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Hendrik Conscience

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Beschreibung

In "Der Löwe von Flandern" verwebt Hendrik Conscience die aufregenden und dramatischen Ereignisse der flämischen Geschichte im Mittelalter mit fiktiven Erzählungen, die sowohl die menschliche Tragödie als auch die heldenhaften Taten seiner Protagonisten beleuchten. Der Roman beschreibt den Widerstand der Flamen gegen die Unterdrückung durch das französische Königreich, wobei Conscience einen lebendigen Erzählstil und eine eindringliche Bildsprache nutzt, die den Leser in die politischen und sozialen Konflikte seiner Zeit eintauchen lässt. Die sorgfältige Charakterzeichnung und die Darstellung des alltäglichen Lebens in Flandern bieten einen tiefen Einblick in die Kultur und Identität der Region und positionieren das Werk im Spannungsfeld von Historienroman und nationaler Identitätstheorie. Hendrik Conscience, einer der bedeutendsten flämischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war eine Schlüsselfigur in der Flämischen Bewegung und ein Befürworter der flämischen Sprache und Kultur. Sein Engagement für die flämische Identität und seine persönlichen Erfahrungen als Sohn eines pfälzischen Einwanderers prägten seine Sichtweise und flossen maßgeblich in die Entwicklung von "Der Löwe von Flandern" ein. Conscience' Werke sind geprägt von der Hoffnung auf nationale Wiedergeburt und dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Um "Der Löwe von Flandern" zu lesen, ist nicht nur ein Vergnügen, sondern auch eine erhellende Reise in die flämische Identität und Geschichte. Der Roman bietet wertvolle Einsichten in das Wirken von Heldenmut und Widerstandskraft und lädt den Leser ein, sich aktiv mit der Konstruktion nationaler Identitäten auseinanderzusetzen. Daher ist dieses Buch für Liebhaber der Geschichte sowie für Leser, die sich für gesellschaftliche Themen und die Entwicklung des flämischen Nationalbewusstseins interessieren, absolut empfehlenswert. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Hendrik Conscience

Der Löwe von Flandern

Bereicherte Ausgabe. Ein historische Roman aus Alt-Belgien
Einführung, Studien und Kommentare von Patrick Lehmann
EAN 8596547071648
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2022

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Der Löwe von Flandern
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen kollektivem Freiheitsdrang und persönlicher Loyalität entfaltet sich in Der Löwe von Flandern die Spannung eines Gemeinwesens, das unter äußerem Druck seine Identität entdeckt und aus dem Stoff der Erinnerung ein bindendes, zugleich ambivalentes Wir-Gefühl knüpft, während soziale Schichten, städtische Kräfte und feudale Ansprüche aufeinanderprallen, die Sprache zum Zeichen politischer Selbstbehauptung wird und die Frage, wer erzählt und wessen Geschichte überdauert, das Handeln der Figuren ebenso prägt wie das Leseerlebnis; indem Erinnerung, Symbolik und Macht ihre Spannungen verschränken, entsteht ein dramatisches Geflecht, das historische Ereignisse in existenzielle Prüfungen verwandelt und individuelle Stimmen in einen kollektiven Ruf nach Würde übergehen lässt.

Hendrik Consciences Der Löwe von Flandern ist ein historischer Roman, der im frühen 14. Jahrhundert in Flandern angesiedelt ist. Erstveröffentlicht 1838, entstand er in einem Belgien, das wenige Jahre nach der Staatsgründung nach kultureller Verortung suchte, und wurde zu einem einflussreichen Werk der flämischen Literatur. Die Handlung kreist um Städte wie Brügge und Kortrijk sowie um die politischen Spannungen zwischen lokalen Kräften und der französischen Krone. Conscience schrieb das Buch auf Niederländisch und verband romantische Erzählimpulse mit historischen Bezügen, ohne den literarischen Gestaltungswillen hinter die Dokumente treten zu lassen.

Zu Beginn zeichnet der Roman ein Flandern, das unter der wachsenden Einflussnahme der französischen Krone steht, während städtische Gemeinwesen, Zünfte und ein Teil des Adels um Selbstbestimmung ringen. Die Figuren entstammen unterschiedlichen Milieus; ihr Alltag ist von Abgaben, Reibungen und verletzter Ehre geprägt, aber auch von städtischem Stolz und solidarischen Gesten. In diesem Spannungsfeld entstehen Bündnisse und Rivalitäten, die den Blick auf ein mögliches Aufbegehren lenken, ohne dessen Verlauf vorwegzunehmen. Der Ausgangspunkt ist weniger eine einzelne Tat als eine verdichtete Stimmung, in der Zeichen, Banner und Worte bereits politische Kraft entfalten.

Die Erzählstimme ist allwissend und zuweilen mahnend, doch stets auf Anschaulichkeit gerichtet: Straßen, Werkstätten und Ratshäuser erhalten Kontur, ebenso Felder, Deiche und Hafenstädte. Conscience bevorzugt ein bildkräftiges, rhythmisch aufgebautes Erzählen, das Gefühl, Handlung und Reflexion in pathetischen, aber präzise geführten Bögen verschränkt. Die Sprache trägt romantische Färbungen, ohne auf die Direktheit populärer Szenen zu verzichten; ruhige Beschreibungen münden in energische Verdichtungen. So entsteht ein Ton, der zugleich erhebt und verdichtet, die historische Distanz markiert und doch Nähe sucht, und der Lesenden ein atmosphärisch dichtes, spannungsgeladenes Erlebnis ermöglicht.

Zentrale Themen sind Freiheit und Recht, Sprachbewusstsein und Zugehörigkeit, die Spannung zwischen Stadtgemeinden und Feudalordnung sowie das Verhältnis von adeligen Idealen und bürgerlicher Tapferkeit. Der Roman fragt, wie kollektive Identität entsteht, was Legitimität begründet und welche Rollen Mut, Ehre und Solidarität in Zeiten politischer Umbrüche spielen. Ebenso reflektiert er die Kraft von Symbolen: Wappen, Farben und Lieder strukturieren Gemeinschaft und Erinnerung. Hinter der dramatischen Oberfläche liegt eine Auseinandersetzung mit Geschichtsschreibung selbst, denn das Werk zeigt, wie Erzählungen Mobilisierung erzeugen können, ohne die Vielstimmigkeit der beteiligten Erfahrungen vollständig einzufangen.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Der Löwe von Flandern relevant, weil er die Herstellung politischer Gemeinschaften sichtbar macht und damit Fragen an unsere Gegenwart stellt: Wer spricht für wen, und wie werden Konflikte erzählerisch gerahmt? In Zeiten globaler Vernetzung und regionaler Selbstbehauptung sensibilisiert der Roman für die Macht von Sprache, Erinnerung und Symbolpolitik. Er bietet Anlass, Vorstellungen von Nation, Klasse und lokaler Autonomie kritisch zu prüfen, ohne das Bedürfnis nach Bindung geringzuschätzen. Zugleich regt er dazu an, populäre Geschichtsbilder auf ihre Entstehungsbedingungen, blinde Flecken und emotionale Wirksamkeit hin zu untersuchen.

Als Teil der europäischen Tradition des historischen Romans verknüpft Conscience erzählerische Spannung mit dem Bedürfnis, Vergangenheit für eine Gegenwart lesbar zu machen. Das Buch lädt ein, Flanderns Städte, Landschaften und sozialen Gefüge zu erkunden und über die Entstehung kollektiver Mythen nachzudenken, ohne die Offenheit der Ereignisse vorschnell zu beschneiden. Wer sich darauf einlässt, findet ein packendes, klar gegliedertes Panorama, in dem individuelle Schicksale und öffentliche Belange ineinandergreifen. So bietet Der Löwe von Flandern nicht nur geschichtliche Orientierung, sondern auch einen Prüfstein dafür, wie Literatur politische Imagination formt und Verantwortung im Erzählen übernimmt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Der Löwe von Flandern, 1838 von Hendrik Conscience veröffentlicht, ist ein historischer Roman über das Flandern des frühen 14. Jahrhunderts unter starkem Einfluss des französischen Königshofs. Im Mittelpunkt stehen soziale und politische Spannungen zwischen städtischem Bürgertum, Zünften und einem Teil des Adels, der mit der Krone verbunden ist. Conscience rahmt diese Konflikte als Kampf um Recht, Gewohnheit und Selbstbestimmung. Er verbindet historische Rahmendaten mit einer dramaturgisch zugespitzten Erzählung, die die Atmosphäre besetzter Straßen, rivalisierender Fraktionen und wachsender Unruhe einfängt. Der titelgebende Löwe fungiert dabei vor allem als Symbol kollektiver Identität und Beharrungskraft.

Zu Beginn verdichten sich Willkür, Steuerlast und kulturelle Bevormundung durch königliche Statthalter. Ratsstuben, Märkte und Werkstätten werden zu Bühnen, auf denen sich die Frage zuspitzt, wem Flandern verpflichtet ist: der fernen Krone oder dem gemeinen Wohl der Städte. Conscience betont die Selbstorganisation der Bürger, die Schlagkraft der Zünfte und die moralische Last von Kollaboration. Aus verstreuten Auseinandersetzungen entsteht ein strukturierter Widerstand. Loyalitäten spalten Familien, und das Misstrauen gegen hofnahe Kreise wächst. Der Ton bleibt erzählerisch und szenisch: Spannung erwächst aus Perspektivwechseln zwischen Straßenvolk, Magistraten und bewaffneten Gefolgsleuten, nicht aus gelehrter Chronistik.

Ein zentraler Bezugspunkt ist Robrecht van Bethune, historisch mit dem flämischen Fürstenhaus verbunden und im Roman zum Symbol standhafter Würde gezeichnet. Er steht für die Hoffnung auf rechtmäßige Ordnung gegenüber fremder Verwaltung, ohne als unfehlbarer Held zu erscheinen. Um ihn scharen sich Handwerker, Bauern und städtische Milizen, deren Motive zwischen Patriotismus, sozialem Aufstieg und persönlichen Rechnungen wechseln. Conscience nutzt diese Figur, um den Konflikt zu fokussieren: repräsentative Führung, jedoch abhängig von der Entschlossenheit der Gemeinschaft. Auch die Gegenseite bleibt erkennbar in ihrer Selbstwahrnehmung als Träger königlicher Autorität und Ordnung.

Die Handlung verschiebt sich von latenten Spannungen zu offenen Konfrontationen. Heimliche Treffen, Eidbünde und verabredete Zeichen strukturieren den Widerstand quer durch die Städte. Rivalisierende Lager, in der Tradition als Leliaerts und Klauwaerts bezeichnet, gewinnen Profil, wobei Verrat und Misstrauen den innerflämischen Riss vertiefen. Conscience zeigt, wie politischer Druck den Alltag verwandelt: Händlerkarren werden zu Munitionsdepots, Wirtshäuser zu Nachrichtenknoten. Gleichzeitig bleibt die Frage nach Legitimität virulent: Darf man gegen eine anerkannte Obrigkeit zu den Waffen greifen, wenn Recht und Gewohnheit verletzt werden? Die Erzählung balanciert Pathos mit der Unsicherheit über die Kosten der Eskalation.

Ein nächtlicher Aufruhr in Brügge markiert einen entscheidenden Wendepunkt. Aus punktuellen Schlägen gegen Repräsentanten der Besatzung wird ein weithin verstandenes Signal. Die Stimmung kippt von Furcht zu Entschlossenheit; sichtbar wird, wie spontane Volkshandlungen politische Strategien beschleunigen. Ohne in Detailgrausamkeit zu verfallen, zeichnet Conscience nach, wie Nachrichtenkuriere, Zunftbündnisse und ländliche Gemeinden einen gemeinsamen Takt finden. Aus städtischer Opposition erwächst eine breite Mobilisierung. Zugleich wächst die Gefahr kollektiver Ahndung, und führende Akteure ringen darum, Empörung in Disziplin, klare Befehlswege und haltbare Bündnisse zu überführen, um das Momentum nicht zu verlieren.

Die verfeindeten Kräfte sammeln sich schließlich im Raum um Kortrijk. Dort verdichten sich die Leitfragen des Romans: Wie kann Fußvolk gepanzerte Ritterheere bestehen? Wie wirken Gelände, Formation und Bereitschaft, Befehlen zu folgen, gegenüber individuellen Heldentaten? Conscience interessiert das Zusammenspiel aus taktischer Vernunft, Mut und städtischer Ordnungskraft. Der Fokus liegt auf Vorbereitung, Formierungsdruck und der psychologischen Last vorentscheidender Stunden, nicht auf ausgeschmückten Schlachtbildern. Der Schauplatz wird zur Projektionsfläche für das flämische Ringen um Eigenständigkeit. Wer obsiegt, bleibt im Spannungsbogen spätere Kapitel; entscheidend ist der Augenblick kollektiver Prüfung.

Jenseits des Geschehens entwirft der Roman eine Erzählung über Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit. Er zeigt, wie Geschichtsbilder entstehen und Gemeinschaften sich über Symbole, Rituale und geteilte Opfer definieren. 1838 publiziert, wurde das Werk zu einem Referenztext der flämischen Literatur und trug zur kulturellen Selbstvergewisserung bei, ohne den historischen Stoff in reine Parole aufzulösen. Es macht die Spannung zwischen städtischer Autonomie, adliger Herrschaft und königlicher Zentralmacht nachvollziehbar und zeigt, wie aus lokaler Empörung ein überregionales Anliegen wird. Die nachhaltige Wirkung liegt in der Verbindung politischer Idee mit erzählerischer Energie, nicht in der Auflösung einzelner Schicksale.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der historische Rahmen des Romans liegt im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert im Grafschaft Flandern, einem dicht besiedelten, stark urbanisierten Territorium des nordwesteuropäischen Küstenraums. Prägende Institutionen waren die feudale Ordnung mit dem Grafen von Flandern als Vasallen der französischen Krone, die städtischen Gemeinwesen mit weitreichenden Privilegien, die Zünfte als wirtschaftliche und militärische Organisationen, sowie die Kirche als Grundbesitzerin und Rechtsträgerin. Flandern war ein Zentrum der Tuchproduktion, gespeist durch englische Wolle und Nordseehandel. Rechtliche Eigenständigkeit der Städte beruhte auf Stadtrechten; bewaffnete Bürgerheere und Schöffenbanken sicherten lokale Autonomie gegenüber fürstlicher und königlicher Amtsgewalt.

Die politische Spannung kulminierte unter König Philipp IV. von Frankreich und Graf Gui de Dampierre. Gui versuchte 1294, seine Tochter Philippa mit dem englischen Thronfolger zu verheiraten, was eine Annäherung an England bedeutet hätte. Philipp IV. ließ daraufhin Guido und Philippa festsetzen; Philippa starb später in Haft. Der daraus erwachsende Flandrische Krieg von 1297 bis 1305 brachte französische Besatzungen und die Einsetzung königlicher Beamter, darunter Jacques de Châtillon als Statthalter. Französische Verwaltung, Truppeneinquartierungen und fiskalische Eingriffe verschärften die Spannungen zwischen Krone, gräflicher Partei und den autonomiebewussten Städten von Brügge, Gent und Ypern.

Innerhalb der flandrischen Städte verschränkten sich soziale und politische Konfliktlinien. Patrizische Ratsfamilien, oft frankophil und von Gegnern als Leliaards benannt, standen den Zünften und breiteren Bürgerschichten gegenüber, die als Klauwaards galten. Gewerbliche Interessen der Weber, Walker und Fleischer verbanden sich mit Forderungen nach Schutz der städtischen Freiheiten. Führungsfiguren wie der Weber Pieter de Coninck und der Fleischhauer Jan Breydel werden in Quellen und Erinnerungskultur mit der Mobilisierung in Brügge verknüpft. Französische Beamte griffen in Stadtrechte ein, was Privilegien und Selbstverwaltung bedrohte. Zunftmilizen, bewaffnet mit Spießen und Goedendags, wurden zu einem entscheidenden Machtfaktor.

Im Mai 1302 brach in Brügge ein Aufstand gegen die französische Besatzung aus, der als Brugse Metten bekannt wurde. Am 18. Mai töteten Aufständische zahlreiche französische Soldaten und lokale Anhänger der Krone; der Statthalter Jacques de Châtillon entkam. Chroniken berichten von sprachlichen Erkennungsproben, um Gegner zu identifizieren, doch die Details variieren. Der Aufstand festigte die Kontrolle der städtischen Milizen und leitete eine breitere Mobilisierung in Flandern ein. Diese Ereignisse schufen den unmittelbaren Vorlauf zur Feldschlacht des Sommers, in der städtisch-ländliche Verbände unter Adligen und Zunftführern gemeinsam gegen eine königliche Heeresmacht antraten.

Die Schlacht der Goldenen Sporen am 11. Juli 1302 bei Kortrijk endete mit einem markanten Sieg der flandrischen Fußtruppen über eine überwiegend aus schwerer Reiterei bestehende französische Armee. Das Gelände mit Gräben und feuchtem Boden sowie die dichte Infanterieformation begünstigten die Verteidiger. Der französische Oberbefehlshaber Robert II. von Artois fiel, ebenso zahlreiche andere Adlige. Als Trophäen eingesammelte Sporen wurden in der Liebfrauenkirche von Kortrijk aufgehängt und prägten die Erinnerung. Unter den flandrischen Anführern traten unter anderem Willem van Gulik und Gwijde van Namen hervor; die Schlacht stärkte kurzfristig die Autonomie der Städte und der gräflichen Partei.

Der französisch-flandrische Konflikt dauerte an. 1304 kam es zur großen Entscheidungsschlacht bei Mons-en-Pévèle, die keine klare Wiederholung des flandrischen Triumphs brachte und Frankreich strategisch begünstigte. Im Frieden von Athis-sur-Orge 1305 wurden Flandern hohe Strafzahlungen, Geiselnstellungen und Gebietsabtretungen auferlegt; zugleich blieb die kommunale Organisation der großen Städte wirksam. Robert von Béthune, der spätere Graf von Flandern und historische Namensgeber des Löwen von Flandern, regierte von 1305 bis 1322. Territorial betroffen waren insbesondere Lille, Douai und Orchies. Handel und Tuchgewerbe erholten sich schrittweise, doch die Spannungen zwischen königlichen Ansprüchen, gräflicher Autorität und städtischer Selbstbehauptung wirkten fort.

Hendrik Conscience veröffentlichte De Leeuw van Vlaanderen 1838 im jungen Königreich Belgien, das 1830 aus der Revolution hervorgegangen war. Die Romantik bevorzugte nationale Stoffe, heroische Vorbilder und mittelalterliche Kulissen. Conscience schrieb auf Niederländisch und trug damit zur Aufwertung der niederländischen Sprache in einem von französischer Elitenkultur dominierten Umfeld bei. Sein Roman popularisierte die Ereignisse von 1302 weit über den akademischen Diskurs hinaus. Conscience wurde später als der Mann bezeichnet, der seinem Volk das Lesen lehrte. Das Werk verband historische Recherche mit patriotischer Stilisierung und wurde zu einem Fixpunkt der entstehenden flämischen Bewegung.

Als historischer Kommentar spiegelt der Roman zentrale Diskurse des 19. Jahrhunderts: die Suche nach legitimer politischer Gemeinschaft, die Würde bürgerlicher Wehrhaftigkeit und die Anerkennung der Volkssprache. Die Erzählung prägte Symbole und Gedenkpraxis rund um den flämischen Löwen und den 11. Juli, der heute als Feiertag der Flämischen Gemeinschaft begangen wird. Sie stärkte die Vorstellung, dass städtische Selbstverwaltung und kollektive Rechte Tradition besitzen. Zugleich ist anerkannt, dass die Darstellung romantisierend ist und Figuren wie Jan Breydel und Pieter de Coninck überhöht. Gerade dadurch wirkte das Buch identitätsstiftend und kommentierte die politische Gegenwart seiner Entstehungszeit.

Der Löwe von Flandern

Hauptinhaltsverzeichnis
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.
XXIII.
XXIV.
Geschichtliche Darstellung
Nachwort.

I.

Inhaltsverzeichnis

Langsam ließ die rote Morgensonne ihr Nachtwolkengewand fallen, und jeder Tautropfen strahlte siebenfarbig ihr leuchtendes Bild zurück[1q]. Blaue Dunstwolken stiegen von der Erde auf, ruhten zögernd in den Baumwipfeln, und in zagender Liebe erschlossen sich taufeuchte Blumenkelche den ersten Strahlen des jungen Tages. Immer wieder hatte die Nachtigall ihr sanftes Lied erklingen lassen, aber das verworrene Zwitschern der anderen Waldsänger ließ ihre schmelzenden Töne verstummen.

Ein kleiner Trupp Ritter zog schweigend nach Rousselare[1]. Ihr Rossestampfen und Waffengeklirr störten den schweigenden Waldesfrieden. Ein Hirsch wurde aus seiner Einsamkeit aufgeschreckt, schoß aus dem Buschholz hervor und floh schneller als der Wind vor der drohenden Gefahr.

Gewänder und Waffen der Ritter waren so kostbar, daß man beim ersten Blick darauf schließen konnte, daß man Grafen oder noch höhere Herren vor sich hatte.

Ein seidener Waffenrock fiel in wallenden Falten von ihren Schultern, und ein versilberter Helm mit purpurnen und blauen Federn schmückte ihr Haupt. Die Stahlschuppen ihrer Panzerhandschuhe und die Goldmaschen ihrer Knieplatten blitzten in der flammenden Morgensonne. Die kühnen Schlachtrosse waren mit weißem Schaum bedeckt und ließen sich nur schwer bändigen. Bei ihren heftigen Bewegungen funkelten Silberknöpfe und Seidentroddeln ihres reichen Zaumzeuges in glitzerndem Farbenspiel.

Obgleich die Ritter keine Harnische angelegt hatten, waren sie doch gegen feindliche Überfälle auf der Hut.

Die gepanzerten Arme sahen aus dem Wams hervor. Gewaltige Schlachtschwerter hingen an ihren Sätteln. Knappen folgten mit mächtigen Schilden. Auf der Brustseite des Gewandes trug jeder Ritter sein gesticktes Wappen, so daß man auf den ersten Blick Geschlecht und Familie erkennen konnte.–

Die Morgenfrische hatte ihnen die Lust zum Sprechen genommen. Dämmerung lag schwer auf ihren Augenlidern; nur mit Mühe kämpften sie gegen den Schlummer, der sie einhüllen wollte.

Ein junger Führer schritt der edlen Schar voran. Langes, blondes Haar wallte auf seine breiten Schultern herab. Feurige blaue Augen sprühten unter dichten Brauen hervor. Leichter Flaum beschattete sein Kinn. Um sein wollenes Gewand hatte er einen Gürtel geschlungen, und als Waffe trug er ein „Kreuzmesser“ in einer ledernen Scheide.

In seinen Zügen konnte man leicht lesen, daß die Gesellschaft, die er führte, ihm keineswegs angenehm war. Man konnte sogar glauben, daß er einen geheimen Plan gegen sie im Schilde führte; denn von Zeit zu Zeit warf er einen Seitenblick auf die ihm folgenden Ritter. Er war von hoher, ungewöhnlich kräftiger Gestalt. Sein fester Schritt war so schnell, daß die Pferde nur mit Mühe folgen konnten.

So trabte der kleine Troß seit kurzer Zeit vorwärts, als plötzlich das Roß eines Ritters über einen Baumstumpf strauchelte und stürzte, so daß der Ritter mit der Brust auf den Nacken seines Pferdes fiel und beinahe aus dem Sattel kam.

„Was soll das bedeuten?“ rief er in französischer Sprache. „Ich glaube, mein Gaul ist im Trab eingeschlafen!“

„Herr von Châtillon[2],“ rief ihm sein Begleiter lachend zu, „einer von beiden hat sicher geträumt.“

„Lache nur, soviel Du willst, Du schlechter Spötter,“ entgegnete ihm der Graf von Châtillon, „es ist darum nicht weniger wahr, daß ich nicht schlief. Denn schon seit zwei Stunden blicke ich unverwandt nach jenen Türmen, die sich anscheinend immer weiter entfernen, je mehr wir ihnen näher kommen wollen. Aber es ist leichter, an den Galgen zu kommen, als einmal von Dir ein freundliches Wort zu erhalten.“

Während die beiden Ritter spöttisch miteinander scherzten, machten sich ihre Begleiter vergnügt auf Kosten des Grafen lustig, und der leichte Unfall hatte die Müdigkeit des ganzen Truppes verjagt.

Herr von Châtillon, der sein Roß wieder emporgerissen hatte, konnte die Anzüglichkeiten, die auf ihn gemünzt waren, nicht länger ruhig mit anhören, und in seinem plötzlich aufwallenden Zorn stieß er seinem Pferd den scharfen Sporn tief in die Weichen. Der Schmerz machte das Tier wild, es bäumte sich hoch auf und schoß dann wie ein Pfeil zwischen den Bäumen dahin. Aber nach einigen hundert Schritten stürmte es gegen den Stamm einer alten Eiche und stürzte, schwer verletzt, zu Boden.

Glücklicherweise war der Graf beim Anprall aus dem Sattel gesprungen oder geschleudert worden; nichtsdestoweniger mußte er sich ernstlich die Seite verletzt haben, denn er blieb einige Augenblicke regungslos liegen.

Als ihn seine Begleiter eingeholt hatten, stiegen sie alle von ihren Pferden, richteten ihn auf und bewiesen ihm das wärmste Mitgefühl.

Der Ritter, der mit den Spötteleien begonnen hatte, schien jetzt am meisten beunruhigt zu sein, und tiefe Trauer lag auf seinem Gesicht.

„Lieber Châtillon, ich bedauere Dich von ganzem Herzen. Verzeih' mir meine unbesonnenen Reden,“ bat er, „ich wollte Dich nicht beleidigen.“

„Laßt mich in Ruh'!“ rief Châtillon aus und riß sich aus den Armen seiner Begleiter los; „meine Herren, ich bin noch nicht gestorben. Glaubt Ihr denn, die Sarazenen hätten mich geschont, damit ich später wie ein Hund im Walde verenden könnte! Nein, bei Gott, noch lebe ich, und Du solltest Deine Spötteleien auf der Stelle büßen, Saint-Pol, wenn ich mich an Dir rächen dürfte.“

„Aber, beruhige Dich doch,“ entgegnete Saint-Pol. „Du bist verwundet, lieber Bruder; das Blut rinnt ja durch Dein Panzerhemd.“

Châtillon streifte den rechten Panzerärmel hoch und sah, daß ein Zweig die Haut leicht geritzt hatte.

„Es ist nicht der Rede wert,“ sagte er, „nur eine kleine Schramme. Aber ohne Absicht hat uns dieser verdammte Vlaeme[1] nicht diesen widerlichen Weg geführt. Ich werde es schon herausbekommen. Und ich will nicht mehr Châtillon heißen, wenn ich den Schurken nicht an einem Ast dieser verwünschten Eiche aufhängen lasse.“

Der Vlaeme, der auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen wurde, tat, als verstände er die französische Sprache nicht; doch sah er auf und blickte Châtillon kühn ins Auge.

„Meine Herren,“ rief da der Ritter aus, „seht nur den unverschämten Blick dieses Bauernlümmels.– Hierher, Schurke!“

Langsam kam der junge Mann näher. Sein Haupt war stolz erhoben; aber in seinen Augen lag ein sonderbarer Zug, ein Ausdruck, der Wut mit List vereinigte und so düstere Drohungen enthielt, daß sich Châtillon von einer beklemmenden Unruhe ergriffen fühlte.

In diesem Augenblick brachte plötzlich einer der Ritter, der diesem Auftritt beigewohnt hatte, sein Pferd in Trab, verschwand bald hinter den mächtigen Bäumen und gab dadurch deutlich genug seinen Unwillen zu erkennen.

„Nun also!“ herrschte Châtillon den Führer an. „Sage mir, weshalb hast Du uns auf diesen Weg geführt, und warum hast Du uns nicht auf den Baumstamm aufmerksam gemacht, der da im Wege lag?“

„Herr,“ antwortete der Vlaeme in gebrochenem Französisch, „ich kenne keinen anderen Weg nach Schloß Wijnendaal, und ich wußte nicht, daß Ew.Edeln die Gewohnheit haben, zu Pferd zu dieser Tageszeit zu schlafen.“

Als der Führer diese Worte aussprach, huschte ein Lächeln über sein Gesicht, das zugleich Hochmut und Ironie verriet. Man hätte meinen können, er wolle den Zorn des Grafen reizen, um ihm dann zu trotzen.

„Unverschämter Lümmel!“ schrie ihn Châtillon an, „wagst Du es etwa, Dich über mich lustig zu machen! Holla! Leute! Hängt mir diesen Burschen. Die Raben sollen ihn fressen.“

Das spöttische Lächeln des jungen Mannes wurde unverhohlener. Seine Mundwinkel zuckten immer verräterischer, und seine Wangen entfärbten sich.

„Einen Vlaemen wollt ihr hängen?“ stieß er leise hervor. „Da wartet nur, meine Herren!“

Er sprang einige Schritte zurück, stemmte sich gegen einen Baumstamm, streifte die Ärmel seines Wamses bis zu den Schultern auf und zog seinen blitzenden Dolch aus der Scheide. Die Muskeln seines nackten Armes spannten sich, und sein Gesichtsausdruck erinnerte an den eines Löwen. „Weh dem, der mich anrührt!“ rief er ihnen mit dröhnender Stimme zu. „Flanderns Raben fressen keinen Vlaemen! Sie fressen lieber Franzosenfleisch!“

„Ergreift ihn!“ rief Châtillon aus, „ergreift den Lumpen! Seht die Feiglinge! Ihr fürchtet euch wohl vor seinem Messer? Meine Hände kann ich mit seinem Blut nicht besudeln, denn ich bin aus edlem Hause. Das ist eure Aufgabe. Pack gegen Pack! Werft euch auf ihn!“

Einige Ritter suchten Châtillon zu beruhigen. Aber den meisten wäre es nur zu recht gewesen, wenn man den Vlaemen gehängt hätte.– Die Waffenträger, die durch ihren Herrn aufgereizt waren, hatten sich gerade auf den jungen Mann stürzen wollen, als unvermutet der Ritter hinzukam, der, in Gedanken versunken, vorausgeritten war[2]. Die Kostbarkeit seines Gewandes und seiner Rüstung übertraf die der anderen Ritter bedeutend. Das gestickte Wappen auf seiner Brust enthielt drei goldene Lilien in blauem Felde unter einer Grafenkrone. Das war ein Zeichen dafür, daß königliches Blut in seinen Adern rollte.

„Halt!“ rief er den Waffenträgern streng zu, und dann wandte er sich an den Grafen von Châtillon:

„Herr von Châtillon, Ihr scheint zu vergessen, daß ich Flandern von meinem königlichen Bruder Philipp von Frankreich zu Lehen erhalten habe. Der Vlaeme ist mein Vasall, und nur mir allein gehört sein Leben.“

„Dieser verächtliche Bürger soll mich also ungestraft beleidigen dürfen!“ entgegnete Châtillon voll Zorn. „Graf, es ist tatsächlich unglaublich, daß Ihr das niedere Volk immer gegen den Adel verteidigt. Dieser Vlaeme soll sich also rühmen dürfen, ungestraft einen französischen Ritter verhöhnt zu haben? Hat er den Tod nicht verdient?“

„Herr von Valois,“ sagte Saint-Pol, „gönnt meinem Bruder die kleine Genugtuung, diesen Vlaemen hängen zu sehen. Was kümmert Eure Königliche Hoheit das Leben dieses starrköpfigen Burschen?“

„Meine Herren,“ rief Karl von Valois mit zorniger Stimme, „versteht mich recht, ich untersage es euch, in meiner Gegenwart derart zu sprechen. Ich schätze das Leben meiner Untertanen höher ein. Lassen Sie den jungen Mann gehen. Zu Pferd! meine Herren. Wir verlieren sonst zu viel Zeit.“

„Steig' auf,“ flüsterte Saint-Pol seinem Bruder zu, „antworte nicht, nimm das Pferd Deines Schildknappen und komm. Herr von Valois ist ein unverbesserlicher Volksfreund.“

Inzwischen hatten die Schildknappen ihre Schwerter in die Scheide gesteckt und führten nun die Pferde ihren Gebietern vor.

„Seid ihr fertig, meine Herren?“ fragte Graf von Valois, „dann beeilt euch, bitte, sonst werden wir zu spät zur Jagd kommen. Und Du, Vasall, bleib' an unserer Seite und entferne Dich nicht vom Weg! Wie weit ist es noch bis Wijnendaal?“

Der junge Mann nahm höflich die Mütze ab, verbeugte sich vor seinem Retter und erwiderte: „Noch eine knappe Stunde, gnädiger Herr.“

„Der Bursche ist mir verdächtig!“ sagte Saint-Pol. „Ein Wolf in Schafskleidern.“–

„Das habe ich mir schon lange gedacht,“ fügte der Kanzler Pierre Flotte hinzu. „Er beobachtet uns tatsächlich wie ein Wolf und spitzt die Ohren wie ein Hase, wenn wir sprechen.“

„Aha! nun weiß ich, wer's ist!“ rief Châtillon aus. „Meine Herren, habt ihr nicht von einem Weber gehört, der Peter de Coninck heißt und in Brügge wohnt?“

„Das ist ein Irrtum,“ warf Raoul de Nesle ein, „ich habe in Brügge persönlich mit dem berüchtigten Weber gesprochen, und obwohl er diesen hier an Schlauheit und Arglist weit übertrifft, muß ich Ihnen sagen, daß er nur ein Auge hat, während unser Führer zwei sehr schöne besitzt. Ohne Zweifel liebt er den alten Grafen von Flandern und sieht uns als seine Besieger scheel an. Das ist's! Nehmt ihm die Treue nicht übel, die er seinem unglücklichen Fürsten hält.“

„Jetzt haben wir dieses Thema aber zur Genüge erörtert!“ sagte Châtillon. „Gibt's denn gar keinen anderen Gesprächsstoff? Halt,“ fügte er hinzu, „wißt ihr übrigens, was unser allergnädigster König Philipp mit diesem edlen Flandern vorhat? Auf mein Wort: hält unser erhabener Herrscher seine Schatzkammern ebenso verschlossen wie Herr von Valois seinen Mund, so wird man uns am Hofe magere Kost reichen.“

„Das sagt Ihr so,“ antwortete Pierre Flotte, „aber der König spricht auch, wenn's ihm gefällt. Reitet etwas langsamer, meine Herren, und ich will euch etwas mitteilen, wovon ihr euch nichts träumen laßt.“

Neugierig kamen die Ritter dicht an ihn heran und ließen den Grafen von Valois etwas vorausreiten. Als er weit genug entfernt war, so daß er sie nicht mehr hören konnte, ergriff der Kanzler wieder das Wort:

„Also hört: die Beutel unseres allergnädigsten Königs Philipp des Schönen sind leer. Enguerrand von Marigny[4] hat ihm aufbinden lassen, Flandern sei eine wahre Goldgrube. Und er hat gar nicht so unrecht. Denn dies Ländchen hier besitzt allein mehr Gold und Silber als ganz Frankreich.“

Die Ritter lächelten und nickten wiederholt zustimmend.

„Hört weiter! Unsere Königin Johanna ist auf die Vlaemen sehr erbittert. Sie haßt dieses hochmütige Volk unaussprechlich. Sie sagte vor einiger Zeit in meiner Gegenwart, daß sie den letzten Vlaemen am Galgen sehen wollte.“

„So spricht nur eine Königin,“ rief da Châtillon aus, „sollte ich je Statthalter dieses Landes werden– was mir ja meine hochherzige Nichte versprochen hat–, so gelobe ich euch, meine Herren, daß die Landeskasse Geld speien wird, und daß es mir schon gelingen wird, mich dieses Peters de Coninck mitsamt seiner Gilden zu entledigen und die Plunderwirtschaft der Volksregierung abzuschaffen. Aber warum lauscht denn dieser dreiste Lump auf unsere Unterhaltung!“

Der Vlaeme, der ihnen als Führer diente, hatte sich unbemerkt näher herangeschlichen und gespannt die Äußerungen, die die Ritter fallen ließen, verfolgt. Als er sah, daß man es entdeckt hatte, schoß er pfeilschnell in den Wald zurück. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. In einiger Entfernung blieb er stehen und zog den Dolch aus der Scheide.

„Herr von Châtillon,“ rief er diesem drohend zu, „seht Euch diese Klinge genau an, daß Ihr sie wiedererkennen könnt, wenn sie Euch zwischen Hals und Nacken fährt!“

„Ist denn kein einziger unter meinen Leuten, der mich rächt?“ schrie Châtillon wutentbrannt.

Kaum hatte er das gesagt, als ein gewaltiger Krieger vom Pferde sprang und sich mit bloßem Degen auf den jungen Mann warf. Dieser steckte in aller Ruhe seinen Dolch, anstatt sich mit ihm zu verteidigen, in die Scheide zurück, ballte die Fäuste und erwartete seinen Feind.

„Stirb, verfluchter Vlaeme!“ schrie der Waffenträger und zückte die Klinge nach dem Führer.

Der Jüngling antwortete nicht; aber er heftete seine großen Augen, in denen ein unheimliches Feuer leuchtete, fest auf seinen Gegner. Dieser, dem der Blick durch und durch ging, senkte die Waffe, als versagte ihm der Mut.

„Schlag ihn nieder!“ schrie ihm Châtillon zu.

Aber der Vlaeme wartete nicht, bis der Feind sich ihm genähert hatte. Mit einem Satz hatte er den Waffenträger erreicht und ihm sein Schwert entrissen. Nun preßte er ihn mit starken Armen an sich und schleuderte ihn mit dem Kopf so unbarmherzig gegen den Baumstamm, daß der Unglückliche entseelt zu Boden sank.

Ein gellender Todesschrei hallte durch den Wald, und die Augen des Franzosen schlossen sich für immer.

Ein triumphierendes Lachen entrang sich der Brust des Vlaemen. Er näherte die Lippen dem Ohr des Toten, und mit beißendem Spott sagte er: „Bestelle Deinem Gebieter, daß Jan Breydels[3] Fleisch nicht den Raben zugedacht ist: das Blut der Fremdlinge ist viel geeigneter für sie.“

Mit diesen Worten lief er quer durch das Buschholz und verschwand im Dunkel des Waldes.

Voll gespannter Furcht hatten die Ritter diesen schrecklichen Kampf mit angesehen. Aber er war so kurz gewesen, daß sie nicht ein einziges Wort hatten wechseln können. Kaum waren sie aus ihrer Bestürzung wieder zu sich gekommen, als Graf Saint-Pol ausrief: „Bruder, ich glaube tatsächlich, daß Du es mit einem Zauberer zu tun gehabt hast. Bei diesem Kampf ist's nicht mit rechten Dingen zugegangen.“

„Ein verwünschtes Land!“ antwortete Châtillon zerknirscht. „Mein Pferd bricht den Hals; mein Diener bezahlt seine Treue mit dem Leben. Heut ist ein Unglückstag. Nun, Leute, nehmt euren Kameraden auf und bringt ihn, so gut es geht, zum nächsten Dorf, damit er geheilt oder– bestattet werde. Bitte, meine Herren, sagt dem Grafen von Valois nichts von dem, was hier geschehen ist.“

„Das versteht sich von selbst,“ gab Pierre de Flotte zur Antwort. „Aber, meine Herren, wir müssen unseren Pferden die Sporen geben und vorwärts kommen. Sehen Sie, Herr von Valois verschwindet schon hinter den Bäumen.“

Sie ließen ihren Rossen die Zügel schießen und waren bald bei dem Grafen, ihrem Feldherrn. Dieser ritt langsam weiter, ohne ihre Anwesenheit zu bemerken. In tiefem Nachsinnen saß er weit vorgebeugt im Sattel, und sein eiserner Panzerhandschuh ruhte achtlos mit dem Zügel auf der Mähne seines Pferdes. Die andere Hand umfaßte den Griff seines Schlachtschwertes, das am Sattel hing. Während ihn so seine Gedanken beschäftigten und sich die anderen Ritter wegen seiner düsteren Stimmung spöttische Blicke zuwarfen, tauchte plötzlich vor ihnen Schloß Wijnendaal mit seinen himmelhohen Türmen und riesigen Wällen auf.

„Noël!“ rief Raoul de Nesle voll Freude, „dort ist das Ziel unserer Reise. Das ist Wijnendaal, trotz Teufel und Hexerei!“

„Ich möchte es in Brand setzen,“ murrte Châtillon, „es kostet mich ein Pferd und einen treuen Diener.“

Nun wandte sich der Ritter, der die Lilien auf der Brust trug, um und sprach: „Meine Herren, dort wohnt der unglückliche Landesherr Gwijde von Flandern, ein Vater, dem man sein Kind entrissen hat, und dessen Land wir durch Waffenglück gewonnen haben. Ich bitte euch, zeigt ihm nicht, daß ihr als Sieger kommt, und vergrößert sein Leid nicht durch übermütige Worte.“

„Aber, Graf von Valois,“ fiel Châtillon gekränkt ein, „glaubt Ihr etwa, daß wir nicht wissen, was man vom rechten Ritter verlangt. Wissen wir denn nicht, daß ein französischer Ritter sich nach dem Siege edelmütig zeigen soll?“

„Ich sehe also, daß Ihr's wißt,“ erwiderte Graf von Valois mit Nachdruck, „ich ersuche Euch, nun auch danach zu handeln! Die Ehre besteht nicht in eitlen Worten, Herr von Châtillon. Was nützt es, die Gesetze der Ritterschaft auf der Zunge zu tragen, wenn sie Euch nicht von Herzen kommen. Wer sich aber seinen Untergebenen gegenüber nicht edelmütig erweist, wird es auch nicht im Umgange mit seinesgleichen sein.“

Dieser Vorwurf rief Châtillons Zorn wieder wach, und er wäre sicher in wütende Reden ausgebrochen, hätte ihn sein Bruder Saint-Pol nicht zurückgehalten und ihm zugeflüstert: „Schweig, Châtillon, schweig doch still, denn unser Feldherr hat ganz recht. Es gehört sich auch so, daß wir dem alten Grafen von Flandern kein Leid mehr zufügen. Er ist unglücklich genug.“

„Der untreue Vasall hat unserem Könige den Krieg erklärt und den Groll unserer Nichte Johanna von Navarra[3] so heftig erregt, daß sie beinahe dadurch erkrankt wäre– und da sollen wir ihm noch schonend entgegenkommen.“

„Meine Herren,“ rief Graf von Valois ihnen nochmals zu, „ihr kennt meine Bitte. Ich glaube nicht, daß es euch an Edelmut fehlen wird. Nun, vorwärts, ich höre die Meute bellen. Man hat uns bereits bemerkt, denn die Brücke fällt, und die Sturmegge[4] wird aufgezogen!“

Schloß Wijnendaal[5], das der edle Graf Gwijde von Flandern erbaut hatte, war eins der schönsten und stärksten Schlösser jener Zeit. Aus den breiten Gräben, von denen es umgeben war, stiegen gewaltige Mauern auf, an denen eine Anzahl Wachthäuschen hing. Durch die Schießscharten hindurch konnte man die Ausschau haltenden Armbrustschützen und ihre stählernen Lanzenspitzen sehen. Innerhalb der Wälle erhoben sich die Dächer des gräflichen Hauses mit den wehenden Wetterfahnen. Sechs runde Türme standen an den Mauerecken und in der Mitte des Vorhofes. Von hier aus konnte man mit allerlei Wurfgeschossen den heranziehenden Feind treffen und ihm so die Annäherung ans Schloß erschweren. Eine einzige Brücke verband diese befestigte Insel mit den umliegenden Tälern.

Sobald die Ritter ankamen, gab der Turmwächter der inneren Wache ein Zeichen, und sogleich kreischten die schweren Tore in ihren Angeln.

Unterdes erdröhnte hallendes Rossestampfen auf der Brücke, und die französischen Ritter zogen zwischen zwei Reihen vlaemischer Fußsoldaten in die Burg. Die Tore wurden hinter ihnen geschlossen. Die „Sturmegge“ mit ihren eisernen Spitzen rasselte nieder, und die Brücke ging langsam in die Höhe.

II.

Inhaltsverzeichnis

Die Luft war so klarblau, daß das staunende Auge vergeblich ihre unermeßbare Tiefe zu ergründen suchte. Strahlend stieg die Sonne am Horizont auf, und eine girrende Turteltaube trank die letzten Tautropfen von den grünen Blättern der Bäume. Aus Schloß Wijnendaal erscholl unaufhörlich das Kläffen der Meute. Das Wiehern der Pferde mischte sich mit den lieblichen Tönen des Jagdhorns. Aber die Zugbrücke war noch aufgezogen, und vorübergehende Landleute konnten nur raten, was da im Gange war. Zahllose Wachen mit Armbrust und Schild schritten auf den äußeren Wällen auf und ab, und durch die Schießscharten hindurch konnte man sehen, wie viele Waffenknechte innerhalb der Mauern geschäftig hin und her liefen.

Endlich erschienen einige Leute über dem Tor und ließen die Brücke herab. Da wurde es auch schon geöffnet, um den Jagdzug hinauszulassen. In dem stattlichen Zug, der langsam über die Brücke ritt, sah man folgende Damen und Herren:

Voran ritt der achtzigjährige Graf Gwijde[6] von Flandern auf einem Fuchs. Seine Haltung trug den Stempel stiller Ergebenheit. Alter und Unglück hatten sein stolzes Haupt schwer gebeugt. Seine schmalen Wangen waren tief gefurcht. Ein purpurnes Wams fiel von seinen Schultern bis auf den Sattel herab, und sein schneeweißes Haar war von einem gelbseidenen Tuche umwunden. Durch diese Hülle glich sein Haupt einem Silbergefäße mit goldenem Reif. Auf der Brust trug er in einem herzförmigen Schild den schwarzen springenden Löwen in goldenem Felde.

Der unglückliche Fürst sah sich an seinem Lebensabend, wo ihm die Ruhe als Lohn für seine Arbeit zu gönnen gewesen wäre, seiner Krone beraubt. Seine Kinder hatten durch das Los der Waffen ihr Erbe verloren, und Armut erwartete sie, die eigentlich die reichsten Fürsten Europas hätten sein müssen. Siegprahlende Feinde umringten den unglücklichen Landesherrn, und doch gab er der Verzweiflung in seinem Herzen nicht Raum.

Neben ihm ritt Karl von Valois, der Bruder des französischen Königs. Er unterhielt sich eifrig mit dem alten Gwijde; doch es schien, als wären sie nicht einer Meinung.

Jetzt hing kein Schlachtschwert mehr am Sattel des französischen Feldherrn; ein langer Degen ersetzte die schwere Waffe; auch die blitzenden Stahlplatten hatte er von den Beinen geschnallt.

Ihnen folgte ein Ritter von ungemein wildem und trotzigem Aussehen. Seine Augen rollten, und wenn sein Blick auf einen Franzosen fiel, preßte er seine Lippen ingrimmig aufeinander und knirschte mit den Zähnen.

Er war etwa fünfzig Jahre alt; aber noch beseelte ihn volle Lebenskraft, und man mußte ihn mit seiner starken Brust und seinem gewaltigen Körperbau für den stärksten Ritter halten. Auch sein Roß war größer als die anderen, und so überragte er den ganzen Zug an Haupteslänge. Ihn schützten sein blinkender Helm mit blauem und gelbem Federbusch, ein schwerer Waffenrock und das gebogene Schwert. Sein Koller, das von seinem Rücken bis auf das Pferd niederwallte, trug auch den vlaemischen Löwen im goldenen Felde. Die Ritter jener Zeit hätten unter tausend anderen in diesem trotzigen Reiter Robrecht van Bethune[7], den ältesten Sohn von Gwijde, erkannt.

Seit einigen Jahren hatte ihm sein gräflicher Vater die innere Regierung von Flandern übertragen. In allen Feldzügen hatte er die vlaemischen Heere angeführt und sich in der Fremde einen gefürchteten Namen erworben. Während des sizilianischen Krieges hatte er im Lager der Franzosen so staunenswerte Waffentaten vollführt, daß er von der Zeit an der Löwe von Flandern genannt wurde. Das Volk, das seine Helden allzeit liebt und bewundert, besang die Unerschrockenheit des Löwen in seinen Sagen und verherrlichte den, der einst die Krone von Flandern tragen sollte. Da Gwijde wegen seines hohen Alters Schloß Wijnendaal selten verließ und auch von den Vlaemen nicht sehr geliebt wurde, erhielt auch Robrecht den Grafentitel, wurde im ganzen Land als der Herr angesehen, und als solchem wurde ihm Gehorsam geleistet.

An seiner rechten Seite ritt Wilhelm, sein jüngster Bruder, dessen bleiche Wangen und schwermütigen Züge wie die eines kranken Mägdeleins neben dem gebräunten Antlitz von Robrecht erschienen. Seine Kleidung unterschied sich von der des Bruders nur durch das krumme Schwert, das Robrecht allein trug.

Darauf folgten viele andere Herren, sowohl Franzosen wie Vlaemen. Hierunter waren die vornehmsten: Walter, Herr van Maldeghem, Karl, Herr van Knesselare, Roegaert, Herr van Axpoele, Jan, Herr van Gavere, Rase Mulaert, Dietrich der Fuchs und Gerhard der Mohr.

Die Ritter Jacques de Châtillon, Guy de Saint-Pol, Raoul de Nesle und ihre Begleiter ritten ungeordnet, liebenswürdig plaudernd, zwischen den vlaemischen Herren.

Ihnen folgte der junge Adolf van Nieuwland, der Sprößling eines der edelsten Geschlechter der reichen Stadt Brügge. Sein Antlitz bestach nicht durch weibische Schönheit. Das war keiner jener Männer mit rosenfarbigen Wangen und lächelndem Munde, denen zum Weibe nur die Frauenkleidung fehlt. So hatte sich die Natur nicht an ihm vergangen. Die Sonne hatte seine ernsten Wangen leicht gebräunt. Durch seine Stirn zogen sich zwei Falten, die frühzeitige Klugheit ankündigten. Sein Antlitz war scharf und männlich geschnitten, und die edlen Linien seines Körpers erinnerten an ein griechisches Bildwerk. Aus seinen Augen, die halb von den Brauen beschattet waren, leuchtete eine weiche, aber einsame Seele.

Obwohl er den anderen Rittern an Geburt nicht nachstand, blieb er doch zurück und ließ die, die geringerer Herkunft waren, vorausreiten. Mehrmals hatte man ihm Platz gemacht, um ihn nach vorn reiten zu lassen, aber er achtete nicht auf diese Liebenswürdigkeit und schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein.

Auf den ersten Blick hätte man Adolf für einen Sohn Robrechts van Bethune halten können. Denn bis auf den großen Altersunterschied glichen sich die beiden Ritter auffallend. Die gleiche Gestalt, die gleiche Haltung, die gleichen Bewegungen! Doch war die Kleidung von anderer Farbe, und das gestickte Wappen auf Adolfs Brust zeigte drei goldblonde Mägdelein auf rotem Grunde. Darüber stand sein Wahlspruch: Pulchrum pro patria mori[8].

Dieser Jüngling war von seiner Kindheit an in Robrechts Hause aufgewachsen. Jetzt war er sein vertrauter Freund und wurde von ihm wie ein geliebter Sohn behandelt. Er schätzte seinen Wohltäter als Vater und Fürst und liebte ihn und seine Kinder von ganzem Herzen.

Dicht hinter ihm ritten die Frauen, die so prächtig geschmückt waren, daß das reiche Gold und Silber ihrer Kleidung die Augen blendete. Alle saßen auf leichten Zeltern. Ein langes Reitkleid fiel an der Seite des Pferdes über ihre Füße bis zur Erde herab. Golddurchwirkte, eng anliegende Mieder bedeckten ihre Brust, und von ihren hohen, mit Perlen geschmückten Hauben flatterten zierliche Bänder. Die meisten trugen einen Raubvogel auf der Hand.

Unter diesen Edelfrauen war eine, die durch Pracht und Schönheit alle anderen in Schatten setzte. Es war Machteld, Robrechts jüngste Tochter.

Die Maid war sehr jung. Sie war kaum älter als fünfzehn Jahre; aber ihre hohe, schlanke Gestalt, ein Erbteil ihrer edlen, mächtigen Vorfahren, die Strenge ihrer feinen Züge, die Ruhe ihrer Haltung gaben ihr etwas Königliches, Ehrfurchtgebietendes.

Obwohl die Ritter darin wetteiferten, ihr zu gefallen und ihr jede erdenkliche Höflichkeit erwiesen, entbrannte doch keiner in vermessener Liebe zu ihr. Sie wußten, nur ein Fürst durfte Machteld von Flandern heimführen.

Traumhaft schön saß die schlanke, junge Maid lieblich in der Seide ihres Zelters und trug ihr Haupt stolz erhoben. Während die linke Hand leicht den Zügel hielt, saß auf der Rechten ein Habicht mit roter Kappe, an der goldene Glöckchen läuteten.

Unmittelbar nach der lieblichen Tochter des Landesfürsten ritten zahlreiche Schild- und Hofknappen, alle in zweifarbige Seide gekleidet. Die Knechte, die zum Hause des Grafen Gwijde gehörten, konnte man leicht von den anderen unterscheiden, denn die rechte Seite ihrer Kleidung war aus schwarzem, die linke aus goldgelbem Moiré. Einige waren in Purpur und Grün, andere in Rot und Blau gekleidet, je nach den Wappenfarben ihrer Gebieter.

Endlich kamen Jäger und Falkenträger. Vor den ersteren lief die Meute von etwa fünfzig Hunden an ledernen Koppeln; darunter waren Windhunde, Bracken und Spürhunde aller Art.

Die Tiere waren von sonderbarem Ungestüm; sie zogen so stark an den Koppeln, daß die Jäger sich rückwärtsstemmend ziehen lassen mußten.

Die Falkeniere trugen auf Querstangen allerlei Falken und Jagdvögel: Habichte, Steinfalken, Geier und Sperber. Die Vögel hatten rote, mit Glöckchen besetzte Kappen auf dem Kopfe und dünne Lederhöschen an den Beinen.

Außerdem trugen die Falkeniere noch künstliche, scharlachrote Lockvögel mit Flügeln; die sollten die Falken während der Jagd zurückrufen.

Sobald der Zug sich etwas von der Brücke entfernt hatte und auf einen breiteren Weg gekommen war, mischten sich die Herren, ohne auf die Standesunterschiede zu achten, untereinander. Jeder suchte sich einen Freund oder Kameraden, um die Reise durch gefälliges Gespräch zu verkürzen. Sogar viele Frauen waren zu ihnen herangeritten. Doch blieben Gwijde von Flandern und Karl von Valois noch an der Spitze des Zuges, denn niemand wäre so unhöflich gewesen, an ihnen vorbeizureiten. Robrecht van Bethune und Wilhelm hatten ihre Rosse neben das ihres Vaters geführt, und auch Raoul de Nesle war mit Châtillon zu ihrem Feldherrn geritten. Dieser blickte traurig auf das weiße Haupt Gwijdes und in Wilhelms schwermütiges Antlitz und sagte: „Ich bitt' Euch, edler Graf, glaubt mir, daß mir Euer trauriges Los sehr zu Herzen geht. Es ist mir, als hätte mich selbst Euer Unglück getroffen. Doch noch ist alle Hoffnung nicht verloren. Auf meine Bitte wird mein königlicher Bruder alles vergeben und vergessen.“

„Herr von Valois,“ entgegnete Gwijde, „da täuscht Ihr Euch, Euer Fürst hat es deutlich bewiesen, daß Flanderns Untergang sein größter Wunsch ist; hat er nicht meine Untertanen gegen mich aufgestachelt? Hat er mir nicht mit unmenschlicher Grausamkeit meine Tochter Philippa geraubt und in einen Kerker geworfen? Und erwartet Ihr etwa, daß er alles wieder aufrichtet, was er so blutig zerstört hat? Fürwahr, Ihr täuscht Euch sehr, Philippe-le-Bel, Euer Bruder und König wird mir das Land, das er mir entrissen hat, nie zurückgeben. Euern Edelmut, Herr von Valois, werde ich nie vergessen, doch ich bin zu alt, um mich noch mit einer trügerischen Hoffnung trösten zu können. Meine Herrschaft ist aus. Das war Gottes Wille!“

„Ihr kennt meinen königlichen Bruder Philipp nicht,“ erwiderte Valois, „seine Taten sprechen allerdings gegen ihn, aber ich versichere Euch, er hat ein edles, ritterliches Herz.“

Da unterbrach Robrecht van Bethune Valois voll Ungeduld: „Was sagt Ihr– ein edles, ritterliches Herz! Bricht ein edler Ritter sein gegebenes Wort, seine Treue? Als wir mit unserer unglücklichen Philippa arglos nach Corbeil kamen, hat Euer König das Gastrecht verletzt und uns alle eingekerkert. Ist diese Verräterei etwa eines edlen Ritters wert?“

„Herr van Bethune,“ antwortete Valois ernst, „Eure Worte sind sehr scharf. Ich hoffe, daß Ihr nicht die Absicht hattet, mich zu kränken.“

„O nein, auf Ehre nicht,“ gab Robrecht zur Antwort, „Eure Großmut hat Euch meine Freundschaft gewonnen. Aber Ihr könnt doch nicht mit voller Überzeugung behaupten, daß Euer König ein ehrenwerter Ritter ist?“

„Hört mich an,“ entgegnete da Valois, „glaubt mir, daß in der Brust Philipps des Schönen das beste Herz schlägt; aber feige Schleicher aus seiner Umgebung beraten ihn. Enguerrand de Marigny[9] ist ein eingefleischter Teufel, der ihn zum Bösen verleitet, und noch jemand treibt ihn zu unerhörten Scheußlichkeiten. Doch hier verbietet mir die Ehrfurcht, Namen zu nennen; doch gerade hier liegt die Schuld an Eurem Unglück.“

„Wen meint Ihr denn,“ fragte Châtillon absichtlich.

„Da fragt Ihr nach einer allbekannten Sache, Herr von Châtillon,“ rief ihm Robrecht van Bethune zu, „hört zu, ich will's Euch sagen, es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra[10], die meine unglückliche Schwester gefangen hält; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Frankreichs Geld verfälschen ließ; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Flandern den Untergang geschworen hat!“

Châtillon wurde rot vor Zorn. Er ritt dicht an Robrecht heran und rief ihm zu: „Das ist schmählich erlogen!“

Diese Beschuldigung verletzte Robrechts Ehre. Schnell riß er sein Pferd zurück und zog sein gebogenes Schwert aus der Scheide. Schon wollte er sich auf Châtillon stürzen– da sah er, daß sein Feind keine Waffen bei sich trug. Mit sichtlichem Unmut steckte er sein Schwert in die Scheide zurück, ritt wieder auf Châtillon zu und sprach mit verhaltener Erregung: „Ich halte es nicht mehr für nötig, mein Herr, Euch meinen Handschuh zuzuwerfen. Ihr wißt, daß der Vorwurf der Lüge ein Flecken ist, der nur durch Blut abgewaschen werden kann. Noch vor Sonnenuntergang fordere ich Genugtuung für diesen Schimpf!“

„Es sei,“ entgegnete ihm Châtillon, „ich bin bereit, die Ehre meiner königlichen Nichte gegen alle Ritter der Welt zu verteidigen.“

Nun schwiegen beide und ritten wieder auf ihre vorigen Plätze zurück. Während des kurzen Streites hatten die anderen Ritter mit sehr verschiedenen Gefühlen die Worte Robrechts mit angehört. Manchen Franzosen erbitterte die Äußerung des Vlaemen tief; doch Ritterehre untersagte es ihnen, sich in den Streit zweier Feinde einzumischen. Karl von Valois schüttelte ungeduldig sein Haupt, und deutlich konnte man in seinem Gesicht den Unwillen lesen, den dieser Streit hervorgerufen hatte. Dagegen huschte über das Antlitz des Grafen Gwijde ein zufriedenes Lächeln, und leise sagte er zu Valois: „Mein Sohn Robrecht ist ein mutiger Ritter. Das hat Euer König Philipp bei der Belagerung von Rijssel erfahren müssen. Da hat Robrechts Schwert manch tapferen Franzosen erschlagen. Die Brügger, die ihn mehr als mich lieben, nennen ihn den Löwen von Flandern, und diesen ehrenvollen Beinamen hat er sich in der Schlacht bei Benevent[11] gegen Manfred wohl verdient.“

„Ich kenne Herrn Robrecht seit langer Zeit,“ war die Antwort. „Weiß nicht ein jeder, mit welcher Kühnheit er dem Tyrannen Manfred das Schwert entwandt? Die Ritter meines Landes rühmen seine Waffentaten. Der Löwe von Flandern gilt als unüberwindlich– und mit Recht.“

Ein stolzes Lächeln erhellte das Antlitz des alten Vaters; aber plötzlich verdüsterte es sich, er beugte in tiefem Schmerze sein Haupt: „Herr von Valois, ist das nicht doppelt schmerzvoll für mich, gerade einem solchen Sohne kein Erbe hinterlassen zu können? Ihm, der dem Haus von Flandern soviel Ruhm und Ehre erworben hätte. Ach, das und die Gefangenschaft meiner unglücklichen Tochter sind zwei Schicksalsschläge, die mich gebrochen haben.“

Karl von Valois antwortete nicht auf Gwijdes Klagen. Lange Zeit hüllte er sich in tiefes Nachdenken und ließ den Zügel seines Trabers am Sattelknopf hängen. Gwijde betrachtete voll Bewunderung den edlen Freund, denn er erkannte, wie schmerzlich das Unglück des Hauses von Flandern den ritterlichen Franzosen betrübte.

Da richtete sich plötzlich Karl von Valois glückstrahlend im Sattel auf, und erfreut rief er aus: „Eine Eingebung Gottes!“

Gespannt sah Gwijde ihn an.

„Graf von Flandern,“ sagte Valois, „ich will, daß mein königlicher Bruder Euch wieder auf den Thron Eurer Väter setze!“

„Und welches Mittel haltet Ihr für stark genug, dieses Wunderwerk zu vollbringen; denn er hat doch mein Land schon Euch übertragen?“

„Hört zu, edler Graf, Eure Tochter weint trostlos in den Kerkern des Louvre. Euer Erbe ist verloren. Euern Kindern blieb kein Lehen. Ich weiß nun ein Mittel, das Eurer Tochter die Freiheit und Euch Euer Land wiedergeben soll.“

„Wirklich,“ rief Gwijde zweifelnd, „ich kann's nicht glauben, Herr von Valois; oder Eure Königin Johanna von Navarra müßte nicht mehr am Leben sein.“

„Nein, das nicht! Unser König Philipp der Schöne hält in Compiègne offenen Hof. Meine Schwägerin Johanna weilt gerade in Paris, und dort hält sich auch Enguerrand de Marigny auf. Begleitet mich nach Compiègne, und laßt auch die edelsten Ritter Eures Landes mitziehen, tut Fußfall vor meinem Bruder und huldigt ihm als reumütiger Vasall.“

„Und dann?“ fragte Gwijde verwundert.

„Er wird Euch gnädig empfangen und Flandern und auch Eure Tochter freigeben. Verlaßt Euch auf mein Wort, denn mein Bruder ist in der Abwesenheit der Königin der großmütigste Fürst.“

„Von Herzen danke ich Eurem guten Engel für diese glückliche Eingebung und, Herr von Valois, für Euern großen Edelmut,“ rief Gwijde hocherfreut. „O, möge Gott mir vergönnen, daß ich durch dieses Mittel die Tränen meines unglücklichen Kindes trocknen kann! Aber wer weiß, ob in diesem gefährlichen Frankreich Kerkerbande nicht auch mir bevorstehen?“

„Fürchtet nichts, Graf, fürchtet nichts,“ entgegnete ihm Valois, „ich selbst will Euch verteidigen und Euch treu zur Seite stehen. Und sollten unsere Bemühungen fruchtlos bleiben, so werden Euch mein Siegel und meine Ehre freies Geleit nach Rupelmonde zurück sichern.“

Gwijde ließ die Zügel los, ergriff die Hand des französischen Ritters und drückte sie in tiefer Dankbarkeit. „Ihr seid ein edler Feind,“ sagte er schmerzlich.

Während dieses Zwiegespräches war der ganze Zug in eine weite Ebene gekommen, durch welche der Krekelbach rauschte. Jeder machte sich zur Jagd bereit.

Die vlaemischen Ritter setzten sich ihre Falken auf die Faust. Die Hunde wurden verteilt, und die Leitbänder der Jagdvögel gelöst.

Die Frauen hatten sich unter die Ritter gemischt, und es traf sich, daß Karl von Valois nun neben der schönen Machteld ritt.

„Ich glaube, anmutiges Edelfräulein,“ sagte er, „daß Ihr den Preis der Jagd erringen werdet; denn einen schöneren Vogel als den Euren habe ich nie gesehen. Er hat so gleichmäßiges Gefieder, so starke Schwingen, so gelb geschuppte Klauen. Er ist wohl recht schwer auf der Hand?“

„O ja– sehr schwer, edler Herr,“ gab Machteld zur Antwort. „Und obgleich er nur für den tiefen Flug abgerichtet ist, kann er doch Reihern und Kranichen hoch in der Luft nachjagen.“

„Es scheint mir,“ bemerkte Valois, „daß Euer Wohledeln ihn zu reichlich füttern. Es wäre besser, ihm etwas schmalere Kost zu geben.“

„O nein, verzeiht, Herr von Valois,“ rief die Maid hoheitsvoll, „aber da täuscht Ihr Euch sicherlich: mein Falke ist so gerade recht. Ich bin in der Falkenzucht nicht unkundig. Ich selbst habe diesen schönen Habicht aufgezogen, zur Jagd abgerichtet und ihn des Nachts bei Kerzenschein bewacht. Aus dem Weg, Herr von Valois, aus dem Weg, über dem Sumpf steigt eben eine Schnepfe auf.“

Als Herr von Valois nach der angedeuteten Stelle sah, zog Machteld ihrem Falken die Kappe ab und warf ihn hoch.

„Steig' auf, mein lieber Falke!“ rief ihm Machteld nach.

Auf dies Geheiß flog der Vogel himmelwärts. Das Auge konnte ihm nicht mehr folgen. Einige Zeit ruhte er bewegungslos auf seinen Fittichen, und seine durchdringenden Augen suchten nach dem ihm bestimmten Wild. Bald sah er die Schnepfe in der Ferne fliegen. Schneller als ein niederstürzender Stein stieß der Falke auf den armen Vogel und packte ihn mit seinen scharfen Klauen.

„Seht Ihr, Herr von Valois,“ rief Machteld erfreut aus, „daß Frauenhand auch gut Falken abrichten kann. Da kommt mein treuer Vogel mit seiner Beute zurück.“

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als der Habicht schon mit der Schnepfe auf ihrer Hand saß.

„Gönnt mir die Ehre, das Wild aus Euern schönen Händen zu empfangen,“ bat Karl von Valois.

Bei dieser Frage wurde das Antlitz der Jungfrau traurig. Sie blickte den Ritter flehend an und sagte: „Ach, Herr von Valois, nehmt es mir nicht übel, ich habe meine erste Beute schon meinem Bruder Adolf, der da neben meinem Vater steht, versprochen.“

„Euerm Ohm Wilhelm, wollt Ihr sagen, mein edles Fräulein.“

„Nein, unserem Bruder Adolf van Nieuwland. Er ist so gut, so gefällig zu mir. Er hilft mir beim Abrichten meines Falken. Er lehrt mich Lieder und Sagen und spielt mir auf der Harfe vor. Wir haben ihn alle sehr lieb.“

Während dieser Worte hatte Karl von Valois seinen durchdringenden Blick forschend auf Machteld geheftet, doch er erkannte, daß nur Freundschaft im Herzen der Jungfrau wohnte.

„Da hat er sich diese Gunst redlich verdient,“ sagte er lächelnd, „laßt Euch nur nicht durch meine Bitte länger zurückhalten.“

Ohne sich um die Gegenwart der anderen Ritter zu kümmern, rief Machteld so laut sie konnte: „Adolf, Herr Adolf!“ Und ausgelassen wie ein Kind schwang sie ihre Schnepfe hoch in der Luft.

Auf ihren Ruf ritt der Jüngling zu ihr heran.

„Adolf,“ rief sie, „das ist Eure Belohnung für die schönen Sprüche, die Ihr mich gelehrt habt.“

Der junge Ritter verbeugte sich ehrerbietig vor ihr und nahm fröhlich die Schnepfe in Empfang. Die Ritter betrachteten ihn mit neidischer Neugierde, und mehr als einer suchte auf seinem Antlitz heimliche Liebe zu entdecken;– aber vergeblich! Plötzlich wurden sie aus ihrem neugierigen Forschen aufgeschreckt.

„Schnell, Herr van Bethune,“ rief der Hauptfalkenier, „nehmt Euerm Geierfalken die Kappe ab und werft ihn auf; denn da läuft ein Hase!“

Einen Augenblick später schwebte der Vogel bereits hoch über den Wolken und stieß dann senkrecht auf das fliehende Wild. Es war ein sonderbarer Anblick. Denn als der Falke seine Krallen in den Rücken des flüchtigen Hasen geschlagen hatte, klammerte er sich dort fest, und so stürzten beide windschnell vorwärts; doch dauerte es nicht lange. Gerade als sie an einem Buschholz vorbeiliefen, krallte sich der Falke mit der einen Klaue daran fest und hielt mit der anderen das Wild, daß es nicht fortkam, soviel es auch zappelte und sich wand. Schnell wurden einige Hunde von der Koppel gelöst. Sie stürzten sich auf den Hasen und nahmen ihn dem Falken ab.

Siegesfroh kreiste der mutige Vogel über den Hunden und flog über ihnen her bis zu den Jagdknechten; dann stieg er hoch auf und brachte seine Freude in eigenartigen Wendungen zum Ausdruck.

„Herr van Bethune,“ rief Valois aus, „das ist ein Vogel, der seine Beute tapfer schwächt. Ein herrlicher Geierfalke!“

„Ja, edler Graf, er ist der allerprächtigste,“ antwortete Robrecht. „Ihr solltet einmal seine Adlerklauen bewundern.“

Mit diesen Worten warf er den Lockvogel hoch. Der Falke, der dies sah, kehrte sofort auf die Faust seines Herrn zurück.

„Seht nur,“ sagte Robrecht und zeigte Valois den Vogel, „seht nur das schöne Blond seines Gefieders, die silberweiße Brust und seine hohen, bläulich glänzenden Krallen!“

„Ja, Herr Robrecht, das ist allerdings ein Vogel, der keinen Adler zu fürchten braucht,“ antwortete Valois, „aber sein Bein blutet anscheinend.“

Robrecht, der seinen Falken genauer untersucht hatte, rief nun ungeduldig:

„Falkenträger, komm schnell her zu mir, mein Vogel hat sich ernstlich gequetscht. Ach Gott, das arme Tier hat seine Klauen zu sehr angestrengt. Pflege ihn gut, mein treuer Steven. Sein Tod würde mich sehr traurig machen.“

Er reichte den verletzten Falken zu Steven hinunter, der fast über den Vorfall weinte, denn da sein Amt darin bestand, die Falken zu lehren und abzurichten, so lagen ihm diese Tiere wie Kinder am Herzen.

Kaum hatten die vornehmsten Herren ihre Falken aufgeworfen, so fingen auch alle anderen mit der Jagd an.

Innerhalb von zwei Stunden fing man allerlei hochfliegendes Wild, wie: Enten, Möwen, Reiher und Kraniche und auch die tiefer streichenden Rebhühner, Drosseln und Brachvögel.

Als die Sonne im Zenit stand, hallten die klaren Jagdhörner durch die Ebene. Der ganze Zug sammelte sich wieder, und in langsamem Schritt ging's zurück nach Wijnendaal.

Unterwegs nahm Karl von Valois sein Gespräch mit dem alten Gwijde wieder auf. Obgleich der Graf von Flandern nicht ohne Mißtrauen an eine Reise nach Frankreich dachte, wollte er sie doch aus Liebe zu seinen Kindern trotz aller Gefahren unternehmen. Er beschloß, auf Anraten des französischen Feldherrn, sich mit allen Edeln, die ihm geblieben waren, Philipp dem Schönen zu Füßen zu werfen, um durch diese demütige Huldigung sein Mitleid zu erwecken. Die Abwesenheit der Königin ließ ihn hoffen, daß Philipp der Schöne nicht unerbittlich sein würde.–

Robrecht van Bethune kam nicht mehr mit Châtillon in Berührung; sie vermieden es, sich zu begegnen, und keiner von beiden sprach ein Wort. Adolf van Nieuwland ritt jetzt neben Machteld und ihrem Oheim Wilhelm. Die Jungfrau war allem Augenschein nach damit beschäftigt, ein Lied oder einen Spruch auswendig zu lernen, den ihr Adolf vorsprach; denn von Zeit zu Zeit riefen die verwunderten Edelfrauen: „Wie schön er das sagt! Was ist doch Herr van Nieuwland für ein kluger Minnesänger.“

So erreichten sie endlich Wijnendaal. Der ganze Zug ritt ins Schloß. Hinter ihm zog man die Brücke nicht auf, und auch das Fallgatter wurde nicht herabgelassen.

Einige Augenblicke später verließen die französischen Ritter in voller Rüstung die Burg. Als sie über die Brücke ritten, sagte Châtillon zu seinem Bruder: „Du weißt, daß ich heut' abend die Ehre unserer Nichte verteidigen muß, und ich rechne damit, daß Du mein Sekundant sein wirst.“

„Geht's etwa gegen den kühnen Robrecht van Bethune?“ fragte Saint-Pol. „Ich weiß nicht, mich dünkt, Du wirst schlecht dabei wegkommen; denn der Löwe von Flandern ist kein Kätzchen, das man ohne Handschuhe anfassen kann. Das sollte Dir auch bekannt sein!“

„Was geht's mich an!“ unterbrach ihn Châtillon zornig. „Ein Ritter vertraut seiner Geschicklichkeit und seinem Mut und nicht roher Körperkraft!“

„Du hast recht, Bruder, ein Ritter darf vor keinem Feind weichen, aber er soll sich auch nicht unbesonnen einer Gefahr aussetzen. Ich hätte an Eurer Stelle den finsteren Robrecht reden lassen, soviel er wollte. Was kümmern Dich seine Worte, wo er ja doch unser Gefangener ist.“

„Schweig, Saint-Pol, solche Reden stehen einem Ritter nicht wohl an! Fehlt es Dir etwa an Mut?“

Als sie diese Worte wechselten, verschwanden sie mit den anderen Rittern zwischen den Bäumen des Waldes.

Jetzt ließen die Waffenknechte das Fallgatter herab, zogen die Brücke auf und waren nicht mehr zu sehen.

III.

Inhaltsverzeichnis

Der befreundete Ritter oder der bedürftige Minnesänger, dem sich das gastliche Tor des Schlosses Wijnendaal geöffnet hatte, befand sich zuerst auf einem kleinen, viereckigen freien Platz. Ihm zur Rechten lagen die Stallungen, in denen wohl hundert Pferde ohne jede Schwierigkeit untergebracht werden konnten; davor lagen die Dunghaufen, auf denen zahllose Enten und Tauben herumliefen. Zu seiner Linken lag ein Gebäude, das die Wohnungen der Waffenknechte und Troßknappen enthielt. Weiter hinten standen die Belagerungsgeschütze für Zeiten des Krieges. Da waren große Rammen und Sturmböcke mit ihren Stützbalken und Wagen, dann Wurfmaschinen, die Geschosse in die belagerte Stadt schleudern sollten, und auch solche, mit denen man große Steine gegen die feindlichen Tore oder Wälle senden konnte.

Endlich waren dort noch allerlei Sturmbrücken, Fußangeln, Feuertonnen und unzählige andere Kriegswerkzeuge aufgestellt.

Dicht vor den ankommenden Reisigen erhob sich der stattliche gräfliche Palast mit seinen Türmen über die niederen Gebäude, die ihn umringten. Eine steinerne Treppe, an deren Fuß zwei schwarze Löwen ruhten, führte zum ersten Stockwerk hinauf und in eine lange Flucht viereckiger Säle. In vielen stand ein Bett für den jeweiligen Gast, während andere mit den alten Waffenrüstungen verstorbener Grafen oder mit eroberten Bannern und Standarten geschmückt waren.

Auf der rechten Seite, in einer Ecke des Gebäudes, lag ein kleiner Saal, der sich von den übrigen in allem unterschied. Seine Wandbekleidung zeigte die ganze Geschichte der Kreuzzüge in lebensgroßen Bildern.

Auf dem einen Bild stand Gwijde, von Kopf zu Fuß mit einer eisernen Rüstung bedeckt, und hielt den Rittern, die ihn umgaben, das Kreuz entgegen[12].

Im Hintergrunde waren mehrere Kriegsknechte, die sich schon auf den Weg gemacht hatten. Das nächste Bild stellte die Schlacht von Massura[5] dar; hier hatten die Christen 1250 den Sieg errungen. Der heilige Ludwig, König von Frankreich, und Graf Gwijde waren unter den anderen durch ihre Banner kenntlich. Das dritte Bild zeigte ein grausiges Schauspiel. Viele christliche Ritter lagen pestkrank, mit dem Tode ringend, in einer öden Steppe zwischen schrecklichen Leichen und Pferdekadavern. Schwarze Raben kreisten über dieser Unglücksstätte und warteten auf den Tod eines Ritters, um dann sein Fleisch fressen zu können.