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Ein locker und leichter Roman mit einem Schuss Romantik. Dennis Hussmann ist mit seinem Leben zufrieden. Mit Charly und Michael hat er die besten Freunde, die man sich denken kann. Doch als sein Arbeitgeber die Firma an einen Weltkonzern verkauft, ändert sich scheinbar alles. Michael wird von einem Unbekannten bedroht und Charly ist auf einmal unglücklich mit seiner Ehe. Zu dem vernachlässigt Dennis Ex-Frau die gemeinsame Tochter und während er versucht allen Problemen Herr zu werden, stiehlt sich zu allem Überfluss seine neue Chefin in sein Herz, und das kann er nun wirklich nicht gebrauchen.
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Eike Horn
Der Männerclub
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
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14.
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20.
21.
22.
23.
24.
25.
Epilog
Impressum neobooks
Es gibt Situationen im Leben, die will man nie erleben und trotzdem ereilen sie einen. Ich dachte immer, ich habe ein gutes Leben und konnte mir nie ausmalen, wie es wäre, wenn eine Situation eintreffe, mit der ich nie und nimmer gerechnet hätte. Aber genau so etwas ist mir dann doch passiert.
Das Unglück begann an einen dieser Tage, an dem die Arbeit kein Ende nehmen wollte. Drei Stunden später, als von mir geplant, war ich erst zu Hause.
Beim Öffnen der Tür überkam mich ein ungutes Gefühl. Üblicherweise wurde ich von meiner Tochter Zoé stürmisch empfangen, doch die Wohnung war dunkel, verlassen und still. Ich rief nach Zoé und meiner Frau Elisabeth, doch ich bekam keine Antwort. Dafür fand ich einen Brief, der auf unseren Esstisch lag.
Hallo Dennis
Ich will die Scheidung!
Ich kann das so nicht mehr. Wir leben nur noch neben uns her, wie in einer WG. Ich habe es mir sehr lange überlegt, doch ich liebe dich nicht mehr und es ist besser für uns alle, wenn ich dich verlasse.
Vorerst bin ich mit Zoé zu meine Eltern und du hast jetzt die ganzen Sommerferien Zeit, eine neue Wohnung für dich zu suchen. Nutze sie also!
Elisabeth
Ungläubig starrte ich auf den Zettel, den ich in meinen zitternden Händen hielt. Ich lass den Brief noch zehnmal, weil ich es nicht glauben wollte und konnte. Warum hatte ich nie etwas bemerkt? Gut das ich nicht auf einer Wolke saß, ich wäre wohl aus ihr gefallen. Meine Gedanken waren wie gelähmt und nur langsam erwachte mein Hirn aus seiner Schockstarre. Zuerst wusste ich nicht was ich tun sollte. Ich schaute auf die Uhr, um zu sehen wie spät es war. Später Abend, stellte ich erschrocken fest, so sehr hatte ich die Zeit aus den Augen verloren. Ich entschied mich trotz der späten Abendstunde, bei Elisabeths Eltern anzurufen. Sie schienen wohl mit dem Anruf zu rechnen.
„Dennis schön das du anrufst“, sagte meine Ex-Schwiegermutter in spe. Oh ja wirklich schön, dachte ich voll triefenden Sarkasmus, bei mir. Deine Tochter hat mich nur gerade verlassen, hätte ich zu gerne in den Hörer gebrüllt.
„Einen Augenblick. Elisabeth wartet schon auf deinen Anruf. Ich hole sie.“ Ich hörte wie Elisabeths Mutter den Hörer auf den Tisch legte. Es dauerte eine ganze Weile, zumindest kam es mir so vor, bis ich Elisabeths Stimme hörte.
„Wie geht es dir?“ fragte sie direkt. Das war dann der Moment, wo ich um meine Fassung fürchtete. Das muss man sich mal vorstellen: Ich komme von einen langen Arbeitstag nach Hause und meine Frau und meine Tochter sind weg. Zu allem Überfluss wollte sich meine Frau auch noch von mir scheiden lassen. Wie sollte es mir da gehen. Ich musste drei oder viermal tief durch atmen. Sie kennen das ja: Männer sollten niemals Schwäche zeigen, dass ich nicht Lache.
„Elisabeth, ich denke das ist egal“, würgte ich heraus. „Wie geht es Zoé? Weiß sie Bescheid?“ Mir war zum Heulen zumute.
„Ja das tut sie. Ich habe ihr alles genau erklärt und das sie sich keine Sorgen machen muss. Sie hat es sehr gut aufgefasst. Ich fände es gut, wenn du ihr auch nichts Dummes sagst.“
War bestimmt eine tolle Erklärung, schoss es mir durch den Kopf. Egal. Ich wollte es Zoé nicht noch schwerer machen.
„Ich möchte mit ihr sprechen … bitte.“
Wieder klapperte der Hörer und einen kurzen Moment später vernahm ich die Stimme unserer wundervollen Tochter.
„Hallo Papa.“
„Hallo mein Schatz“, erwiderte ich. Dann war eine kurze Zeit der unangenehmen Stille.
„Stimmt es, dass du und Mama euch, na ja euch nicht mehr lieb habt?“ Zoé hatte zuerst ihre Worte gefunden. Da lief also der Hase lang. Elisabeth hatte wohl einfach behauptet, dass ich sie auch nicht mehr liebte. Ich musste schlucken. „Ja so ist es. Manchmal funktioniert es eben nicht mehr zwischen Eltern und dann ist es besser, wenn man sich trennt.“
Ich hörte ein Schluchzen und ich fühlte mich so machtlos.
„Aber keine Sorge. Wir werden immer für dich da sein. Versprochen!“ Mehr war mir für den ersten Augenblick nicht eingefallen. Ich weiß das klingt total abgedroschen, aber was soll man denn seinem Kind sagen, wenn man es am Telefon trösten möchte.
„Versprochen Papa?“
„Versprochen mein Schatz!“ Hoffentlich würde sich Elisabeth auch daran halten.
Zoé sagte noch ein zwei Dinge, die ich durch die beschissene Situation nicht ganz mitbekam, aber sie klang echt erleichtert.
„Gute Nacht Papa. Ich hab dich lieb“, verabschiedete sie sich am Ende von mir.
„Gute Nacht mein Schatz. Ich habe dich auch lieb. Schlaf schön.“
Wieder das Klappern. Ich war schon dabei aufzulegen, da hörte ich Elisabeth noch einmal. „Danke Dennis. Es tut mir leid, dass du es so erfahren musst, aber ich wollte Zoé den ganzen Ärger ersparen.“ Welchen Ärger, dachte ich mir, während Elisabeth weiter redete. Ich hörte ihr nicht wirklich zu. Warum auch? Sie hatte ja alles für sich schön geklärt. Doch dann sagte Elisabeth den folgenden Satz: „Ich habe mir einen Anwalt genommen und mit ihm alles geklärt.“
Na super. Ich stand also vor vollendeten Tatsachen. Elisabeth hatte alles schön im Geheimen geregelt und ich wurde ins sprichwörtliche kalte Wasser gestoßen und das mit der Wucht einer Abrissbirne. Vielen Dank Schicksal.
„Auch habe ich mir eine Auszeit von meinem Job genommen. Meine Eltern kümmern sich erst mal um uns. Du hast jetzt die Ferien Zeit, eine eigene Wohnung zu suchen. Vertrödle sie nicht!“, zischte sie und legte ohne ein weiteres Wort auf. So konnte ich nichts mehr erwidern. Ziemlich lange starrte ich in den Abgrund, der sich soeben vor mir auf getan hatte. Irgendwann schlief ich mit meinem Kopf auf dem Tisch ein.
Der Wecker klingelte mit nervtötendem Schrrrrt, Schrrrrt. Nur langsam kroch das Geräusch in mein Bewusstsein und als es dort an kam, entschied es sich auch nur langsam aus dem tiefen Schlaf zurück in die Wirklichkeit zu kriechen. Meine Hand begann im Dunkeln nach dem Wecker zu suchen. Als ich ihn endlich gefunden hatte, rutschte der Wecker durch meine Berührung vom Nachtschränkchen und landete mit einem ungesunden Krachen auf dem Boden. Völlig unbeeindruckt von seinem Sturz, machte er weiter Schrrrrt, Schrrrrt. Das hatte mir noch gefehlt, denn jetzt musste ich auch noch am Boden nach dem fiesen Ding tasten. Nachdem ich ihn endlich unter dem Bett gefunden hatte, stellte ich den Wecker zurück auf seinen Platz und schaltete ihn endlich aus.
Gequält schaute ich auf die Uhr. Mittlerweile war es 6.30 Uhr. Den Wecker hatte ich so eingestellt, dass er ab 6.20 Uhr schrrrrte. Ein Morgenmuffel wie ich brauchte verdammt lange Zeit, um in die Gänge zu kommen. Und dann war auch noch Montagmorgen und ich fühlte mich nach dem Wochenende mehr gerädert als sonst.
Verschlafen schaltete ich die Nachttischlampe ein und musste erst mal die Augen zu kneifen. Das Licht kam mir greller vor, als es in Wirklichkeit war. Als meine Augen sich endlich an die Helligkeit gewöhnt hatten, schlug ich meine Schlafdecke zurück und kroch mühsam aus dem Bett. Meine Muskeln schrien, dermaßen unentspannt waren sie. Noch im Halbschlaf zog ich das Rollo hoch, um endlich das Tageslicht in mein Schlafzimmer zu lassen und trottete dann gemächlich in die Küche. Morgens brauchte ich meinen Kaffee, wie wohl neunzig Prozent der deutschen Bevölkerung auch. Oder waren es weniger? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen.
Nachdem ich die Kaffeepads in die Kaffeemaschine getan und den Knopf betätigt hatte, rauschte die dunkle Flüssigkeit mit den Summen der Maschine in die große Tasse. Der gewohnt gute Duft des heißen Kaffees stieg mir in die Nase und weckte ein wenig meine Lebensgeister.
Ich setzte mich an den kleinen Esstisch, der in meiner Küche stand und schaute aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade auf. Ein erneut schöner Frühlingstag kündigte sich an. Es war der Fünfte in folge und man musste froh sein, so früh im Frühling schon solche angenehmen Tage zu bekommen.
Deswegen war ich auch so gerädert. Natürlich nicht wegen des Frühlings, sondern wegen meiner acht jährigen Tochter, die jedes Wochenende zu mir kommt. Gestern waren wir mehr als die Hälfte des Tages auf Inlinern unterwegs. Auf halber Strecke machten wir ein gemütliches Picknick, mit Bananen, Karotten und selbst gemachte Frikadellen. Dazu hatten wir ein Baguette und Tomaten-Frischkäse-Dipp.
Genussvoll nippte ich an meinem Kaffee, während ich in den Erinnerungen schwelgte. Mmh tat das gut. Leider verbrannte ich mir beim zweiten Schluck die Zunge. Er war einfach noch zu heiß, um ihn in einem Zug zu trinken. Man sollte es einführen, Kaffee intravenös zu geben, auch wenn man sich dann um den Genuss brachte.
Wieder schweifte mein Blick zum Fenster. Die Bäume an der Straße wiegten sanft im Wind. Schade dass noch keine Knospen zu erkennen waren, obwohl der Frühling dieses Jahr sehr früh ins Land zog.
Hier saß ich nun mit meinen 35 Jahren und meiner Meinung nach, hatte ich schon einiges in meinen Leben erlebt. Inklusive meiner ersten gescheiterten Ehe. Seit gut acht Monate lebte ich von meiner noch Ehefrau, Elisabeth, getrennt.
Einmal mehr kamen mir die Erinnerungen der letzten Jahre hoch. Das geschah in letzter Zeit immer öfter. Einige dieser Erinnerungen waren sehr genau, andere dagegen nur noch verschwommene Bilder. Warum das so war, konnte ich mir nicht erklären. Auch nicht, weshalb sie mir in regelmäßigen Abständen in den Kopf kamen. Vielleicht lag es daran, dass ich mit allem endgültig abgeschlossen hatte. Wer weiß das schon?
Alles fing vor ungefähr 10 Jahren mit Elisabeth an, denn da lernten wir uns kennen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einen neuen Job in einer kleinen IT-Sicherheitsfirma in Düsseldorf angefangen. Dummer Weise bekam ich ausgerechnet in der Probezeit, eine saftige Erkältung. Da wollte ich es mir nicht erlauben, krank zu feiern.
So schleppte ich meine müden, kranken Knochen nach einem gerade so überstandenen Arbeitstag in die nächstbeste Apotheke, die sich zu meinem Glück bei mir um die Ecke befand. Es war so zu sagen meine Stammapotheke. Kaum hatte ich die Apotheke betreten, sah ich, dass Elisabeth Dienst hatte. An jenem schicksalhaften Tag hatte sie Spätschicht. Obwohl meine Augen durch die Erkältung geschwollen waren und ich deshalb kaum etwas richtig erkennen konnte, erkannte ich Elisabeth sofort, während die anderen Mitarbeiter mir nicht sonderlich auffielen. Aus einer Laune heraus, die ich mir bis heute nicht erklären kann, stellte ich mich in der Schlange an, die zu Elisabeth führte. Ausgerechnet an diesem Tag, wo es mir so schlecht ging, war die Apotheke voll. Hatte etwas von Murphys Gesetz.
Elisabeth sah, meiner damaligen Meinung nach, verdammt gut aus. Und wenn es mal ruhiger war, unterhielten wir uns recht häufig. Man könnte meinen ich wäre ein Medizinjunkie gewesen. Wir waren, wie man so schön sagt, auf einer Wellenlänge. Durch die Gespräche kamen wir uns näher und ich muss gestehen, dass ich sie wirklich sehr sympathisch fand. Mehr jedoch nicht, wie ich mir immer wieder einbildete.
„Ich bräuchte was gegen Erkältung“, flüsterte ich heiser, als ich an der Reihe war. Meine Stimme hatte damals auch schon bessere Zeiten hinter sich gehabt.
Elisabeth sah mich bedauernswert von ihrem Platz hinter dem Tresen an. Erstaunlich wie gut ich mich an ihren Blick noch erinnere. Sie machte ein Gesicht, welches tausend Bände sprach. Ungefähr so, als würde sie mich höchst persönlich auf einer Trage, in ein Krankenhaus bringen wollen.
„Du sahst aber schon mal besser aus“, sagte sie erschrocken zu mir. „Besser du suchst einen Arzt auf.“
In diesem Augenblick musste es um mich geschehen sein, denn es wirkte für mich, als würde ich die Stimme eines Engels hören. Das könnte natürlich auch an meiner Erkältung gelegen haben. Meine Ohren waren durch die Erkältung auch nicht die Besten.
„Für einen Arztbesuch habe ich leider keine Zeit“, krächzte ich hervor.
„Das ist nicht gut, aber ich kann dir das und das empfehlen“, beratschlagte Elisabeth mich. Dabei zeigte sie mir zwei Medikamente, die man oft in der Werbung sah.
„Wenn du die regelmäßig einnimmst und dann noch heiße Zitrone mehrmals am Tag trinkst, wird es dir schnell besser gehen.“
Ich bedankte mich so gut ich konnte. Dann kam der Moment, welcher die nächsten Jahre meines Lebens bestimmen sollte. Für mich ist es selbst heute nicht ganz nachvollziehbar warum ich es tat, da ich zu der damaligen Zeit mein Single leben in vollen Zügen genoss. Flirten ja, mehr allerdings nicht. Meine Gedanken mussten einfach von der Erkältung benebelt gewesen sein. Ja das war eine gute Erklärung.
„Ich muss morgen wieder fit für die Arbeit sein“, presste ich mühsam heraus. „Würdest du denn zu mir nach Hause kommen und für mich die heiße Zitrone machen?“ Mit richtig viel Mitleid in der Stimme schob ich noch ein „Bitte“ hinterher.
Elisabeth sah mich mit ihren wundervollen blauen Augen an. Je länger ich sie dabei an sah, bemerkte ich, wie sehr mich Elisabeth verzaubert hatte. Daran war nicht nur ihr schulter langes, dunkles Haar, welches ihr Gesicht mit den weichen, weiblichen Konturen umrahmte, mit Schuld, sondern auch ihre Augen, die hinter einer eleganten, eckigen Brille zu mir sahen.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie etwas sagte und ich rechnete innerlich mit einer Abfuhr.
„Das macht 13,78€ und deine Adresse bitte.“ Dabei sah mich Elisabeth freundlich an. „Und ich müsste wissen, wo ich klingeln soll“, fügte sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. Erst da fiel mir ein, dass wir uns immer nur mit unseren Vornamen angesprochen hatten.
Ich muss gestehen, ich war ziemlich überrascht von Elisabeths Reaktion, denn an jenem Tag hatte ich mich nicht wirklich zurechtgemacht und sah eher wie ein verlotterter Streunerv aus. Obwohl sie wusste ja wie ich aussah, wenn ich gesund war. Und vielleicht wollte Elisabeth genau diesen Zustand auch wieder haben.
Sie gab mir einen Zettel und einen Stift und ich schrieb Elisabeth meinen Namen und meine Adresse auf. Danach bezahlte ich und verabschiedete mich.
Das kurze Stück zurück zu meine Wohnung nahm ich nur in Trance wahr, weshalb ich mich nicht erinnern kann, wie ich es geschafft hatte. Ich weiß nur noch, als ich endlich die Tür hinter mir zugemacht hatte, dass ich mich auf mein Sofa plumpen lies. Danach musste ich sofort eingeschlafen sein.
Die genauen Erinnerungen setzen wieder da ein, als ich durch meine Klingel geweckt wurde. Ich hatte wohl durch meine Erkältung total vergessen, was ich in der Apotheke getan hatte. Oder ich hielt es für einen Fiebertraum. Müde schleppte ich mich also zur Tür und drückte auf den Summer. Als es kurz danach klopfte, schaute ich durch den Spion. Vor freudiger Überraschung blieb mir fast das Herz stehen. Ich öffnete die Tür und vor mir stand meine zukünftige Ex-Frau, auch wenn ich es damals noch nicht ahnte.
Elisabeth schaffte es, mich innerhalb von zwölf Stunden wieder fit zu bekommen und ich konnte am nächsten Morgen voller Tatendrang zur Arbeit.
Nach mehreren Rendezvous waren wir ein Paar und drei Monaten später zogen wir in eine gemeinsame Wohnung.
Für mich war es eine schöne Zeit und da es für mich die perfekte Beziehung war, machte ich ihr ein Jahr später einen Antrag. Wir verbrachten einen unserer Urlaube in Schweden, in einer Blockhütte an einem wunderschönen See.
Nach drei Tagen, als sie tief und fest schlief, was sie wirklich sehr oft tat, stahl ich mich aus unserer Hütte und bereitet alles vor.
Am nächsten Morgen bereitet ich zuerst ein opulentes Frühstück vor und brachte es ihr ans Bett. Elisabeth sah so entzückend aus, wenn sie wach wurde. Wir verbrachten noch sehr viel Zeit im und um dem Bett, bevor wir uns anzogen. Danach nahm ich Elisabeth an der Hand und führte sie hinunter zum See.
Ihr Gesicht war einmalig, als sie das Herz aus Steinen und Rosen sah. Ich kniete mich in die Mitte des Herzens und hielt um ihre Hand an. Unter Tränen und völlig gerührt, sagte sie ja.
Als wir uns später auf einen Hochzeitstermin einigten, wussten wir noch nicht, dass Elisabeth schwanger war.
Zwei Monate später kam ich nach einem wieder viel zu langen Arbeitstag nach Hause. In der kleinen Firma, wo ich arbeite, hatten wir immer mehr zu tun, sodass es ab und zu Überstunden kam. Noch waren sie selten, doch dies änderte sich im Laufe der Zeit.
Meine Entschuldigung, die ich auf den Lippen für die Verspätung hatte, stürzte zurück wo sie hergekommen war. Der Strauß Blumen, den ich in der Hand hielt, wollte unter Garantie sofort verwelken, denn Elisabeth saß am Esstisch und sah mich mit todernstem Gesicht an.
„Setzt dich“, sagte sie kalt. Die Blumen hatten sich hinter meinen Rücken versteckt.
„Engel, es tut mir leid. Heute war wieder ….“, weiter kam ich nicht.
„Spare dir deine Entschuldigung und setzt dich hin!“
Ich gehorchte ihr.
„Wir haben ein Problem und zwar ein sehr Ernstes. Wir können wohl nicht heiraten“, sagte Elisabeth mit ernsten Gesicht.
Ich war schockiert. Das konnte doch nicht ihr ernst sein, dachte ich bei mir. Ich schaute in ihre Augen und diese sprachen eine ganz andere Sprache, denn sie leuchten. In jenem Moment verstand ich die Welt nicht mehr. Aber Frauen waren ja bekanntlich ein Buch mit mehr als nur sieben Siegeln.
Mit ihrer rechten Hand, die Elisabeth die ganze Zeit unter den Tisch hatte, schob sie etwas längliches, weißes über den Tisch.
Es war ein Schwangerschaftstest. Ich schaute auf den Test und mir war sofort klar, was das zu bedeuten hatte. Da strahlte Elisabeth wie ein Honigkuchenpferd und plötzlich war alles egal. Die Blumen, die Überstunden, einfach alles. Wir vielen uns in die Arme und dachten auch nicht weiter über den Hochzeitstermin nach. Der viel nämlich genau auf den errechneten Geburtstermin. Das Schicksal meinte es jedoch gut mit uns, denn unsere Tochter wurde zwei Wochen früher geboren und so musste nur das Hochzeitskleid umgenäht werden. Wir heirateten eben zu dritt.
Alles schien perfekt zu sein. Unsere Tochter Zoé wuchs und gedieh. Ihr fehlte es an nichts, außer vielleicht einem Geschwisterchen, aber wir entschieden uns dagegen. Beide wollten wir weiter arbeiten. Wir versuchten Zoé nicht zu sehr verwöhnten, was allerdings nicht immer gelang. Sie sollten mal in ihre Augen schauen, bei Dingen die sie haben möchte. Es ist nämlich sehr schwer, Zoé einen Wunsch abzuschlagen. Ich war sehr zufrieden mit meinem Leben, bis auf die Überstunden, die nun üblich waren.
Doch dann kam der schicksalhafte Abend, der mein Leben radikal änderte.
Schnell schüttelte ich meinen Kopf, um die unschönen Erinnerungen auszublenden. Immerhin hatte ich jetzt ein neues Leben und das sollte ich genießen.
Der Kaffee hatte sich genug abgekühlt, was es mir ermöglichte die Tasse in einem Zug zu leeren. Danach ging ich gemütlich ging ins Bad und als ich in den Spiegel schaute, fragte ich mich, wieso er immer noch nicht zersprungen war. Morgens sah ich üblicher Weise aus wie ein Zombie. Meine dunkelblonden Haare waren total durch gestrubbelt, die Augen hatten dunkle Ränder und mein Gesicht wirkte total schlaff. Rasieren musste ich mich auch noch. Innerlich rollte ich mit den Augen und sprang erst mal unter die Dusche. Dann erst rasierte ich mich.
Als ich mit allen fertig war, zeigte die Uhr bereits 7.35 Uhr an. Ach du Scheiße! Wieso hatte es die Zeit montags immer so eilig? Schnell zog ich mir eine dunkelblaue Jeans und ein weißes Langarmshirt an. An der Wohnungstür schlüpfte ich in meine bequemen Turnschuhe und fertig war ich. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zu geschlossen, flog ich förmlich die Treppen hinunter. Dabei hätte ich fast meinen Vermieter über den Haufen gerannt.
„Entschuldigung Herr Richter“, sagte ich gehetzt. „Ich habe es ein wenig eilig.“ Im Vorbeifliegen schaffte ich es noch „Guuuuten Morgen“ zu brüllen.
„Nicht schlimm“, sagte er in seinem unnachahmlichen, freundlichen Tonfall. „Ihnen auch einen guten Morgen und bitte, ich habe es schon so oft gesagt, sie dürfen mich Hans nennen.“
Ich drehte mich zu Hans um, als ich bei meinem Auto war. Er stand noch immer an der Haustür und lächelte. Bisher habe ich in meinem Leben keinen so herzlichen Rentner gesehen, wie Hans. Unbewusst lächelte ich zurück, denn sein Lächeln war ansteckend.
„Guten Morgen Hans“, rief ich aus Reflex ein zweites Mal. Das Hans betonte ich mit Absicht etwas mehr. „Ich wünsche ihnen einen schönen Tag.“
„Ich ihnen auch“, erwiderte er, als ich in mein Auto einstieg.
Von meiner Wohnung bis zur Autobahn, die mich nach Düsseldorf zur Arbeit brachte, brauchte ich nicht lange. Es sei denn, die Bauern aus der Gegend fuhren mit ihren Traktoren auf der Straße. Das machten sie gefühlt genau dann, wenn man es eilig hatte.
Auf der Autobahn sah das Ganze schon anders aus. Immer wieder Staus, die ich mir nicht erklären konnte.
Weil ich nur ein kleines Auto hatte, war es mir nicht möglich mit einem Affenzahn über den Asphalt zubrettern. Allerdings versuchte ich auf Grund dieser Tatsache, den anderen schnelleren Autofahrern nicht in die Quere zu kommen. Leider gelang mir das nicht immer. Montag war dann noch solch ein Tag, an dem sich einige nicht in ein Auto setzen sollten. Sie taten es zu meinem Leidwesen doch und hätte ich gewusst, was mich heute erwartet, wäre ich liebend gerne zu Hause geblieben.
Seit ein paar Minuten fuhr ich auf der Autobahn, die ich heute recht zügig erreichte, als ohne ersichtlichen Grund ein LKW die Spur wechselte. Und dann noch einer. Na super ein Elefantenrennen, dachte ich bei mir. Doch als eine dritter Brummi die Spur wechselte, traute ich meinen Augen nicht. Die Trucks überholten einen Mercedes! Nicht so eine alte Klapperkiste, sondern einen von der neueren Sorte. Ich traute meinen Augen nicht. Doch genau in dem Moment, als ich zum Überholen ansetzen wollte, der Fahrer fuhr wirklich langsam, beschleunigte dieser. Ich sag ja: Montag. Da ich noch nicht wirklich wach war und meine Lieblingsmusik von CD lief, rollte ich nur mit den Augen und vergaß den Mercedesfahrer recht schnell.
Den Rest der Strecke legte ich ohne weitere merkwürdige Verkehrsteilnehmer zurück und erreichte pünktlich den für mich reservierten Parkplatz.
Doch was mussten meine Augen wahrnehmen? Der Mercedes von der Autobahn, stand auf dem Parkplatz neben meinem Auto. Ich ahnte übles.
Voll negativer Vorfreude begab ich mich in das Bürogebäude, in dem die Firma, bei der ich arbeitete, ansässig war. Ich grüßte dem Mann an der Rezeption mit einer lockeren Handbewegung und ging zu den Aufzügen.
Nach kurzer Zeit erreichte der Aufzug die oberste Etage, in der sich unsere IT-Sicherheitsfirma befand. Ich holte einmal tief Luft. Wer weiß was mich gleich erwartete.
Meine Vorahnung gab mir Recht. Kaum hatte sich die Türen der Kabine geöffnet, konnte ich durch den Glaseingang, alle vor versammelt dem Empfangstresen stehen sehen. Axel Knuddels, unseren Chef, mit seiner Sekretärin Brigitte Schweiss, Benno Zimmer unser Azubi und Charly Blumenberg, der genau wie ich ein normaler Angestellter war. Ja unsere Firma war wirklich klein, stellte ich beiläufig fest. Und dann stand da noch jemand. Ein kleiner Mann mit Haarkranz um seiner Glatze. Er hatte zudem einen viel zu engen Anzug an. Ich vermute ja, dass der da jeden Morgen hinein springt. Wieso schafft es so ein kleiner Wicht nicht, sich einen besser passenden Anzug zu besorgen, schoss mir die Frage in den Kopf, bevor ich durch die Glastür ging.
„Schön das du da bist“, begrüßte mich Axel. Wir hatten schon immer einen familiären Umgang in der Firma, was dafür sorgte, dass alles leichter von der Hand ging.
„Da nun alle da sind, können wir ja nun anfangen“, fuhr er fort.
Ja was denn sonst! So zum Spaß sind wir nun nicht da, wollte ich gerade sagen, biss mir aber rechtzeitig auf die Zunge. Wieso war Axel so angespannt?
„Wie ihr alle wisst, haben wir nicht wenig zu tun“, erzählte er weiter.
Welch eine Feststellung, dachte ich mir.Wir waren eben sehr gut mit unseren Sicherheitslösungen und dadurch sehr gefragt. Besonders, seit dem bekannt geworden war, dass es einige Organisationen gibt, die es auf allerlei Firmendaten abgesehen haben.
„Dies ist natürlich auch anderen Mitbewerben aufgefallen und sie haben sich dann gefragt, wieso dies denn so sei?“, fuhr Axel monoton fort. „Nun ich habe mich lange da gegen gewehrt. Doch am Ende siegte bei mir die Vernunft.“ Axel schluckte merklich. „Neben mir steht Herr Eisig. Er wird ab sofort der neue Chef der Secure Web GmbH. Diese wird in die MultiWebNet Company eingegliedert. Ich werde meinen Posten in dieser Woche noch räumen. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg.“
Krach, das saß. Nun war die Katze aus dem Sack. Wir waren ab jetzt keine kleine unabhängige Firma mehr, sondern nur noch ein Teil in einem weltweit operierenden Unternehmen. Und das Axel seinen Chefposten aufgab, konnte ich mir nur mit einer dicken Abfindung erklären, die er erhalten haben musste.
Nach Axel ergriff Herr Eisig das Wort. „Guten Tag meine Herren.“
Auweia, ich musste mir ein lautes Lachen verkneifen. Nicht nur das Herr Eisig ein Presswurstwichtel war, der einen komischen Fahrstil pflegte, nein er klang auch noch wie eine Ente.
„Wie sie sicher wissen, gehört die MultiWebNet Company zu den weltweit größten Anbietern von Software aller Art. Nun wollen wir unsere Sicherheitssoftware auf ein neues Level heben und haben ihre Firma dafür ausgesucht. Wir sind von ihrem Know-How sehr beeindruckt.“ Während er sprach, wedelte Herr Eisig theatralisch mit seinen Armen. „Mit unseren finanziellen Mitteln und ihrem Wissen, werden wir auch auf diesem Gebiet bald zum Marktführer aufsteigen. Sie können sich sehr glücklich schätzen, dass wir sie ausgesucht haben!“
Na das war Ansichtssache.
„Wir werden ihre Verträge natürlich so übernehmen, wie sie derzeit sind. Jedoch erwarten wir absolutes Engagement von ihnen allen. Des Weiteren werden in Kürze weitere Mitarbeiter zu ihnen stoßen, sodass wir in naher Zukunft, unser Ziel der Weltmarktführerschaft bei Sicherheitssoftware erreichen werden. Ich freue mich schon sehr auf die Zusammenarbeit mit ihnen.“ Dabei beließ er es und verschwand mit Axel und Brigitte in das Chefbüro.
Das war es? Mehr gab es nichts zu sagen? Ich blickte in die Gesichter von Charly und Benno. Charly starrte in die Luft, während Benno schief lächelte. Erst als Herr Eisig gegen Die Scheibe klopfte, welche das Büro von unseren Arbeitsplätzen trennte und mit seinen Armen wild gestikulierte, gingen wir zu unseren Plätzen.
Ich schlenderte eigentlich mehr, als zu gehen und schaltete, an meinem Platz angekommen, den Computer an. Danach machte ich es mir auf meinen Sessel gemütlich.
Das Gute an einer Softwarefirma ist, dass die PCs nicht lange brauchen, um hoch zu fahren, denn man hat immer die neuste Technik zu Verfügung. Außerdem benutzten wir nicht diesen virenanfälligen Marktführer. Ich schaute über meinen Bildschirm und beobachtet Charly dabei, wie er Benno irgend etwas erklärte. Heute hatte Charly unseren sogenannten Bennotag, denn wir wechselten uns immer ab, Benno unser streng geheimes Wissen zu vermitteln.
Benno nickte mehrmals bei Charlys Erklärungen. Ob er alles verstanden hatte? Bis an meinen Platz drang nur noch Gebrabbel, dabei war das Büro, wo wir arbeiteten, nicht so groß. Nachdem er scheinbar fertig war Benno alles zu erklären, kam Charly zu mir an den Platz.
Charly war ein etwas kleiner, dicklicher, aber nicht fetter Mann. Okay ich bin mit meinen ein Meter achtzig jetzt auch nicht der Riese, aber glauben sie mir, Charly ist wirklich klein. Er hatte aber ein von Grund auf herzliches Wesen und seine Erscheinung machte ihn sehr sympathisch. Und mit seinen kurzen blonden Haaren und den Sommersprossen sah er wie ein Lausbub aus.
Mit seinen nicht ganz so kleinen Hinterteil setzte sich Charly auf die Ecke meines Schreibtisches. „Was hältst du von der ganzen Sache?“, kam er direkt zur Sache.
„Nicht wirklich viel. Warum hat Axel uns nicht davor gewarnt?“
„Vielleicht wollte der kleine Gnom das so.“ Charly zuckte mit den Schultern.
„Hm. Na ja ich hoffe er arbeitet nicht so wie er fährt“, meinte ich beiläufig.
„Hä, wie soll man das verstehen?“ Verwirrt sah Charly mich an.
„Ach vergiss es“, versuchte ich mich aus der Bredouille zu reden, doch es war zu spät. „Nein tut mir leid, aber das kann ich nicht vergessen. Erst sagst du etwas und dann soll ich es wieder vergessen? So läuft das Spiel aber nicht.“
Ich schaute Charly an und sah ehrliche Neugierde.
„Pass auf“, begann ich verschwörerisch. „Der kleine Mann fuhr eine ganze Zeit vor mir und als ich ihn überholen wollte, beschleunigte er. Aber vorher noch drei Brummis vorbeiziehen lassen.“
„Na wahrscheinlich fand er es zu peinlich, von einer Asphaltblase überholt zu werden.“ Charly grinste frech. Er hatte mal wieder mein Auto beleidigt. Das tat er in regelmäßigen Abständen gerne.
„Aber sich vorher von drei Lkws überholen lassen.“ Ich zeigte ihm einen Vogel.
„Herr Blumenberg!“
Es war die Presswurstwichtelente. Man die Stimme klang ja noch schlimmer, wenn Herr Eisig schrie. Charly zuckte zusammen.
„Sie werden nicht dafür bezahlt, damit sie mit ihrem fetten Arsch das Firmenmobiliar abreißen. Los an die Arbeit!“
Charly wollte etwas erwidern, doch ich gab ihm mit einem leichten Kopfschütteln zu verstehen, dass er sich zu nichts Dummes hinreißen lassen sollte. Später konnte man immer noch seinen Unmut äußern. Charly begab sich mürrisch zu seinen Platz und erklärte, für mich erneut unverständlich, Benno irgend etwas.
Eisig begab sich wieder in das Büro. Er wollte die Glastür zu knallen, doch wohl weislich war sie mit einem Softstop versehen worden.
Mein Blick wanderte des Öfteren von meinem Bildschirm zum Büro. Dort sah ich unseren neuen Chef weiter mit Axel reden, während Brigitte nur stumm da saß.
Eigentlich herrschte bei uns eine heitere und lockere Atmosphäre, nur heute verging der Arbeitstag monoton. Die Stimmung war nach dem Auftritt von Herrn Eisig im Keller und so hatte keiner auch nur das geringste Bedürfnis länger zu bleiben.
Um 15 Uhr oder auch etwas später, verließen Herr Eisig, Axel und Brigitte die Firma. Axel vermied es, uns in die Augen zu schauen. Er verabschiedete sich nicht mal. Brigitte hatte Tränen in den Augen. Was wohl in dem Büro besprochen wurde? Herr Eisig würdigte uns nicht eines Blickes. Ein Kotzbrocken wie er im Buche steht.
Kurze Zeit später hatten auch wir die Firma verlassen und waren auf den Firmenparkplatz. Benno verabschiedete sich schnell von uns. Er wollte zu einer ganz wichtigen Verabredung, wie er uns versicherte. Somit standen Charly und ich nun allein vor unseren Autos und schauten uns ratlos an.
„Was für ein Mist!“ brach es plötzlich aus Charly heraus. „Da haben wir wirklich Spaß an unserer Arbeit und dann kommt so ein kleiner Wichtigtuer mit Potenzprobleme daher. Dann meint der, den großen Macker zu spielen und das bei der geschätzten Größe eines Flohs.“ Charly zündete sich eine Zigarette an, bevor er weiter sprach. „Warum macht Axel das? Und hast du Brigitte gesehen. Total apathisch. Die verliert bestimmt ihren Job. Der will doch bestimmt irgend jemand haben, der ihm nur bis zur Brust geht.“
„Ich denke das wird schwer“ merkte ich sarkastisch an. „Die Größe kann doch gar nicht mehr unterboten werden.“ Sollte Brigitte allerdings gekündigt werden, würde der kleine Herr Eisig einen ganz großen Fehler machen, denn Brigitte war ein Organisationstalent. Durch sie versanken wir nie im Terminchaos. Außerdem, wer sollte dann am Empfangstresen sitzen? Bestimmt nicht Herr Eisig selber.
„Ich hab ja gedacht, ich wäre klein, aber der übertreibt es ja wirklich“, sagte Charly und grinste dabei. „Egal ich werde mal nach Hause fahren. Bin gespannt, was mich heute noch dort erwartet. Du weißt ja, ein Unglück kommt selten allein.“ Ich nickte mitfühlend.
Charly hatte es nicht leicht zu Hause. Seine Frau ging ihm fremd und hielt es nicht mal für nötig es zu verheimlichen. Und sie war ein Drachen. Einer von der ganz üblen Sorte. Ich hatte schon das zweifelhafte Vergnügen, Klara kennen zu lernen. Charly ging allerdings sehr gelassen mit der Situation um. Jeder andere hätte sich von der getrennt. Manchmal fragte ich mich, wieso er es nicht tat.
Ich schaute Charlys Auto eine Weile nach, bevor ich in mein eigenes einstieg. Auf dem Heimweg dachte ich über die derzeitige Situation in der Firma nach. Zum einen war es nicht schlecht, dass wir nun einen großen Konzern im Rücken hatten. Allerdings war ich nicht sicher, ob man uns nicht doch einfach abservieren würde, wenn man alles hatte, was wir uns erarbeitet hatten. Relativ gut fand ich, dass unsere derzeitigen Verträge übernommen wurden, aber musste man uns dann so einen wie Herr Eisig vor die Nase setzten? Ich grübelte die ganze Autofahrt darüber nach und eh ich mich versah, hatte ich mein Auto geparkt. Das ging aber schnell, stellte ich erstaunt fest.
Ich wollte gerade die Haustür aufschließen, da fing mich Michael ab. Scheinbar kam er auch gerade nach Hause. Michael war mein Anwalt und mein Freund und er lebte in dem gleichen Haus, wie ich. Eigentlich habe ich es ihm zu verdanken, dass ich meine jetzige Wohnung habe. Kennen gelernt haben wir uns kurz nach dem mich Elisabeth verlassen hatte.
In der ersten Woche, nach diesen Abend, durchlebte ich alles wie in einem Nebel. Ich funktionierte nur. Mehr nicht. Wenigstens machte ich mich auf die Suche nach einen Anwalt und hatte auch eine Woche später einen Termin. Scheidungen waren wohl ein profitables Geschäft.
In dieser Woche bemerkte ich etwas, womit ich damals nicht gerechnet hatte. Elisabeth fehlte mir nicht. Ehrlich gesagt, dachte ich nur an meine Tochter. Die Erkenntnis, dass Elisabeth Recht hatte überrollte mich wie eine Dampfwalze.
Die Kanzlei, bei der ich meinen Termin hatte, befand sich in einen von diesen schicken Bürogebäuden aus Glas. Meinen kleinen italienischen Zweitwagen, stellte ich in die dazugehörige Parkgarage ab. Elisabeth hatte sich den Kombi geschnappt und war damit zu ihren Eltern gefahren. Richtig wir hatten zwei Autos. Wir verdienten eben nicht schlecht.
Bei den Fahrstühlen musste ich auf die Firmenlogos schauen, um zu erfahren wo sich die Anwaltskanzlei Rapps und Kollegen befand, denn dort hatte ich meinen Termin.
Im Fahrstuhl lernte ich Michael dann auch das erste Mal kennen. Er kam genau in dem Moment an gehetzt, als sich die Aufzugtüren schlossen. Ich hielt ihm die Türen auf, damit er sich zu mir gesellen konnte.
Glücklicherweise kam ich an diesem Tag mal pünktlich von der Arbeit weg. Okay ich habe mich einfach verabschiedet. Ich wusste, dass Axel mich nicht kündigen würde. Außerdem zeigte er vollstes Verständnis für meine Situation.
Michael hatte damals einen schwarzen Pullover und eine Jeans an. Ich schätzte ihn auf Mitte Dreißig. Er ist mindestens einen Kopf größer und wirkte, obwohl er schlank ist, nicht schlaksig. Vielleicht lag es an seiner Kleidung, die hervorragend zu seinen dunklen Haaren passte, warum ich mich so in seinem Alter verschätzte, aber er sah so frisch und unverbraucht aus.
„Guten Tag. Welche Etage möchten Sie?“, fragte er mich. Es waren unsere ersten Worte die wir miteinander wechselten.
„Guten Tag“, gab ich zurück. „In die Neunte bitte.“
„Ah zu den Anwälten. Ich habe nur Gutes von denen gehört“, gab er zum Besten. Warum mussten Leute einfach ungefragt etwas kommentieren, dachte ich damals bei mir.
„Wo müssen Sie denn hin?“ fragte ich zurück, während der Fahrstuhl nach oben fuhr.
„Auch in die Neunte. Ich habe da heute noch einen Termin. Den hatte ich fast vergessen. Der Kaffee den ich getrunken habe, war aber auch zu lecker.“ Er grinste schief und drehte sich zu den Fahrstuhltüren.
Zumindest war ich nicht der Einzige mit Problemen und wenn noch jemand einen Termin in der Kanzlei hatte, dann sollten die Anwälte doch wirklich gut sein.
Ohne Zwischenstopp erreichten wir die neunte Etage und verließen die verspiegelte Kabine. Michael und ich durchschritten ein geräumiges Foyer. Ich erreichte die Glastüren der Kanzlei einen Schritt zu vor ihm und hielt ihm die Tür auf. Er bedankte sich freundlich und ging ohne Umschweife in eines der Büros.
Der ist wohl schon öfters hier gewesen, kam mir der Gedanke, bevor ich die Rezeption erreichte. Wieso ich nicht auf die Idee kam, er würde in der Kanzlei arbeiten, kann ich rückblickend nicht beantworten.
„Guten Tag. Ich habe heute um 16.15 Uhr einen Termin in ihrer Kanzlei vereinbart. Meine Name ist Dennis Hussmann“, erklärte ich an der Rezeption. Die Empfangsdame, die zu mir auf sah, war im mittleren Alters und hatte lange brünette Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Auf ihrer knochigen Nase saß eine moderne ovale Brille. Nicht nur ihre Nase war knochig, sondern der Rest, den ich sah, auch. Konnte der mal jemand ein Butterbrot geben? Oder auch zwei?
„Ja Herr Hussmann. Dr. Richter wird sie gleich empfangen“, empfing sie mich freundlich. „Darf ich ihnen etwas zu trinken anbieten?“
Ein Doktor und dann hatte er auch noch den Namen Richter, wenn das mal nicht passend war. An manche Dinge erinnerte ich mich wirklich erschreckend genau.
Ich bestellte mir ein Wasser und kurze Zeit später holte mich Michael persönlich ab. Ich war vollkommen überrascht, dass es der Fahrstuhltyp war. Ob der mich gut vertreten konnte, wenn er schon fast den Termin vergaß, schoss es mir zu der Zeit durch den Kopf. Später erzählte ich Michael mal von meiner Naivität. Er lachte nur und beruhigte mich, in dem er mir sagte, dies wäre nur passiert, weil ich noch nicht ganz bei mir war.
„Wir haben uns ja schon begrüßt Herr Hussmann.“ Michael reichte mir seine Hand. „Michael Richter“, stellte er sich dennoch bei mir vor.
„Angenehm“, erwiderte ich.
„Bitte folgen Sie mir.“
Ich folgte Michael in sein Büro. Während er die gläserne Bürotür schloss, setzte ich mich auf einen der Lederstühle.
„Bitte entschuldigen Sie mein Auftreten. Leider passiert es mir schon mal, dass ich Termine vergesse. Aber wie sie sehen, bin ich doch noch pünktlich da.“ Nachdem sich auch Michael gesetzt hatte, bat er mich, meine Sachlage zu schildern.
„Hm“, machte er, als ich fertig war, „das könnte eventuell Schwierigkeiten geben. Haben sie schon ein Schreiben der Gegenseite?“
Ich schüttelte den Kopf
„Okay es wird schwierig. Also gut. Da wir nicht wissen, was die Gegenseite fordert, können wir erst mal nur ihre Seite regeln“ schlug Michael vor und so gingen wir alles durch. Vom Unterhalt für Zoé und Elisabeth, der Gütertrennung, der Umgangsregelung, einfach alles und dass bis zur Scheidung. Gerne hätte ich es gesehen, wenn Zoé bei mir gewohnt hätte, jedoch standen die Chancen dafür eher schlecht.
Michael hatte dafür einen anderen Plan. Zoé könne ja jedes Wochenende zu mir kommen, wenn sie es denn wollte. Um Elisabeth das schmackhaft zu machen, wollte er es mit freien Wochenende nach einer anstrengenden Woche mit Arbeit und Kindererziehung schmackhaft machen. Den Unterhalt für Zoé zahlte ich gerne. Anders sah es bei Elisabeth aus, doch Michael wollte es irgendwie regeln. Hat er zum Glück auch sehr gut hin bekommen. Den Kombi durfte Elisabeth schlussendlich behalten. Mir persönlich reichte auch das kleine Auto aus.
Ich hörte geduldig zu, beantwortete die Fragen so gut ich konnte und nach zwei Stunden waren wir fertig. Auf den Weg zur Bürotür, stellte mir Michael noch eine letzte Frage.
„Haben sie schon eine neue Wohnung für sich, Herr Hussmann?“ Es ist schon merkwürdig, wenn man von seinem Anwalt, solch eine Frage zu hören bekommt. Doch dieser war mit allen Wassern gewaschen und dachte auch an solche Dinge.
„Nein leider nicht. Es ist doch etwas schwieriger, als ich dachte. Düsseldorf ist doch etwas teuer, wenn man alleine ist.“ Die Sache war mir unangenehm, hatte ich doch angenommen, es wäre leichter eine neue Bleibe zu finden. Ich hatte es unterschätzt, wie die Preislage von Wohnungen war.
„Ist das wirklich so?“ Bei dieser Frage hob er leicht die linke Braue. Wieder so eine Situation, an die ich mich genau erinnere.
„Ich wohne etwas Auswärts“, erklärte Michael. „Von hier sind es um die vierzig Kilometer, aber von ihren Arbeitsplatz wird es nicht so weit sein.“ Er ging zurück zu seinem Platz und tippte etwas auf seiner Tastatur. „Ah gut. Es sind 32 Kilometer. Zufällig ist gerade in dem Haus, wo ich wohne, ein Zweizimmerapartment frei geworden. Eine sehr schöne und ruhige Gegend. Viel Grün und ein Supermarkt befindet sich auch in der Nähe. Ich kenne den Vermieter persönlich und könnte ein gutes Wort für sie einlegen.“
Obwohl es für mich wie ein Verkaufsgespräch gewirkt hatte, überlegte ich trotzdem nicht lange und schaute mir die Wohnung noch am selben Tag an.
Wie sich herausstellte, war der Vermieter gleichzeitig der Vater von Michael. Die Miete war, so vermute ich es zu mindestens, durch ein Gespräch von Michael mit seinem Vater, tatsächlich günstig. Einen Tag später hatte ich den Mietvertrag unterschrieben.
Die Wohnung befindet sich in einem Dreifamilienhaus im Dachgeschoss. Obwohl man es auch nicht Familienhaus nennen kann, denn eigentlich wohnt nur mein Anwalt und jetziger Freund mit seiner Frau und den drei Kindern, sowie seine Eltern dort. Okay es waren zwei Familien, wenn man es genau nimmt. Nur ich war alleine.
Von der Eingangstür meiner Wohnung erstreckt sich ein Flur, welcher in einem geräumigen, licht durchfluteten Wohnzimmer endete. Links befindet sich eine große Küche, in der der Vormieter seine Einbauküche zurück gelassen hatte. Es war eine moderne Küche mit quarzgenauen, glänzenden Fronten. Auch wenn es eine Menge Arbeit ist, die Fingerabdrücke wegzuwischen, gefiel sie mir sehr. Die zweite Tür auf der linken Seite des Flurs gehört zu dem Badezimmer, welches sogar eine große Badewanne beherbergte. Rechts befindet sich ein schmales Schlafzimmer. Egal, dachte ich mir, man sollte ja nur darin schlafen und ein Bett und ein Kleiderschrank passten dort alle mal rein. Vom Wohnzimmer aus kommt man auf eine Dachterrasse, die zum Innenhof lag. Ich liebte diese Wohnung auf den ersten Blick. Michael hatte nicht zu viel versprochen. Die Gegend war wirklich ruhig.
Drei Wochen später bezog ich meine neue Bleibe. Die ich erst spärlich einrichten konnte, weil ich nicht allzu viel mitnehmen wollte. Mit der Zeit jedoch wurde es nach und nach immer wohnlicher.
Auch wenn ich nicht am sprichwörtlichen Hungertuch nagte, versetzte mir die Rechnung der Kanzlei den nächsten Schock.
„Keine Sorge“, beruhigte mich Michael, „du darfst sie natürlich in Raten abbezahlen.“ Rechtsschutzversicherungen zahlten zu meinem Leidwesen keine Scheidungen. Was für Feiglinge! Ich arrangierte mich allerdings mit dieser Situation, so gut es ging.
Da ich während dieser Zeit jeden Abend mit meiner Tochter telefonierte, konnte ich Elisabeth recht schnell Bescheid geben. Sie klang erleichtert. Wahrscheinlich war es doch nicht so toll bei ihren Eltern.
Ich musste dann nicht lange auf den Brief von ihrem Anwalt warten. Weil mir nicht danach war, mich damit auseinander zusetzten (der nächste Schock wäre nicht ausgeblieben), erhielt Michael den Brief ohne Umwege. Der er im gleichen Haus wohnte, vereinfachte es die ganze Sache sehr. Es entstand ein reger Briefwechsel zwischen den Anwälten und am Ende durfte ich Zoé wirklich jedes Wochenende abholen. Das war die beste Nachricht. Der Rest bestand dann leider nur aus bezahlen. Auch für die Zeit wo Elisabeth bei ihren Eltern war. Das nennt man dann wohl elterliche Fürsorge. Schlussendlich war es nicht so viel, wie ich befürchtete hatte. Mit Michael war ich dann schnell beim Du.
„Hallo Dennis“, begrüßte er mich an der Haustür, als er mich erreichte und gab mir ein Schreiben.
„Was ist das?“ wollte ich wissen.
„Das ist der Scheidungstermin. Es ist zwar noch etwas hin, ich konnte aber durchsetzen, dass wir schon den Termin bekommen. Nicht das alle Richter im Urlaub sind.“ Er zwinkerte mir zu.
Ich schaute mir das Schreiben an. Der Termin war am 22.07. um 10.00 Uhr. Ein Jahr und zwei Wochen nach dem Elisabeth mir den Brief geschrieben hatte.
„Dennis? Alles gut bei dir?“ Mit seiner Frage riss mich Michael aus meinen Gedanken.
„Ja schon. War heute nur nicht so der tollste Tag in der Firma“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Er schaute mich verständnisvoll an.
„Was hältst du davon, wenn du heute Abend mit uns grillen würdest?“ Mit uns meinte Michael seine ganze Familie. „Dann könntest du alles erzählen und du weißt doch: Für alles gibt es eine Lösung.“ Michael klopfte mir auf die Schulter und öffnete die Haustür.
Was für ein Tag, dachte ich, als die Tür meiner Wohnung in das Schloss schnappte. Erschöpft überlegte ich mir, was ich tun sollte, bis der Grillabend begann. Ich entschied mich für eine Dusche. Das entspannte und erfrischt gleichzeitig.
Als ich mit Duschen fertig war, fühlte ich mich tatsächlich entspannter. Ich zog mir bequeme Sachen an und machte es mir auf meinem Sofa gemütlich. Vom Hof hörte ich die Kinder von Michael und seiner Frau Gabi fröhlich spielen. Kurze Zeit später klingelte es bei mir und vor der Tür stand Hans.
„Guten Abend, Dennis. Ich hoffe Michael hat auf meinen Rat gehört und dich eingeladen, heute mit uns den Abend zu verbringen.“
„Guten Abend. Ja das hat er. Es klang aber so, als wäre die Idee von ihm gewesen.“
„Dann werde ich wohl mit meinem Sohn ein ernstes Wörtchen Reden müssen“, sagte Hans keck und grinste dabei frech. „Guck nicht so entsetzt Dennis. War nur ein Scherz. Ich wurde nur beauftragt dich abzuholen.“ Mir fiel ein Stein von Herzen, wollte ich doch nicht schuld haben, wenn sich Michael mit seinem Vater stritte
„Ich wollte auch gerade herunter kommen. Gebe mir nur noch eine wenig Zeit, damit ich auch etwas für das leibliche Wohl beitragen kann.“
„Ach Unsinn“ wischte Hans meine Hilfsbereitschaft weg. „Es ist genug da und du wurdest eingeladen. Also los! Lassen wir den herrlichen Frühlingstag einfach ausklingen.“
Dabei lächelte Hans unentwegt und auch seine Stimme klang so unbeschwert heiter. Was nahm der Mann nur und konnte man das legal kaufen? Seine Heiterkeit war einfach ansteckend. Meine Wohnung verließ ich gut gelaunt und freute mich auf einen entspannten Abend.
Wenn man auf den Innenhof möchte, muss man durch einen langen Flur gehen. In diesem hatte Hans einen Kalender an die Wand genagelt. Bis heute weiß ich nicht wozu er gut sein soll. Man wusste zwar immer welcher Tag war, doch normal hängen Kalender in den eigenen vier Wänden. Immer wenn ich Hans darauf ansprach, winkte er nur ab. „Der hängt nur so da, damit alle immer wissen welcher Tag ist“, meinte er dann lapidar. Irgendwie vermutete ich mehr dahinter.
Heute aber war mir das egal und normalerweise schaue ich auch nicht auf den Kalender, nur heute viel er mir mehr durch das Datum auf. Es war der erste April. Welch eine Ironie. Vielleicht war der heutige Tag ein schlechter Aprilscherz, hoffte ich insgeheim. Leider starb die Hoffnung schon am zweiten April einen kurzen, schmerzvollen Tod.
Das Wetter hatte sich in der Nacht schlagartig geändert. Es regnete wie aus Eimern und den Weg zur Arbeit bin ich mehr geschwommen als gefahren.
Dabei war der vergangene Abend noch wunderschön gewesen. Die Kinder von Michael spielten ausgelassen auf den Hof, während Gabi mit Hans und Brunhilde das leckere Grillbuffet aufbaute. Michael und ich standen am Grill und unterhielten uns über den vergangenen Tag. Beim Wenden der Steaks fragte mich Michael nach meiner getrübten Stimmung.
„Mein Chef hat seine Firma verkauft“, sagte ich schmallippig.
„Ja und? Solange du noch deine Arbeit hast, ist doch alles gut.“ Michael suchte immer nach dem Positiven, egal wie negativ etwas war. Vielleicht war er deswegen ein solch guter Anwalt.
„Hm“, machte ich nur. Er blickte mich an.
„Du hast doch noch deine Arbeit?“ Das Entsetzen in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Habe ich noch, aber dafür einen Chef der wohl kein Spaß an seinen Leben hat. Und er zieht sich Anzüge an die ihm zu klein sind.“ Mir kam ein grotesker Gedanke. „Magst du Ente?“
„Klar warum?“
„Ach, der ist kaum größer als eine und er schnattert auch wie eine.“ War Herr Eisig vielleicht eine mutierte Ente? Wie die Ninja Turtles mutierte Schildkröten waren? Das würde so einiges erklären.
„Na Dennis, wir sind doch keine Kannibalen“, warf Gabi ein, die uns belauscht hatte.
„Und wenn er eine mutierte Ente ist?“, fragte ich wie ein Kind.
„Dann wird er leider zu zäh sein und zähe Vögel kommen mir nicht auf den Grill“, sagte Michael streng legte die fertigen Steaks auf ein Grilltablett. „Aber sag mal. An wen wurde die Firma denn verkauft?“ Bevor ich Michael antworten konnte, hatte Gabi die Kinder geholt, die nun alle darauf warteten ein Steak abzugreifen.
„Papa, ich nehme bitte das Große da“, sagte Leander, er zeigte aber auf das Kleinste.
„Einmal das Riesensteak für den Kleinsten.“ Michael erfüllte Leander den Wunsch und dieser zog glücklich davon. Leonie und Luca warteten geduldig, bis ihr Vater ihnen auch ein Steak auf den Teller gelegt hatte. Gabi hatte sich zuerst am Buffet bedient und kam mit zwei Flaschen Bier in der einen und ihrem Teller in der anderen Hand zu uns.
„Hier Männer und nicht alles auf einmal austrinken. Ich nehme das da.“ Sie zeigte auf ein sehr mageres Stück.
„Klar doch mein Schatz“, sagte Michael und gab ihr einen Kuss.
„Danke für das erfrischende Getränk, Gabi.“
„Gerne Dennis. Ich möchte doch die gute Stimmung erhalten.“ Mit einem Lächeln ging sie und setzte sich zu ihren Kindern. Hans und Brunhilde hatten sich unauffällig zwei Steaks geben lassen und saßen schon längst am Tisch.
„Also, wer hat euch geschluckt?“, fragte mich Michael im zweiten Anlauf.
Von der Seite, dass wir geschluckt wurden, hatte ich es noch nicht gesehen, aber wenn man es genauer betrachtete war es so. Axel musste durch das Geld schwach geworden sein. Läuft dies nicht auch so bei großen Firmen? Was wir wohl Wert waren?
„Die MultiWebNet Company“, antwortete ich knapp und Michael pfiff anerkennend. „Die sind doch einer der ganz Großen in der IT-Branchen.“
„Ja sind sie. Ich verstehe nur nicht, was sie an unserer kleinen Firma so interessant finden. Mein ehemaliger Chef erwähnte, sogar eher beiläufig, mehrere Bewerber.“
Michael nahm einen Schluck aus seiner Flasche und ich tat es ihm gleich. Das tat so gut, also entschied ich mich meinen Schluck zu vergrößern.
„Vielleicht wollte er nur Eindruck machen?“, vermutete Michael.
Ich überlegte kurz. „Ich denke eher nicht. Wir bekamen oft genug Anrufe und Mails. Axel zeigte sie uns alle.“
„Die Wichtigste hatte er euch nicht gezeigt.“ Michaels Erkenntnis diesbezüglich bohrte sich mit der Wucht eines Presslufthammers in mein Bewusstsein. Bisher hatte ich nicht drüber nach gedacht. Warum hatte Axel nicht mit offenen Karten gespielt? Darauf trank ich noch einen großen Schluck.
Michael klopfte mir auf die Schulter. „Dennis das wird schon. Ihr macht eine super Arbeit. Schau, sogar unsere Kanzlei hat sich ein Sicherheitsprogramm von euch zugelegt. Hier nimm ein Steak und lass uns essen gehen. Ich lege nur noch ein paar Würste aufs Rost.“
Michael hatte sicher Recht. Nur gefiel mir die Situation dadurch nicht besser. So nahm ich bereitwillig das Steak entgegen und wir setzten uns mit an den Tisch. Das ganze Essen war einfach köstlich und den restlichen Abend verbrachten wir in gemütlicher Runde. Kein Vergleich zu dem, was mich in der Firma erwartete.
Gedankenverloren hing ich dem gestrigen Abend hinterher und ärgerte mich dabei über das veränderte Fahrverhalten so mancher Autofahrer. Was sintflutartigen Regenfällen alles auslösen können?
Es gab die Fraktion der überängstlichen Fahrer, die auch bei einer einzigen Schneeflocke in Panik gerieten. Diese fuhren dann so langsam, dass sie auch zu Fuß hätten gehen können. Auf der anderen Seite gab es die Verrückten, die gerne ihr Leben riskierten. Mir war es egal, ob sie sich irgendwann um einen Baum kringelten, doch ich machte mir Sorgen um mein Wohlergehen. Mein Auto war eben, um es mit Charlys Worten zu sagen, eine Asphaltblase und ich hatte wenig bedarf, in ihr zu sitzen, wenn sie platzte, weil jemand in seinem Schnellboot, Entschuldigung Auto, meinte er oder sie habe alles unter Kontrolle.
So wagte ich es nicht, zu überholen. Ausgerechnet heute hatte ich dann noch das Pech, in einer Kolonne zu stecken, die gefühlt im gleichen Tempo fuhr, wie eine Schnecke kroch. Mit einer halben Stunde Verspätung stellte ich mein Auto ab.
Obwohl der Weg bis zum Gebäude nur zirka zwanzig Meter lang war, schaffte ich es nur komplett durchnässt an meinen Arbeitsplatz.
Ich war gerade dabei meine klitschnasse Jacke aufzuhängen, da erklang ein Schrei, als würde man eine Ente abschlachten.
„Herr Hussmann!“ Oh nein, es war die mutierte Ente. Leichte Panik stieg in mir auf.
„Sie sind zu spät! Sollte dies noch einmal vorkommen haben sie eine Abmahnung auf ihren Schreibtisch!“
Wieso schreit der Typ so? Immerhin wusste ich selbst, dass ich zu spät war. Während ich mich umdrehte, um mich von Angesicht zu Angesicht zuentschuldigen, nahm ich aus den Augenwinkeln jemanden wahr, der auf Brigittes Platz saß.
Verdammt konnte der Mann sich keine Anzüge leisten die ihm passten? Herr Eisig sah mich mit seinen Knopfaugen von unten herab an. Zum ersten Mal konnte ich ihn mir genauer ansehen. Der Vergleich mit der Ente wurde weiter bestätigt. Er hatte eine platte Nase und seine Lippen waren wie ein Entenschnabel geformt. Tatsächlich waren die Lippen größer, als die Nase lang war. Okay tief Luft holen um nicht loszulachen.„Herr Eisig. Es tut mir sehr ….“
„Überlappe. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Sie werden fürs Arbeiten bezahlt. Und sie haben meinen Terminplan durcheinander gebracht.“
Dieser Mann war ja nicht zum Aushalten. Statt Panik stieg nun Wut in mir auf. Wieso lässt er mich denn nicht wenigstens ausreden? Der Presswurstwichtel hatte wohl ein Geltungsproblem. Gerade als ich es trotz besseren Wissen noch mal versuchen wollte, machte er eine merkwürdige Handbewegung. Ich hörte wie sich die Bürotür öffnete. Mein Blick viel auf eine Frau, die einen halben Kopf kleiner war als ich. Man sah die gut aus. Wann hatte ich das letzte Mal eine Frau gesehen, die ich auf Anhieb attraktiv fand?
Die Frau hatte rote, gelockte Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren, sodass man ihr rundes Gesicht gut erkennen konnte. Allerdings hatte sie nicht alle Haare erwischt und so vielen ihr drei gelockte Haare ins Gesicht. Der Hosenanzug, den sie trug, schmiegte sich perfekt an ihre wohl geformte Figur. Wenigstens konnte sie sich vernünftig anziehen. Es hätte nur eine andere Farbe, als grau sein dürfen.
„Frau Meyer“, redete Herr Eisig weiter, „das ist Herr Hussmann und wie es scheint, ist er ein notorischer Zuspätkommen.“
Das war jetzt die Höhe, solch eine Behauptung am zweiten Tag zu tätigen. Und dann noch dieses schleimige Grinsen. In meinen Gedanken, wurde der Wichtel so eben auf einer Streckbank in die Länge gezogen.
Frau Meyer schien nicht besser zu sein. Sie musterte mich von oben bis unten mit einem abschätzenden Blick.
„So so“, begann sie schnippisch, „da werden wir sicher unseren Spaß haben. Glauben Sie mir Herr Hussmann, ich werde so etwas nicht dulden. Beim nächsten mal gibt es eine Abmahnung!“
Wie war die denn drauf? Reichte es denn nicht, die Drohung für die Abmahnung von Herrn Eisig zu bekommen? Doppelt hält besser, oder wie?
„Es freut mich, dass sie Frau Meyer gleich von ihrer besten Seite kennen lernen dürfen“, freute sich Eisig unnötig.
Jäh wie bitte? Hatte der Presswurstwichtel was an den Ohren? Ich schaute ihn an und sein gehässiger Blick sagte mir alles. Er meinte es vollkommen Ernst.
„Frau Meyer ist meine Stellvertreterin. Sie wird alles im Auge behalten, wenn ich nicht zu gegen bin, was sehr oft der Fall sein wird. Ich bin nun mal ein gefragter Mann und habe noch andere Baustellen, um die ich mich kümmern muss.“
Während er sprach, strich er sich mit seiner Hand durch seine kaum vorhandenen Haare. Nicht nur das sich der Mann wichtig nahm, er hatte scheinbar auch einen Tick.
„Wie sie feststellen konnten, macht sie keine halben Sachen. Das ist mir auch sehr wichtig, denn die MultiWebNet Company braucht keine Amateure, sondern Profis!“ Er machte eine kurze Pause, in der er Luft holte. Sein Monolog war wohl noch nicht zu Ende. „Und da ich davon ausgehe, auch wenn sie zu spät sind, dass sie welche sind, werden sie und ihr fetter und fauler Kollege da drüben“, Eisig zeigte auf Charly, „die interne Programmumgebung von MultiWebNet auf ihre Computer und Servern installieren. Wenn sie dies geschafft haben, müssen sie natürlich auch ihre kompletten Programme umschreiben. Dafür haben sie bis Ende der Woche Zeit. Aber sie schaffen das schon.“ Der letzte Satz triefte nur so vor Häme.
Ein neues System zu installieren war kein Problem, aber unsere ganzen Programme dafür anzupassen, obwohl wir nicht wussten, wie die Programme von MultiWebNet arbeiteten, war etwas ganz anderes. Das wusste Herr Eisig und auch Frau Meyer schien sich dessen bewusst zu sein, denn beide konnten ihr Dauer grinsen nicht abstellen. Hätte ich gewusst, wo sich der Schalter dafür befand, ich hätte ihn gedrückt.
Mir viel leider noch etwas ein. „Es ist ihnen schon klar“, begann ich zaghaft, „dass wir uns während dieser Zeit nicht um unsere Kunden kümmern können.“
„Sagen sie mal, für wen halten sie mich!“, schnaubte der Presswurstwichtel.
Nun ja, also wenn er so fragte. Ich hielt ihn für einen zu klein geratenen, arroganten Kotzbrocken und sein Ego war zu groß für seine Anzüge. Anders konnte man es sich ja nicht erklären, warum sie fast platzten. Ich biss mir auf die Zunge. Wäre ja noch schöner, wenn er erfuhr was ich dachte.
„Wir haben eine ausgewiesene Fachkraft, die sich darum kümmert. Herr Knuddels hat sich bereit erklärt, von zu Hause aus, alle Anfragen zu bearbeiten. Wir entlohnen ihn dafür auch großzügig. Doch wir wollen unsere finanziellen Mittel nicht unnötig zum Fenster hinaus werfen, also ist ihre Deadline bis Freitag festgelegt.“
Irgend etwas stank bis zum Himmel bei dieser ganzen Sache und es war nicht die Einbildung von unserem neuen Vorgesetzten. Wie lange wusste Axel schon von der ganzen Sache.
Herr Eisig warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Frau Meyer ich muss jetzt los. Sie kümmern sich um alles Weitere. Am Freitag erwarte ich wie immer ihren Bericht. Herr Hussmann, sie sollten sich an die Arbeit machen. Die Zeit ist knapp.“ Er zwinkerte mir frech zu. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich auf seinen Absatz um und verschwand durch die Tür. Man hatte der Nerven.
„Nun her Hussmann, gibt es noch irgendwelche Fragen?“
Ich seufzte. „Nein Frau Meyer.“
„Sehr gut. Dann sollten sie anfangen zu arbeiten. Fürs Herumstehen werden sie schließlich nicht bezahlt.“
Sie wartete nicht, ob ich zu meinen Platz ging, sondern verschwand sofort ins Büro.
Ich blieb noch eine Weile wie angewurzelt stehen. Dabei stellte ich mir die Frage, wie eine so attraktive Frau, solch ein Biest sein konnte? Erst das Geklopft an der Büroscheibe, erinnerte mich daran, zu meinen Platz zu gehen. Mein Blick fiel auf Charly und er sah nicht so aus, als würde er vor Freude in die Luft springen. Wut und Verzweiflung waren in seinem Gesicht geschrieben.
Gedankenverloren ließ ich mich in meinen Sessel fallen und schaute mich noch einmal um. Erst jetzt viel mir auf, dass Benno nicht da war.
„Wo ist Benno?“, fragte ich.
„Er hat zwei Wochen Urlaub von der Meyer bekommen. Als er ihr erklären wollte, er habe sein Urlaub anders verplant, zuckte sie ihn an und meinte nur, er bekomme so Urlaub, wie sie es gewähre. Man war der wütend, sage ich dir. Benno fluchte die ganze Zeit herum und wäre fast mit dem Eisig zusammen gestoßen. Er war jedoch schlau genug, so schnell wie möglich zum Fahrstuhl zu gehen.“
„Ich habe wohl einiges verpasst.“
„Du hättest die Zwei mal erleben sollen, wie die sich aufgeregt haben.“ Charly grinste wieder.
„Hast du schon angefangen?“, fragte ich ihn.
„Ich bin gerade dabei, mich rein zu lesen. Wenigstens haben die Ahnung, wie man Anleitungen schreibt. Ist alles gut erklärt. Am einfachsten wird es mit dem Server, aber unsere Programme bis Freitag zu übertragen wird schwer.“
„Die wollen uns bestimmt in den Wahnsinn treiben“, resignierte ich. „Schon alleine wie die….“
„Herr Blumenberg, Herr Hussmann! Sie sollen arbeiten und nicht quatschen. Das können sie in ihrer Freizeit tun!“, schrie Frau Meyer von der Bürotür aus. Wie hatte sie das mitbekommen? Ich hatte gestern rein gar nichts aus dem Büro gehört. Vielleicht hatte sie uns ja beobachtet. Zuzutrauen wäre es ihr. Immerhin war sie die Beste ihres Faches. Als Sklaventreiberin wohlgemerkt.
Charly und ich schauten uns an. Keiner von uns wagte noch etwas zu sagen.
Also gut dann mal los, dachte ich mir und schaute auf meinen Schreibtisch. Zu dem normalen Chaos, was dort herrschte, hatten sich ein Buch gesellt, welches ich als Anleitung für das neue Betriebssystem erkannte. Daneben lag noch ein Stapel von DVDs. Ich erkannte sofort die bunten Fenster des Logos.
Charly bemerkte meinen missmutigen Blick und zuckte mit den Schultern.
Nachdem ich ein wenig in der Anleitung geblättert hatte, schaltete ich den PC an. Kurz danach fing ich an, meine Arbeiten zu sichern. Allein das war schon eine nicht zu unterschätzende Arbeit.
