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Jeanne, ein Mädchen aus einem archaischen Dorf in den Cevennen, wo kleine Pächter dem steinigen Boden noch ein karges Brot abringen, sucht Arbeit als Zofe in einem aristokratischen Haushalt in Paris; denn ihr junger Verlobter Pierre ist zu arm, um ihr Heim und Herd bieten zu können. Die Geduld der beiden Liebenden wird auf eine harte Probe gestellt. Werden sie sich jemals wiedersehen? Jeanne kommt in das Paris Ludwigs XV., seiner Mätresse Madame duBarry, der jungen Dauphine Marie-Antoinette – in jene europäische Metropole des Luxus, deren Oberschicht schamlos jene Steuergelder verpraßt, die Bürger und Bauern in den Provinzen abgepreßt werden. Die schöne Zofe sieht sich von Herren und Dienern gleichermaßen hofiert. Sie droht als Spielzeug sinnlicher Ausschweifungen zu zerbrechen: Die ohne Jeannes Wissen raffiniert eingefädelte Begegnung mit dem senil-wollüstigen König, von Lainé mit atmosphärischer Dichte heraufbeschworen, bringt eine unerwartete Wendung. Ereignisse, die Jeanne fortreißen, geben dem Buch die Dimensionen des klassischen Dramas. Während sich Pierre, verzweifelt vor Liebeskummer, auf den Weg in die große Stadt macht, seine Geliebte zu suchen, durchlebt die bedrängte Jeanne die Leiden einer allzu attraktiven jungen Frau. Trotz aller Versuchungen schlägt sie jedoch aus ihrer Schönheit kein Kapital, um ihren sozialen Rang zu verbessern.
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Pascal Lainé
Der Liebe bittersüße Plagen
Aus dem Französischen von Jürgen Abel
Ihr Verlagsname
Jeanne, ein Mädchen aus einem archaischen Dorf in den Cevennen, wo kleine Pächter dem steinigen Boden noch ein karges Brot abringen, sucht Arbeit als Zofe in einem aristokratischen Haushalt in Paris; denn ihr junger Verlobter Pierre ist zu arm, um ihr Heim und Herd bieten zu können. Die Geduld der beiden Liebenden wird auf eine harte Probe gestellt. Werden sie sich jemals wiedersehen?
Jeanne kommt in das Paris Ludwigs XV., seiner Mätresse Madame duBarry, der jungen Dauphine Marie-Antoinette – in jene europäische Metropole des Luxus, deren Oberschicht schamlos jene Steuergelder verpraßt, die Bürger und Bauern in den Provinzen abgepreßt werden. Die schöne Zofe sieht sich von Herren und Dienern gleichermaßen hofiert. Sie droht als Spielzeug sinnlicher Ausschweifungen zu zerbrechen: Die ohne Jeannes Wissen raffiniert eingefädelte Begegnung mit dem senilwollüstigen König, von Lainé mit atmosphärischer Dichte heraufbeschworen, bringt eine unerwartete Wendung. Ereignisse, die Jeanne fortreißen, geben dem Buch die Dimensionen des klassischen Dramas. Während sich Pierre, verzweifelt vor Liebeskummer, auf den Weg in die große Stadt macht, seine Geliebte zu suchen, durchlebt die bedrängte Jeanne die Leiden einer allzu attraktiven jungen Frau. Trotz aller Versuchungen schlägt sie jedoch aus ihrer Schönheit kein Kapital, um ihren sozialen Rang zu verbessern.
Pascal Lainé, geboren 1942 in Anet, war Professor in Paris. Er veröffentlichte u.a. «B comme Barrabas» (1967), «Irrevolution» (1977) und «La Femme et ses images» (1974). Für «Die Spitzenklöpplerin» erhielt er 1974 den Prix Goncourt.
In Sainte-Emeline fiel der erste Schnee des Jahres. Zwei Tage lang hatten sich Wolken über den Wäldern von Faibesses gesammelt, dann über dem ganzen Gebirge. Da hatte man in Bessière, in Laubespin und Pigeyres das Vieh heimgetrieben, das noch auf den Almen ging, und das Grummet eingebracht. Am Morgen des dritten Tages tüpfelten Flocken den trüben Himmel, vor dem langsam die Bäume verblaßten, auf deren Kronen sich die Wolken senkten. Eine Stunde später lag das ganze Hochland in grauweißem Dunst.
Charles Moré, Marquis d’Allanches, kam zurück aus Mende, wo er gegen die Leute aus dem Weiler Laubespin Klage geführt hatte. Seine Tochter Virginie begleitete ihn. Ich hätte sie nicht mitnehmen sollen, dachte er, als das Gespann wie in einem weißen Abgrund versank. Der Marquis wischte mit dem Handrücken das beschlagene Fenster ab. Draußen schwebten die Flocken grauen Sternen gleich in der unendlichen Weite.
Die Schründe der schlechten Straße schüttelten die Kutsche, und unter den Rädern knirschte Geröll. Virginie hatte die Füße auf die Kohlepfanne gestellt, in der sich langsam die Glut verzehrte. Das Licht von der Farbe fahlen Bleis oder alten Silbers, das in die Kutsche fiel, ließ sie sehr blaß erscheinen. Beide Hände unter dem Kinn verschränkt, zog sie die braune Wolldecke dicht um sich und kämpfte mit allen Kräften gegen die eisigen Arme an, die sie umschlangen. Dann sah sie, daß ihr Vater sie beobachtete, und dachte, ihre Blässe müsse ihn beunruhigen. Aber bei den d’Allanches und den anderen Bewohnern des Hochlands kennt man solche Sorgen nicht. Selbst wenn der Tod naht, nimmt man ihn ohne müßige Einwände hin. Man vertraut dem Priester seine Sünden an und alles andere, persönliche Habe und Hader, der Familie.
Überdies spricht man nie von sich, sondern eher von seinen Weiden, seinen Waldungen oder seinen Mühen, die alle weniger vergänglich sind. So brachten Virginie und ihr Vater, um sich gegen Kälte und innere Unruhe zu wappnen, den soeben beendeten Prozeß zur Sprache. Die Sache war nicht übel gelaufen, und der Richter hatte das Lehnsrecht des Marquis auf die Ländereien von Laubespin bestätigt: hundert Livres im Jahr und dreißig Sester guten und marktfähigen Roggens sollte der Grundzins betragen. Aber die Leute von Laubespin mußten auch in der Lage sein, ihn zu entrichten. Schon das fünfte Jahr litt das Hochland unter dem unbarmherzigen Joch eines kalten Winters. Es drückte die Armen wie die noch Ärmeren, die Herren wie das Volk. In Notre-Dame-de-Mars und in Saint-Michel hatten die Gerichtsvollzieher nur leere Scheuern pfänden können. Moré d’Allanches war nicht der Mann, der seine Bauern des Letzten beraubte. Er sah es nicht gern, wenn schwarzgekleidete Leute mit einer ausgemergelten und kraftlosen Kreatur am Halfter ins Tal zogen. Aber die harten Zeiten ließen ihn eifersüchtig über seine ererbten Rechte, über seine Privilegien wachen, auch wenn diese so wenig einbrachten wie die von tausendjähriger Plackerei gezeichnete Erde des Gévaudan.
Ob arm oder weniger arm, adelig oder gemein, manchmal ging man fort, um die wenigen Taler, die aus dieser abgelegenen Ferne betrachtet ein Vermögen darstellten, woanders zu suchen. Die meisten verdingten sich zur Ernte oder Weinlese in der Ebene. Die Härteren arbeiteten in den Sägereien weiter unten oder suchten ihr Glück im Sommer als Maurer. Einige gingen als Dienstboten in die Städte, bis nach Paris. Wer Glück hatte, kam zurück, um seine Schulden zu begleichen. Die anderen ließen nie wieder von sich hören.
Auch Herren gingen und machten mittelmäßige Karrieren in Vorzimmern oder auf dem Schlachtfeld. Charles Moré d’Allanches war Hauptmann im Regiment der Auvergne gewesen. Aber er hatte zweifellos nicht genug feine Lebensart oder Esprit besessen, um Soldat zu sein. Man wird nicht Brigadegeneral, wenn man schroff daherredet, sich wie ein Mann aus den Bergen benimmt und nur ein Paar Stiefel besitzt.
Nun begrub der Schnee das Hochland schon seit einer Stunde unter sich. So wie dieser ungewisse, in blendendes Weiß gehüllte Raum, in dem die Kutsche ohne Ziel zu schwimmen schien, könnte der Tod sein, sann Virginie. Doch sie vertrieb den unfrommen Gedanken sofort und betete zur Heiligen Jungfrau, daß sie ihr die bizarren Phantasien vergeben möge. Sie betrachtete ihren Vater, der eben eingeschlummert war, und lächelte. Es war ihr lieber, daß er schlief und sich nicht mehr um sie sorgte.
Für lange Monate würde der Schnee eine Decke des Schweigens über das Bergland breiten. Die Menschen würden an der Herdstelle und unter dem schweren Atem der Tiere Zuflucht suchen. Der Schnee war das Element der Wölfe und des bösen Zaubers. Beide kommen nachts an die Schwelle der Häuser, und wenn ein Wind geht, hört man manchmal das Verhängnis im Kamin heulen.
Virginie war nicht furchtsam. Sie hatte einen hellen Teint und malvenfarbene Schatten unter den Augen, doch in ihr war der Geist der windgepeitschten Plateaus. Ein Leben, auf immer verbunden mit den Felsen. Virginie fürchtete sich nicht vor dem Schnee und der Stille. Sie hatte auch keine Angst vor der Einsamkeit – denn ihr Vater war nicht reich genug, um ihr eine Mitgift zu geben, nicht reich genug, um sie die köstlichen Schwächen ihres Standes oder ihres Geschlechts zu lehren, nicht einmal so reich, daß sie sich wirklich sorgte, ob sie häßlich oder hübsch war: Virginie hatte schon immer gewußt, daß sie ihr ganzes Leben auf dem Land von Allanches verbringen würde, am Fenster ihrer Kammer oben im Schloß. Sie hatte gelernt zu zeichnen, was sie vom Fenster aus sah. Sie hatte ihren Vater in Pastell gemalt, dann ihren älteren Bruder Thibaut, ehe er vor nunmehr zehn Jahren den Besitz verließ, um sein Glück oder Unglück im Regiment der Auvergne zu suchen wie alle d’Allanches, seit diese arm waren. Und das waren sie schon immer.
Virginie kannte die Schwächen ihres Geschlechts nicht. Ihre Mutter war im Kindbett gestorben, vor langer, langer Zeit! Jeanne hatte unter Männern gelebt, unter den Tagelöhnern und Hirten, zwischen den Granitblöcken, die, so sagte man, Gargantua einstmals auf die arme Erde von Gévaudan geschleudert hatte.
Virginie war blaß und fiebrig. Es war keine Krankheit, nur der Stempel einer alten, hungernden Rasse. Die Feuchtigkeit, die aus den Mauern des Schlosses von Allanches schwitzte, bereitete ihr heftige Schmerzen in den Knien, aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, darüber zu klagen.
Sie schrie nicht auf, als die Kutsche, deren eine Achse in einer unter dem Neuschnee verborgenen Spalte brach, plötzlich umstürzte.
Man nannte ihn «Trois-Doigts», weil ein Leinweber aus Javols ihm bei einem Streit mit einem einzigen Axthieb Daumen und Zeigefinger der rechten Hand abgeschlagen hatte. Er kam mit den Fingern, die ihm geblieben waren, nicht übel zurecht und wußte sich weiterhin seiner Haut zu wehren. Man nannte ihn auch den «Jäger», weil er Wölfe tötete und ihr Fell auf den Märkten verkaufte. Er fertigte seine Fallen selbst und bereitete den schwarzen Nieswurz, mit dem er die Kadaver der Hammel vergiftete, eigenhändig zu. Auch kannte er die Einfältigen von der Heide und betätigte sich ein wenig als Bader. Er konnte eine ausgekugelte Schulter einrenken, und an Festtagen, auf den Jahrmärkten von Saint-Alban, Marjevols und Serverette, zog er mit einem einzigen Ruck seiner Zange schlechte Zähne.
Sommers wie winters streifte er auf seiner Stute durch das Hochland. Das gewaltige Tier von der Kraft und Farbe der grauen Felsen zog auch den Wohnwagen von Trois-Doigts.
Denn wohin der Jäger auch ging, ob zu den Wölfen oder den Menschen, seine Hütte aus Holzplanken rollte immer hinter ihm her. Sie enthielt alle seine Habe und all sein Wissen, seine Werkzeuge, seine Fallen, seine Gifte, seine Büchse und, in einem Fläschchen, ein wenig Saint-Roch-Wasser für die Erlösung von seinen Sünden.
Zwei Tage lang hatte er gesehen, wie von Faibesses her die Wolken aufzogen. Dort unten machte der Winter ein letztes Mal halt, ehe er den Rest des Hochlands unterwarf. Am Morgen des dritten Tages ritt Trois-Doigts durch den Wald nach Lanvejols. Seit Michaeli war er keiner Menschenseele mehr begegnet, und nun dürstete ihn nach Gesellschaft. Sein Durst war so groß, daß er in der Herberge von Lanvejols die ganze Nacht lang trinken würde.
Am späten Vormittag kam der Schnee und bedeckte in wenigen Minuten den Weg und dann den Bart von Trois-Doigts, der sich umdrehte und den Wohnwagen hinter sich nicht mehr sah. Er saß ab, tastete nach seiner Behausung und holte eine Decke heraus, um sie der Stute auf den Rücken zu werfen.
Dann führte er das Gespann zwei Stunden lang mit Lumpen um den Stiefeln am Zügel, langsam, ohne etwas zu sehen, und blieb dann und wann stehen, um sich zu vergewissern, daß die Stille ringsum noch von den Bäumen des Waldes begrenzt wurde, den er nicht verlassen durfte.
Dann tauchten ganz allmählich feine, kaum auszumachende Schatten auf. Ein durchscheinender Baum schien, seines Stammes beraubt, über dem zu schweben, was der Boden sein mußte. Die Plankenbehausung von Trois-Doigts entging dem Abgrund, der sich im hartnäckigen Quietschen ihrer Achse verriet, und langsam kehrte die Landschaft wieder, gleich einer zu blassen, sich stetig vergrößernden Radierung.
Sie verließen den Wald. Kaum zwei Meilen noch trennten sie von Lanvejols.
Belâme war vom Bock geschleudert worden und hatte sich ein Handgelenk gebrochen. In all der Weiße hatte er nichts gesehen. Er hatte gemeint, genau hinter ihm sei ein Schuß gefallen. Es war die Wagenachse, die gebrochen war.
Belâme blieb einen Augenblick lang betäubt liegen, das Gesicht im Schnee vergraben. Der bohrende Schmerz in seinem Gelenk hatte nur eine Sekunde gedauert, doch auch ohne auf seine Hand zu sehen, wußte er, daß sie in einem absonderlichen Winkel vom Unterarm abstand. Eines der Pferde wieherte herzzerreißend. Belâme richtete sich auf und schaute sich um, aber er sah nichts, weder seine Tiere noch die Kutsche. Dann hörte er, wie Monsieur d’Allanches ihn rief, dann das Fräulein, und dann wieder ihn, Belâme.
Schließlich hörte es auf zu schneien. Langsam wurden die Umrisse der Kutsche sichtbar. Charles Moré d’Allanches lud seine Pistole und schoß eine Kugel in das Ohr des Tieres, das mit gebrochenem Kreuz und flackerndem Blick im Todeskampf lag. Dann spannte er das andere Pferd aus; es schnaubte und entfernte sich einige Schritte.
Auf Hilfe war nicht zu hoffen. Es war nur ein ganz kleines Unglück, nicht mehr als ein winziger Makel in der kalten Weite. Virginie stand regungslos, mit aufeinander gepreßten Lippen. Sie sagte nichts. Sie klagte nicht, wartete nur. Ihr Vater mußte das Zeichen zum Aufbruch geben. Sie waren nur noch eine Meile von Lanvejols entfernt. Auch Belâme wartete stumm, mit schmerzverzerrtem Gesicht. An Stelle des Arms schien ein rotglühendes Scheit an seiner Schulter zu hängen.
Der Marquis stellte sich auf Zehenspitzen, um den Wagenschlag zu erreichen und den Vorhang des Fensters abzureißen. Er riß den Stoff in schmale Streifen, damit Virginie sich die Füße umwickeln konnte. Eine Meile, das war so schlimm nicht, aber der Schnee reichte bis zu den Knien, und die Nacht brach an. Belâme stellte sich von einem Fuß auf den anderen und rief den heiligen Rochus und den heiligen Christopherus an, welche die Seele dieses kaum des Katechismus kundigen Bergmenschen doch nicht im Stich lassen konnten! Virginie suchte den Horizont ab, aber die Kälte und die Angst ließen ihr Gesicht wächsern erscheinen, und der Marquis fragte sich, ob sie imstande sein würde, bis Lanvejols zu gehen.
«Seht, Herr, seht!» rief Belâme plötzlich aus.
Einen Steinwurf von den dreien entfernt war plötzlich die Hütte von Trois-Doigts aus dem Dunst getaucht und näherte sich.
Sie gingen nun seit einer Stunde. Belâme war auf die Stute des Jägers gehoben worden. Er hielt seinen Arm und schwankte, vom Schmerz benommen, hin und her. Mademoiselle Virginie saß im Wohnwagen. Der Geruch der Wolfsfelle flößte ihr Übelkeit ein. Vielleicht war es aber auch die Kälte.
Trois-Doigts führte seine Stute am Zügel. Charles Moré d’Allanches marschierte neben ihm. Er hatte das Pferd, das ihm geblieben war, mit einem langen Strick an die Plankenbehausung gebunden. Trois-Doigts sagte nichts. Sie schritten einfach in der bleichen Nacht vor sich hin.
Die beiden Männer kannten sich. Sie waren einander mehrmals auf dem Markt von Lanvejols begegnet. Der eine verkaufte seine Wundermedizin und seine übelriechenden Felle. Der andere verkaufte seine Schafe. Wenn sie nicht zu derselben Welt gehörten, so doch zum selben Bergland. Ein einziger Wolf hatte dort früher bis zu hundert Menschen reißen können, Kinder, junge Mädchen, sogar Männer. Alle waren sie arm. Vier Jahre lang hatte der lautlose Tod das Hochland gewählt, um sein Reich dort zu errichten. Der Bischof von Mende hatte den armen Leuten gesagt, es sei für die Vergebung ihrer Sünden, aber man wußte, daß es einen anderen, viel wichtigeren Grund gab: Die Menschen dieses Landes waren nicht ganz und gar nach dem Ebenbild des Herrn geschaffen. Sie waren aus einem zu gemeinen Lehm geformt worden, und wenn der Winter kam, verwandelten sie sich manchmal in wilde Tiere, die von anderen wilden Tieren verschlungen wurden.
Sie erreichten Lanvejols in der Nacht. Belâme betete auf dem Rücken der Stute seinen Rosenkranz, ohne noch irgend etwas aufzunehmen. Sie sagten ihm, er sei am Ziel, und Trois-Doigts würde sein Handgelenk richten. Er ließ sich in den Gastraum führen. Sie setzten ihn zwischen zwei Burschen auf eine Bank und flößten ihm ein großes Glas Branntwein ein, damit die Schmerzen nicht so stark waren, wenn Trois-Doigts seinen Arm streckte.
Virginie d’Allanches wurde an den Kamin geleitet. Der Marquis stützte sie. Die junge Frau sagte scherzhaft, sie fühle ihre Hände nicht mehr, sie sei sich noch nie so schwerelos vorgekommen, und deshalb gleiche sie nun Christus dem Herrn, der auf Wassern gegangen sei. Als sie sich aber gesetzt hatte, sank sie sofort bewußtlos zusammen.
Jeanne, die Magd, rieb ihre Wangen mit Schnee ein, damit sie wieder zu sich kam. Dann gab sie ihr einige Schluck angewärmten Wein zu trinken. Virginie sagte, sie sei in einen Brunnen gefallen, so tief, daß sie geglaubt habe, das Licht nie wiederzusehen. Aber all das sei nur eine Art Traum gewesen, und nun fühle sie sich sehr gut.
Man hatte sich entfernt, um Platz für den Marquis und das Fräulein zu schaffen. Die Leute hatten sich erhoben und standen jetzt, um den Edlen von Allanches und seine Tochter schweigend zu beobachten. An diesem Abend waren viele Gäste anwesend. Die Männer von Lanvejols feierten den Beginn der langen Jahreszeit, und man würde wieder von dem großen Ungeheuer reden, das mitnichten ganz tot war und, zur Winterszeit, im flackernden Schein des Herdes weiterhin sein Unwesen trieb.
Jeanne half Mademoiselle Virginie aufzustehen. Die beiden Frauen durchquerten das Gastzimmer und gingen die Treppe hinauf. Die Gäste nahmen inzwischen, rings um den Marquis einen drei Schritt breiten Raum lassend, wieder Platz und setzten ihre Mützen wieder auf. Charles Moré d’Allanches saß unbeweglich am Feuer, schweigend, die Hände auf dem Knauf seines Stocks übereinandergelegt, den Blick in den Flammen verloren. Er sah die Leute nicht, die sich wieder an die Tische gesetzt hatten. Und er hörte sie nicht. Seit mehr als vier Jahrzehnten sahen und hörten die Moré d’Allanches nicht unter ihren Stand. Der Marquis war kaum reicher als die Bauern dieses Landes. Er aß das gleiche, in die Suppe getunkte schwarze Brot, und seine Tiere krepierten genau wie die ihren an den Schafpocken, aber er gehörte zu einem anderen Stand als diese Menschen. Er war freilich weder hochmütig noch herablassend. Er hatte es vor ihnen so wenig nötig wie vor seinen Pferden oder Ochsen.
Jeanne legte Reisig in den Kamin des Zimmers, und bald loderten gute Flammen auf. Virginie ließ sich auf einen Korbstuhl vor dem Feuer nieder und wollte, daß Jeanne sich neben sie setzte. Die stechende Hitze in ihrem Gesicht machte sie schwindeln und weckte eine Lust zu lachen in ihr.
Jeanne verstand es nicht, neben einem Fräulein zu sitzen und sich dem Zauber der Flammen hinzugeben. Sie war mit sechs Jahren Magd geworden, zuerst in Servières, wo sie geboren war, und dann in Lanvejols, in dieser Herberge. Das Haus ihres Vaters war vor langer Zeit verbrannt. Er war fortgegangen, um sein Brot auf den Straßen zu erbetteln und nicht wiedergekehrt. Er hatte sechs Kinder, von denen vier überlebten. Die Mutter gab sie zu Leuten in Dienst, die sich erbarmten, sie zu nehmen. Jeanne erinnerte sich nicht an ihren Vater und nicht an ihre Mutter, die sich unten bei den Bauern verdingte, sondern nur an ihre Herren.
Sie stand auf, um ein Scheit in das Feuer zu legen, zog dann die Vorhänge des Betts zurück und verließ das Zimmer.
Sie war groß und wohlgestaltet. Sie hatte kein Gramm Fett, aber sie wirkte darob nicht mager. Ihre Haare waren von einem schönen, matten Kastanienbraun. Ihr Gesicht war ein vollkommenes, nur ein wenig zu längliches Oval. Ihre Augen waren groß, von einem selten anzutreffenden goldenen Schimmer, und der Blick war lebhaft, gerade und offen. Vor allem jedoch besaß sie die Haltung und Anmut einer Prinzessin, was bei einer Person so niedrigen Standes äußerst selten ist und Fremden sofort auffiel.
Aber Jeanne war nicht nur schön. Ihr ganzer Körper verströmte eine liebliche Sanftheit, wie sonst nur ein Blick oder vielleicht ein Gesicht. Und dieses milde Leuchten schien sich, nicht auf andere gerichtet, gleichsam fortwährend selbst zu speisen.
Der Marquis aß allein. Virginie war unvermittelt von einem starken Fieber ergriffen worden. Ihr Vater hatte sie zitternd auf dem Stuhl vor dem Feuer gefunden. Sie hatte sich eine Stunde lang nicht gerührt. Ihre Stirn glühte: Man hätte nicht sagen können, ob es vom Fieber kam oder von der Hitze des Kamins. Man brachte das Fräulein zu Bett. Jeanne blieb einen Augenblick bei der Kranken, die nicht bei klarem Kopf war und, ständig unverständliche Dinge murmelnd, das Zimmer mit entsetzten Blicken betrachtete.
Mehrere leere Tische trennten den Marquis von den gemeinen Leuten. Diese tunkten dicht bei der Tür zur Spülküche schweigend ihr Brot ein. Da war es nicht so warm, aber sie waren unter sich. Dort saßen Trois-Doigts und Belâme, der, noch trunken von Schmerz und Branntwein, seine linke Hand nicht gebrauchen konnte. Dort saßen auch Daudé, der Schmied, und Pierre, sein Geselle, der Jeanne versprochen war, und dort saßen die anderen, Seguin, Chalier, Vanel, die Schafe und Ochsen besaßen, oder nur ihre Hirtenhunde. Jeanne zapfte Wein vom Faß in der Spülküche. Sie stellte die Krüge auf den Tisch, und Pierre folgte ihr mit dem Blick, aber nicht wie die anderen, nicht wie alle diejenigen, die sie insgeheim begehrten. Er war nicht mehr so arm wie die anderen, seit er die Magd kannte, selbst wenn er nicht genug besaß, um ein Bett für die Hochzeitsnacht mit ihr zu kaufen.
Die Tür der Herberge wurde geöffnet, und ein eisiger Windstoß füllte den Gastraum. Zwei kräftige Burschen mit Schaffellmänteln und Schnee auf dem Kopf traten mit der Sänfte des Grafen von Marcigny, einem gewaltigen, wenigstens hundert Jahre altem Kasten zwischen zwei Tragbäumen, auf die Schwelle. Das Unding berührte fast den Türsturz und schwankte bedrohlich, als sie es zum Feuer trugen und dort absetzten. Ein dicker Mann mit rotem Gesicht, gehüllt in ein Wolltuch, das ihm als Mantel diente, stieß die Tür der Sänfte auf und steckte seinen Stock hinaus, den er herumwirbelte, als wollte er die Außenwelt sondieren, ehe er sich dann selbst durch die schmale Öffnung zwängte.
Der Graf von Marcigny näherte sich Charles d’Allanches, der sich erhob, und drückte ihn in einer heftigen Umarmung an seinen Bauch. Die beiden Herren, der rote und der magere, der Grundbesitzer und der Soldat, nahmen Platz. D’Allanches hatte seinen Stall mit Stroh gedeckt, weil er kein Geld hatte, während Marcigny, seiner Forderungen sicher, seinen Bauern endlich alles Land von Mazel entrissen hatte. Nichts ähnelte einander so wenig wie ein Moré d’Allanches einem Marcigny, in all den zwanzig Generationen, in denen in beider Adern blaues Blut floß. Die beiden Familien liebten einander nicht unbedingt und verbündeten sich selten. Aber sie waren beide Herren, im Gastraum der Herberge und überall in diesem Teil des Berglands, selbst wenn d’Allanches nur Marquis dreier Weiler und einiger Zipfel schlechten Bodens war.
Dieser berichtete von dem Unfall, der sein bestes Pferd das Leben gekostet hatte. Marcigny wußte natürlich schon von dem Abenteuer. Er war eigens zur Herberge gekommen, um d’Allanches zu begrüßen und ihm seine Gastfreundschaft anzubieten. Er wußte außerdem, daß der Nichtsnutz von Trois-Doigts dem Marquis zu Hilfe gekommen war. Aber er wunderte sich nicht, daß d’Allanches ihn in seinem Bericht nicht erwähnte: Dieser Umstand war nicht von Interesse, der Mann war ohne nennenswerte Bedeutung.
Es hatte seit Anbruch der Nacht wieder angefangen zu schneien, und eine Stunde später bedeckte der Schnee den Kadaver des Pferdes und die Kutsche des Marquis. Aber Virginie war, freilich ohne daß ihr Fieber sich gelegt hatte, endlich eingeschlafen. Ihr Vater hatte, nachdem der Graf von Marcigny heimgekehrt war, einen Augenblick lang bei ihr gewacht. Dabei hatte er an seine Frau Louise denken müssen, die vor zehn Jahren einem Fieber auf der Brust erlegen war. Er hatte sie lange vor seinem inneren Auge heraufbeschworen, damit sie seine jetzige Einsamkeit bedächte. Morgen würde er heimfahren. Marcigny würde ihm ein Gespann leihen. Er würde Virginie in der Herberge lassen, denn ihm blieb nichts anderes übrig. Er würde einen halben Louis für ihre Pflege dalassen.
Jeanne legte sich immer als letzte schlafen. Sie war diejenige, die den großen Riegel vorlegte. Pierre half ihr dabei, die letzten Gäste fortzuschicken. Es gab immer jemanden, der nicht wußte, wann er den Heimweg anzutreten hatte, oder ihn nicht antreten wollte. Pierre jedoch ging nicht. Er schlief bei Jeanne, beim Gesinde. Da waren noch die beiden Kinder der Witwe Barbet und Marie-Thérèse, ein molliges junges Ding, das Pierre und Jeanne immer zu den Kleinen schoben, aber in ihrem Schlummer bemühte sie sich, ihre Ecke der Strohschütte wiederzufinden, und nahm so mit ihrem ganzen Gewicht teil an ihren Umarmungen.
Jeder in der Herberge wußte, daß Pierre und Jeanne miteinander schliefen, und man sagte, irgendwann werde Jeanne einen Kleinen haben, schön wie sie und kräftig wie ein Schmied. Aber man machte beide Augen zu. Pierre und Jeanne hatten weder Land noch Haus. Sie konnten einander lieben, ohne jemandem Unrecht zu tun. Jeanne galt sogar als tugendhaft, denn um sein Wort solchermaßen einem Jungen zu geben, mußte ein Mädchen, das keine Mitgift hatte, um heiraten zu können, Tugend besitzen. Man nannte sie «die Verlobten», doch mehr aus Spott, und man wußte, daß Pierre und Jeanne vorerst noch lange nicht heiraten konnten. Kein Mensch hatte mit einem von ihnen Streit, denn sie waren einfach zu gering, um sich mit ihnen anzulegen.
Mehr als einer hatte schon sein Glück bei Jeanne versucht. War nicht sie es, die den Wein zapfte? Einen starken, herben Wein, der zu ungezügelten Worten und Gesten reizte. Aber Jeanne wußte sich zu wehren, und man hörte den Hammer ihres Verlobten, der auf der anderen Seite des Hofes die Pferde beschlug. Auch Pierre wußte sich zu wehren. Es war besser, sich schnell wieder zu setzen, ehe er den Hof durchquert hatte.
Pierre und Jeanne waren gering, weil sie kein Haus besaßen. Pierre hatte früher bei seinem älteren Bruder gearbeitet, den der Vater zum Erben ihrer Hofstelle bestimmt hatte, aber er hatte sich mit ihm gestritten und war mit sechzehn Jahren als Lehrling zum Hufschmied gegangen. Da sein Meister nicht genug Arbeit für ihn hatte, verdingte er sich zur Ernte und verrichtete für ein paar Heller alle möglichen Arbeiten, sägte Holz, las Steine von den Feldern, hütete Vieh.
Früher einmal hatte er gehen wollen, um unten in der Ebene die zwanzig Louis zu verdienen, die er brauchte, um Landmann zu werden. Doch vor nunmehr drei Jahren war Jeanne aus Servières gekommen, um in der Herberge von Lanvejols zu arbeiten, und vom ersten Tag an, da er sie gesehen hatte, wollte er nur noch mit ihr zusammen leben. Gewiß, er sprach immer noch von seinem baldigen Fortgang: Im nächsten Frühling sollte es soweit sein. Er würde nach Nimes gehen. Wenn er keine Arbeit als Schmied fände, würde er sich als Knecht verdingen, denn er hatte bei seinem Vater gelernt, Furchen zu ziehen. Aber wenn der Frühling dann kam, hatte er nicht das Herz, Jeanne zu verlassen.
Jeanne und Pierre waren Arme unter Ärmeren, sie würden niemals etwas besitzen. Pierre würde sich jede Nacht, eine andere Magd zur Seite schiebend, zu Jeannes Lager stehlen. Sie würden sich immer bei anderen lieben und versuchen, kein Geräusch zu machen, und selbst ihr Glück würde immer ein Flüstern im Dunkeln sein.
Am nächsten Morgen ging es Virginie besser. Sie hatte einen klaren Kopf. Sie zitterte noch, aber sie trank ein wenig von der Brühe, die Jeanne ihr brachte. Der Marquis gab dem Wirt Geld und befahl, im Zimmer der Kranken ein Feuer aus Scheiten zu unterhalten, Tag und Nacht, bis zu ihrer vollständigen Genesung. Dann ging er.
Der Weg war bis hin zum Schloß von Allanches beschwerlich. Das ganze Plateau spiegelte nun die Sonne. Die Kutsche versank manchmal bis zu den Achsen im Schnee, der zu schmelzen begann. Sie erreichten das Schloß erst gegen Mittag. Das hohe, halb verfallene, einen aus wenigen ärmlichen Katen bestehenden Weiler überragende Gemäuer glich einem Phantom von Don Quijote, bereit, die öde Weite der Heidesteppe zu bekämpfen.
Im Hof, vor dem Schafstall, lagen die Überreste zweier halb verschlungener Schafe und ein gerissener Hund. Drei Männer umstanden die Kadaver wie regungslose Statuen und sahen der Kutsche entgegen. Sie nahmen ihre Mützen ab, als der Wagen anhielt, rührten sich aber immer noch nicht, sondern senkten den Blick und starrten auf die blutgetränkte Erde.
Der Marquis stieg aus. Auch er betrachtete lange die drei Kadaver. Bonnet, der älteste Knecht, näherte sich und zeigte auf die Spuren im Schnee: Zwei Wölfe waren an einer Stelle des Daches, die man mit Stroh ausgebessert hatte, in den Stall gedrungen. Das Dach war nicht sehr hoch. Sie hatten nichts gehört, weder die Schafe noch die Wölfe oder den Hund. Bonnet bekreuzigte sich und sagte mit leiser Stimme, die Wölfe seien heutzutage gewitzter als die Menschen, und bald würden sie in die Häuser eindringen, um die Leute zu reißen.
Der Marquis blieb noch einen Moment mit hängenden Armen und düsterer Miene stehen, um zu betrachten, was von seinen Tieren übriggeblieben war. Dann schaute er sich die Öffnung an, die die Wölfe in das Dach gemacht hatten. Der Kutscher des Grafen von Marcigny war vom Bock geklettert und hielt sich nun einige Schritte hinter den Knechten des Marquis. Er spähte zu den gerissenen Tieren, wagte aber nicht, näherzutreten, denn diese Angelegenheit betraf ihn nicht. Er reckte jedoch den Hals, um mehr zu sehen: Wenn die Wölfe auf den Dächern Sarabande tanzen, werden sie von einem Hexenmeister gelenkt.
Der Marquis befahl, die Tiere zu vergraben, und gab Anweisung, daß von nun an zwei Knechte im Stall schlafen sollten. Dann wandte er sich um. Die Männer schauten ihm nach, während er sich entfernte und hinter dem großen Tor des Schlosses verschwand. Es blieb nichts anderes, als die Tiere zu verscharren. Der Marquis wußte keinen Zauber. Mit großen Schritten eilte er fort, um seine Bitternis und Ohnmacht hinter drei Fuß Mauerwerk zu verstecken.
Virginies Fieber war zunächst gefallen, und die junge Frau hatte den Pfarrer empfangen, der gekommen war, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie bat ihn, bei seinem nächsten Besuch die Güte haben zu wollen, etwas Reißkohle und Papier mitzubringen, weil sie gern zeichnen würde. Der Pfarrer berichtete ihr von einer kürzlich gemachten Erfindung, dem «Storchenschnabel», den er bei M. de Châteauneuf-Randon gesehen habe. Dieses aus Schwenkarmen und kunstfertig angebrachten Spiegeln bestehende Gerät sei ein wahres Wunder und erlaube es, jedweden Gegenstand mit nie erreichter Präzision zu reproduzieren. Mademoiselle Virginie wandte herausfordernd ein, da müsse doch irgendein Teufelswerk im Spiel sein, und der Pfarrer begann zu lachen, denn er glaubte nicht, daß der Teufel woanders saß als im Herzen der Menschen.
Als Jeanne am Abend das Brot und die Brühe brachte, sagte das Fräulein, es werde am nächsten Tag ihr Porträt zeichnen. Jeanne müsse nur eine oder zwei Stunden unbeweglich sitzen. Die Magd begriff nicht recht, daß ihre Arbeit darin bestehen könnte, unbeweglich zu sitzen, aber man hatte sie für die Bedienung des Fräuleins bestimmt. Es ziemte sich, seinen Anordnungen treulich zu folgen.
Unter dem Dach husteten die beiden Kinder der Witwe Barbet mitleiderregend, die dicke Marie-Thérèse schrie einige Male im Schlaf, und Pierre sagte Jeanne zum erstenmal, daß sie schön sei: Eine andere Erklärung könne es nicht geben für die Grillen von Mademoiselle d’Allanches.
