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Ezra hat durch das Verschwinden seiner Eltern bereits mit einem schweren Schicksal zu kämpfen, und ein Umzug von New York nach Chicago konfrontiert den erst Sechzehnjährigen mit völlig neuen Herausforderungen. Er lebt bei seiner Tante, seit seine Eltern ihn ohne jede Erklärung verlassen haben. Die einzigen Erinnerungen, die Ezra von seinem Vater und seiner Mutter bleiben, sind Fotos und die wenigen Erzählungen seiner Tante. Als Ezra am ersten Schultag einen neuen Freund gewinnt, ist er voller Hoffnung, doch ahnt er weder, dass sein schweres Schicksal bereits auf dem Weg ist, ihn einzuholen noch, dass er schon bald die Welt der Magie und Dämonen betreten wird.
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Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2018
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DIESES BUCHwidme ich meinen Freunden, in denen die Magie immer weiter leben wird; meinen Eltern, in denen sie bereits gestorben ist, und meinem Bruder, in dem sie einst lebte.
„Ein Großmagier zu sein bedeutet, sein Schicksal vor sein Leben zu stellen und mit allen Mitteln zu versuchen, die Welt vor Dämonen zu beschützen.“
Prolog
Ein neues Leben
Die Junior High
Ein ungeheuerlicher Besuch
Mein Stückchen Heimat
Das magische Training
Ein Schritt in die richtige Richtung
Das Museum der verschollenen Magie
Dem einst vertrauten Freund
Mr. & Misses Pears
Der geheime Orden
Der höllischste Laden auf Erden
Das magische Schwert
Zeit der Abrechnung
Ein nie endender Krieg
Danksagung
Über den Autor
„Letztendlich sind es Bücher, die uns helfen, Wissen weiterzugeben und somit die Welt mit einem anderen Auge zu sehen.“ - Phil Becker.
Mein Name ist Ezra Henderson. Ich bin der letzte Großmagier, der noch existiert. Vor nicht allzu langer Zeit lebte ich bescheiden in meiner eigenen kleinen Welt. Ich sah die Dinge wie jeder andere. Einfach ganz normal. Dies änderte sich. Nichts sollte sein, wie ich es kannte. Bevor ich euch jedoch meine Geschichte erzähle, ist es mir wichtig, dass ihr den Grund hinter all dem versteht. Die Welt ist nicht die, für die ihr sie haltet. Magie, sie existiert. Sie umgibt uns. Schon seit Jahren ist sie für Menschen reine Phantasie. Sie wird nicht ernst genommen, viel mehr lächerlich gemacht. Ich möchte dem ein Ende setzen. Ich erzähle euch hier und jetzt, dass sie real ist und schon Jahrtausende zurück geht. Verschließt euch nicht vor der Magie, sondern öffnet eure Augen und lasst es zu, denn wir sind nicht allein. Ich sehe mich gezwungen und es als meine Pflicht, nun dieses Buch zu schreiben, um euch meine Welt und die Gefahren, die sie mit sich bringt, zu zeigen und zu erklären. Ihr müsst erfahren, wie die Realität wirklich ist und was dort draußen alles lauert.
Jahrtausende lang war es die Aufgabe der Großmagier euch im Dunkeln zu lassen, um euch zu beschützen. Doch nun bin ich allein und die Wahrheit ist zu belastend, um sie noch länger geheim zu halten. Damit ihr verstehen könnt, wie die Welt wirklich ist und was sie alles verbirgt, müssen wir sehr viele Jahre zurück. Zu dem Jahr in dem ich 16 war und sich alles um mich herum veränderte.
Dieser Traum. Ich hatte wieder diesen Traum. Er war voller Furcht und Trauer. Jedes Mal aufs Neue sagte ich mir, dass es nur ein Traum war. Kein Grund sich Sorgen zu machen oder Angst zu haben. Jeder, der mich gut kannte wusste mittlerweile, dass ich diese Träume hatte. Auch wenn es nicht so viele Leute waren. In meinem bisherigen Leben war ich eigentlich immer nur ein Außenseiter. Ich konnte mich nie wirklich mit anderen Leuten um mich herum identifizieren. Als wäre irgendetwas an mir anders. Nur wusste ich nie, was es war.
Es war fast so, als wäre es so für mich bestimmt gewesen, dass ich mit anderen Leuten um mich herum nicht gut klar kam. Ich meine, versteht mich nicht falsch, es gab ein paar Leute, die mich mochten, doch sogar da gehörte ich nie richtig dazu. Eigentlich hatte es mich auch nie wirklich gestört. Ich fühlte mich eigentlich ziemlich wohl alleine. Irgendwann ließen mich die Leute dann einfach in Ruhe und gerade als ich dachte, dass ich mich damit abfinden könnte, hatte meine Tante diese großartige Idee aus New York wegzuziehen, um in Chicago einen Neuanfang zu starten. Als hätte ich es nicht schon schwer genug gehabt.
Nein, jetzt musste ich diese Hölle nochmal durchleben. Ich liebte meine Tante. Ich wusste, was sie alles durchgemacht hatte und hier in New York waren die Erinnerungen an diese Dinge immer präsent. Ich verstand ihren Drang zu einem Neuanfang und somit entschied ich mich natürlich dazu, sie zu unterstützen. Sie war das einzige konstant Gute in meinem Leben und nachdem mich meine Eltern verlassen hatten, als ich grade mal drei Jahre alt war, nahm sie mich ohne zu zögern auf, wie ihren eigenen Sohn. Ja, sie war wie eine Mutter für mich. Nur, als dann mit den Jahren immer mehr Fragen über meine echten Eltern auftauchten, antwortete sie mir immer mit dem selben Satz: „Ezra, sie hatten keine Wahl. Sie mussten gehen, weil sie dich so sehr liebten.“
Ist das nicht die perfekte Antwort für ein fünfjähriges Kind, das seine Eltern vermisst? Es ist wahrscheinlich die am wenigsten verletzende Erklärung gewesen und ich als naives kleines Kind glaubte ihr. Dennoch war es damals sehr schwer für mich zu akzeptieren, dass sie einfach fort waren. Wahrscheinlich hatte sie mir das früher auch nur erzählt, damit ich mich besser fühlte und mir weniger ausgestoßen vorkam. Denn seien wir mal ehrlich. Was für Eltern verlassen ihr eigenes Kind, ohne auch nur die kleinste Spur, die kleinste Erklärung zu hinterlassen. Als ich 16 war, dachte ich oft, ich könnte nun die Wahrheit vertragen, aber meine Tante redete nicht gerne über sie.
Wahrscheinlich verkraftet sie die Wahrheit selbst nicht, anders konnte ich mir das nicht erklären. Kurz nachdem meine Eltern mich verlassen hatten, war mein Onkel Augustin an Lungenkrebs gestorben. Das hatte meiner Tante den Rest gegeben. Sie war am Boden zerstört. Der Mann, der wie ein Vater für mich war und mir alles beigebracht hatte, hatte uns ebenfalls verlassen. Wir sind die einzige Familie, die wir noch haben. Deswegen wollte ich unbedingt stark sein. Ich wollte für sie da sein und sie bei diesem Neuanfang unterstützen, damit wir alles in New York zurücklassen und ein neues, besseres Leben in Chicago beginnen konnten. Das habe ich meiner Tante gewünscht. Ich habe es mir gewünscht. Und so beginnt meine Geschichte. In einer neuen Wohnung, in einer neuen Stadt und in einem neuen besseren Leben. Zumindest dachten wir das jedenfalls.
Wasser. Das war alles, woran ich in diesem Moment denken konnte.
Nachdem wir in Chicago bis zum Ende der Stadt mit unserem Gepäck gelaufen waren, weil ein Taxi für meine Tante, ich zitiere: „voll die Abzocke“ sei, hatten wir nach über zwei Stunden endlich die neue Wohnung erreicht. Der Weg zur Wohnung war zwar lang, was aber nicht heißt, dass er langweilig war. Ganz im Gegenteil. So hatten wir eine gute Gelegenheit die Stadt schon einmal ein wenig kennen zu lernen. Wir liefen bis zur Südseite von Downtown und sahen auf dem Weg einige interessante Sachen. Die Menschen hier in Chicago waren ganz anders als in New York.
Dort war alles immer so gestresst, die Zeit war immer knapp und die Leute schienen gerade so Zeit fürs Atmen zu haben. Außerdem waren die Gebäude unglaublich hoch und spektakulär. Natürlich konnte es mit New York nicht mithalten, aber wenigstens fühlte ich mich fast so, als wäre ich Zuhause. Doch dann gelangten meine Tante und ich an die Südseite. Das Wohngebiet war... nennt mich verrückt, aber es fühlte sich dort direkt so dunkel und negativ an. Erst sahen wir die schöne große Stadt und dann war da unser neues Wohngebiet. Es hatte sich angefühlt, als wären wir in einem komplett anderen Land angekommen.
Jetzt wusste ich, warum man das hier „The Dark Side of Chicago“ nannte. Meine Tante und ich gingen so nah wie möglich zusammen und ich war mir sicher, dass sie das Gleiche fühlte wie ich. Rechts und links waren ganz kleine Holzhäuser mit Menschen, die, sage ich mal, nicht ganz so legale Dinge taten. Die Häuser sahen beinahe so aus wie der Ort, an welchem Eminem aufgewachsen war. Dann endlich, nach langer Zeit, erreichten wir unsere Wohnung auf der rechten Seite in einem sehr heruntergekommenen alten Gebäude.
Sie war Teil eines großen Gebäudekomplex und ich will ehrlich mit euch sein, es sah von außen aus, wie eine Bruchbude. Meiner Tante zuliebe behielt ich meine Gedanken aber für mich selbst. Ich wollte ihre Hoffnung nicht zerstören. Sie sollte sich gut fühlen. Also gingen wir hoch in den zweiten Stock. Dort sollte unsere Wohnung sein. In den Fluren konnte man schon Spinnen und Käfer an den Wänden hängen sehen, aber von unseren zukünftigen Nachbarn war keiner Spur. Ich konnte es ihnen nicht wirklich verübeln. Nach langem Suchen kamen wir dann endlich an der Wohnung an, unserem neuen Zuhause:
Wohnung Nummer 214. Ich stellte erschöpft die Koffer auf den alten knirschenden Fußboden im Treppenhaus. Meine Tante kramte den Schlüssel aus ihrer braunen Lederjacke und lächelte mich angestrengt an.
„Ich freue mich Ezra. Ab jetzt wird alles besser werden, du wirst schon sehen“, sagte sie mit einer Stimme, als würde sie unbedingt wollen, dass es perfekt würde, aber selbst noch nicht wirklich daran glaubte.
Um sie zu ermutigen lächelte ich zurück,
„Ja hier wird alles besser werden, da bin ich mir sicher.“
Gerade als ich das sagte, ging langsam die verrostete Tür auf und wir traten hinein. Das Erste was ich tat, war es, zur Küche zu rennen, denn mein Durst brachte mich fast um. Ich drehte den Hahn so stark auf wie ich nur konnte, legte meine Hände darunter und trank. Ich hätte ja ein Glas genommen, aber wir hatten noch keins. Alles was wir mitgenommen hatten, waren zwei kleine Schwarze Koffer. Den Rest ließen wir zurück. Alles, was wir von nun an besaßen, war in diesen kleinen Koffern. Meine Tante musste anfangen laut zu lachen, als sie sah, wie ich trank.
„Dein Vater hat früher immer genau dasselbe gemacht. Bei uns gab es zwar Gläser, aber er dachte sich wohl, „warum Zeit verschwenden, wenn es auch schneller geht.“
Daraufhin mussten wir beide sehr laut lachen. Es tat so gut meine Tante lachen zu sehen. Und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, dass das hier wirklich ein gelungener Neuanfang werden könnte.
„Gott ich vermisse ihn so sehr. Du erinnerst mich jeden Tag aufs Neue an ihn“, sagte sie plötzlich und klang dabei wieder so furchtbar traurig.
Man hörte den Schmerz des Verlustes in ihrer Stimme. So schnell konnte ein schöner Augenblick wieder vergehen. Sie kam näher und nahm mich in den Arm. Das war das erste Mal seit Jahren, dass sie von sich aus über meinen Vater redete und es nahm mich mehr mit, als ich gedacht hätte. Ich drückte sie so fest ich konnte, doch ich ertrug es nicht, sie traurig zu sehen. Also wechselte ich das Thema, setzte eine fröhliche Stimme auf und fragte,
„Wollen wir mein Zimmer als nächstes ansehen?“
„Das ist eine gute Idee. Ich glaube, dein Zimmer ist da vorne“, erwiderte sie und rappelte sich wieder auf.
Ich öffnet die Tür und sah, wo mein neues Leben ab heute beginnen würde. Mein erster Gedanke war, dass es kalt und abstoßend aussah. Wie sollte ich mich hier wohlfühlen? Es war so ein Gefühl, welches sich einfach nicht abschalten lies. Ich konnte es nicht fassen, dass wir jetzt hier für immer leben würden. Ich drehte mich zu meiner Tante um,
„Ich weiß nicht, Tante Darci, hier sollen wir für immer wohnen?“
Ich konnte die Abneigung in meiner Stimme nicht ganz verstecken. Meine Tante, die noch hinter mir stand und das Zimmer musterte, schien es ebenso wenig zu mögen wie ich, doch sie sagte:
„Das ist eine neue Stadt, das ist ein neue Wohnung. Alles wird hier besser werden.“
Ich hatte das Gefühl, umso öfter sie es sagte, desto mehr wollte sie es glauben. Ich wusste, dass sie alles versuchen würde, um es für mich so angenehm wie möglich zu machen. Dazu gehörte auch, dass sie ihre Gefühle unterdrückte und nach außen hin immer glücklich schien, auch, wenn sie es gar nicht war, aber ich kannte sie zu gut, um auf dieses Schauspiel reinzufallen. Ich konnte sehen und sogar spüren, dass sie traurig und sogar verzweifelt war. Sie war nicht mehr zufrieden, sie hatte sich etwas Besseres vorgestellt. Jedes Mal aufs Neue erkannte ich es, wenn etwas nicht mit ihr stimmte und sie mir ihre Gefühle vorenthalten wollte.
Dabei brauchte ich das genaue Gegenteil von ihr. Ich hätte mich viel besser gefühlt, wenn sie ehrlich zu mir gewesen wäre. Ich weiß ja, dass sie es nur gut mit mir meinte, aber so hatte ich das Gefühl, dass ich ihr nicht erzählen konnte, wie ich mich wirklich im Innersten fühlte. Sie war alles, was ich noch hatte.
Wir mussten doch füreinander da sein. Meine Tante war inzwischen aus dem Raum gegangen, um ihren Koffer auf ihr Zimmer zu bringen. Während ich meinen Koffer auspackte, dachte ich wieder daran, dass meine Eltern mir nichts hinterlassen hatten, was mich an sie erinnerte. Alles was ich in diesem Koffer hatte, waren ein paar Klamotten, eine Zahnbürste und einige Sachen für die neue Schule. Ganz plötzlich überkam mich dieses Gefühl der Leere. Obwohl ich meine Eltern ja so gut wie gar nicht gekannt hatte, vermisste ich sie immer noch unglaublich.
Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass sie etwas hinterlassen hätten. Einen Brief, einen Anruf, irgendwas in dem stand, warum sie fort gegangen waren und mich zurück gelassen hatten. Irgendetwas, womit ich mich zu ihnen nahe gefühlt hätte. Alles wäre besser gewesen als nichts, doch leider war es das Nichts, was sie mir hinterließen. Ich hatte es nie wirklich verstehen und verarbeiten können und immer wieder, wenn ich versuchte Tante Darci darauf anzusprechen, wich sie mir aus. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist meine Mutter, die mich mit ihren blau-grauen Augen anschaute und hoffnungsvoll sagte:
„Ezra eines Tages wirst du die Welt verändern, du weißt es nur noch nicht.“
Verrückt, oder nicht? Das Einzige, was mir von meinen Eltern in Erinnerung geblieben ist, war dieser Satz meiner Mutter. Ich wusste mit der Zeit auch gar nicht mehr, ob ich mir das nur eingebildet hatte, dass sie so etwas zu mir gesagt hatte, oder ob es wirklich stimmte. Die Wahrheit ist, dass ich das Gefühl haben wollte, dass meine Eltern etwas Großes in mir sahen. Doch mit jedem Tag glaubte ich weniger daran, dass meine Mutter mir wirklich so etwas gesagt haben könnte.
Ich meine, zu dieser Zeit war ich um die drei Jahre alt, und wer würde etwas so verrücktes einem noch so kleinen Kind sagen? Darci konnte ich darauf ja auch nie ansprechen, denn wie ihr wisst, beantwortete sie keine Fragen über meine Eltern. Dabei kannte meine Tante sie doch am Besten von allen, meinen Vater zumindest. Es gab Momente, in denen ich so verzweifelt war, dass ich mir alle möglichen Szenarien ausgemalt habe, warum sie mich verlassen hatten. In den meisten standen meine Eltern nicht besonders gut da und da ich niemanden zum reden hatte, außer meine Tante, erzählte ich ihr manchmal davon.
Außerdem habe ich gehofft, dass ich aus ihrer Reaktion vielleicht sogar ein paar Antworten mehr herauslesen könnte. Sie wurde oft wütend, weil ihr meine Erzählungen nicht gefielen, aber was sollte ich denn machen, wenn ich über nichts Bescheid wusste? Ich kann mich an ein Mal erinnern, als Tante Darci so außer sich war, dass sie mich sogar angeschrien hat.
„Du weißt gar nichts über sie! Gar nichts! Erlaube dir nicht, so über sie zu reden!“
Und damit war das Gespräch dann auch beendet. Ich habe über die ganzen Jahre nie etwas über das Verschwinden meiner Eltern aus ihr heraus bekommen können und irgendwann habe ich es dann aufgegeben. Ich wollte sie nicht immer so wütend machen und außerdem schütze ich mich so vor weiteren Enttäuschungen. Aber die vielen unbeantworteten Fragen blieben und wurden sogar noch mehr. Ich erinnere mich, dass Tante Darci einmal über meine Eltern, Kathrin und Nathaniel, sprach. Es war nur ganz kurz und nicht besonders vielsagend, aber ich war dennoch dankbar dafür.
Sie sagte, dass ich meinen Charakter von meinem Vater und den Charme und auch das Aussehen von meiner Mutter hätte. Verrückt, nicht wahr? Eine Persönlichkeit wie sein Vater zu entwickeln, obwohl man ihn doch nie gekannt hat. Als würde er tief im Herzen bei dir sein. Ich wünschte, ich hätte meine Eltern so gut gekannt, wie meine Tante Darci.
„Ez! Ez!“, sagte meine Tante in einem immer lauter werdenden Ton und fing an mich zu rütteln.
Ich schaute sie an. Ich war wohl schon wieder kurz in einem meiner Tagträume verfangen gewesen. Wenn ich über meine Eltern nachdachte, schaltete ich ab. Das war schon immer so. Als ich mich umdrehte, guckte ich Darci in ihre braunen Augen. Ihre dunkel blonden Haare waren unordentlich zu einem Zopf zusammen gebunden und ihre Augen sahen ganz müde aus. Ihr Gesicht hatte über die letzten Jahre einige Falten bekommen. Sie hatte diesen Ausdruck. Diesen Ausdruck voller Leere wenn jemand in aus deinem Leben gestorben war. Tja, ich schätze diesen Blick hatte ich auch. Ich glaubte das hing mit ihren Sorgen, die sie sich ständig machte, zusammen.
Der Tod meines Onkels hatte sie wohl doch mehr mitgenommen, als ich dachte, was verständlich war, denn mit ihm hatten wir noch das Gefühl, eine komplette Familie zu sein, gehabt. Plötzlich war sie mit 42 und meinem Sorgerecht ganz auf sich allein gestellt gewesen, In diesem Moment wurde mir wieder klar, wie froh ich war sie zu haben.
„Freust du dich auf deinen ersten Schultag morgen?“
„Na klar, wird bestimmt toll“, sagte ich mit fester Stimme.
Doch in Wirklichkeit freute ich mich gar nicht. Ich hatte ein wenig Panik, denn es hatte damals schon lange genug gedauert, bis ich mich in New York eingelebt hatte. Aber ich wollte meiner Tante nicht noch mehr Sorgen machen, also verschwieg ich ihr die Wahrheit. Unsere Wohnung war mit alten Möbeln vom Trödelmarkt eingerichtet, also brauchten wir weder etwas aufzubauen, noch Kisten auszupacken. Ich half meiner Tante einige alte Erinnerungsstücke aus dem Koffer zu holen und sie aufzustellen. So viel war das natürlich nicht und so dauerte es nur knapp zehn Minuten, bis alles ausgepackt war und seinen Platz in unserem neuen Leben gefunden hatte. Zum Schluss fiel mir ein Foto in die Hände. Auf diesem Familienfoto sah ich meine Eltern und mich im Arm meiner Mutter. Daneben Tante Darci und ihren Mann, Onkel Augustin. Ich hatte dieses Foto noch nie zuvor gesehen. Meine Tante musste es wohl damals auf den Dachboden gestellt haben. Ich denke, sie wollte nicht tagtäglich an ihren Verlust erinnert werden. Wir sahen so glücklich aus. Doch offensichtlich war dies nur der schöne Schein.
„Ezra, warum brauchst du so lange?“
Tante Darci stand plötzlich im Zimmer. Sie sah, wie ich neben dem Koffer mit dem Bild in meinen Händen kniete.
„Das Bild lag doch zwischen meinen Kleidern“, sagte sie erschrocken.
„Warum habe ich das Bild noch nie gesehen?“, fragte ich.
„Ich wollte nicht, dass du traurig wirst“, antwortete sie.
Ich stand auf, nahm das Foto, drückte es ihr in die Hand und sagte,
„Es ist nur ein Bild.“ Ich ging in das Wohnzimmer um das letzte Teil, ein Kristall
Herz, an die Lampe zu hängen. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, als meine Tante dieses Herz von meinem Onkel zu ihrem 30. Geburtstag bekommen hatte. Dadurch sah die Wohnung nicht mehr so trostlos aus. Nachdem alles fertig war ging ich in mein Zimmer, um noch zwei Sandwiches rauszuholen, die ich mir am Flughafen in New York bei Panera Bread gekauft hatte. Ich war noch nicht dazu gekommen sie zu essen und bemerkte erst jetzt, wie viel Hunger ich eigentlich hatte. Ich nahm die Sandwiches und wollte eins davon meiner Tante geben, die noch in ihrem Zimmer war. Die Tür war verschlossen, also klopfte ich. Darci antwortete:
„Ich komme“ und öffnete die Tür.
Ich konnte sehen, dass sie geweint haben musste, doch sie wollte nicht, dass es mir auffiel. Also lächelte ich sie an und sagte:
„Ich habe noch zwei Sandwiches.“
Sie musste grinsen. Ich nahm an, dass sie ebenfalls so großen Hunger wie ich hatte. Wir gingen zur Couch und aßen schweigend unsere Sandwiches auf. Nachdem ich aufgegessen hatte, und um das belastende Schweigen zu beenden, sagte ich zu ihr:
„Ich gehe dann jetzt besser ins Bett. Es ist schon nach neun und morgen ist mein erster Schultag. Ich will ja nicht verschlafen.“
Ich wünschte, ich hätte etwas anderes gesagt. Etwas, womit sie sich besser gefühlt hätte. Ich hätte sagen können, dass auch ich innerlich aufgewühlt war. Alles wäre besser gewesen, als alleine in dieser Nacht in mein Zimmer zu gehen, wissend, dass meine Tante traurig und wahrscheinlich auch allein gelassen auf der Couch saß. Aber überraschender Weise umarmte sie mich, gab mir einen Kuss auf die Wange und wünschte mir eine gute Nacht. Eigentlich mochte ich es nie, wenn sie das tat, aber in dieser Nacht hatte es etwas Tröstendes. Als ich dann in mein Zimmer ging, rief sie noch hinter her, dass ich mir einen Wecker stellen solle, da sie morgen früh raus müsse. Ich musste mich wohl auch noch daran gewöhnen, meine Tante weniger zu sehen, denn als Krankenschwester hatte sie nicht mehr so viel Freizeit.
Vor allem nicht im Krankenhaus in Chicago Downtown. Ich ging also in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir, denn von dem Wohnzimmer aus konnte man direkt in mein Zimmer gucken. Ihr müsst euch die Wohnung meiner Tante so vorstellen: Wenn man durch die Eingangstür hereinkam, stand man bereits im Wohnzimmer, in dem links die Küche lag. Auf der rechten Seite befand sich noch ein kleines Badezimmer und hinter dem Wohnzimmer lagen die Zimmer von Tante Darci und mir. Das war es auch schon. Sehr bescheiden, aber mehr brauchten wir nicht (außerdem hätten wir uns auch ohnehin nicht mehr leisten können). Ich wollte gerade das Licht einschalten, als ich bemerkte, dass die Glühbirne nicht funktionierte. Also kramte ich total genervt im Dunkeln in meinem Koffer nach dem Wecker. Ja, ich hatte einen richtigen Wecker, weil mein Handy keinen Wecker hatte. Ich weiß, verrückt so was von einem 16-jährigen im 21.Jahrhundert zu hören, aber ich konnte mir nie ein richtiges Smartphone leisten. Als ich meinen Wecker gestellt hatte und mich endlich in mein Bett fallen lassen konnte, bemerkte ich, dass ich total fertig von dem Tag war und endlich schlafen wollte.
Meine Gedanken hielten mich allerdings noch eine Weile wach und da mein Bett direkt am Fenster stand, was das einzig Coole an meinem Zimmer war, hatte ich eine herausragende Sicht auf den sternenklaren Himmel.
Ich schaute noch eine Weile aus dem Fenster und sah so viele schöne Lichter. Jede Person, jeden Fahrer, jedes Haus beobachtete ich. Keiner von ihnen schlief. Ganz im Gegenteil, die ganze Stadt war noch hellwach. Verblüffend nicht wahr, wie weit das menschliche Auge sehen kann und in dieser Nacht, glaubt es mir oder nicht, fühlte es sich so an, als würde ich die ganze Welt sehen.
„Ring! Ring!", schellte mein Wecker mit einem sehr schrillen Geräusch.
Ich drehte mich im Bett um und schlug genervt in Richtung des Alarmgeräusches. Ich hatte nicht das kleinste Bisschen Lust auf diesen Tag. Als ich mich langsam hinsetzte um wach zu werden, sah ich auf meinen Wecker: es war 8 Uhr früh! 8 Uhr früh! Irgendwie schien mein Wecker kaputt zu sein. Hatte ich ihn nicht auf 7 Uhr gestellt? Nun ja, das war jetzt auch egal. Ich konnte es nicht fassen, dass ich zu meinem ersten Schultag zu spät kommen würde. Ich zog mir so schnell wie möglich meine, vom Flugzeug stinkenden, Klamotten von gestern im dunklen Zimmer an, weil mein Licht ja nicht funktionierte.
Während ich zweimal mit dem Kopf gegen die Zimmerlampe knallte und einmal mit dem Knie an den Nachttisch, lief ich ins Badezimmer und putzte mir total genervt die Zähne. Danach rannte ich mit dem restlichen Sandwich von meiner Tante in der Hand aus der Wohnung hinaus. Ich weiß was ihr jetzt denkt. Ich aß die Überreste eines altes Sandwiches? Aber was hätte ich machen sollen?
Ich hatte Hunger, kein Geld, und musste mich beeilen. Als ich, mit dem Sandwich im Mund, aus der Wohnung heraus rannte, schlug die Tür auch noch hinter mir zu und in derselben Sekunde fiel mir auf, dass mein Wohnungsschlüssel noch auf dem Wohnzimmertisch lag. Als wäre das nicht schon genug Pech für den ersten Schultag, bemerkte ich die Uhr im Treppenhaus, die zeigte, dass es erst 7:00 Uhr war. Ich verstand gar nichts mehr bis ich mich daran erinnerte, dass ich meinen Wecker noch nicht um- gestellt hatte. Der Zeitunterschied zwischen New York und Chicago betrug eine Stunde. Ich hatte also noch eine Stunde Zeit und wusste nicht, was ich machen sollte. Ich wäre ja zurück in die Wohnung gegangen, aber mein blöder Schlüssel lag ja, wie ihr bereits wisst, auf dem Wohnzimmertisch! Da ich also nicht in die Wohnung konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als schon zu der Bushaltestelle zu gehen. Ich musste 40 Minuten warten, bis endlich der Bus kam. Um 7 Uhr früh im Winter. Ich hoffe, ihr könnt euch vorstellen, wie unglaublich kalt es also war.
Plötzlich kam dann endlich der gelbe lange Schulbus und ich realisierte erst in diesem Moment, wie viel Angst ich vor diesem Augenblick hatte und wie schnell mein Herz schlug, als ich den Bus vor mir sah. Ich war der einzige Junge, der an dieser Haltestelle in den Bus stieg. Wahrscheinlich, weil keiner in so einem Kaff wohnte wie ich. Dann öffneten sich die Türen und ich wusste nicht wieso, aber ich konnte mich nicht bewegen. Meine Beine waren wie versteinert. Fast jeder im Bus schaute nach draußen und musterte den neuen sonderbaren Schüler. Einige fingen sogar an zu lachen. Dann sagte die Busfahrerin mit ihrer Zigarette im Mund genervt
„Kommst du endlich rein oder was?“.
Ängstlich stieg ich ein. Die Busfahrerin war eine Mitte 50 Jährige heruntergekommene Frau, die einen leicht asozialen Touch hatte. Unruhig schlug sie gegen eine schwarze Stange und die Türen verschlossen sich quietschend hinter mir. Die Busfahrerin fuhr los. Als ich dann weiter in den Bus hineinging, guckten mich alle mit großen Augen an. Ein paar tuschelten.
„Das muss wohl der neue sein!“, sagte jemand von links.
Konnte auch sein, dass ich mir das nur eingebildet hatte, weil ich so nervös war. Als ich weiter in den Bus hineinging, sah ich, dass alles in Cliquen aufgeteilt war. Vorne im Bus saßen die Nerds, die klugen Kinder. In der Mittleren Reihe die Instrumentenspieler und die Durchschnittsschüler, und ganz hinten saßen die coolen Kinder. Die sportlichen Footballer der Schule. Habe ich jedenfalls angenommen, weil sie sogar im Winter mit ihren Football Jacken, die man von der Schule bekommt, wenn man Football spielt, vor stolz platzend im Bus saßen. Ich ging immer weiter durch und alle Plätze waren voll. Ich entdeckte dann doch noch einen freien Platz neben einem großen, kräftigen Jungen. Der Junge hatte blonde Haare und war sehr stabil gebaut. Als ich mich gerade neben ihn setzen wollte, guckte er mich so drohend an, dass ich ihm von der Stirn ablesen konnte, was er wohl denken musste.
„Hau ab Kleiner, sonst gibt’s Probleme.“
Total panisch wurde ich schon rot im Gesicht, denn es gab nur noch drei Reihen und ich wollte nicht der Einzige sein, der keinen Platz im Bus hatte. Zum Glück fand ich dann doch noch einen Platz neben einem Jungen, der sehr sympathisch wirkte.
Der Platz war in der vorletzten Reihe und der Junge hatte sich ganz links in die Ecke verkrochen und guckte aus dem dreckigen Fenster. Ich ergriff die Chance und setzte mich neben ihn. Die Sitze waren Grün, aus Kunstleder und total unbequem (wie in jedem amerikanischen Schulbus). Fast in jedem Winkel klebten Kaugummis in allen verschiedenen Farben und an meiner Seite des Sitzes war sogar ein Loch, aus dem der zerrissene Schaumstoff herausguckte. Wenigstens eine Sache aus New York hatte sich nicht verändert. Die Busse werden wohl immer gleich aussehen, dachte ich mir. Auf einmal drehte sich der Junge um und starrte nicht mehr aus dem Fenster, sondern lächelte mich freundlich an. Er hatte dunkelbraune Haare, Sommersprossen und dunkelblaue Augen. Er war sehr fit im Vergleich zu den meisten Jungen in meinem Alter, trotzdem schätzte ich, dass er auch ungefähr etwa 16 Jahre war.
„Hi ich bin Jack, du bist bestimmt der Neue, oder? Wie war noch mal dein Name?“, fragte er mich freundlich.
„Ja heute ist mein erster Schultag, ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Ich heiße Ezra. Ezra Henderson. Aber die meisten Leute nennen mich Ez.“
Gerade als ich meinen Namen rausbrachte, musste Jack ein wenig lächeln. Ich vermutete mal, es war wegen meines Namens, aber es machte mir nichts. Viele reagierten so, er klang halt etwas außergewöhnlich.
„Gestern haben uns schon die Lehrer informiert, dass ein Neuer in unsere Stufe kommt. Du bist aus New York hier hin gezogen, oder? Wer zieht denn freiwillig von New York weg, um in Chicago zu leben? Macht man das nicht genau umgekehrt?“, fragte mich Jack interessiert.
„Glaub mir, ich hatte da nicht wirklich eine Wahl. Ich habe es für meine Tante gemacht“, antwortete ich ihm.
Wahrscheinlich hatte er in diesem Moment nicht sehr viel verstanden, aber ich wollte ihm auch nicht direkt
„Ja es war so, meine Eltern haben mich verlassen, da war ich drei und ich hab keine Ahnung wieso, oder wo sie gerade sind. Danach nahm mich die Schwester meines Vaters auf, wo dann bereits nach 5 Jahren ihr Mann, mein Onkel, gestorben ist.“, sagen.
Ich glaube das würde keiner so gut nach dem ersten Treffen verstehen, geschweige denn verdauen. Ich konnte es nach 13 Jahren ja noch nicht einmal. Um schnell das Thema zu wechseln, fragte ich ihn, wie die Schule denn so wäre.
„Ja so toll ist sie jetzt auch nicht. Ist halt eine Schule. Aber wenn du dich an mich hältst passiert dir nichts.“
Ich war sehr froh, schon an meinem ersten Schultag einen so guten Schulfreund gefunden zu haben. Allerdings hatte ich nicht verstanden, was er damit meinte als er sagte, dass mir dann nichts passieren würde. Was sollte mir denn passieren? Als ich nachfragte erklärte er mir, dass der Junge, der mir den bedrohlichen Blick zugeworfen hatte, Jared sei und ihn keiner leiden könne, weil er immer nur die Leute mobben würde. Nachdem ich das hörte, hatte ich irgendwie Mitleid mit Jared.
Ich dachte mir, dass jeder Mensch aus einem Grund so ist wie er ist und ich fragte mich, was ihn zu diesem Menschen gemacht hatte, dass er mit Wut und Hass durch den Alltag ging. Nach einer Weile steckte Jack seine Kopfhörer in die Ohren, schaute aus dem Fenster und hörte weiter Musik. Die Musik war so laut aufgedreht, dass sogar ich schon hören konnte, dass er Country Musik hörte. Oh Mann, es musste ja einen Haken geben.
Da ich Country Musik wirklich über alles hasste, holte ich mein Schrotthandy raus, steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren und hörte das Lied „The Real Slim Shady" von Eminem. Ein absoluter Klassiker. Plötzlich machte die Busfahrerin eine Vollbremsung, weil irgendein Idiot in einem silbernen Volvo voll vor den Bus gezogen war. Da sah ich ihn. Einen Mann in einem schwarzen Anzug mit schwarzen Locken. Er stand direkt auf der Straße vor der Fensterscheibe, aus der ich herausstarrte, und während er mich merkwürdig anguckte, schien er irgendetwas zu sagen. Er bewegte seine Lippen immer schneller und guckte mich immer durchdringender an. Ich sah um mich herum und hatte totale Panik. Was war das für ein Typ? Was wollte der? Plötzlich kam ein Auto.
Es fuhr in Richtung des komischen Mannes. Ich riss meine Augen auf, als es immer schneller wurde und als es keine Anstalten machte ihm auszuweichen, geriet ich langsam in Panik. Aber der Mann schien sich nicht das Geringste um das nun nur noch wenige Meter entfernte Auto zu sorgen. Ich rechnete jede Sekunde mit einem Zusammenprall, doch in dem Moment, in dem das Auto den Mann hätte treffen sollen, blinzelte mir der Mann zu und löste sich in schwarzen Rauch auf. Ich traute meinen Augen nicht, was zum?! Ich guckte panisch Jack an,
„Hast du das gesehen?“ Doch er nahm nur locker seinen Kopfhörer aus dem Ohr und fragte,
„Was?“ „Ob du das gesehen hast?!“, wiederholte ich noch einmal panisch.
„Ja, wie der Volvo vor den Bus gezogen ist? Mach dir nichts draus. Hier fahren die immer so, aber das müsstest du doch aus New York kennen, oder nicht?“, erwiderte Jack.
„Nein, das meine ich nicht. Ich rede von dem Mann im schwarzen Anzug. Komm schon, den musst du doch gesehen haben! Du hast genau dahin geguckt, wo ich auch hingeguckt habe!“, sagte ich schon sauer, weil ich das Gefühl bekam, als würde ich verrückt werden.
„Ne, sorry. Ich habe da draußen keinen Typ im schwarzen Anzug gesehen“, erwiderte Jack ein bisschen verlegen.
Ich sah ihm an, dass er mich direkt für einen Spinner gehalten haben musste.
„Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet“, sagte ich mit einem panischen Lächeln zu Jack.
Ich tat so, als würde ich über mich selbst lachen. Das Letzte was ich wollte, war, dass mein bisher einziger Freund mich für verrückt hielt.
„Ja, kann schon sein“, sagte er lachend zurück und steckte seinen Kopfhörer wieder ins Ohr.
Ich wusste nicht, wer oder was das war. Hab ich mir das wirklich wieder nur eingebildet? Wenn ich bis jetzt etwas gesehen hatte, was nicht real war, waren es meine Eltern, aber diesen Mann habe ich noch nie zuvor gesehen. Jedenfalls kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wenn es so gewesen sein sollte. Es muss bestimmt eine logische Erklärung geben, dachte ich mir, und bis zum Ende der Busfahrt versuchte ich, zurück in den normalen Alltag zu gelangen und ihn wieder zu vergessen.
„Ich muss ihn mir eingebildet haben”, sagte ich mir immer wieder. Das war das einzig Logische. Oder habt ihr schon mal einen Mann gesehen, der sich vor euch in schwarzen Rauch aufgelöst hat? Mal abgesehen von irgendwelchen Zaubertricks. Ich versuchte mich noch weiter im Bus zu entspannen bevor die Schule anfing, doch Musik konnte ich jetzt nach dem Ereignis nicht mehr hören. Nach ungefähr 20 weiteren Minuten hielt der Bus an. Wir waren da. Die neue Schule. Ich zog meinen Rucksack über die Schultern und versuchte cool zu bleiben.
„Hey das wird schon“, sagte Jack freundlich.
Als würde er wissen, wie blöd es ist mitten im Jahr die Schule zu wechseln. Alle stiegen aus und gingen langsam und geordnet aus dem Bus. Nur Jared stand auf, schubste die Anderen aus sei- nem Weg und schrie,
„Platz da!“
Während ich aus dem Bus ausstieg und mir dachte
„Okay, von dem halte ich mich lieber fern”, sah ich die Schule zum ersten Mal von außen. Sie sah großartig aus.
Es war absolut kein Vergleich zu New York. Überall waren nette, kleine, bunt gefärbte Gravuren an der Schulwand. Eines von den Kunstwerken sah sogar so aus, wie ein Drache. Wie cool ist das denn bitte? Ein Drache an der Wand von einer Schule. Vielleicht war die Schule ja doch nicht so schlecht. Jack musste wohl meine Begeisterung gesehen haben, denn ich stand wirklich wie ein kleines Kind vor dieser Schulwand. Den Mund weit geöffnet.
„Ja, so habe ich auch geguckt, als ich die Wand zum ersten Mal gesehen habe. Mr. Kool, unser Geschichtslehrer, hat das Kunstprojekt geleitet. Der steht auf so Drachen und Mittelalterliches Zeug. Er wird dir gefallen. Ist zwar verrückt, trägt immer nur abgetragene Labberklamotten, die viel zu groß sind. Aber dafür ist er umso lustiger. Komm, wir müssen jetzt aber los. Die erste Stunde fängt gleich an und du brauchst noch deinen Stundenplan.“
Auf dem Weg zum Eingang wurde ich immer nervöser. Jetzt kam alles auf einmal so echt und real rüber und nicht mehr, wie in einem Traum. Ich wohne jetzt tatsächlich in Chicago und werde jetzt hier in die neue Schule gehen. Mit jedem Schritt, den ich weiter nach vorne ging, schlug mein Herz schneller. Vor der Tür war schon richtig viel los und Menschenmengen rannten durcheinander hinein. Ein paar Schüler rauchten noch mit Freunden vor dem Gebäude eine Zigarette, während andere sich mit einem Handschlag begrüßten und auf der Bank saßen.
Ich dachte, mit meiner Nervosität konnte es schlimmer eigentlich gar nicht mehr gehen, doch ich irrte mich. Es waren soviel Kinder in der Schule, alle rannten sie auf den Fluren (im Englischen auch „Hallways“ genannt). Alle tobten hin und her. Und sofort verlor ich mich als einer unter hunderten.
„Das ist hier immer so. Gewöhn dich besser daran“, sagte Jack.
Auf einmal sah ich den großen kräftigen Jungen, den ich schon im Bus gesehen hatte, welcher mir den drohenden Blick zugeworfen hatte. Gerade beobachtete ich ihn, wie er schrie und einen Jungen, der ihm im Weg stand, gegen einen Spind rammte.
Er hatte ihn sogar so doll geschubst, dass der Junge nach dem Aufprall zu Bo- den fiel. In mir kochte eine Wut auf. Ich wusste, dass es nicht richtig war. Sofort ging ich auf den liegenden Jungen zu und wollte ihm helfen, doch dann kam auch schon ein Lehrer angerannt. Mr. Witte. Er hatte eine Brille, gelocktes Haar und trug ein Hemd und einem Pullover. Später wurde mir erklärt, dass er Physiklehrer war. An seinem Aussehen hätte ich es eigentlich schon erkennen müssen.
„Das reicht, auseinander!“, schrie er, schnappte sich die beiden Jungs und riss sie mit sich ins Sekretariat.
Total gelassen schaute Jack mich an und sagte,
„Das passiert hier dauernd. Halt dich besser von dem Großen fern, wenn du hier ohne Stress leben willst.“
Ich nickte und ging total verschwiegen zum Sekretariat. Als wir die Flure heruntergingen und dann bei der nächsten Gelegenheit links abbogen, sah ich es auch schon. Es war ein total moderner Glaskasten mit der Überschrift „Chicago’s Highschool Office (Founder Nhasatack Jennesons, 1920)“ Gerade, als ihn den Namen las, hatte ich plötzlich ein Deja Vu. Ich wusste, dass mir der Name Nhasatack etwas sagte und irgendwo hatte ich ihn auch schon einmal gehört. Aber wo nur?
„So, ich muss jetzt zum Unterricht, aber ich hoffe, ab hier findest du dich zurecht“, sagte Jack hektisch, griff nach seinem Rucksack und lief schnell den inzwischen leeren Flur entlang.
„Alles klar. Ich hoffe wir sehen uns später“, rief ich hinterher und ging hinein.
Direkt als ich auch nur meinen ersten Schritt in das Sekretariat machte, hörte ich ein lautes Schreien. Erschrocken drehte ich mich kurz zur Seite und sah an einer großen Glastür die Aufschrift des Direktors.
Es war sein Büro und er war nicht allein. Jared saß ganz cool und gelassen vor ihm, während der Junge von eben verletzt neben mir auf einer Bank saß. Bevor ich etwas zu ihm sagen konnte, kam sofort eine ältere Frau mit blonden Haaren bis zum Nacken und einer braunen Brille auf mich zu. Sie war bestimmt schon um die 50 Jahre alt.
„Du musst Ezra sein. Ich bin ja so froh, dass du hier bist. Mein Name ist Mrs. Baker, ich werde dir von jetzt an immer helfen, wenn du mal Fragen hast oder gerade mit etwas nicht zurecht kommst. Hier ist dein neuer Stundenplan und dein erster Kurs findet in dem Raum N201 statt. Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch pünktlich. Hab einen schönen ersten Schultag“, sagte die Sekretärin Mrs. Baker und drückte mir alles noch im Stehen in die Hand.
Ich war so nervös. Den ganzen Tag wusste ich zwar, dass ich auf eine neue Schule gehen würde, aber ich hatte nie gedacht, dass jetzt auch mein neues Leben beginnt. Sie ließ mich allein und öffnete die Tür des Direktors. Meine Neugier ließ mich stehen bleiben, denn ich wollte lauschen. Allerdings bemerkte ich, dass es nicht mein Problem war, und befürchtete, dass ich dort als nächstes sitzen würde, wenn ich nicht schnell zum Unterricht käme.
Schon fast panisch ging ich den Flur hinunter. Die Meisten waren schon in ihren Klassen. Nur ein paar unterhielten sich noch mit Freunden vor den Spinden. Da klingelte es zum Unterrichtsbeginn und dann rannten sogar die Letzten zu ihren Klassen.
Langsam atmete ich durch und schaute nochmal auf meinen Stundenplan. Erst dann bemerkte ich, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich gerade war. Schüler kamen mir entgegen und ich fragte ganz schnell, ob sie mir sagen könnten, wo Raum N201 ist, doch sie guckten einmal kurz hoch und sagten nur, dass sie nun selber zum Unterricht müssten und keine Zeit für so was hätten. Na super, es sah so aus, als käme ich an meinem ersten Schultag nun doch noch zu spät.
Auf einmal kam ein Mädchen auf mich zu und glaubt mir wenn ich sage (und ich habe schon viele Mädchen gesehen) sie war mit Abstand die Hübscheste. Sie kam immer näher und näher und mit jedem Schritt, den sie näher auf mich zukam, wurde ich immer nervöser. Schnell atmete ich an meinem Pulli und fuhr mit meiner Hand durch meine Haare. Es waren nur sie und ich in diesem Flur.
„Hi, ich hab gehört, dass du Raum N201 suchst. Der ist gleich vorne links um die Ecke und dann die erste Tür auf der rechten Seite.“
„Danke, ich bin neu hier und kenne mich noch nicht so aus“, antwortete ich verlegen.
„Ja, der erste Tag kann eine Herausforderung sein. Wenn du magst, können wir später zusammen Mittag essen, dann hast du die erste Hürde schon überstanden“, sagte sie lächelnd.
Gerade als ich antworteten wollte, klingelte es erneut (die Lehrer rechneten schon mit späten Schülern, also gab es an dieser Schule zwei Klingeln)
„Jetzt muss ich aber wirklich los. Ich habe schon zwei Tardis (> Bezeichnung für Verspätungen) für diese Woche.“
Und sie rannte davon. Auch ich beeilte mich, zum Unterricht zu kommen. Gott, war sie schön. Ich freute mich schon auf die Mittagspause in der Cafeteria, dachte ich mir, als ich schnell an den Türen vorbei lief. N199, N200, ah ja N201. Ich stand vor der Klassentür und atmete noch einmal langsam tief ein und aus. Du schaffst das Ezra, sagte ich mir selber. Geschichte war schon immer dein Lieblingsfach und jetzt kannst du direkt punkten. Jetzt gab es kein Zurück mehr und erst jetzt realisiere ich, wie sich ab diesem Augenblick alles in meinem Leben veränderte. Laut klopfte ich zweimal an und öffnete die Tür. Alle schauten mich mit gelangweilten Augen an und der Lehrer unterbrach den Unterricht.
Mr. Kool sah genauso aus, wie Jack ihn beschrieben hatte. Er war ein großer Mann mit altmodischen, komischen Klamotten, die ihm schon über Arme und Beine hingen.
Er hatte sehr kurze Haare und trug im Verhältnis zu seinen Klamotten eine sehr moderne Lederkette. Er schaute mich an und runzelte die Stirn.
„So so, du musst wohl der neue Schüler sein. Ich bin Mr. Kool, dein Lehrer in Geschichte, aber jetzt setz dich doch bitte und versuche erstmal, dem Unterricht zu folgen.“
Ich nickte und ging in die erste Reihe, wo noch ein Tisch frei war. Vermutlich, weil keiner in der ersten Reihe sitzen wollte. Mein Stuhl war mit meinem Tisch verbunden, so dass es sehr eng für mich war dort zu sitzen, da ich ja vom Typ eher ein größerer Junge war. Ich meine, ich war mit 16 schon 1,94m und das ist, im Gegensatz zu den meisten Anderen in meinem Alter, nicht wirklich normal. Zumindest war ich normalerweise der Größte. Als ich mich also gerade an meinen Tisch quetschte, sah ich außerdem, dass gefühlt 100 Kaugummis unter meinem Pult hingen. Also musste ich die ganze Zeit mit meiner Hose diese Kaugummis berühren.
Es war super eklig. Während Mr. Kool vorne an der Tafel unterrichtete, schaute ich angeekelt von den Kaugummis nach hinten und einige Schüler lachten mich an. Sie wussten, an welchem Platz ich saß. Als ich dann aber wieder nach vorne schaute, bemerkte ich erst wie cool die Klasse war. Links und rechts um mich herum sah ich alte Poster von Kriegen hängen.
Ein Poster hing hinter dem Pult von Mr. Kool und ich fragte mich, was das wohl für ein Krieg gewesen sein sollte. Ich kannte mich eigentlich ziemlich gut damit aus. Mit Geschichte generell. Aber dieses Poster erinnerte mich an keinen der Kriege, die ich kannte, dennoch sah es vertraut aus. Es war wirklich schwer zu erklären. Auf dem Poster war ein Mann abgebildet, der mit einem bronzenen Schwert in den Schatten rannte. Vielleicht sollte es ja nur etwas symbolisieren. Als Mr. Kool sah, wie ich das Poster anstarrte und nicht dem Unterricht folgte, blieb er vor der Tafel stehen,
„Aha noch keine zwanzig Minuten in meinem Kurs und du findest das Poster interessanter als meinen Unterricht? Wie heißt du Junge?“, ich wurde knallrot.
„Nein, nein so meinte ich das nicht. Ich hab mir nur ihr Poster angeguckt. Ich wollte nicht respektlos sein“, sagte ich panisch, um mich raus zu reden.
„Dein Name“, wiederholte sich Mr. Kool langsam.
„Ezra Henderson“, stotterte ich.
Auf einmal fing Mr. Kool und der ganze Kurs an zu lachen. Was war denn jetzt los, dachte ich mir. Lachten die über meinen Namen. Gerade als ich so verwundert guckte, wie glaube ich noch nie, rief Mr. Kool während er lachte
„Wir haben dich reingelegt. Das mache ich mit jedem, der das Poster anguckt.“
Verwundert aber gleichzeitig amüsiert lachte ich mit. Lange dauerte der Witz aber nicht an, da wir danach direkt wieder mit dem normalen Unterricht anfingen. Mr. Kool stand vorne an der Tafel und schrieb gerade die Orte auf, an denen der zweite Weltkrieg stattfand. Als er mich fragte, wann es war, konnte ich ihm direkt antworten
„1939 -1945, Sir, die Deutschen begannen diesen Krieg.“
Als er über diese Aussage mit seinen Lippen leise vor sich hin zu murmeln schien, hätte ich schwören können, dass er meinen Namen sagte, während er etwas an der Tafel notierte. Verrückt, aber glaubt mir, ich wusste es. Aber so wie der Tag schon anfing.... Wieso sollte er so etwas tun? Aber trotz allem war ich mir sicher, dass ich mich nicht verhört hatte, da ich auch in der ersten Reihe saß und so ziemlich alles hören konnte. Die erste Stunde verging und jeder war ziemlich gelangweilt . Die Schüler waren gar nicht mehr am Thema interessiert, was ich überhaupt garnicht nachvollziehen konnte, und die ganz Coolen, die hinten im Raum saßen schmissen nur mit Papierkügelchen um sich herum.
„Ring, ring“.
Es schellte zum Unterrichtsschluss und alle rannten aus der Klasse. Mr. Kool versuchte, noch schnell die Hausaufgaben zu sagen, doch meine Mitschüler hatten den Raum bereits eilig verlassen. Nur ich packte noch in Ruhe meinen Rucksack und war auf dem Weg nach draußen, als Mr. Kool mich stoppte.
„Halt, Ezra, mit dir möchte ich nochmal eben ein Wörtchen sprechen.“
Ich blieb überrascht stehen, drehte mich um und ging unsicher zu seinem Pult. Was wollte er denn nun von mir?
„Dein Name ist Ezra, Ezra Henderson?“, fragte er mich langsam und deutlich.
„Ja, Sir.“
„Nun das ist ein äußerst sonderbarer Name, oder nicht. Also zumindest kommt er nicht mehr so oft in deiner Jugend vor?“
SO sonderbar finde ich meinen Namen gar nicht. Ich meine, sicher, ich war der Einzige, den ich kannte, der diesen Name hatte, aber deswegen war er doch nicht gleich sonderbar. Zusätzlich war es Pause und deswegen fragte ich mich sehr, warum ich hier am ersten Tag neben meinen Lehrer stand, der mich wegen meines Namens befragte. Was war für ihn an meinen Namen denn bitte so interessant?
„Nun ja, ich habe da noch nie so drüber nachgedacht“, antwortete ich schließlich.
„Meine Tante sagt, ich hätte ihn von meinem Großvater Ezrathon Henderson“, fuhr ich fort.
Plötzlich schreckte Mr. Kool auf, als hätte er eine Art Erleuchtung, aber auch, als wäre er gleichzeitig beängstigt. Er nahm sich die Brille vom Kopf und drückte mit seinen Fingern gegen seine Augen.
„Ist alles ok Sir?“
„Ja, ja, alles bestens. Sieh zu, dass du noch etwas von der Pause genießt“, erwiderte er in einem freundlichen Ton, aus dem ich trotzdem ein bisschen Angst heraus hören konnte.
Das musste er mir allerdings nicht zweimal sagen. Sofort drehte ich mich um und war auf den Weg zur Tür. Auf dem Weg nach draußen sah ich links von der Tür ein Bücherregal. In der Mitte stand ein altes, mit braunem Leder bezogenes Buch. Als ich an der Seite des Buches gucken wollte, wer der Autor war, musste ich feststellen, dass es sich um meinen Großvater handelte. Was zum? Total verwundert drehte ich mich um, doch Mr. Kool war verschwunden. Niemand war mehr in der Klasse zu sehen.
Was hatte das alles zu bedeuten? Total erschrocken und verwundert ging ich aus der Klasse heraus. Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn. Mit verschwommener Sicht und rasenden Puls ging ich verstört durch die Flure. Was zur Hölle war das hier nur? War mit mir noch alles in Ordnung?
Als ich gerade durch die Menschenmenge auf den Fluren ging, versuchte ich irgendeine logische Erklärung für das zu finden, was gerade geschehen war. Doch ich hatte keine. Ich meine, in einem Moment benimmt sich dein Lehrer total komisch, du findest ein Buch, dessen Autor scheinbar dein Opa ist, welchen du noch nie zuvor gesehen hast und dann verschwindet dein Lehrer plötzlich. Kann mir das viel- leicht jemand mal erklären? Ich versuchte, wieder klar zu denken und war auf dem Weg zur Toilette, um etwas Wasser in mein Gesicht zu spritzen. Auf dem Weg redete ich mir ein, dass nichts geschehen war. Das es nur ein Tagtraum war.
An der Toilette angelangt spürte ich die abwertenden Blicke an mir, wie Insekten die meinen Nacken runter krabbelten. Mit einem festen Griff drehte ich den Hahn um und ließ das Wasser in meine Hände laufen. Mit einem Ruck schmiss ich es mir ein mein Gesicht und klatschte mit meinen Händen gegen meine Wangen.
„Reiss dich zusammen, Ezra! Es ist normal, am ersten Schultag Angst zu haben!“
Das musste es gewesen sein. Meine Angst. Ich wollte Sachen wahrhaben, die nicht wahr waren, um meinen ersten Schultag zu überstehen. Zumindest dachte ich es und somit vergaß ich, was geschehen war und konzentrierte mich auf meine nächste Unterrichtsstunde, die schon in drei Minuten anfangen würde. Langsam rappelte ich mich auf und verließ das Badezimmer. Ermutigt holte ich den jetzt schon etwas zerknitterten Stundenplan (ordentlich war ich noch nie) aus meiner linken hinteren Hosentasche und sah meine nächste Stunde. Mathe und danach Physik. Es waren mit Abstand meine meist gehassten Fächer, aber ich glaube so geht es jedem. Doch leider muss man da nunmal durch.
Wie meine Tante immer sagte
„Versuch immer dein Bestes, Ezra, und du kannst alles schaffen.“
Ich schaute also erneut auf meinen Stundenplan wo alle Räume klein und in schwarz in einer Tabelle abgebildet waren. Mathe war im Raum A118. Diesmal war ich allerdings nicht so aufgeschmissen, weil ich durch einen glücklichen Zufall in die richtige Richtung gegangen war und direkt vor der Klasse stand. Sofort schaute ich mich um, in der Hoffnung vielleicht einen netten und sympathischen Klassenkameraden zu finden.
