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Kann die Kunst das Innerste, das Schönste des Menschen zeigen und so das Böse bekämpfen? Ein Künstlerroman der besonderen Art: Nach einer Nacht voller Albträume bietet sich dem Künstler David in seinem Atelier ein schockierender Anblick: Das Gemälde, an dem er schon so lange arbeitet, hat sich über Nacht in etwas gänzlich anderes verwandelt. Es ist zu genau dem geworden, was er immer wollte. David muss es im Schlaf gemalt haben. Am selben Tag erhält der Künstler überraschenden Besuch von dem Kunsthändler Albright, der ihm anbietet, alle seine Werke zu kaufen, und ihm ein monatliches Einkommen garantiert. Einzige Bedingung: David muss exklusiv mit ihm arbeiten und künftig zeitgemäßer malen. Was als verlockendes Angebot beginnt, entpuppt sich schon bald als Albtraum für David, denn sein Mäzen stellt sich gegen ihn. Als das Böse unmittelbar in das Leben des Künstlers eindringt, muss er auf seine Träume vertrauen, um das Wahre und Gute zu verteidigen.
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Seitenzahl: 564
Veröffentlichungsjahr: 2015
Michael Maschka
Roman
»Geh leise, denn du gehst auf meinen Träumen!« William Butler Yeats »Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er verschlinge.« Petri 5, 8 »Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.« Friedrich Schiller
Eine Benediktinerabtei in den Französischen Pyrenäen, Frühjahr 1332
Der Mond stand hoch am Himmel und verteilte sein fahles Licht mit gleichgültiger Regelmäßigkeit über die Gebäude der Abtei. Im Schatten des Edificiums, das wie ein gewaltiger Wehrturm neben der Kirche emporragte, stand eine dunkle Gestalt, die einen flachen, in Tücher eingeschlagenen Gegenstand unter dem Arm trug. Die sternenklare Nacht war eisig kalt und der Mann mit dem weißen Bart zog sich die Kapuze tief ins Gesicht. Der Nebel, den sein schneller Atem vor seinem Gesicht erzeugte, verriet, dass er es eilig hatte.
Vorsichtig blickte er nach beiden Seiten, dann betrat er den vom hellen Mondlicht beleuchteten Platz. Mit wehender Kutte eilte er an den Pferdeställen vorbei in Richtung Dormitorium. Immer wieder blickte er ängstlich zurück, um sich zu vergewissern, dass ihm niemand folgte. Auf halbem Wege erreichte er schließlich ein steinernes Gebäude, trat in seinen schützenden Schatten und hielt für einen Augenblick inne. Besorgt musterte er den Gegenstand, den er noch immer mit beiden Händen fest umklammert hielt. War es wirklich eine gute Idee, das Bild im Schlafsaal zu verstecken, gerade jetzt, wo sich alle Mönche darin befanden? Was, wenn ihn jemand beobachtete? Die feuchten Mauern der Abtei hatten Augen und Ohren – das konnte er förmlich spüren.
Der Mönch wandte sich nun dem Eingang des Gebäudes zu, in dessen Schatten er noch immer stand. Vorsichtig drückte er die schmiedeeiserne Klinke der Tür nach unten, die mit einem leisen Knarren nachgab. Erleichtert, dass sie unverschlossen war, betrat er einen vom Mondlicht schwach beleuchteten Raum und sah sich um. Vor ihm befanden sich mehrere Werkbänke, auf denen zwischen halbfertigen Möbelteilen allerlei Werkzeuge verstreut lagen. Der lehmige Boden, der über und über bedeckt war mit Holzspänen, fühlte sich weich und warm an. Es roch nach Harz und frischem Holz.
Für einen Moment lang glaubte sich der Mönch in Sicherheit. Hier in der Werkstatt würde man das Bild wohl kaum vermuten, dachte er, besonders dann nicht, wenn er es zwischen einem der vielen Stapel alter Hölzer versteckte, die ringsum in den schweren Regalen eingelagert waren. Er wusste, dass dieses Gebäude seit Wochen nicht benutzt wurde, da der Bruder, der hier als Tischler tätig gewesen war, kürzlich verstarb. Seitdem wurden die meisten Holzarbeiten unten im Dorf erledigt und die Werkstatt stand leer. Hier konnte er das Bild für eine Weile sicher verwahren, zumindest solange, bis er einen endgültigen Ort zu seiner Aufbewahrung gefunden hatte.
Der Mann in der braunen Kutte durchquerte den Raum und hielt Ausschau nach einem geeigneten Versteck. Während seine Augen die fahle Dunkelheit des Raumes zu durchdringen suchten, zuckte ein Gedanke immer wieder durch seinen Kopf: Licht und Schatten … Licht und Schatten … wo viel Licht war, da war auch viel Schatten! Instinktiv wusste er, dass die Bildtafel, an der er in den letzten Monaten unablässig gearbeitet hatte, nicht in falsche Hände geraten durfte. Schon an seinem Arbeitsplatz in der Bibliothek, als er mit den Vorarbeiten begonnen hatte, waren ihm die seltsamen Blicke seiner Mitbrüder aufgefallen. Obwohl er schon damals die starke Wirkung des Bildes gespürt hatte, war er auf derart heftige Reaktionen nicht gefasst. Einige der Mönche waren beim Anblick der Tafel so ergriffen, dass sie unvermittelt mit den Tränen kämpften und wie von inneren Krämpfen geschüttelt zu Boden fielen. Dann aber, nach kurzer Zeit, wirkten sie eigenartig entspannt und wie verjüngt. Bei anderen hingegen schien es gerade das Gegenteil zu bewirken – sie verschlossen sich zunehmend und ihre Blicke wurden neidvoll und begehrlich. Offenbar besaß das Bild die Macht, etwas in den Menschen auszulösen, das ihr innerstes Wesen zum Vorschein brachte – im Guten wie im Schlechten. Vor diesen Ereignissen hätte er so etwas nicht für möglich gehalten. Allmählich aber begriff er, dass ihm mit dieser Arbeit etwas gelungen war, das in seiner ganzen Bedeutung weit über seine Zeit hinausreichte. Das Bild schien etwas zu enthalten, für das die meisten Menschen noch nicht reif waren, das mehr für die Zukunft bestimmt war als für die Gegenwart. Der ungeheuren Polarisierung, die das Bild in den Gemütern hervorrief, konnten offenbar nur wenige Menschen standhalten. Gerade deshalb galt es in den Augen der reiferen und erfahrenen Mönche als gefährlich. Seit Wochen schon war unter den Gelehrten der Abtei ein heftiger Streit entbrannt, ob das Bild in den Köpfen der Menschen nicht mehr Schaden als Nutzen anrichten würde. Der Mönch, der sich seiner Verantwortung immer mehr bewusst wurde, teilte diese Sorge. Auch er empfand, dass die Zeit des Bildes noch nicht gekommen war.
Die apokalyptischen Prophezeiungen, die in den Schriften überliefert waren, schienen nie näher gerückt und greifbarer zu sein, als in diesen Tagen. Die Anhängerschaft derer, die nicht müde wurden, das Ende der Zeit heraufzubeschwören, wurde von Tag zu Tag größer. Der Riss, der durch die Köpfe der Menschen ging, war so gewaltig, dass es kaum einen gab, dem nicht schwindlig davon wurde. Das Bild hätte dies alles nur verstärkt. Schon jetzt schien die Welt auf dem Kopf zu stehen und die Extreme traten mit einer solchen Brutalität hervor, dass selbst die Kurie in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Nicht nur die Häretiker schossen wie Pilze aus dem Boden, nein, der Papst selbst war eine unheilige Allianz mit der weltlichen Macht eingegangen und hatte den Heiligen Stuhl nach Avignon verlegen lassen. Dies alles deutete für viele auf ein baldiges Ende hin. Und auch er, Laurentius, ahnte, dass diese Ereignisse nur die Vorbereitung waren auf etwas, das in einer ferneren Zukunft der Menschheit noch bevorstand. Wenn es so weit war, dann sollte das Bild seine ganze heilsame Kraft entfalten können. Lange hatte er mit sich gerungen, ob er es vernichten sollte, nun aber erschien es ihm notwendig, dass seine Botschaft die Zeiten überdauerte.
Ein Schauder lief ihm über den Rücken, als er daran dachte, wie das apokalyptische Tier sein Haupt bereits erhoben hatte. Er selbst hatte seinen stinkenden Atem gerochen und war ihm nur mit knapper Not entgangen. Monate hatte er in den feuchten Kerkern der Pariser Templerburg zugebracht, von den Folterknechten des Königs gedemütigt und den schrecklichsten Anschuldigungen ausgesetzt. Einzig einem gütigen Schicksal war es zu danken, dass er entfliehen konnte und nach einer abenteuerlichen Irrfahrt schließlich Schutz in dieser Abtei fand. In der braunen Mönchskutte, die er zu seiner Tarnung trug, hatte er sich fünfundzwanzig Jahre lang versteckt. Denn nur an einem Ort wie diesem konnte er seinen Auftrag erfüllen – nur in völliger Abgeschiedenheit konnte er die Geheimnisse der Malkunst studieren und zu höchster Vollendung führen. Für ihn bot diese Abtei den idealen Boden, auf dem seine Kunst reifen und gedeihen konnte. Denn hier in diesen Mauern, die mehr einer Festung glichen als einem Ort des Glaubens, wurde ein Großteil des Wissens seiner Zeit verwahrt. Alles, was von Seiten der kirchlichen Autoritäten als bedeutsam galt, war hier entweder im Original oder in einer Abschrift vorhanden. Und wie viel mehr noch mochte im Schutze dieser Mauern verborgen liegen, Geheimnisse so dunkel und unergründlich, dass selbst die Bibliothekare sie nicht kannten.
Durch das Gesicht des Mönches ging ein Zucken und er fühlte, wie ihn erneut ein kalter Schauder ergriff. Es war wie immer, wenn seine Gedanken zurück in die Vergangenheit schweiften und er an das Schicksal dachte, das ihm und seinem Orden vor langer Zeit widerfahren war. Fünfundzwanzig Jahre waren inzwischen vergangen, da die schrecklichen Ereignisse sich zugetragen hatten und doch erschien es ihm, als sei es gestern gewesen. Kein Tag und keine Nacht, an denen er nicht an jenen finsteren Oktobertag des Jahres 1307 zurückdachte, jenen Freitag den Dreizehnten, der sich dem Gedächtnis der Menschheit für immer als Unglückstag einprägen sollte. Im Schlaf wurden er und seine Brüder von den Schergen des französischen Königs überwältigt und den Folterknechten des Papstes übergeben. Verleumderische Gründe wurden gefunden, die Besitztümer des Ordens zu beschlagnahmen, um sie dem König, der sich wie immer in Geldnot befand, zu übereignen. Unter der Folter hatten die Ritter schließlich den Anschuldigungen nachgegeben, die von Seiten der Inquisition gegen sie erhoben wurden. All jene Abscheulichkeiten, die einen hinreichenden Grund liefern konnten, den ehrenwerten Orden der Tempelritter aufzulösen und sich seines sagenumwobenen Reichtums zu bemächtigen.
Wie durch ein Wunder konnte er damals dem Zugriff des Bösen entfliehen und er dankte Gott noch heute dafür. Ob er selbst der Folter widerstanden hätte, die seine Gefährten wochenlang erdulden mussten, bis sie schließlich ihren Glauben leugneten und sogar das Kreuz bespuckten? Er wusste es nicht. Diese Frage hatte ihn in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren unablässig gequält. So unvorstellbar mussten die Qualen gewesen sein, dass selbst der Großmeister, Jacques de Molay, nicht standhielt und schließlich die absurdesten Taten gestand. Erst als er sieben Jahre später in Paris hingerichtet wurde, widerrief er seine Geständnisse und bat Gott um Vergebung. Dann übergab er sich ohne jede Gegenwehr dem Flammentod. Zuvor aber hatte er seinen Henkern prophezeit, dass auch sie im Jenseits jene Qualen erdulden würden, die sie ihm und seinen Brüdern hier auf Erden zugefügt hatten. In dieser Gewissheit starb er. Und siehe: Sein Wort erfüllte sich, denn noch im selben Jahr waren Papst und König tot.
Ein Gefühl von Stolz durchwogte die Brust des Mönches, als er an das aufrechte Ende seines Meisters zurückdachte. Für ihn, Laurentius, war Molay viel mehr als nur der letzte Großmeister seines Ordens – in den vielen Jahren, in denen sie Seite an Seite kämpften, wurde er sein engster Vertrauter und schließlich auch sein Freund. Im Dienste Molays hatte er von den geheimen Verhandlungen mit den Ungläubigen erfahren, die immer häufiger das sinnlose Blutvergießen auf dem Schlachtfeld ersetzten. Dort im Osten, im Zentrum Jerusalems, wo die Geschichte seines Ordens begann, wo wie sonst nirgends die Welten aufeinander prallten, hatte man ein Licht gefunden, das hinter all dem religiösem Eifer zaghaft aufzuglimmen begann. Nicht nur mit der jüdischen Kultur hatte man regen Austausch gepflegt, auch zu den Assassinen, die den Templern in mancher Hinsicht ähnlich waren, wurden weitreichende Beziehungen geknüpft. Auf einer anderen, höheren Ebene hatte man einen Weg gefunden, jenes Wissen auszutauschen, das nicht nur der Christenheit, sondern der gesamten Menschheit Erlösung verhieß und in der Folge jeden Kampfgeist erlahmen ließ. Absurd schien es jetzt noch, das Schwert zu erheben, da jene, die einst Feinde waren, nun mehr und mehr zu Brüdern wurden. Im Westen Europas aber, und besonders in Rom, hatte man dieses Treiben mit Argwohn verfolgt und darin eine besondere Art des Verrates gesehen. Doch Laurentius hatte das Wissen, das er über seinen Meister erwarb, tief in seinem Herzen bewahrt. Es floss ein in das Bild und wurde zu einer Botschaft an die Zukunft.
Schon damals, Jahre bevor der Orden unterging, hatte Jacques de Molay ihm geraten, das Schwert gegen den Pinsel einzutauschen, als hätte er die Zukunft schon vorausgesehen. »Der Pinsel und der Federkiel sind die Waffen von morgen«, hatte er immer wieder gesagt. »Das Schwert ist eine Waffe, die stumpf geworden ist. Die Mittel im Kampf gegen die Mächte des Bösen müssen sich wandeln, die Zeit der Ritter geht zu Ende. Wer in Zukunft das Schwert erhebt, und sei es in der besten Absicht, steht selbst auf der Seite des Bösen.« Jacques de Molay wusste, dass die Kunst in diesem Kampf eine besondere Rolle spielen würde und gerade darin hatte er die besondere Begabung seines Schülers erkannt.
Laurentius seinerseits hatte seine Wahl nie bereut. Auf seiner langen Suche nach der Wahrheit war er weiter und weiter gezogen, ging bei Alchemisten in die Lehre und begab sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral. Doch alle Wege, die er in seinem Leben beschritten hatte, dienten am Ende nur einem einzigen Zweck: Egal was er gesucht hatte, ob den Stein der Weisen oder den Kelch Jesu, all das führte ihn schließlich hin zu einem Bild – ein Bild, das auf wundersame Weise geheime Kräfte in sich barg. Dieses Bild war für ihn das einzig wahre Gefäß, das die Antwort auf das große Rätsel des Daseins enthielt.
Jetzt aber ging es darum, dieses Vermächtnis für die Zukunft zu bewahren und dafür zu sorgen, dass es nicht in falsche Hände geriet. Wenn der Antichrist sich des Bildes bemächtigte, könnte die heilende Kraft, die darin verborgen lag, leicht in ihr Gegenteil verkehrt werden. Das Böse lauerte überall, selbst hier in dieser Abtei. Um das Bild zu schützen, verfiel Laurentius schon während der Arbeit auf den Gedanken, es nach seiner Fertigstellung zu übermalen und zu einer unauffälligen Ikone umzugestalten. Er hoffte, dass es auf diese Weise weniger Aufsehen erregen würde. Und um ganz sicher zu gehen, hatte er gleich mehrere dieser Ikonen angefertigt, damit die Spur des wahren Bildes so gut wie möglich verwischt würde. Der Geist des Bildes werde schon seinen Weg in die Köpfe der Menschen finden, wenn seine Zeit gekommen war, dachte er.
Doch trotz all dieser Vorkehrungen war Laurentius in dieser Nacht aus einem bösen Traum erwacht. Er konnte die Bedrohung förmlich fühlen. Durch seinen Traum verunsichert, kam ihm schließlich der Gedanke, die kostbare Tafel an einem Ort zu verwahren, an dem sie gewiss niemand vermuten würde …
Aufgeregt durchquerte der Mönch die Werkstatt, noch immer auf der Suche nach einem geeigneten Versteck. In einem etwas abgelegenen, kleinen Nebenraum fand er schließlich ein schweres Eichenregal, in dem verschiedene Werkzeuge und ein Stapel getrocknetes Tischlerholz aufbewahrt wurden. Behutsam schob er die mit einem Leinentuch umwickelte Tafel unter einen der Holzstapel und legte darüber und darunter mehrere Holzstäbe, die als Abstandhalter dienen sollten.
Plötzlich vernahm er ein Geräusch. Er wandte sich um und gewahrte eine dunkle, hünenhafte Gestalt, die sich ihm unbemerkt von hinten genähert hatte. Obwohl sie durch eine kleine Öffnung in der Mauer vom Mondlicht beleuchtet wurde, war ihr Gesicht durch die Kapuze einer Mönchskutte vollständig verdeckt. Ein Augenpaar blitzte auf und noch ehe der überraschte Maler reagieren konnte, fuhren zwei eiskalte Hände an seinen Hals und drückten unbarmherzig zu. Ein erstickter Schrei hallte durch den Raum, dann minutenlang ein Röcheln, bis der Mönch schließlich kraftlos zu Boden sank. Die vermummte Gestalt beugte sich zu ihm hinab und blickte in die erstarrten Augen seines Opfers: Der Mönch war tot.
Ein zufriedenes Lachen entwich dem Meuchler und er wandte sich dem Regal mit dem Holzstapel zu. Vorsichtig entnahm er jene Bildtafel, die der Malermönch dort vor wenigen Minuten noch vor dem Zugriff des Bösen zu verbergen gehofft hatte.
Die Tafel verschwand im Dunkel der Zeit – was blieb, war ein grausiger Fund. Neben dem leblosen Körper des Mönches, so war später in den Annalen der Abtei zu lesen, lag eine weitere Leiche, das Gesicht zu einer Fratze entstellt, als hätte sie das Grauen gesehen. Sonst aber fand man keinerlei Spuren von Gewalt …
»Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«
Francisco de Goya
Berlin, April 1998
Mit einem lauten Schrei fuhr David hoch. Aufrecht saß er in seinem Bett und blickte mit weit aufgerissenen Augen um sich. Wo war er? Seine zitternde Hand strich über die Stirn, die mit kaltem Schweiß bedeckt war. Er fühlte, wie sein Herz in seiner Brust pochte und er hastig nach Luft schnappte. Verwirrt tastete er nach der Nachttischlampe und knipste sie an. Langsam beruhigte sich sein Atem und es dämmerte ihm, dass er sich in seinem Schlafzimmer befand. Durch die Vorhänge des Fensters drangen bereits die ersten Sonnenstrahlen und hüllten die karge Einrichtung des Zimmers in ein warmes, gedämpftes Licht.
Nach wie vor fassungslos kehrte David in die ihm vertraute Welt zurück. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass er soeben aus den Tiefen eines monströsen Albtraums erwacht war. Es mochte eine Ewigkeit her sein, dass er etwas von solcher Intensität geträumt hatte, so hautnah und real, als wäre es tatsächlich geschehen. Eine dunkle Gestalt ohne Gesicht hatte ihn verfolgt und angegriffen. Noch jetzt fühlte er die kalten, knochigen Finger, die sich wie ein Schraubstock um seinen Hals gelegt hatten. Leblos wie Wachs fühlten sie sich an.
Mit einem gequälten Schwung saß er auf der Bettkante und erhob sich. Er zog sich einen Bademantel über und schlurfte vom Schlafzimmer in die Küche. Sein Mund fühlte sich trocken und pelzig an. Er ging zum Kühlschrank und öffnete die Tür. Ein einziger Blick genügte, um ihn vollständig in die Realität zurückzuholen: Das Innere des hell erleuchteten Haushaltsgerätes war ebenso leer, wie er sich selbst in diesem Moment fühlte. Wieder nichts eingekauft, dachte er verärgert über sich selbst und griff nach der halbleeren Milchflasche, die sich einsam in der hinteren Ecke des Kühlschrankes befand. Gierig trank er sie leer.
David schloss die Augen und versuchte sich an die Einzelheiten seines Traumes zu erinnern. Da war diese Gestalt, die einen dunklen Umhang trug … und er selbst … auf der Flucht. Je mehr er sich bemühte, die Einzelheiten seiner Traumbilder in sich wachzurufen, umso mehr verschwammen und entglitten sie. Es schien unmöglich, sie in das wache Erleben hinüberzuretten.
Sein Blick streifte die Küchenuhr – es war zehn vor acht. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch weiterzuschlafen und dem, den Tag zu beginnen, stellte er die leere Milchflasche zurück in den Kühlschrank.
Gerade als er die Kühlschranktür wieder schließen wollte, näherte sich mit leisem Schnurren eine getigerte Katze und schmiegte sich an sein Bein.
»Isis … jetzt hätte ich dich doch beinahe vergessen! Hast du Hunger?«
David beugte sich zu der Katze hinab und strich ihr mit einer sanften Geste über das Fell. Aus dem Küchenschrank entnahm er eine Packung Katzenfutter, öffnete den Aluminiumverschluss und leerte den Inhalt in einen Fressnapf. Isis miaute dankbar und bewegte sich lautlos auf ihre Morgenmahlzeit zu.
Nachdem David sich angekleidet und einen Espresso zubereitet hatte, betrat er sein nicht sehr geräumiges Arbeitszimmer. Nahe dem Fenster stand eine Staffelei, auf der eine bemalte Leinwand befestigt war. Unmittelbar daneben befand sich ein kleiner Tisch, auf dem neben Farbtuben und Pinseln mehrere Gefäße standen, die mit verschiedenen Flüssigkeiten gefüllt waren. Die Luft war erfüllt von einem aromatischen Geruch, den er, wie so oft wenn er den Raum betrat, lustvoll einsog, so als befände er sich auf einer morgendlichen Waldlichtung. An den Wänden hingen dicht gedrängt unzählige Gemälde und Radierungen und überall lagen wahllos einzelne Blätter, Pinsel, Stifte und Farben verstreut. Auf einem großen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, türmten sich Zeichenblöcke, Bücher und Zeitschriften. Der Raum glich einem alchimistischen Laboratorium, in dem eine Art chaotischer Ordnung herrschte.
Als David an einem großen, hohen Spiegel vorbeischlenderte, blieb er stehen und schaute hinein. Er runzelte die Stirn. Der Mann, der ihm daraus entgegenblickte, war Mitte dreißig – ziemlich groß, von kräftiger Statur, mit strohblondem, lockigem Haar. David trat an den Spiegel heran und schnitt zum Spaß ein paar Grimassen. Dann legte er beide Hände auf die Wangen und zog die Haut nach hinten. Vor zehn Jahren hatte er noch so oder zumindest so ähnlich ausgesehen. Missmutig wandte er sich ab. Er fühlte, dass die Zeit auch an ihm nicht spurlos vorüber ging. Wenn er seine Träume und Ziele noch verwirklichen wollte, musste er sich beeilen. Im Kunstgeschäft war das Alter eine nicht unwesentliche Größe. Die Möglichkeit, mit seiner Kunst zu scheitern, war eine Vorstellung, die ihn erschreckte und sich gelegentlich wie ein düsterer Schatten über ihn legte.
David nahm auf dem Stuhl vor der Staffelei Platz, blickte auf sein unvollendetes Gemälde und nippte nachdenklich am Kaffee. Er liebte es, morgens an die Staffelei zu treten und das Ergebnis seiner Arbeit vom Vortag zu überprüfen. Irgendetwas schien sich jedes Mal über Nacht zu verändern – was genau, das wusste er nicht. War es die Welt, war er es selbst oder beides zusammen? Manchmal, wenn er bei einem Bild nicht weiter wusste, warf er abends vor dem Einschlafen noch einmal einen Blick darauf, um den Eindruck, den es hinterließ, mit in den Schlaf zu nehmen. Er hoffte, dass sich dadurch über Nacht etwas Neues ergeben könnte. Auch wenn es nicht immer funktionierte – auf jeden Fall brachte der Schlaf eine Art Reinigung, die die künstlerische Arbeit immer wieder in ein neues Licht rückte.
»Wahrscheinlich ist es dieses verdammte Bild«, murmelte David gedankenversunken und suchte nach einem Zusammenhang zwischen dem unfertigen Kunstwerk und seinem Alptraum. Das Gemälde, das vor ihm auf der Staffelei stand, beschäftigte ihn seit Wochen. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, jede neue Arbeit mit einer ausgeklügelten Komposition vorzubereiten, hatte er diesmal den Versuch unternommen, ein Bild zu malen, das einer Abenteuerreise glich – mit ungewissem Ziel. Und prompt hatte er sich verirrt, war regelrecht darin steckengeblieben.
Als er mit der Arbeit begann, wusste er nur, dass es eine Landschaft werden sollte, eine Landschaft, wie er sie seit Langem in seiner Phantasie vorbereitet hatte – eine Landschaft ohne jedes natürliche Vorbild. Es kam ihm darauf an, einen Hauch jener urkünstlerischen Stimmung einzufangen, die nach seiner Vorstellung der Schöpfung der Natur vorausgegangen war. Ein bescheidenes Zipfelchen nur wollte er ergreifen von jener geistigen »Substanz«, die allem Sein zugrunde lag. Diesmal wollte er die Natur nicht in ihrem fertigen Zustand, sondern in ihrem Werden erfassen – einen kurzen Moment, bevor sie sich endgültig ins Stoffliche verdichtete. Doch wie konnte es gelingen, einen solch elementaren Vorgang bildhaft auf einer Leinwand zu wiederholen? Wie es aussah, war er diesmal in seinem Anspruch zu weit gegangen. Er tröstete sich damit, dass das Unternehmen ein Versuch war und die Möglichkeit des Scheiterns eben in der Natur solcher Versuche lag.
David verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich auf seinem Malerstuhl zurück. Bei dem Versuch sich zu entspannen blickte er auf ein gerahmtes Schild über der Tür, auf dem in geschwungenen Buchstaben geschrieben stand:
Wer den Dichter will verstehen muss in Dichters Lande gehen.
Als er das Schild vor ein paar Jahren bei einem Trödler gekauft hatte, fand er die Idee amüsant, es über dem Eingang seines Ateliers anzubringen. Jeder, der zu ihm kam, sollte wissen, dass er hier einen Raum betrat, in dem andere Gesetze galten als da draußen. Seitdem hing es da und je öfter er es las, umso wahrer erschien ihm der kleine Vers. Wer wusste schon, welche Kämpfe man auszutragen hatte, womit man ringen musste Tag für Tag, wenn man nicht selbst ein Künstler war. – Ja, das Misslingen des Bildes ärgerte ihn, obschon er wusste, dass er auch diesmal schnell darüber hinwegkommen würde. Das Beste war, sich nicht weiter damit aufzuhalten und einfach ein neues Bild zu beginnen. Schließlich war er ein Maler, der im Laufe der Jahre gelernt hatte, mit Fehlschlägen zurechtzukommen.
Durch ein Geräusch wurde er aus seinen Gedanken herausgerissen. Die Tür zum Flur öffnete sich und herein trat eine ältere, dickliche Dame mit altertümlicher Frisur. Sie hatte das lange, graumelierte Haar mit einem Tuch nach oben gebunden und trug über einem geblümten Kleid eine weiße Arbeitsschürze. Unter dem linken Arm hielt sie eine Kehrschaufel und einen Besen, in der Rechten einen roten Eimer mit einem darin befestigten Wischmob.
Überrascht erhob David sich von seinem Stuhl, ging auf die robuste Person zu und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
»Alma, ich habe heute gar nicht mit dir gerechnet.«
»Das kann ich mir denken!«, versetzte die Haushälterin schroff und fixierte ihn mit strengem Blick. »Aber wenn ich hier nicht ab und zu mal vorbeischaue und saubermache … Wer weiß, wie es hier aussehen würde.«
Ohne eine Miene zu verziehen ging sie von Fenster zu Fenster und riss, ohne Rücksicht auf den zerbrechlichen Zustand des Künstlers, nacheinander die Vorhänge auf.
»Du siehst schlecht aus, mein Lieber. Sieh doch, wir haben wunderbares Wetter heute!«
David hielt sich gequält die Hand vor die Augen.
»So genau wollte ich das gar nicht wissen!«, rief er und wandte sich lichtscheu ab. Ein pochender Schmerz in seinem Kopf erinnerte ihn daran, dass er tags zuvor wieder einmal zu viel Wein getrunken hatte.
Alma verfolgte die hilflose Geste und schüttelte den Kopf.
»Ich fürchte, du arbeitest zu viel. Solltest vielleicht mal ausgehen oder dich mit einer netten Dame treffen.«
David zuckte innerlich zusammen. Nachdem ihn vor ein paar Wochen seine Freundin verlassen hatte, war das Thema Frauen noch immer ein wunder Punkt für ihn.
»Vielleicht hast du recht«, gab er ohne weiteren Kommentar zurück und verschwieg, dass Almas Einschätzung der Situation nicht ganz richtig war. Eine Frau war jetzt wirklich nicht das, was er brauchte. In diesem Moment aber hielt er es für ratsamer, den Eindruck aufrecht zu erhalten, ein Opfer seiner Arbeit und nicht seines Liebeslebens geworden zu sein. Außerdem hatte Widerspruch bei Alma sowieso wenig Sinn. David kannte ihre resolute Art seit seiner Kindheit, da sie als Haushälterin schon für seine Eltern tätig war. Für ihn war Alma eine Respektsperson – über seine Schaffenskrisen oder gar seine Schlafzimmergeschichten wollte er lieber nicht mit ihr sprechen.
»Natürlich habe ich recht!«, rief die ältere Dame selbstbewusst und fuhr demonstrativ mit dem Finger durch die Staubschicht auf dem Sideboard, in dem David seine Farben aufbewahrte.
David seufzte und ging zurück zu seiner Staffelei. Alma war ein Unikum, daran bestand kein Zweifel. Nach dem tödlichen Verkehrsunfall seiner Eltern vor knapp zehn Jahren hatte er sie einfach weiterbeschäftigt, obwohl er sich eine Haushälterin eigentlich gar nicht leisten konnte. Inzwischen gehörte sie quasi zum Inventar, versorgte ihn mit allem Nötigen und stellte ihm hin und wieder sogar Blumen auf den Tisch. Auf seltsame Weise brachte sie ein wenig Glanz in seinen tristen Arbeitsalltag und da sie einen Schlüssel besaß, kam und ging sie, wann immer sie wollte.
Alma ging hinaus und kehrte nun mit einem Staubsauger bewaffnet in den Atelierraum zurück.
»Gibt es neue Werke?«, fragte sie neugierig, während sie umständlich versuchte, den Filter des Staubsaugers zu wechseln.
David deutete stumm auf das Bild, das ihm so viel Unbehagen bereitete.
Alma sah, dass ihm nicht wohl dabei war.
»Ich verstehe … du kommst wieder mal nicht weiter. Tja, mein Lieber, da kann ich dir leider auch nicht helfen.« Mitfühlend blickte sie ihn an. »Das erinnert mich irgendwie an deine Kindheit … schon damals bist du nie zur Ruhe gekommen.«
David nickte verlegen, als hätte man ihn bei etwas Unanständigem ertappt. Noch während seine Augen auf dem Gemälde ruhten, schweiften seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Alma hatte recht. Seit er denken konnte, war er von der Idee besessen, seine Träume und Visionen mit Pinsel und Farben festzuhalten. Er wollte das, was er sah und fühlte, auch für andere sichtbar machen, damit die Menschen um ihn herum seine Empfindungen mit ihm teilen konnten. Wie alle Künstlernaturen war er vom Ehrgeiz getrieben, etwas ganz Besonderes zu schaffen, etwas Einzigartiges und Unverwechselbares. Kurz, er wollte etwas schaffen, das seine Vorstellung von der Welt auch für andere zu einer objektiven Wirklichkeit werden ließ. Doch im Gegensatz zu heute beschränkte sich früher sein Eifer auf allgemein wahrnehmbare Dinge, auf Gegenstände oder Erscheinungen, die ihn umgaben. Das brachte in der Regel kaum Probleme mit sich. Mit zunehmendem Alter aber begriff er, dass es auch Phänomene gab, die sich der gewöhnlichen Wahrnehmung entzogen – die nur er allein sehen konnte und die er nun mit der gleichen Überzeugungskraft darstellen wollte. Besonders in der freien Natur nahm er immer häufiger etwas Wesenhaftes wahr, etwas Lebendiges, das die Pflanzenwelt wie einen Lichtschein umgab. Das waren Erfahrungen, für die er damals noch keine Begriffe fand. Viele dieser Erlebnisse waren begleitet von einer seltsamen Erscheinung, die ebenfalls ganz in Licht getaucht war und die nach kurzer Zeit wieder verschwand. Die Glücksgefühle, die er damals empfand, waren ihm noch in lebendiger Erinnerung. Doch am Ende hielt er das alles für ein Produkt seiner Phantasie, und da er es nicht verstand, dachte er nicht weiter darüber nach.
Alma richtete sich auf und warf den gefüllten Staubbeutel in einen Mülleimer, der unmittelbar neben ihr stand. Mit ihren warmen braunen Augen blickte sie David direkt ins Gesicht.
»Allerdings gab es schon damals zwischen dir und deiner Umgebung immer so eine seltsame Gegensätzlichkeit … so eine Art Widerspruch …« Noch während die Haushälterin um den richtigen Ausdruck rang, nickte sie vielsagend mit dem Kopf und fügte schließlich hinzu: »Wer weiß, wohin das noch führen wird …« Mit der Hand machte sie eine seltsam besorgte Geste, die der Künstler nicht recht einzuordnen wusste.
Auch damit hatte Alma recht. Die Schulzeit wurde für David zu einer Art Gefängnis ohne Gitter. Wie zu erwarten war, brachten seine Lehrer nur wenig Verständnis auf für seine »Phantastereien«, wie sie es nannten. Als dann bekannt wurde, dass er gelegentlich zum Somnambulismus neigte, begann man von offizieller Seite gar einen pathologischen Hintergrund zu vermuten. Man riet seinen Eltern, ihn in psychiatrische Behandlung zu geben.
»Ich bin lediglich auf der Suche nach einer veränderten Sicht der Dinge«, versuchte David sich zu rechtfertigen. »Warum soll ich mich abfinden mit einer Welt, die doch ebenso gut anders sein könnte … wenn nicht sogar besser. Wozu hat der Mensch die Befähigung zur Phantasie, wenn er sie nicht anwenden darf? Was ist so verwerflich daran?« David wurmte die Tatsache, dass diese Haltung auch heute noch von seinen Kritikern häufig als Weltflucht missverstanden wurde.
Alma nickte zustimmend.
»Ein Segen, dass deine Eltern klug genug waren, das auch so zu sehen … Du solltest dankbar dafür sein!«
»Das bin ich«, sagte David und blickte auf das vergilbte Hochzeitsfoto seiner Eltern, das neben ihm auf dem Sideboard stand. Er wusste natürlich, dass er ihnen viel verdankte. Wer hatte als werdender Künstler schon das Glück, einer Familie zu entstammen, in deren Leben Kunst überhaupt eine Rolle spielte? Die meisten wohlhabenden Kreise waren zwar mit Geld gesegnet, nicht aber mit gutem Geschmack. Da war es schon etwas Besonderes, dass seine Eltern eine kleine Pinakothek besaßen, die das Ergebnis einer seit Generationen anhaltenden Sammlerleidenschaft war. Wichtige Maler des 19. Jahrhunderts befanden sich darunter, unter anderem ein echter Waldmüller, und sogar eine Farbstudie von Adolf Menzel. Davids Leidenschaft aber galt in erster Linie jenen Künstlern, die eine Wirklichkeit wiedergaben, die überraschend anders war. Künstler wie Arcimboldi, Piranesi, De Chirico oder Max Klinger waren es, die sein besonderes Interesse erregten. Seine Eltern besaßen von einigen dieser Künstler kleine Originale oder Radierungen. Davids Vater, der Vorstandsmitglied eines großen Konzerns war, verwendete viel Zeit und Geld darauf, bei Atelierbesuchen oder auf Auktionen diese ungewöhnliche Sammlung zu erweitern. Im Gegensatz zu seinem Sohn aber war sein Zugang zur Kunst eher spekulativer Natur. Sein Augenmerk war nicht so sehr auf jene Künstler gerichtet, die sich als Berichterstatter einer geheimnisvollen, unsichtbaren Welt verstanden, wie David sich das gewünscht hätte. Dem gestressten Manager ging es weniger darum, durch das Eintauchen in diese Bild-Welten seinen vom Alltag strapazierten Geist beweglich zu halten, für ihn war Kunst eher ein Anlageobjekt. Wie wenig Sinn er für die musische Seite der Kunst hatte, wurde David erst bewusst, als er eines Tages den Wunsch äußerte, selbst ein Maler zu werden. Plötzlich offenbarte ihm der Vater, dass er das Künstlerdasein für brotlos hielt und dem sozialen Status des einzigen Sohnes nicht angemessen. Wenn er David dennoch auf Auktionen und in Künstlerateliers mitnahm, dann vermutlich nur deshalb, um ihm das ganze Elend der künstlerischen Existenz vor Augen zu führen. Offensichtlich hoffte er, seinen Sohn damit endgültig von dem Wahn heilen zu können, irgendwann selbst ein Künstler werden zu wollen. Doch so ärmlich und elend die Ateliers auch sein mochten, so heruntergekommen und devot sich die Künstler bisweilen präsentierten – die Rechnung des Vaters ging nicht auf. Sie bewirkte im Gegenteil, dass Davids Neugier stetig wuchs. Ohne es zu wollen, öffnete der Vater immer mehr Türen, durch die der Sohn zielstrebig hindurch marschierte. Bald schon wusste David, dass die Kunst seine wahre Berufung war.
Als er dann endlich die Akademie besuchte, kam die Ernüchterung. Sein Hang zum Ungewöhnlichen, zum Seltsamen, und gelegentlich auch Grotesken wurde auch hier mit Skepsis beurteilt. David, der gerne ein solides Künstlerhandwerk erlernen wollte, um seine Visionen auch für andere glaubhaft zu machen, stieß bei seinen Lehrern zunehmend auf taube Ohren. Das traditionelle Handwerk galt seit Langem als verpönt und stand im Verdacht, dem kreativen Schaffen eher abträglich als förderlich zu sein. Doch David, dem dies nicht einleuchten wollte, beharrte auf seinem Standpunkt. Die Abneigung der Professoren ging schließlich so weit, dass sie ihm nahelegten, die Akademie zu verlassen, da er nach ihrer Meinung zu sehr in seinem »Stilismus« gefangen war.
David erinnerte sich an eine Begebenheit in der Akademie, die für ihn zum Schlüsselerlebnis wurde. Es war beim Aktzeichnen, als er zum ersten Mal mit den Ansprüchen der Moderne in Konflikt geriet. Ein gewisser Professor Kühn leitete damals die Aktstunden und irgendwie wurde David das Gefühl nicht los, dass Kühn ihn nicht mochte.
Die Atmosphäre beim Aktzeichnen war im Grunde angenehm. Es war eine kleine, überschaubare Gruppe von acht bis zehn Studenten, die sich entgegen dem allgemeinen Trend noch dafür interessierte, die Anatomie des menschlichen Körpers zu studieren. Unter den anderen Studenten galten David und seine Kommilitonen schon deshalb als Außenseiter, weil die Mehrheit der Studierenden sich mit derartigen Naturstudien nicht lange aufhielt. Für David und seine Mitstreiter aber war das Angebot der Akademie eine willkommene Gelegenheit, da Modelle nicht einfach zu finden waren und natürlich auch entlohnt werden mussten.
Professor Kühn hatte die Gewohnheit, während dieser Stunden, die weitaus weniger erotisch ausfielen, als die meisten Laien sich das vorstellten, von Staffelei zu Staffelei zu wandern und die angehenden Künstler bei der Arbeit zu beobachten und zu kritisieren.
»Meine Damen und Herren«, pflegte er zu sagen, »versuchen Sie vor allem das Wesentliche des Körpers zu erfassen und halten Sie sich nicht mit Details auf. Verklären Sie den Körper nicht. Im Gegenteil: Zertrümmern Sie ihn, erst dann haben Sie den rechten Ausdruck … Nur so kommen Sie der Wirklichkeit nahe. Denken Sie immer daran: Kunst ist die Sprache des Leidens, wie schon Adorno gesagt hat …«
»Aber ist das Schöne nicht ebenso real wie das Hässliche?«, hatte David den Professor herausfordernd gefragt.
»Sehen Sie Gruenbaum«, gab Kühn ebenso angriffslustig zurück, »genau das ist Ihr Problem. Sie neigen dazu den Menschen zu idealisieren. Sehen Sie sich nur Ihre Zeichnungen an … überall bloß verlogene Schönheit! Nirgends ist erkennbar, dass der Mensch ein Ungeheuer ist. Demnächst werden Sie noch anfangen Heiligenbilder zu malen.«
Keine schlechte Idee, hatte David im Stillen gedacht und Kühn dabei provozierend angesehen. Der aber wandte sich von David ab und richtete seinen belehrenden Vortrag an die anwesenden Studenten.
»Originalität!«, stieß er im Brustton der Überzeugung hervor, »Originalität ist das große Zauberwort! Wir können uns nicht länger mit den Ausdrucksformen der Vergangenheit herumschlagen, die Kunst muss sich entwickeln. Ja, im Grunde muss sie sogar immer wieder neu erfunden werden, weil sie sonst Gefahr läuft, zu erstarren.«
Wie immer konnte David den Mund nicht halten.
»Warum kann die Kunst nicht auf Errungenschaften aufbauen, die sie sich in früheren Zeiten erarbeitet hat? Das Rad muss doch auch nicht immer wieder neu erfunden werden. Wie kann etwas eine Zukunft haben, wenn man fortwährend seine Vergangenheit leugnet?«
Mit dieser Bemerkung hatte David das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Pupillen des Professors verengten sich. Mit einer schnellen Bewegung ging er auf Davids Staffelei zu und riss das Skizzenblatt herunter. Angewidert musterte er die naturgetreue Darstellung eines Armes, der einen Stab in der Hand hielt. Jeden Muskel, jede Sehne hatte David mit fotografischer Genauigkeit abgebildet. Demonstrativ hielt Kühn das Blatt in die Höhe, damit alle Studenten es sehen konnten, dann zerriss er es vor aller Augen und ließ die Papierstücke achtlos zu Boden fallen. Im Zeichenraum herrschte Totenstille.
»Was ich hier zerstört habe, meine Damen und Herren, war kein Kunstwerk und ich schäme mich nicht dafür. Wir ahmen die Natur nicht nach, wir überwinden sie.«
David war fassungslos. Er spürte, wie sich die Wut in seinem Magen zusammenballte.
»Was fällt Ihnen ein!!«, schrie er den Professor an, »ich studiere hier die Gesetze der Natur, das ist doch kein Verbrechen. Eine Studie ist kein Kunstwerk … das weiß ich auch!«
»Lieber Gruenbaum«, erwiderte Kühn mit einem bösartigen Lächeln auf den Lippen, »ich habe ernsthafte Zweifel, ob Sie überhaupt zum Künstler taugen. Im Übrigen: Wenn Ihnen mein Unterrichtstil nicht gefällt, steht es Ihnen natürlich frei, die Akademie zu verlassen.«
Nach diesem Erlebnis fühlte sich David unverstandener denn je. Was sollte er jetzt noch hier? Ohne lange zu überlegen verließ er die Akademie und beschloss, seinen eigenen Weg gehen. Und auf wundersame Weise kam ihm das Schicksal entgegen. Er traf auf ältere Künstler, die ähnlich dachten wie er und wurde ihr Schüler. Von ihnen lernte er, was in Jahrhunderten gereiftes Malerhandwerk war, von dem die Gelehrten an den Hochschulen nichts mehr hielten. Er verknüpfte dieses Handwerk mit Ideen, die modern und neu waren und gelangte so zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil. Seine regelmäßig stattfindenden Ausstellungen waren gut besucht und er hatte sein Auskommen. Er war weder berühmt noch reich, doch in einigen Kreisen wurde er geschätzt als einer, der sich bewusst dem Zeitgeist widersetzte. Er hatte sich am Ende doch noch eingerichtet in dieser verwirrenden Welt der Kunst.
Während Alma mit dem Staubsauger durch die Wohnung wirbelte, dachte David erneut an seinen Traum. Das Bedrohliche, das in ihm enthalten war, beunruhigte ihn. Irgendetwas rumorte in ihm, das ihn immer wieder im Schlaf überwältigte. Sein Unterbewusstsein schien etwas zu wissen, was für seinen Verstand noch im Verborgenen lag. Vielleicht eine Inspiration, die darauf drängte, verwirklicht zu werden?
David blickte auf das missglückte Bild und seufzte tief. Wäre es nicht faszinierend, wenn man sein Traumleben durch ein spezielles Training kontrollieren könnte? Schon immer war er fasziniert von der Idee, sich mit Hilfe des Träumens dieser geheimnisvoll kreativen Sphäre zu nähern, die jenseits des Bewusstseins lag. Sie könnte ihm zu einer nie versiegenden Quelle der Inspiration werden, so dachte er. Märchen, Mythen und nicht zuletzt auch Träume waren schließlich die Bereiche, aus denen er einen Großteil seiner Bildinhalte gewann. Es war doch nur folgerichtig, jede Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, die natürlichen Grenzen, die das Bewusstsein setzte, zu überschreiten. Er nahm sich fest vor, wieder mehr auf seine Träume zu achten.
Gegen Abend läutete das Telefon. Es hatte diesen penetrant schrillen Klang, der einen lästigen Anrufer verriet. Alma war inzwischen gegangen und David hatte den ganzen Tag über mit dem Skizzieren von neuen Bildern zugebracht. Er liebte es nicht, bei dieser Arbeit gestört zu werden, da sie seine ganze Konzentration in Anspruch nahm. Widerwillig griff er zum Hörer. Am anderen Ende der Leitung vernahm er die Stimme eines alten Bekannten. Es war Charlie Winter, ein Künstlerkollege, von dem er lange nichts gehört hatte. Fast hätte er ihn ganz vergessen, doch hin und wieder flatterten von ihm Einladungen zu Ausstellungseröffnungen ins Haus, die David aber meist ignorierte. Jetzt, da er den einstigen Freund an der Stimme erkannte, erinnerte er sich, vor einigen Tagen eine solche Einladung erhalten zu haben. Noch während er mit ihm am Telefon sprach, kramte er sie aus dem Papierkorb hervor. Er betrachtete das Bild, das auf der Vorderseite abgebildet war – ein bunter Keramikkopf. Das also war der momentane Entwicklungsstand dieses Künstlers, von dem er früher einmal große Stücke hielt.
Während des Studiums waren er und Charlie eine Zeitlang gute Freunde gewesen. Bei ihren regelmäßigen Zusammenkünften führten sie stundenlange Gespräche über Kunst, machten Pläne über spektakuläre Aktionen, und manchmal arbeiteten sie sogar an gemeinsamen Projekten. Erst in den letzten Jahren sahen sie sich immer seltener, besonders seit David die Akademie verlassen hatte. Ihre Einstellung zu den wichtigen Fragen der Kunst entwickelte sich im Laufe der Zeit so grundlegend verschieden, dass es am Ende nur noch wenige Gemeinsamkeiten gab.
Während David die Erinnerung an den Freund wachrief, erzählte Charlie am Telefon, dass er nach langem Suchen endlich wieder einen Galeristen gefunden habe, der bereit war, seine Arbeiten auszustellen. Die Galerie sei nicht gerade die erste Wahl, aber immerhin besser als nichts. Und nachdem Charlie seine Einladung mehrmals wiederholt hatte und einfach nicht abzuschütteln war, konnte sich David schließlich nicht länger verweigern und sie verblieben dabei, sich am Abend zu treffen.
Als David die Galerie erreichte, war die Vernissage bereits in vollem Gange. Bis auf die Straße hinaus drängten sich die Gäste und er hatte alle Mühe, sich an der Menge vorbeizuschieben. David wunderte sich über den enormen Besucheransturm, doch als er durch das Schaufenster der Galerie einen Blick ins Innere warf, wurde deutlich, warum mehr Leute draußen als drinnen standen: Die Räume waren so klein, dass nur etwa zwanzig Personen bequem Platz darin fanden.
Genau genommen mochte David Vernissagen nicht und er ärgerte sich schon jetzt, dass er dem Drängen des Freundes nachgegeben hatte. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen hielt er das ganze Spektakel um die Kunst für aufgesetzt und es kam ihm vor, als legte sich die Gesellschaft hier ein Feigenblatt an, um ihre in Wahrheit eher kunstfeindliche Gesinnung zu verdecken. Den durchschnittlichen Vernissagebesucher freilich kümmerten solch feinsinnige Unterscheidungen kaum. David erkannte diese routinierten Gäste immer daran, dass sie sich gleich nach der Laudatio in kleinen Grüppchen zusammenfanden oder sich, ohne viel Zeit zu verlieren, sofort den Getränken und Snacks zuwandten.
Mit solch düsteren Gedanken im Gepäck gelang es David schließlich ins Innere der Galerie vorzudringen. Verdrießlich blickte er sich um. Etwas abseits in einer Ecke erkannte er Charlie, der gerade, von einigen Personen umringt, eine seiner Skulpturen erläuterte. Da David ihn nicht unterbrechen wollte, wandte er sich nun ebenfalls den Kunstwerken zu. In gleichmäßigen Abständen standen gläserne Schaukästen im Raum verteilt, in denen sich bis zu einem halben Meter hohe Tonskulpturen befanden. Da die Vitrinen von innen beleuchtet waren, lag auf den farbig gefassten Figuren ein starker Glanz, was die Leuchtkraft ihrer Glasuren beträchtlich erhöhte. Hier und da waren einzelne Details zusätzlich mit Goldfarbe bedeckt – eine Maßnahme, die die Stücke irgendwie wertvoller erscheinen ließ.
Gerade als David darüber sinnierte, worin sich Charlie von einem gewöhnliche Dekorationskünstler unterschied, näherten sich zwei elegant gekleidete Damen der Vitrine, vor der er selbst gerade stand. Neugierig lauschte er zu ihnen hinüber, als sie begannen, sich angeregt über die ausgestellten Stücke zu unterhalten.
»Ich finde die Arbeiten äußerst ansprechend«, kommentierte die Dunkelhaarige ihre Anerkennung, worauf die andere, eine Brünette mittleren Alters, mit nickendem Kopf erwiderte: »Ja, das finde ich auch! Wenn ich etwas mehr Geld dabei hätte, würde ich diese hier kaufen. Die gefällt mir am besten von allen. Die würde sich hervorragend auf der Mahagoni-Kommode in meiner Diele machen.«
»Wir sollten mit Herrn Winter direkt verhandeln … Was meinst du? Vielleicht lässt er nach der Ausstellung den Preis noch etwas nach …«, ließ nun die Dunkelhaarige hinter vorgehaltener Hand verlauten und legte dann ihren Zeigefinger senkrecht über den Mund.
»Aber psst … Der Galerist darf nichts davon erfahren.«
»Ja, du hast recht«, flüsterte die Brünette verschwörerisch und begann dann vor Begeisterung wieder lautstark zu schwärmen: »Ach, ich finde diese Vernissagen immer wieder toll … wir sollten das wirklich öfter machen!«
David, der unfreiwillig Zeuge dieses vertraulichen Gesprächs geworden war, fühlte den Drang etwas zu sagen. »Verzeihen Sie, wenn ich mich einmische, aber da ich selbst Künstler bin, wüsste ich gerne, was Ihnen an den Figuren wirklich gefällt. Es steht außer Frage, dass sie außerordentlich dekorativ sind, da haben Sie völlig recht. Aber sind Sie nicht auch der Meinung, dass die Figuren, trotz aller handwerklicher Finesse, ein wenig leblos wirken? Besonders den Gesichtern fehlt es … wie soll ich sagen … an Ausdruck, finden Sie nicht?«
Obwohl es sich vielleicht so anhörte, wollte David mit dieser ehrlich gemeinten Frage seinem Künstlerkollegen keineswegs schaden. Sein Interesse war es lediglich, herauszufinden, ob seine eigene, persönliche Einschätzung nicht doch zutreffender war, als das Urteil der Damen.
»Jetzt wo Sie es sagen …«, versetzte die eben noch begeisterte Brünette und sah ihn mit großen Augen an.
»Sagen Sie, Sie sind doch David Gruenbaum, der Künstler, nicht wahr? Ich kenne Sie, ich war kürzlich auch auf einer Ihrer Vernissagen.«
»Ich bin es«, erwiderte David ein wenig verlegen und räusperte sich. Er ahnte, dass er jetzt auf seine Frage keine Antwort mehr erhalten würde, also fuhr er provozierend fort: »Bitte verzeihen Sie noch einmal … aber weil Sie gerade von ›Vernissage‹ reden … Wussten Sie, dass wir uns hier streng genommen gar nicht auf einer Vernissage befinden?«
»Sie scherzen wohl?«, schallte es von beiden Damen wie aus einem Mund zurück.
»Nein, keineswegs! In früheren Zeiten waren Vernissagen gesellschaftliche Ereignisse, bei denen die Maler ihre neuesten Bilder, noch vor Beginn der eigentlichen Ausstellung, im Beisein eines erlauchten Kreises von Sammlern und Kunstfreunden gefirnisst hatten. Die Bezeichnung Vernissage kommt nämlich von dem französischen Wort vernis für Firniss. Hier aber befinden sich gar keine Bilder … Oder sehen Sie welche?«
Die beiden Damen blickten sich irritiert um.
»Sehen Sie!«, fuhr David fort ohne eine Antwort abzuwarten, »wie so vieles ist auch dieser Begriff zu einer Worthülse geworden. Wo keine Bilder sind, da kann auch kein Firniss sein und folglich auch keine Vernissage. Oder sehen sie das anders? Zugegeben, es hört sich vornehm und gebildet an, daher wird der Ausdruck auch heute noch gerne verwendet, aber eigentlich ist er ganz und gar anachronistisch …«
»Wie meinen Sie das?«, wollte eine der Damen wissen.
»Sie müssen wissen, die Gewohnheit, fertige Bilder zur Steigerung ihrer Wirkung abschließend zu firnissen, ist längst aus der Mode gekommen. Der Markt ist heute so schnelllebig, da nimmt sich keiner mehr die Zeit, vor dem Firnissen Monate zu warten, bis ein Bild vollständig durchgetrocknet ist. Ganz allgemein wird ja die Qualität immer schlechter. Wer heute noch so malt wie früher die Alten Meister, steht eigentlich schon mit einem Bein im Irrenhaus …«
Die beiden Damen sahen einander verwundert an.
»Das ist ja sehr interessant, was Sie da sagen. Sie halten wohl nicht viel von moderner Kunst?«, begann nun die Dunkle provozierend den Gesprächsfaden aufzunehmen. Misstrauisch sah sie David von der Seite an.
»Wenn Sie das vermuten, liegen Sie falsch. Ich bin nur der Meinung, dass man sich dem allgemeinen Wahnsinn nicht einfach kampflos ergeben sollte. Auf der Suche nach dem Immer-Neuen ist die Kunst in einen Wettlauf eingetreten, der eigentlich niemals zu gewinnen ist. Kaum hat ein Künstler etwas Neues gewagt, gilt er schon als überholt. Und dabei gibt es eigentlich nichts, was nicht irgendwann schon einmal gemacht worden wäre. Bis hin zu ›Bildern‹, die eigentlich keine mehr sind, weil nur noch die leeren Rahmen an der Wand hängen. Der Zwang zum Modernismus hat sich selbst ad absurdum geführt. Und dabei fehlt es nicht einmal an Einsicht …«
David hielt für einen Augenblick inne und wartete auf eine Reaktion, die leider ausblieb.
»Kennen Sie Andy Warhol?«
»Andy Warhol? Ist das nicht dieser Modedesigner?«
»Er selbst sah sich immer als Künstler«, korrigierte David, »obwohl er durchaus ein Gespür für das ›Modische‹ hatte. Selbst einer wie er, der sich mit seiner FACTORY eifrig am Kulturbusiness beteiligte, hat in einem Anfall von Selbsterkenntnis einmal eingestanden: Es wird noch so weit kommen, dass jeder von uns nur zwanzig Minuten lang berühmt ist …«
Wieder blickten sich die Damen verwundert an. Gerade wollte David erneut ansetzen, als es aus der Gruppe, in der Charlie mit seinen Gästen plaudernd beisammen stand, zu ihm herüberschallte: »David … lieber Freund!«
Jäh aus seinen Gedanken gerissen, blickte David hinüber. Sein früherer Mitstreiter trat nun an ihn heran und schüttelte seine Hand.
Seit ihrer letzten Begegnung war Charlie beträchtlich gealtert. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht, das außer einer leicht geröteten Nase eher fahl und ungesund wirkte. Er trug einen auffallend bunt gemusterten Hut mit breiter Krempe, einen weißen Schal um den Hals und einen schwarzen Anzug. Irgendwie wirkte er trotz des besonderen Anlasses leicht überdekoriert.
David erwiderte den Gruß, blieb aber vorerst in der Reserve. Stattdessen machte er Charlie mit den beiden Damen bekannt, die sich sehr erfreut darüber zeigten, den Künstler nun persönlich kennenzulernen. Sie beglückwünschten ihn zu seinen Arbeiten und der aus ihrer Sicht gelungenen Ausstellung. Charlie schien sich zunächst darüber zu freuen, gab sich aber unnahbar und wandte sich schon nach kurzem Wortwechsel wieder David zu.
»Wir haben uns so lange nicht gesehen, dass ich dich beinahe nicht erkannt hätte. Du hast dich verändert. Ich freue mich, dass du doch noch gekommen bist«, sagte er mit gewohnter Vertraulichkeit.
David, der jetzt ein wenig verdutzt dastand, wusste nicht, ob er zwischen den Damen und dem Künstler noch weiter vermitteln sollte. Im Stillen hoffte er, dass er sich in den letzten Jahren nicht annähernd so zu seinem Nachteil verändert habe, wie sein Gegenüber.
»Ich freue mich auch«, erwiderte er ein wenig verlogen und fügte wie zu seiner Entschuldigung schnell hinzu: »Du weißt ja, ich mag derartige Veranstaltungen nicht besonders. Es reicht mir vollkommen, wenn ich zu meinen eigenen Ausstellungen erscheinen muss. Trotzdem: meinen Glückwunsch zu deinen Arbeiten … ich hoffe, es wird ein erfolgreicher Abend für dich.«
Noch während er es sagte, fühlte er sich schlecht und beinahe ebenso heuchlerisch wie die selbstgefällige Hautevolee, die sich im Hintergrund gegenseitig zuprostete. Aber natürlich wollte er den alten Kollegen nicht brüskieren, daher zog er es vor, sich mit Kritik vorerst zurückzuhalten. Es hätte ohnedies nicht viel genützt, schon gar nicht hier in der Öffentlichkeit.
Der Freund nahm ihn jetzt am Arm und schob ihn hinüber zu seinen Bekannten. Offensichtlich hatte er die Absicht, ihn der Runde vorzustellen – ein Gedanke, der David sichtlich missfiel. Lieber wäre er inkognito geblieben, hätte das Geschehen aus sicherer Distanz heraus verfolgt und wäre unbemerkt wieder verschwunden. Jetzt aber stellte er sich auf einen längeren und anstrengenden Abend ein. Im Vorübergehen nahm er ein Glas von einem der reizenden Girls vom Partyservice entgegen, mit denen er sich in diesem Augenblick viel lieber beschäftigt hätte.
»Hier ist mein lieber Freund David Gruenbaum … ein hervorragender Maler und ein alter Studienkollege, den ich seit unserer gemeinsamen Zeit an der Akademie kenne!«, begann Charlie in übertrieben feierlichem Tonfall seinen Freund der Runde vorzustellen.
Die Bemerkung über den »hervorragenden« Maler störte David, denn er wusste nicht, ob es aus dem Munde des Kollegen ironisch oder ernst gemeint war. Irgendwie erschien ihm die Aussage deplatziert. Und wie so oft in solchen Momenten, wenn ihm etwas peinlich war, versuchte er sich zu retten, indem er sich absichtlich bescheiden gab.
»Glauben Sie ihm bloß nicht … ich bin nur ein kleines Licht im künstlerischen Universum!«, sagte er und schüttelte der Reihe nach alle Hände, die ihm entgegen gehalten wurden.
»Es stimmt schon … seien Sie nur nicht so bescheiden!«, ergriff nun einer der Anwesenden das Wort, der David durch seinen militärischen Händedruck auffiel.
»Sie sind ein großes Talent! Ich habe Arbeiten von Ihnen gesehen, die mich sehr beeindruckt haben.« Der Herr im grauen Anzug blickte ihn freundlich an.
»Tatsächlich? Darf ich fragen, wo?«
»In einem Katalog, den ich kürzlich bei einem Freund in den Händen hielt, der einer Ihrer Kunden ist. Und natürlich im Internet! Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Albright, Viktor T. Albright.«
Der Herr, der sich hier so förmlich vorstellte, war ein nicht mehr ganz junger Mann, etwa Mitte dreißig, also in Davids Alter. Obwohl der Künstler nicht gerade klein war, überragte ihn der Fremde um fast eine Kopflänge. Er hatte dunkles, beinahe schwarzes, glattes Haar, das von einer silbernen Spange zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengehalten wurde. Sein Gesicht war kantig geschnitten, die Lippen schmal, die Nase spitz. Die dunkelbraunen Augen, die etwas Stechendes an sich hatten, vervollständigten das geheimnisvolle Erscheinungsbild des Mannes. Sein ganzes Auftreten war äußerst gepflegt und seine Manieren verrieten eine Weltgewandtheit, die David sofort gefiel. Der Typ roch irgendwie nach Geld und Erfolg, das spürte der Künstler schon bei dieser ersten Begegnung. Im Laufe der Zeit hatte er eine gewisse Sensorik entwickelt, die ihm mit großer Zuverlässigkeit verriet, ob sich ein beruflicher Kontakt für ihn lohnen könnte oder nicht. In diesem Augenblick läutete es geradezu Sturm in ihm, obwohl er nicht genau hätte sagen können, ob es diesmal ein günstiges Signal war oder nicht doch eher ein Alarm. Jedenfalls sprach für ihn einiges dafür, sich seinem Gegenüber ein wenig mehr zuzuwenden, um es herauszufinden.
»Sehr erfreut!«, gab David zurück, während er seinen Gesprächspartner aufmerksam musterte. »Und wofür steht das T?«, wollte er schon fragen, biss sich aber auf die Zunge. Er hielt es doch für ratsamer, nicht indiskret zu erscheinen und persönliche Fragen vorerst zu vermeiden. Also antwortete er, indem er das Thema aufgriff.
»Ja, das Internet ist gerade für uns Künstler zu einem faszinierenden Medium geworden … ein äußerst effizientes Instrument, sich eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen. Nur leider ist es nicht ganz unproblematisch. Das Niveau ist oft so schlecht, dass man sich fast schämt, ein Teil davon zu sein. In vielen Fällen ist es einfach nur geschmacklos und obszön. Kein Zensor weit und breit, der dem hemmungslosen Strom Einhalt gebietet, der aus den tiefsten menschlichen Abgründen hervorquillt und sich über den ganzen Globus ergießt. Bei jedem Buch haben wir den Lektor, den Verleger und schließlich den Rezensenten, die allesamt über seine Qualität wachen, sie überprüfen und garantieren. Hier aber fehlt leider jede Kontrolle.«
Scheinbar traf David mit dieser Bemerkung, die fast zu einem Vortrag geriet, bei seinem Gegenüber den falschen Nerv, denn dieser gab sofort zurück: »Dafür ist es aber auch sehr ehrlich, nicht wahr? Ich meine, das Internet ist vielleicht der einzig wahre Spiegel dessen, was in den Menschen wirklich vorgeht.«
»Den Menschen ihr wahres Gesicht entgegenzuhalten, ist das ein Verdienst? Wenn ja, dann ist das Internet in der Tat ein Fortschritt. Es stimmt schon, es ist ein uralter Traum, den sich die Menschheit hier erfüllt hat. Es ist die im Ansatz Wirklichkeit gewordene Vision der totalen Kommunikation und Verbundenheit. Aber es ist eben auch eine Illusion, denn der Mensch am anderen Ende der Welt … ist er uns jetzt wirklich näher gerückt? Ist er dadurch für uns erreichbarer geworden? Verstehen wir ihn jetzt besser? So leicht sind Zeiten und Räume nicht zu überwinden, fürchte ich. Der Mensch bleibt sich und allen anderen ein Rätsel, besonders dann, wenn er sich auf der gegenüberliegenden Seite des Globus befindet.«
David fühlte sich von dem Fremden intellektuell herausgefordert. Dieser nickte zwar zustimmend, doch seine Augen verrieten, dass er nicht seiner Meinung war. Um die Sache nicht unnötig eskalieren zu lassen, wandte sich David nun wieder Charlie zu, der das Gespräch interessiert verfolgt hatte, allerdings ohne sich zu äußern.
»Und was meinst du dazu?« David sah ihn fragend an.
»Ich weiß nicht so recht …«, gab Charlie unentschlossen zurück und blickte hilfesuchend in die Runde. Wie es schien, hatte er in dieser Angelegenheit keine eigene Meinung. Ohne weiter auf das Thema einzugehen, wandte er sich unvermittelt einem mittelgroßen, leicht untersetzten Herrn zu, der gerade an der Gruppe vorüberging. David schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Sein nahezu kahler Schädel war umrahmt von feinem dunklem Haar, das im Licht der Scheinwerfer seidig glänzte. In dem schwarzen Anzug, den er trug, sah er beinahe wie ein Priester aus.
»Darf ich dir Herrn Block vorstellen, den Betreiber dieser wunderbaren Galerie …«, sagte Charlie und zog den Galeristen zu sich herüber. Der ließ es geschehen und setzte wie auf Kommando ein höfliches Grinsen auf. Unter dem Vorwand, sich noch ein Glas Sekt zu holen, lies Charlie die beiden Männer mit sich allein.
Der Galerist reichte David die Hand, die sich warm und feucht anfühlte.
»Guten Abend«, grüßte David kühl und wartete gespannt darauf, was nun geschehen würde. Die ganze Situation war ihm irgendwie unangenehm.
»Herr Gruenbaum, ich habe schon seit Längerem ein Auge auf Sie geworfen. Wir sollten uns einmal zusammensetzen und über Ihre Zukunft sprechen … vielleicht können wir ja ins Geschäft kommen.« Block wirkte seltsam angespannt und nervös. Seine kleinen flinken Augen schienen Davids forschenden Blicken beständig auszuweichen.
»Ja … vielleicht. Warum rufen Sie mich nicht einmal an?«, gab David unvermindert kühl zur Antwort. Eigentlich hätte er sich über das Angebot freuen sollen, aber der Herr im dunklen Anzug war ihm irgendwie unsympathisch.
»Das werde ich. Sie entschuldigen mich jetzt. Ich muss mich weiter um meine Gäste kümmern.« Mit einem Händedruck, der sich noch feuchter als der erste anfühlte, verabschiedete sich Block und mischte sich wieder unters Volk.
David blickte in die Runde. Der geheimnisvolle Unbekannte von vorhin stand nun etwas abseits. Er war offensichtlich in Begleitung einer attraktiven jungen Dame, die ihn jetzt am Arm zu sich heran zog und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Während sie das tat, schien sie zu David herüberzublicken. Albright, der ihre Mitteilung offenbar amüsant fand, lachte laut auf und blickte ebenfalls in Davids Richtung.
Indessen hatte Charlie unablässig am Sektglas genippt und schien nun reichlich angeheitert. David erinnerte sich, dass der Freund schon früher die unangenehme Gewohnheit gehabt hatte, sich in heiklen Situationen bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken. Offensichtlich wusste er dem gesellschaftlichen Druck, den seine Künstlerexistenz auf ihn ausübte, einfach nichts anderes entgegenzusetzen. Sicher hätte er jetzt am liebsten Mäuschen gespielt und sich irgendwo verkrochen. Stattdessen aber begann er, durch den Alkohol ermutigt, mit leicht lallendem Tonfall das Lamento des verkannten Künstlers anzustimmen. Block, der mittlerweile wieder in der Runde stand, hatte ihm kurz vorher bedeutet, dass noch immer keine Figur verkauft worden war. Dies verstimmte den Künstler zusehends. Doch anstatt Haltung zu bewahren, verfiel er auf den unglücklichen Gedanken, er müsse nun endlich der Menge etwas bieten, um seinem Image als Künstler gerecht zu werden. Also begann er in die Rolle des Unterhaltungsclowns zu schlüpfen und dem anfangs amüsierten Publikum eine lächerliche Vorstellung zu geben. Wild gestikulierend schwankte er von einem zum anderen und fing schließlich sogar an, einzelne Gäste als Banausen zu beschimpfen.
David, dem dies Auftreten immer peinlicher wurde, fand, dass es nun an der Zeit war sich zu verabschieden – jedoch nicht ohne Albright und dem Galeristen Block vorher noch eine Visitenkarte überreicht zu haben. Er zog Charlie, der ihm irgendwie leidtat, beiseite und versprach ihm, sich in den nächsten Tagen bei ihm zu melden. Mit eiligem Schritt verließ er die Galerie.
Zuhause angekommen fiel David völlig erschöpft auf seine Couch. Noch ehe er seine Kleidung ablegen konnte, sank er in einen tiefen Schlaf.
Als David die Augen wieder öffnete, war es noch dunkel. Es ärgerte ihn, dass er so früh erwachte, denn eigentlich liebte er es, lange zu schlafen. Instinktiv spürte er, dass zu frühes Aufstehen am Morgen der erste Schritt in die falsche Richtung war. Am liebsten wollte er den Tag erst dann beginnen, wenn die normale Bevölkerung sich bereits die erste Pause gönnte. Immerhin gehörte dies zu den wenigen Privilegien seines Künstlerdaseins. Das Ausschlafen morgens war ein angemessener Ausgleich für die langen Abende und Nächte, in denen er sich im Atelier quälte, während andere längst auf dem Sofa vor dem Fernseher lagen.
Langsam erhob er sich, legte seine Kleider vom Vorabend ab, die unangenehm nach kaltem Rauch rochen und zog sich einen Bademantel über. Er ging zum Fenster und blickte hinaus in die Dämmerung. Aus der vierten Etage seiner Kreuzberger Wohnung wanderte sein Blick hinab in einen engen Hinterhof – ein Anblick, der in ihm wie so oft ein Gefühl von Beklemmung hervorrief. Weiter oben verstellten ihm die umliegenden Häuser die Aussicht auf die Silhouette der Stadt, und er konnte nur ahnen, wie ein leicht geröteter Saum bereits den neuen Tag ankündigte. Erstaunt beobachtete er, dass sich auf den Dächern gegenüber nach und nach eine größere Anzahl Rabenkrähen versammelte, deren Umrisse sich kaum merklich von dem noch dunklen Morgenhimmel abhoben.
Es war Frühling. Die Knospen der Kastanie, die in der Mitte des Innenhofs emporragte, begannen sich allmählich zu öffnen und den Baum in ein zartes Grün zu kleiden. Bald schon würde das kostbare Sonnenlicht wieder gedämpft durch das dichte Laub des Baumes dringen, ehe es das Innere seines Ateliers erreichte. Alles erschien dann wie in warmes, grünes Licht getaucht, natürlich auch die Bilder, an denen er arbeitete. Er liebte den Baum, obwohl er eher ein Hindernis war und ihm die Arbeit erschwerte.
Während David in der Küche seinen Morgenkaffee zubereitete, überdachte er seine jüngsten Traumerlebnisse. Auch in dieser Nacht hatte er wieder ungewöhnlich intensiv geträumt, und auch diesmal war da diese bedrohliche Gestalt in dem dunklen Umhang, die sich holzschnittartig vor einem gleißend hellen Hintergrund abhob. Diesmal trug sie eine Maske, die in zwei Hälften unterteilt war – die eine rot, die andere grün. Unendlich langsam, wie in Zeitlupe, zog die Gestalt aus dem linken Ärmel eine Spielkarte hervor, deren Bildseite sie verdeckt hielt. Gerade als der unheimliche Maskierte die Karte umdrehen wollte, war David abermals schweißgebadet erwacht. Wie am Vortag machte er sich kurze Notizen und überlegte, wie er der Sache weiter auf den Grund gehen konnte.
