung mit Hochdruck
Kapitel 15: Heterogene Gruppe von filamentösen Pilzen
Info: Der Taupunkt und atmende Wände
Kapitel 16: Windige Angelegenheit
Kapitel 17: Rasenfreude
Kapitel 18: Bleibende Erinnerungen
Kapitel 19: Unterirdisches Fernsehen
Kapitel 20: Nützlinge auf dem Dachboden
Info: Marder
Kapitel 21: Noch mehr standorttreue Nützlinge
Kapitel 22: Schwimmbad im Keller
Kapitel 23: Es lebe der Naturschutz
Kapitel 24: Sauerstoffreiche Luft
Kapitel 25: Auf den Hund gekommen
Info: Ozonisator
Kapitel 26: Mal eben kurz neu streichen
Kapitel 27: Ich bau mir ein Haus aus Styropor
Info: Kältebrücken und U-Wert
Kapitel 28: Ein Kinderspiel
Info: Dachbodenausbau
Kapitel 29: Sie haben bestimmt noch was anderes zu tun?
Info: das böse A – Asbest
Kapitel 30: Saunen leicht gemacht
Kapitel 31: Das bricht man übers Knie
Kapitel 32: Endlich fertig
Es war Liebe auf den ersten Blick. Und damit meine ich nicht meinen Mann. Bis mit dem alles in trockenen Tüchern war, hatte es trotz Grundinteresses Jahre gebraucht. Nein, wovon ich rede, ist unser Haus.
Ein Hauskauf ist eine zutiefst emotionale Angelegenheit. Schließlich steht das eigene Heim sinnbildlich für den sicheren Hafen, für jenen Ort, an dem abends das Feierabendbier auf einen wartet. Und wenn man vor der Entscheidung eines Hauskaufes steht, dann geht es bei vielen Betroffenen erstaunlich wenig um so nüchterne Dinge wie die infrastrukturelle Lage oder den Grundriss. Es geht vielmehr darum, ob man sich vorstellen kann, in diesem Haus seine Kinder aufwachsen zu sehen, dort den Rest seines Lebens zu verbringen.
Zu dem Zeitpunkt, als wir uns mit dem Gedanken befassten, ein Haus zu kaufen, wohnten wir, wie es wohl fast allen angehenden Hauskäufern geht, zur Miete. In der Bonner Südstadt. Ihr wisst schon, toprenovierte Gründerzeithäuser. Ästhetisches Umfeld, Anbindung an Verkehrsmittel und an den Puls der Stadt (wenn man Bonn so nennen möchte). Die Mietkosten entsprechend hoch. Der Leitzinssatz war aber gerade niedrig. Ein Kind war schon da, ein weiteres in gedanklicher Planung. Die Aufteilung unserer Mietwohnung war nicht übermäßig günstig, den Großteil nahm ein zwölf Meter langer Flur in Anspruch. Da helfen dann auch vier Meter hohe Decken wenig. Mein Arbeitszimmer war nach Geburt des Kindes leider in ein Kinderzimmer umgewandelt worden. Es handelte sich aber sowieso nur um ein Durchgangszimmer.
Halten wir fest: Es gab keinen äußeren Zwang, diese Idylle aufzugeben, aber es war ein günstiger Moment. Außerdem: Sohn zeugen, Apfelbaum pflanzen, Haus kaufen – man kommt sowieso nicht drumrum. Also begannen wir, nach Immobilienangeboten Ausschau zu halten. Dabei kam uns zu Hilfe, dass unsere Vorstellungen nicht himmelweit auseinanderlagen.
Ich kenne ein Pärchen, die wohnen seit mehreren Jahren nur deshalb noch zur Miete in Köln-Mülheim, weil er unbedingt in seinen Heimatort zurückziehen möchte (Hürth-Fischenich, ganz klar eines der Weltzentren), während sie keine zehn Pferde dorthin bringen würden. Übrigens nicht die schlechteste Entscheidung, dann einfach in Köln zu bleiben.
Michael und ich hingegen waren uns einig über Orte, die geeignet wären, und solche, wo dies nicht der Fall war. Wir stimmten darin überein, dass der sachliche Vorschlag meines Vaters, eines der verkehrsgünstig gelegenen Satellitenstädtchen vor Köln zu nehmen, damit Michael es künftig kürzer zur Arbeit hätte, aus ästhetischen Gründen Humbug war. Mein Vater war sowieso der unverrückbaren Ansicht, überall würden Menschen wohnen, denen es gefiele, dort zu sein, wo sie wären. Also sei es überall schön.
So ein Unsinn. Ich hatte selbst zwei Jahre meines Lebens im oben bereits erwähnten Hürth-Fischenich verbracht und der einzige Trost in dieser Zeit war der Blick aus dem Fenster. Mit viel Glück konnte man hinter der Silhouette der Industrieanlagen von Wesseling nämlich das Siebengebirge erahnen. Wenn das Wetter gut genug war. Und auch nur vom Schlafzimmer aus und dann auch nur, wenn man vorher aufs Bett geklettert war. Sonst blieb einem nur der Blick aus dem anderen Fenster. Dort stand seinerzeit der blaue »Big Brother«-Container. Und da war es vermutlich selbst im Container schöner, als darauf zu blicken.
Auch verspürte ich große Erleichterung darüber, dass mein Mann, so wie ich selbst, keinerlei Drang für die Errichtung eines Neubaus verspürte. Solche Bauvorhaben kannten wir zur Genüge aus dem Bekanntenkreis. Das Ergebnis war dann meist ein zweckdienlich-hässliches Vorstadthäuschen in emotionsloser Kastenform. Wir wollten beide ein Haus, das mit dem Begriff »verbaut« umschrieben werden konnte. Wir wollten kein zweckmäßiges Betonrechteck, keinen Bungalow und kein Reihenhaus. Ich wollte einen Garten, der diesen Namen verdiente und nicht schon durch das Aufstellen eines Kaninchenstalles optisch überfrachtet wäre. Wir wollten keine Neubausiedlung.
Wir hätten nichts dagegen gehabt, ein bezahlbares Gründerzeithaus mit hohen Decken und Garten innerhalb Bonns zu finden. Entsprechende Versuche schlugen jedoch fehl. Ein schnuckeliges, nur zweigeschossiges Gründerzeithaus mit Handtuchgarten hätte in der Bonner Südstadt inklusive Renovierungsaufwand läppische eine Million Euro gekostet. Das konnten wir knicken. Anruf bei einer Maklerin: »Guten Tag, ich habe Ihre Anzeige für das Haus in der Luisenstraße gesehen. Es stand aber kein Preis dabei. Was soll es denn kosten?« Antwort der Maklerin: »Das können Sie sich sowieso nicht leisten.« Darauf ich amüsiert: »Und woher wollen Sie das so sicher wissen?« Daraufhin die Maklerin: »Wenn Sie genügend Geld hätten, würde Ihre Sekretärin für Sie anrufen und nicht Sie selbst. Auf Wiederhören.«
Das Haus in der Luisenstraße schied also aus, obgleich wir noch keine genaue Vorstellung davon hatten, was wir uns tatsächlich leisten konnten. Die beiden von uns besichtigten Gründerzeithäuser, die preislich in Frage gekommen wären, waren schlicht marode zu nennen, das war selbst uns als Laien klar. Das erste lag unmittelbar an der Stadtautobahn in Bonn-Poppelsdorf. Sein kleiner Garten hätte wohl zum Weinbau getaugt, so steil war er. Auf den Dachbalken prangte praktischerweise noch die weiße Brandschutzfarbe vom Zweiten Weltkrieg. Man weiß ja nie, wozu so etwas noch gut ist. Wir leben schließlich in unsicheren Zeiten. Dann wies die Immobilienmaklerin uns aber darauf hin, dass genau dieses Zimmer sich als Bad anbieten würde, man aber aus statischen Gründen keine Badewanne hineinstellen sollte. Meinen Gesichtsausdruck in dem Moment könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Und bei dem anderen Haus (dessen vollbeschatteter Garten direkt an einen Schulhof grenzte) war der gesamte in den dreißiger Jahren getätigte Anbau so marode und verschimmelt, dass nur noch ein Abriss hätte helfen können. Da brachte es auch nichts, dass der Makler beherzt die Fensterrahmen aus Eiche pries, die auch noch in hundert Jahren super in Schuss sein würden. Außerdem: Es reicht, mit einem Lehrer verheiratet zu sein. Niemand braucht einen Garten, der an einen Schulhof grenzt. Selbst Lehrer brauchen in ihrer Freizeit weiß Gott keinen Schulhof.
Wird dies »unser« Haus?
Da wurde uns klar, dass wir wohl weiter hinaus aufs Land müssten, um etwas Bezahlbares zu finden, was ohne vorherige vollständige Entkernung bewohnbar war.
Eines Nachmittags im September war es dann so weit. Michael drängte, denn er wollte pünktlich zum Fassanstich beim Richtfest seines besten Freundes eintreffen. Ich hingegen hatte gerade im Internet ein neues Angebot entdeckt. Direkte Waldrandlage.
Michael meinte, wir hätten uns die Seiten doch schon hundertmal durchgesehen und würden alle Angebote schon kennen. Ich widersprach, dieses hier sei wirklich neu, das hätte ich noch nie gesehen. Es war zwar keine Adresse des Objektes angegeben, aber aufgrund seiner Beschreibung kamen wir zu dem Schluss, es müsse sich ziemlich genau in der Nähe der Straße befinden, wo sein bester Freund gleich Richtfest feiern würde. Bestlage im Siebengebirge. Wir sahen uns noch einmal die dazugehörigen Bilder an, forderten das Exposé an und fuhren zum Richtfest.
Auf dem Weg dorthin legten wir die Streckenführung so, dass wir bei dem Haus vorbeikommen müssten. In der Tat fanden wir es. Wobei wir, da es sich um ein Hinterhaus handelte, von der Straße aus nur eine Doppelgarage sehen konnten. Trotzdem. Die Lage – traumhaft. Und die Garage sah auch gut aus. Zwei Autos passten davor und drinnen jede Menge Platz für Krempel. So handhaben das jedenfalls alle, die ich kenne, mit ihrer Garage. In Garagen ist ganz viel Platz, aber am Schluss passt das Auto zumeist nicht mehr hinein.
Michael war in diesem Ort aufgewachsen und zur Grundschule gegangen. Sein bester Freund würde künftig in unmittelbarer Nähe leben. Es waren nur dreißig Minuten Fahrzeit bis Bonn und die nahe gelegene Autobahn brachte einen fast ebenso schnell nach Köln. Es gab eine Grundschule und mehrere Kindergärten, die weiterführenden Schulen waren im Nachbarort. Es gab eine Bäckerei, einen Schlecker, einen Metzger. Von »unserem« Haus zwar nicht unbedingt fußläufig, da es oben auf einem Berg gelegen war, aber auch nicht weiter als drei Minuten Autofahrt entfernt. Solche Fragen der Infrastruktur sind langfristig nämlich durchaus von Bedeutung. Auch für diejenigen, die Hauskäufe emotional angehen. Zumindest, wenn sie ihre pragmatischen Eltern von einer Co-Finanzierung des Objektes überzeugen müssen.
Als naturverbundene Menschen fanden wir die Aussicht auf direkte Waldrandlage (unverbaubar) sympathisch. Vollsonne hatten wir eh beide noch nie gemocht. Und wenn mein Vater früher mit mir und meinen beiden älteren Brüdern zum Schlittenfahren ins nahegelegene Siebengebirge gefahren war, dann immer genau dorthin, wo unser Haus sein würde. Wir zogen dann unsere Schlitten vom Wanderparkplatz Margarethenhöhe bis zum Rodelhügel am Löwenburger Hof (eindeutig eine »schwarze Piste«). Auf dem Weg bewunderten wir die Aussicht und auch die dort befindlichen Häuser, bei denen es sich, wenn es nicht schön hergerichtete Fachwerkhäuser waren, um villenartige Anwesen handelte. Und dabei phantasierten mein Vater und ich (neun Jahre alt) auch darüber, in welche Art Haus es mich wohl einmal verschlagen würde. Dass es sich tatsächlich um eines von diesen seinerzeit in Sicht befindlichen handeln würde, konnten wir seinerzeit ja nicht ahnen. Aber schon damals war klar, dass die Phantasien seiner Räubertochter um verwinkelte Anwesen mit viel Wald kreisten und nicht um eine schicke Penthousewohnung mit begehbarem Kleiderschrank in New York. So viele Jahre war das nun her. Noch immer spüre ich in der Erinnerung seinen warmen Händedruck und habe den Geruch seiner Lammfelljacke in der Nase, höre und spüre den Schnee unter meinen Füßen knirschen. Genau hierhin sollte es mich nun verschlagen.
Mit Spannung erwarteten wir also das Exposé des Maklers. Sobald es eingetroffen war, vereinbarten wir einen Besichtigungstermin.
Als wir die Einfahrt hochschlenderten und noch ehe das eigentliche Haus in Sicht war, fragte Michael mich: »Was machen wir eigentlich, wenn es uns gefällt?« So weit hatten wir noch nie gedacht. Wir hatten keinen Schimmer von Baudarlehen, wir hatten keine genaue Vorstellung davon, was wir uns tatsächlich leisten könnten, letztlich hatten wir uns ja nur zum Spaß mit der Suche nach einer geeigneten Immobilie befasst. So lautete denn meine Antwort: »Dann wird es kompliziert.«
Bei diesem ersten Besichtigungstermin konnten wir leider nur eine Hälfte des Hauses besichtigen. Denn es war irgendwann einmal im Laufe seiner Geschichte geteilt und zu einem Zweifamilienhaus umgewandelt worden. Die eine Hälfte war vermietet und stand deshalb nur nach gesonderter Absprache zur Begutachtung frei, gehörte aber mit zum Verkauf. Die Hälfte, die wir besichtigten, war hingegen seit einigen Wochen unvermietet. Sie bestand nur aus einer Garderobe, einer winzigen Küche mit Durchreiche zum Wohnzimmer, einem Bad, einem Wohnzimmer und dem über eine Wendeltreppe erreichbaren Schlafzimmer. Von der Garderobe aus führte eine urzeitliche Bodenluke in einen winzigen Kellerraum, vom bisherigen Schlafzimmer eine Deckenluke auf den nicht ausbaufähigen Dachboden.
Die Garderobe verfügte neben einem Einbauschrank über eine Tapete aus den sechziger Jahren und ein Buntglasfenster. Im Schlafzimmer und der Garderobe lagen abgenutzte Teppichböden, in den übrigen Räumen deutlich benutztes Eichenparkett im Schiffsdielenstil. Das Badezimmer hatte gelb gesprenkelte Fliesen, die vielfach durchbohrt und wieder zugeflickt worden waren. Die Decken waren eichenvertäfelt, das Wohnzimmer mit kleinem Erker und festeingebauter hölzerner Sitzbank hatte sogar zusätzliche Eichenvertäfelung auch an den Wänden, was dem Raum insgesamt das Flair einer Jugendherberge aus den sechziger Jahren verlieh.
Eindeutig nicht ausbaufähiger Dachboden.
Auch die Eingangstür war aus Eiche, mit Mattglasscheibe und Gitter davor. Wie überhaupt die meisten Fenster im Erdgeschoss fest installierte Gitter, die von einem Schlosser mit Zierwindungen versehen worden waren, aufwiesen.
Die Tür zur Terrasse hingegen hatte ein aufschließbares modernes Gitter aufzuweisen. Der Makler erläuterte uns hinsichtlich der Vollvergitterung, es habe sich bei dem Haus ursprünglich um ein Ferienhaus eines Düsseldorfer Möbelfabrikanten gehandelt. Im Inneren sei es später mehrmals umgebaut worden.
So befand sich die Küche ursprünglich in der jetzigen Garderobe, das Wohnzimmer war früher mit dem der zweiten Haushälfte verbunden, die jetzige Küche war früher die Garderobe, die Wendeltreppe nicht vorhanden (weshalb das dahinterliegende Fenster sich nicht mehr voll öffnen lässt) und in der Garderobe war mal ein Gäste-WC gewesen, worauf jetzt jedoch nur noch ein überflüssiges Fenster und ein zubetoniertes Loch im Boden hinwiesen. Durchgänge waren geschlossen, neue geschaffen worden. Kurzum: Es war verbaut.
»Dieses Zimmer bekomme ich«, sagt mein Mann
Die Massen an eingebauter Eiche gaben dem Haus unübersehbar einen ganz eigenen Stil. Das Schlafzimmer hatte hingegen eine breite Fensterfront mit direktem Blick in den Wald.
Nachdem Michael seinen Blick durch das große bisherige Schlafzimmer hatte schweifen lassen und an dieser Aussicht hängen geblieben war, raunte er mir zu: »Wenn ich dir das Haus kaufe, bekomme ich dieses Zimmer.« So, wie der (gänzlich realitätsfern) auf dicke Hose machte, hätte wohl eher er bei der Maklerin des Hauses in der Luisenstraße anrufen sollen.
Für Kleinigkeiten, wie die deutlichen Wasserflecken an einer Seite des Schlafzimmers, hatte der Makler eine gute Begründung: »Ja, die sind mir auch aufgefallen. Aber es ist ja nur eine Ecke und jetzt ist es ja trocken.« Was augenscheinlich zutraf. Also kein Grund zu klagen – der Mann wusste Bescheid.
Ich möchte nicht behaupten, dass Eichendielen, verschnörkelte Gitter, unsinnige und mehrfach veränderte Raumaufteilung, festeingebaute Sitzecken in Erkern und Sechziger-Jahre-Tapete für die Mehrheit der Bevölkerung erstrebenswert sind. Für uns aber. Es war perfekt. Und dafür brauchte es auch keine großen Worte. Als wir nach diesem ersten Besichtigungstermin zurück zu unserem Wagen gingen, fragte Michael: »Und, was meinst du?« Es reichte ein von mir Gemurmeltes: »Jetzt wird es kompliziert.«
Da die Entscheidung bereits getroffen war, wurde die Besichtigung der zweiten Hälfte des Hauses nur der Form halber vorgenommen. Von außen gesehen, handelte es sich bei unserem Juwel um ein Hinterhaus (Durchfahrtsrecht wird eingetragen), welches L-förmig inmitten seines Grundstückes von 800 qm lag.
Eine der vier Grundstücksseiten nahm die Zufahrt und die freistehende Doppelgarage ein, der Rest war Garten. Ursprünglich hatte es sich um ein Fertigbauhaus von 1958 gehandelt (wohl eines der ersten, die jemals in Deutschland gebaut worden waren), das jedoch 1961 um eine Erweiterung in Massivbauweise vergrößert worden war. Irgendwann später wurde dieses Ferienhaus dem Möbelindustriellen aus Düsseldorf zu klein und er baute auf der davorliegenden großen Gartenfläche ein weiteres Ferienhaus. Dieses dann allerdings eine Nummer größer und mit Schwimmbecken im Wohnzimmer.
Anschließend wurde durch das bisherige Esszimmer des Hinterhauses eine Trennwand gezogen und aus dem Ferienhäuschen ein Zweifamilienhaus, das der Eigentümer vermietete. Er selbst verbrachte seinen Urlaub dann im Vorderhaus. Irgendwann verstarb der Erbauer und nun wurde durch seinen Sohn beides verkauft, das Grundstück zwischen Vorder- und Hinterhaus hierzu geteilt.
Auch die zweite Haushälfte gefiel uns. Ihr Zugang erfolgte über eine überdachte Terrasse. Es gab eine Diele, eine winzige Küche, ein großes Wohnzimmer mit Solnhofener Natursteinböden, eine Halbunterkellerung mit Heizungsraum, eine repräsentative Holztreppe ins Obergeschoss und oben ein WC (mit den gleichen kleinen Fliesen auf dem Boden wie beim Haus meines Großvaters, Gott hab ihn selig, allerdings in Blau), einem Bad (in einem markanten Bordeauxrot), zwei Schlafzimmern, das eine ebenfalls mit Natursteinboden und mit Austritt auf einen Balkon. Auch hier waren alte Durchgänge verschlossen worden, hierdurch neue Zimmer mit interessanter Eckführung entstanden.
Auch hier war nichts zu sehen, was unseren Entschluss zum Wanken gebracht hätte. Ganz im Gegenteil: Der Heizkessel war erst vor drei Jahren erneuert worden. Es stellte sich zwar heraus, dass natürlich die armen Mieter, sollten wir uns zum Kauf entscheiden, von uns abgefunden werden müssten, schließlich waren sie dort schon seit fast zwanzig Jahren ansässig und dummerweise auch noch die Eltern einer ehemaligen Klassenkameradin meines Mannes – aber sie waren recht zuversichtlich, etwas anderes zu finden und dem Verkauf des Hauses nicht im Weg zu stehen.
Um vor bösen Überraschungen gefeit zu sein, vereinbarten wir noch einen dritten Besichtigungstermin. Zusammen mit meinem ältesten Bruder, denn der hatte vor kurzem erst selbst ein Haus gekauft und war handwerklich versiert, und mit einem mit ihm befreundeten Architekten. Beide nahmen das Haus genau unter die Lupe. Sie lobten die fast durchgängig vorhandene Doppelverglasung, die hochwertige Eichenholz- und Naturbodenausstattung, die stabilen und unverzogenen Holzfensterrahmen aus Eiche, den Naturschiefer an den Dachgauben, den trockenen Keller, lediglich die Verklinkerung an der Hausfront wollte ihnen aus ästhetischen Gesichtspunkten nicht so recht gefallen und sie machten sich über die oberirdische Telefonleitung lustig. Wir hatten inzwischen den Bodenrichtwert in Erfahrung gebracht und das Haus selbst war, hielt man den Bodenrichtwert neben den Gesamtpreis, fast geschenkt. Wir kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass dies ein Haus sei, in das man sofort einziehen könnte ohne große vorherige Renovierungsaufwendungen und dann peu à peu jeweils Kleinigkeiten in Schuss setzen, wenn einem denn danach war. Ihr seht, wir waren entschlossen, alles richtig zu machen. Schief ging es dann dennoch.
So eine Tapete - unbezahlbar. Kriegt man heutzutage nirgendwo mehr.
Das Gespräch mit unserer Hausbank, das Michael nach dem ersten Besichtigungstermin vereinbart hatte, war jedoch eher lala verlaufen. Als Michael zurückkam, versuchte er seine Frustration zu verbergen. Das Ganze sei gestorben, leider.
Doch nicht etwa, wie ich dann aus ihm herauskitzeln musste, weil die Hausbank uns den benötigten Kredit nicht einräumen wollte, sondern vielmehr, weil er mit der Kalkulation unserer Lebenshaltungskosten durch unsere Hausbank nicht einverstanden war. Er wollte weiterhin dreimal im Jahr für insgesamt fünf Wochen in Urlaub fahren können. Und das war mit den Belastungen, die unsere Hausbank für den Kredit berechnet hatte, einfach nicht mehr drin. Die Beraterin sei hingegen sehr nett und attraktiv gewesen und ebenfalls eine alte Klassenkameradin von ihm.
Daraufhin befasste ich mich notgedrungen mit der Thematik. Ich kam zu der Feststellung, dass die Hypothekenangebote unserer Hausbank im Vergleich zu anderen Banken wahrlich nicht der Weisheit letzter Schluss waren. Zudem hatte Michael unsere jährliche und – aufgrund von Pendlerpauschale und Absetzbarkeit der häuslichen Arbeitszimmer – sehr hohe Steuerrückzahlung und auch die damals noch existierende Eigenheimzulage nicht mit einkalkuliert. Und auch nicht in Erfahrung gebracht, wie viel Geld unsere Eltern möglicherweise bereit waren, mit beizubringen, um die benötigte Kreditsumme zu drücken.
Alles in allem kam ich zu dem Ergebnis, dass uns der Kauf sehr wohl möglich sei. Zudem verlangte die von uns auserwählte Onlinebank kein umfassendes Gutachten über das Haus und war uns schon allein deshalb sofort sympathisch. Das verringerte unseren Arbeitsaufwand beträchtlich. Und sie wies uns von sich aus auf die Möglichkeit eines KfW-Darlehens mit noch niedrigeren Zinsen hin. Was unsere Hausbank offensichtlich versäumt hatte.
Das waren die Zeiten vor dem Bankencrash infolge von faulen Immobilienkrediten. Global betrachtet kann es also durchaus Sinn machen, wenn sich eine kreditgebende Bank vor ihrer Investition das Haus, um das es geht, genau anschaut.
Nachdem mit den noch vorhandenen Mietern, der Bank, dem derzeitigen Besitzer und dem Immobilienmakler alles geklärt war und der Notartermin feststand, machten wir uns Gedanken um die Renovierungen, die anstünden. Neben ein paar Eimern frischer Farbe planten wir lediglich, den abgetretenen Teppichboden in Michaels zukünftigem Arbeitszimmer und in unserem künftigen Schlafzimmer gegen Parkettboden auszutauschen.
Mittelfristig wollten wir auch den Klinker an der Stirnseite des Hauses durch Natursteine ersetzen, die Dämmung zum Dachboden hin verbessern, das Haus von außen dämmen und uns eine hochwertige Küche anschaffen. Diese Liste war jahrelang ein Quell der Heiterkeit, denn auch nach acht Jahren war davon nichts umgesetzt.
Nachdem wir die Preise für Neuparkett ausgiebigst studiert hatten, kamen wir zu dem Entschluss, lieber gebrauchtes Parkett zu ersteigern. Und in der Tat wurden wir bei Ebay fündig. Ganze 100 qm super erhaltenes Buchenparkett in Dielenoptik für Selbstausbauer. Eine Tanzschule hatte nur ein Jahr nach Eröffnung bankrott gemacht. Zwar handelte es sich nicht um praktisches Click-Parkett, aber mit Hilfe einer Kreissäge, dachte ich, ließe sich das Parkett, sofern es sich nicht einfach auseinandernehmen ließe, in praktische Stücke schneiden, neu nuten und mit zugekauften Federn sicherlich problemlos neu verlegen. Das war natürlich nur Plan B. Nach Plan A ließen sich Nut und Feder problemlos voneinander trennen, reinigen und neu zusammenfügen. Also ersteigerte ich euphorisch die 100 qm Parkett für das läppische Mindestgebot von 50 Euro. Außer uns hatte sich das Selbstausbauen und Selbstabholen wohl niemand zugetraut.
Dummerweise traten dann doch völlig unerwartet Schwierigkeiten auf. Die Mieter weigerten sich, ihren Abfindungsvertrag zu unterzeichnen, solange sie noch keine neue Bleibe gefunden hatten. Und solange sie den Abfindungsvertrag nicht unterschrieben hatten, wollte der bisherige Besitzer den Notartermin nicht vollziehen und sagte ihn deshalb überraschend ab. Uns drängte jedoch die Zeit in mehrfacher Hinsicht. Zum einen hatten wir unsere Wohnung bereits zu Ende Dezember gekündigt, um auf keinen Fall Miete und Rate gleichzeitig erbringen zu müssen, und unsere Nachmieter wollten pünktlich zum 01.01. einziehen und hatten ihre alte Wohnung ebenfalls bereits zum 31.12. gekündigt.
Zum anderen hatte die Bundesregierung in der Zwischenzeit mitgeteilt, sie wolle die Eigenheimzulage zum Jahreswechsel abschaffen. Sollte der Kauf also erst im Januar erfolgen, wäre die Eigenheimzulage, die ein wesentlicher Bestandteil unserer Tilgungspläne war, futsch. Sollte der Kauf bereits im Dezember erfolgen, der Einzug aber erst im Januar, würde die Fördersumme um ein volles Jahr gekürzt werden. Zudem hatten wir die Befürchtung, dass die Energieeinsparverordnung, die ebenfalls im Januar in Kraft trat, uns sofort dazu verdonnern würde, kostenintensiv das Dachgeschoss zu dämmen. Auch war das Darlehen mit der Bank bereits fest zum ursprünglich geplanten Kauftermin Ende Dezember vereinbart und es würden bei verspäteter Abrufung Bereitstellungszinsen fällig. Und dann hatten wir auch noch die 100 qm Parkett ersteigert, das wir unmöglich in unserer Mietwohnung im zweiten Stock einlagern konnten. Michael schlief in dieser Nacht sehr schlecht und tat kein Auge zu. Er sah Land unter, die Kreditzusage flöten gehen, Kosten für Parketteinlagerung auf uns zukommen und uns obdachlos auf der Straße. Unser erster Lösungsansatz sah einen Schlägertrupp für die sich zierenden Mieter vor, doch davon wollte der Makler nichts wissen.
Diese Umstände wurden dann zum Inhalt einer in Panik verfassten ausführlichen E-Mail an die Immobilienfirma, welche mit dem Verkauf betraut war. Und diese sah sich dann dazu genötigt, den bisherigen Makler vom Fall abzuziehen. Stattdessen schaltete sich der oberste Chef und Firmeninhaber höchstpersönlich ein und vereinbarte für den kommenden Tag einen Termin in seinem Büro. Das Wetter war gut und unsere Laune am Boden. Wir waren panisch und wütend, letztlich auf uns selbst und unseren fehlgeleiteten Optimismus. Der Chef war bereits jenseits des Pensionsalters, versuchte sich jedoch durch gefärbtes Haar einen jüngeren Anstrich zu geben. Es stand für uns jedoch völlig außer Frage, dass wir es hier mit dem Kopf eines alteingesessenen Familienunternehmens mit hervorragender Reputation zu tun hatten. Auch bevor er uns die Fotos an den Eingangswänden von den Zweigstellen zeigte, die durch seine Kinder geleitet wurden, und seine nagelneue Kaffeemaschine, die bereits lange vor dem allgemeinen Trend italienische Kaffeespezialitäten fabrizierte. Er entschuldigte sich vielmals für seinen derzeit etwas angeschlagenen Gang, denn er sei immer noch als angesehener und viel angefragter Bausachverständiger und Wertermittler im Einsatz und habe sich dabei gestern leider das Knie verdreht, weil er bei einer Begehung eine Treppenstufe übersehen habe. Ausgesprochen schmerzhafte Angelegenheit. Ob wir mal sehen wollten?
Ohne unsere Entgegnung abzuwarten, zog er sich die Hose herunter. Ich wusste nicht, wo ich hinstarren sollte. Unter seiner Anzugshose trug er eine silberne Seidenshorts.
Mein Mann hingegen besah sich das geschwollene Knie und bestätigte, dass es wirklich übel aussähe. Anschließend zog der Grand Seigneur seine Hose zu meiner Erleichterung wieder hoch und erklärte, dass es hinsichtlich des Kaufabschlusses keine Hindernisse gäbe. Die Mieter hätten ja schon etwas Neues in Aussicht, und so ein Notartermin ließe sich auch kurzfristig vereinbaren, man kenne sich. Den Schlüssel von der leerstehenden Haushälfte könnte er uns auch schon vorab überlassen, da können wir das Parkett problemlos einlagern und vielleicht sogar schon mit dem Streichen anfangen. Keine zehn Minuten hatte der Termin gedauert, von denen er sicherlich sechs Minuten Small Talk gemacht, Familienfotos gezeigt, zwei Sätze zur allgemeinen Beruhigung geäußert und uns anschließend freundlich verabschiedet hatte. Ach ja, und die Hosen runtergelassen hatte er auch. Michael war zufrieden. »Ich weiß nicht, was du willst. Ein Immobilienmakler, der die Hosen runterlässt. Ehrlicher geht’s ja wohl kaum.« Alle Probleme lösten sich dann in der Tat binnen einer Woche in Wohlgefallen auf. Und wir konnten uns wieder Gedanken um den Ausbau des ersteigerten Parkettbodens machen.
Wir waren uns einig: Im gleichen Maße, wie unser eigener Wagen ungeeignet war, wäre zum Transport des Parketts der Kombi meines ältesten Bruders perfekt. Der weigerte sich aber dummerweise, uns seinen Wagen zur Verfügung zu stellen. Er ist immer sehr auf sein Eigentum bedacht. Vielleicht ist das zwangsweise so, wenn man zwei jüngere Geschwister hat. Man weiß ja, wie die mit den Sachen von einem umgehen. Nun fügte es sich aber so, dass mein Bruder just im fraglichen Zeitraum in Urlaub fuhr und meinem Vater seinen Hausschlüssel überlassen hatte. Im Haus befand sich am Schlüsselbrett der Wagenschlüssel. Meinem Vater war es ebenso unverständlich wie mir, dass mein Bruder mir seinen Wagen nicht zur Verfügung stellen wollte. So hatten wir also den Wagen meines Bruders zur Verfügung und zusätzlich auch noch den meines Vaters, der sich den Spaß seinerseits auch nicht entgehen lassen wollte. Denn 100 Quadratmeter fest verleimtes Parkett selbst auszubauen – das empfindet man entweder als Spaß oder lässt es direkt bleiben. Im Übrigen wäre es im Falle eines Unfalls mit dem Wagen meines Bruders familientechnisch und schadenbehebungstechnisch sicherlich besser, wenn mein Vater und nicht ich am Steuer gesessen hätte. Die Jungs von der Tanzschule, die uns beim Ausbau behilflich waren, waren ein sehr unterhaltsames Völkchen. Meine Kreissäge kam glücklicherweise nicht zum Einsatz, der vorgestellte Plan B sorgte denn auch eher für allgemeine Belustigung. Das Parkett war nur außen mit Silikon befestigt worden und ansonsten nur äußerst sparsam verleimt. Binnen einer Stunde war das gesamte Parkett ausgebaut, auseinandergenommen und in den Fahrzeugen verstaut, eine Stunde später dann auch schon im leerstehenden Teil des Hauses eingelagert.
Beim Einbau des Parketts wollte uns ein Freund helfen, der ausgebildeter Tischler gewesen war, ehe er mit der Kreissäge in seine Hand geraten war. Nun lebte er recht gut von der Leibrente der Genossenschaft und von seinem neuerlernten Beruf als Buchhändler. Er erläuterte uns, dass wir das Parkett nicht einfach auf den vorhandenen Teppichboden auflegen könnten. Dieser würde zu stark federn. Also rissen wir gemeinsam mit ihm den Teppichboden heraus. Unter diesem befand sich eine Art stabile Pappe. Und unter dieser Pappe wiederum befand sich, zu unser aller Erstaunen, ein erstklassiger Dielenboden. Nun fanden sowohl Michael als auch ich, dass wir so einen perfekten Dielenboden einem gebrauchten und nur mit Mühe verlegbarem Parkett doch eindeutig den Vorzug geben würden. Das anschließende Rausreißen des Teppichbodens in der Garderobe offenbarte darunter einen Parkettboden. Wozu hatten wir nun aber das Parkett ersteigert?
»Den Rest kriegt ihr auch ohne mich hin«, verkündete der Tischler und schwirrte wieder ab. Nachdem jedoch die Entfernung der Klebereste auf dem Parkettboden (denn hier war der Teppich direkt auf das Parkett geklebt worden) von Hand unter Zuhilfenahme von Holzmeißeln sich als äußert schwierig erwies, beschlossen wir, unseren ersten Einkauf im Baumarkt zu tätigen. Wir erwarben einen Elektroschaber von Bosch und mehrere Liter Abbeizer. Nach drei Stunden und etwa einem halben Quadratmeter war klar, dass wir so nicht weiterkamen. Der Abbeizer verwandelte zwar den festen Kleber in flüssigen, dieser jedoch verklebte den Elektroschaber, so dass man ständig innehalten und von Hand den gelösten Leim vom Schaber herunterpulen musste.
Es dauerte nicht lang und alles klebte voll von diesem gelösten Leim. Man selbst, die Handschuhe, die Kleidung, der Boden, der Schaber, einfach alles. Wandte man den Schaber mit zu wenig Kraft oder im zu flachen Winkel an, lösten sich die Kleberreste nicht ganz ab. Drückte man jedoch zu fest, fraß er sich ins zuvor unbeschadete Holz des Bodens. Zudem löste der Abbeizer nach einiger Zeit auch das Gehäuse des Elektroschabers auf. Das Gehäuse wurde weich und schließlich ebenso flüssig wie der abzulösende Leim. Frustriert riefen wir unseren geflüchteten Tischler an. Er kam nochmals vorbei, drückte uns zwei Spitzmeißel in die Hand und erklärte uns, zunächst müssten beim Dielenboden alle Nagelköpfe im Holz versenkt werden. Anschließend sollten wir uns eine Schleifmaschine im Baumarkt ausleihen. Und weg war er wieder.
Während wir also schon einige Tage mit zunehmend schwerem Werkzeug in der einen Haushälfte zugange waren, zogen dann auch die Mieter aus der anderen Haushälfte endlich aus. Wir konnten feststellen, dass auch in dieser Hälfte unter den hässlichen Teppichböden schöne Dielen lagen. Auch diese mit Kleberesten versehen. Also stellten wir unser ersteigertes und selbstausgebautes Parkett bei Ebay ein. Festverkaufspreis 400 Euro. Nach drei Tagen schlug ein Tischler zu. Er freute sich sehr über den ausgesprochen günstigen Preis, wollte das Parkett in seiner Werkstatt verlegen. 350 Euro Gewinn. Das war doch mal was. Vielleicht hätte ich professionell in den Handel mit gebrauchtem Parkett einsteigen sollen. Die Differenzsumme wanderte in diesem Fall dann aber sehr schnell und ungeschmälert in den Maschinenverleih des Baumarktes. Merke: Wer ein Haus hat, weiß immer, wofür er Geld ausgeben kann.
So eine Schleifmaschine ist nichts für schwache Gemüter. Sie macht höllischen Lärm, viel Staub und ist nur unter Aufbietung aller Kräfte über eine enge Wendeltreppe zu transportieren, da sie über ein Eigengewicht von etwa 100 kg verfügt und zudem alles Mögliche ist, aber nicht handlich. Was nun die Kleberreste auf dem Dielenboden anbelangte, stieß auch die Maschine an ihre Grenzen. Bis Michael feststellte, dass sie, wie der Elektroschaber auch, etwas mutiger abschleift, wenn man sie schräg hält. Was man vermutlich niemals tun sollte. Zumal wegen ihres Gewichtes. Und weil dann auf dem Boden unweigerlich Schleifspuren zu sehen sind, die auch durch weitere, gerade Schleifgänge nicht gänzlich zu entfernen sind.
Inzwischen ist das »in« und nennt sich »Vintage-Look«. Aber damals kündete das schlicht von mangelnden handwerklichen Fähigkeiten. Nun könnte man sich fragen, ob abnehmende Fähigkeiten von Handwerkern vielleicht überhaupt die wahre Ursache für das »Aus-der-Taufe-Heben« des »Vintage-Look« sind? Und aus der Unfähigkeit von heutigen Musikern rührt dann wohl die moderne Klassik. Das würde so manches erklären. Natürlich bietet es enorme Vorteile, schlampig zu arbeiten: Es geht viel schneller. Da habe ich doch letzthin einen Dielenboden gesehen, der vom Hausherrn selbst absolut makellos abgeschliffen worden war. Im Gegensatz zu unserem. Aber: Der hat da Monate dran gesessen. M-o-n-a-t-e. Also echt, dann lieber unbedingt an einem Wochenende fertig werden wollen.
An die Wände waren wir nicht gänzlich mit der Maschine herangekommen. Auch gab es verbliebene Schleifspuren vom schrägen Einsatz. Insbesondere im Schlafzimmer, wo Massen an Leim verarbeitet worden waren. Ebenfalls an der Stelle in Michaels Arbeitszimmer, wo ich den Elektroschaber so tief ins Holz gehauen hatte, dass ein sicherlich ein Zentimeter tiefes und fünf Zentimeter langes Loch im Boden verblieb. Trotzdem waren wir mit dem Ergebnis nach zwei Wochen angestrengtester Arbeit außerordentlich zufrieden. Ansonsten standen nur ein Wanddurchbruch durch eine Rigipswand inklusive Einbau einer Tür, die Entfernung einer Wandverschaltung in einer der ehemaligen Küchen, der Umzug der Küche in die bisherige Diele und das Wändestreichen an.
Obgleich unser Haus uns bereits wochenlange Arbeit beschert hatte, handelte es sich immer noch formal um ein Zweifamilienhaus. Wann immer wir von einer Haushälfte in die andere wollten, mussten wir das Gebäude verlassen und außen herum durch den Garten zur anderen Eingangstür gehen. Heute wissen wir, wie wahnsinnig laut, rücksichtslos und schlecht erzogen die eigenen Kinder sein können, und würden es vermutlich bei einem Zweifamilienhaus belassen. Damals hingen wir aber noch der Überzeugung an, dass eine Familie zusammen in einem Haus und ohne Trennwand leben sollte.
Um aus unserem Zweifamilienhaus also ein Einfamilienhaus werden zu lassen, benötigten wir eine Tür. Wie man mit Hilfe einer Tür aus einem Zweifamilienhaus ein Einfamilienhaus machen kann? Im gleichen Maße, wie man mit Hilfe einer Mauer aus einem Land zwei machen kann, lässt sich dieser Zustand revidieren, indem man in dieser Mauer anschließend mindestens eine Tür einbaut. In unserem Fall zwischen dem ehemaligen Esszimmer der einen Haushälfte und dem ehemaligen Wohnzimmer der anderen Haushälfte. Hierzu hatten wir eine gebrauchte Tür für einen Euro bei Ebay ersteigert und ich hatte sie bereits aus der Pfalz mit unserem Polo abgeholt. Die private Verkäuferin machte sich sichtbar Sorgen, nachdem sie das Einladen mit verfolgt hatte. Die Tür ragte hinten jedoch nicht raus, ich hatte es geschafft, sie vollständig in den Wagen zu bekommen. Allerdings saß ich auf dem Fahrersitz unter der Tür und konnte nur geduckt fahren und auf dem Beifahrersitz hatte ich ja auch noch unseren kleinen Sohn (sechs Monate alt) in seiner Babyschale liegen. Hatte aber alles gut geklappt, man ist ja IKEA-Einkäufe gewohnt, da transportiert man den Kram ja auch nicht anders nach Hause.
Verlegen der Küche. Dies ist die alte.
