5,49 €
Die »Albert Einstein« ist das erste Raumschiff, das die unermesslichen Entfernungen zu anderen Sonnensystemen überwinden kann. Ihre erste Mission führt sie in die Umlaufbahn um einen erdähnlichen Planeten. Ein Shuttle landet auf der Oberfläche. Geplant ist nur eine kurze Ersterkundung, doch dann katapultiert ein Triebwerksfehler die »Einstein« aus dem Orbit. Die vier Besatzungsmitglieder des Landefahrzeugs müssen lernen, in einer fremden Welt zu überleben, wo sie faszinierende Pflanzen und Tiere, aber auch intelligente Lebensformen entdecken. Diese Welt, der Planet der Lindwürmer, konfrontiert das Team mit ungeahnten Herausforderungen und tödlichen Gefahren.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2023
Gernot Schatzdorfer
AndroSF 160
Gernot Schatzdorfer
DER LINDWURMPLANET
AndroSF 160
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Februar 2023
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Klaus Brandt
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Kai Beisswenger
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 315 4
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 789 3
Die Schuppen des Lindwurms reflektierten glitzernd das Scheinwerferlicht. Der Körper des Tieres glänzte metallisch, vom eingeringelten Schwanz über die häutigen Flügel bis hin zum weit aufgerissenen Maul. Die silberne, etwa sechs Zentimeter lange Figur hatte Annes Aufmerksamkeit erregt.
»Sag mal, was macht denn der Drache da an deiner Jacke?«
Andreas seufzte. »Erinnere mich nicht daran! Eigentlich ist das gar kein Drache, sondern ein Lindwurm, das Wappentier meiner Heimatstadt Klagenfurt. Der Bürgermeister hat ihn mir persönlich angesteckt, bei der Abschiedsfeier vor unserem Abflug. Dann kam die unvermeidliche schwülstige Rede. ›Klagenfurts Botschafter im Weltall‹ und so weiter. Es war mir ziemlich peinlich.« Fast entschuldigend fuhr Andreas fort: »Wenn es nach mir ginge, würde ich mir so etwas nie anstecken. Aber der Bürgermeister hat an höchster Stelle interveniert, und jetzt muss ich das Ding bei jedem offiziellen Anlass tragen. Befehl vom Käpt’n.«
Anne wollte darauf antworten, doch der Kapitän schnitt ihr das Wort ab. Schon wieder musste Andreas eine pathetische Rede über sich ergehen lassen. Der Raumschiffkommandant sprach von einem historischen Moment. Diesmal waren große Worte aber angemessen, die Albert Einstein war schließlich das erste Raumschiff, das interstellare Entfernungen überwinden konnte. Sie kreiste jetzt, viele Lichtjahre von der Erde entfernt, um einen erdähnlichen Planeten mit der Katalognummer ES59b. Der Biologe Andreas Rebernig gehörte wie die Chemikerin Anne Christensen zum Landeteam. In wenigen Stunden würden sie als erste Menschen eine Welt betreten, die in einem fremden Sonnensystem ihre Kreise zog.
Urs Forster, Pilot der Landefähre und Kommandant des Erkundungsteams, hatte einen sicheren Landeplatz gefunden. Sie waren auf einer Lichtung niedergegangen, die von niedriger Vegetation bedeckt war, umgeben von einem Urwald, dessen Bäume an riesige Farne und Schachtelhalme erinnerten. Der Boden war feucht und stellenweise sumpfig. Vom Waldrand war das Geplätscher eines kleinen Baches zu hören.
»Faszinierend, das Blattgrün hier geht viel mehr ins Gelbliche als auf der Erde.« Andreas war begeistert. »Das muss eine evolutionäre Anpassung an die spektrale Zusammensetzung des Sonnenlichtes sein.« Eifrig brachte er eine Pflanzenprobe nach der anderen in das Landefahrzeug.
Urs ermahnte ihn: »Geh nicht zu weit vom Shuttle weg, das könnte gefährlich werden. Wir wissen nichts über Raubtiere hier. Vielleicht gibt es sogar fleischfressende Pflanzen.«
Wie zur Bestätigung stieß Andreas einen Schrei aus: »Ah! Verdammt, was war das?«
Er eilte zurück zum Shuttle und sagte nach kurzem Verschnaufen: »Da war so eine Art Wurm, mindestens einen halben Meter lang. Das Vieh ist richtig hochgesprungen und hat meinen Arm gestreift. Ich habe es nicht so genau gesehen, aber ich glaube, es hatte an einem Ende so etwas wie Fühler, Barteln oder Tentakel.«
»Da hast du jetzt deinen Lindwurm!«, bemerkte Anne, die gerade mit Wasserproben vom Bach zurückgekehrt war.
»So wie der hochgeschnellt ist, würde ich ihn eher als Springwurm bezeichnen. Ich muss unbedingt wieder hinaus, vielleicht kann ich ein paar Fotos machen. Immerhin ist es das erste tierische Leben, das wir außerhalb des Sonnensystems entdeckt haben.«
Urs widersprach: »Das schaffen wir nicht mehr, die vorgesehene Zeit für die Ersterkundung ist um. Also packen wir ein und machen uns startbereit. Die Einstein wird sich gleich melden.«
Andreas war enttäuscht, denn er wusste, dass die Einstein sofort nach der Rückkehr der Fähre die Heimreise zur Erde antreten würde. Die gesamte Mission war nur als Testflug für den neu entwickelten Interstellarantrieb gedacht, die eigentlichen Forschungseinsätze sollten später folgen.
Das Mutterschiff meldete sich tatsächlich nur wenig später: »Macht euch bereit, wir erreichen den Rendezvouspunkt in fünfundzwanzig Minuten. Wir fahren schon das Interstellartriebwerk hoch.
– Was zum Teufel passiert da?«
Aus dem Funkgerät drang aufgeregtes Stimmengewirr: »… das geht viel zu schnell … was ist mit dem Reaktor los … Programmfehler in der Startsequenz … Triebwerk abschalten … Sequenz stoppen … da ist was schiefgelaufen … Abbruch, Abbruch! …«
Die Verbindung war unterbrochen. Urs versuchte wieder und wieder, die Einstein anzufunken, aber ohne Erfolg. Er tastete ihren berechneten Ort in der Umlaufbahn mit dem Radar ab, bekam aber kein Signal. »Sie ist weg!«
Mira Barboric, die Vierte im Außenteam, fragte nach: »Urs, was meinst du damit?«
Urs atmete durch, es fiel ihm schwer, ruhig zu bleiben: »Die Einstein ist nicht auf ihrer Umlaufbahn, auch sonst nirgends in der Nähe.«
»Wie kann das sein?«, hakte Mira nach.
»Ich habe nur eine Erklärung dafür: Der Interstellarantrieb hat verrückt gespielt, und sie mussten den Dimensionssprung zu früh einleiten. Sie sind uns davongeflogen!«
Andreas brachte es auf den Punkt: »Das heißt wohl, wir sitzen hier fest.«
»Ja, wir sitzen hier fest«, bestätigte Urs. »Wir können nur hoffen, dass sie die Triebwerksprobleme in den Griff bekommen und uns so schnell wie möglich hier abholen.«
Andreas schüttelte den Kopf. »Ich wollte ja unbedingt länger hierbleiben, aber so habe ich mir das nicht vorgestellt. Was machen wir jetzt?«
Für Anne war die Sache klar. »Als Forschungsteam sollten wir unsere Arbeit machen und uns genauer umsehen. Andreas ist ohnehin schon ganz heiß auf das Ökosystem da draußen.«
Mira wandte ein: »Zuerst müssen wir einmal unser Überleben sichern. Wir wissen nicht, wann die Einstein uns holen kommt, wenn überhaupt. Wir brauchen Nahrung und Wasser.«
»Und wir müssen uns vor Gefahren schützen«, ergänzte Andreas. »Der Schreck mit dem Springwurm hat mir gereicht. Wer weiß, was es hier sonst noch für Biester gibt.«
»Ihr habt alle recht«, fasste Urs zusammen. »Wir sollten unsere Untersuchungen fortsetzen. Aber jetzt geht’s nicht mehr um Forschung, sondern um Leben und Tod. Mit den Notrationen haben wir etwa eine Woche lang zu essen, Wasser gibt es in dem Bach da drüben. Anne, als Erstes solltest du die Wasserproben auf Trinkbarkeit überprüfen und wenn nötig eine Destillationsanlage aufzubauen. Dann müssen wir die Pflanzen untersuchen, ob etwas Essbares dabei ist. Du solltest gleich damit anfangen, Andreas. Proben hast du ja schon genug gesammelt.«
Während Andreas und Anne mit ihren Analysen begannen, überlegte Urs: »Ich glaube, wir können die Fähre vorerst hier stehen lassen. Es gibt einen Bach in der Nähe, und der Waldrand ist weit genug entfernt, dass uns Raubtiere nicht überraschen können. Wir werden es uns hier so gut es geht häuslich einrichten. Wegfliegen möchte ich nur, wenn es gefährlich werden sollte, einstweilen will ich Treibstoff sparen. Wir werden es in dieser Fähre wohl noch eine Weile miteinander aushalten müssen.«
Stunden später kündigten lange Schatten den Abend an. Anne und Andreas hatten gemeinsam die Wasser- und Pflanzenproben analysiert, Urs hatte die Bordsysteme der Landefähre durchgecheckt, die Informatikerin Mira hatte sich die Computeranlage angesehen. Urs war auch um das Shuttle herum gegangen, um Triebwerk und Außenhülle zu überprüfen. Nun setzten sich alle vier zusammen und tauschten ihre Ergebnisse aus.
»Zuerst gleich eine gute Nachricht«, begann Urs. »Die Fähre ist in hervorragendem Zustand. Wir könnten jederzeit … Aber was ist denn das?«
Er blickte aus dem Fenster, die anderen folgten seinem Beispiel. Überall auf der dämmrigen Waldlichtung sahen sie Springwürmer in die Luft schnellen, anscheinend schnappten sie auf diese Weise nach kleinen Insekten. Die ganze Lichtung war von Bewegung erfüllt. Urs meinte: »Zum Glück habe ich meinen Rundgang schon früher gemacht, jetzt will ich nicht mehr hinaus.«
»Besonders sympathisch sind die Viecher ja nicht«, sagte Mira. »Aber so richtig gefährlich kommen sie mir auch nicht vor.«
»Es gibt da draußen bestimmt noch andere Tiere«, gab Andreas zu bedenken. »Die Würmer stehen vermutlich nicht an der Spitze der Nahrungskette. Sie werden von anderen gefressen, und die sind vielleicht wieder Beute. Am Ende haben wir es mit Raubtieren in der Größe von Löwen oder Tigern zu tun, oder sogar vom Kaliber eines Tyrannosaurus Rex.«
»Klingt ja nicht gerade beruhigend!« Anne schaltete sich in das Gespräch ein. »Aber von mir gibt’s eine gute Neuigkeit. Das Wasser ist ohne Aufbereitung trinkbar, ich habe keine Hinweise auf Gifte oder Mikroben gefunden. Mit dem Essen könnte es komplizierter werden. Erzähl weiter, Andreas!«
Er nickte. »Es handelt sich hier zwar um pflanzliches Leben auf Kohlenstoffbasis, aber mit den proteinartigen Verbindungen in den Blättern kann unser Stoffwechsel nichts anfangen. Ich habe allerdings aus verdickten Wurzelknollen eine kohlenhydratähnliche Substanz isoliert, die als Energiespeicher dienen dürfte. Das Zeug braucht zwar noch eine Vorbehandlung, wenn unser Verdauungssystem damit klarkommen soll, das sollten wir aber auch ohne das Einstein-Labor hinkriegen.«
Mira ergänzte: »Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als mit Versuch und Irrtum herauszufinden, ob wir diese Substanz verdauen können. Ich melde mich freiwillig als Versuchskaninchen.«
Urs schüttelte den Kopf. »Nicht so schnell! Wir sollten kein unnötiges Risiko eingehen. Wenn du dich jetzt vergiftest und wir morgen abgeholt werden, war die Aktion umsonst. Ich schlage vor, wir beginnen erst mit den Selbstversuchen, wenn die Einstein nicht innert dreier Tage auftaucht. Inzwischen ernähren wir uns von Notrationen.«
Ein greller Schrei aus dem Wald unterbrach die Diskussion. Weitere Schreie in unterschiedlicher Lautstärke folgten. Alle vier lauschten gebannt, bis wieder Ruhe einkehrte. Dann sprach Urs weiter: »Das bringt mich auf das nächste Thema, unsere Sicherheit. Wir sollten die Nacht immer im Shuttle verbringen und unsere Erkundungen auf Tagesausflüge beschränken.«
Mira fragte nach: »Und wie wehren wir uns gegen die Biester da draußen? Wir haben ja keine Waffen dabei.«
Urs widersprach: »Das stimmt nicht. Für Notfälle haben wir eine versiegelte Kammer mit einer Projektil- und einer Strahlenwaffe. Aber das wissen nur Shuttlepiloten und Führungsoffiziere.«
Andreas wandte ein: »Aber hilft uns das weiter? Ich bin mit so einem Ding völlig untrainiert.«
»Mit Feuerwaffen kann ich gut umgehen«, entgegnete Urs. »Anne, Mira, hat eine von euch Erfahrung mit Strahlenpistolen?«
Zögernd meldete sich Mira: »Ich habe vor Jahren einmal einen Grundkurs gemacht. Das mussten alle Teilnehmer vor der Expedition der Kallisto ins äußere Sonnensystem machen. Eigentlich mag ich Waffen überhaupt nicht, seit damals habe ich nie mehr so ein Ding in der Hand gehabt.«
»Das muss trotzdem reichen. Dann nehme ich die Handfeuerwaffe, du die Strahlenpistole. Andreas und Anne, ihr müsst euch mit euren Messern begnügen.«
»Mir genügt das aber nicht!«, erwiderte Andreas.
»Was soll das heißen?«, erwiderte Urs scharf.
Andreas hob die Hände. »Nein, nein, ich will dir nicht dein Schießeisen streitig machen, ich könnte auch gar nicht damit umgehen. Und schon gar nicht will ich so was wie eine Meuterei anzetteln, das wäre jetzt wohl das Dümmste. Ich habe nur gemeint, dass ich mir noch eine Waffe bauen will, irgendeinen Spieß aus Holz, ein kräftiger Stock würde es vielleicht auch schon tun.«
Urs nickte. »Na gut, mach das.« Er seufzte und fuhr fort: »Eins noch! Ich habe das Kommando über unsere Expedition und trage die Verantwortung. Wenn unsere Gruppe funktionieren soll, muss das allen klar sein, denn wir sind nicht handlungsfähig, wenn wir über jede Kleinigkeit endlos diskutieren.«
Anne erwiderte: »Wir sollten die Kommandostruktur aber nicht so straff sehen wie beim Militär, wir sind ein Team und sollten Entscheidungen möglichst gemeinsam fällen.«
»Keine Angst, ich will hier nicht den Diktator spielen«, lenkte Urs ein. »Mein Wort als Leiter zählt dann, wenn es schnell gehen muss. Und jetzt schlage ich vor, dass wir uns zur Nachtruhe bereit machen. Ich übernehme die erste Wache, nach zwei Stunden wecke ich Mira, so machen wir es reihum, okay?«
In der Morgendämmerung setzten sich die vier zu einem kargen Frühstück zusammen.
»Ich dachte schon, die Nacht hört überhaupt nicht mehr auf.« Mira gähnte und streckte sich.
Urs antwortete: »Mir ging es ähnlich, aber daran müssen wir uns hier gewöhnen. Die Messungen aus der Umlaufbahn haben für den Planeten eine Rotationsperiode von fast dreißig Stunden ergeben.«
Andreas wollte sich gleich nach Tagesanbruch auf den Weg machen, um Holz für einen Speer zu suchen. Anne schloss sich ihm an. Urs öffnete die Waffenkammer, nahm die Handfeuerwaffe an sich und händigte Mira die Strahlenpistole aus. Seinen Vorschlag, Andreas und Anne zu begleiten, nahmen die beiden dankbar an, denn die unheimlichen nächtlichen Geräusche hatten alle verängstigt. In der Zwischenzeit sollte Mira beim Shuttle die Stellung halten.
Andreas und Anne fanden am Waldrand geeignete Stöcke, die sie an einem Ende zuspitzten. Ob das mehr war als eine Beruhigungsmaßnahme, konnte freilich noch niemand abschätzen. Bisher schien alles ruhig, größere Tiere tauchten nicht auf, auch die Springwürmer hatten sich verkrochen. Die drei wurden nur ständig von kleinen insektenartigen Flugwesen umschwärmt, die zwar nicht bissen oder stachen, aber auf allen freien Hautpartien lästigen Juckreiz auslösten, wenn sie sich dort niederließen.
Am Rückweg zur Fähre schreckte sie ein Schrei auf. Er klang anders als alles, was sie in der Nacht gehört hatten; harmonischer und vielfältiger, wie der Gesang der Buckelwale, nur mit mehr Zischlauten durchsetzt. Der Laut kam von oben. Sie blickten zum Himmel und sahen die Silhouette eines geflügelten Wesens, das im Gleitflug hinter den Bäumen verschwand.
Andreas platzte heraus: »Ich muss zum Shuttle, ich brauche den Feldstecher und die Kamera. Das müssen wir unbedingt dokumentieren. Wie groß war das Viech? War es klein und nahe, oder weit weg und riesig? War es eine Art Flugsaurier? Oder so was wie ein ganz gewöhnlicher Adler?«
Er legte die letzten paar Meter zum Shuttle im Laufschritt zurück, aber das Flugtier war verschwunden und tauchte nicht wieder auf.
Den Rest des Tages waren Andreas und Anne damit beschäftigt, aus den wenigen Laborgeräten an Bord einen Konverter zu bauen, mit dem sie größere Mengen verdauliche Kohlenhydrate erzeugen konnten. Währenddessen suchten Mira und Urs auf der Lichtung nach den Wurzelknollen, die für die Nahrungserzeugung nötig waren. Andreas hatte die Pflanzenspezies Grundbirnen getauft, in Anlehnung an eine regionale Bezeichnung für Kartoffeln.
Als Urs und Mira mit ihrer Ausbeute zum Shuttle zurückkehrten, kam in der kleinen Gruppe ein Hauch von Urzeitstimmung auf: Sie hatten einfache Werkzeuge gefertigt, und nun fühlten sie sich auch bei der Nahrungsbeschaffung auf die Kulturstufe der Jäger und Sammler zurückgeworfen.
Drei Tage waren vergangen, die Einstein hatte sich nicht blicken lassen. Währenddessen hatten die vier Zurückgelassenen so gut wie alle Knollen ausgegraben, die sie auf der Lichtung finden konnten, und zu Kohlenhydratextrakt verarbeitet. Mira kam auf ihren Vorschlag zurück, das Präparat zu testen und aß eine kleine Menge davon.
»Schmeckt ein bisschen fad …«, kommentierte sie, »… aber immer noch besser als die Notrationen.«
»Die wurden ursprünglich für die Armee entwickelt«, erklärte Urs.
»Genauso schmecken sie auch.« Mira ließ keinen Zweifel an ihrer kritischen Haltung allem Militärischen gegenüber. Doch nach kurzer Zeit hatte sie mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.
»Ich glaube, mir wird schlecht«, ächzte sie.
Auf ihrer Stirn erschienen Schweißperlen, ihr flacher, hechelnder Atem wurde immer wieder von lautstarkem Würgen unterbrochen. Minuten später hatte sie das Nahrungspräparat unter heftigen Krämpfen ausgespuckt. Immerhin schien es keine Langzeitfolgen zu geben, denn nach einer halben Stunde war sie wieder wohlauf.
Anne sagte: »Die Analyse hat nichts Giftiges ergeben. Irgendwas müssen wir übersehen haben. Mira, ich brauche eine Urinprobe von dir, vielleicht haben deine Nieren den Schadstoff herausgefiltert.«
Nachdem die Untersuchung abgeschlossen war, berichtete Anne: »Ich habe etwas gefunden. Das Gift ist eine eiweißähnliche Aminosäurenverbindung. Ein kleiner Rest davon war bei unserem Extrakt noch dabei, aber so wenig, dass ich es zuerst nicht entdeckt habe. Im Urin war es konzentriert, das hat mich auf die Spur gebracht. Wenn ich doch nur ein ordentliches Labor hätte!«
Mit Andreas’ Hilfe konnte sie die Aufbereitung so modifizieren, dass ihr Endprodukt die schädliche Substanz nicht mehr enthielt. Den nächsten Versuch wagte Anne selbst. Schließlich gab es keine Probleme mehr, denn als sie eine größere Menge zu sich genommen hatte, war sie satt. Auch der Blutzuckerspiegel stieg an, ihr Stoffwechsel konnte das Konzentrat also verarbeiten.
Nun kosteten die anderen die aufbereitete Nahrung. Mira griff allerdings nur zögerlich zu, die Erinnerung an die entsetzliche Übelkeit war noch zu frisch.
Urs war zufrieden. »Das beruhigt mich, wir werden vorerst nicht verhungern. So kann sich die Einstein doch etwas Zeit lassen.«
Andreas wandte ein: »Kohlenhydrate haben wir jetzt ja, aber kein Eiweiß und keine Vitamine. Wir müssen auf längere Sicht mit Mangelerscheinungen rechnen.«
Mira fragte: »Können wir nicht das Eiweiß so umbauen, dass es verdaulich wird?«
Andreas antwortete: »Das könnte im Prinzip funktionieren. Wir bräuchten dafür aber zumindest das Gentechniklabor der Einstein. Mit dem bisschen Laborgerät, was wir hier haben, geht das nicht. Dazu sind die Proteine zu unterschiedlich, auch die tierischen. Ich habe schon gestern eins der Viecher analysiert, die unseren Insekten ähneln.«
Anne hatte eine Idee: »Dann müssen wir eben unser eigenes Eiweiß nehmen. Vielleicht können wir einen Recyclingkreislauf aufbauen. Wir haben auf und in unseren Körpern genug Mikroorganismen von der Erde mitgebracht. Wir müssen nur die Richtigen heraussuchen, kultivieren und mit unseren Ausscheidungen düngen.«
Mira verzog das Gesicht. »Klingt ja nicht gerade appetitlich.«
»Du hast recht«, meinte Andreas. »Es dürfte nicht ganz leicht sein, eine artenreine Mikrobenkultur anzulegen, so ganz ohne schädliche Keime. Am ehesten sollte es noch mit Hefepilzen gehen. Die tragen wir genauso mit uns herum wie Tausende andere Spezies von Pilzen, Bakterien und Einzellern. Hefe ist eiweißreich und würde auch gleich wichtige Vitamine liefern. Der Nachteil ist, dass sich Hefepilze von Zucker ernähren. Wir müssten unsere mühsam erzeugten Kohlenhydrate chemisch in Zucker aufspalten und die Kultur damit füttern, dann bleibt uns weniger.«
Anne gab zu bedenken: »Wir haben das meiste von unserem wenigen Laborzubehör schon für den Kohlenhydratkonverter verbraucht. Also werden wir ziemlich improvisieren müssen.«
»Im Notfall könnt ihr auf das Ersatzteilset der Raumfähre zurückgreifen«, sagte Urs. »Es gibt dort einige Schläuche, Rohrstücke und Ventile. Während ihr beide …«, er deutete auf Andreas und Anne, »… euch mit der Hefekultur beschäftigt, werde ich draußen nach Knollen suchen. Mira, kommst du mit?«
Mira lächelte ihn an und sagte: »Gut, gehen wir krumpir suchen.«
»krumpir?«, fragte Andreas nach. »Meinst du damit unsere Grundbirnen?«
»Ja, das ist das kroatische Wort für Kartoffeln. Es sieht so aus, als hätten meine Vorfahren das deutsche Dialektwort übernommen. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier auf diesem abgelegenen Planeten noch etwas über irdische Sprachen lerne.«
Mira und Urs hatten die Lichtung systematisch abgesucht, aber kaum weitere Grundbirnen gefunden. Ein paar einzelne Pflanzen ließen sie stehen, um den Bestand nicht völlig auszurotten.
Nach den bisherigen Erfahrungen war alles größere Getier nachtaktiv, tagsüber war es immer ganz ruhig gewesen. Deshalb wagten die beiden nach Absprache mit Anne und Andreas eine kleine Expedition in den Wald. Sie gingen den Bach entlang, um nach weiteren Beständen der wertvollen Knollen zu suchen. Die Bäume wuchsen hier nicht besonders dicht, ihre Kronen ließen viel Sonnenlicht durch, es gab auch kaum Unterholz. So kamen sie gut voran, die ursprüngliche Vorsicht wich einer beinahe sorglosen Entspannung.
Nach einer Weile begann Urs ein Gespräch. »Ich habe nicht gewusst, dass du Kroatisch sprichst. Barboric klingt zwar slawisch, aber bei euch in Wien gibt es ja viele solche Namen. Dein Deutsch klingt so wienerisch, dass ich gar nie an Kroatien gedacht habe, auch an andere slawische Länder nicht.«
»Du kannst aber den Schweizer auch nicht verleugnen, od’r?«, entgegnete Mira und lachte.
Urs schmunzelte. »Sei froh, dass ich nicht in meiner Muttersprache rede, bei mir zu Hause wurde nur Schwyzerdütsch gesprochen.«
»Ich könnte mich mit Kroatisch revanchieren. Meine Vorfahren wohnen zwar schon seit Generationen in Wien. Ich fühle mich als Österreicherin. Ich spreche auch so, wie du ja selbst festgestellt hast. Aber mein Großvater ermahnte uns immer, wir sollten bei aller Integration unsere Wurzeln nicht vergessen. Drum hab ich auch Kroatisch gelernt.«
»Wenn wir zurückkommen, könnte Anne noch auf Dänisch umsteigen, und Andreas auf seinen Kärntner Dialekt. Dann brauchen wir ein Universalübersetzungsgerät wie in den Science-Fiction-Filmen.«
»Leider hinkt da die Wirklichkeit noch immer nach.« Die Informatikerin hatte sich viel mit dieser Thematik beschäftigt. »Menschliche Sprache ist einfach etwas Unlogisches, automatische Übersetzungen sind nach wie vor voller Fehler, und bei so was wie Schwyzerdütsch müssen wohl die besten Computer passen. Aber sag mal, Urs, von wo in der Schweiz kommst du denn?«
»Aus Zürich. Ich bin nicht weit von der Technischen Hochschule aufgewachsen. Ich habe dort Weltraumtechnik studiert, das lag ja nahe«, sagte er und lächelte verschmitzt.
»Und wie kommt es, dass du Pilot geworden bist und nicht Ingenieur?«
»Ich bin schon immer gern geflogen, in meiner Jugend mit Segelfliegern und Paragleitern, später habe ich den Flugschein für Motorflugzeuge gemacht. Und dann …«, er hielt inne, »… habe ich mich freiwillig zur Schweizer Armee gemeldet. Dort ließ ich mich zum Kampfpiloten ausbilden.«
Sein Zögern war berechtigt gewesen, denn die überzeugte Pazifistin Mira sah ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Abscheu an. Hastig setzte er fort: »Nein, du darfst mich nicht für einen verbohrten Militaristen halten. Ich war damals einfach flugbegeistert und auch etwas naiv. Das ist doch schon zwanzig Jahre her, ich bin jetzt schon lang in der zivilen Raumfahrt.«
»Damals hättest du mir nicht über den Weg laufen dürfen. Ich war als Studentin in der Friedensbewegung aktiv. Bei Demonstrationen, bei Podiumsdiskussionen und beim Verfassen von Artikeln für das Web war ich immer ganz vorn dabei. Damals gab es den panafrikanischen Krieg, wie du weißt. Es war fürchterlich, immer diese Bilder in den Medien, und die großen Waffenkonzerne haben sich daran dumm und dämlich verdient.«
»Ich kann dir da nur recht geben, ich glaube trotzdem, ganz werden wir auf so etwas wie Militär nie verzichten können, denn das Machtvakuum könnte von skrupellosen Kräften ausgenutzt werden. Die Soldaten müssten ja nicht einzelnen Staaten unterstellt sein. Meine Utopie geht in die Richtung einer überstaatlichen Weltpolizei.«
Mira seufzte. »Ach, ich habe Diskussionen in der Art schon so oft geführt, mein ideologischer Eifer ist etwas müde geworden. – Pst, hast du auch was gehört?«
Sie stellten sich Rücken an Rücken, entsicherten ihre Waffen und beobachteten angespannt die Umgebung, die hier dichter mit Unterholz überwuchert war. Einige bange Sekunden war es völlig still, dann brachen zwei wolfsgroße Tiere aus dem Gebüsch und bauten sich brüllend vor ihnen auf. Rieseninsekten! Wenigstens hatten diese bizarren, gepanzerten Wesen keine Flügel. Mit ihren mächtigen Kieferzangen sahen sie so schon furchterregend genug aus. Behutsam gingen die beiden Erdlinge rückwärts, die Raubtiere blieben stehen. Die Gefahr schien überstanden, als plötzlich aus der anderen Richtung noch so ein Biest auf sie zuraste. Urs und Mira sprangen zur Seite, doch das Wesen erwischte Mira mit seiner messerscharfen Kieferzange am Oberarm. Sie schrie auf. Ungläubig blickte sie auf ihren blutgetränkten Ärmel. Mit dem unverletzten Arm packte sie eines der vielen heuschreckenartigen Beine des Angreifers. So konnte sie sich die furchtbaren Kieferklauen vom Leib halten. Das Untier schnappte mehrere Male mit bedrohlichem Klicken ins Leere.
Urs schoss. Womöglich streifte die Kugel das Viech nur, aber der Knall schien es in die Flucht zu schlagen. Auch die anderen suchten das Weite, und das Rascheln und Knacken in den Büschen wies darauf hin, dass noch mehr von den unheimlichen Bestien auf der Lauer gelegen hatten und jetzt flohen.
