Der Minister - Stefan Bošković - E-Book

Der Minister E-Book

Stefan Bošković

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Beschreibung

„Das Ministerium tötet die Künstler“. Eine Schlagzeile, die dem montenegrinischen Kulturminister Valentino Kovačević alles andere als gelegen kommt, denn es ist keine beliebige Metapher. Im Spannungsfeld zwischen einem beruflichen und einem privaten Todesfall wird der Minister herumgewirbelt – vor sich die strahlende Perspektive auf Anstellung bei einer EU-Institution, hinter sich die dunklen Mächte patriarchaler und kirchlicher Vetternwirtschaft. Auf filmische Weise werden an neun erzählten Tagen zahlreiche Facetten des literarisch noch weitgehend unbekannten kleinen Landes ausgeleuchtet und in Szene gesetzt. Auf die Ereignisse blicken wir durch die Augen des Ministers höchstpersönlich. Seine Gedanken und Gefühle, jedes Zipperlein erleben wir beim Lesen hautnah mit – und betrachten ihn trotzdem mit kritischer Distanz, während er auf den Abgrund zurast. Oder doch nur auf den nächsten Posten mit hübscher Aussicht?

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Stefan Bošković

DER MINISTER

Aus dem Montenegrinischen von

Elvira Veselinović

1. Auflage 2022 © eta Verlag Alle Rechte vorbehalten

eta Verlag | Petya LundSchönhauser Allee 2610435 Berlinwww.eta-verlag.dekontakt @ eta-verlag.de

Aus dem Montenegrinischen übersetzt von Elvira VeselinovićLektorat: Anne GrunwaldKorrektorat: Anna-Maria ReichardtGestaltung & Satz: Stefan MüssigbrodtTitelfoto: Peyker / shutterstock

Originaltitel: MinistarNova knjiga-Verlag, Montenegro 2020

Copyright © Stefan BoškovićPublished by arrangement with NOVA KNJIGA, Crna Gora. All rights reserved.

ISBN 978-3-949249-10-5

Stefan Bošković|

DER MINISTER

Die Herausgabe dieses Werks wurde gefördert durch TRADUKI, ein literarisches Netzwerk, dem das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten der Republik Österreich, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die Interessengemeinschaft Übersetzerinnen Übersetzer (Literaturhaus Wien) im Auftrag des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport der Republik Österreich, das Goethe-Institut, die S. Fischer Stiftung, die Slowenische Buchagentur, das Ministerium für Kultur und Medien der Republik Kroatien, das Ministerium für Gesellschaft und Kultur des Fürstentums Liechtenstein, die Kulturstiftung Liechtenstein, das Ministerium für Kultur der Republik Albanien, das Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien, das Ministerium für Kultur Rumäniens, das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport von Montenegro, die Leipziger Buchmesse, das Ministerium für Kultur der Republik Nordmazedonien und das Ministerium für Kultur der Republik Bulgarien angehören.

Für meine Eltern

In der Dunkelheit der Gegenwart jenes Licht wahrzunehmen, das uns vergeblich zu erreichen versucht, heißt zeitgenössisch sein. Deshalb sind Zeitgenossen so selten. Und deshalb ist Zeitgenossenschaft zunächst eine Frage des Mutes.

Giorgio Agamben

TAG EINS

Bin ich schuldig? Diese Frage verfolgt mich schon den ganzen Morgen. Lasziv, leger, lüstern, la, le, lü – In a Landscape von John Cage hallt durch den Flur zwischen Bad und Schlafzimmer. Alles ist L-förmig. Die Stellung meines Arms im Verhältnis zum Körper im seitlichen Unterarmstütz. Die Zitrone im Glas mit heißem Wasser, der Sitzsack und die Mails. Die einhundertneunundreißig Mails, die ich beantworten muss. Oberste Priorität hat Bruno Cortone. Das Gebell des Labradors dringt noch vor den gelben Strahlen zu mir durch. Vom Lavendelgeruch bekomme ich Gänsehaut am Hintern. Das ist schön. Ich übe mich in Gedankenverbannung, während das heiße Wasser auf meinen Schultern brennt. Bin ich schuldig? Im Wasserdampf kann ich meine Nase und einen Teil meiner Lippen kaum noch erahnen. Sie sind schwarz. Wie das Blut aus dem Mund der Frau. Etwas später poliere ich meine Schuhe und erkenne eine Andeutung meines Spiegelbilds in deren Silberschnabel. Meine Berater haben mir nahegelegt, zu Hause zu bleiben oder nach Polen auf ein Seminar zu fahren. Meinen Eltern habe ich kein Mitspracherecht gewährt. Ich musste eine Entscheidung treffen. Ich entscheide. Ich bin Minister.

***

Der Morgen war feucht und glänzend und dauerte länger als gewöhnlich. Saša prüfte den Reifendruck, wobei er in die glitzernden Tropfen trat und das Licht der Scheinwerfer verdeckte. Ich ruhte mit geschlossenen Augen auf dem Rücksitz. Saša rieb sich die Hände und pustete hinein, dann ließ er murmelnd den Motor an. Wir schlugen uns durch das dichte Geflecht von Altstadtstraßen, was eigentlich eine Abkürzung sein sollte. Ich nahm zwei Diazepam, doch die Aufregung ließ nicht nach. Durch das Schleudern und abrupte Bremsen verteilte sich der Druck auf die Elemente, die sich in Gewebe und Kapillaren auflösten. Als ich die Augen öffnete, war die Spannung verschwunden, und die leeren Eingeweide hüpften, wovon mir übel wurde.

– Fahr doch mal langsamer und versuch wenigstens, den Schlaglöchern auszuweichen.

Saša war schon seit acht Jahren mein Fahrer. Bevor ich Minister wurde, war ich Dekan der Fakultät für Darstellende Künste. Damals wurde mir Saša als Chauffeur zugewiesen. Als ich befördert wurde, wurde auch Saša befördert. Er bekam einen grünen Mercedes, den er liebgewann wie ein eigenes Kind. Während er sein Gesicht in Falten legte und grübelte, was er sagen sollte, rutschte ich auf dem Ledersitz herum und hoffte innerlich, er würde überhaupt nichts sagen. Er beobachtete meine schweißnasse Stirn im Rückspiegel.

– Ich bin auch angespannt – sagte Saša.

– Ich nicht – antwortete ich.

– Die Klimaanlage geht schon seit Tagen nicht mehr.

Er spielte an den Reglern herum, als könnte er so die Peinlichkeit vertreiben. Wir wussten beide, dass die Klimaanlage völlig in Ordnung war. Saša war ein loyales, ziemlich unsicheres und wohlerzogenes Geschöpf. Wie alle Fahrer verfügte er über ein hohes Maß an Menschenkenntnis. Wenn ich nicht reden wollte, schaute er im Rückspiegel nach mir, häufig, aber gerade noch kurz genug, um mir nicht zu nahe zu kommen. Während dieser stummen Momente saugte er mit dem Blick alles Unausgesprochene auf.

Wenn ich das Gebäude des Ministeriums verlasse, werden die Angewohnheiten der kleinen Leute zu den Angewohnheiten des Ministers. So wollen es die Vorschriften des Premierministers. Es werden viele Menschen, Telefone und Kameras da sein. Die Friedhofskapelle ist die dritte in der Reihe. Sie werden genug Zeit haben, mich zu erkennen und sich Gedanken zu machen, was sie mir an den Kopf werfen wollen. Lasziv, leger, lüstern, la, le, lü, ich lasse die kleinen Gewohnheiten hinter mir und schlage mich zu Kapelle Nr. 3 durch. Sie haben mich erkannt und sind in Aufruhr, Hunderte von Gespenstern rascheln mit den Flügeln, in meinen Lungen tobt ein Sturm, die Kniescheiben renken sich aus. Mit erhobenen Schultern hampele ich herum wie Pinocchio in einem Neil-Barrett-Anzug, geschlagen und naiv, bereit, vor der Tür zusammenzusacken, vor der Menge niederzuknien und zu flüstern: »Ich bin ein kniender König. Durchbohrt mich doch mit euren Hörnern und Objektiven, quetscht euch in die Schlange der Kommentierenden und reißt mir die Wirbelsäule heraus, schlagt mir auf die Seiten und den glühenden Kopf. Und vergesst bloß nicht, auch den Preis des Anzugs mit zu veröffentlichen.«

In der Kapelle ist es still und kalt. Die Anordnung und die Stimmung der düsteren Figuren auf dem glatten Boden schwanken erheblich. Als ich eintrete, verstummen die Schluchzer. Die Trauergesellschaft besteht aus sieben Frauen, sie wischen sich die Tränen ab und starren in meine Richtung. Ich stelle mich vor den offenen Sarg und schaue hinein. Ihr Gesicht ist rau, die Haut grau, etwas Blut auf den toten Lippen. Ich betrachte dieses Stück Fleisch, das weder einen Hinweis noch eine Erinnerung zulässt an die unruhigen Augen, die flinken Hände und die Geräusche, die dieser gewaltige menschliche Mechanismus einst fabriziert hat. Ich atme schwer und laut, während sich hinter mir die Menschen drängeln. Ich traue mich nicht, einen Schritt zu machen, bevor die Tränen an meiner besonders traurigen Gestalt herabrinnen. Ich hole ein Taschentuch heraus, tupfe mir elegant die Wangenknochen ab, verneige mich tief und mache einen Schritt zu den Hexen hin. Die Frauen, denen ich mein Beileid bekunde, sind schockgefrostet. Ich rechne damit, dass meine Tränen sie überraschen werden. Das tun sie auch. Am Ende des Zuges steht ihre Mutter, eine große Frau. Ein würdevolles schönes Geschöpf um die sechzig. Ich bleibe stehen und hebe zum ersten Mal den Kopf. Wir erahnen beide das Gelbe in den Augen des Gegenübers. Leise und deutlich sage ich, es tue mir unendlich leid. Sie umarmt mich ganz kurz, doch noch bevor sie sich ihrer unüberlegten Geste überhaupt bewusst wird, stehe ich schon draußen bei den Männern. Händeschütteln ist hier hoch im Kurs. Ich bemühe mich, ihnen mit der Stärke meines Händedrucks zuvorzukommen. Männer mögen die Kraft anderer Männer. Sogar, wenn sie Beileidsbekundungen von dem Mann entgegennehmen, der am Mord an ihrer Tochter beteiligt war. Ihrer Schwester. Enkelin.

***

Im Auto war es warm, meine Gedanken wurden von den Gerüchen usurpiert, die ich aus der Kapelle mitgenommen hatte. Der Klimaanlage gelang es nicht, sie mir von der Haut zu schrubben, weshalb ich das Fenster öffnete, um den Wind mit aller Wucht auf sie loszulassen. Zum dritten Mal las ich die Nachrichten von Bruno Cortone, die sich in unserem WhatsApp-Chat stapelten. Bruno hatte von dem Zwischenfall gehört und war besorgt um mein Mandat. Hals über Kopf stellte er mir alle nötigen Fragen bezüglich der Zusammenarbeit, die wir im Geheimen pflegten. Ich hatte keine Antwort vorbereitet. Ich musste mir erst Gedanken über die Situation und die Umstände machen, aber wer konnte vorhersehen, wie alles ausgehen würde, wenn es denn überhaupt Folgen gab? Nur der Premierminister, an den ich nicht rankam, bevor er mich rufen ließ. Ich musste wohl oder übel abwarten – und während ich warte, schaue ich auf die jungen Bäume, die uns überleben werden. Saša fuhr mich Richtung Cetinje, das die Einheimischen aus purer Eitelkeit Tal der Götter nannten, wenngleich es grün und duftend in den Karst eingeprägt dalag. Bei den Einwohnern von Cetinje existierte die unerklärliche Vorstellung eines großen Selbst, weshalb sie sich bisweilen sogar mit einer Gottheit gleichsetzten. Ich liebte Cetinje wegen des intensiven Geruchs der Linden und dem tiefen Schatten, doch der Frühling kam stets nur sehr langsam, weshalb ich schon mehrmals vorgeschlagen hatte, das Kulturministerium in die Hauptstadt zu verlegen. Cetinje war viel zu isoliert, mit viel Regen und viel Gerede um nichts. Das Gebäude des Ministeriums ragte am Straßenende empor. Eine Adelsresidenz, geräumig und ruhig. Sobald ich einen Schritt hinein machte, kam es mir vor, als gehörte ich zu einem Königreich, nicht dem montenegrinischen, sondern einem weitaus größeren, fraglos älteren, vielleicht halb himmlischen. Als ich einen Anruf von meinem Vater bekam, kehrte ich auf den Dornenpfad der Wirklichkeit zurück. Er rief mich jeden Tag um Punkt elf an und spulte die tägliche Routine ab. Seine ersten Sätze widmete er meiner Mutter und ihrer Gesundheit, dann fragte er auch mich, wie es mir gehe, ob meine Lunge schmerze und ob ich die Tees trinke, die er mir geschickt hat. Vorgeblich desinteressiert stellte er dann ein paar kurze Fragen über einzelne Leute aus der Partei, wobei ich ihn bereits mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass man solche Dinge besser nicht am Telefon besprach. Beleidigt endete er mit einer Randbemerkung über einen Zeitungsartikel, der von mir handele und den er angeblich zufällig entdeckt und oberflächlich gelesen habe. Dann legte ich meistens den Hörer auf, mit der billigen Ausrede, jemand sei gerade in mein Büro gekommen. Mit zwölf hatte ich aufgehört, meinen Eltern gegenüber verbale Zuneigung zu bekunden. Mit dreißig habe ich aufgehört, sie zu lieben. Jetzt bin ich zweiundvierzig. Mein Leben war sorgfältig geordnet und alles funktionierte … bis auf diesen Todesfall. Ich war besessen vom Gedanken an eine mögliche Schuld, obwohl die Situation ganz eindeutig und klar wirkte. Viel mehr noch war ich ehrlich gesagt vom Zweifel zerfressen, dass ihr Tod mein Mandat als Minister beeinflussen würde. Es gab noch zwei Menschen, die über die Möglichkeit meiner Ablösung in Sorge waren. Sie hießen Bruno Cortone und Ranko Prediš.

#memoiren #schriftsteller #literatur

Ich bin Valentino Kovačević, Kulturminister von Montenegro. Seit zweieinhalb Jahren versehe ich mein Ministeramt mit Erfolg. Mein Verhältnis zur Kultur ist ehrenhaft, da ich im Gegensatz zu einigen meiner Vorgänger beruflich aus dem Kulturbereich komme. Ich bin Diplom-Dramaturg und habe einen Magister in vergleichender Literaturwissenschaft. Das lässt auf eine prekäre Existenz schließen, nicht wahr? Meine Existenz ist aber gar nicht prekär. Die angewandte Dramaturgie hatte mir zu Stellung und Ansehen sowie einem überaus angenehmen Leben verholfen. Doch ich träumte schon immer davon, Schriftsteller zu werden. Ein scharfsinniger, zeitloser und gründlicher Schriftsteller, wie Witold Gombrowicz, Danilo Kiš oder Bruno Schulz. Die Erkenntnis, noch nicht einmal zum mittelmäßigen Schreiberling zu taugen, lähmte mich und reduzierte mein Schreiben auf Notizen, Entwürfe und Skizzen, die mich erschaudern ließen bis ins Mark. Meine Karriere als Abgeordneter schwang sich auf Kondorsflügeln empor, während sich aus den Wolken lächelnde Bekannte herausschälten. Sie waren einsichtig, leckten mir die Federn und legten mir alle das Gleiche nahe: »Schreib deine Memoiren!« Schon sehr früh spürte ich, dass mein Naturell den Menschen behagte, besonders, wenn ich nichts sagte, und ich schweige ohnehin fast immer. Vom Premierminister habe ich gelernt zuzuhören, wenngleich ich oft abschalte und in Gedanken abwesend bin, denn die Menschen, denen ich begegne, hantieren oft mit sinnentleerter Rhetorik, abgedroschenen Phrasen und Floskeln, mit denen sie dann – hübsch als Projektantrag verkleidet – an meine Ministertür klopfen. Manchmal bewillige ich ihnen die Mittel, manchmal nicht. Meine Memoiren werde ich an dem Tag veröffentlichen, an dem ich den Ministersessel verlasse, um mich vor dem Vergessen zu retten. Momentan halte ich sie noch geheim; ich habe gerade erst die sozialen Netzwerke und die Cyber-Sprache für mich entdeckt; zu sagen, dass mir die Ankündigung meiner Memoiren in Form von Hashtags enorm gefällt, wäre noch weit untertrieben.

Das Telefon riss mich aus den Gedanken. Es war Dragutin, der ehemalige Kulturminister.

– Hallo?

– Wie war’s auf der Beerdigung?

– Gut.

– Gab es irgendwelche Reaktionen?

– Nein. Ich weiß nicht, was passiert ist, nachdem ich weg war.

– Ich sitze hier gerade mit dem Premierminister zusammen.

– Sag ihm … es ist ganz gut gelaufen.

– Wie geht es dir?

– Sag ihm, dass alles ganz gut gelaufen ist.

– Ich sag’s ihm, wenn ich aufgelegt habe. Ich hab dich gefragt, wie es dir geht.

– Weiß ich nicht … wohl ganz gut.

– Am Wochenende spielen wir. Bist du mit von der Partie?

– Natürlich. Ich muss mich jetzt durch Laufen abreagieren, weißt du … eher wegen der Psyche.

– Melde dich später. Ich habe in der Juta für heute Abend einen Tisch reserviert.

– Alles klar. Wir hören uns.

Es gab zwei ehemalige Kulturminister, zu denen ich den Kontakt aufrechterhielt. Der eine kam von der Kunstakademie, der andere von der Musikhochschule. Beide waren kokainsüchtig. Sie hassten mich, denn nach ihrem Rücktritt waren sie nicht auf der Welle des Erfolgs weitergeritten, wurden auf keinen höheren Posten befördert. Wären sie wenigstens zu vollgefressenen Botschaftern geworden, die mit ihren Familien irgendwo am Ende der Welt festsaßen, die Eitelkeit wäre wohl kleiner gewesen. Doch statt eines Fortschritts waren sie in ihre dunklen Künstlerhöhlen zurückgefeuert worden, und mir blieb nur, mit dem Fernrohr nachzusehen, wie arm sie wirklich dran waren. Im Büro war es warm. Die ganze Belegschaft war still geworden, es schien, als wäre sogar das Klingeln der Telefone leiser geworden, die Beschäftigten gingen auf Zehenspitzen, ich hörte das Klopfen an der Tür kaum. Danach hörte man ein Kratzen und Kullern, wie eine Murmel, die über Holz rollt. Ja, es war Mašan Marović, mein treuester Laufbursche, der Leiter der Abteilung Kulturerbe. Eine rothaarige Feldmaus, flink und emsig kam er stets unbemerkt in mein Büro getrippelt wie ein nasses Haustier, wedelte mit dem Schwanz und versank in der Ledercouch. Pausen nahm er nie in Anspruch, er trank keinen Kaffee, lehnte Geburtstagskuchen ab, manchmal schien es, als atmete er noch nicht einmal. Er machte monotone Geräusche, wie Kinderschnarchen, und rollte dabei mit den schwarzen Pupillen, als hätte er einen ganzen Flipper-Mechanismus in den Augen. Während meines Mandats kam Mašan die Rolle eines Anhängsels zu, das mich mit Energie-Serum aufpeppte. Von seiner Arbeit verstand er fast nichts. Seine Frisur war stets mit etwas geölt, das nach industriellem Kokosfett stank, seine Anzüge trug er zwei Nummern zu klein, um seine besonders schlanke Taille hervorzuheben. Er verfügte über merkwürdige Kommunikationsmethoden. Während des Gesprächs neigte er sich stets direkt zu den Lippen des Gesprächspartners, den Blick dabei fest an dessen Augen geheftet, und sonderte dann einen leisen Wortschwall ab. Das Problem dabei war, dass es aus seinem Mund stank wie aus einer Grube voller Pferde­scheiße.

Er war sichtlich beunruhigt, ergriffen von der Tragödie, die mich ereilt hatte. Er wischte sich unablässig den Schweiß von den Handflächen und stopfte anschließend die zerknüllten Taschen­tücher in seine Hosentaschen, bis die so dazugewonnene Körperfülle in den Hüften ziemlich komisch wirkte.

– Die Beerdigung ist ruhig verlaufen.

– Ich habe kaum geschlafen, Herr Minister, ich hatte Lampenfieber, als würde ich in Ihrer Haut stecken.

– Du steckst aber nicht in meiner Haut. Halte dich bereit für unseren Ausflug morgen.

– Wo fahren wir denn hin?

– Zum Rumija-Gebirge.

– Oje. Bis ganz oben?

– Ruf Olivera an, sie soll mitkommen. Ich muss mich jetzt auf meine Arbeit konzentrieren.

Mašan sträubte sich bei Oliveras Erwähnung. Sie war die tragende Säule des Ministeriums. Man hatte mir gesagt, sie habe stoisch schon vier Minister überlebt. Fähiger als der ganze Rest der Belegschaft schleppte sie vier clevere Hexen mit sich herum, die mit ihrer Magie dafür sorgten, dass die Kultur nicht in völliger Finsternis versank. Sie war teuflisch schön. Sie glich einer See-Elfe, mit spitzen Ohren, langen Haaren und kräftigen Schultern, die krampfhaft den Thron verteidigte. Mir war das Gerücht zu Ohren gekommen, wir seien ein leidenschaftliches Liebespaar, obwohl wir bisher noch nicht einmal geflirtet hatten. Wann immer eine Frau den Rahmen der Mittelmäßigkeit verließ, dichtete man ihr umgehend eine Affäre an, durch die sie angeblich nach oben gekommen oder dort geblieben war. Die in Stein gemeißelten Regeln des Patri­archats schrieben vor, dass Absprachen stets ausschließlich von Männern getroffen wurden, und ich hielt mich eisern daran. Deshalb musste ich das unfähige Nagetier Mašan stets bei mir führen und wegen jeder neuerlichen Dummheit, die er von sich gab, Schweißausbrüche bekommen.

Olivera betrat den Raum mit einem Papierstapel unter dem Arm. Derzeit lief eine Antragsfrist für die Kofinanzierung von Projekten und Programmen von Bedeutung für das öffentliche Interesse für Kunst- und Kulturschaffende im Jahr 2020. Sie knallte den Stapel auf den Tisch.

– Olivera, ich bitte dich. Was hast du mir zu sagen? Ich muss jeden einzeln empfangen.

– Wenigstens müssen Sie keine Projektanträge lesen.

– Manchmal würde ich lieber das tun.

Im Prinzip war die Tatsache, dass gesonderte Treffen anberaumt waren, um die Antragsunterlagen der Künstler und Unternehmer genauer zu sichten, bereits der Beweis für die gesamte Unzulänglichkeit der künstlerischen Öffentlichkeit, die unfähig war, die elementaren bürokratischen Hürden zu nehmen, obwohl wir diese in Sachen Klarheit längst auf das Niveau von Höhlenmenschen heruntergeschraubt hatten. Auf der anderen Seite wollten die Antragsteller mich unbedingt sehen und sich zusätzlich demütigen, indem sie ihre jämmerlichen Lebensgeschichten vor mir ausbreiteten, während sie um Geld bettelten. Olivera stürmte an Mašan vorbei, als wäre er unsichtbar. Er hüpfte und reckte sich auf, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er war sogar zu dumm, um Nichtbeachtung zu bemerken.

– Mašan, danke dir, du kannst gehen. Stell die nötigen Unterlagen für morgen zusammen und dann sehen wir uns in der Frühe.

– Na klar.

Missmutig ging er aus dem Zimmer und murmelte etwas in seinen Bart. Olivera rückte ihren Stuhl näher heran und breitete die Papiere aus. Sie sortierte sie nach Bereichen. Ich aktivierte den peripheren Winkel und beobachtete sie. Sie war angespannt und abwesend. Augenblicke, in denen sie ihre unterdrückte Unzufriedenheit offen zeigte, waren in der Tat sehr selten. Ihre Stärke bestand exakt in der Bereitschaft zum offenen und direkten Kampf, im haarscharfen Erkennen von Problemen und Finden langfristiger Lösungen. Hinter jedem ihrer Vorschläge konnte man eine klare Haltung erahnen. Deshalb schätzte man sie, obwohl an jeder Ecke über sie hergezogen wurde. Über ihr Privatleben wusste ich wenig. Den Ehemann und den zwölfjährigen Sohn kannte ich nur vom Sehen. Ich hielt Distanz zu ihr, auch um sie vor dem bösen Klatsch zu schützen, wir hätten eine Affäre. Stillschweigend war sie mir dafür dankbar. Sie analysierte die Projekte, und je länger sie das tat, desto unaufmerksamer hörte ich ihr zu. Ich konzentrierte mich auf ihre Aussprache, das Beben in ihrer Stimme und ihre Blickrichtung. Sie wirkte wie ein verstimmtes Instrument, dessen Saiten gerade rissen.

– Gibt es irgendein Problem, etwas, das ich wissen müs­ste? – unterbrach ich sie.

Sie schwieg, den Blick weiterhin auf den Tisch gerichtet. Langsam hob sie den Kopf.

– Warum haben Sie nicht auf mich gehört? Ich hatte mehrmals ausdrücklich betont, Sie sollten lieber nicht an dieser Performance teilnehmen.

– Ich hatte das Bedürfnis, die Einladung anzunehmen.

– Die junge Frau wäre jetzt noch am Leben! Sie sind Minister, Ihre Rolle ist die eines Managers, Ihre Aufgabe die Entwicklung einer Strategie für die Kultur, nicht die Teilnahme an Performances. Sie sind kein Künstler, Sie sind Minister. Da Sie beschlossen haben, diese Funktion auszuüben, sollten Sie nicht unbefugt irgendwelche künstlerischen Räume betreten.

Sie stand abrupt auf und sammelte die Zettel ein. Ich war überrumpelt, unfähig zu einer Antwort. Sie atmete schwer. Sie bat nicht um Erlaubnis zu gehen, sondern spazierte einfach grußlos davon. Noch mehr Scheiße auf dem großen Haufen! Ich lockerte die Krawatte und drehte den Stuhl zum Fenster. Die Sonne brannte in meinen Augen, doch ich wollte sie nicht schließen. Ich schaute zum Licht, mottenkugelartige Flecken tauchten auf dem weißen Hintergrund auf wie Blasen im heißen Pudding. Sie hatte Recht. Diese Gebiete waren für mich tabu. Und die Performance war sowieso doof. Eher noch hätte ich einwilligen sollen, in einer Zirkusnummer mit Bajonetten auf montenegrinische Dichter zu zielen.

#montenegroart #performance #tod

Die Nacht ist schwül, getränkt mit dem Duft von feuchtem Laub. Die klebrige Luft erschwert das Atmen. Ein morastiges Lüftchen weht vom Flussbett der Ribnica herüber. Die Szenografie ähnelt einem Viehmarkt in grellen Farben, abgenutzte Gegenstände, aggressiv für das Auge, aus Baumstämmen geschnitzte Hintern und Brüste, keine Skulpturen mit Landschaftselementen in Galerien, sondern Halbformen wie von der berühmten Marjorie Strider, gewaltsam in die Materie zurückgepfropft, der sie entrissen waren, montenegrinische Polizistinnen, gemalt wie Theaterkulissen, Stacheldraht, gefällte Bäume, beschmiert mit Aluminiumfarbe, Chrom, mit Helium gefüllte Emojis, Obst in intakter Zellophanverpackung, der Beamer zeigt Sharon Stone mit dem Kopf eines Reptils, wie sie die Beine im motorischen Instagram-Boomerang kreuzt, aus den versteckten Boxen rollen dumpfe unhörbare Doo-Yun-Sequenzen heran. Das Publikum ist leise, wie wir beide. Wir sitzen in einer Entfernung von vier Metern und starren einander an. Ich habe eine Harpune in der Hand, gespannt bis zum Geht-nicht-mehr. Auf ihr Herz gerichtet. Dann feuert sie aus ihren winzigen Lungen Verse ab. Ich erkenne Njegoš. Die Heldensprache ist in Heldinnensprache transformiert. Sie kombiniert sie mit einer beunruhigenden Melodie auf der Querflöte. Sie versucht mich zu provozieren, aber die Performance ist nicht stimmig. Ich fühle nichts, bis auf ermüdende Langeweile. Das gespannte Seil lässt nach, die Stränge knistern. Jetzt kommt ein Crescendo, dann tritt auch in den Muskeln Erleichterung ein, das Seil löst sich, die Harpune fliegt auf sie zu. Mit Leichtigkeit schließe ich die Augen. Im Publikum ein Schrei, auf der Bühne ein ersticktes Stöhnen. Dunkelheit. Sie ist tot.

Mir war klar, warum Olivera so aufgebracht war. Die Nachricht hätte viel mehr mediale Aufmerksamkeit erregt, hätte es aus irgendeinem Grund einen Mann erwischt. Mein Vater rief wieder an, mit der kurzen Bemerkung, meine Mutter wolle mich sehen. Heute hatte ich keine Lust zu arbeiten, und alle hatten Verständnis dafür. Bis Podgorica sprachen Saša und ich kein Wort.

#memoiren #vatermutter #herkunft

Vater und Mutter lebten in einer Dreizimmerwohnung in der Altstadt. Es handelte sich um ein für das Militär erbautes Wohnhaus von 1962, in das die Großeltern nach Großvaters Abkommandierung gezogen waren. Er war ein hoch angesehener Kommissar der Partisaneneinheit. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sie in Ljubljana gelebt, dann in Zagreb, Belgrad, Novi Sad. Nach einem Streit mit einem General in Belgrad sagte Großvater laut und deutlich, er wolle ins ehrenhafte Montenegro zurückkehren. Er war ein großer schweigsamer Mensch von gehobener Bildung. Seine letzten Jahre verbrachte er in konsequenter Stille, bis wir ihn in Grahovo begruben. Unser Haus im Dorf ist schon längst dem Erdboden gleich, er selbst hatte dies angeordnet. An die Kindheitstage in der strahlenden Schlucht kann ich mich kaum noch erinnern. Das Schicksal von Kriegsveteranen war von geschlossener Form, ein antiker Kreislauf, der alle begangenen und ausgesprochenen Sünden und Wünsche vollendete. Geboren und aufgewachsen war er als Waise in einem Steinhaus am Fuße des Milašev vrh. Er glaubte an das Schicksal eines weitverzweigten Stammbaums, war der Meinung, die Säule der Ahnen könne in diesem Epizentrum nicht bestehen. Mit ein paar Verwandten zerhaute er tagelang Stein um Stein, sie verteilten die Steine auf dem Geröllacker und schworen sich, dass an der Stelle des alten Hauses nie wieder ein neues erbaut werden würde. Dieser Schwur wurde vom Großvater auf den Vater und vom Vater auf mich übertragen.

Mutter schnarchte auf dem Sofa. Vater und ich rauchten schweigend.

– Wie geht es dir?

– Ich bin erschöpft.

Wir schwiegen weiter, während sich der weiße Rauch in den Sonnenstrahlen kräuselte.

– Du hättest in Erfahrung bringen müssen, woher sie stammt. Sie hieß doch Tatar. Bei denen im Stamm gibt es noch Hinweise auf Blutrache, wenn auch vor langer Zeit.

– Papa, wir sollten die Vergangenheit ruhen lassen.

– Es gibt aber nur die vergangenen Zeiten. Alles ist wie vor einer Million Jahren. Bis auf deine Anzüge …

– Wollen wir jetzt über meine Anzüge reden?

– Ich sage ja nur, dass sie auffällig sind.

Er nahm einen Ordner vom Tisch, auf dem Stankas Pilz-Lexi­kon stand.

– Ich habe dich wegen etwas anderem angerufen. Könntest du mich mit irgendeinem Verleger in Kontakt bringen? Ich würde diese Arbeit gerne veröffentlichen, bevor … du weißt schon … bevor Stanka und ich gehen müssen.

Ich nahm den Ordner. Er war voller Zeichnungen, gepresster Pilze und unverständlicher Notizen. Mein Vater war ein großer Pilzkenner, ein bedingungsloser Anhänger des Myko­logen Ivan Focht. Er versuchte, den Exemplaren im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien Charakter zu verleihen und so ein Elfen­reich essbarer und giftiger Individuen zu kreieren. Meine Mutter hatte Vaters Hobby noch nie wirklich etwas abgewinnen können. Sie krakeelte bei langen Ausflügen ständig etwas von sinnlos vertändelter Zeit. Die Sorten, die Vater mit präzisen Menüvorstellungen mit nach Hause brachte, landeten meistens im Mülleimer. Das Einzige, womit er die angespannte Atmosphäre etwas aufzulockern verstand, waren sorgfältig arrangierte Sträuße gelber Blumen, die er Mutter immer mitbrachte. Nach seinem letzten Herzinfarkt war ihm ein Fahrverbot verhängt worden, und ich hatte sowieso längst aufgehört, ihn auf seinen Tagesausflügen zu begleiten. Ich blätterte unkonzentriert in dem Herbarium herum.

– Soll das Kinderliteratur sein?

– So ungefähr – sagte er missmutig.

– Das kommt nicht durch. Illustrationen sind teuer.

– Der Stoff ist sehr interessant, Valentino. Und lehrreich! Die Menschen meiden Pilze ja nur, weil sie nichts über sie wissen.

Er zog eine Grimasse und schaute zur Seite. Dies war eine der herablassenden Gesten, deretwegen ich es mied, die beiden zu besuchen. Ich drehte mich zu meiner Mutter und rüttelte sie.

– Lass sie doch, sie ruht sich aus.

– Hast du nicht gesagt, sie will mich sehen?

– Wahrscheinlich hat sie vergessen, weshalb sie dich angerufen hat.

Mutter war von meiner Berührung aufgewacht. Sie stand abrupt auf und begann, hektisch irgendwelche Dinge auf dem Tisch zu ordnen.

– Verzeihen Sie die Unordnung, mein Herr. Wir haben nicht mehr so oft Besuch. Božo, warum hast du mir nicht rechtzeitig mitgeteilt, dass wir Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommen?

Mutter hatte seinerzeit wegen des Kredits, der die Hypo­thek bediente, eine richtige Obsession mit Bänkern und Zwangsräumung entwickelt. Sie eilte in die Küche, um Gebäck zu holen. Vater sagte unsicher, wir sollten vielleicht bald mal ins Dorf fahren, wenn ich die Zeit dafür hätte. Meine Hände schwitzten, ein sicheres Zeichen, dass ich jetzt besser aufbrechen sollte. Ich ging in die Küche und küsste die faltige Stirn meiner Mutter. Ihre Lippen verformten sich zum Balg eines Akkordeons, ihre Augen zogen sich vor Scham zusammen. Trotz allem nahm ich Vaters Ordner mit und verschwand durch die hintere Küchentür.

#mutter #literatur

Meine Mutter ist dement, schon seit Jahren. Sie ist der einzige Grund, meine Eltern noch zu besuchen, auch wenn sie mich nur in den seltensten Fällen erkennt. Das Einzige, was ihre Aufmerksamkeit noch fesselt, ist der Fernsehsender Pink mit der Realityshow Zadruga (Die Genossenschaft), an der fünfzig Menschen teilnehmen und mit üppigem Geschwätz eine Kakophonie irritierender Stimmen schaffen. Bach, Altman und der TV-Oligarch Željko Mitrović, in den Extremen liegt so viel Ähnlichkeit, dass mir für einen Moment bewusst wird, wie zauberhaft und wie unbarmherzig zugleich die Welt doch ist. Drei Medien, inhaltlich unvereinbar, bewegen sich durch die Form der Fuge. Im Gegensatz zu den Filmen Robert Altmans, in denen verschiedene Geschichten niemals am Punkt des Zusammenstoßes angelangen, wird der Konflikt in der Zadruga