Der Letzte der Engel - Fadhil al-Azzawi - E-Book

Der Letzte der Engel E-Book

Fadhil al-Azzawi

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Beschreibung

Kirkuk im Irak der fünfziger Jahre. Das Leben von Hamid beginnt an jenem Tag, an dem er seine Stelle als Fahrer bei der britischen Erdölfirma verliert und seinen unglücklichen Spitznamen Hamid Nylon erhält. Er soll - so die Gerüchte - der leichtfertigen Frau seines »Boss« Avancen gemacht haben. Hamid findet in der Folge seine Berufung als Revolutionär und gründet eine Gewerkschaft.

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Seitenzahl: 529

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Fadhil al-Azzawi

DER LETZTEDER ENGEL

Roman

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

DÖRLEMANN

Die Originalausgabe »Akhir al-mala’ika« erschien 1992 bei Riad El-Rayyes Books Ltd., London. Anmerkung des Autors Dieser Roman wurde zwischen dem 12. April 1987 und dem 2. September 1990 in Berlin und Nikosia geschrieben, zum Teil auch in Damaskus, Tripolis und in Sanaa. eBook-Ausgabe 2014. Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten © 1992 by Fadhil al-Azzawi © 2014 by Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-908778-61-5www.doerlemann.com

Was gestern noch Wein gewesen war, war heut’ Essig. Und nie wieder wurde der Essig zu Wein. Nie wieder.

Hermann Hesse: Der schwere Weg

Erstes Kapitel

Hamid, damals noch nicht unter seinem Spitznamen bekannt, der ihm bis an sein Lebensende anhaften sollte, betrat die Wohnung, der ein Hauch von Weite entströmte. Wie immer stieß er die schwere, mit breitköpfigen Nägeln beschlagene Türe aus Walnussholz einfach mit dem Fuß auf. Sie wurde nur nachts mit einem Schubriegel mit weit hervorragenden Zacken verschlossen, auf dem sich der Grünspan ausgebreitet hatte, sodass der Riegel an den Enden hellgrün schimmerte. Danach stieg Hamid die wenigen Stufen zu den beiden kleinen, über dem Eingang zum Hof liegenden Räumen hinauf.

Es war das erste Mal, dass Hamid so früh von seiner Arbeit in der Erdölfirma zurückkehrte. Seine Frau Fatima wunderte sich, hatte sie ihn doch nicht vor dem Nachmittag zurückerwartet, und jetzt war es noch nicht einmal elf. Sie plauderte gerade über das niedrige Mäuerchen hinweg mit ihrer Nachbarin im angrenzenden Haus über ihre nächtlichen Vergnügen, als Hamid ihr unschuldiges Lachen unterbrach. In Wahrheit trübten Bitterkeit und Kummer Fatimas Glück, denn es war bereits mehr als ein Jahr seit ihrer Hochzeit vergangen, und noch immer war sie nicht schwanger geworden. Sie hatte fast alle namhaften und namenlosen Imame der Stadt aufgesucht, um sich ein Amulett gegen die Unfruchtbarkeit anfertigen zu lassen, das den Zauber, den ihr ihre vielen Neiderinnen offensichtlich angehext hatten, unwirksam werden lassen sollte. Obwohl sie dies niemals laut ausgesprochen hatte, kreisten ihre Zweifel von Beginn an um Nazira, die Schwester ihres Mannes, und deren Mutter, Hidaja, eine fettleibige Alte, die aus ihrem Umgang mit dem Teufel keinen Hehl machte. Deren Haus war voller Kräuter und getrockneter Blüten, Knochenmehl und verschiedener chemischer Substanzen, die sie bei den jüdischen Drogisten in Qaisarija am Eingang zum alten Suk erwarb.

Einer der Imame, die Fatima aufgesucht hatte, war blind gewesen. Für einen Dirham hatte er ihr ein Amulett geschrieben und zu ihr gesagt: »Dieses Amulett wird jeden Teufel verbrennen, der es wagt, sich dir zu nähern.« Um sicherzugehen, war sie aber auch noch zu einem turkmenischen Imam gegangen, der in einem namenlosen Gässchen hauste, das vom Dschai-Viertel abzweigte. Weil ihr Bauch sich jedoch nicht zu wölben begann, riet ihr ihre Nachbarin ein oder zwei Monate später, doch einmal die Gräber der toten Imame aufzusuchen, wenn schon die lebenden, die erst nach Entgegennahme der Bezahlung ihre Amulette anfertigten, nichts hatten ausrichten können. Also hüllte sich Fatima in ihre schwarze Abaja und machte sich auf zum Mausoleum von Imam Ahmad, das sich mitten auf der großen Straße befand, die den Musalla-Bezirk mit dem alten Suk verband. Dort weinte und flehte sie, fest entschlossen, so lange sitzen zu bleiben, bis der Imam ihre Bitte nicht mehr ignorieren konnte. Da sie in ihrer inbrünstigen Hingabe und in Tränen aufgelöst vollkommen vergessen hatte, dass sie mitten auf der Straße saß, wäre sie sogar beinahe von einem vorbeifahrenden Auto angefahren worden. Als Nächstes besuchte sie das Grab eines kurdischen Imams auf dem Musalla-Friedhof, von dem man sich erzählte, dass er mit den Vögeln zu sprechen pflegte, die ihn nicht nur verstanden, sondern ihm auch gehorchten. Als sich aber einen Monat später immer noch keine Veränderung bei ihr eingestellt hatte– wenngleich sie ihren Mann gezwungen hatte, mehrere Male in einer einzigen Nacht mit ihr zu schlafen–, sagte ihre Mutter zu ihr: »Dieses Mal werden wir das Grab eines jüdischen Heiligen aufsuchen, denn niemand ist dem Teufel ergebener als die Juden. Böses kann seine Wirksamkeit nur durch Böses verlieren.« Am nächsten Morgen erzählte sie ihrer Nachbarin davon, die ihr daraufhin riet, zur Zitadelle zu gehen und von einer Christenfamilie den Zahn eines Schweins zu erbitten, den die Christen normalerweise in die Wasserkrüge legten. Diesen Zahn solle sie unter das Kopfkissen ihres Mannes stecken, denn der Satan fürchte nichts mehr als einen Schweinezahn. Vielleicht wegen der zahlreichen Ratschläge von allen Seiten, vielleicht aber auch aus Verzweiflung über die Heiligen, die ihre Fähigkeit, Wunder zu tun, verloren hatten, beschloss Fatima, diese enttäuschenden Versuche– zumindest vorübergehend– einzustellen und stattdessen noch öfter mit ihrem Mann zu schlafen. Sie wusste nämlich– und damit lag sie wohl richtig–, dass die ganze Angelegenheit eher im Bett als an jedem anderen Ort entschieden wurde– und sei er auch die Ruhestätte der Gott am nächsten stehenden Heiligen.

Fatima hätte sich allerdings gar nicht so gegrämt, wäre da nicht das Drängen ihrer Mutter gewesen und die Anspielungen der alten Hidaja und deren Tochter Nazira, die gerne in Rätseln mit ihr zu sprechen pflegten: »Die Kuh, die nicht wirft, wird geschlachtet.« Sie genoss ihre nächtlichen Wonnen mit ihrem Mann, der niemals auch nur daran gedacht hatte, Kinder in die Welt zu setzen, denn seine Liebe zu den Frauen war größer als jede andere Liebe in seinem Leben. Mehr noch als das aber wollte er sich so lange wie möglich das Gefühl bewahren, jung und unbeschwert zu sein. Er ging morgens zu seiner Arbeit in der Erdölfirma und kehrte erst nach Hause zurück, wenn es ihm gefiel– mitunter kam er nachmittags, meist aber nicht vor zehn oder elf Uhr nachts. Fatima war darüber keineswegs verärgert, denn, abgesehen von den Geschichten, die er ihr manchmal erzählte, wusste sie nichts über seine Arbeit. Sie wusste, dass er das Privatauto eines englischen Ingenieurs und dessen Frau steuerte, und da er die beiden von Ort zu Ort kutschierte und oft auf sie warten musste, hatte sie begriffen, dass diese Art von Beschäftigung es häufig erforderte, bis spät in die Nacht zu arbeiten. Von Zeit zu Zeit musste er seinen Boss auch in andere Städte oder Regionen begleiten. Besonders während der christlichen Feiertage brachte er dann Londoner Schokolade oder gezuckerte Kokosnussstücke mit nach Hause, die sie noch nie vorher gekostet hatte.

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