Der liebe Gott Allahu akbar - Tullio Aurelio - E-Book

Der liebe Gott Allahu akbar E-Book

Tullio Aurelio

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Beschreibung

Wie ist das Schicksal von Ödipus und Sisyphos ohne die Mitwirkung eines mythischen Gottes zu erklären, da es bekanntlich weder Apollon noch Zeus als deren Anstifter gegeben hat? Und wie wäre das Schicksal Ijobs zu erklären, wenn Jahwe und Satan ähnliche mythische Fantasieprodukte der Menschen wären wie Apollon und Zeus? Eines Morgens wachen wir auf, und siehe da, die Welt kennt keine Religion, und keine Missetat geschieht im Namen irgendeines Gottes, wie sich Richard Dawkins in seinem Werk Der Gotteswahn" erhofft. Die Frage ist, ob dann in der Welt ohne Religion auch kein Krieg, kein Mord, keine Bosheit festzustellen wären. Die Antwort ist eindeutig ein Nein, denn Gutes und Böses sind nicht von irgendeinem Gott gewollt oder verschuldet, sondern von den Menschen selbst. Der Verzicht auf die Religionen wäre eine konsequente Schlussfolgerung aus dem Eingeständnis des Menschen, dass er mit seinen Erkenntnismitteln Gott, wenn es ihn gibt, nicht erfahren kann. Die Gottesbilder sind Selbstbilder des Menschen, keine Bilder eines Gottes. Auch die Gottesbilder der Offenbarungsreligionen ähneln sehr stark menschlichen Gesichtszügen wie sonstige Projektionen des Menschen. Auch der Gegenstand des Kultes ist ein Selbstbild des Menschen. Diese Erkenntnis führt den Menschen nicht zwangsläufig dazu, auf Religion und Kult zu verzichten, denn der Kult schenkt den Menschen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Der Kult mag zwar ohne Gegenstand sein, aber er hat auf die Gläubigen eine wohltuende Wirkung wie ein Placebo ohne Wirkstoff. Dieses Buch ist eine Ermutigung zum Verzicht auf die Religion und den Kult. Für das Gute und das Böse in der Welt sind ohnehin die Menschen zuständig. Durch den Verzicht auf die Religion würden die Menschen dafür auch die Verantwortung übernehmen.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabetullioaurelio 2018
ISBN xxxxxxxxxxxxx
www.tullioaurelio.com
Umschlaggestaltung: Tullio Aurelio

Inhalt

Vorwort

Der janusköpfige Gott

Der liebe Gott, Allahu akbar, Gott mit uns

Religion – was ist das?

Heute früh bin ich aufgewacht...

Alle meine Götter sind tot.

Gott sei Dank! Gott sei Dank?

Die Sackgasse der Erkenntnis

Die Grenzen der Sprache

Die Grenzen des Menschen

Das Böse in der Welt

Die Entschuldigung Gottes

Die Theodizee. Eine theologische Entschuldigung Gottes

Elohim, der Schöpfer einer Welt, die es nicht (mehr) gibt.

Der Töpfer unter den Göttern

Meine Götter sind außer Dienst

Wenn die Suche in eine Sackgasse endet.

Einsichten

Gott, der Lückenbüßer

Etsi deus non daretur. Leben - ob es Gott gibt oder nicht.

Der leidende Gott

Nietzsches Alarmruf: Gott ist tot.

König Ödipus

Die universale Dimension des Mythos von Ödipus

Ödipus wird zu einem Komplex

Was tut Ödipus, wenn kein Gott da ist?

Das Leben ist oft eine Sisyphosarbeit, aber auch eine Sisyphosaufgabe.

Sisyphos ohne Gott

Gibt es nun Gott oder nicht?

Offenbart sich Gott?

Kann man Gott überhaupt erkennen?

Die mystische Erfahrung Gottes

Der Gott der ‚Heiligen’ Schriften

Der Gott Israels

Jahwe in der Wolke auf dem Horeb

Jahwe in einem Zelt

Ein Haus für Jahwe

Jahwe hat keine Bleibe auf Erden

Allah will keine Bilder

Die Selbstoffenbarung Allahs auf dem Prüfstein

Tötung im Namen Gottes bei Ehebruch und Unkeuschheit im Koran und in der Bibel

Gesetze Gottes oder Gesetze seiner ‚Propheten’?

Offenbart sich Gott schrittweise?

Der Gott des Alten und der Gott des Neuen Testaments

Jesus, der fleischgewordene Gott

Ist Jesus das Goldene Kalb der Christen?

Mohammed über Jesus

Die Christen und die ‚Heiden’

Das Selbstbildnis des Menschen

Bilder Gottes, Bilder des Menschen

Imitatio dei – die Nachahmung (oder: die Nachäffung) Gottes

Das Bilderverbot heute

Religion als Opium

Religion und Placeboeffekt

Der Placeboeffekt des Gebetes und des Kultes

Gott ist groß, wir sind so klein

Die religiöse Erziehung

Leben ohne Gott – ein Versuch

Das Ende der Religion?

Mit Gott reden am Krankenbett

Ijob und wir

Auschwitz ist überall. Kann man noch von Gott reden?

Leben ohne Gott

Die Moral der Religion

Die Religion und die Kunst

Steine alter ‚Gotteshäuser’ für neue

Das Pantheon

Das Haus Gottes wird zum Kulturdenkmal

Leben ohne Antwort

Gott ist nicht

Leben ohne Grund

Leben ohne Gebet und Kult

Was bleibt?

Hinter den Gottesbildern eine Hoffnung

Vorwort

Stellen wir uns vor, Ödipus’ Schicksal, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird, ist gar nicht von Apollon verhängt und von der Pythia in Delphi in dessen Auftrag verkündet worden. Stellen wir uns vor, Sisyphos ist gar nicht von Zeus dazu verdammt worden, einen großen Felsen immer wieder den Berg hinauf zu hieven, wissend, dass der Stein anschließend den Berg hinunter rollen wird. Keine Frage: Das können wir uns moderne Menschen sehr gut vorstellen, denn bekanntlich haben Apollon und Zeus nie existiert und keiner von uns glaubt an Zeus und Apollon oder andere griechische Götter. Ödipus und Sisyphos müssen also selbst mit ihrem harten Schicksal zurechtkommen.

‚Ödipus’ und ‚Sisyphos’ sind ihrerseits lediglich literarische Gestalten: Auch sie haben historisch nie existiert. Aber literarische Gestalten sind Sinnbilder für menschliche, im Fall von Ödipus und Sisyphos, tragische Schicksale. Ödipus ohne Apollon und Sisyphos ohne Zeus sind also Menschen, die ohne Gott mit ihrem Leben auskommen, ihr Schicksal bewältigen müssen.

Den literarischen Vorgang, aus den mythischen Erzählungen die Wirkung der Gottheit zu tilgen, nennt man Entmythisierung: Die Handlungen der literarischen Texte deutet man ohne Gottes Einwirkung in der mythischen Geschichte. Aus dem Libretto des Mythos streicht man die Rolle der Götter.

Für den Vorgang, die Geschichte der Erde, sogar das eigene Leben ohne Gottes Wirkung verstehen und meistern zu wollen oder gar zu müssen, gibt es noch keine passende Bezeichnung, denn die Menschen versuchen immer wieder, irgend einen Gott als Beistand zu gewinnen und als Erklärung für die noch offenen Fragen zu finden. Zu diesen Einsichten verhelfen uns Freud und Camus, die sich mit den Mythen vom König Ödipus und von Sisyphos befasst haben.

Die Mythen ohne Götter verlieren allerdings ihren literarischen und sonstigen Reiz, sie wirken plötzlich banal wie der sonstige Alltag. Ein Leben ohne Gott bedeutet für viele auch eine Entzauberung. Ehrlicherweise ist man allerdings genötigt, auf Gott als Erklärung und Beistand zu verzichten, weil man zugeben muss, dass man letztlich nicht weiß, wer Gott ist und ob es ihn überhaupt gibt. Viele Menschen ziehen daraus die Konsequenz, ohne die Gotteshypothese zu leben, ihren Alltag ohne seine Hilfe zu meistern.

„Gott ist nicht“ ist eine der Überschriften gegen Ende dieses Buches. Der Satz stammt aus der ‚negativen Theologie’, aus der theologischen Meinung, dass man über Gott nur in der negativen Satzform reden kann, weil der Mensch außerstande ist, Gott zu erkennen und also auch definitiv zu wissen, ob es ihn gibt oder nicht.

So sind auch wir, wie Ödipus und Sisyphos, gott-los, ohne die liebevolle oder rächende Begleitung einer Gottes auf Erden.

Dieses Buch beschäftigt sich trotzdem mit dem Thema Gott. Man kann feststellen: Je länger man sich mit diesem Thema befasst, desto fremder kommt einem Gott vor. Zwischen der Theologie und der Religion klafft diesbezüglich ein gewaltiger Hiatus, ein riesiger Spalt: Die Theologie lehrt, Gott sei der ganz Andere, und gibt deshalb volens nolens (ungern) denen Recht, die behaupten, Gott, wenn es ihn gibt, ist ihnen vollkommen fremd. Die Religion will aber den Menschen dazu verleiten, diesen Gott anzubeten und sich von ihm, den wir nicht kennen können, leiten zu lassen. Fest steht allerdings: Wir kennen Gott nicht. Und je länger wir ihn suchen, desto nebulöser wirkt er auf uns.

Götter kennen wir hingegen haufenweise. Es sind die unzähligen und unseligen Gottesbilder aus der eigenen Werkstatt der Menschheit, die von verschiedenen Kulturen und Religionen stammen. Auch wenn wir unmöglich alle Götter und Gottesbilder kennen können - die, die wir kennen, könnten genügen, um zu dem Schluss zu kommen, dass sie mit dem echten Gott, wenn es ihn gibt, eigentlich nichts zu tun haben.

Gottesbilder sind Ausdruck unserer Wunschvorstellungen. Das zeigt sich, wenn man die Inhalte der religiösen Sprache analysiert. Religiöse Aussagen über Gott verraten die Interessenlage einzelner Menschen oder das Anliegen von Interessengemeinschaften eher als Eigenschaften eines uns unbekannten Gottes. Unterschiedliche Bedürfnisse erzeugen unterschiedliche Gottesvorstellungen und unterschiedliche religiöse Glaubensrichtungen.

Die Theorie, dass Aussagen über Gott nur Projektionen menschlicher Bedürfnisse seien, ist nicht neu. Feuerbach, Nietzsche, Freud und Camus sind nur einige der bekannten Verfechter dieser These und sie verhelfen uns zu interessanten Einsichten. Sie werden in diesem Buch gebührend gewürdigt, zum Teil im Zusammenhang mit der Deutung wichtiger Mythen der Menschheit. Aber es werden hier auch viele Texte aus der Bibel und dem Koran hinterfragt: Sie alle – nicht nur die Mythen, sondern auch die sogenannten ‚Offenbarungstexte’ – zeigen unmissverständlich, dass sie menschliche Wortschöpfungen sind.

Das aktuelle Buch setzt sich besonders mit den drei monotheistischen Religionen auseinander, hauptsächlich mit dem Christentum, in dem die meisten potentiellen Leser aufgewachsen und beeinflusst worden sind, aber auch mit dem Judentum und dem Islam, weil diese Religionen unsere Kultur maßgeblich geprägt haben und den Anspruch erheben, jeweils den richtigen Gott zu verehren.

Dieses Buch ist zum Teil auch die Fortsetzung meiner eigenen Auseinandersetzung mit der Thematik. Bereits mein erstes Buch Gott Götter und Idole. Und der Mensch schuf sie nach seinem Bild brachte es auf den Punkt, der im Untertitel formuliert ist: Die Menschen haben die Gottesbilder erschaffen und auch die Götter und Idole, die diese Bilder vergegenständlichen. Ihr ‚Gott’ ist nicht anderes ist als ein Sammelbegriff, ein Namen für ein Sammelsurium der von ihnen produzierten Gottesbilder. In den zwei weiteren Büchern von mir - Wir sterben und wissen nicht wohin und Die letzte Beichte von Maria Magdalena - wurde diese These zu einer tiefer gehenden Überzeugung. Allerdings hatte ich die praktischen Folgen aus der Theorie bisher nicht ausführlich formuliert. Ich denke, dass es mir in diesem Buch besser gelingt.

Das Buch hat also mitunter einen persönlichen Charakter, und die Leser die sich bis hierhin verirrt haben, werden es mir verzeihen, wenn dann und wann der Schreibstil von der unpersönlichen Sachargumentation in den Ich-Stil wechselt.

Bei mir hat es lange gedauert, bis ich der logischen Einsicht auch psychologisch Folge leistete. Es war eher ein Prozess als eine Wende. Süchtig nach religiöser Praxis bin ich zwar nie gewesen. Die Freude, die auch ich zu früheren Zeiten in den Gottesdiensten spürte, machte zunächst der Gleichgültigkeit, dann der Unlust, zuletzt dem Unverständnis Platz, wie der Kultvorsteher so fröhlich sicher über Gott faseln kann und wie die Kultteilnehmer sich vor einem Wesen, das sie nicht kennen, das möglicherweise überhaupt nicht zugegen ist, bücken können.

Existiert Gott? Vielleicht. Wir werden es aber vermutlich nie erfahren. Deshalb plädiert das Buch für ein Leben ohne die Gotteshypothese: „Etsi deus non daretur“, schrieb Bonhoeffer.

Leben unter einem Himmel ohne Götter ist gar nicht so schwer, es kann sogar eine große Erleichterung sein.

Ein erster Blick auf das Buchcover: Der Text „Der liebe Gott Allahu akbar“ in der gebrochenen Cracked-Schrift könnte man durchaus als Grafik, als Bild- und Schmuckelement zu der leicht lesbaren drunter stehenden Textzeile verstehen. Gemeint ist es aber anders. Der Dreizeiler ‚Der liebe/Gott Allahu/akbar’ ist der Haupttitel und spiegelt semantische Valenzen wider, die die einzelnen Wörter in der gewollt ungewöhnlichen Trennung neu bekommen. So gerät der heute allzu häufig missbrauchte Ruf Allahu akbar, der in den Ohren der Christen, aber auch vieler Muslime, furchterregend klingt, in unmittelbare Nachbarschaft zum lieben Gottes. Allahu akbar bedeutet aber ursprünglich, „Gott ist größer“ als alle anderen Götter oder Wesen und wird zu Beginn des muslimischen Gebetes gesprochen. Und der liebe Gott - ist er immer lieb und zu allen? Durch diesen grafisch gestalteten Text wird suggeriert, dass Gott einen Januskopf besitzt. Der Januskopf ist ein menschlicher Kopf, der in zwei Richtungen schaut. Er muss sich nicht mal verrenken, um zweiseitig, zwiespältig und schizophren zu sehen. Er hat zwei Gesichter, die in zwei gegensätzliche Richtungen sehen.

Zudem ist die Grafik nicht sehr gut lesbar. Das ist auch beabsichtigt: Die Liebe Gott Allahu Akbar ist auch nicht ganz zu verstehen.

Der janusköpfige Gott

Der liebe Gott, Allahu akbar, Gott mit uns

Der charismatische Pastor war es gewohnt, dass die Menschen gerne zu seinen Gottesdiensten kamen, und er genoss deren Anwesenheit in der gleichwohl selten überfüllten Kirche. Die Gläubigen waren von seinen Predigten begeistert, nicht weil er besonders tiefe theologische Interpretationen der biblischen Texte geben würde, sondern weil er stets vom lieben Gott sprach und dabei seine Zuhörer anlächelte und aufmunterte: Der liebe Gott mag uns, er hat uns gern, er lässt uns nicht allein, wiederholte er in seinen Ansprachen überzeugt und überzeugend.

Er selbst war von diesen Aussagen nicht nur überzeugt, er wurde davon getragen: Er setzte in seiner Stadt viele Initiativen in Bewegung, um im Namen des lieben Gottes, sozusagen als dessen sichtbare rechte Hand, Benachteiligten zu helfen.

Er war das spirituelle und soziale Herz seiner Stadt, und die begeisterte Zuneigung machte mit der Zeit viele Menschen zu richtigen Fans von ihm. Nach seiner Pensionierung, um die Bedürfnisse seiner Anhängerschaft, aber auch seine persönlichen, zu befriedigen, zog er sich nicht ganz zurück, sondern richtete sich in einer Nebenkapelle in der gleichen Pfarrei ein und feierte dort für seine eigene Gemeinde, inbrünstig und menschennah wie immer, den Gottesdienst, obwohl in der Zwischenzeit in der Pfarrkirche ein Nachfolger tüchtig das Weihrauchfass schwenkte: Die große Pfarrkirche ohne ihn schien für seine Fans nicht mehr attraktiv und sie wanderten lieber zur Nebenkapelle. Er wurde lange noch nach seiner Pensionierung gebeten, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen zu übernehmen. Übernahm er sie, was oft und gern auch geschah, waren die Menschen, sehr mit ihm, mit sich selbst und dem lieben Gott zufrieden. Gegenüber seinen Nachfolgern wollte sich keine richtige Begeisterung einstellen, und man dachte nostalgisch an die früheren Zeiten zurück.

Bei dieser Schilderung kommen verschiedene Aspekte zur Sprache, die für das religiöse Phänomen typisch sind: die wohltuende Überzeugung, dass Gott die an ihn glauben, liebt und zu ihnen steht, die charismatische Anziehungskraft eines Kultvorstehers, der die zentralen Überzeugungen des Glaubens vermittelt und sie selbst persönlich so vertritt, dass er zu einer Art Guru der Gemeinde wird, und die Bildung einer Gemeinde von Anhängern, die sich, nicht selten, sich sogar zu echten Fans entwickeln.

Diese Deutung mag einseitig sein und zu kurz kommen. Der Mann, der ‚Gottesmann’, von dem hier die Rede ist, hat tatsächlich seinen Glauben mit Überzeugung gelebt, und sein soziales Werk überdauerte ihn.

Es stellt sich allerdings doch die Frage, ob die Tatsache, dass dieser Mann so gelebt hat, wie er glaubte und predigte, beweist, dass Gott wirklich lieb ist und uns gern hat. Man kann auch im eigenen Leben persönlich erfahren, dass Gott gelegentlich auf eine Art und Weise lieb ist, die dem Menschen wenigstens vordergründig gar nicht hilft. Allzu oft kann man beobachten, dass der liebe Gott mit seiner Liebe sehr wählerisch ist, dem einen Liebe schenkt, dem anderen keine. In der Welt und im Leben der Menschen ist eine andere Seite der Realität zu beobachten, die in der Liturgie nicht oft gepriesen wird. Das Leben bringt vielen Menschen oft dazu, mit dem lieben Gott zu hadern.

Allahu akbar! Keine Angst, es wird hier nicht zu einer Schlacht gerufen. Allahu Akbar ist originär auch kein Schlachtruf, möge es heute vielen so vorkommen.

„Allahu Akbar“ ist ein zentraler Begriff im Islam und wird auf verschiedene Weisen und zu verschiedenen Anlässen verwendet. Der Spruch hat eine ähnliche Bedeutung wie der deutsch-christliche Begriff vom lieben Gott: Allahu Akbar rufen die Muslime zu Beginn des Gebetes, das sie daran erinnert, dass sie in Demut leben sollen und nur die Größe Allahs anbeten dürfen. Allahu Akbar rufen gläubige Muslime, wenn bei einem Unglück oder einem Erdbeben oder einer Bombenangriff verschüttete Menschen, besonders Kinder, geborgen werden. Denn Gott erweist dabei den Menschen seine Gnade.

„Allahu Akbar“, ein zentraler spiritueller Begriff des Islams, es heißt: Gott ist groß. Auch die Christen sind davon überzeugt, dass Gott, ihr Gott, groß ist: ‚Großer Gott!’, so beten ihn die Christen an. Eigentlich bedeutet Allahu Akbar sogar: ‚Gott ist größer’, größer als alle Idole.

Das ist die eine Seite Allahs, der die an ihn glauben segnet und im Leben begleitet.

Leider wird Allahu Akbar besonders in den letzten Jahren als religiöse Legitimierung von Gewalttaten verwendet: Gott will, dass man die Ungläubigen tötet, und wer gegen das Töten von Ungläubigen ist, ist gegen Allah.

Im Namen Gottes wurde in der Menschheitsgeschichte oft getötet. Heute geschieht dies am häufigsten im Namen Allahs. Die meist religiös motivierten muslimischen Dschihadisten rufen ‚allahu akbar’, bevor sie Menschen erschießen oder ihnen die Kehle durchschneiden.

„Allah ist Groß“ rufen sie, und ihr Herz fühlt sich dem großen Allah sehr nah. Sie selbst sind bereit, für Allah zu sterben, seine Märtyrer zu werden. Sie sind sicher, dass nach ihrem gewaltsamen Tod im Krieg gegen die Ungläubigen das Paradies auf sie wartet.

Dass einige Muslime „Allahu Akbar“ als Schlachtruf gegen die Feinde benutzen, lässt uns, angesichts der Morde, die in diesen Zeiten im Namen Allahs geschehen, nicht unberührt. Wir wollen aber nicht nur auf die Muslime zeigen. Die Christen haben im Namen ihres Gottes selber Schlimmes angestellt.

„Gott mit uns“ ist der Ruf der martialisch überzeugten Christen, der sie etwa vor etwa tausend Jahren in die Kreuzzüge gegen, man stelle es sich vor, die Muslime, führte. ‚Deus lo vult’ (Gott will es) war der Schlachtruf des Papstes Urban II., der den ersten Kreuzzug in Gang setzte, und viele folgten ihm. Wundert es einen, wenn heutige gutgläubige oder zynische muslimische Terroristen die Christen an ihre Kreuzzüge erinnern und sie als ‚Kreuzzügler’ bezeichnen? „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ würde Jahwe dazu sagen.

Aber nicht nur das: ‚“Gott mit uns“ war der Wahlspruch des preußischen Königshauses, und bis 1945 zierte der Spruch das Portal vieler deutscher Villen, so wie der Ruf Allahu Akbar die Fahnen verschiedener muslimischer Staaten ziert.

Während des Dreißigjährigen Krieges wählte der schwedische König Gustav II. für seine Soldaten den Schlachtruf „Gott mit uns“. Der Dreißigjährige Krieg ist in der Geschichte als Religionskrieg berühmt geworden. Auch wenn das nur eine Seite der Geschichte ist – die andere ist die Durchsetzung von Machtinteressen der verschiedenen Kriegsparteien -, zeigt auch dieser Krieg, dass der Mensch in Namen Gottes die schwersten Gräueltaten rechtfertigt.

Die Wehrmachtsoldaten trugen auf ihren Gurtschnallen auch den Spruch „Gott mit uns“, und vor der Schlacht um Stalingrad während des von Hitler angezettelten zweiten Weltkriegs erinnert ein Seelsorger die deutschen Soldaten an den Spruch auf ihrer Gürtelschnalle.

Das Elend, das der ‚Gott mit uns’ bei jeder Gelegenheit hinterlassen hat, lässt sich nicht ermessen. Mann muss zugeben: Nichts Neues unter der Sonne.

Ist dieser blutige Teil der Geschichte der Christen ein Beweis, dass Gott es so gewollt hat? Natürlich nicht. Genauso wenig wie Allah die Morde, die in seinen Namen geschehen, gutheißen kann, vorausgesetzt, der christliche Gott und Allah sind in der Lage, etwas zu wissen oder zu wollen. Aber diese beiden Narrativen sowie die Preisung der Liebe Gottes für die Menschen gehören zum breiten Phänomen der Religion. Beide Seiten – und das sind längst nicht die einzigen, die man erzählen könnte – sind ein Ausdruck der Religiosität Gläubiger Menschen.

Jedenfalls zeigen diese unterschiedlichen Narrativen, dass religiöse Sprache, wenn sie von Gott redet, nicht eindimensional ist, sondern perspektivisch. Wie ein Januskopf schaut das Gottesbild wenigstens in zwei Richtungen, wenn er sich entscheiden muss, ob er den einen Menschen oder den anderen lieben, das eine oder das andere Volk auserwählen soll. Aber das Gottesgesicht ist viel wendiger als ein Januskopf, er kann sich in alle Richtungen drehen, manchmal sehr schnell.

Der Verdacht, dass nicht unbedingt Gott, sondern der Mensch die Ursache dieser Ambivalenz Gottes ist, ist berechtigt: Je nach dem, wie der Mensch geartet ist, so ändert sich Gott in seinen und in unseren Augen.

Wir reden von der religiösen Sprache, von einer Sprache, die vorgibt, über Gott einiges oder gar vieles zu wissen, über ihn reden zu können, Auskünfte über ihm geben zu können. Wenn man die Aussagen der religiösen Sprache vergleicht, stellt man fest, dass sie sehr unterschiedlich ausfallen. Die religiöse Sprache macht verschiedenartige Aussagen über Gott, weil sie die Sprache von Menschen ist, die unterschiedliche Interessen haben.

Religion – was ist das?

Viele Definitionen von Religion, die aus früherer Zeit im Gedächtnis geblieben und jetzt auch im Internet auch zu lesen sind, versuchen, das Phänomen der Religion zu beschreiben. So findet man dort unter dem lateinischen Stichwort ‚religio’ folgende Beschreibung: Das lateinische Wort religio enthält negative Aspekte wie Zweifel, Skrupel, Aberglaube sowie positive Geisteshaltungen wie Gottesfurcht und Frömmigkeit. Eine Beschreibung des Phänomens ist aber keine echte Definition. Diese sollte eher das Wesen eines Wortes wiedergeben. Dazu könnte etwa die etymologische Ableitung des zu definierenden Wortes dienen. Aber auch hier sind die Versuche, die Religion zu definieren, sehr ungenau und zaghaft, und man hat den Eindruck, man will unbedingt nur Gutes über die Religion schreiben. So leitet man ‚religio’ vom lateinischen Wort ‚relegere’, was ‚wieder lesen’ oder ‚überdenken’ bedeutet. Wie soll man, von dieser Etymologie ausgehend, den Sinn von ‚Religion’, so wie wir sie erleben und kennen, herausfiltern?

Der bessere etymologische Bezug von ‚religio’ ist eher das lateinische Wort ‚religare’, was ‚binden, anbinden, sich binden’ bedeutet. Diese Definition enthält sowohl die positive Seite einer Bindung, solange diese Beziehung die Menschen glücklich macht, als auch das negative Empfinden der Bindung, wenn eine Beziehung nicht (mehr) als glückbringend angesehen wird und eher das Gefühl vermittelt, angebunden, angekettet zu sein.

Im Kleinen Prinzen schreibt Antoine de Saint-Exupéry, wenn zwei Wesen sich nahe kommen, entstehen Bindungen (liens). Solche Bindungen sind typisch bei Liebenden. Ähnliches mag auch in der Religion geschehen. Und dieses Gefühl der Geborgenheit, der Nähe, des Verbundenseins (religiöse Menschen fühlen sich Gott nahe), macht religiöse Menschen glücklich, und sie können selten verstehen, warum andere auf dieses Glücksgefühl verzichten und die Religion kritisieren.

Eine Reihe von Übersetzungen des lateinischen Wortes ‚religare’ bringen aber auch dessen negative Seite zum Ausdruck: festbinden, festhalten, verknoten. Das Wort ‚angebunden, angekettet’ sein ist vielleicht die beste Wiedergabe der negativen Seite einer Bindung, die angefangen hat, eine Last zu werden. ‚Angekettet, angebunden sein’ beschreibt den Zustand des Gefangenseins und das Gefühl der Unfreiheit. Losbindung bedeutet dann die Befreiung von den Ketten, auch von den Ketten der Religion.

Kann Religion dem Menschen auch das Gefühl vermitteln, dass er unfrei ist, von Stricken gefangen gehalten wird? Mit Sicherheit. Das erscheint zunächst paradox, weil man Religion zunächst mit Glück, Freude und Ekstase, mit Liebe, Gebet und Gottbezogenheit verbindet. Auf der anderen Seite war jede Religion darauf bedacht, den Menschen Gebote und Verbote aufzuerlegen, die sie als Wort und Willen Gottes bezeichnete, so dass die Menschen nicht selten in Unfreiheit und Zwang aufwachsen und leben.

Beispiele gibt es zuhauf. Sogar Jesus, als er noch nicht neben dem Vater und dem Heiligen Geist saß, noch kein gleichberechtigter Gott der Dreifaltigkeit war und nicht daran dachte, selbst eine Religion zu gründen, wenn er je daran gedacht hat, warf den damaligen Priestern und Schriftgelehrten vor, sie würden den Menschen Lasten aufbürden, die sie selbst nicht tragen könnten. Das hatten aber nicht erst die Priester und Schriftgelehrten getan, bereits Mose hatte es im Namen Jahwes getan. Später wiederholte es die christliche Kirche im Namen Jesu und der heiligen Dreifaltigkeit, und noch später tat es Mohammed im Koran im Namen Allahs.

Auch die von den sogenannten Heiden, von den vorchristlichen Religionen übernommenen und christlich getauften magischen Kulte gehören zum Sammelbecken der Religion. Die falschen Überzeugungen, die als Wille Gottes gedeutet wurden und zu Hexenverbrennungen und Tötung von Andersdenkenden führten, sind bekannte religiöse Phänomene. Und nicht zuletzt die Rückführung von Krankheiten auf die Wirkung von Dämonen, von psychischen Erkrankungen auf die Wirkung des Teufels, der durch teilweise grausame Exorzismen aus dem kranken Menschen getrieben werden soll: Das alles und noch viel mehr gehört zur Religion.

Sogar die sogenannte positive Seite der Religion - das Gebet, der Gottesdienst, die Freude über die Liebe Gottes, die ekstatischen Momente - haben eine negative Seite und eine negative Auswirkung. Der Mensch macht sich gegenüber Gott klein, und dieser Zustand versetzt ihn in eine Art mystische Benebelung, die ihn letztlich unfrei macht. Es ist eine raffinierte, nicht leicht zu durchschauende Art, den Menschen festzubinden und ihn abhängig zu machen: nicht direkt von Gott, sondern von Ritualen, Mythen und magischen Kräften und von Glück versprechenden Gurus, die der kultischen Handlung vorstehen. Der Gläubige fühlt sich gut aufgehoben und glücklich, und dabei merkt er nicht, dass diese Art von Bildung ihn zum einem unsichtbaren und vielleicht sogar nicht existierenden Gott versklavt und unnötigerweise klein macht.

Beim Kult spielen die Priester, welcher Glaubensrichtung auch immer, eine wesentliche Rolle. Sie stehen in der Mitte des kultischen Geschehens und vermitteln den Eindruck, sie seien eine Brücke zwischen dem leidenden oder jauchzenden Volk und dem lieben Gott.

Nietzsche schreibt dazu: Die Brahmanen waren überzeugt, dass die Priester mächtiger waren als ihre Götter. Ihre Größe fußte auf der Macht des Brauchtums (das sind die Gebete, die Riten, das Opfer, die Lieder). Sie schafften die Götter beiseite, dann waren die Priester weg, weil sie als Vermittler nicht mehr nötig waren. Anschießend kam der Lehrer der Religion der Selbsterlösung, Buddha, um den Menschen zu sagen, dass sie keine Götter haben und keine brauchen. Europa, meinte Nietzsche, sei weit weg von dieser ‚Stufe der Kultur’ (sinngemäß aus: Die Morgenröthe, 96).

Der heutige Versuch seitens der christlichen Kirchen und der meisten Muslime, nur die positive, menschenfreundliche Seite der Religion als die echte Religion zu stilisieren, schlägt fehl, denn zu jeder Zeit haben sich Menschen, die anderen Menschen Böses antun, auf Gott berufen. Sie glauben dabei vielleicht, Gottes Willen zu befolgen und deshalb Gutes zu bewirken: Ihr Gott sei zwar ein guter und ein lieber, aber besonders ein gerechter und strenger Gott.

Heute früh bin ich aufgewacht...

„Stellen wir uns doch mal eine Welt vor, in der es keine Religion gibt“, schreibt Richard Dawkins im Vorwort zum seinem Buch ‚Der Gotteswahn’. Dawkins selbst stellt sich unter anderem vor, es gäbe dann im Namen Gottes keine Selbstmordattentäter, keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgung, keine Verfolgung von Juden als ‚Christusmörder’, keine ‚Ehrenmorde’, keine Zerstörung antiker Statuen durch die Taliban, keine öffentlichen Enthauptungen von Ketzern, keine Prügel für das Verbrechen, zwei Zentimeter nackte Haut zu zeigen, und vieles andere mehr.

Vielleicht hat es – long, long time ago - zu einer Zeit, an die wir uns alle nicht mehr, nicht einmal in unserem kollektiven Bewusstsein, erinnern, eine Welt ohne Religion gegeben. Ob die Wunschvorstellung Dawkins unsere die heutige Welt betreffenden Überlegungen weiterbringt?

Selbst hätte ich nichts dagegen, wenn es in der Welt keine Religionen gäbe. In dem Fall gäbe es mit Sicherheit keine Zerstörungen antiker Statuen, keine Attentate, keine Kreuzzüge, keine Glaubenskriege, keine Morde in Namen irgendeines Gottes. - Gäbe es dann überhaupt kein Blutbad mehr zwischen den Völkern, keine harten Strafen für Untreue, keine Verfolgung, keine Misshandlung, keine Tötung von Andersdenkenden?

Der Meinung bin ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch dazu keine Religion und keine Götter nötig hat. Er braucht sie eher als Alibi, damit er sich selbst nicht als die Ursache seiner Missetaten sehen muss und die Schuld auf ein Alter Ego, das er Gott nennt, schieben kann.

Papst Franziskus, der heute eine Religion vertritt, die früher den eigenen Glauben im Namen ihres Gottes gegen Andersgläubige oder gegen Ungläubige, wie man sie damals bezeichnete, mit Waffengewalt und Marterwerkzeugen verteidigte oder anderen Menschen aufzwang, sagt heute, Menschenmisshandlungen im Namen Gottes seien ein Frevel, sie seien ein Werk des Teufels. Ich bin der Meinung, dass der Mensch weder den früheren christlichen Gott noch den Teufel dazu braucht.

Gott und Teufel könnten moderne Überbleibsel einer mythischen Welt sein, in der Götter und Dämonen stets mitmischten. Und wenn sie existieren sollten, für das Gute und das Böse in der Welt ist ihre Rolle völlig irrelevant. Es bedarf keines Gottes, damit auf unserer Erde Gutes entsteht. Wir stellen auch heute ganz nüchtern fest, dass viele Menschen, die Gutes tun, an keinen Gott glauben. In den früheren Jahrhunderten war es nicht anders.

Der Mensch kann Gutes und Böses tun, den Mitmenschen erfreuen oder ihn zur Verzweiflung bringen. Er kann einen neuen Eden und eine irdische Hölle schaffen. Dazu braucht er keine Götter und keine Teufel.

Ich vermute, viele Menschen sind gar nicht meiner Meinung. Wenn es in der Welt keine Religion gäbe, würden sie den Gottesdienst vermissen, in den sie gerne hingehen und sich dort in irgendeinem Gott aufgehoben fühlen. Auch wenn sie nicht sicher sind, dass es einen Gott gibt, würden sie es vermissen, wenn sie keine Gelegenheit hätten, sich in einem Kultraum zu versammeln, mit anderen zu singen und zu beten – zu wem auch immer -, mit einem unsichtbaren Gegenüber zu reden, auf ihn einzuflüstern. Eine ursprüngliche Sehnsucht nach Gott entwickelt im Laufe der Zeit eine gewisse Sucht nach dem Kult, und der religiös süchtige Mensch würde unter einem gewaltigen Entzug leiden, wenn keine Religion ihm diese Möglichkeit anböte. Auch die Menschen, die meinen, ohne Gott und Religion sei die Moral gar nicht begründbar, können meine süffisante Gleichgültigkeit gegenüber jeglicher Religion nicht ohne Widerspruch hinnehmen.

Ich bleibe aber dabei. Auch die Religion ist ein Werk des Menschen. Menschen haben die Religion gestiftet und dafür einen Gott gebraucht.

Die Religionen unterscheiden sich untereinander, nicht weil Gott, den sie anbeten, jeweils anders ist, soweit es überhaupt einen gibt, sondern weil die Menschen nicht nur die Religionen, sondern auch die dazu nötigen Götter nach ihrem eigenen Bild erfunden haben. Die Religion ist zum Leben nicht nötig, die von ihr erfundenen Götter noch weniger.

Alle meine Götter sind tot.

„The eyes of the Lord are everywere.“ Der Spruch ist in einer Zelle des ‚Castle’ zu Norwich in England zu lesen. Noch vor fünfzig Jahren hätte man ihn in jedem ‚Gotteshaus’, in vielen Sprachen, zu unterschiedlichen Anlässen gehört. Er war das beste religiöse Erziehungsmittel, um Gott im Leben der Menschen, besonders der Kinder und der Jugendlichen obsessiv präsent zu halten. Dass dieser Spruch nun in einem früheren Gefängnis eines englischen Schlosses zu lesen ist, ist ein echtes Sinnbild für die damalige religiöse Erziehung, die viele Menschen krank und unfrei gemacht hat und sie religiös zwanghaft fesselte.

Heute früh bin auch ich aufgewacht. Um mich herum waren sämtliche Götter verschwunden. Kein Gott war mit mir aufgestanden. Komisch, dachte ich, gerade habe ich aufgehört, an Götter zu glauben, und sie sind alle spurlos verschwunden. Ein Gefühl des Glücks übermannte mich.

Früher - eigentlich bis kurz vor diesem Morgen - wusste mein Gott über mich gut Bescheid. Er wusste, dass ich aufgewacht war, und er gab mir unterschwellig bereits erste Anweisungen, etwa wie ich zu beten hätte, an wen ich denken, was ich dringend erledigen sollte. Er war mein allgegenwärtiger Begleiter, er sah alles, er durchschaute das Innerste meines Herzens, ihm etwas vorenthalten zu wollen, war unmöglich. Er wusste genau, was für mich gut und was nicht gut war, entsprechend waren seine Erwartungen an mich. Das machte mich damals gar nicht unglücklich. Ich wähnte mich sogar glücklich aufgehoben – ein Gefühl, das mir ermöglichte, mich diesem inneren Gott gerne zu fügen.

Später, als religiöser Spätpubertärer, lehnte ich mich immer stärker gegen seine Weisungen auf, wurde ihm gegenüber immer kritischer. Das geschah aber schrittchenweise, und ich bildete mir ein, der liebe Gott merkte gar nicht, dass ich immer stärker auf Distanz zu ihm ging. Oder vielleicht, anders ausgedrückt, mir selbst wurde nicht ganz bewusst, dass ich Gott immer weniger brauchte.

‚Heute früh’ bedeutet also nicht die Morgenröte des heutigen Tages, sondern den Beginn einer neuen Zeit, deren Anfänge weit zurück reichen, als man sich denken mag. Aber nun ist es soweit: Alle meine Götter sind tot.

Nach einem Augenblick der Desorientierung fühle ich mich ‚heute früh’ endlich wohl.

Ich muss wohl erklären, was ich mit dem Satz meine, dass alle meine Götter tot waren, damit man mich nicht mit Nietzsches’ Übermensch verwechselt. Ich bin nicht Nietzsches’ Übermensch, eher ein Durchschnittsmensch, hoffentlich ein normaler Mensch.

Die Wirklichkeit ist wie immer vielschichtiger, als sie sich vordergründig zeigt. Ich formuliere deshalb vorsichtiger: Alle meine Götter sind tot. Die Unterstreichung macht deutlich, dass ich zunächst nur meine Götter als tot erfahre und als solche erkläre.

Es ist also kein Bekenntnis, dass Gott, wenn es ihn gibt, tot ist. Wenn es Gott gibt, dann ist er nicht tot, und wenn es Gott nicht gibt, dann hat es ihn nie gegeben, und deshalb ist er auch nie gestorben. Die zwei Aussagen - alle meine Götter sind tot, und: Gott selbst, wenn es ihn gibt, kann so oder so nicht tot sein – sind nicht unsinnig, sie sind Teile eines nur scheinbaren Paradoxes. Die Auflösung des Paradoxes ist sehr einfach: Meine Götter sind seit ihrer Entstehung in meinem Hirn nie Gott gewesen, sie lebten nur in meinem Kopf und in meinem Gefühl. Ob es einen Gott wirklich gibt, weiß ich auch heute nicht.

Gott sei Dank! Gott sei Dank?

Am 15. November 2017 fand sich in der SZ folgende Meldung: „Heiko Herrlich, 45, Trainer von Bayer Leverkusen, beobachtet bei den Fußballprofis eine verstärkte Suche nach Gott. ‚Die Gläubigen in der Bundesliga werden immer mehr. Ich begrüße das’, sagte er der Bildzeitung ... Weil es eine Übersättigung und Reizüberflutung gibt, haben viele Spieler das Gespür dafür, dass es etwas anderes geben muss, das einen viel reicher macht als das beste Handy, das größte Auto, das dickste Bankkonto.“

Auch dafür ist Gott heutzutage gut: armen Fußballspielern mit der großen Geldbörse ein wenig Freude schenken. Der Teufel, sagt ein deutsches Sprichwort, scheißt immer auf den größten Haufen. Gott anscheinend auch, wenn auch auf einen Haufen Geld. Gott übernimmt gern die Funktion eines Zuckerl oder des Sahnehäubchens.

Angefangen zu zweifeln, dass die übermittelten oder von Menschen gebastelten Gottesbilder Gott selbst sind, habe ich, als ich mir Alltagssätze über Gott durch den Kopf gehen und auf der geistigen Zunge der Sprachdeutung zergehen ließ.

Der häufigste Satz über Gott, der aus menschlichem Mund ausgesprochen wird, ist wahrscheinlich „Gott sei dank!“. „Gott sei Dank“ habe ich in ganz schlimmen Situationen gehört, mit Sicherheit auch selber gesagt. ‚Gott sei Dank’ sagte ein Autofahrer, der beim Aufprall mit einem anderen Auto, dessen Fahrer verstarb, verletzt am Leben blieb. ‚Gott sei Dank’ sagten Bewohner der Karibik nach dem Durchzug eines Hurrikans, der alles zerstört hatte und ihnen, außer des nackten Lebens, alles genommen hatte. „Gott sein Dank, ich bin durch ein Wunder gerettet“, sagte ein anderer Autofahrer, der bei dem Einsturz einer Autobahnbrücke, bei dem an die vierzig Menschen starben, unverletzt blieb.

Aber auch „wenn Gott will“ oder „so Gott will“ – die Araber sagen ‚inschallah’ – wird nicht seltener verwendet. „Der liebe Gott“, „der gütige Gott“, „Gott, unser Vater“, „Gott, unser Schöpfer“, „Gott im Himmel...“ sind auch häufig verwendete Ausdrücke, die irgendetwas über Gott aussagen wollen.

Lange genug habe ich selbst solche Sätze, wie religiöse Beruhigungspillen und Palliativen wiederholt, aber, soweit ich mich zurückerinnern kann, nie mit voller Überzeugung. Der Zweifel nagte von Anfang an in meinem Hirn, mal stärker, mal leiser, an der Gewissheit solcher Sätze.

Und der Zweifel wurde immer stärker. Immer bewusster stellte ich sie selbst in Frage, indem ich antithetisch fragte, wie das Gegenteil des Guten möglich ist, wenn es einen fürsorglichen Gott gibt, und welche Rolle er dabei spielen könnte. Nicht das Problem des Bösen stand zur Debatte, sondern die Beobachtung, dass es bei der Liebesbezeichnung Gottes für einen Menschen oder für ein Volk immer eine andere Seite, einen anderen Menschen, ein anderes Volk gab, der darunter leiden musste.

Folgender Text von Leszek Kolakowski (Der Himmelschlüssel, S. 36) zeigt paradigmatisch, was ich meine:

„Der Psalmist sagt zum Herrn (Psalm 136,10.15):

Er habe Ägypten an ihren Erstgeburten geschlagen, denn seine Güte währet ewiglich;

er habe Pharao und sein Heer ins Schilfmeer gestoßen, denn seine Güte währet ewiglich.

Die Frage: Was denken die Ägypter und der Pharao über die Barmherzigkeit Gottes?“

Der gute Gott ist nicht immer und überall zu allen gut. Seine Güte ist manchmal, oder sogar sehr häufig, selektiv: dem einen gewährt Gott seine Güte, dem anderen seine Rute. Das Leben eines Menschen kann den Tod eines anderen bedeuten. Es gibt also oft auch die Kehrseite der Güte Gottes, das andere Gesicht des janusköpfigen Gottes, und auch diese Seite verdient es, betrachtet zu werden.

Am Speisetisch zu sitzen und zu essen gehört zu den wichtigsten Tätigkeiten des Lebens, denn ohne Essen würden wir sterben. Die Befriedigung eines grundlegenden Bedürfnisses füllt nicht nur den Magen mit Speise, sondern auch das Herz, als vermeintlichen Sitz der Gefühle, mit Freude. Nichts scheint also verständlicher zu sein als die Dankbarkeit gegenüber denen, die uns Speise und Trank schenken, auch gegenüber Gott. Auch gegenüber Gott?

Bei der Formulierung dieser ‚Dankbarkeit’ kommt die Einstellung der Menschen zur Sprache, denen es gut geht oder die wenigstens etwas zu essen haben. Es ist die Einstellung derjenigen, die vom gütigen Gesicht des zweigesichtigen Januskopfes angeschaut werden. So zum Beispiel in folgender Umformulierung des Psalms 145: „Aller Augen warten auf dich, o Herr. Du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du öffnest deine Hand und erfüllst alles, was lebt, mit Segen.“

Eine ähnliche Dankbarkeit entspringt meistens dem Mund von Menschen, die am Esstisch sitzen und bereits satt, keinesfalls hungrig sind, vielleicht eher einen angenehmen Appetit verspüren, bevor sie wieder anfangen zu essen: „Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von dir, Dank sei dir dafür.“ Oder in diesem Gebet: „O Gott, von dem wir alles haben, wir danken dir für deine Gaben, Du speisest uns, weil du uns liebst. O segne auch, was du uns gibst.“

Das steht im Einklang mit dem, was Jesus über den himmlischen Vater und die hungrigen Vögel sagte: „Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen, und eurer himmlischer Vater ernährt sie“ (Mt 6,26). Und Jesus selbst in seiner Bergpredigt meint, wir sollen uns die Vögel des Himmels als Beispiel nehmen, denn der Vater im Himmel weiß, was wir brauchen.

In diesem Teich der Zuversicht und der sorglosen Hoffnung auf den himmlischen Vater entstanden auch folgende Verse: „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir. Hast auch meiner nicht vergessen, lieber Gott, ich danke dir!“

Irgendwann, zwischen dem 3. und dem 6. Jahrhundert nach seinem Tod wuchs der in den Herzen der Gläubigen gar nicht gestorbene Jesus zum eingeborenen Sohn Gottes immer stärker heran. Nicht nur der himmlische Vater, inzwischen kann deshalb auch Jesus selbst für unser Wohlergehen sorgen: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne was du bescheret hast.“

Zwei Fragen haben mich bei solchen Gebetstexten immer stärker beschäftigt. Die erste ist ziemlich naiv, die zweite ist ein bohrender Zweifel, der an der Wurzel meiner Gewissheit, dass ein Gott für uns sorgt, stetig rüttelte. Ich will es an der Aussage Jesu schildern, dass der Himmlische Vater die Vögel ernährt.

Das Phänomen, das heißt, die Oberfläche des Realen, zeigt in der Natur einen anderen Vorgang als den von Jesus geschilderten. Das Beobachtbare zeigt uns keinen himmlischen Vater, der die Vögel füttert. Auch Jesus, der Wanderprediger aus Palästina, war, so hoffe ich, kein naiver Blindgläubiger, denn er selber schilderte das auch für ihn sichtbare Phänomen in der Parabel vom Sämann: „Ein Sämann ging aus zu säen. Und als er säte, fiel einiges auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es auf“ (Mt 13,2f). Jesus wusste also Bescheid, und er meinte wahrscheinlich auch nicht, dass der himmlische Vater selbst bestimmte, wo der Samen zu fallen hätte, so dass einiges auf den Weg fiel, damit die Vögel zu Fressen bekommen. So mythisierend die damalige Welt auch war, wir wollen Jesus doch unterstellen, dass er zwischen dem Beobachtbaren und der Glaubensebene zu unterscheiden wusste. Wenn also der himmlische Gott für die Vögel – und umso mehr für uns – sorgt, dann auf eine andere, für die Augen verborgene Art und Weise. Man darf also nachfragen: Auf welche Weise ernährt der himmlische Vater die Vögel? Und, wenn er das wirklich tut, warum werden dann nicht alle Vögel satt?

Beobachten kann man aber auch, dass die Vögel nicht nur den Samen, der auf den Weg fällt, fressen, sondern auch den, der sich im guten Erdboden befindet und sich darauf vorbereitet, eine Pflanze zu werden. Kolakowsky würde hier mit Bestimmtheit fragen: Was wird der Sämann über die Vögel - und über den himmlischen Vater - denken, die ihm die frische Saat zerstören? Die von den Bauern aufgestellten Vogelscheuchen sprechen eine deutliche Sprache. Sie wollen die Vögel verscheuchen und eventuell auch den lieben Gott, wenn er sie auf ihr Feld schickt, denn der liebe Gott ist ihnen gegenüber nicht sehr lieb.

Wir können gern beim fürsorglichen lieben Gott verweilen. Jesus lässt Gottvater den Vögel ein reines vegetarisches Essen zukommen. Vögel fressen aber nicht nur Samen, sondern auch Fleisch und Fisch. Und da werden die Zweifel noch größer. Denn Fleisch und Fisch werden nicht auf Felder gesät, sie sind abgetrennte Teile von Lebewesen, für die der liebe Gott eigentlich auch sorgen sollte oder hätte sorgen sollen. Vögel fressen sogar andere Vögel. Da fragt man sich, welche Vögel hat der liebe Gott lieb.

Elohim hatte nach Beendigung der Schöpfungsarbeit – er hatte gerade den Menschen nach seinem eigenen Bild erschaffen -, kurz vor seiner verdienten Sabbatruhe, dem Menschen, dem Beau der neuen Schöpfung, die Gewalt über Tiere aller Art gegeben. Die Menschen sollen über die Tiere herrschen, also mit ihnen tun, was sie wollen. Kräuter und Samen sollen auch den Menschen zur Verfügung stehen. Diese, das wird extra erwähnt, sollen die Menschen essen: ‚Das sei eure Nahrung’ (Gen 1,29). Ob die Menschen auch Fleisch essen dürfen, wird nicht explizit erwähnt. Aber wenn sie schon über die Tiere herrschen, dann sollten sie auch mit ihnen tun, wie es ihnen schmeckt. Die Tiere aber, so steht in Gen 1,30, sollen sich vegetarisch ernähren: „Allem Wild des Feldes, allen Vögeln des Himmels... gebe ich alles grüne Kraut zur Nahrung.“ Und natürlich meinte es der Schöpfer nicht nur gut, er hat ja, wie er selbst feststellt, alles gut gemacht.

Man muss sich fragen, wie degeneriert die Schöpfung ist, und zwar auch nach der reinigenden Sintflut und dem neuen Anfang: Bären fressen am liebsten Lachs, wenn sie müde und erschöpft von der langen Reise in den Nordatlantik, sich zum Laichen niederlassen. Nach den Bären kommen die Vögel an den Fresstisch mit frischem Lachs. Die Vögel fressen ansonsten gern auch kleine Fische, wenn sich die Flut zurückzieht und langsam zur Ebbe wird.

Aber auch das umgekehrte Beispiel ist zu beobachten: Fische fressen gern junge Vögel, die noch nicht im Fliegen geübt sind und sich auf dem Wassersiegel des Meeres ausruhen wollen. Sie sind ein leckeres Appetithäppchen für hungrige Fische.

Es kommt noch schlimmer: Fische fressen natürlich nicht nur Vögel, sondern auch und am liebsten

Fische. Sollte aber ein Mensch oder auch dessen Leiche ins Meereswasser fallen, dann schütze ihn oder sie der liebe Gott. Bisher hat aber keiner beobachtet, dass der liebe Gott einen lebenden Menschen oder dessen Leiche vor dem aufgesperrten Maul eines Hais gerettet hätte.

Hat sich die Schöpfung von der ursprünglichen Absicht des Schöpfers derart entfernt, oder wurde sie vom Schreiber der Schöpfungsgeschichte nicht richtig wiedergegeben? Irgendwie hat man den Eindruck, in der Schöpfung des lieben Gottes frisst jeder jeden, wir alle, Kräuter, Tiere und Menschen, sind eine Horde sich gegenseitig fressender Wesen.

Schlimmer wird es noch, wenn wir aufhören, an die niedlichen Vögel und an die anderen Tiere zu denken, und beginnen, uns mit dem Hunger der Menschen in der Welt zu befassen. Denn nicht alle Menschen sind in der Lage, sich am gedeckten Tisch zu setzen und den lieben Gott für die Speise zu danken, die er ihnen zubereitet hat.

Einer von neun Menschen muss heutzutage hungrig ins Bett gehen. Heute leben 7,5 Milliarden Menschen auf Erden, fast 800 Millionen haben nicht genug zu essen, mehr als 200 Millionen müssen hungern, mehr als 8 Millionen, meistens Kinder, sterben jedes Jahr an Hunger.

Lenkt Gott wirklich die Welt? Warum strengt er sich dann nicht mehr an, so dass alle Menschen sich an einen gedeckten Tisch setzten und ihm dann zu Recht für Speise und Trank danken können?

Warum sind wir, die am Tisch sitzen und beten, satt, bevor wir anfangen zu essen, und Millionen von Menschen hungern, auch wenn sie den himmlischen Vater inständig bitten, ihnen zu essen zu geben? Ist diese Frage noch zu naiv? Oder ist der liebe Gott nur für die Satten zuständig? Und wer ist für den Hunger der Welt verantwortlich? Das andere Gesicht des göttlichen Januskopfes?

Die Antwort auf diesen Einwand lautet oft: Wenn andere Menschen hungern, dann ist der Mensch selbst daran schuld. Man meint also, für das Gute auf der Welt ist der liebe Gott zuständig, für die andere Seite der Realität – etwa für Hunger und Krieg - ist eher der Mensch verantwortlich, der sich von der Profitgier statt von der Liebe zum Mitmenschen leiten lässt, ansonsten steckt hinter dem Phänomen des Bösen in der Welt der Teufel selbst.

Das behaupten die Gottesanwälte. Plötzlich schwenkt man von einer verborgenen, uns nicht bekannten Ebene, aus der der Vater im Himmel die Welt lenkt und vielen Menschen Essen und Geborgenheit zukommen lässt, auf die beobachtbare Ebene des Realen, auf der wenigstens vordergründig die Menschen, unser Planet, das Universum ohne Zugriff irgend eines Gottes tätig sind. Dort, wo das Unkrau wächst, sind nur die Menschen tätig. Das wird sogar stimmen, aber wir könnten auch behaupten, dass der Mensch auch für die gute Seite des Lebens verantwortlich ist. Warum sollte Gott nur fürs Gute und der Mensch fürs Schlechte verantwortlich sein?

Es könnte also sein, dass der himmlische Vater auf keine uns bekannte Weise für unser Essen und für unsere Kleider sorgt, sondern nur der Mensch. Und in der Tat ist es so: Wenn wir nicht für uns und die Mitmenschen sorgen (können), dann hungern und frieren wir.

Die Frage, ob der liebe Gott im Alltag eingreift, die Vögel ernährt und für unser Essen sorgt, ist nur vordergründig naiv. Diese naive Vorstellung ist ein Überbleibsel der früheren mythischer Weltdarstellung, in der die Götter, Gott, die Gottheit in die Welt eingreift, möglicherweise vom Himmel oder von einem Berg herunter kommt und die Geschichte der Menschheit lenkt. Nicht wenige Menschen glauben es auch heute noch, ohne zu wissen, wie Gott es bewerkstelligt. Praktisch alle Religionen bieten Muster, um den Einfluss Gottes in der Welt zu erklären.

Interessant ist auch die Umkehrung der Medaille: In der Not, ob sie vom Menschen oder von der Natur verursacht, geben die Notleidenden nur selten Gott die Schuld, sie rufen vielmehr Gott um Hilfe. Oder sie sehen auch in der Not einen Gottesplan, der die Not letzten Endes zum Besten des Menschen wenden wird.

Menschen denken oft selektiv über Gott. Will man aber dem himmlischen Vater gerecht werden, dann müsste man ihn für alles verantwortlich machen oder für gar nichts.

Die Sackgasse der Erkenntnis

Die Grenzen der Sprache