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In einer Pinguinkolonie in Patagonien verbringt ein Paar die letzten Wochen des Jahres 2000. Eigentlich sind sie gekommen, um einen Dokumentarfilm zu drehen, aber hier am Ende der Welt, scheint sich das große Finale ihrer Ehe anzubahnen: der Ehe von Maria und Johan. Als sie sich Anfang der Achtziger kennenlernen, versucht Maria – jung, naiv und durch eine Erbschaft quälend reich – gerade, sich durch Filmemachen von der Last des Geldes zu befreien. Sie scheitert: Statt der erhofften Kapitalvernichtung bringt ihr der erste Film, an dem sie sich beteiligt, nicht nur Erfolg, sondern auch Fördergelder. Johan, eine charismatische Größe in der Branche, hat eben eine bittere Niederlage erlitten. Unterschiedlicher können zwei kaum sein, doch sieht es so aus, als ob sie sich auf fatale Weise ergänzten ... Pia Frankenberg erzählt von turbulenten Dreharbeiten, aberwitzigen Familienfeiern und von dem Versuch zweier Sturköpfe, das deutsche Kino zu revolutionieren. Eine rasante Reise durch die Ära Kohl und die Abgründe einer ebenso symbiotischen wie selbstzerstörerischen Beziehung – tragikomisch und voll einfühlsamer Ironie.
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2009
Pia Frankenberg
Der letzte Dreh
Roman
«I could have been a contender. I could have been somebody.»
Marlon Brando in «Die Faust im Nacken»
«Sir?»
Johan van Eyck hob den Kopf. Auf seiner Stirn glänzten winzige Schweißtropfen.
«Please close your seatbelt, Sir.»
Die Stewardess deutete auf den herabbaumelnden Sicherheitsgurt. Johan verzog sein flandrisches Bauerngesicht zu einem Lächeln; sein Mund riss eine Lücke in den grauschwarzen Wald seines Bartes. Die Gestalt im Gang rührte sich nicht, der Finger blieb ausgestreckt. In der Falte zum Nachbarsitz fummelte er nach der zweiten Gurthälfte, dabei streifte er versehentlich den Schenkel des jungen Mädchens, das neben ihm aus dem Fenster schaute. Mit einer raschen Drehung des Kopfes warf sie ihm einen Blick zu. Glaubte sie, er wolle sie betatschen?
Ohne Vorwarnung beugte sich die Stewardess zu ihm herab, ihr Busen kam seinem Gesicht bedrohlich nah, der Geruch nach Haarspray und aufgewärmtem Flugzeugfraß stieg ihm in die Nase. Urplötzlich roch er wieder den zu Tode gekochten Blumenkohl seiner Kindheit, sah seine Mutter, über den Herd gebeugt, eine Schürze vor dem gewaltigen Busen. Bevor er sich wehren konnte, zog die Stewardess den Gurt unter seinem Hintern hervor. Sie hatte Mühe, die beiden Teile über den vollgestopften Taschen seiner Lederjacke ineinanderzuhaken. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. Fehlt nur, dass sie mir die Wange tätschelt, dachte Johan.
«Have a nice flight», befahl sie und ließ ihn zum Paket verschnürt zurück.
Kaum war sie außer Sichtweite, öffnete er den Gurt und ließ seinen Bauch frei. Das Knattern der Propeller wurde lauter, die Maschine beschleunigte, raste über die Landebahn, hob ab und schraubte sich in den Himmel über Buenos Aires. Aus den Bordlautsprechern knarzte eine unverständliche Durchsage. Begrüßung der Passagiere? Instruktionen für den Ernstfall? Er hätte durchaus ein paar Ratschläge zur Überbrückung der zwei Nichtraucher-Flugstunden brauchen können, die vor ihm lagen. Unruhig betastete er seinen Bauch und hörte das vertraute Knistern des Zigarettenpäckchens in seiner Jackentasche. Zu seiner Linken ertönte ein Schniefen; das junge Mädchen, das jetzt Kopfhörer trug, zog die Nase hoch. Weinte sie, oder hatte sie Schnupfen? Sollte er ihr zum Zeichen seiner Harmlosigkeit ein Taschentuch geben?
Das Flugzeug kippte zur Seite und flog eine Schleife in eine Herde weißer Wölkchen. Auf der anderen Seite des Ganges tippte Philip, die langen Beine bis zum Kinn hochgezogen, auf irgendeinem elektronischen Spielzeug herum, neben ihm saß Maria und sah aus dem Fenster. Gegen das Wölkchenweiß vor dem Bullauge wirkte ihr feines Profil wie ausgefranst. Was ging in ihr vor? Dachte sie an die Firma? An die Probleme, die bei ihrer Rückkehr nach Berlin unweigerlich auf sie warten würden? Loslassen, befahl er sich. Er schloss die Augen. Godverdomme, sein Körper schrie nach Nikotin! Wie sollte ein Mensch ruhig bleiben, ohne zu rauchen?
Wenig später schrak er aus einem wirren Traum. Eine junge, nervöse Stewardess wischte, Entschuldigungen murmelnd, an ihm herum, in einer Hand hielt sie eine Wasserkanne. Die Maschine wurde hin und her geschüttelt; erst jetzt merkte er, dass sein rechtes Hosenbein durchnässt war.
«Patsch», sagte er und lächelte die Stewardess an.
«Are you a priest?», flüsterte sie, ihre vor Schreck geweiteten Augen auf seine schwarze Kleidung und den am Halsausschnitt hervorblitzenden weißen T-Shirt-Rand geheftet. Er überlegte kurz, welchen Vorteil es bieten könnte, ihre Frage zu bejahen – würde sie ihm das Rauchen erlauben?–, dann bewegte er den Kopf auf eine Art, die eine Antwort offenließ. Dankbar für die vermeintliche Absolution, schob die Stewardess den Getränkewagen weiter. Philip sah grinsend zu ihm herüber. Johan wusste nicht, ob es von dem verschütteten Wasser kam oder weil er schwitzte; er war klatschnass.
Die Bordlautsprecher kündigten knisternd an, man werde eine Weile durch stärkere Turbulenzen fliegen, ab sofort gelte wieder Anschnallpflicht. Mühsam stand Johan auf und tastete sich den Gang hinunter zum Klo.
Sie befanden sich mitten in den Turbulenzen, als der Alarm losging und von einer Sekunde auf die andere die Hölle ausbrach. Erst klopfte es, dann trommelten Fäuste gegen die Klotür, eine weibliche Stimme rief abwechselnd Unverständliches auf Spanisch und Englisch. Als Johan schließlich – die brennende Zigarette noch in der Hand – öffnete, starrte er in das wütende Gesicht seiner Mutter. Ohne zu überlegen, knallte er die Tür wieder zu und stemmte sich mit seinem ganzen, beträchtlichen Gewicht dagegen; zitternd nahm er die letzten Züge. Die Tür vibrierte, gab plötzlich nach, er wurde ins Innere gedrängt, und während er den Ansturm abzuwehren versuchte, streifte die Glut der Zigarette den Arm seiner Nemesis. Die Stewardess schrie auf; hinter ihr ballte sich ein Knäuel offenbar kampfbereiter Passagiere. Die Vorstellung, dass er der Grund für diese Zusammenrottung war, löste Heiterkeit in ihm aus; hilflos begann er zu kichern, sein Gekicher steigerte sich zu einem Lachkrampf und verwandelte sich schließlich in krachenden Husten. Unter den Blicken der neugierig die Hälse verdrehenden Passagiere ließ er sich kichernd und keuchend von zwei finster blickenden Freiwilligen zurück zu seiner Sitzreihe eskortieren. Die Stewardess befahl dem schniefenden Mädchen, den Platz mit einem der Bewacher zu tauschen, der Johan auf den freigewordenen Fensterplatz bugsierte und sich – offenbar entschlossen, ihn unter allen Umständen in Schach zu halten – neben ihn setzte. Philip widmete seine Aufmerksamkeit dem Videospiel; Maria starrte, als habe sie nichts bemerkt, aus dem Fenster. Langsam beruhigte sich Johan. Unter dem misstrauischen Blick seines Bewachers zog er ein Notizbuch aus der Jackentasche.
Die Turbulenzen nahmen zu, das Geschüttel der Maschine verstärkte sich; von jenseits des Ganges drang verdächtiges Stöhnen. Mit einem Ruck richtete das kleine Mädchen auf dem Platz hinter Maria sich auf. Johan sah, wie die Fontäne hochspritzte, sah, wie Maria sich mit einem Aufschrei nach vorn warf und Philips Lippen sich zu einem Wow formten, sah, wie der zweite Schwall zu gleichen Teilen auf Maria und auf ihre Rückenlehne niederging, hörte ihr fassungsloses Japsen. Die Frau neben dem Mädchen beugte sich jammernd über das zusammengesackte Kind und fächelte ihm Luft zu. Panisch verdrehte Maria den Hals, um den Schaden auf Schultern und Rücken zu prüfen, und schickte sich an, über Philips Beine in den Gang zu klettern; wie aus dem Nichts war die junge Stewardess zur Stelle.
«I am sorry, Miss, you can’t get up now.»
Ihre Nervosität schien wie weggeblasen. Hatte sein priesterliches Erbarmen ihr Selbstbewusstsein gestärkt?
«Aber … I have to go to the bathroom! I must clean myself!»
«You have to wait until we have landed.»
«But I have vomit all over me!»
«I am really sorry. You have to sit down, Miss.»
Steif sank Maria zurück auf ihren Sitz, Philip rückte angeekelt von ihr ab. In anklagend aufrechter Haltung balancierte sie auf der Kante, bemüht, jede Berührung mit der bekotzten Rückenlehne zu vermeiden. Johan grub in seinen Taschen und förderte zwischen losen Münzen, Pfefferminzbonbons, Zigarettenschachtel und Feuerzeug ein zerknülltes Papiertaschentuch zutage; er reichte es seinem Bewacher, der hielt es Philip hin, und Philip gab es wortlos an Maria weiter. Sie nahm es und wischte damit an sich herum; an Philip vorbei warf sie Johan einen vernichtenden Blick zu.
«Mama, du stinkst», sagte Philip.
Die Reise fing gut an.
In der Ankunftshalle von Trelew stieg Johan der Geruch nach Desinfektionsmittel in die Nase. Erlösendes Nikotin schwemmte durch seinen Körper, genussvoll ließ er den Rauch durch die Nasenflügel entweichen, während er zusah, wie Philip ihre Taschen, Schlafsäcke und die Kameraausrüstung auf zwei Gepäckwagen verteilte. Maria hatte ein paar saubere Kleidungsstücke aus einem Koffer gezerrt und war zur nächsten Toilette gestürmt.
«Hmmmhmmmmhmmmm…», summte Johan und betastete die pralle Kugel seines Bauches.
«Genau. Das musste mal gesagt werden», ätzte Philip.
«Ach, Kerlchen», seufzte Johan, «warum bist du bloß so ein Klugscheißer?»
In frischer Kleidung und mit feuchtem Haar kehrte Maria zurück, noch immer ging ein leicht säuerlicher Geruch von ihr aus. Sie würdigte Johan keines Blickes, griff nach ihrem Rucksack und steuerte dem Ausgang zu. Ohne auf Johan zu warten, schob Philip einen der beiden Gepäckwagen hinter ihr her.
«Ich bin JOHAN VAN EYCK, der PENNER!», rief er ihnen nach. «Godverdomme, was wollt ihr? Ich bin SCHRIFTSTELLER, ich MUSS rauchen!»
Seine Worte verhallten in der verschlafenen Ankunftshalle. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihnen mit dem zweiten Gepäckwagen zu folgen.
Draußen blendete ihn gleißendes Licht. Es dauerte eine Weile, bis seine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten, dann entdeckte er Maria neben einem breitschultrigen Mann Mitte dreißig, der ein Schild mit ihrem Namen in der Hand hielt. Sein durchtrainierter Körper, das dunkle Haar und sein scharfes Profil verschmolzen zu einer Mischung aus Stierkämpfer und Carlos Gardel. Auf der Stelle fasste Johan eine herzliche Abneigung.
«Au Mann, du hast ja so was von ausgeschissen», raunte ihm Philip zu.
«I am Eduardo», begrüßte sie der Schöne. «I am your cameraman.»
Zusammen mit Philip verstaute er ihr Gepäck auf der Ladefläche des Pick-ups, auf der bereits eine ansehnliche Menge Lebensmittel und sonstige Vorräte gestapelt waren; Eduardo zeigte auf die Sandpiste, die sich vor ihnen ausdehnte. «Onehundredtwenty kilometers.» Hastig sog Johan ein letztes Mal an seiner Zigarette, dann stiegen sie ein, er und Philip hinten, Maria vorne neben Eduardo. Ihre Kleidung war sauber, und ihr volles, rotes Haar glänzte in der Sonne, aber auf ihrem Gesicht lag immer noch der Schatten einer persönlichen Beleidigung.
Der Wagen rumpelte über Schotter, sie wurden auf ihren Sitzen gegeneinandergeschleudert, während sich das Panorama patagonischer Steppe vor ihnen auftat: windgepeitschtes Grasland, ein geradezu schmerzhaft blauer Himmel. Um sie herum nichts als Kargheit und Leere. Unchartered territory. Die Bedingungen, ermutigte Johan sich, waren günstig für einen Neuanfang: der ideale Ort, eine Ehe zu retten.
Benommen lauschte Johan in die Dunkelheit. In unmittelbarer Nähe stieß jemand qualvolle, röchelnde Schreie aus. Die Luft war stickig, etwas knirschte zwischen seinen Zähnen. Er tastete neben sich; seine Hand berührte Chemiefaser, bedeckt von einer feinen Schicht aus Sand, der durch eine Luke über seinem Kopf hereingeweht wurde. Huschende Atemstöße drangen an sein Ohr. In dem schmalen Rechteck aus Licht, das durch die Luke fiel, erkannte er Marias Gesicht, halb vom Kopfteil ihres Schlafsacks verdeckt.
Von draußen ertönte unvermindert Geschrei; er war jetzt hellwach. In dem engen, abgenutzten Trailer, der ihnen während der nächsten vierzehn Tage als Behausung dienen sollte, war es unerträglich heiß. Wann hatte er zum letzten Mal eine Nacht in einem Schlafsack verbracht? In seiner Schulzeit, auf Klassenfahrt? Auf dem Dach trappelte etwas, dann brach das Gebrüll wieder los. Es überlief ihn eiskalt. Wer oder was gab derart gepeinigte Laute von sich? Irgendwo zwischen der Schlafstelle, die er mit Maria teilte, und der Wohnwagentür musste seine Lederjacke liegen. Er rutschte von der Matratze; mit der Hüfte stieß er gegen etwas Hartes und stöhnte auf, etwas fiel klirrend zu Boden.
«Godverdomme…!»
«Hör auf herumzuwühlen!»
Mit einer gewissen Dankbarkeit vernahm er Marias Stimme – es waren immerhin die ersten Worte, die sie seit dem Zwischenstopp in Buenos Aires an ihn richtete. Wie schaffte sie es, bei diesem Lärm zu schlafen? War sie taub gegenüber den Qualen der Kreatur? Auch Philip schien sich nicht daran zu stören, vom anderen Ende des Trailers kam sein leises Grunzen. Johan tastete in der Dunkelheit herum. Die Schachtel war da, aber das Feuerzeug war herausgefallen. Zentimeterweise kroch er vorwärts, bis er es erleichtert unter dem Knie spürte.
Draußen empfing ihn die Nacht. Sand prasselte mit nadelfeinen Stichen gegen seine Haut, schützend hielt er die Hände vor die Flamme und drehte seinen Körper gegen den Wind. Über ihm wölbte sich ein schwarzer Himmel, auf dem sich in breiten Schlieren wie eine prahlerische Ejakulation die Milchstraße ergoss. In ihrem Licht sah Johan den Pinguin, der ihn mit vorgerecktem Hals fixierte.
Unvermittelt warf das Tier den Kopf zurück und brüllte.
Üüüaaaa-aaa-aaaaaaaa!
Von irgendwoher kam eine Antwort, die Klage eines Leidensgenossen, dann noch eine und noch eine. Allmählich zeichnete sich wie eine Science-Fiction-Kulisse aus einem alten B-Movie die Landschaft ab: Hunderte von Erdlöchern, vor denen Pinguine standen; aufrecht mit gereckten Hälsen, schickten sie ihre Klagen ins gleichgültige All, ihre Bäuche leuchteten in der Dunkelheit. Johan lauschte dem herzzerreißenden Chor; von seinem neuen Bekannten neugierig beäugt, rauchte er zwei Zigaretten, warf die Kippen in den Sand und pinkelte, einen langen, verzweifelten Brunftschrei ausstoßend, genussvoll neben den Trailer.
«Gute Nacht, mein Lieber», sagte er zu dem Pinguin, der unbeeindruckt weiterbrüllte, und stieg die wackeligen Stufen zur Tür hinauf.
Als er erwachte, war der Schlafsack neben ihm leer, die Hülle eines nutzlos gewordenen Kokons, doch die Form ihres Körpers war ihm noch eingeprägt, ihre Anwesenheit noch zu ahnen. Johan legte seinen Kopf in die Öffnung und roch daran. Ungenützte Vorräte von Zärtlichkeit wallten in ihm auf; er sah sich um und stellte fest, dass das Tonaufnahmegerät fehlte.
Im Licht des Tages lagen die Nester der Pinguine verlassen. Er steckte sich eine Zigarette an und nahm Kurs auf das flache Gebäude, vor dem der zweite Trailer stand, in dem Eduardo wohnte. Der Flachbau sei, hatte er ihnen erzählt, abgesehen von dem kleinen Häuschen beim Eingangstor, in dem die Parkwächter lebten, die einzige feste Konstruktion im Umkreis von hundertzwanzig Kilometern.
Auf den Stufen zum Eingang saß April, eine der beiden Praktikantinnen, von denen sie am Vorabend begrüßt worden waren. Die Mädchen waren Amerikanerinnen, ebenso wie Dawn, die Leiterin der Forschungsstation. Die Station wurde von irgendeiner Universität im Nordwesten der USA und aus Spendenmitteln finanziert; so viel immerhin war von Marias Dokumentarfilmexposé bei ihm hängengeblieben. Gekleidet in camouflagegemusterte Hose und Hemd, als warte sie auf einen Kampfeinsatz, hockte April vor einer blauen Plastikschüssel. Näherkommend erkannte er in der Schüssel einen Pinguin. Es war ein sehr kleiner Pinguin, und ganz offensichtlich war er tot. Der Pinguin war hellgrau, seine Oberfläche hatte mehr Ähnlichkeit mit dem Fell einer Maus als mit dem Gefieder eines Vogels.
«Hi», grüßte April und blickte kurz auf, während sie aus einer Flasche Spülmittel auf den schlaffen Körper tröpfelte und es mit gummibehandschuhten, dicken Fingern zärtlich im Gefieder verteilte. «Wie war die erste Nacht?»
Er schaute zu, wie die Federchen im sanften Wellenbad der Schüssel hin und her wogten.
«Direkt vor unserem Trailer hat sich ein Pinguin die Seele aus dem Leib gebrüllt.»
«Das ist Josef», erklärte sie und wusch vorsichtig weiter. «Er hat sein Nest da schon genau so lange, wie es unsere Station gibt, achtzehn Jahre. Er ruft nach Josefine. Wenn die Frau nicht rechtzeitig vom Einkaufen nach Hause kommt, werden sie unruhig.»
Sie lächelte. Er sah auf die Pinguinleiche, die halb in ihrer Hand hing, halb im Wasser dümpelte. Fasziniert verfolgte er, wie sie das leblose Ding in einer zweiten, gelben Schüssel mit klarem Wasser ausspülte, es mit einem Tuch behutsam trockentupfte und durch den winzigen After einen Stab ins Innere des Kükens bohrte.
«Pinguin am Stiel», sagte April.
War sie von sanfter Grausamkeit oder von grausamer Sanftheit? Unmöglich zu sagen.
«Nichts ist besser für Studenten als die eigene Anschauung – wenn sie nicht herkommen können, bringen wir ihnen eben was mit nach Hause», sagte sie, als läse sie seine Gedanken. «Wir versuchen die, deren Eltern nicht genug zu fressen finden, hochzupäppeln. Die Pinguine natürlich, nicht die Studenten», lachte sie über ihren Witz. «Dieser hier – es ist übrigens ein Mädchen – hat’s nicht geschafft.»
Sie legte das aufgespießte Küken beiseite und goss das Wasser der Schüsseln aus.
«Wenn Sie möchten, können Sie nachher mitkommen zum Kükenwiegen. Ihr Sohn hat sich schon angemeldet. Sie müssen dann allerdings was anderes anziehen.» Ihr Blick wanderte über seine schwarze Kleidung. «Sie haben ja sicher die Instruktionen gelesen, die sie vor der Reise bekommen haben. Also was Braunes oder Grünes, jedenfalls muss es sich der Landschaft anpassen, sonst trampeln uns die Tagestouristen hinterher. Haben Sie eine Zigarette?»
Er gab ihr eine, sie steckte sie hinters Ohr.
«Gibt’s irgendwo Kaffee?», fragte er.
Sie deutete ins Innere des Gebäudes. Er schnippte seine Kippe weg und ging hinein. Drinnen gab es eine Küche mit einer Spüle, einem einfachen Herd und einem Tisch, von dem an den Rändern die Plastikschicht abpellte. Durch eine geöffnete Tür konnte er zwei Etagenbetten erkennen. Ein Bad oder eine Toilette war anscheinend nicht vorhanden. An der Spüle stand Dawn und trocknete Geschirr ab. Sie war mittelgroß und in etwa so breit wie hoch; sie sah aus wie ein Würfel. Ihr Haar war rötlichblond und von der Sonne gebleicht.
«Hi», sagte Johan.
«Das Wasser ist noch heiß», sagte Dawn ohne weitere Begrüßung.
Er ließ sich auf einen Stuhl sinken. Sie taxierte ihn kurz, die Wimpern ihrer kleinen, durchdringend blauen Augen waren beinahe farblos, ihr breites Gesicht von Sommersprossen übersät. Er schätzte sie auf etwa fünfzig; sicher hatte sie als junges Mädchen in einer College-Fußballmannschaft gespielt, in kurzem Rock mit langen Kniestrümpfen über dicken Waden. Kapitän natürlich oder Libero, letzter Mann vorm Tor, die Position, die er immer gehalten hatte.
Dawn stellte eine Dose Nescafé auf den Tisch und drückte ihm einen Becher in die Hand, den ein Teddybär mit vier bunten Luftballons zierte. «Eine Tasse, ein Teller und ein Besteck für jeden. Wir haben keinen Platz für haufenweise schmutziges Geschirr. Das ist Ihrer. Passen Sie gut drauf auf.»
Er legte Zigarettenschachtel und Feuerzeug auf den Tisch, drehte den Becher in seinen Händen, dann schaufelte er drei Löffel Kaffee und vier Stücke Würfelzucker hinein. Gegenüber auf einem Regalbrett mit den wenigen Küchenutensilien lehnte ein ausgestopftes Pinguinküken; unter dem Fenster, in einem improvisierten Bett aus Karton, miaute eine junge Katze. Die Spirale eines Fliegenfängers wand sich neben einer nackt von der Decke herabbaumelnden Glühbirne. Das Licht war schummerig, der Raum schloss die gleißende Helligkeit aus wie einen unerwünschten Besucher. Johan zog eine Zigarette aus der Schachtel.
«Geraucht wird draußen, Kippen müssen aufgesammelt werden. Pinguine probieren alles, was nicht niet- und nagelfest ist, und es ist komplett überflüssig, dass bei den Verlusten, die wir jährlich haben, auch noch welche an Nikotinvergiftung oder Darmverschlingung eingehen.»
Er steckte die Schachtel und das Feuerzeug zurück in seine Jackentasche. «Ay, ay, captain!»
Sie hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Grinsend nahm er den Aluminiumkessel vom Herd und goss Wasser auf das Kaffeepulver, das sich mit einem leisen Zischen auflöste. Mit dem Becher in der Hand ging er hinaus.
April war dabei, das präparierte Pinguinküken an einer windgeschützten Stelle zum Trocknen in der Sonne zu platzieren. Sie nahm die Zigarette hinter ihrem Ohr hervor und steckte sie zwischen die Lippen. Er gab ihr Feuer.
«Hat sie Ihnen die Leviten gelesen?»
Er nickte und zündete sich auch eine an. Schweigend saßen sie nebeneinander.
«Dieses Instant-Zeug ist scheußlich, aber wir müssen jedes bisschen Müll von hier in die Stadt bringen, und da ist das einfach am praktischsten», sagte April entschuldigend, als trüge sie die Verantwortung für das eingeschränkte Angebot.
Mit einem Mal fühlte er sich verlassen. Die Weite des Ortes, die trostlose Baracke, in der der Wissenschaftler-Zerberus regierte, das nasse, tote Tier… Er sehnte sich geradezu nach einer von Marias Standpauken.
«Haben Sie meine Frau gesehen?»
April machte eine vage Geste in die Ferne. «Sie sind ganz früh aufgebrochen. Ihr Sohn hat ihnen mit der Ausrüstung geholfen.»
Es kam ihm vor, als hätten sie Verrat an ihm begangen. Was sollte er hier, warum war er überhaupt mitgefahren? Alle ihre Auseinandersetzungen der letzten Zeit hatten ihn zum Thema gehabt; selbst die, die bei Marias Problemen anfingen und sich dann um Philip drehten, hörten am Ende bei ihm und seinen Mängeln auf. An manchen Tagen schien es ihm, als habe sie ein Umerziehungsprogramm für ihn entwickelt. Wollte sie nach fast neunzehn Jahren wirklich einen anderen als ihn, den Original-Johan? Godverdomme, bei jedem Drehbuchvertrag gab es eine Klausel, dass ohne Einverständnis des Autors keine Änderungen vorgenommen werden durften! Plötzlich hörte er wieder Philips Warnung: Hör auf zu rauchen, Mann. Mehr will sie doch gar nicht. Er spürte Aprils Blick.
«Wie war das mit dem Kükenwiegen?»
«Wenn Sie mitkommen wollen, müssen Sie sich umziehen. Wir gehen am Nachmittag.»
«Also dann, bis später.»
Er drückte seine Zigarette auf der Stufe aus. April schüttelte den Kopf und deutete auf eine mit Wasser gefüllte Blechdose, die neben ihm auf der Treppe stand. Grinsend ließ er die Kippe hineinfallen.
«Wo ist hier das Klo?»
April zeigte auf das Gebäude neben dem Einfahrtstor und hielt ihm eine magere Rolle Recyclingpapier hin. «Sparsam verwenden und den Rest wiederbringen. Die Touristen sollen gefälligst ihr eigenes benutzen.»
Gerade als er auf den Eingang zusteuerte, rollte ein Bus heran. Menschen in Freizeitanzügen stürmten das einzige Klo im Umkreis von hundertzwanzig Kilometern und überschwemmten die kleine Cafeteria, in der aufgeweichte Sandwichs und Getränke aus einem altersschwachen Kühlschrank feilgeboten wurden; den Strom lieferte ein lärmendes Dieselaggregat. Hinter den Scheiben einer Vitrine warteten Postkarten, Batterien und Einwegkameras auf Käufer. Johan verfluchte seine Gier nach Kaffee und den Effekt, den er auf seine Darmtätigkeit hatte. Vielleicht konnte er sich irgendwo in die Büsche schlagen? Aber um ihn herum gab es nichts als gut einsehbares, flaches Grasland. Ihm brach der Schweiß aus. Beim leisesten Fehlverhalten würde eine hundertköpfige Greenpeace-Einsatztruppe aus Pinguinlöchern quellen und ihn mit gebundenen Händen abführen, während er hilflos in die Hose kackte.
Überrumpelt traten die Touristen beiseite, als er an ihnen vorbei in die freiwerdende Kabine stürzte. Erst in der Cafeteria, wo er anschließend ein paar ausgeblichene Postkarten kaufte, wurde ihm bewusst, dass er die Papierrolle vollständig aufgebraucht hatte.
Den Rest des Vormittags verbrachte er im Trailer, durch dessen Fenster- und Türritzen der Wind unablässig Sand hereinblies, vor seinem Notizbuch.
Notlandung verursacht, weil im Flieger geraucht! Stewardess sieht aus wie Mutter, wenn sie mich übers Knie legte. Verachtung von P, M: blanker Hass! Wie immer gescheitert beim Versuch, M klarzumachen, dass Kreativität ohne Rauchen unmöglich. M wird vollgekotzt und muss sich vor Ekel selber übergeben. Kameramann entpuppt sich als Schnulzentango-Heini; P auf ihn angesetzt, bevor er sich an M ranmacht. Die Lagervorsteherin ist ein lesbischer Naturbursche mit dem Charme einer Wurzelbürste. Nachts brüllen die Pinguine.
Er dachte an seinen Roman, der, statt über die Weihnachtsfeiertage von begeisterten Lektoren verschlungen zu werden, vermutlich noch auf den Schreibtischen der Verlage unter einem Stapel anderer Manuskripte begraben lag. Zum Trotz schrieb er Seite um Seite, Material für künftige Romane, die alle auf die eine oder andere Weise das Leben des Johan van Eyck zum Inhalt hatten.
Im Gänsemarsch stapften sie über von Pinguinnestern ausgehöhltes Grasland. April, einen Rucksack auf den Schultern, führte das Grüppchen an, gefolgt von ihrer Kollegin Gemma. In einer Hand hielt Gemma wie eine Lanze einen sich am Ende gabelnden Stab, der im Rhythmus ihrer Schritte hin und her schwang, was von weitem den Eindruck erweckte, als befände sie sich auf dem Kriegspfad. Philip stakste hinter ihr her; Johan, in ein schlammbraunes, trotz seines Bauches viel zu großes Sweatshirt gehüllt, schwitzte vor Anstrengung, mit ihnen Schritt zu halten. Er hatte den Fehler begangen, Gemma zu fragen, warum sie auf der Station arbeitete, und sie nutzte die Gelegenheit, ihrem offenbar unterdrückten Mitteilungsbedürfnis freien Lauf zu lassen.
«Mein Vater ist Lehrer und meine Mutter Krankenschwester», plapperte sie los, «und sie sind sehr aktiv in ihrer Kirchengruppe. Wir haben in den Sommerferien immer für Hilfsorganisationen gearbeitet, Sturmopfer und so was, manchmal auch im Ausland. Ich war schon in Tansania und in Sansibar und sogar bei den Massai. Mein Dad meint, es bildet den Charakter, wenn man so viel wie möglich von der Welt mitbekommt.» Ihr blonder Pferdeschwanz wippte auf und ab. «Nach der High School bin ich dann zum Peace Corps, und jetzt, wo ich angefangen habe, Biologie zu studieren, möchte ich in meinen Semesterferien etwas Nützliches tun. Ich finde es einfach großartig, was Dawn hier zustande gebracht hat…!»
Sie drehte sich nach ihren Zuhörern um, ihre seeblauen Augen hinter der Stahlrandbrille strahlten verzückt. Sie war unbestreitbar sympathisch und wohlmeinend und erinnerte John fatal an seinen Vater: ein von fanatischem Sendungsbewusstsein getriebener belgischer Sozialdemokrat, so ausschließlich dem Gemeinwohl verpflichtet, dass er – bevor er begonnen hatte, gesundheitlich abzubauen – jeden, der sich dieser Mission entzog, unentschuldbarer Selbstsucht bezichtigt und mit Verachtung gestraft hatte.
«He, was ist das?» Philip zeigte auf eine Gruppe zottiger Tiere, die in der Ferne über die Steppe zogen, dazwischen stolzierten auffallend große Vögel herum. Ab und zu ragte ein einsamer Pinguin wie ein von Nässe geschwärzter Felsen aus dem weizenfarbenen Gras.
«Guanacos», sagte April. «Eine Art Lama. Sehr scheu. Und die kleinwüchsigen Strauße, das sind Nandus.» Johan schaute den Tieren eine Weile nach, dann stolperte er hinter den anderen her.
Auf dem Boden deuteten breite Wegweiser aus Pinguinscheiße auf die Eingänge der Erdnester; ab und zu verließ ein Bewohner seine Höhle und watschelte zwischen den Wanderern herum. Vor einem Nest fand Gemma einen halbverwesten Kadaver und machte, während sie schweigend im Halbkreis um ihn herumstanden, mit traurigem Gesicht eine Eintragung in einem Schulheft. Der zu dem Leichnam gehörende Witwer stand teilnahmslos daneben, anscheinend mangelte es ihm nicht nur an Geruchssinn, sondern auch an Verlustgefühl. Johan fragte sich, was in einem Pinguin vor sich geht, der abends nach Hause kommt und seine Lebensgefährtin unerwartet verstorben findet; die Gleichgültigkeit des Tieres, mehr noch die Tatsache, dass es seine Lage nicht wahrzunehmen schien, erstaunte ihn.
Sie liefen weiter. Der allgegenwärtige Sandstaub drang Johan in Nase und Ohren, seine Schleimhäute waren trocken, die Augen tränten. Er trug keine Kopfbedeckung, die Sonne brannte ungefiltert auf ihn herab. Ein patagonischer Western, dachte er: Gleich würden sie feststellen, dass die Wasserstelle, auf die sie ihre letzte Hoffnung gesetzt hatten, ausgetrocknet war. Dazu der Geruch nach Pinguin in der Luft – keineswegs fleischig ekelhaft, eher wie dörrendes Gemüse.
April und Gemma begannen mit dem Kükenwiegen. In einer Landschaft ohne Anhaltspunkte fanden sie überraschend zielsicher das gesuchte Nest, hielten die Eltern, die zur Verteidigung ihres Jungen aus der Höhle stürzten, mit Stöcken in Schach und zogen mit Hilfe des gabelförmigen Hakens das Küken am Hals heraus. Gemma stopfte das kackeverschmierte Tier in eine Nylonsocke, und April holte eine Federwaage aus dem Rucksack. Gemeinsam befestigten sie die Socke an der Feder, die vom Gewicht des Kükens nach unten gezogen wurde, und notierten das Ergebnis in der bereits dicht mit Zahlen gefüllten Tabelle eines Schulheftes.
«Nicht genug», sagte April trocken.
«Och… och… och!», murmelte Johan bekümmert.
Das Pinguinjunge pendelte hilflos in der Socke; nervös zündete Johan sich eine Zigarette an. April zog das Küken heraus und schob ihm aus einem Plastikbehälter etwas in den Schnabel. Das Küken bezweifelte eindeutig, dass man ihm Gutes wollte, widerwillig drehte es den Kopf zur Seite. Mit einer schnellen, routinierten Bewegung griff Gemma nach seinem Hals, bog ihn erbarmungslos zurück und öffnete den Schnabel.
«Dosenmakrele», erklärte April, während sie ungerührt kleine Portionen in den Pinguinschlund stopfte. «Du könntest ihm den Hals runter streichen, rutscht besser», wandte sie sich an Philip, der sie entsetzt ansah, dann aber zaghaft mit der Hand von oben nach unten über den ausgebeulten Kükenhals fuhr. Johan beobachtete gequält, wie April abwechselnd Nahrung in den Schnabel schob und aus einer kleinen Plastikspritze Wasser hinterherträufelte – so also rettet man die Welt. Er dachte an die Gänse, die in seiner Kindheit in den Wochen vor Weihnachten gestopft worden waren.
Vater und Mutter Pinguin hatten den Kampf um ihre elterlichen Rechte aufgegeben und belauerten mit schiefgelegten Köpfen das Spektakel. Gemma legte das vollgestopfte Küken auf den Rücken und pikste ihm mit dem Zeigefinger in den Bauch. Vielleicht sollte es rülpsen? Es hätte Johan nicht gewundert, hätte sie es sich über die Schulter gelegt und seinen Rücken getätschelt.
«Wenn der Bauch schön prall ist, hat es für die nächsten Tage genug. Mal sehen…»
Sie schob den erschöpften Plumpsack wieder in die Socke und wog ihn ein zweites Mal.
«Der ist erst mal abgefüllt.» Zufrieden packte sie ihr Werkzeug zusammen wie ein Arzt nach einem gelungenen Einsatz.
Voller Teilnahme sah Johan zu, wie das Küken auf seine Eltern zuschwankte. Unvermittelt ging April auf den größeren der beiden Pinguine los und zog das zappelnde Tier mit ihrem Stock zu sich heran.
«Sieh dir den mal an!»
Gemma untersuchte eine Metallmarke am linken Flügel. Aus dem Rucksack kramte sie ein zweites Schulheft hervor und blätterte darin herum.
«Jahrgang 1982… Oh, da wird Dawn sich aber freuen!»
April ließ den Pinguinvater frei; er schüttelte sich missbilligend. Beim Anblick der in ihr Nest flüchtenden Tiere wurde Johan von Rührung überwältigt, es schien ihm plötzlich, als läge das Schicksal der kleinen Familie in seiner Hand; dieses Küken musste gerettet werden, und wenn er ihm persönlich pfundweise Makrele in den Schnabel stopfte!
Sie besuchten noch fünf weitere Nester. Ein Küken lag tot in seiner Höhle, von den Eltern fehlte jede Spur; ein anderes Nest war verlassen; das dritte Küken wurde für zu leicht befunden und gefüttert. Die beiden letzten genügten Aprils Ansprüchen und blieben von der Prozedur verschont.
Auf dem Rückweg nahmen sie den Klippenpfad am Meer entlang, den die Touristen nicht verlassen durften; er war mit Seilen vom übrigen Territorium abgetrennt. Eine Besuchergruppe kam ihnen entgegen. Schwer atmend deutete eine fettleibige Frau auf einen Pinguin, der, als sie stehenblieb, neugierig an ihrem Schnürsenkel zupfte.
«Aren’t they wonderful?», strahlte sie. Ihr Körper war in eine türkisfarbene Freizeitkombination gezwängt. Der Stoff erinnerte an einen Strampelanzug.
«Absolutely wonderful», bestätigte Johan freundlich. Philip blickte ihn angewidert an.
«Warum müssen wir eigentlich diesen tarnfarbenen Kram tragen, wenn die rumlaufen dürfen wie die Teletubbies?», beschwerte er sich, als die Farbparade an ihnen vorübergezogen war.
«Anstatt rumzumeckern, könntest du zur Abwechslung mal dankbar sein, dass du was Nützliches tun kannst!»
Philip deutete spöttisch auf das weit über Johans Hintern herabhängende Sweatshirt. «Genau. Zum Beispiel dir meine Klamotten leihen.»
Johan baute sich breitbeinig vor ihm auf.
«Ich bin ja auch ein Pen-ner! Aber du bist natürlich braaav gewesen und hast die rich-tigenSachen eingepackt…»
Der Pinguin, der sich inzwischen Johans Schnürsenkel vorgenommen hatte, feuerte eine Ladung Kacke ab; mit einem Klatschen landete sie auf seinem linken Schuh. Johan betrachtete die weißgraue, schleimige Substanz, die wie auf einem Action-Painting das schwarze Leder zierte.
«Tja, Scheiße», sagte Philip.
Im Weitergehen entdeckte Johan in etwa zweihundert Meter Entfernung Eduardo, der sich über die Kamera beugte; Maria stand, die Kopfhörer auf den Ohren, reglos neben ihm. Eduardo packte das Stativ und ging näher auf die Klippen zu, sie folgte ihm. Sie sagte etwas, Eduardo drehte sich kurz um und antwortete, der Wind trug Johan ihr vertrautes Lachen zu. Ihr schlenkernder, weicher Gang, ihre ganze biegsame Gestalt machte ihm schmerzhaft bewusst, wie sehr er sie immer noch begehrte.
Vom Strand drang ein leise kollerndes Geräusch; unterhalb der Klippen ließen sich Hunderte von Pinguinen wie kalifornische Bodysurfer von der Brandung an Land tragen und schlitterten bäuchlings über die Kiesel. Sie schlugen ein paar Mal mit den Flügeln, richteten sich auf und watschelten, eine Armee von Pendlern, auf einem langsam ansteigenden Trampelpfad landeinwärts. Oben verstreuten sie sich, den Bauch voller Fisch, in ihre Siedlungen, um ihren Fang mit den Daheimgebliebenen zu teilen.
Zum Abendessen kochten April und Gemma Spaghetti. Philip deckte den Tisch und unterhielt sich mit April in dem bemerkenswert normalen Ton, der all jenen vorbehalten blieb, die nicht Johan oder Maria hießen. Johan hatte Kopfschmerzen, und ihm war übel. Am liebsten hätte er sich in den Trailer verkrochen, aber es schien ihm nicht ratsam, schon am ersten Abend gemeinschaftsfeindliche Signale auszusenden. Er hockte sich draußen auf die Stufen und beruhigte seinen durcheinandergeratenen Organismus mit einer Zigarette. Als er sich artig nach der Kippe bückte, standen Eduardo und Maria plötzlich vor ihm. Eduardo lächelte zu ihm herab. Aus der Baracke rief jemand zum Essen, und während Johan sich aufrichtete, hatte er das Gefühl, er müsse wie der Zeremonienmeister bei einem höfischen Bankett die Namen des Paares ausrufen: Lord Eduardo Schnulzentango und Lady Maria van Eyck …
Drinnen saßen bereits alle vor ihrem rationierten Geschirr. Dawn residierte am Kopfende, Johan setzte sich auf den einzigen freien Stuhl Maria gegenüber. Bilder seiner katholischen Kindheit stiegen vor ihm auf: mehlige Kartoffeln, Sonntagsbraten und Heiligenbeschwörung – was kam als Nächstes? Würde Dawn die Arme zum Segen ausbreiten? Würden sie die Köpfe senken und beten?
