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Angesichts des neuerlichen Phänomens, dass überzeugte Gläubige meinen, im Namen Ihres Gottes Andersgläubige töten zu dürfen oder gar zu müssen, bleibt die Frage, welche Berechtigung die Gottesbilder haben, die ihre Gläubigen dazu anstiften. Das Phänomen ist gar nicht neu. Das Alte Testament bringt uns das Bild von einem Gott nahe, dass 'sein Volk' zu ähnlichen Taten gegen Andersgläubige anstiftet, und das Christentum der Kreuzzüge ist uns geschichtlich sehr wohl bekannt. In diesem Buch wird die These vertreten, dass Gottesbilder von uns selbst erschaffen wurden. Also brauchen wir an sie nicht zu glauben. An sie zu glauben und sie zum Kultgegenstand zu erheben ist Idolatrie. Jedes Ding hat einen Namen, der den Anspruch erhebt, das Ding wesenhaft zum Ausdruck zu bringen. Mit Gott ist es indes schwierig, weil sich Gott nicht gerne fassen lässt, und gefährlich. Denn ein Name engt ein, und alle Wesen, die einen Eigennamen haben, sind begrenzt und sterben aus. Götter, die einen Namen haben, sind ausgestorben. Oder sie sind in den Mythen der Vergangenheit zu finden: tote Götter, die nur in der Phantasie der Menschen gelebt haben – wie Zeus, Aphrodite, Isis oder Thor. Wie nun steht es mit Jahwe? Überlebt er noch? "Ich weiß, dass ich nicht weiß." Tullio Aurelio legt hier ein Buch vor, in dem er über Gott redet – über den er eigentlich gar nichts weiß. Aber trotzdem viel zu erzählen hat. Auch als Printausgabe erhältlich. patmos.de/ISBN978-3-8436-0696-7
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Buch lesen
Cover
Haupttitel
Inhalt
Über den Autor
Über das Buch
Impressum
Tullio Aurelio
Gott, Götter und Idole
Und der Mensch schuf sie nach seinem Bild
AM ANFANG EIN VORWORT
ERSTER TEIL GOTT, DER UNS INS LEBEN RUFT UND INS VERDERBEN SCHICKT
EINE KLEINE EINLEITUNG
ENTSTEHUNGSGESCHICHTEN
DER EINE UND DER ANDERE GOTT
EL, ELOHIM UND JAHWE: QUELLEN UND TRADITIONEN DER SCHÖPFUNGSBERICHTE – EIN EXKURS
DER ANFANG VON ALLEM?
SCHÖPFERGOTT UND DEMIURG
›HIMMEL UND ERDE‹ – WAS IST DAS?
DIE WELT MUSS NICHT VON GOTT STAMMEN
NICHTS IST WÖRTLICH ZU NEHMEN
DER MENSCH, DAS EBENBILD GOTTES
GOTT, DAS EBENBILD DER MENSCHEN
DER LIEBE GOTT UND DAS BÖSE
DIE SCHÖPFUNG IST NICHT NUR GUT – DAS IST EIN ECHTES PROBLEM
DAS BÖSE IN DER WELT
DER GARTEN EDEN
DER URSPRUNG DES BÖSEN
BEGINN UND ZIEL – ODER ENDE? GLAUBEN BEDEUTET NICHT SICHER SEIN
DER WEG IST DAS ZIEL?
MORD VOR DER HAUSTÜR
STAMMBÄUME SIND KEINE FÜLLER
GOTTESSÖHNE UND MENSCHENTÖCHTER
DER ZWEITE ANFANG
NOACH UND DIE SINTFLUT
DIE SÖHNE NOACHS UND DIE BEVÖLKERUNG DER DAMALS BEKANNTEN WELT
BABYLONISCHES CHAOS
DER TURM ZU BABEL
DAS ALTER DER MENSCHEN VOR UND NACH DER SINTFLUT
ZWEITER TEIL UND DER MENSCH SCHUF GOTT NACH SEINEM BILD
EINE KLEINE EINLEITUNG
GOTT MIT UNS
GOTT STEHT UNS BEI
JAHWE SUCHT EIN EIGENES VOLK, ISRAEL SUCHT EINEN EIGENEN GOTT
DIE GÖTTER DER VÖLKER UND DER GOTT ISRAELS
EL SCHADDAI, JAHWE, ELOHIM – EIN EXKURS
JAHWE MIT ISRAEL AUF DEM WEG NACH KANAAN
EIN GOTT GANZ FÜR UNS
GOTT IM GLAUBEN FESTGESCHRIEBEN
GOTT ALS KULTGEGENSTAND
GOTT WIRD SESSHAFT: DAS HAUS GOTTES
BILDER GOTTES
BILDER DER MENSCHEN
DAS BILDERVERBOT
KANN MAN BILDER ZERSTÖREN? WIE GOTTESBILDER ENTSTEHEN
DAS ANGESICHT GOTTES
DAS BILDERVERBOT HAT WENIG SINN ODER ES IST ABSOLUT ZU VERSTEHEN
›GOTT‹ – EIN SPIEGELBILD
JAHWE, JESUS UND DER CHRISTLICHE GOTT
DER JUDE JESUS WIRD GOTT
EIN NEUER BUND
JESUS, DER NEUE JAHWE
JESUS, DER MENSCH GEWORDENE GOTT
DER JESUSKULT
SCANDALUM CRUCIS: DAS ÄRGERNIS DES KREUZES
DAS CHRISTLICHE GOTTESBILD
JESUS, SOHN GOTTES
DIE DREIFALTIGKEIT: VATER, SOHN, HEILIGER GEIST
DER LIEBE GOTT, DER ALLES SIEHT
SCHLUSSWORTE
HABEN WIR ALLE DEN GLEICHEN GOTT?
DER MENSCH UND DIE RELIGION
DER SÄKULARE GOTT UND DIE ANIMA MUNDI
HATTE FEUERBACH DOCH RECHT?
DER NAME GOTTES
VORLÄUFIGES GLAUBENSBEKENNTNIS
DANKESWORT
Die Leser, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, dieses Buch zu öffnen, darf ich nun als meine Leser begrüßen, in der Hoffnung, dass sie mich begleiten, im besten Fall bis zum Ende des Textes. Damit sie sich in diesem Buch leichter orientieren können, zunächst einige Worte der Erklärung.
Die Schreibe dieses Buches mag dem einen oder der andere ein wenig eigenwillig vorkommen. Um ein echtes, stichhaltiges, fundiertes Sachbuch handelt es sich hier nicht, denn dafür schreibe ich ziemlich salopp und kursorisch über eine ganze Menge großer Themen, über die andere Autoren Hunderte, ja Tausende von Seiten geschrieben haben. Auch die Systematik wird nach Meinung einiger Leser zu wünschen übrig lassen. Darüber hinaus spricht die Mischung von persönlichen Begebenheiten und Gefühlen mit Sachargumentation nicht unbedingt für die schlichte Wissenschaftlichkeit dieses Buches.
Ursprünglich wollte ich eine Reihe von kleinen Bänden schreiben. Ich wollte die wichtigsten Bücher und Erzählstränge der Bibel gegen den Strich lesen und die Ergebnisse dieser Lesart der kleinen Buchwelt zur Kenntnis geben, in der Hoffnung, dass die Leser sie interessant finden. Wie es naheliegt, begann ich mit dem Buch Genesis, also mit den so genannten Schöpfungsberichten.
Zwischendurch fraß sich aber ein anderes Thema wie von selbst durch. Ich traf virulent auf den Autor der Schöpfung, wurde von ihm fasziniert und nachhaltig beeindruckt. Ich konnte nicht mehr von ihm lassen.
Von ›einem‹ Autor der Schöpfung zu reden, ist euphemistisch (das heißt: »zu schön, um wahr zu sein«) gemeint. Denn es sind im Buch Genesis wenigstens zwei Schöpfer erwähnt.
Eine Kirsche zieht die andere (italienisch: una ciliegia tira laltra) – ein Spruch, der die Art und Weise beschreibt, wie man nach der ersten Kirsche die zweite und dann die dritte … in den Mund schiebt. Das bedeutet bei dem Schöpfer: Ein Gott verweist auf den anderen, ein mythischer Schöpfer auf einen anderen. Wobei die meisten Schöpfungsmythen interessanterweise nicht von einem ›Schöpfer‹ reden, sondern von Göttern, die einen Eigennamen hatten und sich darauf konzentrierten, ursprünglich chaotische Zustände ein wenig in Ordnung zu bringen.
Also die Götter und ihre Schöpfungen. Das sind schon zwei gewaltige Themen.
Nehmen wir das Thema ›Gott‹: Oh Gott, wie viele haben darüber gesprochen und geschrieben, über Gott selbst, seine Namen, seine Natur und seine Person(en), seine Existenz, sein Dasein, sein Sein, über Gott Vater, besonders über Gott Sohn (oder besser: Gottessohn?), über Gott Geist (oder doch besser: Gottesgeist?). In den letzten Jahren war der Gott der Christen nicht mehr Vater, sondern Mutter, und der Geist war eine Geistin, nur der Sohn schaffte es doch nicht, so richtig zu mutieren. In der letzten Zeit haben auch viele Christen gesagt: Gott oder Jahwe oder Allah, wir haben doch alle den gleichen Gott (so plötzlich).
Irgendwann habe ich entschieden, in der Hauptsache über das Thema Gott zu schreiben. Dieser Kurswechsel möge eine gute Erklärung für die vordergründige Unsystematik des vorliegenden Buches sein.
Unsystematisch wird das Thema auch deshalb behandelt, weil hier nicht über Gott selbst geschrieben wird, der viel mehr Aufmerksamkeit, Systematik und Sorgfalt verdiente, weil er vollkommen sein soll, sondern über Gottesbilder. Und Gottesbilder, anders als Gott – wenn es ihn gibt –, gibt es haufenweise. Sie verändern sich zudem mit der Zeit, mit der regionalen Kultur, dem persönlichen Empfinden und Bedürfnis – ein regelrechtes Chaos mithin.
Selbst habe ich von Gott keinen Schimmer. In den gedanklichen Zwischenpausen meines Lebens habe ich mich immer wieder mit diesem Thema beschäftigt, aber ich wurde immer unschlüssiger und deshalb schweigsamer. Während andere im Gespräch über Gott (und natürlich die Welt) regelrecht schwadronierten, versteifte ich mich auf die Aussage, ich wüsste über ihn gar nichts, und stellte dabei fest, dass die anderen mich oft komisch, bisweilen bemitleidend anstarrten. Also, ich weiß nicht einmal über den Hauptgegenstand des Buches Bescheid.
Meine vermeintliche Stärke ist die so genannte Logik, die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, gedankliche Konstrukte zu erdenken, die eigene und fremde Wirklichkeit erklären sollen.
Der Leser muss allerdings an dieser Stelle vor so genannten logischen Konstruktionen ausdrücklich gewarnt werden. Es gibt nämlich welche, die die Eigenart besitzen, dass innerhalb der Konstrukte selbst alles plausibel und konsequent ist, bei denen aber der Bezug zur Wirklichkeit völlig fehlt. Beispiel eines logischen Konstrukts, das gottseidank – Gott soll mir ein für alle mal diese Schreibweise verzeihen – nicht von mir stammt: Die Bibel ist Gottes Wort, also unfehlbar. Wenn Josua nun der Sonne befiehlt, stehen zu bleiben, dann heißt es doch, die Sonne dreht sich um die Erde. Deshalb kann Galilei nicht Recht haben. Es ist typisch für die Theologie, sich in inneren konsistenten logischen Gedankenlabyrinthen zu gefallen, ohne zu schauen, was rechts und links in der Wirklichkeit passiert.
Um einen solchen Fehler zu vermeiden, habe ich mich an der Bibel entlang orientiert und dort Gottesbilder gesucht und untersucht, oft seziert, manchmal auseinander genommen.
Es handelt sich hier also natürlich – wenn man so will – um ein theologisches Buch: Der Autor ist selbst Theologe, weiß über den Hauptgegenstand seines Themas – Gott – aber gar nichts. (Das ist übrigens die Quintessenz dieser Universitätsdisziplin.) Aber sein Buch redet über Gott (Theos) und strebt einen logischen Aufbau an – ist also theologisch.
Dieses Buch möchte wiederum dann doch auch anders sein als ein typisch theologisches Buch. Ich weiß nicht, wie viele Menschen, die dieses Buch zurzeit lesen oder später lesen werden, auch in einem echten theologischen Buch geblättert haben. Ich selbst habe Hunderte davon gelesen. Sie haben den vordergründig prickelnden, auf die Dauer aber faden Geschmack der höheren Stratosphäre. Je höher und theoretischer (theologischer) sie werden, desto realitätsferner, lebensfremder sind sie. Man kann ja auch nicht verlangen, dass Theologie sich gar mit der Welt befasst, in der die Menschen leben, denn sie muss sich schon die ganze Zeit, wenn auch ergebnislos, mit Gott und den himmlischen Dingen befassen.
Gottesbilder haben allerdings eine wichtige Dimension: Sie haben Einfluss auf das Leben der Menschen. Gelegentlich (oder grundsätzlich?) schaffen sich die Menschen ihre Gottesbilder selbst, diese wiederum beeinflussen das Leben der Menschen wesentlich – wenigstens in der Vergangenheit war es so. Gottesbilder führen nie eindimensional vom Menschen zu Gott, sondern umgekehrt: Sie haben wesentlich mit dem Menschen zu tun und steuern sein Leben.
Aus diesem Grund habe ich mich selbst involviert, mich in die Materie hineingegeben. Der Text ist nicht nur von mir geschrieben, sondern von meiner Erfahrung, meinem Empfinden und meiner Meinung durchdrungen. Wenn man will, ist dieses Buch mitunter ein persönliches Buch. Darauf deutet auch die häufig verwendete Ich-Form hin. Das soll aber dem Leser nur zur Analogie dienen und will keinesfalls Ausdruck von Koketterie oder gar Selbsteinbildung sein. Und die persönlichen Begebenheiten oder Meinungen wollen keine Belege oder gar Beweise für meine Hypothese sein, sondern einfache Beispiele. Jeder kann seine eigenen beisteuern. Für mich persönlich waren wichtige Ereignisse meines Lebens der Anlass für mein Denken über Gott und die Welt.
Was möchte dieses Buch konkret?
Zunächst, was es nicht möchte: Das Buch hat keinesfalls die Absicht, meine alte Liebe – die Bibel – lächerlich zu machen. Der Bibel verdanke ich meine eigene Befreiung von geistiger und geistlicher Enge. Die Bibel ist so reich an religiösen Spielarten, dass sie offen und frei machen kann. Die Bibel ist – wie ihr Held Abraham - immer auf der Suche, immer unterwegs, nicht nur in Richtung verheißenes Land, sondern besonders in Richtung Gott, wenn Gott eine Richtung hat.
Ich vermute zu wissen, dass die Erzählungen, die Mythen, die zahlreichen Gottesvorstellungen der Bibel nicht endgültig und ›fertig‹ sind – weder die vielen des Alten Testaments noch das Gottesbild des Neuen Testaments. Aus diesem Grund werden gerade Gottesvorstellungen und Gottesbilder aus der Bibel und weniger aus der philosophischen Tradition oder aus anderen Kulturen und anderen Religionen unter die Lupe genommen. Das hat mindestens zwei weitere Gründe. Der erste ist, dass ich mich darin besser auskenne. Der zweite ist, dass diese Gottesbilder mit meinem und mit dem Leben vieler Menschen in meiner Umgebung existenziell verwoben sind.
Die Auswahl – es werden hauptsächlich Gottesvorstellungen aus der Genesis, aus dem Exodus und aus dem Neuen Testament genommen – beruht auf der Tatsache, dass die darin enthaltenen Gottesbilder viele gläubige Menschen tief beeinflusst haben. Denken wir an die Erzählungen der Schöpfung, des Sündenfalls, der Sintflut … und an die Geschichte des Jesus von Nazaret.
Die oft überzeichnete, manchmal – so mag es einigen erscheinen – fast spöttische Deutung der Texte will diese und die darin enthaltenen Gottesvorstellungen nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Sie will nur zeigen, dass diese Bilder – wie auch unsere modernen Bilder und Gedanken – begrenzt sind, wie alle Vorstellungen, die der Einbildungskraft des Menschen entspringen und deren Grenze übersteigen wollen. Auch die Überzeichnung, ja auch der eventuell vorhandene Spott, will eine Einladung sein, nachzudenken und weiterhin auf der Suche zu bleiben. Es wird nach der Technik der Metaphorik argumentiert: Der positiven Aussage (»Gott ist mein Fels«) folgt mental eine negative Aussage (»Gott ist natürlich kein Fels«), um dann zu versuchen, eine überhöhte Bedeutung der Aussage zu finden, wie Gott ein Fels sein kann. Der Technik der metaphorischen Argumentation folgend wird in diesem Buch gerade das negative Moment der Metapher (in dem Fall: der Gottesbilder) betont, um zu signalisieren, dass die im Bild angedeutete ›Realität‹ nicht mit dem Bild selbst zu verwechseln ist.
Auch die vordergründige Naivität meiner Argumentation ist manchmal – ich wage nicht zu sagen, immer – nur vorgespielt: Sie dient demselben Zweck wie die Überzeichnung der Deutungen. Man könnte sie als eine andersartige sokratische Methode betrachten. Sokrates stellte seinen Schülern jesuitische Gegenfragen, um auf der Suche nach richtigen Antworten und natürlich nach der Wahrheit weiterzukommen. Ich tue manchmal naiv, um Probleme zu vertiefen.
Die Auswahl der Gottesbilder, die in diesem Buch besprochen werden, hat zwei Anliegen.
Das erste ist die Klärung der Frage, wer die Ursache der Welt, des Universums oder der Ungereimtheiten der Schöpfung oder des Bösen in der Welt ist. Damit beschäftigt sich die erste Hälfte des Bandes: Der Gott, der uns ins Leben ruft und ins Verderben schickt.
Als Zweites will das Buch den offenkundigen Wunsch des Menschen behandeln, Gott gedanklich und kultisch festzuhalten, einen Gott zu haben, der beim Menschen ist und für ihn eintritt. Mit diesem Anliegen beschäftigt sich die zweite Hälfte des Buches, in der auch die zentrale Frage nach der Stichhaltigkeit der Gottesbilder und nach dem Sinn des Bilderverbots gestellt wird.
Es sei erlaubt, das Ergebnis vorwegzunehmen: Am Ende dieser Ausführungen wird das Buch keinen positiven Befund vorweisen können. Ich sage es also ganz klar: Ich kann nicht vorweisen, dass es einen Gott gibt, geschweige denn, wie er ist. Ich werde ein Gottesbild nach dem anderen zerpflücken, und am Ende habe ich nichts in der Hand. Ein medizinisch negativer Befund ist eine erfreuliche Angelegenheit. Anders ist es meistens beim Erkenntnisvorgang. Wie es bei der Gotteserkenntnis ist, lassen wir zuerst offen.
In jedem Fall: Ich musste dieses Buch schreiben, um das loszuerden, was ich loswerden musste. Hinter der vordergründigen Übertreibung, die diese Texte auszeichnet, verbirgt sich eine tief empfundene Enttäuschung über das Ergebnis meines langen Suchens, über das Nichts meiner Gedanken.
Um dieses Nichts mitzuteilen, habe ich zur elektronischen Feder gegriffen.
Auf Sizilien – so erzählt man sich – werden nicht nur Haare der Mutter Gottes aufbewahrt, sondern auch eine oder zwei Federn des Heiligen Geistes, die dieser verloren haben soll, als er in der Gestalt einer Taube vom Jordan über Sizilien gen Himmel flog. Die Höhe des Ätna hatte er möglicherweise falsch eingeschätzt, und er hätte sich beinah das ganze Gefieder verbrannt. Diese Federn wurden dort eine Zeitlang von den Vätern der christlichen Literatur und von den dort ansässigen Mönchen benutzt – alle überzeugt, durch die federleichte Inspiration des Heiligen Geistes Richtiges und Wichtiges zu Pergament und später zu Papier zu bringen.
Die elektronische Feder, die ich hier benutzte, stammt nicht vom Heiligen Geist. Also Inspiriertes oder gar Unfehlbares wird hier dem Leser leider nicht anvertraut.
Ob diese Texte einem Geist oder gar einem guten Geist entspringen, vermag der Autor selbst nicht zu sagen. Der Leser wird entscheiden. Die Geschichte sowieso.
Im Jahr 2010 wurde Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt, von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Armut, Krankheiten, Zerfall, Ruinen, Hunger werden die Bewohner der Halbinsel noch lange Jahre begleiten. Die Welt schaute nicht nur zu, viele private und offizielle Institutionen halfen, wie sie konnten. Es gab sogar Konkurrenz unter den Helfern, einige wollten die Regie der Hilfsmaßnahmen an sich reißen. Auch religiöse Institutionen halfen selbstverständlich mit.
Einige religiöse Fundamentalisten aber fanden es mitunter wichtig, den gepeinigten Menschen zu verkünden, dass Gott das Beben geschickt habe, um sie wegen ihrer Verfehlungen zu bestrafen. Man wird sagen, das sind ja extreme Beispiele von unverbesserlichen religiösen Fanatikern, primitive Instinkte von rudimentär denkenden Menschen. So extrem, so selten primitiv ist die vertretene Meinung nicht. Ein Theologieprofessor meinte vor nicht allzu langer Zeit, Gott hätte einen seiner Kollegen mit der Lähmung der rechten Hand bestraft, weil er in seinen Schriften die physische Auferstehung Christi leugnete. Gott habe ihn damit gehindert, weiter zu schreiben.
Die erste Klage, wenn uns Krankheiten, Unglück und Leid heimsuchen, ist: Warum hat Gott gerade mich bestraft? Hiobs gibt es ungefähr so viele wie Hiobsbotschaften.
Die Frage nach dem Warum von Leid und Tod ist eine Frage, die Menschen sich seit Anbeginn stellen. Gekoppelt wird diese Frage mit einer noch ursprünglicheren: Wer hat diese Welt erschaffen? Ist diese unsere Welt einem Gott zu verdanken? Und wenn ja, wie ist das Leid zu erklären?
In diesem ersten Teil beschäftigen wir uns also mit der vordergründig logischen Antwort auf diese Frage, mit der Vorstellung, dass ein guter Gott diese Welt erschaffen hat und dass das Böse durch den Menschen in die Welt getreten ist.
Ein Spaziergang durch die neu erschaffene Welt, am liebsten durch den Garten Eden in Begleitung von Jahwe, mit Adam und Eva, wird uns gut tun. Vielleicht werden wir ja nicht nur von der frischen Luft der neuen Schöpfung erheitert, sondern auch vom Hauch des Schöpfergottes inspiriert.
Es ist natürlich die Frage, von welchem Schöpfergott wir hier reden. Denn oberflächlich gesehen haben wir in den ersten Kapiteln der Bibel zwei davon: Elohim und Jahwe. Nun werden Bibelleser, deren Augen oft mit religiösem Weihwasser gewaschen wurden und dadurch benebelt sind, meinen, Jahwe und Elohim seien ja doch ein und derselbe Gott. Das wisse doch jeder.
Das wusste ich auch. Bis vor Kurzem. Da fing ich an zu differenzieren. Ich schärfte meinen Blick darauf, die verschiedenen Götter aus dem Nahosten auseinander zu halten, aus der Region also, die Israel zu der Zeit nah waren, in der die Bibel entstanden ist. Es gab also den Gott El, der besonders in Kanaan verehrt wurde, bei anderen Völkern im Mittleren Osten gab es weitere Götter, die zwar alle einen Eigennamen hatten (An, Apsu, Enli, Marduk, Gilgamesch, Ischtar, Tiamat …), die aber alle mit dem Substantiv ›Götter‹ bezeichnet wurden. In der hebräischen Schreibweise hießen sie alle ›Elohim‹ – genauso wie der Schöpfer ganz zu Beginn des biblischen Textes.
Es gab also viele Elohim. Und die waren alle da, bereits zur Zeit Abrahams, lange bevor das Volk Israel erfuhr, dass es einen Gott Jahwe gab, der sich stark für Israel interessierte und um dieses Volk ja regelrecht warb. Später werden sich Israel und Jahwe annähern und für immer zusammen bleiben. Davor aber hatten auch die Israeliten verschiedene Elohim, verschiedene Götter. Mag man das unheimlich finden: So war es nun mal. Am Anfang waren viele Götter unter den Menschen, und es war schwer, sie auseinanderzuhalten.
Im Vorderen Orient waren mehrere Schöpfungserzählungen oder -mythen vorhanden. Und eine oder mehrere davon sprachen von El als Schöpfergott (El ist etwa bekannt aus dem Pantheon in Ugarit, wo er neben Enlil genannt wird). Diese Tradition wurde später von der Bibelschreibern (so gegen 500 vor Christus, also sehr spät, auf jeden Fall einige Jahrmillionen nach der echten Entstehung unserer Welt) dichterisch rhythmisch zusammengefügt und an den Anfang der Bibel gestellt.
Jahwe hingegen ist von Anfang an der Gott Israels. Dass Jahwe als Schöpfergott erwähnt wird, könnte bedeuten, dass das Volk Israel sich die Frage nach seinem eigenen Ursprung stellte und so beantworten wollte: Von Anbeginn an hat Jahwe an Israel gedacht. Er ist der Gott Adams, Abrahams, Isaaks, Jakobs, Israels.
Wir unvoreingenommenen Leser halten zunächst daran fest, dass zwei Götter zu Werke gehen: im ersten Schöpfungsbericht Elohim, im zweiten Jahwe.
Im Übrigen sei hier angemerkt, dass die meisten Bibelausgaben das Wort ›Elohim‹ mit ›Gott‹ wiedergeben, das Wort ›Jahwe‹ mit ›Herr‹. Wir lassen die zwei Wörter unverändert stehen, damit wir sie leichter auseinanderhalten können.
Am Anfang der Bibel steht das Buch Genesis (oder, wie die evangelischen Christen es benennen: das erste Buch Mose). ›Genesis‹ bedeutet Entstehung. Das Buch Genesis erzählt von der Entstehung der Welt, der Menschen und des kleinen, aber überaus wichtigen Volkes Israel, das seinerseits wiederum die Entstehung der Bibel zu verantworten hat.
Die Erschaffung von Himmel und Erde und mittendrin des Mittelpunkts der Schöpfung, der Menschen, wird in zwei knappen Kapiteln dargestellt.
Zu Beginn des ersten Kapitels, also ganz zu Beginn der ganzen Bibel, steht als erstes Wort: Am Anfang.
Gleich kommen einem eine ganze Menge Assoziationen in den Sinn: Darwin und Evolution, Kreationismus, Divine Design, Gut und Böse. Glaubensrichtungen und Fundamentalismen jeglicher Couleur treffen sich hier, um die wenigen Verse dieser zwei Kapitel hin und her zu wälzen.
Ist die Bibel Gottes Wort, und wenn ja, wie sind die Texte der Schöpfungsgeschichte zu verstehen? Sind sie offenbarte Wahrheiten oder sind sie Mythen (das verneinen wohl sehr viele, die der Meinung sind, in der Bibel könne es keine Mythen geben), oder gar primitive Legenden?
Bereits der Text der ersten zwei Kapitel verrät eine gewisse eigene Unsicherheit bei der Beantwortung dieser Fragen. Schon damals muss es ziemlich umstritten gewesen sein, wie die Erschaffung des Menschen und der Welt vonstatten gegangen ist. In den zwei Kapiteln der Bibel, die sich mit dem Anfang von Leben und Welt befassen, werden zwei unterschiedliche Versionen und Visionen der Erschaffung der Welt wiedergegeben.
Man redet von zwei Schöpfungsberichten (dabei achte man auf das Wort ›Bericht‹, als ob Reporter dabei gewesen wären!). Im ersten, der nach den heutigen Schriftgelehrten bis zum Vers 4a des zweiten Kapitels geht (eine sehr unsaubere Arbeit bei der Kapiteltrennung seitens derjenigen, die sie zu späterer Zeit vorgenommen haben), ist Elohim tätig. Im zweiten übernimmt Jahwe die Regie. Siehe auch den betreffenden Exkurs.
Auch literarisch kann man die zwei Schöpfungserzählungen gut unterscheiden: In der ersten wird die Erschaffung der Welt hymnisch, episch besungen, in der zweiten eher mythisch erzählt.
Elohim spricht, und es wird. Elohim erschafft die Welt nach einer Vorplanung in genau sechs Tagen und erholt sich am siebten. Er ruft zunächst die äußeren Rahmenbedingungen ins Dasein, den Himmel und die Erde, den Raum und die Zeit, die Sonne und die Sterne, Licht und Dunkelheit, Pflanzen und Tiere, und erst zum Schluss den Menschen als die Krone der Schöpfung. Und er findet alles, was er macht, gut. Sein Erschaffen ist kein richtiges Schaffen, weil er sich die Hände, soweit er welche hatte, nicht schmutzig machte. Und ob er zum Sprechen einen Mund brauchte, wird in der Bibel auch nicht berichtet. Eher nicht. Aber er sprach, und das Wort wurde Welt.
Und es wurde alles gut.
Die Welt, die Elohim schuf, ist nicht die heute bekannte Welt, und die heute bekannte Erde ist lange nicht gleichzusetzen mit der, der zur römischen Zeit oder davor bekannt war. Das mare nostrum, das damalige Mittelmeer, ist auch heute schön, aber klein im Angesicht der großen Ozeane – im Angesicht des ganzen Universums, des riesigen, unerforschten Sternenmeeres ein unsichtbares Pünktchen.
Sehr klein ist die von Elohim erschaffene Welt gegenüber dem weiter expandierenden Universum, das im Buch Genesis erst als Dach über der Erde gedacht, als ›Firmament‹ bezeichnet wird. Die Erwähnung des Firmaments im ›Schöpfungsbericht‹ ist kaum der Rede wert. Irgendwo müssen Sonne, Mond und Sterne aufgehängt werden. Dafür braucht Elohim nur einen Tag, den zweiten. Heute wissen wir, dass die Sonne nicht der größte und der Mond gar kein Stern ist.
Wichtiger für Elohims kurzsichtigen Blick ist die Scheibe unterhalb des Himmels, der er ganze vier Tage widmet.
Im Übrigen müssen die Schöpfungstage sehr kurz gewesen sein. Zum Beispiel der erste: »Da sprach Elohim: ›Es werde Licht!‹ Und es wurde Licht. Elohim sah, dass das Licht gut war, und Elohim schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Elohim nannte das Licht Tag, die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: Erster Tag.«
Ähnlich schnell vergehen alle sechs Schöpfungstage. Am siebten musste sich Elohim ausruhen. Das Sprechen hatte ihn angestrengt.
Elohim wirkt wie eine selbstherrliche Gottheit: Er fühlt sich mächtig, er meint, ein Wort von ihm erwirke Himmel und Erde. Er schaut sich seine Schöpfung an und findet sie gut. Ob er sich dabei auf die Schulter klopft?
Diesen ersten ›Bericht‹ nennen einige Schriftgelehrten ›Priesterschrift‹ (siehe Exkurs), weil unterstellt wird, dass eine dem Tempel und dem Kult nahestehende Schule diese Texte geschrieben hat. Und der Kult braucht, wie bekannt, einen rhythmischen Text, ein dem Epos nahestehendes Gedicht, einen bekennenden, anhimmelnden Text, auch wenn das darin besungene Leben steril bleibt und stark vereinfacht dargestellt wird. So sehen die Welt und das Leben doch nicht aus.
Bekanntlich brauchen Priester, ob jüdische oder christliche, einen Tag, an dem sie kultisch tätig sein können. Sie wählten natürlich alle den Sabbat, den Tag, an dem Elohim ruhte. Für die Juden ist der Sabbat Samstag, für die Christen Sonntag, für die Muslime Freitag.
Anders als Elohim macht sich Jahwe für seine Schöpfung regelrecht schmutzig. Die Erde war auch vor seiner schaffenden Tätigkeit schon da, aber sie war trocken.
Deshalb ließ er es regnen, denn er brauchte Feuchtigkeit für Sträucher und Bäume, und er brauchte Lehm, um seine Schöpfung zu formen.
Er lässt Sträucher und Bäume wachsen – später werden sie zu einem Garten. Anscheinend gab es bereits Wolken am Himmel und die Sonne und das Licht, das auch damals nötig für die pflanzliche Fotosynthese war. Jahwe hat eigentlich einen noch engeren Horizont als Elohim, er will nur einen Garten pflanzen und darin die Menschen wohnen lassen. Zuvor muss er ihn natürlich ›herstellen‹.
Jahwe bastelt mit dem Lehm den ersten Mann, dann will er dem Mann eine geeignete Gesellschaft anbieten und bastelt allerlei Tiere, eventuell schaffte er es bis zum Schimpansen und Gorilla, dem Menschenaffen, aber den Quantensprung zum Mitmenschen schaffte er auf Anhieb nicht. Mehrere Versuche scheitern, bis ihm der Versuch mit der Frau aus der Rippe des schlafenden Mannes endlich gelingt. Ein sympathischer, aber nicht ganz fehlerfreier Gott.
Die von Jahwe erschaffene Welt ist sichtlich kleiner als die von Elohim mit seinem Wort erschaffene.
In beiden Schöpfungsmythen entsteht eine heute nicht mehr vorhandene Welt: eine geozentrisch, anthropozentrische Sicht der Welt, die heute nur noch von wenigen Blindgläubigen vertreten wird: die Erde in der Mitte der Welt und der Mensch als ihr Mittelpunkt.
EL, ELOHIM UND JAHWE: QUELLEN UND TRADITIONEN DER SCHÖPFUNGSBERICHTE – EIN EXKURS
Nicht nur im Zusammenhang mit den Schöpfungsberichten redet man von mehreren Quellen, die irgendwann zusammengefügt wurden und – so die Absicht der damaligen Bibelredakteure – harmonisiert werden sollten.
Die zwei Schöpfungsberichte – sagen die modernen Schriftdeuter – wurden etwa 550 v. Chr. während des Babylonischen Exils Israels zusammengetragen.
Schon damals waren Redakteure nicht die Dümmsten: Sie mussten oft unterschiedliches und manchmal sperriges Material zusammenflicken. Hier gelang es ihnen soweit, dass es immer noch Menschen gibt, die meinen, was im biblischen Schöpfungstext steht, solle man wörtlich verstehen. Der Text selbst glaubt nicht daran, denn er erzählt die Erschaffung der Welt zweimal und auf unterschiedliche Weise.
Die Schriftgelehrten, die antiken, die diese Texte verschiedener Herkunft zusammenbrachten, versuchten zu harmonisieren und – als Juden – Jahwe zum universalen Elohim zu machen.
Jahwe (zweiter Schöpfungsbericht) hatte bei seiner Schöpfungsarbeit seinen Blick auf die Erde und den Menschen gerichtet. Es interessierten ihn der Himmel, die Sterne, die Sonne, das Licht gar nicht. Jahwe hat sie nicht erschaffen. Er wollte auf der bereits existierenden trockenen Erde einen Garten pflanzen, darin einen Mann einsetzen, ihm eine Gesellschafterin beigeben. Mehr wollte er nicht. Anscheinend lebte er selbst bereits seit langer Zeit auf der Erde. Für den Himmel interessiert sich Jahwe seltsamerweise gar nicht.
Was machen die Bibelredakteure? Sie setzen einen anderen, zusätzlichen Schöpfungsmythos davor, lassen als Schöpfer einfach ›Gott‹, also Elohim (nicht namentlich Jahwe), tätig sein, der eben mehr gen Himmel gerichtet ist. Er erschafft den Himmel und die Erde, teilt zwischen Wasser oberhalb und unterhalb des Himmelsgewölbes, unterteilt den Tag und die Nacht, hängt am Himmel vielerlei Sterne, unter ihnen die zu dem Zeitpunkt bekannten größten, die Sonne und den Mond … – ein regelrechtes Gewerke am Himmelsgewölbe. Dann füllt Elohim die Erde mit allerlei Wesen, inklusive der Menschen. Danach ruht er sich aus.
Und an dieser (Text)Stelle setzt Jahwe mit seiner Tätigkeit an. Ungeachtet dessen, dass Elohim die Erde schon mit allerlei Bäumen, Sträuchern, Seen und Flüssen, sogar mit Tieren und den Menschen bedacht hatte, wiederholt Jahwe diese letzten Tätigkeiten.
Die Nahtstelle ist sichtbar, den Versuch zu harmonisieren kann man allerdings als gelungen gelten lassen, denn viele halbblinde, aber doch gläubige Generationen meinen, der Elohim des ersten Schöpfungstextes sei auch der Jahwe aus dem zweiten Schöpfungstext. Das jedoch gilt nur in der Intention der jüdischen Gelehrten und für die späteren Gläubigen. Trotz aller redaktioneller Bemühungen: Elohim und Jahwe sind bei der Erschaffung der Welt unterschiedlich tätig.
Den ersten Schöpfungstext (Gen 1,1–2,4a) schreibt man einer so genannten ›Priesterschrift‹ zu. Die Bibelforscher meinen, dieser Text sei jünger als der zweite (Gen 2,4b ff). Und das stimmt wohl, was die heutige Form des Textes angeht. Der heutige Stand ist eine während und nach dem Babylonischen Exil der Juden (550 v. Chr.) entstandene Nie
derschrift. Diese Bibelschule verwendet für den Schöpfer das Wort ›Elohim‹. Über ihn und über die Nähe zu den anderen Elohim des Nahostens haben wir schon einiges gesagt. Diese Nähe lässt aber vermuten, dass die originäre Quelle (man hat sie deshalb auch ›Elohist‹ genannt) viel älter war als der heutige Text und auch älter als der zweite Schöpfungsbericht.
Die andere Quelle, die im zweiten Schöpfungsbericht sich niederschlägt, nennt man Jahwist oder abgekürzt ›J‹, weil sie ›Jahwe‹ als Schöpfer kennt. Sie wird in der jetzigen redaktionellen Form als die ältere der zwei Quellen angesehen.
Die Zusammenfügung ist das Werk von Schriftgelehrten, die die zwei Quellen zu harmonisieren versuchten. Die Schnittstellen sind allerdings manchmal so sichtbar, dass sogar blinde Leser mindestens stolpern.
Interessant für uns ist weniger die Geschichte des Textes selbst, interessanter sind die Traditionen, die sich auf die Namen Jahwe und Elohim berufen.
Es lohnt sich, in den ersten elf Kapiteln der Genesis, und später noch, die Spuren zu verfolgen, die die zwei Götternamen hinterlassen.
Die Schriftgelehrten, die für die Redaktion der Bibel tätig waren, haben versucht, durch die Voranstellung des Elohim-Berichts zu suggerieren, dass Elohim und Jahwe der eine und derselbe Gott waren. In einem weiteren Exkurs im zweiten Teil dieses Buches wird geschildert, wie die zwei Traditionen später tatsächlich ineinander münden.
Ursprünglich waren sie es nicht. Das ist meine Arbeitshypothese.
Elohim ist die Mehrzahl von El oder Eloah und bedeutet an und für sich ›Götter‹. Für die Juden muss sich diese Mehrzahl von Göttern irgendwann zu einer Summe oder zu einem Konzentrat der Gottheit und zu einem Synonym für ›Gott‹ verwandelt haben, da Elohim meist in Verbindung mit der Singularform eines Verbs benutzt wird. Auch heute wird Elohim ins Deutsche mit ›Gott‹ übertragen.
Aber ›Elohim‹ oder ›Gott‹ ist gar nicht der ›einzige Gott‹. Damals hatten viele Völker einen eigenen El oder Eloah oder eigene Elohim. El war zum Beispiel der Gott der Kanaaniter, eines Nachbarvolkes Israels. Zu El gesellte sich später Baal, ein Fruchtbarkeitsgott. El galt im Sumer – unweit von Israel – auch als der Schöpfergott, der mit einem Chaos zu kämpfen hatte.
Man muss wissen, dass die Juden kein Problem hatten, das Wort ›Elohim‹ auszusprechen. Wohl aber hatten sie vor dem Tetragramm, also vor den vier hebräischen Buchstaben, die das Wort ›Jahwe‹ bilden, Respekt und sprachen das Wort so nicht aus, sondern sagten dafür entweder ›Adonai‹ (das heißt ›Herr‹) oder ›schem‹ (das heißt ›der Name‹).
Die Juden hatten somit zu den zwei Wörtern eine unterschiedliche Beziehung. Mit Sicherheit teilten sie das Wort ›El‹ mit den anderen semitischen Völkern – El (Gott) oder Elohim (Götter) wurde von allen verwendet und nicht nur von den Juden.
Der Gott der Juden, Israels, ist nur Jahwe, ›Jahwe Elohim‹ ist der ›Gott Jahwe‹.
Es ist wichtig, von vornherein die zwei Schöpfer zu unterscheiden und zu beobachten. In der Bibel scheint Elohim der Schöpfergott aller Völker zu sein, Jahwe ist aber der Schöpfergott Israels, das sich nicht nur als das Volk der Nachkommen Abrahams verstand, sondern Adam als seinen Stammvater ansah.
Es ist eine Arbeitshypothese, an der ich zunächst festhalte. Vielleicht haben wir zwei parallele oder miteinander verwobene Entstehungsgeschichten: die Entstehungsgeschichte der Welt und des Menschen und die Entstehungsgeschichte des Volkes Israel.
Was am Anfang nicht ganz klar ist, wird im Laufe der Erzählung deutlicher. Es ergibt sich im Laufe der Geschichte Israels und der benachbarten Völker eine interessante Spur: Bei jeder Trennung der Väter Israels von anderen Völkergruppen – Trennungen, die letztlich zur Bildung des Volkes Israel führen – trennt sich auch Jahwe von den anderen Elohim und deren Völkern und begleitet Israel.
Jahwe ist auch der Gott, der die Menschen erzieht und sich dadurch sein Volk formt. Kain, der Mörder seines Bruders, muss vom Angesicht Jahwes in das Land Nod, in dem Jahwe nicht anwesend ist. Nach der Sintflut trennen sich die drei Söhne Noahs. Und Jahwe wird der Gott Sems, des Vaters der Semiten. Nach der Zerstreuung der Menschen in alle Welt ruft Jahwe Abraham und verspricht ihm große Nachkommenschaft in dem Land, in das er ihn führen will, in Israel.
Die Spur geht weiter. Ich denke, es ist eine heiße Spur, um die Urgeschichte auch von dieser Perspektive aus zu lesen.
Später, zur Zeit der Propheten, geht der Prophet Elija auf dem Berg Karmel ins Gericht gegen Achab, der zu Baal hält, um die Interessen des wahren Gottes, Jahwes, zu vertreten. Elijahu, abgekürzt Elia oder Elija oder Elijah, heißt ja: ›Mein Gott ist Jahwe‹ (1 Kön 19).
Zwischen El und Jahwe wird es später einen faustdicken Streit geben.
Die Frage, ob Gott aus dem Nichts alles erschaffen hat, wird später wieder aufgegriffen. Hier nur soviel: In den Schöpfungserzählungen wird diese Frage weder gestellt noch beantwortet.
Der erste Satz der Bibel heißt: »Am Anfang schuf Elohim Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.« Kann es sein, dass ein alles ins Leben rufender, durch sein Wort Vollkommenheit schaffender Elohim zu Beginn doch nur eine Erde schafft, die einem Tohuwabohu, einem Chaos gleicht? Das kann nicht sein. Nicht zu glauben, dass Elohim sich so einen Fehlstart leistete. Ein Wort von ihm hätte gereicht, um eine vollkommene Welt ins Leben zu rufen.
So sollte man den Satz nicht lesen. Den Text muss man anders lesen:
»Am Anfang schuf Elohim Himmel und Erde.«
Das ist die Überschrift zum Schöpfungsbericht, der Titel des nachfolgenden Textes. Dann kommt die Bestandsaufnahme vor Beginn der Schöpfertätigkeit, der Stand der Dinge vor der Schöpfung selbst:
»Die Erde war wüst und leer. Finsternis lag über den Abgrund, und Elohims Wind schwebte über den Wassern.«
Also vor der Schöpfung gab es – laut dieser Lesart – bereits eine ganze Menge: eine chaotische Erde, eine abgrundtiefe Finsternis und eine unförmige Wasserfläche, auf der ein Gotteswind ziellos schwebte.
Ruach Elohim ist nicht der (vor)christliche Geist Gottes oder gar der christliche Heilige Geist. Es handelt sich um ein Chaoselement: einen urgewaltigen Wind: Mittendrin im Chaos ist Elohim mit seinem Urwind präsent – als mythisches Chaoselement.
Elohim muss das Chaos beseitigen, wie all seine mythologischen Vorbilder aus der unmittelbaren Umgebung – aus Ägypten, Mesopotamien, Assur, Sumer – es ihm vorgemacht hatten.
Besser noch: Er will das Chaos ordnen. Das mythische Chaos unterscheidet sich wesentlich von einem chaotischen Kinderzimmer. Das mythische Chaos ist vorgeburtlich, es existierte vor der Schöpfung, vor der kreatürlichen Geburt durch die Götter. Das mythische Chaos ist in anderen Schöpfungsmythen etwas Monströses, Bestialisches, Undefiniertes. Die Götter waren echt herausgefordert.
Durch die Beseitigung und Strukturierung des Chaos entsteht die Schöpfung des Himmels und der Erde. ›Himmel und Erde‹ bezeichnet dabei den uns bekannten kreatürlichen, geschaffenen Kosmos.
»Und Elohim sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.« Das war die erste Schöpfungstat am ersten Schöpfungstag: Licht in die Finsternis bringen. Also kann die Überschrift (»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde«) bedeuten, dass ein Chaos schon da war, bevor Elohim es schaffend ordnete.
Gerade die Erschaffung des Firmaments macht den ›jüngeren‹ Schöpfungstext kulturell zum älteren Schöpfungsmythos, denn viele Schöpfungsmythen aus dem ägyptischen oder mesopotamischen Raum haben das gleiche Schöpfungsmotiv.
Beim Schöpfungswerk Jahwes kann man noch weniger von einer Schöpfung aus dem Nichts reden. Jahwe hat noch weniger als Elohim ›alles‹ erschaffen. Seine Schöpfung (Himmel und Erde) war trocken und ohne Sträucher. Jahwe beschränkte sich darauf, einen Hortus (Obst- und Gemüsegarten) zu pflanzen, nachdem er den Boden durch Regen anfeuchten ließ. Darauf wird er Adam hinstellen, gewissermaßen den Gärtner, der die Aufgabe hatte, den Boden zu bearbeiten.
Elohim und Jahwe waren nicht die einzigen Götter, die aus vorhandenen Elementen einen neuen Kosmos errichtet haben.
Die ägyptischen Schöpfungsmythen kannten einen Zustand vor der Schöpfung. Bevor die Sonne und die Gestirne und die Erde geordnet wurden, war nur das Wasser.
Gestaltlose Materie existierte nach den sumerischen Schöpfungsmythen vor der Schöpfung durch Apsu und Tiamat. Apsu ist der Gott der Süßwasserozeane, Tiamat die Göttin des Meeres. Aus dem Wasser des Meeres, aus der fruchtbaren Göttin Tiamat, gehen alle Wesen hervor.
Die Ägypter kennen den Urhügel und das Ur-Ei (assoziativ erinnert mich dies an den Urknall), die da waren, bevor Himmel, Erde und Unterwelt entstanden sind.
Eine Schöpfung aus dem Nichts kennen die Schöpfungsmythen aus der Nachbarschaft Israels oder aus ferneren Kulturen, wie etwa der polynesischen und der Ureinwohner Australiens, auch nicht.
Es ist immer etwas vorhanden, bevor der Schöpfergott ans Werk geht. Die Kosmogonien (Entstehung des Kosmos) kennen hauptsächlich zwei Arten der Tätigkeiten des Schöpfergottes: die Ordnung stiftende Tätigkeit und die Schöpfung durch Zerteilung.
Vor der Schöpfung des Kosmos ist das Chaos. Das Chaos ist zumeist unförmiges Wasser, über dem ein Chaoswind weht. Aus diesem unförmigen Wasserchaos lässt der Schöpfergott den Kosmos entstehen. Er trennt die Elemente und ordnet alles neu. Die neue Ordnung ist die neue Welt, der Kosmos, in dem Mensch und Tier sich zu Hause fühlen.
Der Schöpfergott ist tätig mit seinen Händen oder auch mit seinem Wort (Ägypten) oder durch seine Gedanken und Worte (Polynesien, auch Ägypten – Elohim ist also nicht der einzige, der mit dem bloßen Wort erschafft). So entstehen Himmel und Erde (der Kosmos), die flache Scheibe der Erde und das Himmelsgewölbe, daran die Sonne und die Erde und die Sterne. Unten auf der Erde die Pflanzen, die Tiere und der Mensch. In manchen Mythen sind einige Elemente (in Ägypten die Sonne) selbst Schöpfer und lebensspendende Götter.
Das ist die Art der Schöpfung durch Trennung und ordnende Tätigkeit.
Wenn aber aus dem Urwasser ein Urtier, die Urschlange oder ein Drache steigt, dann ist die Schöpfung umso schwieriger. Die Schlange, das Urtier, der Drache müssen getötet werden, ihre Glieder müssen zerteilt werden, und jeder Teil wird ein Teil der neuen Schöpfung. Oder ein Gott muss gegen einen anderen Gott (etwa Marduk gegen Tiamat) kämpfen, und der Verlierer wird zerteilt, und aus seinen Teilen entsteht die Schöpfung.
Der Gott, der aus dem Nichts alles schafft, ist ein späteres philosophisches Konstrukt, das sich auch in beiden Schöpfungstexten der Bibel nicht finden lässt. Beide – Elohim und Jahwe – erschaffen nicht aus dem Nichts, sie ordnen ein bereits vorhandenes Chaos.
In der griechischen Philosophie, namentlich bei Plato, wird so ein Schöpfer Demiurg genannt. Auch den Griechen war die Erschaffung aus dem Nichts unbekannt.
Demiurg ist eben ein Gott, der aus dem Chaos den Kosmos als geordnetes Bauwerk strukturiert. Die Gnosis sieht den Demiurgen als den Schöpfer einer unvollkommenen Welt und deshalb als die Ursache auch des Bösen in der Welt.
Im allgemeinen Verständnis ist ein Demiurg ein Handwerker, ein Ingenieur, ein Künstler, einer, der an und für sich selbst kein ›Gott‹ in unserem heutigen westlichen Sinn ist.
Im Verständnis der biblischen Texte spiegelt sich eher die mythische Bedeutung des Schöpfers wider. Weit weg von philosophischen Fragen wie: »Hat Gott alles aus dem Nichts erschaffen?« oder: »Und wer hat Gott selbst erschaffen?« wollen die außerbiblischen wie biblischen Mythen die Beziehung zwischen den Göttern und der Welt herausstellen.
Wenn man einen Mythos als eine Erzählung versteht, in der Götter sich in die irdische Sphäre einmengen, dann ist ein Schöpfungstext ein Mythos par excellence.
Alle antiken Schöpfungsmythen kennen nur den Demiurg als Schöpfer. Und einige Mythen können mit einem nicht erschaffenen Demiurgen eigentlich gut leben.
Die Schöpfertätigkeit ist im Altertum eine mühsame, aber beschränkte Tätigkeit: eine vorhandene, chaotische, unstrukturierte Welt neu strukturieren, aus dem Chaos einen Kosmos machen.
Die Schöpfer haben viele Namen, sie sind Götter, aber vor ihnen waren Urgötter oder das Urwasser. Das Urwasser ist das vorhandene Grundelement, das Chaos, aus dem der jeweilige Schöpfergott den Kosmos strukturiert.
In Rom und in Ostia, aber auch an anderen Orten, besonders in Mittelitalien, kann man den Spuren des Mithraskultes nachgehen. Dieser Kult ist aus vielen Gründen interessant: wegen der Gleichzeitigkeit seiner Präsenz im antiken Rom mit dem frühen Christentum, wegen der vielen den Mithras- und Christusanhängern gemeinsamen Vorstellungen, nicht zuletzt wegen ihres gemeinsamen Ursprungs im Nahosten: das Christentum aus Palästina, der Mithraskult noch weiter östlich, aus Persien und Mesopotamien. Die historischen Wurzeln des Mithraskultes sind so alt wie die Geschichte der Bibelredaktion und haben gnostische und orientalisch mythische Komponenten.
Mithras ist der Schöpfergott, der Held, der die Schöpfung ermöglicht hat. Vor seiner Geburt – auch die Götter werden nämlich geboren – existierten bereits ein Himmel aus Stein und die Sonne. Der schöne Gott Mithras wird als Lichtgestalt aus dem festen, soliden Himmelsdach geboren. Neben einem Fluss, unter einem heiligen Baum, kommt er nackt aus dem Stein auf die Welt. Es existieren vor der Mithrasschöpfung bereits Hirten, die sich um ihn, den neugeborenen Gott, kümmern, ihm Geschenke überreichen und ihn verehren. Der Mythos kennt keine Logik, der Mythos schafft einen Kosmos des Glaubens für die Menschen, die sich in ihm wohl fühlen.
Mithras Schöpfung ist keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern eine neue Ordnung (ein moralischer Kosmos), die Mithras in das vorhandene Chaos einbringen muss. Mithras muss zunächst die Sonne, seinen ersten Gegner, besiegen. Die beiden besiegeln dann einen Pakt. Danach muss Mithras einen wilden Bullen bekämpfen, er besiegt ihn und führt ihn in seine Kaverne. Von dort flüchtet der Bulle allerdings, und die Sonne verlangt seine Tötung. Mithras schlachtet den Bullen mit einem Messer. Aus der Wunde an dessen Hals fließt Blut auf die Erde. Aus dem Blut, dem Hirn und anderen Teilen des Bullen entstehen Wein, Pflanzen und das Leben allgemein. Ahriman, der Gott des Bösen, schickt den Hund, die Schlange und den Skorpion: Sie sollen verhindern, dass die fruchtbaren Säfte des Bullen, das Blut und der Samen, weiter auf die Erde fallen. Deren Versuch gelingt nicht, und der neue Kosmos entsteht.
Ähnlich geartet, wenn auch in den Motiven der Mythen verschieden, erzählen andere mesopotamische und ägyptische Schöpfungsmythen.
Im mesopotamischen Schöpfungsmythos Enuma Elish etwa entsteht Schöpfung durch die Zerteilung eines Urwesens: Marduk erschlägt das Seeungeheuer Tiamat, spaltet es, mit der einen Hälfte bildet er den Himmel und mit der zweiten die Erde. Schöpfung ist auch hier das Ordnen einer prä-existenten chaotischen Materie.
Aus dieser mythischen Tradition, die in ganz Mesopotamien wie auch in der ägyptischen Kultur gegenwärtig war, mit der das Volk Israel während der Jahre seiner Präsenz dort in Kontakt getreten ist, ist auch die biblische Schöpfungserzähltradition hervorgegangen. Natürlich mit großen Unterschieden. Aber auch mit starken Reminiszenzen.
Die meisten Mythenforscher, besonders die, die sich der monotheistischen jüdisch-christlichen Tradition verpflichtet fühlen, betonen an dieser Stelle, dass die biblischen Schöpfungserzählungen der strengen monotheistischen jüdischen Tradition entstammen. Das stimmt mindestens zur Zeit der Entstehung der originär selbstständig existierenden Schöpfungsberichte keinesfalls. Lange Zeit lebten die Israeliten mitten in einer polytheistischen Welt. Die Jahwetreuen wehrten sich gegen die Abtrünnigen, die zu anderen Göttern liefen und sie verehrten. Lange Zeit war es den Israeliten verboten, sich anderen Göttern zuzuwenden, weil diese die Götter anderer Völker waren.
Zu welchem Zeitpunkt die Israeliten anfingen, monotheistisch zu denken, ist leider nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren. Eine interessante und nahe liegende These besagt, dass die Israeliten erst zu der Zeit, als der Tempel zu Jerusalem und die sich darin befindliche Bundeslade, der Ort der Gegenwart Jahwes auf Erden, von den Babyloniern zerstört wurden, anfingen, an einen einzigen, nicht lokal festzumachenden Gott zu glauben, den sie immer noch Jahwe nannten, der nirgendwo ansässig und doch überall ist.
Wir können also festhalten: Auch Jahwe und Elohim sind – philosophisch gesehen – Demiurgen. Vor ihrer Schöpfertätigkeit existierte das Wasser oder die trockene Erde oder beides. Das Chaos war, bevor sie erschufen.
Mythisch gesehen sind Jahwe und Elohim genauso tätig wie die anderen Schöpfer. Denn Elohim und Jahwe haben das Chaos geordnet, zu Himmel und Erde bzw. zum Garten Eden umgestaltet, der eine mit seinem Wort, der andere mit seinen Händen: Ordnend haben sie für den Menschen einen Kosmos, eine Heimat erschaffen.
Im besten mythischen Sinn ist derjenige, der für den Menschen einen Kosmos schafft, ein Gott, weil er für die Menschen einen sakralen Lebensraum schafft, in dem der Mensch gedeihen kann. Das haben aber auch die anderen mythischen Schöpfergötter getan.
Unser heutiger Gott, den wir Christen uns im Laufe der letzten 20 Jahrhunderte erschaffen haben, ist anders als Jahwe und Elohim. Unser moderner Gott soll alles aus dem Nichts erschaffen haben. Nach unserem modernen christlichen Gottesbild ist ein Demiurg als Schöpfer-Gott eigentlich arm dran: Er ist – in unserem heutigen christlichen Sinn – gar kein echter Gott, sondern ein unvollkommenes Wesen, das nicht alles erschaffen hat.
Andererseits berufen sich die Christen auf die Schöpfungsgeschichten aus der Bibel, über die wir gerade reden. Und diese lassen die Interpretation zu, dass Elohim und Jahwe wie die anderen Götter nicht aus dem Nichts erschaffen haben.
Wie wir sehen werden, ist auch philosophisch und theologisch die Möglichkeit gegeben, dass der christliche Gott nicht aus dem Nichts erschaffen hat. Es ist auch keine Aussage des Glaubensbekenntnisses, dass Gott aus dem Nichts erschaffen hat.
Wie sähe dann das Verhältnis zwischen dem Schöpfergott – wie er auch heißen mag – und der unförmigen, chaotischen Materie aus?
Vielleicht existierte Gott vor dem Chaos. Dann gibt es – nach menschlicher Logik – zwei Alternativen: Das Chaos wurde von ihm zuerst geschaffen, praktisch als Vorstufe der Erschaffung des Kosmos. Wozu hätte aber ein Chaos erschaffen werden sollen, das etwas Unvollkommenes, Unwürdiges für unseren vollkommenen Gott ist? Oder das Chaos wurde von Gott nicht erschaffen. Von wem stammt es dann? Gibt es einen zweiten Schöpfer, der für das Chaos verantwortlich gemacht werden kann, bevor Gott herangeht und das Chaos in einen Kosmos verwandelt?
Oder das Chaos existierte neben Gott. Dann ist Gott nicht der Erste, nicht das Alpha und das Omega, sondern ein Mitwesen. In diesem Fall hätte er – ähnlich wie in anderen Schöpfungsmythen – gegen das Chaos gekämpft und es besiegt. Darin läge eventuell die Wurzel des Bösen in der Welt, das durch die Schöpfertätigkeit nicht ganz besiegt und beseitigt wurde.
Die Koexistenz von Chaos und Gott, von Urmaterie und Schöpferkraft, von orientierungsloser Materie und zielgerichtetem Geist war möglicherweise eine echte Herausforderung für den Geist: Ursprünglich herrscht Zwiespalt in der noch nicht geordneten ›Welt‹, bis es dem Geist gelingt, der Materie eine Richtung zu geben, bis das Chaotische irgendwie bewohnbar, ein Kosmos wird, geisterfüllt ist, in dem nicht nur chaotischer Wind über chaotischem Wasser weht, sondern eine Brise Geist das neue Zuhause erfüllt.
Diese Theorie riecht stark nach Pantheismus einerseits, nach Gnosis andererseits. Pantheismus und Gnosis sind zwei Seiten einer Medaille, um die gemeinsame Wirkung von Geist und Materie auf eine kurze Formel zu bringen. Sie könnte aber einige Phänomene der ›geordneten‹ Schöpfung erklären, zum Beispiel die Anwesenheit von Unvollkommenheit und Bosheit in der Welt.
›Himmel und Erde‹ ist das, was der Mensch mit bloßen Augen sieht.
Auch heute ist es so. Der blaue oder wolkenbehangene Himmel. Wenn der Himmel blau ist, sieht man die Sonne, nachts sieht man den Mond und die Sterne. Nachts herrscht die Dunkelheit, tags das Licht.
Und die Erde trägt uns, wir stehen oder knien oder gehen auf ihr. Auf der Erde leben auch Tiere und Pflanzen. Flüsse durchqueren die Erde, und der Regen macht sie fruchtbar.
Je enger der Gesichtskreis, desto heimischer sind Himmel und Erde, je größer der Gesichtskreis, desto unbekannter und unheimlicher sind sie.
Dieses ›Himmel und Erde‹ wurde von Elohim erschaffen.
