Der Mann vom Fluss - Gerhart Büchl - E-Book

Der Mann vom Fluss E-Book

Gerhart Büchl

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Beschreibung

Der Autor, Ingenieur und passionierter Kanusportler, schöpft seine Geschichten aus den Erfahrungen von Reisen in alle Welt, reiht sie um das Leitmotiv "Fluss" und fügt eine Reihe von Gedichten hinzu. Diese Erzählungen sind heiter mit einem verschmitzten Lächeln, voller Lust und Lebensfreude, zuweilen aber auch tiefernst, denn die Welt ist ein bisschen aus den Fugen geraten und der Verfasser sät auch Trauer in die Herzen, über das, was der Mensch aus einer einst intakten Natur gemacht hat. Diese Trauer steigert er beispielsweise bis zum Entsetzen, wenn die Wasserfallkette eines Gebirgsflusses zum Sinnbild wird für die Gräueltaten, die Menschen an Menschen verüben. Da der Lauf eines Flusses Symbol ist für das Leben, endet das Buch natürlich - nämlich mit Gedichten über den Tod.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Vorwort.

Der Ritter

Der Liebestraum

Flötenkonzert von Vivaldi

Erwachen

Der Blitz

An den Verdon

Das Morgenlied

Andenken

Der Traum der Maria Vach

Der Mann vom Fluss

Friede und Sturm

Groß – Reifling

Am Arno

Sommernacht

Karachi international Airport

Frühstück im Hotel

Der Händler vom Khao Phraya

Ostern

Abend

Das helle Sirren.

Abendstimmung

Mississippi – Ein Flug über Nordamerika

An der Küste von Plaka

Nereiden

Im Korsischen Maquis.

Fisch und Schlange

Die Brücke in der Schlucht von Plaka

Griechische Platanen

Der Freund aus Ireland.

Die Party

Der mit dem Schwein tanzt.

Alte Eichen

Novemberhoffnung

Weltenläufe

Der Traum des Diabel Etrange

Antike Säulen

Veltlin

Rüstungen

Der Stier von Jaice

Ein orthodoxes Weihnachtsgedicht

Inferno

Die Apokalyptischen Reiter

Pythagoras

Du bist Orplid; mein Land; das ferne leuchtet:

Charon

Dmitri 15

Der Zug

Literaturvorlagen

Vorwort.

Die vorliegenden Erzählungen und Gedichte sind einerseits in sich abgeschlossen, andererseits reihen sie sich inhaltlich in einen übergeordneten Rahmen und können dadurch ihren Sinn aus einer Art zweiter Ebene beziehen.

Sie geben Abläufe wieder, die linear oder zyklisch erfolgen. Im titelgebenden Gedicht »Der Mann vom Fluss« werden solche Abläufe symbolisch gegenübergestellt. Der Lauf eines Flusses von der Quelle bis zur Mündung ins Meer und der Ablauf eines Menschenlebens von der Geburt bis zum Tod stellen lineare Verläufe dar. Der Kreislauf des Wassers, der über Verdunstung und Niederschlag zur permanenten Erneuerung führt und von dem der Gedanke einer Wiedergeburt abgeleitet werden könnte, stellt ebenso einen zyklischen Ablauf dar, wie etwa der Laubfall über die Humusbildung und den neuen Blattaustrieb im Frühjahr. Hier überlagert sich der lineare Ablauf des Baumlebens mit dem Kreislauf der Jahreszeiten.

In den Erzählungen dieses Bandes klingen solche Gedanken an, direkt oder versteckt. Hineingewoben sind eigene Erlebnisse, Begebenheiten, die mir erzählt wurden und frei erfundene Phantasien. Auch wenn manchmal der Gedanke einer Wiedergeburt anklingt, werden Schritte ins mystisch Transzendente bewusst gemieden zugunsten eines Realismus, der nie unverändert übernommen ist, sondern immer veränderte Wirklichkeit darstellt, manchmal bis ins Surreale verzerrt.

So wie sich die Erzählungen dieses Buches an einen roten Faden reihen lassen, sind auch einzelne Titel mehrschichtig geordnet, reihen sich beispielsweise fünf Liebesgeschichten zu einer kleinen Menschheitsgeschichte in fünf Bildern.

Anliegen des Buches ist es auch, den Blick für die Schönheiten der natürlichen Schöpfung zu schärfen und Trauer in die Herzen zu säen, über das, was der Mensch daraus macht, ist eine in der Abstraktion Gottes begründete Ethik und das Wecken des Zornes gegen falsche Ideale und Scheinideen, ist das Ideal eines Lebens in Einklang mit der gegebenen Umwelt, ist Einfachheit und in letzter Konsequenz Liebe.

Der Verfasser

Der Ritter

D er Januarmorgen war kalt und klar.

Heinrich stapfte so schnell ihn seine jungen dünnen Beinchen voranbrachten durch den Schnee. Auf dem Gehsteig, wo der Schnee von den vielen Füßen der Leute zu Eis niedergestampft war, hatte man Asche gestreut, da ließ sich der Schlitten so schwer ziehen. Daneben waren hohe Schneewälle aufgeschippt, da konnte man sowieso nicht gehen und auf der Straße sollte er nicht. Dort war der Schnee bucklig und steinhart gefroren, aber der Rodel zog sich leichter. Und Autos gab es sowieso kaum welche in diesen Tagen, einen Militärlaster vielleicht oder ein Sanitätsauto mit dem roten Kreuz auf dem weißen Kreis.

Heinrich dachte an Stanislaus, einen der Verwundeten aus seiner Schule, die man vor einem halben Jahr zu einem Notlazarett eingerichtet hatte. Stanislaus hatte ihn neulich aufgelesen, als es getaut hatte und er mit seinen löchrigen Schuhen über den grauschmutzbraunen Schmelzwassergraben gesprungen war, hin und her und manchmal hinein, dass es nur so spritzte, hatte ihn aufgelesen mit seinen patschnassen eiskalten Füßen und ihn in die Schule zu seiner Mutter gebracht, die dort mit ihrem blau-weiß gestreiften Kittel Lazarettdienst verrichtete. Aber Mama hatte sich nicht um ihn kümmern können. »Wir sind doch keine Kinderbewahranstalt« hatte die Oberschwester dazwischengefunkt, und so hatte ihn Stanislaus in den Saal für Leichtverwundete, in dem er selber sein Bett hatte, auf einen halbhohen Schrank gesetzt, dicht neben dem Ofen, hatte ihm Schuhe und Strümpfe ausgezogen, die nur so tropften, hatte ihm mit einem Handtuch die Füße warmgerieben, die Strümpfe ausgewunden und zum Trocknen aufgehängt über dem Ofen und die Schuhe mit altem Zeitungspapier ausgestopft.

Dann hatte ihm Stanislaus mit seinem Wiener Dialekt, den Heinrich so lustig fand, beigebracht, wie Soldaten grüßen: nicht mit gestrecktem, schräg aufwärts gerichtetem rechten Arm, sondern viel eleganter und schwungvoller: die Finger der rechten Hand berührten kurz den Mützenrand, dann schwenkte der ganze Arm eher lässig als zackig in rundem Bogen nach rechts unten und hinten, die Hand schlenkerte aus, als ob sie etwas hinter sich würfe: Hei´tler!

Klein Heinrich hatte begeistert daheim vor dem Spiegel geübt, denn er liebte Soldaten. Er liebte Krieg und Waffen und zeichnete mit Hingabe die Propagandabilder aus der »Wehrmacht« – Zeitung nach. Seinem Vater schickte er ins Feld regelmäßig ganze Blätter voller gezeichneter Heldentaten deutscher Kriegsmaschinerie, z.B. Kampfflugzeuge mit dem Balkenkreuz, die nicht nur gleichzeitig mehrere gegnerische Flugzeuge abschossen, sondern dabei auch noch per Bombenabwurf eine Reihe feindlicher Panzer am Boden zerstörten.

Als ihm jetzt einige Soldaten begegneten, die mit dem Leiterwagen das Kommissbrot holten vom Hotel »Hirschen« fürs Lazarett,brachte er seinen neu gelernten Gruß an. Sie schauten erst etwas verdutzt, dann lachten sie und grüßten zurück: »Hei´tler«. Heinrich war begeistert.

Dann war Heinrich aus der Stadt heraußen und ärgerte sich, dass auch auf der »Kobberie«, wie man die »Kobolzeller Steige« nannte, gestreut war, so dass er den Schlitten weiterhin talwärts ziehen musste. Als er dann auf dem Fußsteig hinunter zur Doppelbrücke endlich rodeln konnte, kamen ihm Leute entgegen und schimpften. Das war also auch keine ungetrübte Freude.

Wie gut, dass er auch die Schlittschuhe dabei hatte, denn die Tauber war dick zugefroren und im Staubereich des alten Mühlenwehres bei der Herzmühle gab es eine phantastische Schlittschuhbahn, lang und breit und spiegelblankes Eis ohne jede Schneeverwehung.

Dort traf er eine Menge Freunde aus seiner Schule und Nachbarschaft. Die Jungen hatten sich krumme Stecken von den Büschen abgeschnitten und spielten Eishockey. Heinrich war einer der eifrigsten, aber als ihn die Größeren ein paarmal hart aufs Eis hatten knallen lassen, dass er seine dürren Knochen nur so spürte, hatte er keine Lust mehr.

Da stromerte er dann lieber am Mühlbach entlang. Unter der klaren Eisdecke konnte man deutlich das Wasser strömen sehen: Luftblasen zogen vorbei und manchmal ein angefaultes welkes Blatt. Und da war tatsächlich ein Fisch, der mit seinem breiten Maul von unten gegen das Eis stupste. Wo kommt der denn her? Heinrich langte nach dem Fisch und wie der Blitz war er weg.

Dann entdeckte Heinrich eine Stelle, an der der Mühlbach durch eine Lücke im Damm seitlich ausfloss. Das Wasser sprudelte und stürzte in Kaskaden hinunter in das alte Flussbett, das mit Steinen übersät war. Neben der Schussrinne hatte das Spritzwasser eine bizarr geformte Eisplatte gebildet, die mit Wellen, wie vom Wind getrieben in einer steilen Kurve hinunter zum Flussbett führte.

Heinrich rutschte auf dem Hosenboden hinunter: das war ja eine phantastische Bahn! Heinrich stieg wieder hinauf und aufs neue und immer wieder schlitterte er diese herrliche Eislustbahn hinunter.

Doch dann passierte ihm dieses verdammte Missgeschick. Als er merkte, dass er auf der schiefen Bahn plötzlich in eine andere Richtung trieb, als er auf einem runden Eisbuckel plötzlich abgelenkt wurde, da war es zu spät. Er sauste geradewegs auf den wild sprühenden Sturzbach zu. Heinrich presste seine dünnen Finger und die schief getretenen Absätze gegen das Eis, aber die Bremse griff nicht mehr. Mit einem Platsch sauste er ins Nasse und das Schusswasser ergoss sich genau über ihn.

Der Nässe- und Kälteschock ließ ihn wie eine Feder in die Höhe schnellen. Stolpernd, schlitternd, fallend holperte er die restliche Eisbahn hinunter, kam wieder auf die Füße, nass von Kopf bis Fuß, aber wenigstens nicht mehr unter der Wasserflut.

Heinrich ließ Schlitten und Schlittschuhe stehen, wo sie standen und rannte los, die lange steile Steige hinauf, keuchte durch das Stadttor und die Wenggasse hinauf. Kalt war er eigentlich nicht, das Laufen hatte ihn warm gemacht, trotz der Nässe, aber die kalte Luft und der Eiswind ließen ihm die Kleider am Leib gefrieren, so dass sie hart wurden wie eine Ritterrüstung. Nur die Gelenke an den Knien und am geflickten Hosenboden, den Schultern und an den Ellbogenherzen blieben als eine Art Scharniere beweglich.

Als Heinrich am Krämerladen von Frau Ruppert vorbeikam klapperten die Arme an den Seiten der eiserstarrten Jacke, trocken, wie wenn man Holz aneinander schlägt, wie ein Xylophon. Sein Freund Günther, der zufällig des Wegs kam, starrte ihn an mit weit offenem Mund, wie der Fisch unterm Eis. »Geh´ weg, ich bin der Ebbelein« herrschte ihn Heinrich an.

Heinrich trommelte sein scherzo mortuis allegretto herunter bis er nach Hause kam. Wie gut, dass Mutter da war und im Badezimmer überm Wäschewaschen. Mit einem spitzen Schreckensruf zog sie den Jungen in den dampfdiesigen Waschraum und als sich Heinrichs Eisrüstung nicht abstreifen lies, mixte sie die kochende Waschlauge mit kaltem Wasser in der Badewanne und stopfte den ganzen Kerl samt Kleidern hinein.

Heinrich überstand dieses Abenteuer ohne Schaden. Stolz nahm er auch den ihm gebührenden Spitznamen entgegen: der Ebbelein wurde er jetzt genannt, das war ein Raubritter aus dem mittelalterlichen Nürnberg, der bei den Buben in hohem Ansehen stand und Heinrich war sehr zufrieden darüber, dass ihm dieser Ehrentitel zuteil wurde. Der strenge Winter 1944/45 wich einem schnellen Frühling. Stanislaus wurde wieder an die Front verschickt, dafür kamen andere Soldaten.

Eines Tages, im März, Heinrich schlenderte an der Sonnenseite der Gasse entlang, bog fröhlich pfeifend um die Ecke bei Rupperts Lebensmittelladen, da stand er unmittelbar vor den schwarzen Bügelfaltenreithosen, die in makellos schwarzen polierten Schaftstiefeln steckten, eines hünenhaften Mannes, ja eines richtigen Ritters, mit Offiziersmütze und Totenkopf darauf und silbernen Knöpfen und strengem Blick.

Heinrich kam sich so winzig vor und er dachte an Stanislaus, der ihm beigebracht hatte, wie man Soldaten grüßt und er fühlte sich verpflichtet, vor diesem Ritter den Soldatengruß ganz besonders perfekt zu demonstrieren.

Heinrich führt die Finger an sein eingebildetes Mützenschild, schwenkt elegant und schwungvoll den ganzen Arm eher lässig als zackig nach rechts unten und hinten, die Hand schlenkert aus, als ob sie etwas hinter sich würfe: Hei´tler. Heinrich schrie dieses Wort dem Ritterriesen hinauf, laut und scharf mit der ganzen Inbrunst einer begeisterten Jugend. Er war sicher, großen Eindruck auf den Ritter gemacht zu haben.

Der SS – Bonze in der verzweifelten Wut einer geschlagenen Bande, in der ohnmächtigen Arroganz sinnloser Durchhalte- und Machterhaltungsansprüche griff sofort an den Gürtel und nestelte an der Pistolentasche.

Frau Ruppert, an diesem sonnigen Frühlingstag auf der Bank vor der Ladentür die Szene beobachtend, sonst eine gemütliche, eher etwas träge Frau, reagierte wie der Blitz. Sofort hatte sie den Jungen gepackt, durch den Laden gezerrt, auf die Stiege: »Lauf um dein Leben, zum Salmler!«. Ein Schuss krachte und Heinrich schoss von plötzlich ihn anspringenden Furien gehetzt in den Dachboden, durch die kleine Klappe, wo ein Kriechgang zu Bäcker Salmlers Taubenschlag führte, wo er sich endlich sicher fühlte.

Frau Ruppert war nur am Bein gestreift worden, die Wunde heilte wieder. Bis dahin aber überstürzten sich die Ereignisse.

Der Bombenangriff, der halb Rothenburg zerstörte, kam am helllichten Tage. Als die Sirenen heulten, krachten auch schon die Bomben, draußen vor dem Küchenfenster im Gemüsegarten, im Nachbarhaus mit dem gemütlichen Wirtsgarten unterm hohen Birnbaum, der voll in Blüte stand, im Taubenschlag vom Bäcker Salmler, in dem Heinrich vor wenigen Tagen noch Zuflucht gefunden hatte.

Heinrich war über Schularbeiten am Tisch gesessen, als es krachte, als ihn Mutter an den Schultern hochgerissen und zur Treppe gezerrt hatte, wo Ernst, der lange dünne Junge vom oberen Stockwerk vor ihnen hinunterjagte, als vor der schweren eichenen Haustüre die Bombe explodierte, als ein Splitter die Eichenbohle durchschlug und Ernst ins Bein fuhr. Dann wurde er von Mutter durch die brennende schmale Hafengasse gezogen, wo ein brennendes Fensterkreuz herabstürzte und Mutter am Arm traf, den sie schützend über den Jungen gehalten hatte. Schließlich waren sie im Burggarten in Sicherheit vor dem brennenden Inferno, im Burggarten, wo zwei entlaufene Pferde die Tulpenblüten abfraßen und zwei Tage später mit aufgedunsenen Bäuchen verreckt im Gras lagen.

Die eigene Wohnung blieb unversehrt, aber fast die halbe Stadt und die halbe Wenggasse war abgebrannt. Heinrichs Zimmerchen und auch das Wohnzimmer war jetzt von Ausgebombten bewohnt. In den Straßen terrorisierten Braunbehemdete die Leute, die in den Trümmern nach ihrer letzten Habe suchten.

Eines Tages knallten Schüsse aus einem Ruinenhinterhof in der oberen Wenggasse. Man hatte die Frau Meirich standrechtlich erschossen, weil sie plünderte. Heinrich sah den schwarzen Ritter, gefolgt von SS – Soldaten mit geschulterten Gewehren im Gleichschritt aus dem Torbogen marschieren und verkroch sich sofort zwischen rauchenden Kellermauern in den Ruinen.

Er erinnerte sich an Tage vor dem Bombenangriff, da sah er, wie Frau Meirich draußen am Bahndamm vor der Stadt russischen Zwangsarbeitern, grauen in Tüchern gehüllten Schattengestalten, denen man sich nicht nähern durfte, ein Stück Brot zuwarf, auf das sich die halbverhungerten Schatten stürzten wie eine Meute Hunde, in die die Wächtersoldaten mit Peitschen einschlugen, von denen einer die davon hastende Frau erkannte und ihr in scharfem Ton nachschrie: »Meirichin, dich kriegen wir noch!«.

Er erinnerte sich, wie er von Mutter zum Kommissbrot holen mit dem Leiterwägelchen ins Hotel Hirschen mitgenommen wurde, wo Stanislaus mit einem flinken Griff den schon eingelösten Bezugschein wieder an sich gebracht hatte und sich hinten in der Reihe wieder anstellte um eine zweite Brotration für das Lazarett zu kassieren. »Die lassen es sonst ja doch nur verschimmeln und auch zwei Portionen reichen noch lange nicht zum Sattwerden!«.

Stanislaus war ja wieder an der Front. Heinrich wähnte ihn dort in Sicherheit; aber Mutter, die hatte ja das Brot der ersten Ration versteckt, bis es die Verwundeten abholen konnten und die hatte ja ohnehin dauernd Schwierigkeiten mit der Kreisleitung wegen ihrer freimütigen Meinungsäußerungen. Wenn die jetzt auch erschossen wird, wegen dem Brot?

Dann aber kamen die Amerikaner. Geduckt und mit Gewehren im Anschlag hatten sie sich an der Häuserfront der unzerstörten unteren Wenggasse entlang gepirscht, in jedem Winkel, in jeder Türnische Schutz suchend vor erwarteten Angriffen. Aber der schwarze Ritter hatte sich längst abgesetzt. Später erzählten die Leute, wie er bei Schillingsfürst zur Deckung seines Rückzugs noch einen Volkssturmtrupp alter Männer in den Heldentod geschickt hatte.

Am Hotel Hirschen, jetzt Hauptquartier der US – Besatzung, vor dem jetzt deutsche Straßenjungen weggeworfenen US – Zigarettenkippen nachstürzten, wie vorher die grauen russischen Schatten dem Brot, hing jetzt eine Karte mit dem eingezeichneten Restgebiet Deutschlands, das noch von deutschen Truppen kontrolliert wurde. Es wurde von Tag zu Tag kleiner.

Heinrich, vor kurzem noch begeisterter Zeichner deutscher Militärtriumphe, ertappte sich dabei, wie er insgeheim hoffte, dass dieses Restgebiet bald verschwinden würde, so wie der schwarze Ritter verschwand; und am 8. Mai war es verschwunden. Die Leute nannten es Frieden und begannen zu hoffen und sich zu freuen.

Auch Heinrich freute sich.

Der Liebestraum

Ein Knöspchen schwoll ganz rund an einem Zweig

Von einem regennassen Pfirsichbaum

Und als es aufsprang brach daraus so reich

Hervor ein wunderschöner Frühlingstraum.

Und aus dem Traum heraus erschien dein Bild

Und stand so klar in dieser blauen Stille,

Die spiegelte im Mondensee dein Lächeln mild

Und ewig dich zu lieben war mein fester Wille.

Als dann ein Windhauch mit der Blütenblätter Rosa trieb sein Spiel,

Da regnete auf uns herab ein lusterfülltes Blumenglück;

Das kräuselt´ tanzend auch den Spiegel, als es darauf niederfiel

Und nahm vom Silbersee dein Bild verschwimmend mit sich,

Stück für Stück.

Flötenkonzert von Vivaldi

Ein Flötentrillern hell und klar,

wie Frühlingsamseln, Zwitscherstar

und frische blaue Märzenluft,

in Hecken erster Blumenduft.

Ein lichtgrüngold´nes Laubgeflitter,

am Nachmittag ein Maigewitter,

der Wind am See und Wellenkräuseln,

in lauer Nacht dann Liebessäuseln.

Ein hüpfend echtes Perlentausend,

aus Wasserfallgischt sprühend, brausend,

in der Umarmung ganz umsponnen

von virtuosen Liebeswonnen.

Erwachen

Amselflöten, gelockt

vom rosa gebändertenAufstieg

des Lichts,

gehoben

aus der dunklen Schale der Nacht

verklärt schon den kommenden Tag:

erweckt Mut mir und Hoffnung

und aus dir strahlt ein Lächeln

Der Blitz

D ie steile Mittagshitze dieses Hundstages, diese brennende und meine Schultern rötende, die mich veranlasste in den Gleichklang meiner Paddelschläge ab und zu eine Eskimorolle einzuschieben, um dann um so mehr unter den Bremsenstichen zu leiden, der Bogen dieses strahlenden Hochsommertages hatte seinen Scheitelpunkt überschritten.

Der Morgen war klar und scharf. Die Bergwälder grüßten grün vor grau getönt aus den Höhen und Fernen. Der Fluss wirbelte grün und tief und schnell dahin, das grünklare, spiralig dahinstrudelnde Wasser des Flusses, dieses wunderbare Wasser. Als ich den Grimming passierte, diesen beherrschenden Bergstock im oberen Ennstal, begann der Mittagsdunst seine schützenden Schleier gegen die Sengstrahlen der Sonne auszuhängen.

Meine Freunde hatten mich versetzt, waren schon einen Tag vor der verabredeten Zeit abgefahren. Das hatte ich von einem Bauern an der Einsetzstelle erfahren. Personen- und Bootebeschreibung hatte genau gepasst. Also werde ich, so hatte ich mir gesagt, die hundert Kilometer von Radstadt bis zum Gesäuse an einem Tag hinunterfahren. Die anderen müssen sich zwei oder drei Tage dafür nehmen, also werde ich sie irgendwo einholen.

Inzwischen war der Nachmittag vorgerückt. Die Sonne hing fahl schräg hinter mir im Dunst. Voraus stauten sich dickere Wolkengebilde zusammen. Von den Freunden noch keine Spur. Sie haben sich also nur zwei Tage gegönnt auf diesem herrlichen unverbauten Wanderfluss. Ich war einen scharfen Schlag gefahren und hatte viel Weg hinter mich gebracht an diesem Tag. Die Mittagspause im schattigen Auwald war kurz, nur ein Stück Brot und ein Apfel. Wenn das Gewitter vorbeizieht, werde ich mein Ziel, den Gesäuseeingang, erreichen, nur dann.

Als ich um eine Flussbiegung komme, sehe ich voraus, am Ende einer langen Geraden einen Paddler: die Freunde! Ich werde also mein Ziel, sie einzuholen erreichen, auch wenn das Gewitter nicht vorbeizieht. Der Paddler verschwindet hinter der nächsten Flussbiegung. Kurz blinkt das nasse Paddel im Sonnenstrahl, als leuchtender Kontrast zu der dicken Wolkenbank, die sich blau in blau vor den Berghängen auftürmt.

Ich beschleunigte mein Fahrtempo, doch als ich um die Kurve herumkam, stand nur der grüne Fluss vor mir und die nächste auwaldgesäumte Biegung. Nach der dritten Biegung wieder eine lange Gerade und vor mir der Paddler. Er fuhr mit kräftigem Schlag geradeaus zu auf eine hohe Wolkenwand aus Grau.

Ich hatte den Abstand nur wenig verringern können. War das also doch keiner meiner Freunde? Detlef und Monika, Wanderfahrer aus Norddeutschland waren nicht stark genug, um mir so schnell vorauszufahren. Lediglich Manfred fährt mir notfalls davon, wenn er nur halb so viele Tageskilometer hinter sich hat, wie ich. War er vielleicht aus irgendeinem Grund zurückgeblieben und nun selber bei einer Aufholjagd?

Ich legte noch mehr Dampf in meine Paddelschläge, senkte den Kopf zwischen die Schultern, drückte die Faust aus der Schulter heraus gerade nach vorn, zog mit der Arbeitshand das Paddel kräftig und lang nach hinten. Die Wasserfahnen, die vom Paddel bei jedem Schlag tropften, trommelten aufs Oberdeck, der Schweiß dampfte von meinen Schultern, das Faltboot jagte mit dem höchsten Tempo, zu dem ich noch fähig war, der vorausfahrenden Utopie nach.

Der Abstand verringerte sich. Der Paddler eilte unbeirrt in die sich aufschwärzende Wolkenwand hinein. Diese stülpte sich über das Tal und über den Fluss wie ein Ungeheuer, als wollte es alles in sich hineinschlingen.

Eine Windbö fuhr plötzlich durch den Auwald und lange schwarze Haare wehten wie eine Flagge vom Kopf des Paddlers. War das etwa eine Frau? Der (die?) ist jetzt tatsächlich verunsichert, wendet sich ans linke Ufer, dann ans rechte. Beide Ufer sind steil, morastig, hochmoorig. Sie sind vom Fluss aus nicht zu besteigen.

Ich war jetzt rasch näher gekommen. Es ist wirklich eine Frau. Plötzlich wendet sie das Boot nach links. Dort war oben am Ufer eine Fichte umgestürzt und hing schräg herunter ins Wasser: die einzige Anlandemöglichkeit weit und breit.

Das Mädchen hätte nicht versuchen sollen, von oberstrom her an dem Baum anzulegen. Die schräg ins Wasser hängenden Äste und die scharfe Strömung arbeiteten zusammen und schon war das Boot halb unter das Wasser gedrückt. Das Mädchen klammerte sich angstvoll an einen Ast, konnte gerade noch verhindern, dass das Boot kenterte.

Ich fahre um den Baum herum und treibe mein Boot von unterstrom gegen die Strömung in das Geäst hinein, ziehe es dann an den Ästen bis zum Stamm. Zwischen den Zweigen der Fichte leuchtet Abendrot. Kurz blendet mich der Goldstrahl der Sonne. Hastig schlinge ich die Bootsleine am Ast fest, bin aus dem Boot, trete zwischen den Ästen ins Leere und sacke bis zum Bauch ins kalte Wasser, zerre mich wieder hoch auf den Stamm. Wo ist das Mädchen?

Die Strömung hatte ihr Boot fast völlig unter Wasser gedrückt und drohte es nach oberstrom umzudrehen. Die junge Frau befand sich in großer Gefahr.

Durch mein Gewicht wird der Baum noch mehr nach unten gedrückt und mit ihm das Boot. Wasser gurgelt der Frau um Mund und Nase. Ich merke, wie sich Panikstimmung in ihr ausbreitet. Im nächsten Augenblick wird sie das Boot verlassen. Dann wird Wasser in die geöffnete Sitzluke einschießen und das vollgelaufene Boot wird kaum mehr zu bergen sein.

Aber jetzt bekomme ich das Heck des Havaristen zu fassen und zerre es längsweise ein Stück nach oben. Doch es war schon zu spät. Sie hatte die Spritzdecke aufgedrückt und sich mit erstaunlicher Kraft und Gewandtheit auf den Stamm gezogen. Die nasse Bluse war ihr um den Leib geklatscht.

Das vollgeschlagene Boot drohte von der Strömung wieder nach unten gedrückt zu werden. Ihr kräftiger brauner Arm war um einen Ast gehakt, mit der anderen Hand hielt sie das Boot am Süllrand. Zu zweit gelingt es uns, das Boot zu drehen, so dass die Strömung gegen das rundere Unterschiff anschießt, das weniger Widerstand und Angriffsfläche bietet.Zentimeterweise können wir das Boot bewegen. Es biegt sich beängstigend unter der Strömungskraft. Schließlich ein Reißen unter Wasser, ein Ast hat das Oberdeck durchgeschlitzt. Jetzt kann das Wasser unten herauslaufen und bald haben wir das Boot geborgen.

Das Mädchen turnte am Stamm nach oben. Es hatte den Karabiner, mit dem mein Boot gesichert war gelöst und an der Bugschlaufe ihres Bootes eingehängt. So zog sie an einer Leine beide Boote, während ich von unten die Richtung zwischen den wirr stehenden Ästen dirigierte und nachschob.

Jetzt stehen wir uns im fast mannshohen Gras unterm Auwald gegenüber. Jetzt erst bemerken wir, dass strömender Regen auf uns hernieder prasselt, dass das helle Licht des Nachmittags einer graulila Düsternis gewichen war, dass der Wind blasse Wolkenfetzen hernieder drückte, die wie Gespenster zwischen den Bäumen vorbeihuschten, dass ein Kälteschauer durch unsere Körper wehte, als wären sie offen wie ein Sieb.

Ich bemerke auch, dass das Mädchen unbeschreiblich schön ist. Die schwarze Bahn ihrer nassen Haare umkurft sanft die Wangen, Hals und Schultern. Das Ende der Strähne umrundet und betont die feste Brust. Sie zittert am ganzen Leib und klappert mit den Zähnen. Aber auch ich schnattere und die nächste Windbö legt sich wie ein Eisring um meine Brust. Wir brauchen einen Unterschlupf.

Wenige Schritte durch das Unterholz und am Rande einer Waldwiese finden wir ein Heustadel, klein, aber die Tür war offen. Abgesetzt von der Erde ein kräftiger Bretterboden und genügend Heu für ein Lager. Ich zerre den Kleiderbeutel und den ebenfalls wasserdicht verpackten Daunenschlafsack aus meinem Boot. Im Kajak des Mädchens findet sich nur Chaos und Nässe.

In der Trockenheit des Stadels streiche ich ihr die klatschenden Kleider herunter, viel hat sie ohnehin nicht am Leib. Im Kleiderbeutel findet sich ein Handtuch und ein paar Kleidungsstücke, die wir uns teilen und dann liegen wir eng aneinander geschmiegt im Schlafsack auf dem Heu.

Wir sind völlig durchgefroren und die unmittelbare Nähe des anderen ist ein Hauch von Wärme, weiter nichts. Ihre störenden nassen Haare ordne ich zur Seite und schlage sie ins Handtuch ein. Im Haar stecken ihr, mit einem Stoffband hinein gebunden, Margaritenblüten. Mit den Zähnen ziehe ich die Schleife auf und hauche ihr zarte warme Küsse auf den Nacken. Sie hat noch immer eine Gänsehaut. Den Hauch von Wärme nahm sie still entgegen. Auf ihren Wangen glänzte der fahle Schein des letzten Lichts und flammte von Zeit zu Zeit auf im Wetterleuchten. Leichtes Grollen fernen Donners schläferte uns ein.

Langsam kroch die Kälte aus unseren Leibern, da, wo sie sich berührten. Sie sagte: »dreh´ dich um« und wir wärmten uns gegenseitig die andere Seite. Ich hatte ihren Arm fest um meine Brust gezogen und spürte die weichen Hügel ihrer Brüste auf meinem Rücken. Wir drängten uns dicht aneinander wie die Tiere und bald nahm die Wohltat warmer Nähe so überhand, daß mein Zittern aufhörte und ich einschlief.

Ich erwachte, als sie versuchte, sich in dem engen Schlafsack umzudrehen und wendete auch meine Lage. Draußen troff immer noch der Regen und schmutzigweiße Nebelschwaden hingen im schwarzen Geäst einer mächtigen Fichte am anderen Rand der kleinen Waldlichtung. Vom Dach des Stadels trommelte das Traufwasser auf eines unserer Boote, je nach der Stärke des Windes als langsames drop – drop – drop oder als wirbelndes rorrorrorrorror. Das Heu duftete und auch das Haar des Mädchens, dessen kräftiger, eng an mich gepresster Körper solch ein wohliges Gefühl von Wärme verbreitete, das mir tiefer und tiefer unter die Haut und in die Sinne drang.

Meinen rechten Arm hatte ich unter ihrem Hals hindurchgeschoben. Ein Büschel Heu unterm Schlafsack als Kopfkissen für beide und wir lagen völlig bequem. Mit der Linken hatte ich ihre Hüfte umfasst und streichle sie. Zunächst schien sie das zu mögen, als aber meine Hand bebend nach ihrer Brust suchte, wehrte sie ab: »ich will das nicht, bitte«. Ihr Körper war sofort steif geworden und strebte von mir weg, ein Versuch, der wegen der Enge des Schlafsackes nicht gelingen konnte.

Ich bemühte mich, sie zu beruhigen: »hab keine Angst, ich tu dir keine Gewalt an« und nach einer Weile: »ich hab schon Sehnsucht, dich zu lieben, aber das sollst du entscheiden. Wenn du dich ebenso zu mir hingezogen fühlst, wie ich mich zu dir, sollst du es mir sagen, wenn nicht, liegen wir beieinander und wärmen uns, sonst nichts.«

Sie hatte die Schultern zusammengezogen, blieb aber neben mir liegen und nach und nach lockerte sich ihre Steifheit. Schließlich durfte ich sie sogar wieder streicheln und darüber schlief ich erneut ein.

Ich musste unendlich tief und lang geschlafen haben, aber ich erwachte durch einen gewaltigen Donnerschlag. Durch das schmale Rechteck der Stadeltür gleißte der Widerschein der Blitze synchron mit dem Höllenschlag des Donners. Wir waren beide hochgeschnellt, die Enge des Schlafsackes, die uns fesselte, ließ uns zurück auf den Heuboden fallen, entgeisterten Sinnes, geblendet, in herzpochender Angst, geduckt unter den Schlägen infernalischer Naturereignisse.

Vor der Tür, gegenüber einem grauen Nichts, das meine Sinne noch nicht fassten, wuchs wie der schwarze Schatten eines gewaltigen Dämons ein riesenhafter Baum aus einem blendend hellen Lichtschlag heraus und mit einem berstenden Knall fuhren hintereinander zwei Blitze in die hohe Fichte. Der Lärm war wie eine Expression des Weltunterganges.

Der Baum loht auf und fällt als Flammenwand, langsam sich neigend und immer schneller werdend direkt in Richtung auf uns zu, schlägt auf den Wiesenboden und eine Funkenwoge wird hochgeschleudert wie aus einem Vulkan und umglüht die ganze Lichtung.

In dem Augenblick, da mein schlafentleertes Gehirn die Vorgänge um mich erkannte, den Rand des Heustadels, den Baum, Blitz und Donner und das Fallen der Fichte, in dem Augenblick war der Anflug einer phobischen Angst, der mich zu erfassen drohte, gebannt. Das Mädchen aber hatte sich wild an mich geklammert, warf ihren Mund auf meinen Mund und stöhnte, ja presste auf mein Ohr die Worte »liebe mich, liebe mich!«

Ich drückte sie fest an mich. Ich redete und benötigte meine ganze Kraft um den Schrecken, der mich selbst überfallen hatte, aus meiner Stimme zu vertreiben, ich redete vom Regen, der jetzt verstärkt herunter prasselte, der das Feuer rasch löschen würde, dass uns überhaupt nichts passieren würde, ja – und dass ich sie liebte.

Meine Hand strich unter ihre Trainingshose über ihr rundes, festes Gesäß und die Wärme, die ihr Körper mir seit Stunden übertragen hatte und die Glut der Ereignisse drangen mir ins Herz und in die Seele und beides, Wärme und Glut konzentrierten sich in einen fliegenden Drang zueinander. Uns liebkosend und streichelnd hatten wir bald die Kleider abgestreift.

Das Grollen des Donners rollte allmählich im Tal davon. Die Blitze verloren das Grelle und wetterleuchteten von der Ferne. Das schöne Mädchen, das ich so ganz an mir hatte, verlor ihre angstvolle Starre, wurde weich und schmiegsam und als sie es jetzt wieder sagte, war es weder schreckhaft hervorgepresst noch hilfesuchend, sondern erotisch und sehnsuchtsvoll: »liebe mich!«.

Der graue rechteckige Fleck der Stadeltür begann sich langsam zu drehen, flackte dann und wann auf im Wetterleuchten. Die Äste schaukelten im Wind. Nebelfetzen durchzogen meinen Kopf und das Flackern der Blitze gewann an Intensität. Ihre Haut war so zart und ihr Oberarm an meinem Hals. Das Trommeln des Regens widerhallte an meinen Schläfen. Schon begann der Wind zu jaulen und Glut stieg mir aus ihrem heißen Schoß. Die Blitze zuckten schneller und heller. Der Donner dröhnte wie eine große Trommel in mir, lauter, mächtiger und schneller, dann helle Trommelwirbel und ein Kreisen des ganzen Stadels, ihr Auge, ihr Mund, ihre Brüste, ihr Schoß und ihre Schenkel, alles kreiste um mich und in mich hinein und Blitze schlugen ein und aus dem grauen Nichts, das meine Sinne nicht mehr fassen konnte, wuchs wie der graue Schatten eines gewaltigen Dämons ein riesenhafter Baum aus einem blendend hellen Lichtschlag heraus und die Fichte loht auf und fällt als Flammenwand langsam sich neigend und immer schneller werdend direkt auf mich nieder. Mein ejektierter Lustschrei steigt in eine auflohende, aus meinem Innersten heraus sprühende Wolke aus Funken, deren heiße Lohe alles verbrennt.

Als ich aufwache bin ich allein. Eine sanfte Morgenröte lächelt zwischen den Zweigen. Ein Nebelschleier, wie von Elfen gesponnen taucht die Waldlichtung in Frieden. Von der Stadeltüre her zieht es kühl. Dass das Mädchen bei dieser frischen Morgentemperatur hinausgestiegen war? Sie wird wohl bald wiederkommen. Ich räkle mich wohlig in meinem Schlafsack.

Aber das Mädchen kam nicht. Schließlich kroch ich aus dem Heu um nach ihr zu suchen. Ich wunderte mich, dass ich meinen Trainingsanzug anhatte. Vor dem Stadel lag mein Boot, sonst nichts. Eine Schleifspur im hohen Gras führte hinunter zum Fluss. Die Spur war schmal, von einem Boot. War das Gras im nächtlichen Regen wieder aufgestanden, unsere Spuren von gestern verwischt? War sie in der Frühe einfach mit ihrem Boot abgehauen, mir nicht einmal ihren Namen zurücklassend? Die Gräser in der Schleifspur zeigten nach oben. Hier war kein Boot zum Fluss geschleift worden. Hatte sie es getragen? Es war doch beschädigt durch die Kenterung am Baum! Das konnte sie doch nicht so schnell repariert haben! Am Hochufer fand ich mein Paddel. Der gestürzte Baum hing ins Wasser hinunter. Ein paar Äste waren gebrochen. Sonst fand sich nur unberührte Natur, kein Boot, kein Mensch.

Verwundert und verwirrt stieg ich zum Stadel zurück. Dort fand ich nur mein Boot und Sachen, die mir gehörten. Die Waldwiese stand still und unberührt in der Morgenkühle. Die Gräser glänzten im Tau. Der Himmel war blau und beinahe wolkenlos. In ihn hinein ragte eine mächtige Fichte von der anderen Seite der Lichtung. Der Baum? Der war doch nachts vom Blitz getroffen brennend zusammengestürzt und musste verkohlt in der Wiese liegen! Es lag kein verkohlter Baum in der Wiese.

Hatte ich das alles nur geträumt? Hatte ich dieses so intensive Liebeserlebnis, das erste in meinem jungen Leben, nur geträumt? Narrte mich ein Spuk? Verführte mich ein Dämon?

Ich wischte derartige Gedanken von mir. Meine Sinne reagierten – jetzt zumindest – normal. Nein, verrückt konnte ich nicht sein. Beim Frühstücken und beim Zusammenräumen meiner Sachen reagierten mein Verstand und meine Körperbewegungen wie ich es gewohnt war. Da hatte ich mich gestern auf der langen Fahrtstrecke wohl ein bisschen überanstrengt, war völlig übermüdet ins Stadel gefallen, hatte mir ein paar wilde erotische Träume eingefangen. Schade war nur, dass das mit dem Mädchen nun doch nicht wahr war.

Ich verstaue meine Sachen im Boot, setze mich an der Uferböschung hinein, schließe die Spritzdecke und lasse mich ins Wasser gleiten.

Die Fahrt bis zum Gesäuseeingang ist kurz. Dort zelten meine Freunde. Ich baue in Ruhe mein Zelt dazu, richte es ein. Wie ich den Schlafsack aufschüttle, fällt etwas heraus ins Gras. Ich hebe es auf. Es ist eine mattwelk gedrückte Margerite, von einem feuchtknitterigen Stoffband umwunden.

An den Verdon

Hinkend kam ich dir nah, kreuzlahm mit Schmerzen,

Doch als ich ihn sah, deinen grünkühlen Leib,

Entbrannt‘ mir die Liebe im Herzen.

Zu meinen Füßen dein Bett, du drinnen schmiegsam und weich,

Von weichen Daunen umspielt – Schob ich beiseite

das Weiße, sank tief an die Brust dir.

Das Morgenlied

Es sang mit ihren süßen Schall

´ne liebe kleine Nachtigall.

Sie sang ganz leise türülü

und laut darein tatü tatü.

Da kam ´ne Amsel angeflattert

und hat der Nachtigall dreingeplappert:

»Ich sing viel schöner noch als du«,

und flötete dazu tütuuu.

»Ach lass mich doch damit in Ruh«,

sagt drauf die Nachtgall bös dazu.

Und als die Morgensonn‘ gestiegen,

sind beide sauer stumm geblieben.

Andenken

Ich denk‘ an Dich,

wenn lockt der Nachtigallen Klang

dort aus dem Tamariskenhain am Strand.

Wann denkst Du auch an mich?

Ich denk‘ an Dich,

wo brandet hoch der Ginsterblüte

goldne Loh‘ am Macchienhang.

Wo denkst Du auch an mich?

Ich denk‘ an Dich,

wo weißbeschneite Bergesgipfel

leuchten überm Blütenmeer im Tal.

Wo denkst Du auch an mich?

Ich denk‘ an Dich,

beständig wie der klare Guss des Bachs,

der sommers noch die Gump‘ mit frischem Wasser füllt,

das neue Sehnsucht mir ins Herze spült

nach all den Zärtlichkeiten Deiner Hand.

Wie, wie denkst Du auch an mich?

Der Traum der Maria Vach

Kaum war Maria Vach eingeschlafen, kaum hatte sie die dunkle Schwelle, die aus der Wirklichkeit des Lebens herausführt in eine unbekannte Welt des Vergessens, überschritten, einen Schritt getan wie jeden Tag, ohne dass sie sich jemals hinterher an den Moment dieser Passage hätte erinnern können, kaum hatte sie diese Tür durchschritten, hinter der die Träume verborgen sind und diesen linden grauen Schleier jener anderen Realität über sich gestülpt, da fand sie sich wieder inmitten saftiger Gräser und bunter Blumen einer frischen Bergwiese, inmitten der sie stand, seltsam vornübergebeugt und sich mit beiden Armen auf dem Boden abstützend.

Vor ihren Augen leuchteten die weißen Dolden des Rosenlauchs im Sonnenschein, Feuerwanzen krabbelten emsig über die hügelige Blütenlandschaft. Aus dem grünen Grund der Gräser tupften rote Punkte des Klatschmohns heraus, gelbe Ringelblumen mischten sich darein und der süße Duft der Kleeblüte.

Maria verspürte einen inneren Drang in diese grüne Pracht der Bergweide hinein zu beißen, doch als die langen Rispen des Wiesenschwengels sie in die Nase kitzelten, wunderte sie sich über diese Begierde, die sie verspürte. Sie hob den Kopf, schwer und etwas träge, ihr Blick strich über den Bergwald am Rande der Alm, aus Kiefer und Ahorn, in den frisch das Grün der Edelkastanien hinein gestrichen war.

Das alles wirkte schon etwas unscharf unter ihrem Blick und die schneebedeckten Gipfelzacken, die von weit jenseits der Hügel an der anderen Talseite herüberblauten, erkannte sie kaum noch in ihrer Kurzsichtigkeit.

Maria blinzelte mit den Lidern und versuchte sich mit der Hand über die Augen zu wischen. Aber da gewahrte sie paarhufige Zehen und braune Borsten an einem Vorderbein. War das ihre Hand?

Maria wollte aus dem Bett springen und ins Badezimmer zum Spiegel um die Sache aufzuklären, aber da waren weder Bett noch Spiegel, sondern nur Gras und Blumen und ein paar Digitalisstauden standen am Waldrand. Die wollte sie lieber nicht fressen. Maria wendete den Kopf, aber auch hintenherum sah sie aus wie eine Kuh.

Unten in der Senke blinkte eine Wasserfläche. Maria stapfte mit noch ungelenken Schritten in ihrer neuen Rolle auf den Tümpel zu und als ihr Blick sich ins Wasser senkte, stand es unzweifelhaft fest: Maria Vach war eine Kuh!

So sensationell diese Entdeckung auch war, Maria war nicht sonderlich erschüttert. Wer auch immer sie in das Tier verwandelt hatte, er hatte auch Instinkt, Empfinden und tierisches Selbstverständnis mitgeliefert. Daher auch der selbstverständliche Trieb, Gräser zu fressen, den Maria nur in der Erinnerung an ihr früheres Menschsein unterdrückt hatte.

Jetzt gab sich die Vach ganz dem Triebe hin, rupfte mit breitem Maul die Gräser, die ihr vorzüglich mundeten, schlürfte aus dem See, ließ sich schließlich nieder mit dem Bauch in die Wiese, rülpste das Gras aus dem Pansen zurück ins Maul und begann wiederzukäuen.

Dabei kam ihr der Stier in Erinnerung. Am Tage vorher, als die junge Frau Maria und ihre Freunde einen Ausflug ins wilde Innere der Insel Korsika gemacht hatten, als sie müde von der Wanderung einen idyllischen Lagerplatz an einem der brausenden Bergflüsse gefunden hatten unter schattenspendenden mächtigen Laricciokiefern, da hatte sie, einem Drang folgend sich seitlich in die Büsche geschlagen, die am Rande einer buckligen Weidefläche verstreut herumstanden und aus denen Heckenrosenblüten und Geißblatt herausleuchteten, und als sie ihr Geschäft beendet und die Hosen wieder hochgezogen hatte, da war plötzlich der Stier vor ihr gestanden.

Weißfellig und rundschädelig stand er vor ihr. Maria war zu »Tode« erschrocken und ihr Herz pulsierte bis in die Augenhöhlen. »Jetzt nimmt er dich auf die Hörner«, dachte sie, diese armdicken, mächtigen krummen Kegel, die aus seinem Kopf herauswuchsen »und bohrt sie dir in den Leib«.

Aber der Stier zeigte keinerlei Aggressionen. Er glotzte eine Zeitlang auf die Frau, dann wendete er sich und trottete mit geradezu majestätischer Gelassenheit davon. »Zeus« hatte Maria gedacht, »aber ich bin wohl keine Europa, er hat mich nicht auf den Rücken genommen«.

Als die wiederkäuende Vach auf ihrer Bergwiese neben dem Tümpel wieder an den Stier dachte, klopfte ihr Herz erneut, aber es war nicht vor Angst und Schrecken, sondern es war ein anderes Gefühl, das sie noch nicht ganz zu analysieren wusste, ein Gefühl ähnlich wie jenes, das sie bei Robert Boff hatte, als sie beide wegen ungebührlichen Betragens nach dem Unterricht zum Lehrer bestellt worden waren, als dieser unvorhergesehen zum Direktor gerufen worden war, sie beide alleine im Klassenzimmer zurücklassend, als Robert in einem plötzlichen Affekt, ohne ein Wort zu sagen, Marias Hand genommen und an seine Brust gedrückt hatte.

Maria hatte die Hand nicht zurückgezogen, aber ihr Herz hatte gepumpert bis in die Schläfen, sie war unfähig gewesen, ein Wort zu sagen und genauso befangen wie der Junge, der vor ihr gestanden und sie mit glühenden Augen angeschaut hatte.

Es war schön gewesen, zu spüren, wie auch sein Herz hämmerte und sie hatte es gemocht, dass er sie anschaute. So hatten sie gestanden, schweigend und lange und keiner hatte es gewagt, durch ein Wort oder eine Bewegung den Zauberschleier zu zerreißen, der sie umwunden hatte.

Jetzt, in der Erinnerung an den Stier war dieses Gefühl, dieses Pochen im Herzen wieder da und Maria beschloss, den Stier von nun an unter dem Namen Robert in ihrer Erinnerung zu behalten.

Während Maria so träumte, ertönte drüben am anderen Rand der Weidefläche der Silberklang von Glöckchen aus dem Dunkel der Laricciokiefern und eine Ziegenherde, in die sich einige Schafe mischten, ergoss sich langsam auf die freie Fläche. Als sich die Spitze der Herde anschickte, im angrenzenden Gestrüpp zu versickern, fuhren mit wütendem Gekläff zwei Hunde dazwischen, trieben mit spitzen Zähnen, die die Tiere in die Hinterbeine zwickten, die Herde zusammen.

Maria Vach fühlte sich gestört. Weniger wegen der Schafe und Ziegen, aber den Hunden und womöglich einem Hirten, der folgen mochte, wollte sie ihren jetzigen Zustand auf keinen Fall offenbaren. Die Vach, ungelenk und mit Koordinationsschwierigkeiten kam auf die vier Beine und stolperte in die Macchia, die sie bald völlig in sich aufnahm.

Der vom Vieh in den Buschwald geschlagene Wechsel senkte sich steil ins Tal hinunter, das teils mit dschungelartigem Grün den Verlauf eines Flusses anzeigte, teils mit grünen Matten eine saftige Weide versprach.

Draußen im Westen rötete sich der Himmel zu einem glutvollen Vorhang, vor dem dunkle Wolkenschiffe mit golden leuchtenden Rändern ruhevolle Gelassenheit ausstrahlten. Langsam senkte sich ein Schleier über das Leuchten und als der Horizont der See die rote Scheibe der Abendsonne teilte, erreichte die Vach den Talgrund.

Zwischen hohen Pappeln, bräunlichen aufgerollten Farnschößlingen und runden Granitfelsen stürmte der Fluss mit gründunklem klaren Wasser in Richtung Meer. Sein Rauschen ließ die Vach müde werden, so schlürfte sie an einer kleinen Sandbank gierig das kalte Nass in sich hinein, denn der Tag war heiß gewesen, senkte sich oben an der Spitze der Sandbank zwischen zwei Felsen mit dem Bauch in den noch tagwarmen Sand und schlief.

Am anderen Morgen war die Vach immer noch eine Kuh. Sie hatte es erwartet, um aber sicher zu sein, war sie doch zu einer ruhigen Gumpe des Flusses geschritten um sich zu spiegeln. Sie fühlte sich bestätigt und rupfte guter Dinge die saftigen Gräser, die ihr der Herrgott zum Frühstück darbot. Dann fand sie einen Feldweg, auf dem sie eigentlich ganz zufrieden und mit wackelndem Schwanz talwärts trabte, immer am Rand des Auwalds entlang oder am Rande der Weidefläche zwischen Zaun und Macchia.

Als sie an ein stacheldrahtiges Gitter kam, umging sie es in der Macchia, ebenso einen Bauernhof, vor dem einige Kühe grasten.

Die Vach war ganz aufgeregt, als sie die Kühe sah und meinte sich unbedingt dazugesellen zu müssen. Aber da trat eine Bauersfrau aus der niederen Ferme und da warnte sie ein Gefühl der Gefahr: Menschen wollte sie auf keinen Fall begegnen und als ein Schäferhund die Frau schwanzwedelnd umkreiste, wendete sich die Vach in die Macchia, umkreiste das Gehöft in großem Bogen und kam erst wieder auf den Weg zurück, als dieser eng zwischen steiler Felswand und Fluss eingezwängt war und kein Weiterkommen seitab mehr ermöglichte.

Die Vach war einen weiten Weg getrottet. Zwischendurch hatte sie sich an der Weide am Fluss gelabt, hatte sie schlürfend ihren Durst gelöscht, hatte im Schatten des Buschwaldes wiedergekäut, hatte auch von den jungen hellen Schößlingen des Mastixstrauches abgebissen, war immer wieder weitergezogen, einer unbestimmten Sehnsucht folgend, nach dem Meere zu.

Inzwischen war es wieder Abend geworden und der Feldweg mündete unvermittelt in eine Straße. Die Straße führte rechterhand auf einer Brücke über den Fluss, zog sich dann flussaufwärts um sich in großen Schleifen schließlich bergwärts zu wenden.

Das war nicht Marias Ziel.

Links zog die Straße an einem Haus vorbei und schlängelte sich am Rande des Tales sanft in die Höhe. Die Vach wäre am liebsten am Fluss geblieben, aber dort war alles durch Stacheldrahtzäune verriegelt, außerdem befanden sich keine Weiden mehr zwischen Straße und Fluss, sondern Weinberge. Also folgte sie der Straße, die bald von Zäunen, bald von Steinmauern begrenzt war.

Obwohl der Randstreifen gutes Weidegras hatte, von dem sie ab und zu ein Maul mitnahm, fühlte sich die Vach eher unbehaglich. Scheinwerfer vorbeirasender Autos blendeten sie und im Dämmergrau gewahrte sie, dass sich die Straße immer mehr vom Fluss entfernte. Da war denn die Vach sehr zufrieden, als sie bergwärts eine Lücke in der Steinmauer fand, durch die ihr ein offengelassenes Tor Einlass in einen Garten erlesenster Kräuter und Gräser gewährte.

Wie ein Brennen überfiel nun die Vach der Hunger eines langen Tagesmarsches, da störte sie auch nicht die Beleuchtung eines Hauses, die hinter einem Streifen junger Bäume blinkte und schmatzend und speichelgeifernd machte sie sich daran, den Garten Eden abzumähen.

Es ist aber kein Paradies ohne Wächter und als der Hund von seinem Abendstreifzug nach hause kam, fuhr er mit wütendem Gebell und mit nadelspitzen Zähnen der Kuh in die Fesseln, dass sie mit Entsetzen in die Höhe schnellte und mit panischem Schrecken zum Tor hinaus und auf der Straße davongaloppierte.

Der Köter ließ von der Kuh erst ab, als dreihundert Meter weiter hinter einem grün gestrichenen Eisengatter die Nachbarhunde in das Gebell einstimmten. Zum Glück war dieses Gatter verschlossen und so kläfften sich in alter Feindschaft draußen gegen drinnen die Hunde durch den Zaun an und die Vach konnte sich davonmachen.

Keuchend und mit zitternden Haxen fand sie ein offenes Gatter an der dem Fluss zugewandten Seite der Straße. Hier waren die Weinberge zu Ende und der Weg, der am Gatter begann, führte durch macchienbestandenes Gelände auf den Fluss zu. Die Vach fand bei fast schon völliger Dunkelheit einen Grasfleck zwischen Gebüsch und als sie sich mit weichen Gelenken zwischen Asphodelosblüten senkte, fühlte sie sich glücklich wie ein Mensch, der nach langer Verfolgung ein sicheres Asyl gefunden hatte.

Am nächsten Vormittag erkannte die Maria Vach, dass sie ins Paradies der Rinder eingetreten war.

Als sie sich von ihrem Nachtlager erhoben hatte, befand sie sich auf einem Grasfleck, der von dichtem kugeligen Buschwerk umstanden war. In den Büschen blühten Schlehen und Brombeeren. Dahinter öffnete sich eine Wiese, die dicht mit Asphodelien bestanden war, deren zartrosa Blüten wie ein feiner Nebelschleier über dem Boden schwebten.

Am Rande der Wiese schlängelte sich ein sumpfiger Bachlauf an dessen Rändern sich die lanzettförmigen Blätter der Wasserlilie erhoben und die tiefgelben Blütenkelche umhüllten, so als wollten sie sie beschützen. Daneben stieg das Pfahlrohr mit seinen in der Morgenbrise raschelnden Schilfblättern zum Himmel und dahinter rauschte der von der Vach abends so ersehnte Fluss, noch hinterm Auwald versteckt, der mit seinen efeubewachsenen und von Hopfenlianen behängten Pappeln wie ein grünes Band im Talgrund hin und her pendelte.

Der Fluss hatte kein Felsbett mehr, wie oben im Gebirge, sondern strömte munter und klar zwischen gelben Sandufern dahin. Die Vach watete durch den Fluss, der ihr den Bauch und das Euter kühlte. Drüben standen Mandelbäume in voller Blütenpracht und dahinter leuchtete rot ein Ziegeldach. Da wusste die Vach Mensch und Hund und kehrte auf ihr freundliches und paradiesisches Ufer zurück.

Gemächlich, fressend wie sie hungrig war und im Schatten wiederkäuend wenn der Pansensack gefüllt war, zog die Vach entlang der Weidefläche am Fluss, bis sie endlich von Wacholdern und Tamarisken bestandene Sanddünen vor sich hatte, hinter denen lag ein Brausen und Zittern in der Luft: das Meer.

Vor dem Meer, wo sich der Fluss breit und tief gestaut hatte, dehnte sich eine weite Ebene, deren Grasfläche von Baum- und Buschreihen untergliedert war – und auf dieser Grasfläche weideten Rinder.

Es waren Stiere, Kühe und Kälber, bunt gemischt, wie sie Gott auf die Welt kommen ließ, nicht wie in Tante Emmas Bauernhof, wo es ein Zuchtbulle, mit dem eisernen Nasenring an den Pfosten gekettet, der Reihe nach mit vierundzwanzig Milchkühen zu tun hatte, deren Kälber, nach Geschlecht getrennt entweder zur Milchproduktion leben durften oder zur Fleischproduktion ins Schlachthaus abgefahren wurden.

Mitten drin in der Herde stand Robert.

Maria Vach erkannte ihn von weitem: sein gekräuseltes, fast weißes Fell, seine mächtigen Kegelhörner auf dem gedrungenen runden Kopf, seinen schweren Körper, der die Körper der anderen Rinder überragte: war dieser Stier ihr vom Schicksal bestimmter Gott?

Als sich die Vach der Herde näherte hoben wie auf ein Kommando alle Rinder die Köpfe und wendeten sich auf den Ankömmling zu. Vorne standen die Kühe, dahinter die Kälber und zwischen den Kälbern, teilweise auch seitab neben den Kühen die Stiere.

Die Vorderfüße der Tiere standen parallel und fest auf der Erde, die Körper waren radial ausgerichtet wie ein Strahlenbündel, dessen Quelle und Ursprung die Maria Vach bildete.

Die Vach wollte sagen »lasst mich bei euch bleiben« und es war das erste mal, dass sie ihre Stimme als das Muhen einer Kuh vernahm. Maria erschrak über ihre Stimme, die zaghaft klang und flehend, aber sie erhielt Antwort.

Eine Kuh war es, die zurückmuhte. Es klang weder abweisend noch einladend, eher erstaunt und neugierig, so als wollte sie fragen: wer bist du denn, wo kommst du denn her?

Maria muhte nochmals klagend und bittend. Da löste sich ein kleiner grauer Stier aus seiner Erstarrung und schritt zaghaft auf die Vach zu. Kaum hatte dieser jedoch ein Viertel des Abstandes hinter sich gebracht, ging ein Zittern durch den großen Weißen und mit behenden Sprüngen schnitt er dem Grauen den Weg ab, Hörner knallten aufeinander und schon war der Kleinere abgedrängt.

Zeus kam nun mit hoch erhobenem Kopf, mit geblähten Nüstern und wie ein König auf die Vach zu. Da war es wieder, dieses Pochen in den Schläfen und in der Brust der Maria Vach und bei ihr senkte der Stier den Kopf und stieß sie sanft aber bestimmt mit der breiten Stirne auf die Herde zu.

Wie auf ein erneutes Kommando senkten alle Rinder ihre Häupter zu Boden und begannen zu grasen: die Vach war aufgenommen.