Der Lutheraner - Dr. Edelgard Moers - E-Book

Der Lutheraner E-Book

Dr. Edelgard Moers

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Beschreibung

Martin Luther hat die Kirche reformiert. Doch auch nach dem Augsburger Frieden und den Verhandlungen in Münster und Osnabrück war ein friedliches Nebeneinander von evangelischen und katholischen Christen in Europa nicht überall möglich. Der Roman "Der Lutheraner" erzählt von den Höhen und Tiefen im Leben des Bergbauern Rupert Embacher, der Verluste erleiden und Demütigungen ertragen muss, nur weil er seinen Glauben leben will. Anfang des 18. Jahrhunderts bewirtschaftet er das Gut Großenberg als Lehnsmann für den Erzbischof von Salzburg. In seinem alltäglichen Leben wird er von der Obrigkeit unterdrückt und kontrolliert. Seine Eheschließung wird willkürlich hinausgezögert und die Beerdigung seines Vaters auf dem Dorffriedhof wird ihm verweigert, weil er, wie auch weitere Dorfbewohner, der Lehre des Martin Luther anhängen. Er muss er sich heimlich mit anderen Gleichgesinnten treffen, um in der Bibel zu lesen, zu beten und zu singen. Das ist oft mit großen Schwierigkeiten verbunden. Ein neu gewählter Erzbischof verfolgt ein ehrgeiziges Projekt. Er will das Land von dem angeblich falschen Glauben säubern und in ein rein katholisches Land verwandeln. Rupert Embacher und seine Familie sowie andere Bergbauern sollen aus dem Land gewiesen werden oder sie müssen sich zur heiligen römischen Kirche bekennen. Sie wenden sich an viele Institutionen, um Hilfe zu bekommen. Doch im Jahre 1732 werden sie vom Erzbischof aus dem Land vertrieben. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. nimmt sie in seinem Land auf, denn Ostpreußen ist wegen vieler Todesfälle durch die Pest eine verwilderte Provinz. Der König möchte wieder Bauern und Handwerker dort ansiedeln und auch die Trakener-Pferdezucht neu beleben. Da kommen ihm die 20 000 Salzburger Emigranten sehr gelegen….. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Autorin selbst ist eine Embacher-Nachfahrin.

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dr. Edelgard Moers

Der Lutheraner

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Buch

Erweitertes Impressum

Goldegg, im Jahre 1715

Goldegg, im Jahre 1718

Goldegg, im Jahre 1721

Goldegg, im Jahre 1724

Goldegg, im Jahre 1727

Goldegg, im Jahre 1730

Goldegg, im Jahre 1731

Goldegg, im Jahre 1732

Unterwegs nach Preußen, im Sommer 1732

Königsberg, im Jahre 1732

Krausendorf, im Jahre 1733

Augstkallen, im Jahre 1734

Augstkallen, im Jahre 1741

Augstkallen, im Jahre 1755

Augstkallen, im Jahre 1756

Nachwort

Impressum neobooks

Das Buch

Der Bergbauer Rupert Embacher bewirtschaftet das Gut Großenberg als Lehnsmann für den Fürsterzbischof von Salzburg. In seinem alltäglichen Leben wird er von der Obrigkeit unterdrückt und kontrolliert. Seine Eheschließung wird willkürlich hinausgezögert und die Beerdigung seines Vaters auf dem Dorffriedhof wird ihm verweigert, weil er, wie auch weitere Dorfbewohner, der Lehre des Martin Luther anhängen. Ein neu gewählter Fürsterzbischof verfolgt ein ehrgeiziges Projekt. Er will das Land von dem angeblich falschen Glauben säubern und in ein rein katholisches Land verwandeln.

Rupert und seine Familie sowie andere Bergbauern werden bespitzelt und verhöhnt. Ihnen wird Rebellion vorgeworfen. Sie sollen aus dem Land gewiesen werden oder sie müssen sich zur heiligen römischen Kirche bekennen. Der König von Preußen verspricht ihnen eine neue Heimat, in der sie ihren Glauben leben können.

Die Autorin erzählt in dem Buch von den Höhen und Tiefen im Leben eines Bergbauern im 18. Jahrhundert, der Verluste erleiden und Demütigungen ertragen muss.

Die Autorin

Edelgard Moers, Dr. phil, Autorin von Schul- und Fachbüchern.

DerLutheraner ist ihr erster Roman.

Mit ihrem Mann wohnt sie in Dorsten.

www.edelgardmoers.de

Erweitertes Impressum

Printausgabe:

© HW-Verlag Dorsten

Alle Rechte bei der Autorin

Lektorat: Gaby Poetsch

Umschlaggestaltung: Jürgen Moers

Druck: eCO2_print, Dorsten, Printed in Germany

1. Auflage 2014

HW-Verlag

Wischenstück 32

46286 Dorsten

Tel. 02369 1760

Fax: 02369 5191

[email protected]

ISBN-10   3-932801-61-X

ISBN 13   978-3-932801-61-7

Goldegg, im Jahre 1715

Rupert Embacher wollte nach der Trauerfeier zu Ehren des verstorbenen Nikolaus Steiner gerade die Kirche verlassen und hinüber zum Gottesacker gehen. Doch der Pfarrer kam direkt auf ihn zu und hielt ihn am Ärmel fest.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr der verbotenen Religion zugetan seid. Ihr trefft Euch mit Gleichgesinnten«, zischte er und seine Augen funkelten wild.

»Das muss ein Missverständnis sein, Hochwürden. Ich gehöre keiner falschen Religion an«, beschwichtigte ihn der junge Mann und strich sich das Haar aus der Stirn. Der Kirchenmann keifte aufgebracht weiter. »Wartet nur ab, wenn Ihr lutherisches Gedankengut in Euch tragt, werdet Ihr auf ewig in der Hölle schmoren!“

»Mein Vater und ich sind fromme Leute und wir halten die Gebote ein.«

»Nichts haltet ihr ein. Ihr vergiftet mit den ketzerischen Reden die Köpfe der Gläubigen und verursacht Aufruhr. Der Teufel macht sich an eure Seelen heran.«

Rupert schüttelte fassungslos den Kopf. Am liebsten hätte er mit heftigen Worten reagiert, die ihm schon auf seiner Zunge lagen. Doch dann besann er sich. Freundlich, aber bestimmt verabschiedete er sich. Er war verärgert, dass ihn der Pfarrer aufgehalten hatte. Denn eigentlich wollte er mit Maria, der Tochter des Posenigg-Bauern vom Rohrmoos-Hof sprechen, zu der er während der Messe immer wieder hingeschaut hatte. Er beschleunigte seine Schritte, um die Gemeinde, die hinter dem Sarg herlief, einzuholen.

Auf dem Friedhof fiel sein Blick wieder auf die zierliche, junge Frau, die gerade etwas Erde über den Sarg warf und dann der Witwe ihr Beileid aussprach. Auch er schloss sich dem Ritual an. Mehrmals suchte er den Anblick Marias, die einen Kopf kleiner war als er und die mit ihrem Trachtenkleid, dem schwarzen eng geschnürten Mieder und den zu einem Kranz geflochtenen Haaren sein Herz schneller schlagen ließ.

Beim Leichenschmaus trafen sich ihre Blicke. Die junge Frau schaute ihm geradewegs in seine blauen Augen und lächelte ihn an. Ihr sinnlicher Mund und ihr Lachen betörten ihn, besonders dann, wenn sich ihre Grübchen zeigten.

Auf dem Rückweg nach Hause war Rupert aufgewühlt. Er hatte schon mehrmals erlebt, dass die Mädchen aus dem Dorf seine Nähe suchten, um mit ihm zu reden und zu scherzen. Dadurch fühlte er sich geschmeichelt. Sie sprachen in seiner Gegenwart ernsthaft von ihren Träumen und Zukunfts-vorstellungen. Der junge Mann hörte ihnen gerne zu und bestärkte sie in ihren Gedanken und Gefühlen. Aber er verstand es auch, geistreiche Späße zu machen und brachte die Mädchen zum Lachen. Doch Maria löste etwas in ihm aus, was er bisher nicht kannte. Bei ihrem Anblick überkamen ihn körperliche Regungen und das Verlangen nach Zärtlichkeiten.

Manchmal träumte er nachts davon, Maria an verdeckten Stellen zu berühren und das zu tun, was die Natur mit den beiden Geschlechtern vorgesehen hat.

In den vergangenen Jahren hatte er mehrmals wahrgenommen, wie sich seine Eltern ansahen und miteinander sprachen, wenn sie glaubten, unbeobachtet zu sein. Ihm gefiel, wie sein Vater mit den Fingerspitzen sanft über die Wange der Mutter streichelte und ihr mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze stupste, seine Mutter daraufhin ihrem Mann liebevoll etwas ins Ohr flüsterte. Die Zärtlichkeit, die die beiden miteinander verband, wärmte sein Herz. »So muss es also sein«, dachte er jetzt. »Ja, so muss es sein, wenn zwei Menschen zusammengehören, wenn Mann und Frau miteinander glücklich sind.«

Am Abend nach getaner Arbeit stellte Rupert den Besen in die Scheune, zog seine Jacke an, richtete einen prüfenden Blick auf die Hosenbeine und schnippte ein paar trockene Grashalme weg. In diesem Moment kam sein Vater mit dem Wanderstab aus der Haustür, setzte den Filzhut auf und nickte ihm zu.

Die beiden Männer waren zu einem geheimen Treffen der Lutheraner unterwegs, zu dem der Unterwirt Hans Lodermoser aus St. Veit eingeladen hatte.

Der Weg war schmal und schlängelte sich durch ausgedehnte Wiesen und Felder. Der Duft von frisch gemähtem Gras drang in Ruperts Nase. Von hier oben hatte er einen weiten Blick auf die Mühle unten am Taxbach und die dahinter liegenden Bauernhöfe. Am Horizont leuchteten die Felsen der Hohen Tauern, die von der Abendsonne angestrahlt wurden. Das Korn stand hoch und verbarg den Blick auf die Wanderer in der Abendstunde. Hinter ihnen ging die Sonne leuchtendrot unter.

Nun wurde der Weg holprig. Während Rupert aufpasste, dass er nicht ins Stolpern geriet, erinnerte er sich an den Tag, als ihn sein Vater zum ersten Mal zu einer geheimen Versammlung mitgenommen hatte. Es war an seinem sechzehnten Geburtstag. Unbändiger Stolz hatte ihn damals erfasst, denn er gehörte nun zu den Männern, die ein Geheimnis miteinander verband.

»Da sind wir«, sagte der Vater leise und schaute sich nach allen Seiten um. Die Bäuerin öffnete auf ihr Klopfen hin sehr vorsichtig die Tür und winkte ihre Gäste in die Stube. Einige Männer saßen schon auf der umlaufenden Bank oder auf Holzschemeln und sprachen miteinander.

Mit einem freundlichen Kopfnicken wurden die beiden Ankömmlinge begrüßt. Nach kurzer Zeit kamen weitere Männer dazu und die Sitzplätze wurden knapp.

Rupert sah sich um. Er kannte die Männer. Einige waren aus Goldegg, andere aus Schwarzach oder aus St. Veit. Gleich darauf sprach der Unterwirt Hans Lodermoser zu den Gästen.

»Es ist gut, dass ihr gekommen seid«, sagte er und schaute bedrückt in die Runde. »Der Pfarrer verlangt von uns sehr viel. Wir sind aber nicht mit allem einverstanden. Schon seit langer Zeit beklagen wir die Missstände. Wir sträuben uns gegen den Marienkult und glauben nicht daran, dass die Mutter Jesu leibhaftig in den Himmel aufgestiegen ist und nun Gott um die Vergebung der Sünden der Menschen bittet. Wir lehnen die Heiligenverehrung ab, denn wir glauben nicht, dass Gott diese Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat und dass die Bekreuzigung vor einer Figur oder Reliquie Gnade bringen soll. Nur Jesus Christus vermittelt zwischen den Menschen und Gott. Niemand sonst. Wir glauben auch nicht, wie die Getreuen des Papstes uns einreden wollen, dass Gott aus dem Himmel heraus in das Geschehen auf der Welt eingreift und Wunder vollbringt. Das sind falsche Auslegungen.«

Die Anwesenden hörten aufmerksam zu und nickten. Dann redete der Unterwirt weiter. »Wir sehen mit Sorge, dass die Papisten den Anweisungen aus Rom eine größere Bedeutung zukommen lassen, als den Inhalten der Bibel. Wir widersetzen uns, Fastentage einzuhalten, weil sie keine Bedeutung für uns haben. Besonders betroffen macht uns, dass der Pfarrer uns in seiner Ansprache innerlich nicht mitnimmt, dass er keine Worte für uns hat, die uns aufbauen und dass er für uns kein Vorbild ist. Die Messe hält er in lateinischer Sprache, die wir nicht verstehen, und sein Lebenswandel ist wenig fromm. Diese Kirche brauchen wir nicht.«

Es ertönte heftiges, zustimmendes Gemurmel. Als es abge-klungen war und niemand noch etwas vorzubringen hatte, stimmte der Unterwirt ein Lied an. Die Anwesenden sangen voller Inbrunst mit. Rupert wusste, dass es Martin Luther geschrieben hatte und dass er es selbst in der Öffentlichkeit nicht singen durfte.

Hans Lodermoser ergriff wieder das Wort und wandte sich den versammelten Gläubigen zu. »Wir sind hier zusammen gekommen, um Gottes Wort in unserer Sprache zu hören und um daraus Trost und Kraft zu schöpfen.« Dann nahm er die aufgeschlagene Bibel in die Hand, las eine Stelle aus dem Römerbrief des Apostel Paulus vor, verknüpfte sie mit Aussagen von Martin Luther und regte eine Diskussion an.

Nachdem der Unterwirt das geheime Treffen beendet hatte, machten sich Vater und Sohn auf den Weg nach Hause. Rupert gingen viele Gedanken durch den Kopf. Wieder einmal wurde ihm der Konflikt bewusst, in dem er und seine gesamte Familie sich befanden. Entweder musste er sonntags den andächtigen Kirchengänger vortäuschen und sich für seinen Seelentrost heimlich mit den Abtrünnigen treffen oder er bekannte sich zu den Papisten und verschloss einfach die Augen vor der Wirklichkeit. Doch mit dem Glauben, so wie ihn die Kirche vorlebte, war er nicht einverstanden. Das wurde ihm deutlich.

»Was hat der Unterwirt gesagt? WirmüssenkeineBußwerketun,umvonGottangenommenzuwerden.WirkönnenunsimmerseinerbedingungslosenLiebegewisssein.Der Pfarrer hat in der Messe noch nie so zu den Gläubigen gesprochen, auch vom Vikar kam nichts dergleichen«, ging es im durch den Kopf. Die Kraft der Worte war so eindringlich, dass es Rupert noch stärker zur Botschaft Martin Luthers hinzog.

Der Mond stand hoch über den Bergen, als Vater und Sohn wieder in Goldegg am Gut Großenberg ankamen. Leise betraten sie das Haus. Alles war ruhig. Die anderen Bewohner schliefen schon.

Rupert ging die Treppe hinauf, öffnete die Tür zu seiner Kammer, die er sich mit seinen anderen Brüdern teilte, und legte sich ins Bett. Seine Gedanken ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Aber er hatte ein gutes Gefühl. »Gottes Wort bedeutet Freiheit«, dachte er. »Es nimmt mir die Sorge um die eigene Rechtfertigung vor Gott und bestärkt mich in allem, was ich tue.« Die Lehre des Reformators beschäftigte ihn noch lange in dieser Nacht, bis er endlich einschlief.

****

»Maria, ich freue mich, dich zu sehen!« Rupert kam gerade aus dem Gasthof Schubhard, gleich hinter der Kirche, hatte sich dort mit einigen Burschen getroffen, ein kühles Bier mit ihnen getrunken und über das bevorstehende Tanzfest gesprochen. Nun wollte er zurück nach Hause. Bei dem Anblick der jungen Frau klopfte sein Herz schneller. Er bewunderte ihre zierliche Figur und hatte das Gefühl, sie sein Leben lang beschützen zu wollen.

»Ich habe gerade einen Korb gesponnener Wolle zur alten Burgsteinerin gebracht«, sagte Maria ein wenig verlegen und blieb dicht bei ihm stehen.

»Magst du am nächsten Sonntag mit mir am See tanzen gehen?«, fragte er und verlor sich dabei in ihren Augen.

»Ja, gerne«, lachte sie ihn strahlend an und errötete dann leicht.

»Ich hole dich von zu Hause ab«, schlug er vor. Sie nickte und erwiderte: »Wir werden bestimmt viel Spaß haben.«

Die Vorfreude ließ den jungen Mann auf seinem Weg nach Hause fast schweben.

Am Abend sollte wieder eine geheime Versammlung stattfinden. Die Lutheraner trafen sich in Schwarzach bei Hans Clingler, dem Holzerbergbauer.

Es war noch hell und warm, als Rupert und sein Vater dort eintrafen, denn der Sommer hatte sich endlich in den Bergen niedergelassen.

In der Stube war es angenehm kühl. Die Fenster waren geöffnet. Weil diese Seite zum Innenhof gerichtet war, hatten die Anwesenden keine Befürchtungen, von ungebetenen Zu-hörern belauscht zu werden.

Hans Clingler begrüßte die Gläubigen. Wegen der dichten Augenbrauen, der zotteligen Haare und durch den langen Bart war nicht viel von seinem Gesicht zu erkennen. Aber seine wachen Augen nahmen die Anwesenden in der Stube nacheinander aufmerksam wahr. Er stimmte das Lied Ein festeBurgistunserGott an und alle Anwesenden sangen voller Inbrunst mit.

Dann schaute er auf ein Schriftstück und verkündete: »Von Joseph Schaitberger haben wir einen Sendbrief erhalten. Er schreibt: WerJesussuchenwill,der schauenichtimRosengartennach,sondernmussdasKreuz aufsichnehmenundihnandemtraurigenÖlbergsuchen. Wennesheißenwird:Diesmusstduglaubenoderallesverlassen,sobitteicheuch,machtkeinenGottausdenvergänglichenGütern,sondernseidbeständigimGlauben, weichetnichtvondem,dereucherschaffenunderlösethat unddurchdenihr auchhofft, einmalseligzuwerden.«

Der Holzerbergbauer legte das Papier zur Seite, hob den Kopf und schaute wieder in die Runde. »Joseph Schaitberger hält von Nürnberg aus Kontakt zu uns. Ihm ist viel Unrecht geschehen. Doch nie hat er sich einschüchtern lassen, obwohl er vom Erzbischof und seinen Häschern verhört, gefoltert und schließlich ausgewiesen wurde. Nie ist er vom Glauben abgefallen. Immer wieder hat er angemahnt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Auch uns will Joseph Schaitberger Mut zusprechen.«

»Es ist gut, dass er an uns denkt und uns mit seinen Worten bestärkt. Seine Frömmigkeit soll uns als Vorbild dienen. Wir halten an unserem Glauben fest«, bekannte Georg Schwaiger. Michael Burgsteiner meldete sich zu Wort. »Wir müssen auch standhaft bleiben, selbst wenn die Kirchenmänner uns das Leben schwer machen.« Ein zustimmendes Raunen ging durch den Raum.

Hans Lodermoser machte ein finsteres Gesicht und schimpfte: »Sie reden uns einen strengen Gott ein, der jeden bestraft, der die Traditionen nicht pflegt oder seine Sünden nicht vollständig beichtet.«

Die Bauern hatten immer wieder erlebt, dass das Handeln ihres Pfarrers Simon Eckart und auch des Vikars Georg Wanninger nicht ihre Zustimmung fand. Sie waren enttäuscht, weil die Kirchenvertreter ihre Sorgen und Bedürfnisse nicht ernst nahmen und stattdessen zeterten und drohten.

Georg Schwaiger hob die Hand. »Wir wissen, dass Gott uns so annimmt, wie wir sind, selbst wenn unser Handeln in der Vergangenheit nicht immer richtig war. Er bleibt uns immer zugewandt, trotz unserer Unvollkommenheit und trotz unserer Zweifel. Der Glaube an ihn reicht aus. Wir brauchen keine Vermittlung durch den Pfarrer oder die Kirche und den ganzen Sermon. Wir brauchen auch keine Beichte durch einen Pfarrer und die Auferlegung einer Buße. Den Papst lehnen wir ab. Er stört den Religionsfrieden, weil er sich anmaßt, der Stellvertreter Jesu Christi zu sein.«

Hans Clingler nahm die auf dem Tisch liegende Bibel in die Hand. »Ja, leider ist es so, dass sie die Dogmen sogar über die Heilige Schrift stellen. Doch nur was hier steht, hat für uns Gültigkeit. Die Bibel wird durch nichts als durch sich selbst ausgelegt und sie bestimmt die Glaubensinhalte. Das hat Martin Luther gesagt. Gott hat es nicht nötig, Sünden durch das Verbringen im Fegefeuer auszugleichen. Er ist gerecht und nur er allein kann Schuld vergeben. Jeder Gläubige kann direkt mit ihm Zwiesprache halten und wird von ihm angenommen. Gott hat Jesus auf die Erde geschickt, um den Menschen nahe zu sein, um mit dem Teufel zu streiten und ihn zu besiegen. Durch Erzählungen aus der Heiligen Schrift lernen wir Gott besser kennen.«

Der Holzerbergbauer schaute in die Runde und versicherte sich der Zustimmung der Anwesenden. Dann las er das Gleichnis vom verlorenen Sohn vor. Die Zuhörer ließen noch einige Minuten lang den Inhalt still nachwirken.

Vorsichtig formulierte Rupert seine Gedanken. »Bei dem Gleichnis vom verlorenen Sohn ist der Schweinestall der Ort der größten Verzweiflung und auch der Veränderung. Hier entscheidet sich der junge Mann für die Rückkehr und hofft auf die Güte des Vaters. Noch bevor er Worte finden muss, kommt ihm der Vater entgegen und nimmt ihn ohne Vorbehalte und Schuldzuweisungen auf. Es ist eine sehr berührende Erklärung für Gott, die Jesus uns da gibt. In einem anderen Gleichnis erzählt er von einem verlorenen Schaf. Er will damit auf das Bild vom guten Hirten aufmerksam machen und zeigen, dass Gott uns vor dem Verlorengehen bewahrt. Diese beiden Bibelstellen machen uns Mut und geben uns Hoffnung.«

Hans Clingler nickte zustimmend, weil Rupert eine Diskussion über verschiedene Vorstellungen von Gott in Gang gebracht hatte. Georg Hundrieser, der Obereggbauer, saß an der anderen Seite des Tisches und beugte sich zu ihm herüber. »Ja, aus diesen Gleichnissen erfahren wir, dass er niemanden im Stich lässt, auch wenn sich jemand mal falsch verhalten hat.«

»Auch wir sollen Menschen vergeben, wenn sie nicht den richtigen Weg eingeschlagen haben. In der Vergebung steckt eine ungeheure Kraft«, meinte Georg Schwaiger. »Das ist es, was Jesus uns sagen will, wenn er von der Güte seines Vaters erzählt. Probleme werden nicht gelöst, wenn wir nur darauf hoffen, dass Gott sich darum kümmert. Er erwartet von uns Handlungen, die im Glauben begründet sind.«

In Gedanken sah Rupert den zeternden Kirchenmann vor sich und sagte: »Ja, nur wenn wir vergeben, können wir friedlich zusammen leben. Das ist der einzige Weg für uns und der ist richtig. Wir wollen all denen verzeihen, die uns Unrecht getan haben. Doch wie schön wäre es, wenn der Pfaffe an einen Ort der Veränderung gelangen könnte.« Seine spöttisch gemeinten Worte hatten eher einen verzweifelten Beigeschmack, denn er wusste, was alle in dem Augenblick dachten. Der Pfarrer führte nur das aus, was der Fürsterzbischof anordnete, der nicht nur die kirchliche, sondern auch die politische Macht im Land verkörperte.

Doch diese Situation konnten die Männer nur beklagen, ändern konnten sie sie nicht. So tauchten sie weiter in die Diskussion über das Gleichnis ein. Rupert fragte sich, ob es richtig vom Vater sei, für den zurückgekehrten Sohn ein Fest auszurichten, ob er sich seinem anderen Sohn gegenüber gerecht verhalten habe und ob nicht auch der Daheimgebliebene der verlorene Sohn sei. Er regte durch seine Impulse die Diskussion weiter an. Die Anwesenden tauschten lebhaft ihre Gedanken aus. Für sie waren diese Gespräche wohltuende Seelsorge. Zum Abschluss erinnerte der Holzerbergbauer daran, dass auch die Musik für Lutheraner wichtig sei und stimmte ein Lied zur Erbauung der Gäste an.

Rupert hatte durch das Auslegen der Botschaften und durch die Lieder und Gebete einen wertvollen Schatz, den kein Mann der Kirche ihm nehmen konnte.

Kurz nach Sonnenuntergang waren Vater und Sohn wieder zu Hause. Auf dem Hof war es still. Bis auf die beiden Heimkehrer hielten alle Bewohner ihre Nachtruhe. Leise schlich Rupert in seine Kammer, ging zum Waschtisch, goss etwas Wasser aus dem Krug in die Schüssel und wusch sein Gesicht und seine Hände, trocknete sich ab und ließ sich müde ins Bett fallen.

In dieser Nacht hatte er einen unruhigen Schlaf. Seine Träume waren ein Wechselspiel von Angst und Lust zugleich. Er überschritt darin alle Grenzen des Seins. Einmal schreckte er hoch, weil er sich vom Pfarrer verfolgt fühlte, der ihn anbrüllte, weil er den Rosenkranz nicht inbrünstig genug gebetet hätte. Dann erblickte er Simon Hochleitner, der sich hinter einem Holzstapel versteckt hielt und ihn bei den Bibellesungen mit den anderen Männern belauschte. Ganz deutlich sah er das Gesicht von Maria vor sich, wie sie ihn anlachte und wie er dann mit ihr hoch oben auf der Alm tanzte. Doch dann taumelte sie und war auf einmal verschwunden. Er suchte sie überall, doch sie war nicht mehr da. Diese Bilder wiederholten sich bis zum Morgengrauen mehrmals. Schweißgebadet erwachte er und vergewisserte sich durch das hereinbrechende Morgenlicht, dass der Tag bereits begonnen hatte. Das schob die Träume nun endgültig fort und er stand abrupt auf, denn die Arbeit rief.

Nach der Stallarbeit am nächsten Sonntag gesellte er sich zu den anderen Bewohnern des Gutes Großenberg, die an einem großen Tisch unter dem dicken Kastanienbaum saßen. Die Sonne schien, die Luft war klar und die Sicht unendlich weit. Im Süden ragten hinter der Kornmühle am Taxbach, die zum Anwesen gehörte, die steilen Felswände der Hohen Tauern in die Höhe. Im Norden führte der Weg am See vorbei zur Kirche und gleich rechts daneben weiter zum Schloss. Am Horizont streckten sich die Dientener Berge bis in die Wolken.

Vom See klang Musik herüber. »Die Männer proben schon. Dann wird die Tanzveranstaltung bald beginnen«, dachte Rupert. »Gleich werde ich Maria treffen und ihre Nähe spüren. Ich werde sie in die Arme nehmen, ihren Kopf an mein Herz drücken und den Duft ihrer Haut und ihrer Haare einatmen. Bestimmt werde ich dann auch einen günstigen Augenblick finden, um sie zu küssen.«

Die beiden Mägde stellten einen Topf Gemüsebrei, ein Holzbrett mit Rindfleisch und einen Korb mit Brot und Schmalz auf den Tisch und setzten sich dazu.

Tief in Gedanken versunken schlang Rupert seine Mahlzeit herunter. Als er aufstand, wunderte sich über seine Tagträume, die seine Wahrnehmung völlig vom Essen abgelenkt hatten. Voller Vorfreude machte er sich auf den Weg zum Rohrmoos-Hof, den der Posenigg-Bauer bewirtschaftete.

Maria hatte ihr neues Trachtenkleid an und erwartete ihn schon. Der liebliche Duft von Veilchen drang in seine Nase. Vorsichtig nahm er ihre Hand. Sie lächelte verlegen und eine leichte Röte zeigte sich auf ihren Wangen. Dann läutete die Glocke vom Kirchturm. Das war ein Zeichen, bei dem die Gläubigen drei Ave Maria beten sollen. Doch Rupert sah Maria an und schüttelte nur stumm den Kopf. Die beiden jungen Leute liefen dicht nebeneinander hinunter zum See. Als sie eintrafen, spielten die Musiker gerade einen Ländler und Rupert zog Maria sogleich auf den Tanzboden. In der folgenden Stunde ließen sie keinen Tanz aus. Irgendwann bat Maria lachend um eine Pause und um etwas frische Luft. Die beiden setzen sich ans Seeufer, kühlten ihre Füße im Wasser und sprachen amüsiert über den Geiger und den Hackbrettspieler, die durch lustige Einlagen die Stimmung im Saal anheizten. Ihr fröhliches, ungezwungenes Lachen sog Rupert tief ich sich auf.

»Komm, wir gehen ein Stück des Weges, wo wir allein miteinander reden können«, schlug er nach einiger Zeit vor.

Die Sonne stand schon im Westen, strahlte aber noch mit großer Kraft. Die beiden gingen an der Kirche und am Altenhof vorbei bis zum Fuße des Buchbergs. Dort waren die Musik und das Jauchzen der Gäste vom See immer noch zu hören.

»Ach, war das schön.« Maria lachte, breitete die Arme aus, drehte sich einmal um die eigene Achse, machte einige schnelle Tanzschritte und lief einige Meter den Berg hinauf. Etwas abseits vom Weg ließ sie sich ins Gras fallen und atmete laut aus. Rupert ging hinter ihr her und setzte sich neben sie auf die Wiese. Sie blieb auf dem Rücken liegen, machte auf einmal ein ernstes Gesicht und wollte auf das Geheimnis zu sprechen kommen, das sie beide miteinander verband.

»Ihr habt bei dem letzten Treffen über Vorstellungen von Gott gesprochen. Mein Vater hat mir davon erzählt. Er weiß, dass ich mich dafür interessiere.«

Rupert schmunzelte, denn auch seine Schwester Barbara beschäftigte sich mit Glaubensfragen. Als sie noch im Elternhaus wohnte, musste er ihr über die Inhalte der geheimen Treffen berichten. Meist diskutierte sie dann noch mit ihm. Dass sich auch Maria über die Botschaften der Bibel Gedanken machte, freute ihn sehr und weckte seine Neugier.

»Mir gefällt das Bild vom guten Hirten besonders gut. Ich weiß, dass Gott männlich ist. Aber manchmal habe ich ganz eigene Gedanken. Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf.«

»Nur heraus damit«, forderte sie Rupert mit einem schelmischen Blick auf. »Wir sind unter uns. Niemand hört uns zu und wird uns schelten.«

»Jeder Gläubige darf sich sein eigenes Bild machen und es wieder ändern. Manchmal stelle ich mir vor, dass Gott in seiner Liebe zu den Menschen wie eine gute Mutter sein kann«, meinte Maria ein wenig gedankenverloren.

Rupert stutzte. Ihm war klar, dass der Vergleich mit einer Frauengestalt falsch war. Solch ein Gedanke war völlig absurd, denn Gott war männlich. Das bedurfte überhaupt keiner Diskussion. Doch er wollte Maria nicht belehren und ihr nicht die eigenen Gedanken verbieten. Wichtig war ihm, das Gespräch weiterzuführen. Deshalb erklärte er: »Beim Lesen der Bibel kann jeder unterschiedliche Vorstellungen von Gott entdecken und auch die vielen Eigenschaften, die ihn beschreiben. Es sind so viele, dass sie sich gar nicht zusammenfassen lassen.«

»Ich bin manchmal unsicher, wie ich Gott in meinen Gebeten ansprechen soll.«

»Du bestimmst ganz allein, wie du dich ihm zuwendest. Niemand kann dir etwas vorschreiben.«

Rupert rutschte etwas näher an Maria heran und sprach mit sanfter Stimme. »Bei unseren geheimen Treffen hören wir Geschichten und deuten die Botschaften. Jeder versucht, den Inhalt auf das eigene Leben zu beziehen, um Hilfen für eigene Entscheidungen zu bekommen oder um sich einfach nur an dem Inhalt zu erbauen. Der Pfarrer gibt uns nicht die Möglichkeit dazu. Wir müssen nur andächtig die ganze Liturgie wiederholen.«

Der junge Mann genoss es, ein Thema zu haben, über das er mit seiner Freundin sprechen konnte. Ihre klare Meinung und ihre Ernsthaftigkeit beeindruckten ihn.

»Viele Bauern in Goldegg sind mit dem Verhalten des Pfarrers und des Vikars nicht zufrieden. Sie haben durch Martin Luther überzeugende Anregungen für ihren Glauben gefunden«, erwiderte Maria.

»Auch in anderen Dörfern hat es viele Klagen über die Kirche gegeben. So ist es nicht verwunderlich, dass aus dem Protest heraus eine geheime Bewegung entstanden ist. Das hat der Hausierer Sinnhuber neulich erzählt. Der hört viel, wenn er unterwegs ist«, meinte Rupert.

Zwei Greifvögel kreisten über dem Buchberg. »Schau mal. Wie majestätisch sie sich bewegen«, flüsterte Maria und setzte sich aufrecht. Rupert nickte und legte den Arm um ihre Schultern, schaute erst nach oben und dann zu ihr hinunter. »Wie makellos ihr Gesicht ist«, dachte er, »und die Haut ist so zart.« Die kirschroten Lippen und die blauen Augen, die sich ihm nun zuwandten, verzauberten ihn. Sein Herz klopfte schneller. Es fiel ihm schwer, seine Erregung unter Kontrolle zu halten. Er beugte den Kopf hinunter und ließ sich durch den Duft ihrer Haare betören. Langsam fuhr er mit den Fingern über ihre Wangen und Lippen, drückte Maria sanft ins Gras und küsste sie auf den Mund. Seine Lippen glitten kosend über ihren Hals und die Innenseite der Ellenbogen, während ihre Hände noch unerfahren seine behaarte Brust, Hals und Rücken erforschten. Rupert öffnete ihr Mieder, entkleidete sie langsam und ging mit seinen Fingern den Höhen und Tiefen des Körpers nach. Schließlich erreichte er einen Bereich, der noch unberührt war, drückte behutsam ihre Schenkel auseinander. Maria atmete immer heftiger. Rupert entledigte sich seiner Kleidung. Die beiden Körper fanden zueinander und bewegten sich lustvoll im gleichen Rhythmus. Ihre Leidenschaft steigerte sich und ihre Bewegungen wurden wilder, bis sich ihre Spannungen entluden und sie erschöpft und glücklich nebeneinander liegen blieben.

Die Luft war warm und ihre Haut war voller Schweiß. Marias geflochtenes Haar hatte sich durch die heftigen Bewegungen aufgelöst und hing offen über ihren Schultern.

»Ich habe dich sehr lieb«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Ich dich auch«, sagte sie leise und küsste ihn zärtlich. Das hohe Gras war noch nicht gemäht und schützte sie vor ungebetenen Blicken.

»Lass uns noch ein wenig den Stimmen der Wiese lauschen«, bat Maria leise und schmiegte sich an ihn.

Kurz vor Sonnenuntergang begleitete er sie bis zum elterlichen Hof. Im Dorf war es still. Die Tanzveranstaltung war beendet.

»Sehen wir uns morgen am Abend?«, fragte Rupert. Maria nickte.

»Wir können hinunter nach Schwarzach, weiter über die Holzbrücke und am Wasser entlang gehen.«

»Das ist eine gute Idee.«

»An der Salzach ist es bestimmt angenehm kühl.«

In dieser Nacht schlief Rupert tief und fest. Als er am nächsten Morgen aufwachte, hatte er ein wunderbar wohliges Gefühl. So ist es also, wenn man liebt und geliebt wird, dachte er. Es ist ein Geschenk Gottes, dass ein Mann und eine Frau so gut zueinander passen.

Tagsüber führten ihn seine Gedanken immer wieder zu der intimen Begegnung zurück, die Maria und ihn zu einem Paar verbunden hatte. Ja, mit dieser Frau konnte er sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Mit ihr würde er glücklich werden. Das wusste er.

Am Abend fanden die beiden jungen Leute an der Salzach einen schattigen Platz. Eng aneinander geschmiegt lauschten sie dem Rauschen des Wassers und betrachteten die Farben des Regenbogens, die sich durch die Sonneneinstrahlungen im Fluss zeigten.

»Du, Rup, der Wiesenhuber Hansi hat mich heute lange angestarrt und den Blick nicht von mir gelassen«, sagte Maria auf dem Rückweg nach Goldegg.

»Vermutlich ist er eifersüchtig, weil er weiß, dass wir zusammen sind. Er wäre bestimmt gern an meiner Stelle.«

Sie lächelte, doch dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Ich habe schon mehrmals gesehen, dass er sich hinter Büschen versteckt und andere beobachtet hat. Er ist mir unheimlich.« Rupert runzelte die Stirn und atmete einmal tief durch. »Ich werde ihm sagen, dass er Ärger bekommt, wenn er dich noch weiter so aufdringlich anschmachtet.«

Goldegg, im Jahre 1718

Das Jahr hatte mit eisiger Kälte begonnen. Die Landschaft war in eine weiße Pracht gehüllt und der Himmel erstrahlte in leuchtendem Blau. Rupert hatte seine Arbeit im Stall beendet und wollte sich nun zum Feierabend mit den anderen Bauersöhnen im Gasthof Schubhard ein wenig unterhalten.

Er stapfte durch den Schnee hinunter zum Dorf. Als er am zugefrorenen See vorbeikam, rutschten einige Kinder mit sichtlicher Freude auf dem Eis hin und her. Er musste schmunzeln, denn auch seine kleineren Geschwister waren dabei. Als sie ihn erkannten, winkten sie ihm zu. Er hob eine Hand und schickte einen Jodler über den See zu ihnen.

Kurz darauf stand er vor dem Gasthof. Der junge Embacher öffnete die Tür. Abgestandener Geruch aus einer Mischung von Tabak, Schweiß, Essen und Alkohol kam ihm entgegen. Der Kachelofen in der Ecke verbreitete wohlige Wärme. Am hinteren Fenster saßen mehrere junge Männer, zu denen er sich gesellte. Auf dem Tisch standen einige Becher mit Bier. Rupert gab dem Wirt mit einem Fingerzeichen zu verstehen, ihm auch einen zu bringen.

»Grüß Gott, miteinander.« Fröhlich begrüßte er die Burschen. »Was gibt es für Neuigkeiten im Dorf?«, fragte er.

»Die Heustadl und die Getreidetruhen sind noch voll«, scherzte Michael Burgsteiner und prostete den anderen zu. Alle tranken einen kräftigen Schluck.

»Der Rohrmoser Bartl ist jetzt Schulhalter und wohnt im Schulhaus“, wusste Christoph Milthaler.

»Soviel ich weiß, ist sein Bruder mit einem Weib und zwei kleinen Kindern auch dort eingezogen. Die Frau ist fleißig“, erwiderte Nikolaus Forstreuter.

»Dann kehrt im Haus endlich mal Ordnung ein. Ach, da fällt mir noch ein, Jacob hat erzählt, dass er den elterlichen Hof bald übernehmen wird“, sagte Michael Burgsteiner und wandte sich an Rupert.

»Ja, das stimmt«, erwiderte dieser. »Seinem Vater geht es nicht gut. Er kann kaum noch laufen. Jacob erledigt schon die meiste Arbeit.«

»Ich habe neulich seine zwei stramme Buben gesehen«, staunte Hans Lodermoser. Rupert lachte bei dem Gedanken an seine kleinen Neffen und nickte. »Ja, Jacob und Barbara sind sehr dankbar für die Kleinen.«

Simon Hochleitner und Hansi Wiesenhuber saßen an einem Tisch in der Nähe der Theke. Sie hatten schon reichlich getrunken und ihre Gesichter waren rot und verschwitzt. Nachdem Rupert aufgestanden war, sich von den anderen Burschen verabschiedet hatte und seinen Schladminger anzog, rief ihm der Hochleitner auf dem Weg zur Tür hinterher: »Ich weiß, was du so treibst.«

Rupert erinnerte sich daran, wie er den Wiesenhuber Hansi zurechtgewiesen und ihm sogar Schläge angekündigt hatte, wenn er Maria weiterhin auflauern würde. Seit dieser Zeit machte der Bauernsohn um die junge Frau einen großen Bogen. Die Drohung schien erfolgreich gewesen zu sein. Doch der Hochleitner Simon nutzte jede Möglichkeit, um Rupert zu provozieren und hätte auch jetzt sehr gerne Streit angefangen. Rupert hatte aber kein Interesse daran, sich zu prügeln. Ohne die beiden unangenehmen Burschen weiter zu beachten, verließ er das Gasthaus.

Wenig später fiel sein Blick auf eine Frau, die sich in ihrem Umhang eingehüllt auf die Friedhofsmauer stützte. Er sah sie nur von hinten, doch er wusste gleich, wer sie war und lief eilig zu ihr. Sie war kreidebleich und Schweiß stand auf ihrem Gesicht.

»Maria, was ist mit dir?« Sofort nahm er ihre Hand. „Geht es dir nicht gut?« Voller Sorge ließ er den Blick nicht von ihr ab. Die sonst so kirschroten Lippen waren blass und die frische Gesichtsfarbe war verschwunden. Er trocknete ihr mit seinem Ärmel sanft die Stirn, die Wangen und das Kinn. »Ich bringe dich nach Hause. Dann kannst du dich ausruhen und gesund werden.« Maria stellte sich langsam aufrecht und Rupert half ihr dabei. »Nein, nein, ich bin nicht krank, Rup. Aber ich muss dir etwas sagen. Ich war gerade bei der Mühltalerin. Sie hat mich untersucht.«

Erwartungsvoll sah Rupert Maria an. Mit einem Mal ahnte er, was sie sagen wollte. Sie hatte den Namen der Hebamme genannt. Er riss Mund und Augen auf und kam ihr zuvor.

»Du bist in guter Hoffnung.«

Sie nickte und schlug die Augen nieder. Zärtlich zog er sie an sich. »Das ist doch wunderbar. Wir bekommen ein Kind.« Vorsichtig hob er sie hoch. Um den Halt nicht zu verlieren, legte sie ihre Hände um seinen Hals. „Ich trage dich nach Hause«, sagte er lachend. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Das musst du nicht. Ich kann selbst gehen. Ich bin nur etwas wackelig auf den Beinen, weil ich mich heute bereits mehrmals übergeben habe. Halte einfach nur meine Hand. Dann geht es.«

Rupert hatte sie immer noch auf seinen Armen. »Wie leicht sie ist«, dachte er. Am liebsten hätte er sie durch das ganze Leben getragen.

»Willst du meine Frau werden?«, fragte er und sah ihr dabei direkt ins Gesicht. Schon seit einigen Wochen hatte er den Gedanken, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Dass er das aber einmal bei bitterer Kälte an der Friedhofsmauer tun würde, hätte er nicht für möglich gehalten. Doch das war jetzt unwichtig. Er war sich seiner Verantwortung bewusst und er liebte Maria.

»Ja, das will ich gerne«, antwortete sie lächelnd und küsste ihn. Erst jetzt stellte er sie wieder auf die Füße und begleitete sie nach Hause.

Marias Eltern standen im Hauseingang. Der Vater wollte gerade einen Korb mit Brennholz ins Haus tragen und die Mutter hielt ihm die Tür auf. Sie sahen die beiden jungen Menschen langsam auf den Hof zukommen. Die Bäuerin hatte schon bemerkt, dass ihre Tochter seit einigen Tagen nicht mehr so unbeschwert war wie sonst. Sie hegte eine Vermutung, zumal Maria schon lange Zeit mit dem jungen Burschen vom Gut Großenberg befreundet war, der sie nun bis hierher begleitet hatte. »Ein schönes Paar«, dachte sie.

Rupert lächelte die neugierig schauenden Eltern an und ließ sich von ihnen in die warme Stube bitten. Dann streckte er seinen Rücken und sagte feierlich: »Ich möchte um die Hand eurer wunderbaren Tochter anhalten.«

Marias Mutter strahlte ihn an, nahm ihn in die Arme und sagte: »Willkommen in unserer Familie, mein Junge.« Auch der Bauer konnte seine Rührung nicht mehr zurückhalten, klopfte ihm auf den Rücken und sagte: »Rup, du bist für uns wie ein eigener Sohn. Werdet glücklich, ihr beiden. Unseren Segen habt ihr.«

Einen Augenblick lang schaute der junge Mann seine zukünftigen Schwiegereltern unschlüssig an. Er musste ihnen noch etwas eröffnen und wusste nicht so recht, wie er beginnen sollte. Zunächst atmete er tief durch und sagte dann forsch: »Maria wird nicht nur Ehefrau, sondern auch Mutter. Sie soll jetzt gut auf sich achten.« Auf die vorwurfsvollen Blicke,

die ihn erreichten, war er gefasst. Es folgten einige Momente des Schweigens.

Die Bäuerin war die erste, die die Sprache wiederfand. »Wir passen auf, dass sie sich schont. Ihr soll es gut gehen.« Der Bauer kratzte sich am Kopf und blieb stumm. Aber Rupert hatte das Gefühl, dass ihm die Schwiegereltern trotz allem freundlich gesonnen waren.

Glücklich nahm er die werdende Mutter an die Hand und stapfte mit ihr durch den Schnee zum Gut Großenberg. Dort erzählte er seinen Eltern von dem freudigen Ereignis und von den gemeinsamen Plänen. Michael und Gertraud drückten Maria an sich und wünschten dem jungen Paar viel Glück.

Am späten Nachmittag brachte Rupert seine zukünftigte Frau in ihr Elternhaus zurück.

Anschließend ging er zum Steinmayer-Hof. Seine Schwester und ihr Mann saßen in der warmen Stube. Barbara wärmte ihren Rücken am Kachelofen und hatte die Beine ausgestreckt auf einen Hocker gelegt. Jacob saß am Tisch und hatte eine Pfeife angezündet. Der junge Embacher erzählte ihnen von den Hochzeitsplänen und auch von seinen Vaterfreuden. Jacob klopfte ihm auf die Schulter und sprach ihm gute Wünsche aus. Barbara kam zu ihm herüber, legte die Arme um seinen Hals und drückte ihn einen Moment fest an sich.

»Mir ist schon aufgefallen, dass Maria seit einigen Tagen einen anderen Blick hat als sonst. Da habe ich mir schon so etwas gedacht. Du wirst bestimmt glücklich mit ihr.« Rupert strahlte seine Schwester an. »Vor Gott ist sie jetzt schon meine Frau, die ich von Herzen liebe. Doch wir brauchen noch den Segen der Kirche, damit wir auch vor dem Gesetz zusammen gehören.«

Gleich am nächsten Tag machte er sich zu Fuß auf den Weg zum Pfarrhaus nach St. Veit, um einen Termin für die Hochzeit festzumachen. Die Haushälterin des Pfarrers Simon Eckart öffnete ihm die Tür und geleitete ihn ins Arbeitszimmer.

»Grüß Gott, Hochwürden.«

»Grüß Gott.«

»Herr Pfarrer, ich bitte Euch um einen Termin für meine Trauung mit Maria Posenigg vom Rohrmoos-Hof.« Der Pfarrer notierte die Namen und Daten. Dann stöhnte er laut, wischte sich den Schweiß von der Stirn und schaute Rupert an. »Wie soll ich das nur schaffen? Ich bin für die Gemeinden Goldegg, Schwarzach und St. Veit zuständig. Im Augenblick habe ich wenig Zeit. Sobald ich einen Termin für eine Eheschließung finde, bekommt Ihr vom Vikar Georg Wanninger in Goldegg Bescheid.« Rupert verabschiedete sich und machte sich auf den Heimweg.

Mehrere Wochen vergingen. Jede Messe wurde vom Vikar gelesen. Mehrmals suchte Rupert die Begegnung mit ihm und fragte nach. Doch der Kirchenmann wusste von keinem Hochzeitstermin und vertröstete ihn immer wieder. Auch als der junge Embacher im Pfarrhaus in St. Veit nachfragte, bekam er keine klare Antwort. Er wurde ärgerlich, ja, sogar wütend. Doch er nahm sich zusammen und verbarg seine Gefühle vor dem Kirchenmann. Er vermutete, dass der Pfarrer ihn absichtlich warten ließ.

»Ich frage mich schon die ganze Zeit, warum er uns so lange hinhält«, äußerte Rupert am Abend in der Stube, als die Familie zusammen saß.

»Vielleicht weiß er, dass Maria ein Kind erwartet und dass ihr es eilig habt mit der Eheschließung. Er kann dir gegenüber jetzt seine Macht ausspielen«, meinte Michael. »Auch deine Mutter und ich mussten lange warten und deine Schwester Barbara war da schon unterwegs. Wir wurden wegen Inzest zu einer Geldstrafe von fünfundvierzig Gulden verurteilt, weil wir Base und Vetter zweiten Grades waren. Die Geldstrafe wurde später halbiert, aber erst nach der Zahlung bekamen wir die Genehmigung zur Eheschließung.«

»Marias Zustand lässt sich bald nicht mehr verheimlichen«, meinte Gertraud.

»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, erwiderte Rupert. »Ich möchte ihr nicht zumuten, den Sommer über in ihrem Elternhaus zu bleiben und den Blicken und dem Spott einiger Leute ausgesetzt zu sein.«

»Du kannst sie gerne ins Haus holen«, bot Gertraud an und Michael pflichtete ihr bei.

»Danke für euer Verständnis. Das werde ich auch tun.« Rupert stand auf, gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und klopfte seinem Vater auf die Schulter. »Ihr seid wunderbare Eltern.«

Schon am nächsten Tag trug Rupert seine zukünftige Frau über die Schwelle ins Haus. Er flüsterte ihr ins Ohr: »Das ist jetzt dein Zuhause. Werde hier glücklich. Was ich dazu beitragen kann, damit du dich wohl fühlst, werde ich tun. Und ich verspreche, dich niemals mit Worten oder Taten zu verletzen.« Als er sie küsste, drang der Duft von Veilchen in seine Nase.

Gertraud und Michael hießen Maria im Hause herzlich willkommen. Sie wussten, dass sie damit endgültig den Zorn des Pfarrers auf sich ziehen würden und in nächster Zeit mit Reaktionen rechnen mussten. Doch das Glück ihres Sohnes und seiner Frau war ihnen wichtiger als das Wohlwollen des Pfarrers.

Der Frühling hatte den Winter vertrieben und war nun endgültig angekommen. Die erste Maisonne hatte die letzten Schneereste im Dorf schmelzen und die Blumen sprießen lassen. Korn und Leinsamen waren ausgesät.

Eines Morgens bei der Hafersuppe mit Mus sagte Michael zu Rupert. »Mein Sohn, ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen. Deine Mutter und ich, wir werden uns auf das Altenteil setzen. Du bist vierundzwanzig Jahre alt geworden und damit volljährig. Es wird Zeit, dass du die Verantwortung für das Gut Großenberg übernimmst.«

Rupert hatte schon als Kind gewusst, dass er als ältester Sohn den Hof einmal erben würde. Trotzdem war er überrascht, als sein Vater ihm diese Nachricht verkündete. Zugleich war er aber stolz, dass er Bauer werden sollte.