Der letzte Tag - H. T. Lang - E-Book

Der letzte Tag E-Book

H. T. Lang

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Beschreibung

Ronald Kämp ist ein einfacher Lehrer, der am eigenen Leib erfährt, was ein kleiner Leichtsinnsfehler unter Daniel Hohlfelders grausamem Regime für verheerende Folgen nach sich ziehen kann. Menschenverachtende Folter und Experimente greifen um sich und treffen auch unschuldige Bürger. Hohlfelders Wahnsinn macht auch nicht vor Familienmitgliedern halt. Die Untergrundbewegung, unter der Führung Grölls, trifft derweil die Vorbereitungen für einen Anschlag auf Daniel Hohlfelders Anwesen. Zur gleichen Zeit wird das hochgeheime Weltraum-Gefängnis WR II fertiggestellt. Es ist ironischerweise Kämps minderjährige Tochter, die sich den pädophilen Neigungen des Präsidenten willig hingibt und mit ihrer Schwangerschaft droht, Hohlfelders Regime zu stürzen. Wird der grausame Diktator endlich seine gerechte Strafe bekommen ...?

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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www.tredition.de

Eine Diktatur lässt sich beenden, wenn nur genug Menschen den Mut dazu haben.

Anonym

Holger Thomas Lang

Der letzte Tag

Teil 3 Dunkle Machenschaften

www.tredition.de

© 2013 Holger Thomas Lang

Umschlaggestaltung: Eva-Maria Stekl

Lektorat, Korrektorat: Eva-Maria Stekl

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7439-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Jedweder Aufstand, alle Aktivitäten gegen den Präsidenten und die Regierung werden aufs Härteste bestraft! Wer sich der Anweisung, zu bestrafen, widersetzt, gilt als aufständisch.

Gez.

D. Hohlfelder

Präsident des Weltrepublikenverbundes

Ronald Kämp

An diesem Montag treffen meine Frau Madlen, meine drei Kinder und ich die letzten Reisevorbereitungen. Überraschend hatte ich den Reisegutschein für mich und meine Familie bekommen.

Eine Woche vorher stand ich vor meiner Klasse. Einer meiner Schüler hatte „Hohlfelder ist dof“ geschrieben. Ich hatte ein zweites o eingefügt und dabei gesagt:

„So ist es richtig.“ Ich hatte nicht auf den Inhalt geachtet, sondern nur die Rechtschreibung gemeint.

Noch am selben Tag erfolgte dann die Lautsprecherdurchsage. Es war nur zwei Schulstunden später.

„Das Mitglied des Lehrkörpers, Ronald Kämp, bitte zur Direktion.“

Mein Chef saß hinter seinem Schreibtisch. Er blickte sehr ernst und wirkte erzürnt. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Dabei hatten wir immer ein gutes Verhältnis gehabt.

Links und rechts von ihm standen zwei Herren in schwarzen Anzügen.

„Diese Herrschaften sind von der Regierung. Sie haben heute in einer Ihrer Unterrichtsstunden einem Schüler gegenüber erwähnt, … nun … Sie sind ein Gegner des Präsidenten.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Ihre Äußerung war eindeutig.“

Ich fragte ihn, ob sich dies auf das falsch geschriebene Wort, ich benutzte es nicht in Gegenwart dieser ernst blickenden Herren, bezog. Der Chef nickte nur.

„Ich muss Sie bis auf Weiteres beurlauben, Herr Kämp. Aber die Sache wird bald geklärt sein.“

Zwei Tage später war die Untersuchung abgeschlossen. Meine Aussage wurde für richtig befunden, die Vorwürfe galten als hinfällig. Man verzieh mir. Als Bonus erhielt ich einen Reisegutschein. Vier Autostunden von hier gibt es ein großangelegtes Gebiet am Meer. Wählen können wir leider nicht, denn unseren nächsten Urlaub hatten wir im Sommer machen wollen. Aber es ist eine gute Sache, kostenloser Urlaub ist bestimmt schön.

Somit beladen wir frohen Herzens unser Auto und fahren los. Die Fahrt ist wie immer eintönig. Das Märchen vom toten Wolf kenne ich nach zwei Stunden auswendig.

‚Ich kann es rückwärts aufsagen‘, denke ich. Aber die beiden Jüngeren wollen nur dieses hören, meine Große liest ein Buch, anstatt die Landschaft anzusehen. Dabei soll sie im Urlaub auch etwas von der Gegend kennenlernen.

“Wann sind wir endlich da?”, fragt Roman ständig. Die Frage wird immer quengeliger und kommt in immer kürzeren Abständen.

“Bald”, sagt meine Frau.

Staus, kilometerlang. Wir stehen mehr als wir fahren.

‚Urlaub mit den Kindern‘, denke ich. Wir fahren weg, endlich mal wieder. Aber momentan könnte ich sie erwürgen. Sofort verdränge ich diese Gedanken wieder, sonst verderbe ich allen die gute Laune. Und schließlich muss sie ja jemand aufmuntern.

“Wann sind wir endlich da?” ruft Roman wieder.

“Gleich”, erwidere ich genervt.

“Nochmal den toten Wolf”, verlangt er.

Resigniert starte ich die Wiedergabe.

‚Es begab sich, als das Wünschen noch geholfen hat‘, denke ich.

“Und es begab sich zu einer Zeit als das Wünschen noch geholfen hat.”

Ok, perfekt bin ich also noch nicht.

“Sorry, Paps, ich muss aufs Klo”, sagt Marina. Sie ist eigentlich still.

“Aber dann dauert es ja noch länger”, mault Roman.

“Ich muss sowieso tanken”, sage ich, nutze eine Lücke und biege auf einen Rastplatz mit Zapfsäulen ein.

Nachdem alles zufriedenstellend verlaufen ist, fahren wir weiter.

‚Das Wünschen noch geholfen hat‘, denke ich. ‚Flügel wachsen lassen, was?‘

Gegen Mittag treffen wir ein. Doch zunächst müssen wir an einem Tor anhalten. Das Areal ist eingezäunt und ummauert.

„Ist das hier ein Gefängnis?“, frage ich den Sicherheitsmann, der uns das Tor öffnet.

„Nein, wir schützen nur unsere Gäste. Man weiß nie“, antwortet er. Dennoch bleibt ein unangenehmes Gefühl.

Wir fahren auf das Gelände, die Kinder wirken verunsichert. Viele Parkplätze gibt es.

Ich parke und wir steigen aus, denn ich muss uns anmelden. Bei der Einfahrt wurde nur ganz kurz unsere Identität geprüft, mehr nicht.

Ein älterer Herr versucht, den Parkplatz zu überqueren. Ein weiterer Wagen schießt heran. Reflexartig reiße ich den Mann zurück. Dicht schießt der Wagen vorbei.

„Vielen Dank, Herr …“

„Kämp“, stelle ich mich vor.

„Vielen Dank, Herr Kämp.“ Ich lasse den Mann los. Meine Kinder versuchen, mir etwas zu zeigen. Sie deuten auf das Meer, doch ich sehe nichts. Als ich mich umwende, ist der Mann verschwunden.

Wir melden uns an der Rezeption an.

Nachdem wir ausgepackt haben, wollen meine Familie und ich zum Strand. Auf dem Weg zum Wasser sehen wir in den Liegestühlen viele Menschen mit Wunden. Viele haben eine breite Narbe an der Stirn. Einige haben zusätzlich Narben am Handgelenk. Ich versuche, es auszublenden. Vielleicht hat es ja einen Unfall gegeben, aber das will ich lieber nicht wissen.

„Was haben die, Papa?“ fragt mein Roman. Gut, dass Jakob noch nicht sprechen kann. Sonst würde er auch ständig fragen.

„So was fragt man nicht, Roman.“

Ein älterer Mann nickt mir zu.

„Ihr Junge ist klug“, murmelt er. „Passen Sie gut auf ihn auf und sorgen Sie dafür, dass er nicht zu viel fragt.“ Ich denke, er meint das Meer und findet Romans Verhalten unhöflich.

“Wie meinen Sie das?”, frage ich.

“Das werden Sie schon noch merken”, murmelt er. “Passen Sie einfach gut auf.”

Ich versichere ihm, dass wir das tun werden.

An der Strandbar bestellen wir Getränke. Ich bin normalerweise kein großer Trinker, aber heute genehmige ich mir ein Bier. Es schmeckt seltsam, aber ich denke, dass das vielleicht mit einer örtlichen Brauerei zusammenhängt. Und wirklich gut fand ich es noch nie.

„Entschuldigen Sie“, werde ich plötzlich angesprochen. „Ihre Kinder sind unten am Strand. Vielleicht sollten Sie nach ihnen sehen.“

Ich mag es nicht, wenn man sich in unsere Erziehung einmischt. Meine Frau sagt, sie würde nach den beiden sehen. Ich bleibe mit Jakob zurück. Wie schön der Kleine schläft. Das sieht so niedlich aus, da könnte ich tatsächlich zur Glucke werden …

Es vergehen fünf Minuten, zehn Minuten. Weder meine Frau noch meine Kinder sind zurück. Ich mache mir Sorgen. Plötzlich wird mir übel.

Ich befinde mich nicht mehr am Strand, sondern in einem bequemen Bett, alleine. Jemand rüttelt mich.

„Wachen Sie auf, Herr Kämp.“

Ein Arzt steht neben mir.

„Was ist passiert?“

„Die Sonne“, sagt er. „Vermutlich in Kombination mit dem genossenen Alkohol.“

„Meine Frau, meine Kinder“, sage ich.

„Schlafen Sie ein wenig, Herr Kämp.“

Tatsächlich schlafe ich ein, sehr rasch.

Ich spüre, wie man mich einen weißen, langen Flur entlangträgt. Es ist dunkel, ein unangenehmer Traum.

„Hoffentlich wacht er nicht auf“, sagt eine barsche Stimme. Ist es wirklich ein Traum?

„Nein, bestimmt nicht.“

Ich werde in einen großen Raum gebracht. Dort schnallt man mich auf einen Operationstisch.

„Sind Sie wach, Herr Kämp?“, fragt eine Stimme von der Tür her. Ich weiß es doch selbst nicht. Wach oder im Schlaf. Realität oder Traum. Ich weiß es nicht. Die Grenzen der Wirklichkeit sind verschwommen, wach oder Traum – es gibt keinen Unterschied.

Der Arzt, der mich bereits behandelt hat, tritt neben den Tisch.

„Was haben Sie vor?“, frage ich. Operationssäle versetzen mich in Panik. Bislang habe ich damit nur schlechte Erfahrungen gemacht.

„Wir werden einen kleinen Versuch unternehmen. Halten Sie still.“

Mein rechter Arm wird festgehalten, und man jagt mir eine Nadel in die Armbeuge. Es ist sehr schmerzhaft. Ein Profi hätte das sanfter gemacht. Mein Kopf ist ebenfalls fixiert. Ich kann mich nicht bewegen.

„So dann wollen wir beginnen“, sagt der Operierende. Ich glaube, er ist noch kein fertig ausgebildeter Arzt.

Er zieht eine kleine Säge von einem Instrumententisch und setzt das Blatt an. Kalt und scharf spüre ich es an meiner Stirn. Dann beginnen die Schmerzen.

Aber nicht lange. Irgendetwas, das sich wie Holzsplitter anfühlt, wird in die entstandene Wunde eingelegt. Dann wird meine Stirn verpflastert.

Die Schmerzen sind höllisch.

Man schnallt mich los. Grob werde ich auf die Beine gezerrt. Zwei Männer packen jeweils einen Arm und zerren mich aus dem Raum.

Auf dem Flur sehe ich ein Krankenhausbett. In ihm ein Kind. Ein kleiner Junge. Er scheint bei Bewusstsein zu sein. Sein Schädel ist geöffnet. „Weiter“, bellt einer meiner Begleiter.

Ich werde in mein Zimmer verbracht. Das Zimmer, das ich mit meiner Familie bezogen habe. Die Tür fällt hinter den Männern ins Schloss.

Ich renne zur Tür. Sie lässt sich nicht öffnen. Ich bin eingeschlossen. Ich frage mich, ob ich jeden Moment aus diesem Albtraum aufwachen werde, aber offensichtlich ist das kein Traum.

Als ich die Klinke das nächste Mal berühre, trifft mich ein Stromschlag. Wie ein schwerer Sack falle ich zu Boden. Doch ich will kämpfen, stehe auf, durchwühle das Zimmer. Von meiner Familie oder auch nur ihren Sachen fehlt jede Spur. Einzig meine Kleidung ist hier.

Offensichtlich werde ich immer wieder betäubt. Ich habe kein Zeitgefühl mehr.

Grob wird mir der Verband von meiner Stirn gerissen. Ich schreie laut vor Schmerz. Man hält mir einen Spiegel vor das Gesicht. Wieder schreie ich laut, aber diesmal vor Entsetzen. Ich habe ähnliche Wunden schon gesehen. Meine ist ebenfalls breit. Es wird sich wohl eine Narbe bilden, unschön, hässlich.

Ich habe immer noch kein Zeitgefühl. Hoffentlich entzündet sich das nicht!

Doch die Dosierung der Betäubungsmittel, die mir offensichtlich verabreicht werden, wird reduziert. Es scheint jedenfalls so. Immer wieder werden mir Schnitte beigebracht. Offensichtlich wird bei dieser Gelegenheit ein Medikament verwendet, das die Schmerzen verstärkt.

Plötzlich bin ich hellwach.

„Herr Kämp?“

Ich blicke in das Gesicht des Arztes, der mich vielleicht die ganze Zeit behandelt hat.

„W-was?“ bringe ich hervor.

„Sie dürfen heute an den Strand, wenn Sie möchten. Versuchen Sie aufzustehen.“

Ich stehe langsam auf, und fühle, wie meine Kräfte zurückkehren. Seltsamerweise kein Schwindelgefühl, nichts.

„Sieht gut aus“, sagt der Arzt, der neben mir steht. Wir verlassen mein Zimmer. Der Flur ist mit Bildern behängt, so, wie ich ihn von der Anmeldung her in Erinnerung habe.

„Ich wollte nur sehen, ob Sie alleine zurechtkommen. Falls Sie was brauchen, fragen Sie an der Rezeption nach mir.“

Der Arzt verschwindet in einer Biegung des Ganges. Ich verlasse das Hotel.

Am Strand ist es heiß. Was ist mit meiner Frau und den Kindern? Wieder viele Menschen mit Narben. Wir könnten jetzt Brüder sein, denke ich. Brüder und Schwestern.

Der alte Mann ist auch da, der, der gesagt hat, ich solle auf mich und meine Familie aufpassen.

„Hat’s Dich jetzt auch erwischt“, murmelt er, als ich an ihm vorbeigehe.

„Weißt Du, wo meine Familie ist?“

„Tut mir leid, Junge. Keine Ahnung. Aber ich will Dir eine Geschichte erzählen. Ich bin vor sechs Monaten hier angekommen. Reisegutschein. Sie experimentieren hier mit uns. Aber das wollte ich gar nicht erzählen, wirst es ja selbst gemerkt haben. Ich bin mit meiner Frau und unserer Enkelin hier angekommen. Beide sind am ersten Tag verschwunden, wie Deine Familie. Weißt Du, was das Tolle ist? Ich hab sie seitdem nie wieder gesehen.“

Tränen steigen mir in die Augen.

Der Arzt kommt auf mich zu.

„War wohl zu viel“, murmelt er mitfühlend.

„N-nein, meine … meine Familie. Was habt ihr mit ihr gemacht?“

Der Mann im weißen Kittel antwortet nicht.

„Sie brauchen Schlaf, Herr Kämp. Ich bringe Sie zurück in Ihr Zimmer.“

Alle sehen mich mitleidig an. Wäre schön, wenn sich jemand entsprechend kümmern würde!

“Ich will nicht schlafen.”

“Sie brauchen Schlaf, Herr Kämp. Akzeptieren Sie das doch.”

“Dass Sie wieder experimentieren können”, fauche ich ihn an. Ich hasse es, wenn man mich für blöd erachtet.

Der Arzt schweigt.

In meinem Zimmer verabreicht er mir eine Spritze. Damit ich besser schlafen könne, meint er.

Kaum bin ich eingeschlafen, werde ich wieder geholt.

Weißer Flur. Kenne ich schon.

Und wieder das Behandlungszimmer.

„So, Herr Kämp. Dann machen wir mal weiter.“

Angst kriecht in mir hoch. Wann hört dieser Albtraum endlich auf?

Wieder der harte Einstich einer Nadel. Diesmal im linken Arm.

„Wir töten Sie jetzt, Herr Kämp“, wird mir mitgeteilt. „Ihre letzten Worte?“

„Wo ist meine Familie?“, schreie ich. „Ich will nicht sterben.“

Gelächter. Jemand senkt ein Gerät auf meinen fixierten Kopf herab. Ich beginne zu schreien.

“So, wir fangen dann an, Herr Kämp. Es wird langsam und qualvoll sein. Wer ist jetzt doof?” Wieso doof, denke ich zusammenhanglos.

Der Arzt drückt einige Knöpfe auf einer Tastatur.

“Gut, wir fangen an. Achtung!”

Schmerzen. Ausgelöst durch Stromstöße. Immer heftiger. Ich schreie und schreie.

“Das ist längst nicht alles. Dreh mal noch ein wenig höher. Denkanstöße nenne ich das.”

Die Schmerzen werden unerträglich.

“Er soll schreien, bis ihm die Kehle platzt”, sagt der Assistent und grinst. Ich höre das aus seinem Ton. Sehen kann ich es durch die Schmerzen längst nicht mehr.

Noch einmal steigern sich die Schmerzen. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass dies noch möglich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mein Bewusstsein noch länger behalte.

„So, fertig.“

Keine Schmerzen mehr, sie haben plötzlich aufgehört.

“Wie fühlen Sie sich?”

Die Stimme klingt gedämpft. Ich nehme durch die Nebelschleier, die sich vor meine Augen gelegt haben, kaum noch etwas war. Ich werde brutal hochgerissen.

Ich bin wieder in meinem Zimmer. So langsam kann ich wieder normal sehen.

„Mitkommen. Der Direktor möchte Sie sehen.” Wieder ist mir nicht schwindlig, als ich aufstehe. Aber komisch fühle ich mich. Irgendwie – falsch. Der Direktor residiert im Erdgeschoss. Meine Eskorte bleibt vor der Tür zurück. Zögerlich trete ich ein.

Das Vorzimmer ist geräumig. Edle Teppiche bedecken den Boden. Eine Sekretärin blickt mich nur kurz an und drückt dann irgendeinen Knopf. Kein Wort, nichts. Mir ist sehr unbehaglich zumute.

Ich muss nicht lange warten. Die Tür zum Direktionsbüro öffnet sich. Ungläubig blicken wir uns an. Ich kenne ihn, weiß aber nicht mehr, woher. „Herr… Kämp?“, fragt der Mann erstaunt.

„Ja.“

„Kommen Sie herein. Ich wusste nicht, dass Sie es sind.“

Er fordert mich auf, Platz zu nehmen.

„Kaum ist man mal nicht da, passieren solche Sachen. Sie haben mir das Leben gerettet. Kaffee?“

Ich bedanke mich. Der ältere Mann holt zwei Tassen aus einem Automaten.

„Unter diesen Umständen … werden wir Sie entlassen,

Herr Kämp. Es tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist.“

„Wo ist meine Familie?“

„Ich hoffe, wir kommen nicht zu spät“, murmelt er. Er befragt seinen Computer. Sein Gesicht hellt sich auf. Er tippt einige Anweisungen in die Tastatur, jedenfalls denke ich, dass es Anweisungen sind.

„Ich werde alles in Ordnung bringen, Herr Kämp.“ „Was ist das hier eigentlich?“, frage ich.

„Wenn Sie das wirklich wissen wollen, muss ich Sie hierbehalten“, antwortet der Direktor leise.

„Ich möchte es nicht wissen. Ich möchte nur mit meiner Familie nach Hause.“

„Sehen Sie? … Ich lasse Ihr Gepäck herbringen. Es besteht kein Anlass, in Ihr Zimmer zurückzukehren. Ich denke, wir sind quitt, Herr Kämp.“

Kurz überlege ich, ob ich auch noch den alten Mann, seine Frau und seine Enkelin freibitten soll. Doch ich weiß keine Namen und möchte die Freundlichkeit nicht überstrapazieren.

Der Mann streckt mir seine Hand hin. Ich ergreife sie kurz.

„Wir werden uns nicht wiedersehen, Herr Kämp.“ Mit diesen Worten wendet er sich ab. Bedarf für ein erneutes Treffen habe ich nicht. Ich will hier nur noch fort.

Ich verlasse das Büro und durchquere das Vorzimmer. Die Sekretärin bemerkt mich nicht einmal. Vor der Tür steht meine Familie. Voller Freude umarmen wir uns. Keiner will den anderen mehr loslassen. Voller Freude sehe ich, dass auch Jakob hier ist und es ihm gut geht. Ich hatte Angst gehabt, dass er alleine nicht dabei wäre. Schließlich hatte ich ihn zuletzt beaufsichtigt.

„Komm, wir wollen weg hier“, sagt meine Frau leise. Ich nicke und suche schon nach einem Autoschlüssel.

Doch eine schwere Hand legt sich auf meine Schulter und hält mich zurück. Ich blicke zur Seite. Der Arzt, der mich behandelt hat, blickt mich an. Nicht gerade erfreut.

“Aber vorher müssen wir das Gesicht reparieren. Sie können gern dabei zusehen, wenn Sie möchten.” Bedauernd zuckt er mit den Schultern. “Und dabei habe ich mir mit dem Gesicht sehr viel Mühe gegeben.”

“Lassen Sie es, wie es ist”, sagt eine andere Stimme. Ich erkenne den Mann nicht.

Der Arzt wendet sich ab. Ich werde die Narben immer behalten, denke ich. Aber vielleicht sind sie noch zu etwas nütze. Wenn diese verdammte Unterdrückung ein Ende hat. Doch ich glaube nicht, dass ich das noch erleben werde.