Der Mann aus Anderland - Volker Greulich - E-Book

Der Mann aus Anderland E-Book

Volker Greulich

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Beschreibung

Der komplette Roman. Georg Milden, ein ganz normaler Mann mit Stress im Büro und Frust im Privatleben landet in Sequitanien, einer Parallelwelt. Dort gibt es keine Autos, keine Smartphones und kein Internet, aber auch keinen Stress und keine Krankheiten, dafür aber Magie. In Sequitanien sind alle Menschen wirklich gleich, und es hat jeder die Möglichkeit, seines eigenen Glückes Schmied zu sein und das zu tun, was er (oder sie) möchte. So sieht es jedenfalls aus. Doch an den Grenzen dieser scheinbar paradiesischen Welt lauert auch schon das Verderben in der Gestalt von Unzufriedenen, die nach der Herrschaft in Sequitanien streben und über die anderen herrschen wollen. Dabei scheuen sie auch nicht davor zurück, diese friedliche Welt mit Krieg zu überziehen. Georg Milden hat die Kunst des Schwertkampfes erlernt und ist zu einem sequitanischen Schwertmeister geworden. Und so muss auch er ganz unerwartet in den Kampf ziehen. Doch er stellt sich der Herausforderung, und so beginnen sie, die Tage des Schwertmeisters. Aber diese Entscheidung führt ihn nicht nur an die Grenzen des Reiches, sondern auch an die eigenen Grenzen und darüber hinaus.

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Seitenzahl: 553

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Volker Greulich

Der Mann aus Anderland

Die Tage des Schwertmeisters

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Frust und Ärger

2. Die Mine

3. Wassenpol

4. In den Deimon-Bergen

5. Ein Fährmann in Geerenfurt

6. Eine Seereise

7. Der Schwertmeister

8. Die Nachricht der Großmagierin

9. Tonya Roberts

10. Das Schwert

11. Gefahren in Wassenpol

12. Das Nachtgefecht

13. An die Grenze

14. Geänderte Pläne

15. John Hemmings

16. Flucht

17. Herausforderungen

18. Die ratlose Ratsversammlung

19. Die Schlacht

20. Ende und Anfang

Impressum neobooks

1. Frust und Ärger

Es war ein miserabler Tag gewesen, einer von vielen in letzter Zeit. Eigentlich gab es ohnehin seit einer ganzen Weile kaum noch gute Tage, sondern fast nur noch schlechte und wirklich schlechte. Der heutige Tag hatte wieder einmal alles gehabt, was die Stimmung so richtig versaute. Der Chef hatte wie immer lustig Arbeitsaufträge verteilt, obwohl er ohnehin kaum noch hinterher kam. Die Arbeitsbelastung hatte in den letzten Jahren ständig zugenommen. Neue Stellen waren nicht geschaffen worden, alte wurden stillschweigend gestrichen, wenn Kollegen den Betrieb verließen. Stattdessen hatten interne Reorganisationen immer damit geendet, dass seiner Stelle neue Zuständigkeiten zugefallen waren. So kam es dann zu Fehlern. Die führten dann zu Ermahnungen, dass er müsse sorgfältiger arbeiten. Es wurden zusätzliche Kontrollsysteme eingeführt, zusätzliche Formulare waren auszufüllen, und es gab einfach mehr tun.

Er mühte sich ab, aber so allmählich fühlte er sich den Anforderungen einfach nicht mehr gewachsen. Doch die Sachen einfach hinschmeißen, das ging auch auch nicht. In seinem Alter war es nicht so einfach, eigentlich sogar fast unmöglich, einen Job in seiner Branche mit vergleichbarem Gehalt zu finden. Die Alternativen waren Hartz IV oder vielleicht ein Job im Callcenter.

Die Tochter war zwar aus dem Haus, aber sie studierte, und dadurch wurde sein Bankkonto auch gefordert. Seine Frau hatte ihn zwar vor ein paar Jahren verlassen und war selbst berufstätig, trotzdem war die Trennung finanziell nicht folgenlos geblieben.

Beförderungen waren schon lange kein Thema mehr, es ging nur noch darum, irgendwie über die Runden zu kommen. So ging es dann jeden Tag aufs Neue in die Tretmühle. Gerade heute hatte es wieder ein ausgesprochen unerfreuliches Telefongespräch mit einem wichtigen Kunden gegeben. Ein blöder Fehler war ihm unterlaufen, eigentlich nicht mal ihm selbst. Aber das Dokument, das rausgegangen war, hatte seine Unterschrift getragen. Und so hatte er am Telefon die ätzende Kritik über sich ergehen lassen müssen.

Am Ende war der Tag doch irgendwie zu Ende gegangen, und er war jetzt auf dem Weg zu seinem Auto. Georg Milden war Anfang 50, leicht übergewichtig und schwer desillusioniert. Seit einiger Zeit betrieb er Sport, Fitness-Studio, Schwimmen, Laufen. Vor ein paar Wochen hatte er am Halbmarathon teilgenommen und war lebend ins Ziel gekommen. Seiner Gesundheit hatte dies gut getan. Aber an besonders schwarzen Tagen fragte er sich auch schon mal, ob ein Herzinfarkt denn nicht die reizvollere Alternative wäre.

Dann, auf halbem Weg zwischen Büro und seinem Wagen, fing es an zu regnen. Er hatte morgens einen Schirm eingesteckt, aber der lag jetzt im Auto. So ein Mist. Er wollte nur noch nach Hause. Endlich erreichte er den Parkplatz. Den Luxus leistete sich Georg Milden, trotz hoher Benzinpreise fuhr er täglich mit dem Auto nach Köln. Auf dem Weg zur und von der Arbeit wollte er ein bisschen Ruhe und Privatsphäre haben, in der S-Bahn war das nicht möglich.

Er schloss den Wagen auf und ließ sich in den Fahrersitz sinken. Dann legte er eine CD ein. Manowar, Heavy Metal. Das brauchte er jetzt. So setzte er sich in Bewegung, fuhr vom Parkplatz runter und quälte sich durch den Feierabendverkehr, die Abenddämmerung und den immer heftiger werdenden Regen in Richtung Autobahn. Aus dem Lautsprecher tönten die harten, elektrisierenden Rhythmen von 'Die with Honor'. Er summte mit und trommelte mit den Fingern rhythmisch aufs Lenkrad. Aber heute war er so schlecht gelaunt, dass die Musik ihn nicht wirklich ablenkte. Ehrenvoll sterben, der Ehre entgegen reiten. An dem täglichen Wahnsinn, der sein Leben prägte, war nichts wirklich großartig und ehrenvoll. Und überhaupt, ehrenvoll sterben, was sollte das denn? Er wollte sein Leben bewältigen und brachte nicht mal das zustande.

Schließlich erreichte er die Autobahn, und dort kam er zunächst ganz gut voran. Dann kam es, wie es kommen musste: Stau. Es ging kaum noch vorwärts, und Georg Milden hatte jetzt wirklich genug. Zum Glück befand er sich in der Nähe einer Ausfahrt, da fuhr er ab. Andere Fahrer hatten sich ebenfalls für diese Variante entschieden, und der Verkehr auf der Bundesstraße war nur geringfügig weniger dicht als auf der Autobahn. Weiter der Bundesstraße zu folgen, hieße eine schier endlose Abfolge von Ampeln erdulden zu müssen, was selbst ohne hohes Verkehrsaufkommen nervend war. Deshalb entschied er sich dafür, lieber noch einen weiteren Umweg machen, und zwar über eine für gewöhnlich wenig befahrene Landstraße, die durch ein Waldstück führte. Also Blinker raus und links abgebogen.

Hier war es besser. Mann, hatte er die Faxen dicke. Er hatte keine Lust mehr, er hatte absolut keine Lust mehr.

Die Baustelle sah er erst im letzten Moment. Totalsperrung, die Straße war unpassierbar. Den Wagen konnte er noch gerade so abbremsen. Warum verdammt war denn da an der Abzweigung kein Schild gewesen, das auf die Sperrung hinwies. Oder hatte er es einfach übersehen? Mist, jedenfalls, Mist. Drehen konnte Georg Milden hier nicht. Aber etwa 50 Meter hinter ihm befand sich ein Wanderparkplatz, da würde er wenden. Genervt legte Georg Milden den Rückwärtsgang ein, setzte den Wagen zurück und lenkte ihn auf den Parkplatz. Als er gerade den Wagen wenden und auf die Straße zurückfahren wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Verdammt, da lag am Waldrand doch jemand am Boden. Es war jetzt fast dunkel, und er konnte nur Umrisse erkennen. Auch das noch. Was würde dieser Tag noch alles bringen, nur um ihn zu quälen und von der wohlverdienten Ruhe zu Hause fernzuhalten.

Einen Moment lang war Georg Milden versucht, einfach wegzufahren. Aber er wusste, dass er sich dann den ganzen Abend Gedanken machen würde: Was, wenn er jemanden, der vielleicht verletzt war und Hilfe brauchte, sich selbst überlassen hätte?

Sich in sein Schicksal ergebend löste er den Sicherheitsgurt und stieg aus. Es regnete immer noch, und der Boden war matschig. Er ging zum Waldrand und wirklich, da lag eine alte Frau und wimmerte. Na, dann war es ja besser, das er sich einen Ruck gegeben hatte. Die Frau hatte ihn entdeckt. 'Söhnchen, so gut von Dir, komm und hilf mir.' Sie sprach mit einem komischen Akzent und trug altmodische Kleidung, ein knöchellanges Kleid, eine Strickjacke und ein Kopftuch, das wohl beim Sturz verrutscht war.

'Warten Sie, ich helfe Ihnen. Sind Sie verletzt?' 'Hilf mir, Söhnchen, hilf mir auf.' Komischer Akzent und “Söhnchen“, wahrscheinlich eine Russlanddeutsche oder aus Kasachstan oder von sonst wo. 'Kommen Sie, dann wollen wir mal sehen, ob Sie stehen können.' Die alte Frau streckte die Hand aus, und Georg Milden ergriff sie und zog vorsichtig. Doch dann sprang die Alte überraschend flink auf, und ehe er wusste, wie ihm geschah, kletterte sie auf seinen Rücken und klammerte sich fest. Mit veränderter, krächzender, böser Stimme schrie sie ihm ins Ohr. 'Du dummer Esel, jetzt bist Du mein Sklave bis in alle Ewigkeit. Vorwärts Esel, trage Deine Besitzerin. Du wirst mich nie mehr abschütteln können. Und jetzt lauf!'

Völlig überrascht gehorchte Georg Milden. Wie ferngesteuert stolperte er vom Parkplatz in den Wald, wo ihn die Alte hin und hertrieb. Ihr Gewicht lastete schwer auf ihm. Es war ein Albtraum, es musste ein Albtraum sein. Oder er war gegen einen Baum gefahren und war jetzt tot und in der Hölle. Aber er konnte sich genau erinnern, wie er den Wagen angehalten hatte. Und er spürte seine durchnässten Schuhe und seine kalten Füße. Das war kein Albtraum, und die Hölle war es auch nicht. Die Szene erinnerte ihn dunkel an ein angeblich russisches Märchen, dass er in der Grundschule gelesen hatte. Entweder war das Ganze ein übler Scherz, oder die Alte war durchgeknallt und aus irgendeinem Heim abgehauen.

Er suchte nach einem weichen Untergrund und blieb dann stehen, ohne auf das Kreischen und Fluchen der Alten zu achten, die ihn weiter antrieb. Unsanft packte er ihre Hände, mit denen sie sich in ihn verkrallt hatte, und löste gewaltsam ihren Griff. Dann schüttelte er sich, und die Alte landete im Dreck. Zunächst blieb sie still. Ihr Gesicht konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen, aber sie hatte offensichtlich nicht mit so etwas gerechnet. Dann aber brach ein Schwall übelster Flüche und Beschimpfungen aus ihr hervor. Georg Milden hatte genug und ging einfach weg. Das Fluchen verwandelte sich in Wimmern und Betteln und Flehen, aber er hörte nicht mehr hin.

Der Regen hatte aufgehört. Irgendwas musste er jetzt tun. Am besten würde er die Polizei rufen, denn vielleicht war die Alte einfach nur verwirrt und hatte Wahnvorstellungen. So zog er sein Handy aus der Jackentasche und wollte den Polizei-Notruf wählen. Aber klar, kein Empfang. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn an diesem Tag irgendetwas geklappt hätte. Also zurück zum Auto, er würde die Polizei von unterwegs anrufen. Er versuchte, sich zu orientieren. Aber es war stockdunkel, und er konnte sich nicht mehr daran erinnern, in welcher Richtung die Straße lag. Auf gut Glück entschied er sich für eine Richtung.

Er lief eine ganze Weile durch den Wald, ohne zurück zum Parkplatz zu gelangen. Offensichtlich hatte er die falsche Richtung eingeschlagen. Aber er hatte auch keine Ahnung, welches die richtige Richtung war. Daher war es am besten, einfach weiter zu gehen, um aus diesem verdammten Wald herauszukommen. Schließlich sah Georg Milden Lichter durch die Bäume hindurch schimmern. Na gut, da waren wenigstens Häuser. Er zog sein Handy wieder aus der Tasche, doch es gab immer noch keinen Empfang. Mist, aber im Notfall würde er einfach an einem der Häuser klingeln und darum bitten, das Telefon benutzen zu dürfen.

So stolperte er aus dem Wald und kam zu einer Wiese. Über ihm leuchteten die Sterne, keine Wolke war mehr am Himmel zu sehen. Nicht weit weg lag im Dunkeln ein Dorf, aus den Fenstern schienen Lichter. Eine Straße sah er nicht und auch keine Autos oder Straßenlaternen. In der Ferne, einige Kilometer entfernt, schien ein anderes Dorf zu liegen. Irgendwie war das alles seltsam. Im Grunde war er immer noch im Kölner Stadtgebiet. Hier müssten jede Menge Häuser zu sehen sein oder ein Gewerbegebiet, auf jeden Fall aber Straßen mit Beleuchtung und Verkehr. Denn so spät war es ja auch noch nicht.

Und wie konnten sich die Wolken, aus denen es bis vor ein paar Minuten noch heftig geregnet hatte, in der kurzen Zeit so vollständig verzogen haben? Wie auch immer, er würde in das Dorf gehen. Wenn er dort immer noch keinen Handy-Empfang hatte, ein Telefon, Festnetz, würde es schon irgendwo geben.

Missmutig stapfte Georg Milden durch das Gras. Er hatte keine Ahnung, wann er nach Hause kommen würde. Morgen musste er wiederum früh raus und zurück in die Tretmühle. Das war also sein Feierabend, na großartig! Schließlich erreichte er das Dorf, und auch dieses wirkte seltsam. Die Straßen waren unbefestigt, die Häuser alle eingeschossig, viele waren aus Fachwerk. Das Licht hinter den Scheiben war relativ schwach und flackerte: Kerzenlicht? Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Das war eine Filmkulisse. Dies musste ein Studiogelände sein. Ob die verrückte Alte dazu gehörte? Nun, er würde es gleich herausfinden.

Zunächst lief er durch eine kleine Seitengasse, aber kurz darauf stand er auf der Hauptstraße des Dorfes. Kein Mensch war auf der Straße unterwegs. Etwa dreißig Meter von der Stelle entfernt, an der er stand, sah Georg Milden über einer Tür etwas, das wie ein Wirtshausschild aussah. Er ging darauf zu, und als er näher kam, hörte er Lärm aus dem Inneren des Hauses. Neben dem Schild brannten zwei Fackeln. Offensichtlich nahmen die es hier sehr ernst mit historischer Authentizität. 'Zur Goldenen Fackel', so hieß die Gaststätte. Wahrscheinlich befanden sich um diese Zeit darin die Schauspieler und das andere Personal und erholten sich vom Stress des Tages. Vor der Tür zögerte er etwas, hoffentlich platzte er jetzt nicht in eine Filmaufnahme.

2. Die Mine

Vorsichtig öffnete Georg Milden die Tür zur Gaststube und sah hindurch, aber nirgendwo entdeckte er eine Kamera. Die Männer und Frauen im Gasthaus trugen alle historische Kostüme. Vom technischen Personal war nichts zu sehen. Einige sahen zu ihm hinüber, die meisten ignorierten ihn. Hinter der Theke stand eine relativ große, blonde Frau, auch sie in einem altertümlichen Kleid mit einer Schürze. Sie blickte ihm voll ins Gesicht und lächelte ihn einladend an. Georg Milden trat ein und ging zur Theke. Neben ihm saß ein Mann, der versonnen sein Bierglas betrachtete. 'Entschuldigen Sie, ich müsste mal telefonieren, mein Handy funktioniert hier nicht.'

Die Wirtin lächelte wieder. 'Natürlich funktioniert Ihr Handy hier nicht. Aber leider können Sie von hier nicht anrufen.' 'Keine Sorge, ich bezahle das Gespräch.' Die Frau war immer noch freundlich, auch wenn Georg Milden zunehmend gereizter wurde. 'Das, mein Herr, ist nicht das Problem. Wir haben kein Telefon hier.' 'Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass es hier am Film-Set kein Telefon gibt. Was ist das, die versteckte Kamera? Locken Sie harmlose Autofahrer hierhin, um sie dann heimlich zu filmen und später im Fernsehen lächerlich zu machen.' Die Frau lachte. 'Nein, sicher nicht. Das hier ist kein Film-Set. Das ist nur ein normales Dorf-Gasthaus.' 'Verdammt noch mal, wie auch immer. Dann zeigen Sie mir wenigstens, wo die Straße ist, die Landstraße. Mein Auto steht dort. Ich muss nach Hause.'

Er glaubte ihr kein Wort, das musste irgend so ein verrücktes Reality-TV-Format sein. Aber im Moment wollte er nur zurück zu seinem Wagen und dann nach Hause. Nichts erschien im Moment so reizvoll wie der Gedanke, vorm Fernseher in Ruhe zu Abend zu essen. Doch die Frau schien ihn immer noch auf den Arm nehmen zu wollen.

'Es gibt hier keine Straßen, jedenfalls keine, auf denen Autos fahren.' 'Das darf doch nicht wahr sein. Ich weiß nicht, was für ein Spielchen Sie hier spielen. Aber wir sind keine 15 Kilometer vom Stadtzentrum von Köln entfernt. Sagen Sie mir, wo das nächste Telefon ist, dann rufe ich mir ein Taxi. Jedenfalls will ich jetzt hier weg.

Der Mann mit dem Bierglas hatte zuletzt aufmerksam zugehört. 'Ingrid, der Mann kommt aus Anderland wie Du, er versteht nicht, wo er ist.' 'Sicher, Andries, aber wie Du siehst, ist unser Gast müde und erschöpft. Er muss jetzt erst einmal etwas essen und sich anschließend ausruhen. Morgen sehen wir dann weiter.'

Dieses Gespräch über ihn, in seiner Gegenwart, ließ Georg Milden fast explodieren. 'Entschuldigung. Ich will mich nicht ausruhen, jedenfalls nicht hier. Ich will nach Hause. Und wenn Sie mir weiter etwas vorspielen, dann verklage ich Sie. Was immer Sie vorhaben, ich bin nicht Ihr Versuchsobjekt. Entweder lassen Sie mich jetzt telefonieren, oder Sie zeigen mir den Weg zur Straße, also bitte!'

Der Mann neben ihm schüttelte stumm den Kopf und konzentrierte sich wieder auf sein Bierglas. Ein paar Gäste, die in der Nähe saßen, hatten sich neugierig umgedreht. Aber die Wirtin sah ihn fast mitleidig an. 'Ich würde Ihnen gerne helfen, aber das kann ich nicht. Es gibt hier kein Telefon, und Sie sind hier auch nicht in der Nähe von Köln. Sie sind in Sequitanien, und heute kommen Sie mit Sicherheit nicht mehr nach Hause. Sie sollten sich jetzt an einen freien Tisch setzen.' 'Also wirklich, ich lasse mich doch nicht zum Narren halten. Ich gehe jetzt und suche mir selbst den Weg.' Der Mann neben ihm warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. 'Die Wirtin meint es gut mit Euch. Da draußen ist es dunkel, und wenn Ihr etwas findet, dann allenfalls ein Dorf wie dieses. Aber wahrscheinlich werdet Ihr Euch vorher im Dunkeln die Beine brechen.'

Georg Milden wollte eine scharfe Antwort geben, aber er ließ es. Dies war alles seltsam, aber es wurde auch immer später. Selbst wenn es eine Fernsehsendung war, und etwas anderes kam als Erklärung eigentlich nicht in Frage, sollte er besser gute Miene zum bösen Spiel machen. Er war hungrig und müde und hatte tatsächlich nicht die geringste Lust, da draußen in der Dunkelheit im Matsch herumzustolpern. Morgen, bei Tageslicht, würde sich alles aufklären. Die Leute vom Sender würden sein Büro benachrichtigen und die Verantwortung übernehmen müssen. Aber jetzt wollte er etwas essen und ein kaltes Bier trinken.

'Gut, wir reden morgen weiter.' Die Wirtin nickte freundlich, und mürrisch ging Georg Milden zu einem der wenigen freien Tische. Er erwartete, dass ihm die Speisekarte gebracht würde, aber die Wirtin servierte ihm stattdessen ein großes Tablett mit einem Krug Bier, kaltem Braten, Käse, Brot, Butter und etwas, was entfernt an gewürfelte Salzgurken erinnerte.

'Hier, stärken Sie sich. Ich weiß, dass Sie eine anstrengende Reise hinter sich haben. Vor ein paar Jahren habe ich Ähnliches durchgemacht. Als ich hier angekommen bin, habe ich geglaubt, ich hätte Halluzinationen. Aber dann habe ich verstanden wo ich bin, und jetzt bin ich gerne hier. Ruhen Sie sich aus, morgen im Tageslicht sieht alles anders aus. Ich heiße übrigens Ingrid Hansson und komme eigentlich aus Schweden.' Georg Milden sagte nichts, er konzentrierte sich auf das Essen. Es schmeckte gut, auch wenn das Bier und das Fleisch einen etwas ungewohnten Geschmack hatten. Er merkte, welchen Hunger er hatte. Außerdem glaubte er der Frau kein Wort. Während er sie schweigend betrachtete und kräftig kaute, fiel ihm auf, dass die Frau eigentlich ganz attraktiv war. Sie war schätzungsweise Anfang 40, kräftig gebaut, aber nicht dick, nicht unbedingt eine Schönheit, aber durchaus ansehnlich. Schwedin? Sie sprach perfekt Deutsch.

In der Tat, der neue Tag würde die Tatsachen ans Licht bringen, bis dahin würde er gar nichts mehr sagen, sondern nur noch essen und schlafen. Morgen würden die Verantwortlichen wegen dieser schlechten Geschichte von ihm ganz schön was zu hören bekommen.

Als er das Essen beendet hatte, räumte eine junge Frau das Geschirr ab. Die Wirtin kam zurück und bot ihm an, ihm sein Zimmer zu zeigen. Sie gingen in einen Anbau im hinteren Teil des Hauses. Das Zimmer war sauber, aber kärglich eingerichtet. Es gab ein großes Bett mit großen Kissen und einem schweren Federbett, einen hölzernen Tisch und einen hölzernen Stuhl. In dem ganzen Raum war kein Plastik und nichts, das nach Elektronik aussah. Dafür brannte auf dem Tisch eine Kerze. 'Und wo ist das Bad?'

Die Wirtin wies auf einen großen Wasserkrug und eine Zinkwanne auf dem Boden. 'Die Toiletten sind draußen. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich. Ansonsten wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.' Georg Milden schluckte einige bissige Bemerkungen hinunter, die ihm auf der Zunge lagen. Als die Frau das Zimmer verlassen hatte, nahm er die Kerze in die Hand, ging durch den Flur und hinaus in den Hof zu den Toiletten. Es verwunderte ihn überhaupt nicht, dass sich die Außentoiletten als Latrinen erwiesen. Wenigstens waren sie einigermaßen sauber und rochen nicht allzu streng. Als er fertig war, kehrte er zurück ins Zimmer.

Dort zog er sich Jacke und Schuhe aus und ließ sich aufs Bett fallen. Als er in die weiche Matratze sank, bemerkte er, wie müde er war. Da wurde es ihm klar. Das alles war ein Traum, er würde aufwachen und sich dann entweder im Auto oder in seinem Bett wiederfinden. Und kurz bevor in einen tiefen Schlaf fiel, war sein letzter Gedanke die Frage, was es denn wohl sein würde, Auto oder Bett?

Es war ein kräftiger Druck auf der Blase, der Georg Milden zwang aufzuwachen. Ohne die Augen zu öffnen, tastete er die Umgebung ab. So ein Glück, er lag im Bett. Er musste es bis nach Hause geschafft haben und hatte dort einen Albtraum gehabt. Noch im Halbschlaf setzte er sich auf. Er würde auf die Toilette gehen, seine Toilette mit Wasserspülung. Dann öffnete er die Augen. Es war schon hell, und er war nicht in seinem Zimmer. Stattdessen befand er sich immer noch in diesem verdammten Gasthaus.

Also doch ein Film-Set? Irgendeine abgedrehte Reality-Show? Irgendwie kam ihm der Gedanke aber heute morgen nicht mehr wirklich überzeugend vor. Doch die Erklärung, die er von dieser Ingrid Hansson erhalten hatte, die konnte doch nun wirklich nicht stimmen. Oder vielleicht doch? Der Druck auf der Blase wurde langsam unerträglich, und er schlüpfte in seine Schuhe und schlich niedergeschlagen zu den primitiven Außentoiletten.

Wieder im Zimmer versuchte er so gut wie möglich, sich mithilfe der Zinkwanne und des Wassers etwas frisch zu machen. Seine Kleider, in denen er geschlafen hatte, fingen an, streng zu riechen. Natürlich hatte er keine Sachen zum Wechseln dabei. Ohne große Hoffnung zog er sein Handy hervor. Natürlich noch immer kein Empfang, dafür war die Batterie mittlerweile fast leer. Der Akku lag natürlich zu Hause, aber das war auch egal, denn schließlich schien es an diesem Ort keine Steckdosen und überhaupt keinen elektrischen Strom zu geben.

Er sah auf die Uhr. Die zeigte halb acht. Anscheinend stimmte die Zeit einigermaßen. So begab er sich dann in die Gaststube, die um diese Zeit fast leer war. Die Wirtin sah ihn kommen und strahlte ihn fröhlich an. 'Guten Morgen, mein Herr. Sie sehen so aus, als ob Sie ein gutes Frühstück vertragen könnten.' 'Ich vermute, Sie wollen mir immer noch weismachen, dass ich in, wie hieß der Ort noch mal, bin?' Ingrid Hansson schenkte dem schlecht gelaunten Gast ein mitleidiges Lächeln. 'Ich will Ihnen nichts weismachen. Das ist nun einmal eine Tatsache. Wir sind hier in Sequtanien. Das Dorf heißt Wassenpol, und es liegt in der Provinz Geerenfurt.' 'Mann, ich würde es Ihnen fast glauben, aber das ist doch einfach zu abgefahren.' 'Sie werden es noch glauben. Aber erst einmal sollten Sie frühstücken.'

Die Wirtin brachte Brot, Eier mit Speck, Käse und Schinken, einen Krug Milch und ein Glas Honig, dazu einen Teller, Messer und Gabel und einen Krug. 'Ein bisschen viel Cholesterol. Und Kaffee wäre auch nicht schlecht.' Die Frau lachte schallend und tätschelte ihm den Arm. 'Kaffee gibt's hier nicht. Und um Ihren Cholesterin-Spiegel brauchen Sie sich heute mal keine Sorgen zu machen. Langen Sie zu.'

Das tat Georg Milden dann auch. An seiner Situation konnte er im Moment ohnehin nichts ändern. Er wusste ja nicht einmal, in was für einer Situation er sich eigentlich genau befand. Ein gutes Frühstück konnte da nun wirklich nicht schaden. Und gut war das Frühstück, daran war nun wirklich nichts auszusetzen. Die Speisen schmeckten anders als zu Hause, wahrscheinlich Bio-Produkte.

Als er fertig war, räumte die Frau den Tisch ab. 'Es sind Leute für Sie gekommen, die warten draußen auf Sie?' Georg Milden wusste nicht, ob er alarmiert oder erfreut sein sollte. Wer könnte denn etwas von ihm wollen? Natürlich diejenigen, die für diese abgefahrene Show verantwortlich waren. 'Was für Leute? Ich meine, ich kenne hier niemanden.' 'Es sind Bedienstete von Lord Firrenbrock, dem Magistrat. Ich habe ihm Ihr Kommen angezeigt. Und jetzt will er Sie sehen. Das ist so üblich.'

'Na, ich hoffe seine Lordschaft,' er legte soviel Ironie in seine Stimme wie er konnte, 'stört es nicht, dass ich so dreckig vor ihm erscheine.' Er zeigte auf seine Kleidung, die in der Tat nicht mehr besonders ordentlich aussah. Aber seine Ironie prallte an Ingrid Hansson ab. 'Sie sind nicht der erste, der hier in Wassenpol durch die Pforte aus Anderland kommt. Der Lord ist an eine etwas zerzauste Erscheinung seiner Besucher gewöhnt. Aber ich werde den Schneider bitten, dass er nachher vorbeischaut.' 'Na gut, vielleicht ist das keine schlechte Idee.' Natürlich hoffte Georg Milden noch immer, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen und er spätestens bis zum Abend nach Hause zurückkehren würde. Für einen Moment dachte er daran, was sein Chef wohl dazu sagen würde, dass er einfach nicht zur Arbeit erschienen war. Aber im Moment war das nun wirklich seine geringste Sorge. Dann erinnerte er sich an die alte Frau vom Vorabend, er hatte den Gedanken an sie völlig verdrängt. Vielleicht irrte sie da draußen herum. Nun, mittlerweile war sie sicher gefunden worden, aber trotzdem …

Er erzählte Ingrid Hansson von der Frau, aber die schüttelte nur den Kopf. 'Keine Sorge, die alte Frau gehört zur Pforte.' Sie bemerkte, dass er sie verständnislos ansah. 'Ich erkläre Ihnen das heute Abend. Sie sollten den Lord nicht warten lassen.'

Widerwillig ging Georg Milden zur Tür und trat auf die Straße. Auf der Straße waren einige Menschen unterwegs. Sie alle trugen diese seltsam altertümliche Kleidung. Vor dem Gasthaus stand eine Kutsche, und bei deren Anblick blieb dem Mann fast das Herz stehen. Genau genommen war es nicht die Kutsche, vielmehr waren es die beiden Zugtiere. Solche Tiere hatte er noch nie gesehen, nicht einmal in Fantasy-Filmen. Sie hatten eine entfernte Ähnlichkeit mit Büffeln und ein zotteliges Fell. Aber obwohl ihre Hinterbeine ausgesprochen kräftig waren, so waren ihre Vorderläufe erstaunlich dünn und wesentlich kürzer.

Neben der Kutsche standen zwei Männer. Der Ältere trug etwas, das wie eine Livree aussah, der jüngere ein Kettenhemd und ein Schwert. Die beiden Männer bemerkten, wie er die Tiere anstarrte. Der Ältere räusperte sich. 'Seid gegrüßt, Anderländer. Ich bin Haigar vom Jagdfeld, Herold des Ehrenwerten Lords Firrenbrock. Der Ehrenwerte Lord wünscht Euch zu sprechen.' Er sah, dass Georg Milden die Augen nicht von den Tieren abwenden konnte. 'Ich vermute, Anderländer, dass Ihr noch nie ein Sassol gesehen habt?' 'Sassol?' 'Diese Tiere dort, Sassols, Zugtiere.' 'Habt Ihr denn keine Pferde?' 'Ich habe von Pferden gehört. Die meisten Anderländer wundern sich, wenn sie zum ersten Mal Sassols sehen. Aber nein, Pferde gibt es in Sequitanien nicht.' Der Herold bemerkte, dass der Fremde noch Fragen hatte.

'Wenn Ihr nun bitte einsteigen wollt, der Ehrenwerte Lord erwartet Euch.' Widerstrebend bestieg Georg Milden die Kutsche. Der Schwertträger fungierte auch als Kutscher, und so setzte sich das Gefährt, gezogen von den seltsamen Tieren in Bewegung. Sie fuhren die Dorfstraße entlang und erreichten bald das offene Feld. Die Straße war nichts weiter als eine Erdpiste zwischen den Feldern. Weit und breit gab es nichts als Felder, ein paar Bauernhöfe, kleine Waldstücke, ein weiteres Dorf. Keine Straßen, jedenfalls keine asphaltierten Straßen, keine Strommasten und nichts was nach 21. Jahrhundert aussah.

Nach einer kurzen Weile erreichten sie eine Weggabelung, und die Kutsche bog nach links ab, genau in Richtung auf den Wald, aus dem Georg Milden gestern Abend herausgekommen war. Mit einem Mal ergriff ihn eine schon verloren gegangene Zuversicht. Es war eben doch alles nur ein schlechter Scherz. Irgendwie war alles nur Fassade, eine sehr eindrucksvolle Fassade, das musste er zugeben. Und natürlich sahen diese Tiere, die 'Sassols', täuschend echt aus. Aber hinter dem Wald würden sie auf die Landstraße stoßen, auf der er gestern stecken geblieben war, und die er gut kannte. Sie würden vielleicht gut einen Kilometer von der Stelle entfernt auf die Straße stoßen, an der sein Auto parkte. Im Licht der Kameras würde ein grinsender Showmaster ihn begrüßen und ihm und den Zuschauern erklären, was das alles sollte. Dann würde der Showmaster ihn, Georg Milden, fragen, wie er sich gefühlt hätte. Und er, Georg Milden, würde dem Showmaster vor laufender Kamera in die Fresse hauen. Dann wäre der Albtraum vorbei. Mit einem Mal befiel ihn eine angenehme Leichtigkeit. Und er würde auch heute nicht mehr ins Büro gehen, denn das konnte nun wirklich niemand von ihm verlangen.

Die Kutsche bog in den Wald ein und fuhr stetig weiter. Dann führte der Weg wieder aus dem Wald hinaus, und Georg Milden fühlte, wie alle Hochstimmung ihn verließ. Da war keine Straße. Da war auch kein Platz für eine Straße. Da war vielmehr ein nettes kleines Tal, durch das ein Bach floss, an dem ein kleiner Weiler lag. Und am Rande dieses Weilers stand ein eindrucksvolles Herrenhaus, und auf dieses Herrenhaus fuhren sie zu.

Das alles war keine Fernsehkulisse: das Gasthaus, in dem er übernachtet hatte, die Sassols, die Männer in ihrer lächerlichen Kleidung. Er war nicht mehr außerhalb von Köln, Georg Milden war in Sequitanien, wo immer dies liegen mochte. Die Kutsche hielt vor dem Herrenhaus, das etwas abseits von den anderen Häusern des Weilers auf einem kleinen Hügel lag. Hier stand am Tor ein Wächter, der ebenfalls mit einem Schwert bewaffnet war. Der Herold stieg von der Kutsche herunter und wies Georg Milden an, ihm zu folgen.

Sie betraten das Haus. Die Blicke des Wächters folgten ihnen, doch er blieb auf seinem Posten, als sie durch die Tür traten. Die beiden Männer befanden sich in einem riesigen Treppenhaus, von dem aus eine Treppe in die oberen Stockwerke führte. Doch anstatt die Treppe hochzusteigen, führte der Herold den Besucher durch einen breiten Gang, an dessen Ende sich ein Salon befand. Die Tür stand offen.

An der gegenüberliegenden Seite eröffneten große Fenster den Blick auf einen kleinen Park. An den anderen Wänden hingen Bilder, an einer Wand stand außerdem ein Bücherregal. In der Mitte des Raumes befanden sich ein paar Sessel, die um einen kleinen Tisch herum aufgestellt waren. Und dort wartete ein relativ kleiner und ziemlich dicker Mann, fast kahlköpfig, der eine weiße Bluse und eine dunkelblaue Weste trug. Ohne sich aus seinem Sessel zu erheben, winkte er dem Herold zu. Dieser stieß Georg Milden leicht an und deutete mit einem knappen Nicken auf einen der leeren Sessel. Der Dicke wartete, bis sein Besucher Platz genommen hatte. 'Seid gegrüßt Anderländer. Ich bin Lord Firrenbrock, Magistrat dieses Amtsbezirks. Und es ist Sitte, dass ich die Anderländer, die in meinem Amtsbezirk durch die Pforte gekommen sind, hier empfange.' Georg Milden wusste nicht so recht, was er sagen sollte.

'Wie ist Euer Name, Anderländer?' 'Georg Milden, und ich muss sagen, ich bin verwirrt.' Der Lord nickte verständnisvoll. 'Das wundert mich nicht. Der Weg durch die Pforte muss für Euch eine Überraschung gewesen sein. Und wie Ihr zweifelsohne bereits gesehen habt, unterscheidet sich Sequitanien in vielen Dingen von Anderland.' 'Da haben Sie Recht, Lord Firrenbrock. Es ist alles verwirrend, wie ich schon sagte.' 'Nun, ein Glas Wein kann nicht schaden. Der Wein schmeckt hier jedenfalls nicht viel anders als in Anderland, so hat man mir zumindest versichert.' Ein Diener war lautlos in den Salon getreten und brachte ein silbernes Tablett mit einer gläsernen Karaffe und zwei Weinkelchen. Der Herold hatte sich unterdessen ebenso unbemerkt entfernt.

Der Diener schenkte ihnen ein und der Lord prostete seinem Gast aufmunternd zu. Der Wein jedenfalls war nicht schlecht, ein dunkler Roter, aber er unterschied sich im Geschmack doch etwas von den Weinen, die der Anderländer kannte, irgendwie erdiger. Aber Georg Milden bemerkte, dass der Wein ihm gut tat. Er entspannte sich etwas. Währenddessen sah in der Lord aufmerksam an.

'Nun, wir heißen alle Anderländer, die nach Sequitanien kommen, willkommen. Wir verlangen lediglich, dass sie sich an unsere Gesetze halten. Diese sind nicht sehr kompliziert. Man darf einem anderen Menschen nicht wissentlich Schaden zufügen, ihm nichts wegnehmen, ihn nicht verletzen oder gar töten, Ihr wisst schon. Ansonsten werdet Ihr ohne Frage schnell lernen.' 'Um ehrlich zu sein interessiert mich viel mehr, wie ich wieder nach Hause zurückkomme. Ich habe eigentlich nicht vor hierzubleiben. Sagen Sie mir nur, wie ich wieder zurückkomme, nach Anderland, wie Sie das nennen.'

Der dicke Lord lächelte seinen Besucher beschwichtigend an. 'Nun, das verstehe ich, mein Herr. Wirklich, das verstehe ich. Es ist nur so, ich weiß nicht, wie man von hier nach Anderland kommt. Es soll Anderländer geben, die den Weg zurück gefunden haben, so habe ich gehört. Aber ich weiß nicht, wie das gehen sollte. Also müsst Ihr wohl erst einmal wohl oder übel hier bei uns bleiben. Und damit stellt sich natürlich die Frage, wie Ihr Euren Lebensunterhalt bestreiten werdet.'

'Nun, das ist wirklich eine Frage, aber …' Doch der Lord erhob die Hand und sprach weiter. 'Nein, nein, hört mir zu. Da gibt es keine Frage. Ihr werdet jetzt in die Mine gebracht, und da findet sich dann alles Weitere.' Georg Milden wollte aus dem Sessel hochfahren, aber eine starke Hand hielt ihn zurück. Er drehte sich um und sah, dass der Kutscher hinter ihm stand. Außerdem war ein weiterer Wächter in den Salon getreten, einer, den er zuvor noch nicht gesehen hatte, der aber auch ein Schwert an der Seite trug.'

'Was soll das? Ich habe nichts getan. Und wenn das Ihre Form der Bestrafung für illegale Einreise ist, dann muss ich sagen, das ich nicht freiwillig hier bin.' Beschwichtigend hob der Lord die Hände. 'Strafe? Wieso sollten wir Euch bestrafen wollen? Wir geben Euch lediglich die Gelegenheit, Euren Lebensunterhalt zu verdienen. Was regt Ihr Euch auf? Das ist völlig unnötig. Ihr solltet uns vielmehr dankbar sein.'

'Na klar. Dankbar.' Georg Milden gab sich gar nicht erst die Mühe, seine Bitterkeit zu verbergen. Aber er erkannte auch, dass jeder Protest sinnlos war. Der Kutscher gab ihm ein unmissverständliches Zeichen zu folgen. Mürrisch stand er auf und ging zur Tür, ohne sich zu verabschieden, gefolgt von den beiden Bewaffneten. Dann verließen sie das Gebäude durch den langen Gang und das Treppenhaus und traten vor die Tür, wo die Kutsche mit den beiden Sassols wartete. Der Kutscher kletterte auf den Kutschbock, während der andere Wächter zusah, wie Georg Milden einstieg. Dieser zögerte und spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, einfach wegzulaufen. Aber wohin hätte er laufen sollen, ganz allein in einem fremden Land oder einer fremden Welt oder wo auch immer.

Der zweite Wächter folgte dem Anderländer und setzte sich neben ihn. Dann setzte sich das Gefährt wieder in Bewegung. Sie fuhren durch den Weiler und dann auf einer kleinen Steinbrücke über den Bach. Auf der anderen Seite des Baches ging es dann weiter das Tal hinauf.

Georg Milden konnte es nicht fassen. Es kam ihm alles vor wie ein Albtraum, völlig irreal, geradezu aberwitzig. Gleichzeitig war ihm jetzt aber klar, dass dies kein Traum war, sondern die Realität. Eine Realität, in der er zusammen mit Männern mit Schwertern in einer Kutsche fuhr, die von irgendwelchen Fabelwesen gezogen wurden, um in einer Mine Zwangsarbeit zu leisten. Das Tal wurde allmählich enger. Sie folgten dem Bachlauf und der Weg endete vor einem steilen Hang, in den ein Stollen getrieben war. Vor dem Eingang zum Stollen standen mehrere leere Wagen, vor die Sassols gespannt waren. Die Kutscher saßen im Gras und würfelten oder vertrieben sich sonst wie die Zeit.

Die Kutsche hielt vor dem Stollen. 'Wir sind angekommen, mein Herr. Wenn Ihr bitte absteigen würdet.' Unsicher folgte Georg Milden der Anweisung. Der Wächter stieg ebenfalls von der Kutsche ab und ging auf den Stollen zu. Schicksalsergeben trottete Georg Milden hinter ihm her. Sie gingen ein paar Meter tief in den Stollen hinein, der sich zu einer riesigen Halle weitete, die mit Fackeln hell erleuchtet war. Ein paar zottelige Sassols standen lethargisch herum, auf einem großen Holztisch lag Werkzeug.

Der Wächter wandte sich an einen großen, stämmigen Mann, der hinter dem Tisch stand. 'Lord Firrenbrock schickt Euch diesen Anderländer. Er ist gerade erst gestern durch die Pforte gekommen.' 'Ich danke Euch.' Dann wandte sich der Mann an Georg Milden. 'Ich bin Rainald vom Rotanger, der Minenaufseher. Seid willkommen. Hier ist Euer Werkzeug, nehmt Euch eine Hacke, eine Schaufel, Handschuhe und einen Helm.' Gehorsam folgte der Anderländer den Anweisungen. Dann rief der Minenaufseher einen halbwüchsigen Jungen. 'Zeig unserem neuen Freund seinen Arbeitsplatz.' Der Junge sah den Anderländer mit großen Augen an. 'Folgt mir bitte.'

Sie wanderten durch einen langen, breiten und hell erleuchteten Stollen tief in den Berg hinein. Mehrfach stießen sie auf Abzweigungen, aber der Junge zögerte nicht und führte Georg Milden immer tiefer in den Berg, bis sie schließlich in einen Seitengang einbogen. Ein Mann befand sich dort bereits und bearbeitete mit seiner Hacke den Fels. Zwei Loren standen in dem Nebenstollen. Eine war schon halb gefüllt. Der Mann hatte seine Weste und sein Hemd abgelegt und arbeitete mit freiem Oberkörper. Als Georg Milden ankam, drehte er sich um.

'Ihr seid Anderländer?' 'Ja.' Der Junge sah sich unsicher um und entfernte sich. Georg Milden betrachtete die Szene. Er hatte nirgends Wachen gesehen, und der Mann wirkte auch nicht wie ein Sträfling, allerdings auch nicht wie ein professioneller Bergmann. 'Neu hier, Anderländer? Ich meine, Eure Kleidung …' 'Ja, ich bin gestern erst angekommen. Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ich hier soll.' 'Nun, das ist einfach. Ihr sollt diese Lore hier mit Silbererz füllen.' 'Und dann?' 'Was, und dann? Dann sind wir fertig und gehen nach Hause.' Jetzt war Georg Milden sprachlos. 'Einfach so?' Der Sequitanier wusste nicht, was er diesem unwissenden Anderländer antworten sollte, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Georg Milden wusste auch nicht wirklich, was er anderes machen sollte. So nahm er die Hacke und schlug kräftig in den Fels. Ein großer und mehrere kleinere Brocken fielen zu Boden. Es ging erstaunlich leicht. Natürlich hatte er keine Ahnung, wie schwer oder wie einfach der Bergbau in seiner eigenen Welt war, aber er vermutete, dass der Fels dort härter war. Und dort verwendete man auch keine Spitzhacken mehr zum Erzabbau.

Wieder und wieder schlug er zu. Und der Geröllhaufen am Boden wuchs langsam an. Dann schaufelte er die Brocken in die Lore. So ging es eine ganze Weile. Es dauerte, bis die Lore gefüllt war. Der andere Mann war bereits fertig und setzte sich auf den Boden, um Georg Milden bei der Arbeit zuzusehen.

Obwohl die Arbeit leichter von der Hand ging, als er befürchtet hatte, bemerkte er doch ein unangenehmes Ziehen im Rücken. Und ins Schwitzen gekommen war er auch. Schließlich war er ein 50-jähriger Bürohengst, der in einer Mietwohnung wohnte und sich nicht einmal mit normaler Gartenarbeit auseinanderzusetzen hatte. Dann war die Lore voll. 'Und was nun?' Der Sequitanier stand wortlos auf und zog an einer Schnur, die Georg Milden bis dahin gar nicht bemerkt hatte. 'Das löst eine Glocke in der Halle aus. Jetzt holen sie uns ab.'

Es dauerte dann auch nicht lange, bis der Junge, der ihn in den Stollen geführt hatte, mit zwei Sassols zu ihnen kam. Jedes Sassol wurde vor eine Lore gespannt. Dann gingen sie gemeinsam zurück, die Menschen vorneweg, die Sassols trotteten hinter ihnen her. In der Halle angekommen gaben sie ihre Werkzeuge wieder ab.

Georg Milden wollte gehen, er hatte genug für heute, aber sein Gefährte hielt ihn fest. 'Wo willst Du hin? Was ist mit Deinem Silber?' Verständnislos sah Georg Milden ihn an. Der Sequitanier lachte. 'Entschuldigt, ich habe vergessen, dass Ihr hier neu seid. Für jede Lore erhaltet Ihr 100 Silber-Schillinge.' Noch immer schien der Anderländer nicht wirklich zu verstehen, was der Sequitanier meinte, deshalb fuhr dieser fort. 'Warum glaubt Ihr denn, kommen wir hierhin? Natürlich, um Geld zu verdienen. Der König und seine Lords bekommen Silber, um die Staatsausgaben zu bezahlen. Wir bekommen Silber für das, was wir zum Leben brauchen.'

Der Minenaufseher war mit zwei Lederbeuteln an sie herangetreten und zahlte jedem der beiden Männer seinen Lohn aus. Benommen trottete Georg Milden hinter seinem neuen Bekannten her. 'Und wann kommen wir wieder?' 'Wenn Ihr Geld braucht.' 'So einfach ist das?' 'Warum sollte das nicht einfach sein?'

Vor der Mine wartete noch die Kutsche, die ihn hergebracht hatte. Der Wächter kam ihm entgegen. 'Kommt, wir bringen Euch zurück nach Wassenpol.' Gehorsam stieg Georg Milden ein und verabschiedete sich von dem Sequitanier, den er in der Mine kennengelernt hatte.

Er war müde und lehnte sich in der Kutsche zurück, dabei ließ er die Landschaft auf sich einwirken. Da waren die Auwiesen im Tal, auf denen Sassols und ein paar kleinere Tiere grasten, die entfernt an Ziegen erinnerten. Das Tal selbst wurde auf beiden Seiten von einem dichten Wald mit mächtigen Bäumen eingerahmt. Die Bäume glichen auf den ersten Blick denen zu Hause, aber sahen bei genauerem Hinsehen irgendwie doch anders aus. Diesmal hielten sie nicht an dem Herrenhaus, sondern fuhren direkt zurück ins Dorf.

Die Kutsche hielt vor dem Gasthof. Und da dies ein Ort war, den Georg Milden schon kannte, hatte er fast so etwas wie das Gefühl, nach Hause zurückzukehren. Er bedankte sich etwas verlegen bei den beiden Wachleuten des Lords, stieg ab und betrat die Gaststube, wo Ingrid Hansson ihn mit einem freundlichen Lächeln erwartete.

3. Wassenpol

Es war später Nachmittag, und die Gaststube war noch nicht einmal halb voll. Als Georg Milden durch die Tür trat, merkte er, wie hungrig er war. Immerhin hatte er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, aber doch für seine Verhältnisse hart körperlich gearbeitet. Die Wirtin lächelte ihm freundlich zu, als er zur Theke ging. 'Jetzt könnte ich wirklich etwas zu essen gebrauchen.' 'Sicher. Das sollen Sie auch kriegen, aber vorher sollten Sie sich wirklich waschen. Kommen Sie.' Sie nahm ihn beim Arm und führte ihn aufs Zimmer. Dort stand ein großer Metallzuber. 'Warten Sie hier, ich komme gleich wieder.'

Und es dauerte auch wirklich nicht lange, dann kam Ingrid Hansson zurück, im Schlepptau einen Mann und eine Frau. Die beiden Bediensteten trugen Eimer mit heißem, dampfenden Wasser, die Wirtin einen großen Packen Kleidung über dem Arm. Das Wasser kam in den Zuber, die Kleidung aufs Bett. 'So, machen Sie sich sauber und wählen Sie sich von der Kleidung aus, was Sie brauchen und was passt.' Dann verschwanden die Drei, Seife und Handtücher lagen auf einem Schemel.

Das Bad war wohltuend, und Georg Milden blieb im Wasser, bis es abgekühlt war, er musste sogar zwischendurch einmal kurz eingeschlafen sein. Erfrischt stieg er aus und suchte sich Kleidung in seiner Größe aus, um sie anzuziehen: etwas altertümlich wirkende Unterwäsche, Bundhosen, die bis kurz unter die Knie reichten, lange Strümpfe, ein Hemd und eine Weste. Außerdem wählte er eine Reservegarnitur aus und eine Jacke.

Den Beutel mit den Silbermünzen steckte er ein, ebenso seine Brieftasche, die er aus 'Anderland' mit herüber gebracht hatte. Diese neue Realität fühlte sich noch komisch und verwirrend an. Zwar hatte er begriffen, dass er aus seiner vertrauten Welt herausgerissen worden war. Aber das hieß nicht, dass er sich mit seiner Situation bereits innerlich abgefunden hatte. So trat er dann vor die Tür und wollte in die Gaststube gehen. Aber eine junge Frau, die wohl auch hier arbeitete, sprach ihn an. 'Mein Herr, Frau Ingrid erwartet Euch in ihrer privaten Stube. Dorthin werde ich auch Eure Speisen bringen.'

Sie führte ihn durch den Korridor und über einen Innenhof, in dem ein paar Gänse herumliefen (oder Tiere, die Gänsen doch ziemlich ähnlich sahen, um genau zu sein), in ein Haus, in dem sich offensichtlich die Privatwohnung der Wirtin befand. Er fragte sich, ob sie verheiratet war, jedenfalls war von einem Mann nichts zu sehen. Zunächst gingen sie durch einen Flur, dann in ein großes Wohnzimmer mit altertümlich wirkenden Möbeln. Dort erwartete die Wirtin ihn bereits und lud ihn ein, Platz zu nehmen.

Das tat Georg Milden auch. Er setzte sich an einen Tisch, der für ihn bereits gedeckt war. Auf dem Tisch standen Brot, Butter, Käse, kalter Braten und das eingelegte grünliche Gemüse, das ihm schon am Vortag aufgefallen war (und auf Nachfrage als Flappich identifiziert wurde), außerdem Wasser und Wein. 'Greift zu.' Die Bedienstete hatte sich schon wieder entfernt, und Ingrid Hansson nahm ihm gegenüber Platz und sah zu.

Als er ein Stück Braten auf den Teller legen wollte, zögerte er und sah die Frau fragend an. 'Sassol?' Ingrid Hansson musste herzlich lachen. 'Nein, es gibt Regionen, in denen Sassol auf den Tisch kommt. Hier ist es aber unüblich, und mir ist der Geschmack ein bisschen zu streng.' 'Eines wundert mich. Wie kommt es, dass alle hier Deutsch sprechen. Ich meine, Ihr Deutsch ist ja auch völlig akzentfrei. Haben Sie das hier gelernt, oder konnten Sie es früher schon ?' Wieder lachte die Frau. 'Ich habe etwas Deutsch in der Schule gelernt, aber fast alles wieder vergessen. Ich spreche kein Wort Deutsch mit Ihnen, ich spreche Schwedisch.'

Georg Milden blieb der Mund offen stehen, aber die Frau fuhr fort. 'In Wirklichkeit sprechen wir beide wahrscheinlich Sequitanisch. Das hier ist eine sonderbare Welt, und die Sprache ist nur eines von den seltsamen Dingen hier. Übrigens, ich finde, als zwei Anderländer in einer fremden Welt sollten wir zum Du übergehen. Ich heiße Ingrid.' 'Georg. Aber eines würde ich gerne wissen. Du wusstest, dass sie mich in die Mine bringen würden. Warum hast Du mich nicht gewarnt?' 'Wie denn? Du hast ja noch nicht mal geglaubt, dass das alles hier echt ist. Ich erinnere mich noch gut daran, wie konfus und panisch ich war, als ich in Wassenpol angekommen bin. Die Sache mit den Minen hat etwas von einem Initiationsritus. Von dem Moment an, in dem Du Dein eigenes Geld hast, bist Du ein Mitglied der sequitanischen Gesellschaft und kannst Deiner eigenen Wege gehen. Und wenn das Geld verbraucht ist, gehst Du zurück in die Mine und arbeitest ein halben Tag für den Lebensunterhalt von ein bis zwei Monaten.'

'Warum arbeitet dann überhaupt irgend jemand?' 'Warum nicht? Den ganzen Tag im Gras liegen und in den Himmel starren, mag ja ganz nett sein, ein oder zwei Tage lang. Aber dann wird es langweilig. Sequitanien ist eine Welt ohne Internet, ohne Fernsehen, ohne Kino, ohne Radio. Arbeiten ist gar nicht so schlecht. Du machst hier, was Dir Spaß macht. Anders als bei uns in Schweden oder sonst wo in Anderland gibt es hier praktisch keinen Stress.'

Georg Milden sah skeptisch drein. 'Klingst zu schön, um wahr zu sein.' 'Es ist wahr, ich bin jetzt immerhin über sieben Jahre hier.' 'Das ist doch praktisch wie im Mittelalter. Was passiert, wenn man krank wird, wenn man Antibiotika braucht, eine Operation am offenen Herzen oder auch nur eine neue Zahnfüllung?' 'Es gibt keine Krankheiten hier.' 'Das kann doch nicht sein!' Dann zögerte er etwas und sprach einen Gedanken aus, der sich ihm immer mehr aufdrängte. 'Was ist, wenn wir alle tot sind? Vielleicht ist das hier das Paradies?'

Ingrid Hansson schüttelte energisch den Kopf. 'Nein. Kannst Du Dich daran erinnern, gestorben zu sein? Ich nicht, ich wollte lediglich in die Tiefgarage unseres Bürohochhauses gehen und hab die Tür geöffnet. Statt in der Tiefgarage stand ich auf einmal im Freien, in dichtem Nebel. Es klingt verrückt, aber ich habe die Tür nicht mehr gefunden. Stattdessen bin ich hier in Wassenpol gelandet. Außerdem wäre das ein komisches Paradies. Man altert, und man kann durch Unfälle oder Gewalt umkommen. Du wirst hier nicht krank, aber das heißt nicht, dass Du unverwundbar bist.'

'Hast Du nie versucht, von hier weg zu kommen?' 'Warum? Ich meine, am Anfang will jeder zurück nach Hause, aber nach einer Weile gewöhnt man sich nicht nur dran, hier zu sein. Man fühlt sich sogar richtig gut. Hier in Sequitanien bist Du das, was Du aus Dir machst. Jeder hat die gleichen Chancen, und Dein Auskommen ist sicher. Aber in Sequitanien hast Du auch keine Ausreden, wenn Du es nicht schaffst, zufrieden zu sein. Warst Du zufrieden in Deinem alten Leben?' 'Na ja, nicht ganz, ich meine, es ging schon irgendwie ... '

'Blödsinn!' Ingrid Hansson war nun richtig energisch geworden. 'Als ich hierher kam, war ich fix und alle. Ich war IT-Administratorin für die schwedische Filiale einer großen Firma. Gutes Gehalt, 16 Stunden-Tage, kaum Wochenenden für mich, Ehe kaputt, Sohn entfremdet. Und am Ende, als wir mit einer anderen Firma fusionierten, musste meine Stelle dran glauben. Kosteneffizienz. Man hat mich nicht rausgeschmissen, nur degradiert. Das nannten die neuen Bosse natürlich nicht so. Die erwarteten wohl noch Dankbarkeit dafür, dass ich jetzt unter einem fünf Jahre jüngeren Idioten arbeiten durfte, der zwar keine Ahnung hatte, aber dafür einen MBA und einen amerikanischen Akzent. Und jeder Anderländer, den ich kenne, hatte in dem Moment, als sich die Pforte öffnete, die Schnauze voll von seinem Leben. Jeder hatte dafür natürlich seine eigenen Gründe. Aber irgendwie hat das Schicksal jedem Anderländer, der jetzt hier ist, vorher in Anderland seine Träume zertrümmert. Hier in Sequitanien haben wir die Chance, noch einmal neu anzufangen. Du kannst tun, was Du immer schon mal tun wolltest, solange es jedenfalls nichts mit Elektronik oder sonst mit moderner Technik zu tun hat.'

Georg Milden atmete durch und beschloss genauso offen zu sein wie die Frau. 'Ich bin nicht degradiert worden. Aber ich habe es schon lange nicht mehr geschafft, irgendwie vorwärts zu kommen. Man klopft einem auf die Schultern, sagt, wie toll die Arbeit ist. Aber die Beförderungen oder auch nur zusätzliche personelle oder finanzielle Ausstattung für den Arbeitsbereich, das kriegen die anderen. Ehe kaputt, das kenne ich auch. Ich weiß, Millionen, wahrscheinlich Milliarden von Menschen geht es schlechter, die leben in Armut und Elend. Das heißt dann, dass Du nicht mal das Recht hast, Dich beschissen zu fühlen.'

'Siehst Du, Georg. Es ist, als ob Du immer mehr an den Rand gedrückt wirst. Irgendwann fällst Du runter. Und dann bist Du in Sequitanien.'

'Aber es müsste doch irgendjemandem auffallen, wenn wir so einfach nicht mehr da sind.' 'Weißt Du, wie viele Leute einfach so verschwinden? Du hast doch bestimmt schon mal gehört, dass jemand weggeht, um Zigaretten zu holen, und nie mehr zurückkehrt.' 'Leute werden Opfer von Verbrechen, gehen zur Fremdenlegion, fliegen in die Karibik und rauchen dort Haschisch und versacken dann, was weiß ich.' 'Einige sicher, einige tun das. Andere aber landen hier.'

'Du erwähntest die Pforte, Du weißt schon, die Alte. Was hat es damit auf sich, Ingrid?' 'Eine Prüfung, das ist eine Prüfung. Jeder muss da durch. Du kommst in eine Situation, in der Du ausgenutzt wirst. Da musst Du zeigen, ob Du Dich wehren kannst oder nicht. Niemand ist hier in Sequitanien, der diese Prüfung nicht bestanden hat. Ich glaube, dass Sequitanien zwar ein Ort ist, an dem die vom Leben Gefrusteten Zuflucht finden, aber nur eine Zuflucht für diejenigen, denen irgendwie Unrecht geschehen ist, nicht für Weicheier.'

'Und was passiert mit denen, die die Prüfung nicht bestehen?' 'Woher soll ich das wissen? Hier ist jedenfalls keiner von denen angekommen, soweit ich weiß. Wahrscheinlich wachen sie mit einem schweren Kopf auf und haben einen Albtraum gehabt.'

'Und es gibt keinen Weg zurück?' Ingrid Hansson zögerte etwas. 'Ich habe von dein paar Leuten gehört, die sich nach ein paar Jahren hier entschieden haben zurückzugehen. Einigen soll dies tatsächlich gelungen sein. Aber Genaues weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht wirklich, denn ich jedenfalls will nicht zurück.'

Mittlerweile hatte Georg Milden seinen Hunger gestillt. Die Anstrengung und die Aufregung des Tages waren dann doch zu viel gewesen. Zwar wusste er, dass er noch viele Fragen hatte, aber keine wollte ihm in diesem Moment wirklich einfallen. 'Ich bin total fertig. Ich sollte jetzt ins Bett gehen.' Ingrid lächelte ihn an. 'Du hast noch was vergessen. Jetzt wo Du Geld hast, solltest Du auch bezahlen.' Georg Milden wurde rot, und die Frau amüsierte sich köstlich über seine Verlegenheit. Sie beugte sich über den Tisch und tätschelte seine Hand. 'Fünf Schilling für den Schneider und einen Schilling für einen Tag bei Kost und Logis in meinem Haus. Da Du etwas länger bleiben dürftest, bezahlst Du mich am besten für eine Woche im voraus.'

Er holte den Lederbeutel hervor und kramte zwölf Silbermünzen hinaus, die er auf den Tisch legte. Die Frau ging um den Tisch herum und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange. 'Gute Nacht, Georg. Du bist jetzt in Sequitanien. Das mag Dir alles seltsam vorkommen, aber ab morgen beginnt für Dich ein neues Leben. Ein Leben, in dem es nur noch an Dir liegt, was Du aus Dir machst. Und jetzt schlaf gut.'

Georg Milden schlief lange, tief und gut. Die Sonne schien schon in sein Zimmer, als er wach wurde. Es dauerte einen Moment, ehe er sich darüber klar wurde, wo er sich befand. In Sequitanien. Er war in Sequitanien. Daran zweifelte er jetzt nicht mehr. Was das konkret für ihn bedeutete, war ihm allerdings noch nicht wirklich klar.

Aber was ihm klar war, das war die Tatsache, dass heute der erste Tag in seinem neuen Leben war. Den gestrigen Tag hatte er zwar bereits in Sequitanien verbracht, da war er jedoch noch wie in Trance durch die fremdartige Realität getrieben. Heute würde er damit anfangen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Er wusch sich mit kaltem Wasser aus einem Eimer und rasierte sich mit einem altertümlichen Rasiermesser (und schnitt sich natürlich, keine sanfte Rasur mit Drei- oder Vierfachklinge). Dann zog er sich seine neue sequitanische Kleidung an. Kritisch begutachtete er seine Schuhe, geeignet für das Büro in Köln, aber wohl kaum für die rauen Wege in Sequitanien. Gut, darum würde er sich später kümmern. Neben dem Bett lag seine schmutzige und stinkende Kleidung. Einen Moment lang überlegte er, diese einfach wegzuwerfen.

Aber dann überlegte er es sich anders. Vielleicht gab es ja doch einen Weg zurück. Auch wenn Georg Milden sich damit abgefunden hatte, vorerst in Sequitanien bleiben zu müssen, so hatte er sich keineswegs bereits mit dem Gedanken abgefunden, für immer hier zu leben. Sein Portemonnaie, die Autoschlüssel, sowie die Brieftasche mit seinem Ausweis, Führerschein, Kreditkarte und ein paar anderen persönlichen Dokumenten und einigen Euro-Scheinen nahm er an sich. Die Wäsche würde er waschen lassen.

Dann ging Georg Milden in die Gaststube, er brauchte jetzt ein gutes Frühstück. Und das bekam er auch in Form von Brot, Eiern, gebratenem Speck und einem herzhaften Käse. Einen Moment lang überlegte er, von welcher Art von Tieren die diversen Speisen wohl stammen könnten. Dann beschloss er, darüber nicht mehr nachzudenken. Schließlich hatte es ihm gestern geschmeckt, und zu Hause dachte er ja schließlich auch nicht an Schweine, wenn er Fleischprodukte vertilgte. Und Schweine waren genau genommen auch nicht ästhetischer als Sassols.

Von Inge Hansson war nichts zu sehen. Die junge Frau, die ihm gestern das Badewasser gebracht hatte, servierte ihm jetzt das Frühstück. Als er damit fertig war, bedankte er sich und ging hinaus auf die Dorfstraße.

Die Sonne schien, aber es war frisch. Welche Jahreszeit mochte es wohl sein? Gab es hier überhaupt Jahreszeiten. Er sah einen Karren mit zwei Sassols, der vor einer Seitengasse hielt. Aber darauf saß kein livrierter Lakai. Ein kräftiger Man lud Säcke ab, daneben stand Ingrid Hansson. Als sie ihren Gast sah winkte sie ihm freundlich zu und beschäftigte sich dann wieder damit, die Anlieferung ihrer Ware zu beaufsichtigen.

Einen Moment lang blieb Georg Milden unschlüssig stehen, dann ging er weiter. Das Dorf sah irgendwie so aus, wie ein Dorf vor ein paar Hundert Jahren in Europa wohl ausgesehen haben mochte. Die Dorfstraße verlief nicht ganz gerade, sie mündete in einen kleinen Marktplatz ein. Dort sah er einen Brunnen, ein paar Bäumen (mit Sicherheit keine Linden) und ein paar Frauen, die Obst und Gemüse anboten. Die Häuser entlang der Dorfstraße bestanden zum grüßten Teil aus Fachwerk, die meisten davon waren einstöckig, nur zwei Gebäude waren etwas größer. Ein paar Frauen standen auf der Straße und plauderten, andere kauften ein. Auf der Straße sah Georg Milden ein paar von den Pseudogänsen herumwatscheln, sie waren dicker und größer als Gänse, der Hals etwas kürzer, seltsam war ein dritter Fuß am Hinterteil. Er ging zu einem dieser Tiere hin. Was ausgesehen hatte wie ein dritter Fuß, war vielmehr eine Art Sporn, den das Tier hinter sich her zog, um so sein Gewicht besser abstützen zu können. Seltsam jedenfalls.

Er richtete sich auf und wollte sich umdrehen. Dabei wäre er fast in zwei ältere Frauen hineingerannt, die mit schweren Körben die Straße entlangschritten. Eine schimpfte ärgerlich, aber die andere zog sie zur Seite. Georg Milden hörte ihre spöttische Stimme. 'Lass ihn! Du siehst doch, dass das der Mann frisch aus Anderland kommt. Wer sonst würde eine Kukidor derart bestaunen.' Mit rotem Kopf ging er weiter. Jedenfalls wusste er jetzt, wie diese Tiere hießen.

Mehrere Geschäfte und Werkstätten säumten die Straße, unter anderem eine Bäckerei, ein Krämerladen sowie eine Schneiderwerkstatt, in welcher ein Schneider in einem großen Fenster saß und einen Mantel nähte. Freundlich grüßte er den Anderländer, und Georg Milden fragte sich, ob das derselbe Schneider war, der seine neuen Kleidungsstücke genäht hatte. Er grüßte freundlich zurück und ging weiter, über den Markt hinweg.

Auf der anderen Seite des Marktplatzes hatte er eine Schusterwerkstatt entdeckt. Dort ging er hinein, ein älterer Mann und zwei jüngere Männer arbeiteten an halbfertigen Schuhen und Stiefeln. Der ältere Schuster sah ihn neugierig an, und Georg Milden grüßte höflich und erklärte sein Anliegen. Er brauchte bequeme Schuhe. Der Schuster riet ihm, ein Paar Schuhe und dazu ein paar schwere Reisestiefel zu nehmen. Sein Kunde stimmte gerne zu und fand auch die vier Schillinge nicht zu viel, die der Schuster dafür verlangte. Natürlich müsste er erst bezahlen, wenn er die Schuhe auch abholte. Einer der jüngeren Männer (Gesellen?) maß seine Füße sorgfältig, und der Meister schrieb die Maße nieder. In fünf Tagen würde er seine Schuhe abholen können.

Zufrieden verabschiedete sich Georg Milden von den Schuhmachern und setzte seinen Weg fort. Kurz vor dem Ortsausgang kam er an einer Schmiede vorbei. Die Werkstatt war zur Straße hin offen. Ein Junge hielt mit einer langen Greifzange ein rotglühendes Stück Eisen über einen Amboss, das ein Mann mit einem Hammer bearbeitete. Als sie den Zuschauer bemerkten, drehten sie sich um und sahen ihn fragend an.

Dann bemerkte der Schmied die Schuhe des Betrachters, die ohne Zweifel anderländisch aussahen, lachte und winkte diesem freundlich zu, bevor er sich den Schweiß von der Stirn wischte und mit der Arbeit weitermachte. Georg Milden setzte seinen Weg fort und gelangte ans Ende des Dorfs. Vor ihm lagen Felder und Wiesen, ringsum Hügel und Wald. Das war die Landschaft, die er am Vortag schon gesehen hatte. Ihm fiel auf, dass ein Haus, das letzte Haus des Dorfes, etwas abseits stand, etwa hundert Meter von dem Nachbarhaus entfernt. Es war ein zweistöckiges Fachwerkhaus, die Vorhänge hinter den Fenstern waren zugezogen, aber im Innern brannte Licht. An dem Haus, über der Tür, hing ein großes schmiedeeisernes Symbol, offensichtlich zwei Tiere, eine Schlange und eine Art Fuchs, die einander jagten, ihre Körper bildeten einen Kreis. Der Fuchs, oder was immer das für ein Tier sein sollte, hatte das Ende der Schlange im Maul, die ihrerseits bereits den Schwanz des Fuchses verschluckt hatte. Über der Tür prangte in goldenen Lettern die Aufschrift 'Weisheit dem, der sie verstehen kann.'

Im Gegensatz zu allem anderen, was Georg Milden bisher in Sequitanien gesehen hatte, einschließlich der Mine, wirkte dieses Hauses mit dem Symbol und seiner ziemlich arrogant klingenden Inschrift auf ihn etwas unheimlich.

Dann riss er sich von dem Anblick los und ging weiter auf dem Weg, den er gestern schon einmal im Wagen des Magistrats zurückgelegt hatte. Nach ein paar Minuten hörte er ein Geräusch hinter sich und sah einen Wagen, natürlich gezogen von zwei Sassols, der sich ziemlich flott vorwärts bewegte. Vorne auf dem Kutschbock saß der Mann, den Georg Milden kurz zuvor bei der Gaststätte gesehen hatte, der Mann, der für Ingrid Hansson Säcke abgeladen hatte. Das war auch der Mann, den er bereits am ersten Abend in der Gaststätte gesehen hatte, 'Andries' hatte Ingrid Hansson ihn genannt. Dieser Andries hielt den Wagen an.

'Wohin des Weges, Freund?' 'Ich sehe mir ein bisschen die Gegend an. Schließlich möchte ich wissen, wo ich eigentlich bin.' Andries lachte. 'Da habt Ihr recht. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr aufsteigen. Da kommt Ihr nicht nur schneller voran, Ihr vermeidet es auch nass zu werden. Denn es wird gleich regnen.'

Georg Milden sah zum Himmel. Da standen ein paar weiße Wolken am blauen Himmel, aber nach Regen sah das nicht unbedingt aus. Einen Moment zögerte er, schließlich kannte er den Mann ja nicht. Aber dann siegte seine Neugierde. 'Danke, Freund.' Er kletterte auf den Wagen und nahm neben Andries Platz.

Sie kamen zur Weggabelung, aber anders als am Vortag ging es nicht in das Tal mit dem Herrenhaus von Lord Firrenbrock (und der Silbermine). Vielmehr fuhren sie geradeaus weiter. Links vom Weg sah der Anderländer eine Weide, auf welcher Sassols weideten und Tiere, die er bisher noch nicht gesehen hatte. Diese Tiere waren etwas kleiner als Sassols, schwarz oder dunkelbraun, gedrungen mit breiten Schädeln und einem einzigen Horn auf der Stirn. Sie wirkten wie hässliche Karikaturen der Einhörner, die man in Anderland aus Sagen und Märchen kannte.