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Die bittersüße Liebesgeschichte von Mia und Benjamin Benjamin hat alles: er ist glücklich, hat einen guten Job und ist mit seiner ersten Liebe verheiratet. Doch dann trifft er auf Mia. Dieses geheimnissvolle Mädchen, das seine Welt auf den Kopf stellt. Sie ist anders. Sie ist bunt, schrill und wie ein Vogel im Wind. Doch er erkennt schnell: je großartiger die Geschichten, desto schmerzhafter wird der Fall. Der Fall aus den schützenden Wolken. In binnen von Sekunden blickt er in einen verzerrenden Abgrund, in eine sonderbare Düsterheit, die ihm all das Licht raubt. Und verliert innerhalb von Sekunden die Liebe seines Lebens... Er muss sich entscheiden, wie er mit dem Tod und Verlust umgeht, ohne selbst bitterlich daran zu zerbrechen. Schicksal: bitter und vergänglich. Eine Geschichte, vorherbestimmt und längst beendet.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2023
Paulina R. Danne
Der Liebe so nah
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Sitzung Eins
Sitzung Zwei
Sitzung Drei
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Sitzung Vier
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Sitzung Fünf
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Sitzung Sechs
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Sitzung Sieben
Sitzung Acht
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Sitzung Neun
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Sitzung Zehn
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Sitzung Elf
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Sitzung Zwölf
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Sitzung Dreizehn
Sitzung Vierzehn
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Sitzung Fünfzehn
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Sitzung Sechszehn
Sitzung Siebzehn
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Sitzung Achtzehn
Sitzung Neunzehn
Sitzung Zwanzig
Sitzung Einundzwanzig
Sitzung Zweiundzwanzig
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Sitzung Dreiundzwanzig
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Sitzung Vierundzwanzig
Sitzung Fünfundzwanzig
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Sitzung Sechsundzwanzig
Epilog
Danke.
Impressum neobooks
Paulina R. Danne
Der Liebe so nah
Romantik
Und so wie uns das Schicksal in den Rücken fällt.
Mit jedem Moment. Und jedem Herzschlag.
Mit jeder Geschichte.
Achtung!
In dem Buch geht es um Depressionen,
Tod und Trauer.
Es war düster. Ein leichter Graupel legte sich über die schwammige Landschaft und verwandelte sie in etwas Graues und Monotones. Eine Komposition, die seine herbstliche Schönheit gänzlich verloren hatte. Zwischen den Wäldern kroch der Nebel und lechzte nach der Klarheit der Welt. Er wollte das kleine Fleckchen Erde mit einer solch stürmischen Gier verschlingen, dass er binnen von Sekunden über das Tal schwappte.
Und dennoch, gleich, wie sehr das Wetter seinen Unmut äußerte und grantig gegen die Berge schlug, saß ich in diesem Kleinwagen. Mein Körper bebte wie das Espenlaub im Wind. Die Finger waren ganz bleich und unter meine Nägeln trat eine ungesunde Bläue. Obgleich es mir zuwider war, meine Konzentration nun auf den Straßenverkehr zu lenken und in das milchige Nichts zu starren. Ich biss mir auf die Zunge und versuchte meine Nerven beisammenzuhalten. Wenngleich die Übelkeit mit dem Schwindel Fangen spielte.
Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie mein Fahrlehrer mir aufmunternd zulächelte. Ein sanfter Zug um seine Lippen; eine herzerwärmende Geste, die mich daran erinnerte, dass ich alles schaffen konnte – wenn ich es wollte. Ich müsste mich einfach nur anstrengen, mich fokussieren und mich nicht meiner flatternden Aufregung hingeben. Nur für diesen einen Moment…
Ja, ich schaffte das. Ein Kinderspiel. Ich atmete angespannt aus und griff mit den schwitzigen Fingern fester um das Lenkrad, welches sich kühl gegen meine Haut presste. Im Radio dudelte die Musik leise vor sich hin und versuchte gegen die Anspannung zu rebellieren, die im Auto herrschte. Der Prüfer saß auf der Rücksitzbank, brummte missmutig und arbeitete gelangweilt seinen Aufgabenkatalog durch. Hin und wieder raschelte Papier, als er durch die Seiten blätterte. Akribisch beäugte er mein Tun, als würde er nur auf einen klitzekleinen Fehler warten. Eine Unachtsamkeit, ein kurzes Vergessen. Und ich war mir sicher, dass seinen Adleraugen, die sich hinter der bauchigen Brille versteckten, nichts entging.
»An der nächsten Kreuzung bitte rechts abbiegen«, brummte der Prüfer und kritzelte mit einem Kugelschreiber hart auf dem Papier. Ich warf einen raschen Blick in den Rückspiegel und sah in das speckige Gesicht des alten Mannes. Er wirkte weder sympathisch noch sickerte ein Hauch an Empathie aus seiner Haltung. Sie wirkte unnahbar und kühl, als wäre das alles hier ein Übel. Ein Muss, das ihn morgens aufstehen ließ. Für ihn war es keine Berufung. Es diente lediglich dazu, dass er seine Rechnungen bezahlen konnte; dem war ich mir sicher. Er saß hier, weil ihm nichts anderes übrig blieb.
Mit zittrigen Fingern betätigte ich den Blinker und unterdrückte das Rumoren in meinem Bauch, welches mich seit Anbeginn der Fahrt begleitete. Ich zwang es so weit in meinem Kopf zurück, dass es mit der steigenden Angst zurück in seinen Käfig verschwand. Dumpf vernahm ich es wie einen düsteren Hall in meinem Körper. Eine leise Stimme, die meine Seele mit ihrem Flüstern vergiftete.
Die warme Luft zirkulierte im Auto, als ich um die Kurve fuhr. Sie stieß mir in das feuchte Gesicht, welches sich so eisig anfühlte als stände ich im Schneeschauer. Sanfte Flocken berührten meine Wangen. Flocken. Einzigartig und wunderschön. Verschwommen. Schnee, der mich an die friedliche Kindheit erinnerte.
Wie die tobenden Flocken im Schneesturm: tanzend, sanft und doch ruhig. Ein federleichtes Prickeln auf meiner brennenden Haut und ein leises Rieseln in meinen Ohren. Ein beruhigendes Lied, das mich von Innen wärmte. Träge öffnete ich meine Lider, die sich schier weigerten und mir die Sicht raubten. Obgleich ich mich nicht erinnern konnte, dass ich sie geschlossen hatte. Eben noch hatte ich die Straße vor mir gesehen. Nun jedoch… Ich ächzte und versuchte abermals meine Augen zu öffnen. Doch sie klappten unkontrolliert auf und zu – auf und zu, auf und zu.
Nur langsam nahm ich mein rauchiges Umfeld wahr. Mein Blick war verzerrt, als befände ich mich unter Wasser. Ich fühlte mich weit entfernt und ich versuchte mich an das Hier und Jetzt zu klammern. Doch es verschwamm. Wie die Strömungen in einem reißenden Fluss. Ich konnte meine Gedanken nicht sammeln, sie flohen vor mir und selbst mit der größten Mühe konnte ich sie nicht wieder einfangen. Abermals startete ich den Versuch, die Augen zu öffnen. Ich blickte auf meine blutbehafteten Finger, in denen sich glänzende Scherben verirrt hatten. Scharf und schmerzend umhüllten sie meinen bebenden Leib wie eine schützende Decke.
Und dann hörte ich es: Mein rasselnder Atem, der mit jedem Herzschlag schwächer wurde, als kostete es meinen Körper seine letzte Kraft. Vor meinem inneren Auge preschte ein Bild auf mich zu, riss mich aus dem Delirium zurück in die Realität. Pochender Schmerz schleuderte sich brachial durch meine Nervenbahnen und stach mit seinen messerscharfen Sporen auf mich ein. Ein Schrei entfloh meinen trockenen Lippen, leise und stumm brach er aus mir heraus, während sich mein Körper krümmte und wendete. In meinen Ohren klang das Echo von quietschenden Reifen und protestierenden Gehupte, von unmenschlichem Gebrüll und nassem Getröpfel. Mein Körper wollte fliehen, wollte sich in den Frieden betten, der sich schützend vor mir auftat. Es war kein Licht, nicht einmal eine Gewissheit. Es war das Gefühl vom Einschlafen, wenn die Traumwelt einen in die Dunkelheit lockte und sie mit bunten Farben schmückte. Wie der sanfte Schnee lag die Finsternis vor mir: wunderschön und erholsam. Sie war zum Greifen nah.
Ich öffnete meine Lider und sah in den sommerlichen Wald mit seiner ganzen Farbpracht. Das warme und rustikale Braun mit seinen Facetten und Schattierungen, das frische und lebendige Grün und das Gelb der hochstehenden Sonne. Sogar die schwarzen Sprenkel der Vögel verirrten sich in den Tiefen jener Augen, die mich weitaufgerissen anstarrten. Ich versuchte vergeblich die Worte zu verstehen, die über seine Lippen kamen. Er brüllte, schrie und packte nach mir. Tränen verwandelten den Wald in die Fluten eines Hochwassers. Die Farben verschwammen, lösten sich auf und vermischten sich zu einem Strudel. Ich verlor mich in ihnen und ließ den Deckel meines Buches langsam schließen. Ich wusste, dass niemand mehr durch die Seiten blättern würde und die geschriebenen Worte irgendwann in Vergessenheit gerieten. Eine endlose Reise zwischen den Zeilen starb. Es war ein letztes Kapitel der Worte.
Dort war sie: die Finsternis. Mit einem gackernden Lachen nahm sie mich in ihre Arme. Sie entriss mich und küsste mich so stürmisch, dass ich in der Kälte ertrank.
Die Finsternis.
Sie raubte mein Buch.
Sie hieß mich willkommen.
Und ich starb.
Ein Lächeln, federleicht und selten. Ein Lächeln,
für immer in der Erinnerung.
Die Sonne verfing sich zwischen dem Geäst des Busches, der sich sanft in den herbstlichen Böen bog und wandte. Seine letzten Blätter klammerten sich verbissen an den dünnen Ästen, bevor der Wind diesen erbitterten Kampf gewann. Er trug sie davon; auf eine stürmische Reise des Herbstes.
Der junge Mann saß mit geballten Fäusten in dem Ledersessel und musterte die Frau vor sich. Ihr blondes Haar war streng zurückgebunden, während ein dunkler Lidstrich ihre blauen Augen betonte. Sie saß mit geradem Rücken auf ihrem Drehstuhl. Vor ihr der opulente Schreibtisch aus schweren Holz. Auf ihm tummelten sich ordentlich Zettel, Kugelschreiber und er konnte sogar Marker ausmachen. Ein einzelner Aktenordner lag auf dem Holz; geschlossen, sodass Benjamin nicht hineinsehen konnte.
»Mein Name ist Amelia Sanders«, stellte die Frau sich förmlich vor und legte eine graue Akte vor sich auf den Tisch. Direkt neben dem Ordner. Ihre Finger strichen über die Pappe und verharrten an der unteren Ecke. Sie sah auf die persönlichen Daten ihres Patienten, bevor sie durch die Seiten blätterte und anfing zu lesen. Eine Kerbe bildete sich auf ihrer Stirn. Es war offensichtlich, dass sie nachdachte – nicht wusste, wie sie das Gespräch fortführen sollte. Welche Worte würden als taktlos erscheinen? Oder welche gar plump?
So schwieg sie und gab Benjamin Zeit, sie zu beobachten. Jede noch so kleine Bewegung. Das Tippen ihrer Finger auf dem Papier. Das Zucken ihres rechten Lides oder das Geradeschieben ihres Stiftes.
Just in dem Moment als Benjamin die Stille durchbrechen wollte, reichte ihm Amelia Sanders die Hand. Er rührte sich nicht. Und sie… sie musterte seine braunen Augen. Benjamin senkte den Blick und seufzte. »Benjamin Neu«, murmelte er und knirschte abschließend mit den Zähnen. Sie grübelte einen Moment und nahm sich die Zeit des Schweigens. Nachdenklich sah sie zurück auf die Akte, die nun zwischen ihren Fingern verweilte.
»Wollen Sie mir erzählen, warum Sie hier sind?«, fragte sie und lächelte ihn freundlich an. Natürlich hatte sie von dem Passierten gehört. Und sie wusste genau, warum der Mann vor ihr saß. Doch wollte sie es aus seinem Mund hören. Worte, die über seine Lippen kamen und die Wahrheit aussprachen. Mit ihrer ganzen Bitterkeit.
Benjamin neigte gedankenverloren den Kopf. »Ich… ich sah etwas Schreckliches.« Für einen Herzschlag schloss er die müden Lider und strich sich über die Bartstoppeln. Er müsste sich dringend wieder rasieren, dachte er und verschob den Gedanken gleichdarauf jedoch wieder. Ihm fehlte die Kraft, der Elan oder einfach das Verständnis, den Rasierer aus der Schublade zu nehmen und sich zu rasieren. Wenngleich er mit dem Bart viel älter und sogar ungepflegter aussah.
»Können Sie mir dies genauer erklären?«, hakte Amelia nach und notierte sich das Verhalten ihres Patienten. »Können Sie mir dieses Schrecklich definieren?«
Seufzend rutschte Benjamin tiefer in den Sessel und vergrub die knochigen Finger in dem Leder. Es fühlte sich speckig unter seinen Fingerkuppen an. »Schrecklich«, fing er brüchig an, »ist ein Adjektiv für zigtausend Bedeutungen, Handhabungen und… Emotionen. Aber darum geht es nicht. Es geht um mehr. Um viel mehr.«
Der Kugelschreiber kratzte über das Papier. »Worum geht es dann?« Amelia erhoffte sich weit mehr von dem ersten Gespräch, respektierte jedoch die zögerlichen Antworten. Benjamin erkannte es an ihrer Körperhaltung, die sich ein wenig verändert hatte. Sie durfte nicht zu sehr nach vorn preschen, das wusste sie. Sie musste ihre eigene Neugierde zügeln, bevor sie etwas Unbedachtes äußerte.
Benjamin lachte weniger amüsiert als lustlos. »Sagen Sie es mir, Frau Doktor. Nein, warten Sie. Ich erkläre es Ihnen: Es geht um die Verarbeitung von Verlust.« Ein zynischer Zug schlich sich um seine dünnen Lippen und ließ eine Schrecklichkeit auf seinem hageren Gesicht zurück. Er wollte nicht zynisch sein. Nicht heute. Und im Grunde auch nicht in Zukunft. Doch es war einfacher, als den Schmerz in seinem Inneren zu akzeptieren. Damit zu leben.
Stirnrunzelnd ließ Amelia den Kugelschreiber klacken, dann nickte sie und schrieb auf. »Mir scheint, dass Sie wissen, wovon Sie sprechen…«, murmelte sie beim Schreiben und kritzelte Zeile um Zeile auf das Papier: stichwortartig und schmierig, in solchen Wellen, dass sie sichtlich zweifelte, es später einmal noch lesen zu können. Benjamin konnte es jedoch nicht entziffern. Es fehlten die Buchstaben, die lediglich aneinandergereihte Linien waren.
Benjamin seufzte; schwer und nachdenklich. Er wollte dieser Situation entfliehen, dennoch blieb er sitzen. Für sie; dem Mädchen, welches er verlor. Für diesen einen Schmetterling, den er hätte besser fangen sollen…
Ihm fiel auf, wie Sanders ihn musterte und versuchte, ihn bis auf seine Tiefen zu ergründen. Resigniert fuhr er sich fahrig durch das aschige Haar und stützte das Kinn auf den Handballen. Er fühlte sich zerstreut und seine Einzelteile schienen auf der gesamten Welt verteilt zu sein. Ein Laubhaufen, der sich von dem Wind in die Ferne treiben ließ. Und so sehr er es auch versuchte, er fand nicht mehr beisammen. »Wissen Sie, Frau Doktor, sie hatte das schönste Lächeln, welches ich jemals gesehen hatte.
Ehrlich, schonungslos und entwaffnend. Doch es verschwand. In dem Moment, als sie starb.
Ich höre sie – noch heute – jede Nacht schreien. Ihre verzweifelten Rufe, ihr Klagen. Wie sie ums Überleben kämpfte. Ich höre sie, diese schrecklichen Schreie, die durch meinen Körper hallten und mich unverhohlen daran erinnerten, wie jämmerlich schnell das Leben enden kann. Ja, sie hatte das schönste Lächeln… aber das bringt sie mir nicht mehr wieder. Ihr Lächeln konnte die Finsternis bezirzen und dennoch raubte sie ihr das Leben.«
Amelia Sanders schwieg. Und schwieg. Und schwieg.
Und er dachte an dieses Lächeln; dieses schreckliche Lächeln, das wie das Licht in einer andauernden Finsternis war.
Es sind die Träume; Träume, die uns in die Erinnerung betten. Träume,
die uns nie vergessen lassen.
Er nahm Platz und legte die zitternden Hände, welche er nur wenig später zu Fäusten ballte, auf die Lehnen des Sessels. Benjamin fühlte sich erschöpft, schläfrig und ausgelaugt. Seine Nächte waren erschreckend kurz gewesen und das Koffein hatte sein Übriges getan. Er wusste, wie er aussah. Obgleich er den Spiegel seit Tagen gemieden hatte. Er war ein Abbild gemeißelt aus Kummer und Müdigkeit. Vielleicht gar ein hageres Geschöpf, welches lediglich einer jämmerlichen Erinnerung aus vergangenen Tagen glich.
Die Gedanken trommelten lautstark in seinem Kopf und hinterließen einen pochenden Schmerz an seinen Schläfen. Mit jedem Atemzug versuchte Benjamin, diese Gedanken zum Verstummen zu bringen. Doch trotz all seiner Mühe tobten sie in einer plärrenden Lautstärke. Immer lauter und lauter. Bis es ihn beinahe zerriss.
Vom Schwindel gehalten hielt Benjamin den Kopf und strich mit eiskalten Fingern über die hitzige Stirn. Er wollte fliehen: fort von alldem, was seine Erinnerung schwarz färbte.
