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"Was ist man, wenn man nichts mehr ist?", fragt sie. "Weiss nicht", zuckt er mit den Achseln ."Eigentlich hat sich nichts geändert. Auch ein gewählter Mensch ist nur ein Mensch." Ein ehemaliger Kanzler macht sich auf den Weg, um das wahre Leben, das er über Jahre regiert hat, kennen zu lernen.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ole Engelhardt
Der Mann, der einmal einen Wal gewann
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
K 一
S一
R一
A 一
E一
P 一
H 二
F 一
S二
E
H三
S三
R二
S四
P二
SG 一
H 四
B 一
S 五
B 二
C 一
H 五
D 二
S 六
R 三
S 七
K 二
Impressum neobooks
Ob ich mir das gut überlegt hätte? Ja, ich denke schon irgendwie. Was soll das denn überhaupt heißen, gut überlegt? Kann man sich etwas schlecht überlegen, meint das nicht einfach das Ausbleiben jeglicher Überlegungen? Und ist damit Überlegen nicht per se immer wertfrei? Überlegt euch eure Fragen erstmal gut! Was erhoffen Sie sich davon? Ich … Wollen Sie das wirklich alles weggeben? Mh … Die Ungebundenheit? Ja … Die Anonymität? Die Freiheit? Ich weiß nicht, hab ich mir das überlegt? 81:19! Eigentlich habe ich mir gar nichts überlegt und eigentlich hab ich klamm heimlich auch gehofft damit einfach so durchzukommen.Das jetzt einfach unter dem allgemeinen Glauben, dass der schon wisse, was er tue, anfangen zu können, ohne dass man nach irgendwelchen tiefenpsychologischen Beweggründen gefragt wird. Ohne dass ich hier, so kurz vor dem Ziel, da vorne ist doch schon die Tür, ich kann sie doch schon riechen, doch noch abgefangen werde. Doch noch auf die Couch zu müssen und Bericht zu erstatten.
- So Herr Patient, jetzt erzählen Sie mal!
- Was denn jetzt?
- Das wissen Sie doch genau Herr Kanzler, Herr a.D.? Warum, das brennt uns doch allen auf unseren süßen Fingerchen, warum einer wie Sie, der es doch beileibe nicht mehr nötig hätte, finanziell, personell, aktuell, noch einmal in die rüde Berufswelt eintritt. Und dann auch noch, Herr Kanzler, Herr a.D. ich möchte Sie wirklich fragen, ob es ihnen noch gut geht, in so einen tristen Mittelklassejob, wie jenen, den Sie gewählt haben. Mh?
Psychiater haben eine Gabe allen Taten einen Anschein von Perversion zu verleihen. Als sei das, was ich hier gerade mache, zutiefst abstoßend, ein Schritt in den menschlichen Abgrund, gleichzusetzen nur mit Kannibalen, Vergewaltigern oder Charles Manson. So schlimm ist es doch gar nicht Leute. So schwer ist es doch gar nicht zu kapieren. Wenn man Jahre lang da oben auf dem demokratischen Thron thront und seinen Mitbürgern und Mitbürgerinnen täglich erzählen muss, dass sie der Unterbau der deutschen Gesellschaft sind. Dass sie, der berühmte Bauchnabel der Gesellschaft, der Mittelstand sind, der quasi das Abendbrot für die Haute Couture er-malocht, dann ist es doch ganz logisch, dass man vielleicht Interesse daran hat irgendwann mal zu erfahren, was das denn eigentlich ist, diese „Mittelklasse“. Das wünscht sich doch im Grunde jeder. Das, was er macht, wirklich mal greifen zu können. Wie gerne hätte ich als dummer Matheschüler in der siebten Klasse mal die Bekanntschaft mit dem fiesen „Herrn Lineare Algebra“ gemacht. Nach Händeschütteln und nettem Smalltalk wäre dann sicherlich alles viel einfacher gewesen. Und genau deshalb mach ich das jetzt auch, glaube ich.
- Aber ist es nicht verrückt, Herr Kanzler, Herr a.D., die Freiheit, die Sie haben, und damit haben Sie doch nun zweifelsohne das Maximalziel, das es in diesem Leben zu erreichen gilt, erreicht, einfach so hinzuschmeißen ? Und das alles für so einen Nine to Five , unterfordert dies nicht Ihren Intellekt ?
- Zugegeben, es war nicht einfach alles aufzugeben, die schöne gestellte Wohnung, das Büro, den Fahrer. Vor allem den Fahrer. Ich werde Igor vermissen. Jemanden zu feuern ist nie wirklich schön, wahrscheinlich nennen wir es deshalb auch feuern und nicht plantschen oder so. Aber dennoch, bei Igor war es dann irgendwie doch noch ein wenig mehr als man das vielleicht so generell erwarten würde. Obwohl man das bei ihm noch gesetzeskonform als „Außer Dienst stellen“ nennen könnte. Doch manchmal sind Gesetze noch wesentlich schlimmer als Feuer.
Wir haben ja immerhin fast 6 Jahre miteinander gearbeitet. Mein Part bei dieser Arbeit sah so aus, dass ich saß, um dann irgendwann aufzustehen und mich woanders hinzusetzen. Seine Aufgabe war es alles zu organisieren, um mir erstgenanntes Verhalten zu ermöglichen. Wenn man 6 Jahre miteinander verbringt und sich dabei weder mehr anschreit als nicht anschreit noch versucht sich gegenseitig umzubringen, dann schwingt in dieser Feststellung auch immer die emotionalisierte Annahme mit, dass man sich mag, dass man gar eine Freundschaft pflegt. Ich weiß nicht, Igor war eben mein autofahrender Kalender und viel mehr war da eigentlich auch nicht. Ich kenne ihn eigentlich auch gar nicht wirklich. Kann nicht einmal sagen, ob er eher aus Sibirien oder eher aus Moskau kommt. Oder ob er überhaupt aus Russland und nicht viel mehr aus einem dieser Länder kommt, die allgemein noch unter „Russland“ laufen, in Wirklichkeit aber eher „XYZ-stan“ heißen. Er hat es mir nie erzählt. Ich habe nie gefragt. Genau genommen gibt es gemessen an der geringen Menge, die ich von Igor weiß, überproportional viel, was ich nicht an ihm mag. Als da wäre sein Fahrstil, seine morgendliche Fahne, was Ersteres in der Regel noch verstärkt, sein Beharren auf Fahren nach seinem nicht sehr berlinkundigen russischen Navi, was uns jeden Morgen einen 20-minutigen Umweg über das Banlieue Berlins bescherte, seine nie alt werdende Ausrede dafür ( „Tschuldigung Chef, ich bin nicht von hier, muss Navi folgen“ ) und dass er mich jeden Morgen mit „guten Morgen mein Führer“ begrüßte, nachdem er einmal ein Prosawerk über das dritte Reich gelesen hatte, bei dem das Buchcover von irgendwelchen mir nicht sonderlich gut gesinnten Protestwählern mit meinem Konterfrei getauscht wurde. Aber all das war nicht wirklich schlimm. Das sind alles eher so Sachen, die man nur schlimm findet, wenn es draußen gerade regnet und nichts im Fernsehen läuft. Alles ertragbar.
Wir haben noch einen Schnaps getrunken zusammen und dann fuhr er weg. Beziehungsweise nicht bevor er noch 3 weitere Schnäpse getrunken hatte. Ich werde seine Fahne vermissen.
Doch ich konnte ihm diese Monotonisierung meines Alltags, der vorher niemals unter „Alltag“ firmieren durfte, sondern eher unter „Immer-Anders-Tag“ lief, nicht antun. Sahen meine Tage vorher noch exemplarisch so aus:
(P) 4:30 ( dt. Zeit ), Aufstehen, Berlin
(P) 5:00 ( dt. Zeit ), Briefing, Kanzleramt
(P) 5:20 ( dt. Zeit ), Flugzeugstart, Flughafen
(P) 14:20 ( lokale Zeit ), Verhandlung über neues Rüstungsabkommen, Regierungssitz Riad
(P) 16:00 ( lokale Zeit ), Pressekonferenz, Hotel Riad
(P) 17:00 ( lokale Zeit ), Flugzeugstart, Flughafen Riad
(P) 18:30 ( lokale Zeit ), Vorbereitung Konferenz, Doha
(P) 21:30 ( lokale Zeit ), gemeinsames Abendessen, Hotel Doha
(W) 02:30 ( lokale Zeit ), Schlafen, Hotel
(P)4:30 ( lokale Zeit ) , Aufstehen
So ähnelten meine Tage nun dem Werk eines Fotografen, der so stolz ist auf sein geschossenes Bild, dass er es niemals durch ein anderes ergänzen möchte:
(W) 10:00 Aufstehen, Zuhause
(W) 23:59 Hinlegen, Zuhause
Meiner finanziellen Abgesichertheit geschuldet, entfiel sogar der Wechsel von (W) Wahl und (P) Pflicht, denn mit einem fünfstelligen Einkommen wird alles zur Wahl. Der größte Unsicherheitsfaktor momentan ist, ob ich vor dem Fernseher, am Küchentisch oder tatsächlich im Bett einschlafe.
Nein, das hat Igor nicht verdient. Und sowieso, wenn man abschließen möchte und etwas Neues beginnen möchte, dann muss eben alles weg. Nicht nur die gestellte Wohnung, das gestellte Auto, das gestellte Büro, das gestellte Lächeln. Nein, auch der gestellte Igor.
„Tschüss mein Führer“, waren seine letzten Worte. Ich bin mir sicher, irgendwo da draußen wartet jemand anderes, der einen russischen alkoholkranken autofahrenden Terminkalender gut gebrauchen kann.
Ganz bestimmt.
Ist es denn nun endlich genug der vielen Fragen ? Die Couch wird langsam unbequem, ich möchte anfangen.
Beeindruckend wie der Chef, Herr Sauselhaar, diese ganze Reportermeute scheinbar allein mit der puren Kraft seines linken Armes aus der Tür drückt, diese dann mit einem Wums mit rechts zuknallt und mir dann noch Sekunden vor dem Knall wiederum seine immens starke Linke reicht. „Sauselhaar, was für eine Ehre Herr Kanzler, ehemalig, also Herr Kanzler a.D.“. Ich bin noch leicht eingeschüchtert und befürchte gleich meine Hand zerquetscht zu bekommen. Auch klang sein a.D. eher wie Addi, was ihn ein wenig wie einen hitlerverniedlichenden Altnazi erscheinen lässt, doch trotzdem entschließe ich ihm meine Hand zu reichen. Und ja, sie bleibt dran.
- Wieso eigentlich gerade diese Firma, Herr Kanzler, Herr a.D.?
- Sind Sie immer noch hier ?? Ich zahl aber nicht mehr, die Stunde ist schon längst vorbei, das ist jetzt nur noch Ihr Privatspaß. Und sowieso, da gibt es eigentlich gar nicht viel zu erzählen. Kein Vitamin B oder so. Ganz altmodisch in der Zeitung, irgendwie hatte ich das Bedürfnis bei meiner Suche auf einen PC zu verzichten. So als sollte sich mein Neustart von ganz unten quasi evolutionsbiologisch spiegeln. Keine Elektrizität, kein Headhunter, kein gar nichts. In meinem völlig verdunkelten Appartment saß ich über der Zeitung, die nur durch ein klammes Kerzenlicht erleuchtet war und ging die Samstagsanzeigen durch. Das erste Mal in meinem Leben. Und weil ich nach 10 Minuten keine Lust mehr hatte, nahm ich mir vor, die Anzeige mit dem wenigstens Text auszuwählen.
Sie sind: International ? Schiffe ? Versicherungen ? Englisch ? Mittelstand ?
Dann sind Sie Lindenburg Marine - Versicherungsmakler !
Ja ! Ja! Ja! Ja! Und verdammt Ja!
Endlich wusste ich, was ich bin. Und schon musste ich es wieder abgeben. Denn natürlich konnte ich mich nicht unter meinem eigenen Namen bewerben. Als Kanzler kann man nicht von 0 starten. Entweder man wird geliebt , gehasst oder gelyncht. Ich möchte nichts davon. Ich möchte ausprobieren, ich möchte lernen, ich möchte wissen, was Menschsein heute heißt.
Am nächsten Tag steckte ich die Bewerbung des netten Herrn Gunnar Ganslaars in den Briefkasten. Ich wählte extra den am weitesten von meiner Wohnung entferntesten. Ich ließ mich von Igor dort hinfahren. Es war seine letzte Fahrt. Er war sehr stark betrunken, als er wegfuhr. Ich auch. Eigentlich weiß ich auch nicht, warum er wegfuhr, ohne mich vorher nach Hause zu fahren, das war glaube ich nicht der Plan. Keine Ahnung, wie ich dann nach Hause gekommen bin. Wie gesagt, ich war durchaus betrunken.
Und jetzt stehe ich hier. Habe überlebt, habe noch alle zwei Hände an meinen zwei Armen. Und stehe vor einem breit grinsenden Chef eines auf kommerzielle Seeschifffahrt spezialisierten internationalen Schiffsversicherungsmaklers. Vielleicht hätte ich mich vorbereiten sollen.
Der Morgen fing schon nicht gut an. Eigentlich wollte ich hier mit meinen grünen absoluten Lieblingssocken stehen. Die hatte ich schon bei meinem Abi-, bei meinem Uniabschluss, bei meiner Aufstellung zum Kanzlerkandidaten, bei der Vereidigung und beim Angrillen letztes Jahr an. Die bringen Glück. Oder zumindest konservieren sie Glück. Aber ich habe sie nicht gefunden. Und nun stehe ich hier mit so langweiligen schwarzen Socken in noch langweiligeren schwarzen Schuhen. Und schwarzem Anzug. Und schwarzen Haaren – mein Gott, was ist bloß los mit mir, bin ich jetzt Gothic geworden?
Und dann ist es auf einmal still. Wir, das sind 78 mit angrinsende Gesichter, Herr Strauselhaar, der schon nicht mehr nur grinst, sondern sein Gesicht so nach hintenzieht, dass es wehtun muss, und ich. Wir alle stehen in einem Kreis, so als wollten wir uns gleich die Hände reichen und anfangen zu singen. Doch das wird nicht geschehen. Herr Strauselhaar tut so als würde er mit dem hinteren Teil eines Löffels, den er nicht in der Hand hat, gegen ein Glas ticken, das er nicht in der Hand hält. Dann ist es noch stiller als es sowieso schon war. Draußen hört man Autos vorbeisausen, ich habe keine Ahnung von Autos, aber ich glaube, sie sind schnell. Herr Strauselhaar macht ein paar Schritte in den Kreis, er lässt sich Zeit, die wir mit unserem letzten Regierungsprogramm, so dachte ich, doch eigentlich wegrationalisiert haben wollten. Dann ist er angekommen. Nicht wirklich in der Mitte, aber anscheinend ist ihm das mittig genug. Er sieht mich an. Dann fängt er an zu reden. Was für eine Ehre es sei, wer hätte es geglaubt, keiner nämlich, und sowieso, schöner als ein 6er im Lotto, einen ganz großen Schritt nach vorn, Konkurrenz von einem Tag auf den anderen ausgestochen, Weltherrschaft. Nein, da habe ich mich glaub ich verhört. Kein Wunder bei dem tosenden Applaus. Ich höre die Autos nicht mehr. Ich sehne mir die Stille zurück. Dann tritt Herr Strauselhaar gefährlich nahe an mich heran. Er ist vollkommen verschwitzt, als käme er gerade aus so einem überheißen Sat1 – Spotlight oder so. Er legt seine triefend nasse linke Hand auf meine rechte Schulter und bewegt kurz seine rechte Hand zu meinem Mund. Dann fällt ihm aber doch ein, dass er kein Mikro in der Hand hält und er sagt völlig ohne akustische Verstärkung, dass nun, „meine Mitbürger und Mitbürgerinnen“, dafür gibt es noch ein 30 sekundiges überlautes Kichern, „nun ist es endlich so weit, nun spricht der Kanzler persönlich, nur für Sie. Herr Kanzler, was wollen Sie hier bei uns, bei Lindenburg GmbH & Co. KG, erschaffen?“ Applaus. Alles ist laut und in mir drinnen ist es leise. Auch wenn nichts anderes zu erwarten war, habe ich das nicht erwartet. Ich kann keine Rede halten. Wozu gibt es Redenschreiber. Da ist es wieder. Mein Problem. Ich bin kein Kanzler, wie er im Buche stand. Also ich stehe wahrscheinlich in sehr vielen Büchern. Aber eigentlich habe ich immer nur das gemacht, was die Leute von mir erwarten. Früher waren das einfache Sachen, wie regelmäßiges Luftholen, möglichst niedrige Zahlen in den Klassenarbeiten erreichen, lachen wenn andere über einen Witz lachen. Später wurde es etwas komplizierter. Irgendwann war es dann eben, regiere ein Land. Aber das war schon okay.
Ich habe diese Gabe genau das zu machen, was andere von mir wollen. Also, was soll ich erreichen, was soll ich jetzt sagen? Ich wünschte, da wäre jemand, der für mich spräche.
Ich wünschte, da wäre jemand, der mir sagt, was er sieht, was hier geschieht und was das alles auf sich hat.
Ich trete einen Schritt vor und hoffe dabei immer noch, dass ich vielleicht ja noch einmal Glück haben werde. Bitte
H一
Also eigentlich war sie schon echt scheiße. Wir waren uns erst nicht sicher, man vermutet bei solchen Menschen ja immer irgendwie einen tieferen Sinn, der uns dummen Menschen verborgen bleibt. Und meistens lacht man dann so, dabei möglichst wissend tuend, weil das, was gerade passiert ja vielleicht Kunst oder so sein könnte und eigentlich hat man gar keine Ahnung was grade abging. Wir haben dann viel diskutiert und mit Synonymen um uns herum geworfen, „originell“ wurde gemurmelt, „neu“ und „kreativ“ hab ich gehört, aber im Endeffekt steht das alles doch für das gleiche. Scheiße. Es war ein wenig wie diesen jungen verrückten Kreativen auf Pro7, ZDF oder Neo zuzuschauen, die im Grunde dieselbe Scheiße machen, dabei nur provokant ungegelt ausschauend gegelte Haare tragen. Ich weiß, dass man in Hamburg nicht ausschauend sagt, aber ich bin nicht aus Hamburg, ich bin aus dem Süden. Und wir sind direkter, weshalb ich es auch vielleicht eher nonchalant ausgesprochen habe. Dafür wurde ich dann blöd angeguckt, gesagt hat aber keiner was. Im Geiste sind wir uns doch alle einig. Er, also der Kanzler, redete erst von A und dann von B, nach vorne sollten wir und gleichzeitig stehen bleiben. Erst, das war das beste, redete er gar nicht. Er stand einfach nur da. Erst hielten wir das für eine rhetorische Kunstpause, zeitlich ein wenig vorgezogen, aber ich glaube er hatte wirklich keine Ahnung, was er uns erzählen sollte. Er stand da in der Mitte dieses Kreises und starrte uns einfach nur an. Völlig starr und hilflos. Ich glaube, ich hab ihn da gleich verstanden und deshalb war er mir auch schon immer sympathisch. Auch wenn seine Politik vielleicht nie so grandios war und er zu Recht abgewählt wurde, irgendwie mochte ich ihn immer schon. Vielleicht gerade, weil ich wusste, dass es nicht seine Politik war. Herr Sauselhaar versteht ihn nicht und das wird er auch nie. Herr Sauselhaar glaubt an den Luxus, dass es das Ziel ist, weise und anerkannt zu sein. Und wenn man dann einmal Kanzler, CEO, König oder sonst was war, dann geht es nur noch darum zu reden, zu reden und zu reden. Anderen Menschen zu erzählen, wie es ist schlau zu sein. Sie zu belächeln, wissend, dass sie nie so schlau sein werden. Und vor allem nie mehr zuhören zu müssen. Er schätzt ihn genauso ein. Deshalb hat er ihn sofort auf die Bühne gezerrt und seinen Knopf gedrückt, mit der schier sicheren Annahme, dass dann schon das Lektionenerteilen wie von selbst kommt. Doch der Kanzler, Gunnar wie ich ihn schon gedanklich nenne, ist anders. Glaube ich. Ich glaube, er weiß wie ich, dass der wahre Luxus eines Menschen darin liegt zuzuhören. Zu lernen. Und nur in den seltenen Fällen, in denen es wirklich was zu berichten gibt, zu belehren. Gunnar wollte nicht reden, er hatte nichts zu reden. Er ist nicht hier um sich zurückzulehnen und zu sich zu sonnen, ich glaube, er will lernen. Er will wissen, wen er regiert hat und nichts anderes. Deshalb starrte er uns an, ohne Worte und mit umso größer aufgerissenen Augen. Und dann, ja dann brabbelte er halt irgendeinen Kram. Manchmal bekamen wir es ernsthaft mit der Angst zu tun, so abstrus wurde es. Er erzählte von irgendwelchen komplizierten Maschinenteilchen, die ineinander greifen müssten, die man jedoch immer gut ölen müsse und wir waren uns alle nicht sicher, ob das jetzt heißen sollte, dass wir bald alle durch Maschinen ersetzt werden sollten. Und an manchen Stellen, die sicher nicht dafür vorgesehen waren, zum Beispiel, wenn er immer so niedlich Containerboote anstatt Containerschiffe sagte, dann mussten wir ziemlich lachen. Er wirkte komischerweise so extrem nervös. Dieser Mann, der schon vor Diktatoren, vor Despoten und Königen gesprochen hatte, ja, er wirkte echt nervös vor uns, einer Gruppe Normalos. Vielleicht ist es schwerer sich von oben nach unten zu bewegen als von unten nach oben. Ein millionenschwerer Tellerwäscher ist doch wirklich noch schwerer vorstellbar als ein Tellerwäscher, der mal Millionen wiegt?
Irgendwann war es dann Gott sei Dank vorbei. Viel Geklatsche, Herr Sauselhaar sagte noch ein paar Worte, denen keiner mehr Gehört schenkte und dann, kusch kusch, machte sich der Pöbel wieder an die Arbeit. Ich gehörte heute aus mir nicht bekannten Gründen nicht zum Pöbel. Anscheinend hatte mich Herr Sauselhaar ausgelost ihn und den Kanzler auf einer ersten Rundtour durch die heiligen Hallen unseres unheiligen Maklergeschäfts zu begleiten. Und ich sollte auch noch reden. Vielleicht wollte Herr Sauselhaar mich testen. Wir waren nie wirklich gut aufeinander zu sprechen. Lag wahrscheinlich daran, dass er ein cholerischer, selbstverliebter geerbter Firmenchef und ich ein relativ fauler Angestellter selbiger Firma bin. Wahrscheinlich wollte er nur einmal überprüfen, ob ich überhaupt eine Ahnung habe, was wir für Abteilungen haben und was diese Abteilungen so den ganzen Tag über machten. Vielleicht wollte er mich auch einfach weg haben von meinem Schreibtisch, um sicher zu gehen, dass ich keine Scheiße baue. Ich habe ihn nicht gefragt. Eigentlich reden wir auch nie miteinander.
Wir standen nun vor unserem Kaffeeautomaten und weil Herr Strauselhaar stoppte, fühlte ich mich irgendwie gezwungen etwas zu sagen, also sagte ich, „das ist unser Kaffeeautomat, hier trinken wir Kaffee“. Das war nicht nur insofern falsch, als dass ich überhaupt keinen Kaffee trinke, sondern auch, dass auch der Rest nie wirklich hier, sondern überall sonst Kaffee trinkt. Selbst auf dem Klo. Jedenfalls hoffe ich, dass das diese kleinen bräunlichen Flecken am Klorand erklärt. Von nun an übernahm Herr Strauselhaar das Kommando. Er führte uns schnurstracks in sein Lieblingsspielzeug, das er, da bin ich mir sicher, noch nie selbst benutzt hatte. Den Freizeitraum samt Kicker. Dieses Instrument ist für Herrn Strauselhaar der ultimative Beweis dafür, dass unsere altbackene Firma insgeheim genauso cool ist wie Google. Wir mögen zwar keine so abgefahrenen Sessel haben, aber wir haben Kicker. Auch nun, als er ihn dem Kanzler vorführte und dabei wild mit den Männern herumfuchtelte und sich dabei mit zwei gegnerischen Mannschaften die Kugel zuspielte, verschweigt er dabei, dass jeder Mitarbeiter laut interner Regelung genau 10 Minuten am Tag Erlaubnis hat diese Spielspaßundspannung-Maschine zu nutzen. Der Kanzler darf sicherlich so lange wie er möchte. Alleine. Dann wurde geraucht. Der Kanzler raucht nicht. Ich auch nicht. Aber Herr Sauselhaar umso mehr. Er fletzte sich auf einen der beiden Ledersessel, lud den Kanzler mit einer Handbewegung auf den nächsten ein und qualmte mir dabei genüsslich seinen Zigarettenrauch in meine Nasenflügel. Der Kanzler solle erst einmal ankommen, erst einmal verstehen wie es lebt, wie es agiert, wie es riecht, wie es schmeckt. Der Geruch sollte nach der dritten Zigarette in diesem 20 Quadratmeter fensterlosen Zimmer jedem klar sein. Wir gingen deshalb weiter.
„Und hier“, verkündete Herr Strauselhaar nun äußerst feierlich, „hier ist Ihr Arbeitsplatz, Herr Kanzler.“ Stattliches Einzelbüro in Prämienabteilung A. Direkt neben Prämienabteilung D und Schadensabteilug C. Abteilungen B und C sind am anderen Ende des Büros. Keiner weiß den Grund dieser Anordnung, „historisch gewachsen“ heißt es, wenn man fragt. Auf seinem Schreibtisch thronte ein überdimensionaler Blumenstrauß signiert für „Sehr verehrter Herr PROKURIST Kanzler a.D. Gunnar Ganslaar. Als der Kanzler das sah, musste er husten. Herr Strauselhaar deutete das als Zeichen der Gerührtheit und nicht absoluter Peinlichkeit und sagte deshalb, „keine falsche Bescheidenheit Herr Kanzler.“ In diesem Moment fragte ich mich ernsthaft, warum er sich das antut. Warum er es sich gibt, einem solchen Vollidioten unterstellt zu sein, anstatt ein pflichtloses Rentnertum im besten Alter zu fristen. Vielleicht ist er wirklich schlauer als wir alle zusammen.
Wir gingen nun zurück zum Ausgangspunkt. Dabei passierten wir direkt Schadensabteilung D, gerade nur besetzt von Sandra, die Neue, die Junge. Sie schaute hoch von ihrem PC und grüßte uns, oder mehr den Kanzler. Der sagte einige Sekunden später mehr zu sich als zu uns, sie trägt ein schönes Gesicht. Mir gefiel dieser Ausdruck, ein schönes Gesicht tragen. Auch wenn er das damit vielleicht gar nicht sagen wollte, bringt es doch auf den Punkt, dass keinem seine Schönheit verinnerlicht ist, sondern dass wir sie alle nur tragen, von Gott geliehen quasi. Genauso vergänglich wie bekömmlich. Eine erste Lektion des Kanzlers?
„Ich habe Hunger und Sie?“. Herr Strauselhaar starrte dabei ganz fixiert den Kanzler an, als wolle er mir ganz klar signalisieren, dass mein Hungergefühl ihn einen feuchten Dreck scherte. Die Tür klappte zu und sie waren weg. Zumindest bei einem hatte ich eine außergewöhnliche Hoffnung, dass er wiederkommen würde.
Du warst auf einmal weg, völlig ohne mir Bescheid zu sagen. Nicht dass du das müsstest, nicht dass es irgendeinen erkennbaren Grund dafür gäbe. Wir haben ja ohnehin kein Wort gewechselt an diesem Abend, kennen uns ja auch kaum. Einen Kanzler spricht man ja auch nicht einfach so an. Und das wäre dann ja so, als würde man die ganze Zeit mit seinem Lieblingsteddy spielen und dann kurz bevor man schlafen geht, kriegt doch der komische plauschige Bernadienerhund einen Gutenachtkuss. Quasi weil er halt Lieblingsplüschtier des Jahres gewählt wurde, um im Bilde deines Metiers zu bleiben. Aber weiß du, irgendwie dachte ich, gäbe es zwischen uns diese unausgesprochene Verbindung, die es zwischen zwei Menschen, die nicht da sind wo sie hingehören, immerzu gibt. Ich dachte, wir wären dieses bescheuerten Backpackertraveller, die immer auf der Suche nach möglichst remote Places ohne westliche Touris sind, die sich dann aber, wenn doch einer da ist, total überglücklich auf ihn werfen. Wie die rassistischen Schwarzen, die, wenn von Weißen umgeben, ohne sich zu kennen immer dem anderen Schwarzen zunicken. Ich bin kein Rassist, ich bin einfach nur betrunken und dachte wir würden uns heute noch sehen und uns eingestehen wie verloren wir sind. Ich dachte, heute Abend bin ich nicht mehr die einzige. Ich laufe vorbei an der großen Party, an der wie an jedem Abend ganz Hamburg teilnehmen zu scheint. Irgendwas lese ich von Molotows und von Udo Jürgens oder Lindenberg. Ich nehme das nicht wirklich wahr, ich weiß nicht warum, aber irgendwie suche ich nur dich. Kurz bin ich froh, denn in dem Kiosk kurz vor dem Rummel gibt es noch diese urige 0,33l Dose Hansa Knack. Ich atme sie weg und suche weiter nach dir. Der Rummel ist die Hölle, Zuckerwatte, Zahnspangen, Goldketten, Autoscooter, kein billiges Hansa Knack. Ich muss ihn schnell hinter mich lassen. Ich fand das übrigens gut, dass wir uns letztens getroffen hatten und mir ist es nicht peinlich, dass du mich gesehen hast, wie ich umherirrte wie eine Irre. Wie ich wagte, einfach nur rumzustehen, so ganz ohne Plan, so ganz ohne Iphone in der Hand, das jedem Nichtstun eine gesellschaftlich akzeptierte Legitimation gewährt. Es war mir nicht mal peinlich. Die Schanze ist noch voller als der bescheuerte Kiez. Es ist spannend zu sehen, wie in jeder Stadt in jeder Dekade diese Partykaravane von einer Straßenseite auf die andere fällt, weil es links nun auf einmal viel trendiger, lässiger und irgendwie angesagter ist. Als sei nicht alles das gleiche. Als gäbe es nicht überall das gleiche. Laute Musik, überteuerten Alkohol, Tische und Stühle, Menschen, die nicht auf der Suche nach anderen Menschen, sondern nur nach der eigenen Befriedigung sind. Ich laufe vorbei an einem dieser neumodischen Shisha-Stände, die gefährlich nahe daran gekommen sind, den Sprung zum Standardrepertoire einer Bar, die etwas auf sich hält, zu mutieren. Wenn ich Shishapfeifen und diese glühenden Kohlehaufen sehe, dann bin ich immer gleich im Mittelalter. Dann stehe ich in kurzer Distanz zum Scheiterhaufen und sehe wie einer rothaarigen Vollbusigen ein heißes Stück Kohle in ihren Vorbau gedrückt wird und die Meute es beklatscht, und dieses Spektakel in ihren Köpfen schon zu diesen Urzeiten viral geht. Auf dem Schulterblatt spielt eine Band, die mir ausnahmsweise sogar gefällt. Ich bleibe einen Moment stehen, lehne mich an den Stromkasten und höre ihnen zu. Ich lasse meinen Blick durch das eintrittsfreie Publikum schweifen und halte an. Denn auf einmal stehst du da. Du bist noch weit weg, ich sehe nur dein Profil, doch das musst du sein. Das musst du sein, der da auf der Rampe des Floraskatepark steht und den alle gebannt anstarren. Der dann diese unglaubliche Line fährt in völliger Dunkelheit. Ich möchte dir gratulieren und renne auf dich zu. Ich komme dir immer näher und entferne mich dabei noch viel schneller. Das bist nicht du. Du bist nicht dieser gut gebräunte langhaarige Blondie, der mit australischem Akzent davon erzählt how the second Kickflip was a little sketchy. Fick dich, fick dich, denke ich. Fick dich du scheiß Australier. Go back to your fucking Australia and be all work and travel or whatever you stupid Aussies do, whenever you’re not playing Rugby! Ich renne weg, will nur nach Hause, werde fast von einem Taxi überfahren, der in mir keinen laufenden Euroschein sieht, sondern nur eine verwirrte betrunkene, potenziell in sein frischgereinigtes Auto Kotzende. Während ich laufe und mehr Kioske als Menschen passiere, vibriert es in meiner Hose. „Ich bin hier oben“, schreibst du. Das erste Mal, dass ich froh bin ein Firmenhandy zu besitzen. Ich bin fast wieder auf diesem scheiß Rummel. Natürlich bist du da. Da steht diese Flasche Bier, das billigste in ganz Hamburg, wenn ich mich nicht irre. Und auf diesem 0,5 Ravensburg für 60 Cents, das ca. 4/5 geleert ist, steht „bitte trinke mich aus, mein Besitzer konnte leider nicht mehr, ich bin nicht giftig und stinke auch nicht aus dem Mund.“ Nie würdest du ein Bier einfach verwesen lassen. Ich blicke nach links und sehe nach oben auf diesen riesigen klotzigen Bunker. Ich sehe das Licht brennen und etliche Beine herunterbaumeln. Ich eile die Treppen hinauf und atme die erfrischende Höhenluft ein, als hätte ich gerade den K2 oder Kilimandscharo oder wie die Dinger alle heißen bestiegen. Ja, da bist du. Du fährst kein Skateboard du bist nicht braun, doch du bist ganz sicher nicht minder verloren als ich. Ich setze mich zu dir und zusammen schauen wir auf den Rummel, der von hier oben gar nicht mehr so scheiße aussieht, wie noch vor einigen Minuten.
Man muss einfach mal weg sein, weißt du, sagst du. Ich habs nicht mehr ausgehalten, irgendwie ging mir das alles auf den Keks, die gute Stimmung, das plötzliche Dusein mit allen und der Glaube, dass wir alle Freunde sind und uns nächsten Montag nicht mehr hassen, wenn A aus Versehen auf Bs Drucker druckt. Ich lache darüber, dass du wirklich gerade „auf den Keks“ gesagt hast und erzähle dir von mir. Weißt du, was früher als kleines Kind immer meine größte Angst war? Immer wenn ich meine Ruhe haben wollte und mich in mein Zimmer einschloss, dann dachte ich, dass ich es überhaupt nicht in meiner Macht hatte zu bestimmen alleine zu sein. Ich konnte mich nicht verstecken. Ich stellte mir vor, dass die nervigen Schüler aus meiner Klasse jederzeit kommen könnten. Sie würden vielleicht nicht reinkommen können. Ich könnte mein Handy abstellen, das ich damals noch nicht besaß. Ich könnte die Klingel abstellen. Doch sie könnten sich einfach vor mein Fenster stellen und klopfen. Daran könnte ich nichts ändern. Ich wäre ihnen ausgeliefert. Sie könnten so lange klopfen wie sie wollen und das würden sie. Ich lag in meinem Bett und bildete mir ein, dieses Klopfen zu hören. Mit voller Wucht gegen meinen Kopf, immer wieder. Solange man kein freier Vogel ist, können sie immer wieder kommen und klopfen und du kannst nichts dagegen machen. Weißt du?
Du nickst und sagst mit deinen Augen, dass du genau verstehst, was ich meine. Über uns schwebt eine Herde mir unbekannter Vögel und einer von denen scheißt ungefähr zwei Zentimeter neben deine linke Arschbacke. Du möchtest ihm eine verpassen, doch da ist er schon weg. Auf seinem Weg nach Mexiko oder Costa Rica oder Puerto Rico. Ich war noch nie in Südamerika. Ich lebe in einer Wohnung und kann jederzeit beklopft werden.
Doch hier oben ist es schön, lass uns für immer hier oben bleiben, OK?
Du nickst wieder dein kaum wahrnehmbares Nicken. Dann sagst du, wollen wir gehen?
Ich nicke. Du setzt mich in ein Taxi und streichst mir mit deiner warmen Hand über meinen Oberschenkel, oder ist es nur die Spucke, die aus meinem Mund tropft? Du drückst dem Mann einen viel zu groß erscheinenden Geldbündel in die Hand. Dann bist du weg. Ich liege im Bett und starre aus dem Fenster. In völliger Stille schlafe ich ein. Nur das Zwitschern der Vögel, die den langsam beginnenden Tag einläuten. Doch das ist sehr schön.
„PAPIERKRIEG STATT NAHOSTKRIEG“
„DRUCKERSTAU STATT REFORMSTAU“
Ja, ich glaube, das waren wirklich meine beiden Highlights. Zugegeben ist meine Wertung sicherlich nicht allumfassend, denn, obwohl ich selbst in dieser Branche arbeite, versuche ich so weit es möglich ist, dem regelmäßigen Studium an Tageszeiten zu entgehen. Ich bin sicher, mir sind einige Hochkaräter entgangen. Immerhin bin ich informiert darüber, dass der Kanzler unglaublicherweise seinen Kaffee selbst kocht oder dass er an seinem zweiten Tag einen Streuselkuchen ausgegeben hat - den er aber wiederum nicht selbst gebacken hat, die Recherche läuft hier noch, Mutter Kanzlerin ist momentan die wahrscheinlichste Bäckerin dieses „unglaublich leckeren Streuselkuchens“. Schlagzeilen wie diese haben mir genügt, um mir selbst zu versprechen, dass meine Berichterstattung über dieses Ereignis, was es durchaus war, ich meine, ein Kanzler fängt nicht alle Tage einen normalsterblichen Job an, dass meine Berichterstattung aber komplett seriös laufen würde. Und ich weigere mich auch immer noch zuzugeben, dass ich das mit Absicht initiiert habe. Dass ich dafür verantwortlich bin, dass der Kanzler nun Jesus ist oder Moses oder was er auch immer sein soll. Ich denke, dass im Grunde alles so läuft wie es immer läuft. Das Jetzt ist schlecht und das Früher ist besser. Den Vorgänger hochleben lassen ist nichts weiter als eine Art über das Aktuelle zu meckern. Und ja, irgendwie passte meine bescheuerte, total belanglose Story da halt rein. Im Grunde nicht mal meine Story, sondern halt nur dieser eine Satz. Es war nun einmal nichts los, die Geschichte schien stillzustehen, Fußball war auch nicht. Und irgendwas muss man ja nun mal schreiben. Wir werden ja nicht nach leeren Seiten bezahlt sondern gefüllten Zeilen. „Irgendwas über den Kanzler“ sollte es sein. Das würde die Menschen zur Zeit noch am meisten interessieren. Der anfängliche Hype war zwar auch schon langsam abgeebbt, die Menschen hatten wohl verstanden, dass auch ein Kanzler im Büro nichts anderes macht, als im Stuhl zu sitzen, aufzustehen, zu drucken, Kaffee zu trinken und ab und an etwas zu sagen, das meistens komplett bescheuert ist, aber irgendwie muss die Zeit ja rumgehen. Aber ein gewisses Restinteresse, so meinte mein Chef es erkannt zu haben, sei immer noch ganz bestimmt vorhanden.
Ich gebe zu, ein wenig betrunken war ich auch. Und ich bin nun einmal einer dieser Melancholik – Trinker. Bei einem bestimmten Level an Alkohol, und wenn dann noch der Wind richtig weht und es gerade so dunkel ist, dass man noch die Rahmen und Schatten erkennen kann, aber nicht viel mehr, und wenn dann noch von irgendwoher schwermütiges Gitarrengesäusel herweht, dann werde ich einfach dieser klischeehafte dahinsehnende Kettcar hörende Träumer einer besseren Welt, die er versucht mit Bildern aus der Vergangenheit aufleben zu lassen. Als ich bei der zweiten Flasche Wein war und noch nicht mehr geschrieben hatte als „Text von Markus Feldenkirchen“, da sah ich dann dieses Zitat. Ich weiß nicht mal mehr aus welcher Zeitung es stammte. Irgendeine Redaktion hatte den Kanzler einige Stunden bei einem „typischen Tag“ begleitet, ihm kess „über die Schulter geschaut“ und diesen Tag dann in einen von Zitaten gespickten Artikel gepresst. Gegen Ende des Artikels las ich es. Beschrieben wurde gerade eine sogenannte Stresssituation. Der Kanzler telefonierte mit einem Kunden, angeblich dem größten der Firma, und hatte die Aufgabe ihm etwas zu verkaufen. In diese Situation hinein fragte der Reporter den Kanzler, was er denn in diesem Büro eigentlich am meisten vermisse. Der Kanzler hätte dann kurz angebunden geantwortet, dass es ihm an Bleistiften fehle. Das war eigentlich alles. Und wenn ich mir das jetzt, so ganz nüchtern, abgesehen von ein wenig Restalkohol von gestern, vorstelle, dann ist es auch nicht mehr. Und das hätte doch eigentlich auch jeder halbwegs nüchterne Leser meines Artikels sehen müssen. Dass ich, vollgepumpt mit Rotwein und Melancholie, ein Märchen gestrickt hatte, basierend auf einem dem Zusammenhang entzogenen Zitat. Der Kanzler war im Stress, wollte eine Notiz machen und brauchte dafür einen Bleistift, den er nicht fand. Das war alles. Doch mein besoffenes Hirn machte mehr daraus. Ich meinte ihn in dieser Nacht verstanden zu haben. Ich meinte verstanden zu haben, dass in diesem simplen Satz eine Botschaft an uns alle mitschwamm. Ich bildete Codes, IVEB, die ich dann selbst knackte, Ich vermisse einen Bleistift. Und aus all dem schrieb ich dann diesen Artikel. „Des Kanzlers Appell: Nieder mit der Gnadenlos-Gesellschaft“. Laut diesem Artikel appellierte der Kanzler mit dieser Aussage für eine Gesellschaft, die zweite Chancen kennen sollte. Die nicht auf dem Prinzip, „do it, or leave it“ basierte. Er hätte, schrieb ich da, ja auch nach einem Füller oder einem Edding oder so verlangen können. Aber nein, semantisch scharf doktorte ich heraus, dass er ganz bewusst, die aktuelle mediale Aufmerksamkeit wohl einkalkulierend, nach einem Bleistift verlangte. Das musste etwas zu bedeuten haben. Für mich war der Kanzler ein Held. Einer, der das Menschliche betonte, der schon nach beachtlich kurzer Zeit, die er nun in der normalen Welt verbracht hatte, das Kernproblem unserer Zeit nicht nur erkannte, nein, auch ausgesprochen hatte. Der Bleistift, schrieb ich, stehe für etwas Größeres, er wäre nur eine Allegorie. Ein Bild dafür, dass wir das BIP auch mal BIP sein lassen sollten und uns beim Einkauf in der Kasse die Zeit nehmen und geben sollten, einen netten Klönschnack zu halten. Dass der Mensch wieder über der Zahl stehen sollte. Und in allem was ich schrieb, schwang so ein „so wie früher“ – Feeling mit. Als sei all das, was ich in bunten Worten beschrieb früher auch genauso gewesen. Ich endete den Artikel in dieser Stimmung mit, „der Kanzler bewies, dass er etwas ist, das das amtierende Oberhaupt nie werden kann, er ist unser
