Der Moment Deines Lebens - Ulrich Kellerer - E-Book

Der Moment Deines Lebens E-Book

Ulrich Kellerer

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Beschreibung

Was sind die wichtigen Momente des Lebens? Eine persönliche Niederlage. Berufliches Scheitern. Der Tod eines geliebten Menschen. Das Zerbrechen einer Ehe. Der Verlust des Arbeitsplatzes. Wie schafft man es, wieder aufzustehen - und am Ende sogar das Beste daraus zu machen und glücklich weiterzuleben? Die Begegnung mit der großen Liebe. Das Geschenk unerschütterlicher Freundschaft. Ein zutiefst bewegendes Ereignis, das ans Wundersame, ja Unmögliche grenzt. Wie kann man darin auch eine Chance für die persönliche Entwicklung sehen - und vor allem nützen? Ulrich Kellerer hat bei vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen deren Geschichten aufgenommen und dabei jenen Momenten nachgespürt, in denen sich oft ein ganzes Leben verändert. Es sind wahre Geschichten von Menschen, die durch Krankheit, Tod oder Unfall schweres Leid erfuhren und ihren persönlichen Weg durch diese Prüfung meisterten. Die trotz schwerer Lebenskrisen das Gute oder das Glück neu für sich definieren. Aber auch Geschichten voller Liebe und zauberhafter Momente, die unser Innerstes berühren. Daraus ist dieses Buch entstanden: Eine inspirierende Sammlung von Biografien ganz gewöhnlicher Menschen, die sich nicht entmutigen ließen, sondern sich dem Leben positiv zuwandten. 'Meine Motivation, dieses Buch zu schreiben, zog ich aus den zahlreichen Gesprächen, die ich mit so vielen Menschen geführt habe. Dabei wurde mir klar, dass eigentlich jeder diesen magischen Moment erlebt hat, in dem sich alles in seinem Leben änderte. Und wer es noch nicht erlebt hat, der hat es noch vor sich ...' Ulrich Kellerer

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Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mit einem Vorwort von Jack Canfield, Autor der Weltbestseller-Buchreihe »Hühnersuppe für die Seele«®

Über den Autor:

Nach dem Gymnasium ging Ulrich Kellerer für einen sechsmonatigen Arbeitsaufenthalt nach Frankreich. Seit dieser Zeit gehören das Reisen, das Kennenlernen fremder Länder, das Sammeln neuer Eindrücke und der Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen zu seinen großen Lebenspassionen.

Er begann seine berufliche Laufbahn in der Modebranche in den frühen 1980er Jahren. Sein herausragendes verkäuferisches Talent und seine charismatische Persönlichkeit bildeten die Basis für seine fulminante Karriere als Vertriebs- und Produktmanager, später als CEO und Teilhaber verschiedener exklusiver Modemarken, bis hin zur Gründung eines eigenen Unternehmens.

2012 besuchte Ulrich Kellerer ein Seminar mit Steve Harrison in Philadelphia und machte dort Bekanntschaft mit dem US-Bestsellerautor Jack Canfield, der ihn dazu ermutigte, Bücher zu schreiben. Die Idee zu Ulrich Kellerers erstem Buch »It’s all about fashion« entstand – es war der Auftakt zu einem ganz neuen Lebensabschnitt: Kurz darauf entschloss er sich, seiner Berufung zu folgen und sich fortan ganz dem Schreiben von Büchern zu widmen.

Im Jahr 2013 hat Ulrich Kellerer in einem Seniorenheim, in dem bis vor wenigen Monaten seine Mutter lebte, einen Literaturkreis etabliert: Er liest dort bis heute einmal pro Woche ehrenamtlich für die Bewohner!

Dieses Buch ist meinem Zwillingsbruder Thomas gewidmet, der nur zwanzig Minuten vor mir das Licht der Welt erblickte.

In nur einem einzigen Augenblick hat sich sein Leben vollständig verändert.

Mögen ihm und meinem Bruder Ralf sowie meiner Mutter und meinem Vater neue Dimensionen offenstehen, bis wir uns eines Tages wieder begegnen.

INHALT

VORWORT

Das ist es, worum es im Leben geht: Veränderung … von Jack Canfield

EINFÜHRUNG

Ein einziger Moment kann dein Leben verändern! von Ulrich Kellerer

Der letzte Sprung von Stefan F.

Eine unvergessliche Nacht in den Bergen von Karen P.

»Du kannst arm sein, aber sei niemals armselig ...« von Helene von Q.

Alles hat sein Gutes von Frank C.

Der glücklichste Moment meiner Ehe von Sabina F.

Eine außergewöhnliche Begegnung von Oliver S.

Vier beste Freunde von Lisa N.

Eine Entscheidung von enormer Tragweite von Richard A.

Es war das Jahr 1954 von Maria P.

Phönix aus der Asche von Loui Zinnober

Gib dich niemals auf! von Anna D.

Ein unglaublicher Fund von Paul B.

Es gibt nur einen Vater von Petra T.

Ein neuer Horizont von Rita C.

Notruf des Herzens von Mark T.

Von der Enge zur Weite von Erika S.

Mein amerikanischer Traum von Franz W.

Ich war »das Opfer« von Linus R.

Eine Erfahrung, die alles auf den Kopf stellt von Hans F.

Man sollte nie nie sagen von Theresa V.

Meine wunderbare Heilung von Barbara R.

Eine einzige Entscheidung kann ALLES verändern von Greg J.

It’s My Life! von Roger Z.

Der Alptraum jedes Piloten von Roch R.

Mein zweites Leben von Gerry W.

Diese eine Chance bekommt man nur einmal geboten ... von Romy K.

SCHLUSSWORT von Ulrich Kellerer

DANKSAGUNG

VORWORT

Das ist es, worum es im Leben geht: Veränderung …

von JACK CANFIELD, Autor der Weltbestseller-Buchreihe »Hühnersuppe für die Seele«®

Fast mein ganzes Leben lang beschäftigt mich schon die Frage, wodurch erfolgreiche Menschen erfolgreich sind. Machen sie etwas anders als andere? Sind sie klüger, schneller, rationaler, organisierter, kreativer, begabter – oder einfach »Glückspilze« oder »vom Schicksal begünstigt«?

Aber was ist das überhaupt: Erfolg? Bedeutet das Wort nicht für jeden etwas anderes? Leider neigen wir häufig dazu, Erfolg ausschließlich als Erfolg im Beruf wahrzunehmen. Oder vielleicht gerade noch als Erfolg beim anderen Geschlecht.

Ganz grundsätzlich betrachtet, stellt es sich für mich so dar: Erfolgreiche Menschen reagieren meist positiver und aktiver auf Veränderung als andere. Oft führen sie Veränderungen auch selbst herbei. Klingt simpel, nicht wahr?

Wie aber soll man mit einer Veränderung umgehen, die innerhalb weniger Momente in unser Leben eingreift und es auf den Kopf stellt? Was nützen uns dann zum Beispiel all die großartigen Methoden und Techniken des »Change Management«?

Wenn uns Rückschläge beruflicher oder privater Art den Boden unter den Füßen wegziehen. Wenn durch einen Todesfall oder eine Trennung in unserem Leben von einer Sekunde auf die andere nichts mehr so ist wie zuvor. Was sollen wir tun, wenn uns aus heiterem Himmel unsere große, schicksalhafte Lebensliebe begegnet – und wir vielleicht gar nicht bereit sind für sie? Oder wenn ein spektakulärer Erfolg uns zwar beglückt, aber uns ungewollt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, uns fordert oder uns zwingt, unsere Lebensumstände dramatisch zu ändern?

Vor einigen Jahren machte ich in Philadelphia während eines Seminars die Bekanntschaft von Ulrich Kellerer, der mir auf Anhieb sympathisch war und mich durch die Ernsthaftigkeit und Offenheit beeindruckte, mit der er mir aus seinem Leben erzählte. Und was für ein Leben dieser Mann führte! Extrem erfolgreicher Modeunternehmer, mitfühlender Sohn und hingebungsvoller Ehemann sowie sozial engagierter Mitbürger gleichermaßen.

»Ulrich the German«, wie wir ihn auf dem Seminar respektvoll und mit einem Augenzwinkern nannten, gewährte mir Zugang zu seinen Gedanken, Überzeugungen und Zielen, die mir einigen Respekt einflößten. Ich empfahl ihm schließlich eindringlich, seine Lebensthemen in Buchform zu gießen und anderen Menschen zur Inspiration zugänglich zu machen.

Ich bin stolz darauf, dass Ulrich meinem Rat nicht nur vertrauensvoll gefolgt ist, sondern dass er seinen Lesern gerade dieses großartige Thema anbietet: Ein einziger Moment kann dein Leben verändern!

Das Buch von Ulrich Kellerer, das Sie, liebe Leserin und lieber Leser, hier in den Händen halten, kann Ihr Leben verändern. Ulrich hat erstaunliche Geschichten von ganz normalen Menschen für uns gesammelt, zusammengestellt und feinfühlig kommentiert. Dies ist ein Schatzkästchen, ja fast schon eine literarische Therapiestunde.

Es geht in Ulrichs Buch um Menschen, deren Leben sich innerhalb weniger Momente teilweise dramatisch verändert hat. Und vor allem geht es darum, wie die Veränderungen angenommen wurden – manchmal aus vollem Herzen, manchmal beglückt, manchmal auch nur widerwillig oder sogar unter Qualen. Aber in allen Fällen zeigt sich, dass der aktive Umgang mit der Veränderung das Leben unterm Strich mindestens bereichert, oft aber um ein Vielfaches verbessert hat.

Ulrich Kellerer hat für uns Geschichten ausgewählt, die gleichermaßen unser Herz und unseren Verstand ansprechen. Die uns ermutigen, uns Trost spenden, uns zum Nachdenken bringen, uns inspirieren. Und die uns vor allem zeigen, dass wir mit unseren Problemen nicht allein sind.

Denn in jeder Veränderung einer Lebenssituation liegt eine Chance. Für jeden von uns!

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, ein glückliches Leben.

Herzlich,

Ihr Jack Canfield

Herbst 2016

EINFÜHRUNG

Ein einziger Moment kann dein Leben verändern!

von ULRICH KELLERER

Wir leben in einer Zeit, in der sich das Leben so rasant entwickelt wie nie zuvor. Geschwindigkeit scheint oberste Maxime zu sein. »Noch schneller, noch weiter, noch höher!« – so definieren wir unsere Ziele. Kaum finden wir die Zeit oder gar die Muße, innezuhalten und nachzudenken, woher wir kommen und wohin wir wollen. Was ist wirklich unsere Bestimmung in diesem Leben, auf dieser Welt?

Sind es tatsächlich die materiellen Dinge, die uns glücklich machen? Hat der Einzelne die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Sind uns nicht allen bestimmte Fähigkeiten gegeben, unser Leben lebenswert zu führen? Verfügen wir nicht alle über Intuition, eine innere Stimme und ein Gespür dafür, was richtig und was falsch ist?

Meine Motivation, dieses Buch zu schreiben, bestand in den zahlreichen Gesprächen, die ich mit so vielen Menschen geführt habe. Dabei wurde mir klar, dass jeder über eine ganz persönliche Geschichte verfügt und diesen Moment erlebt hat, in dem sich alles in seinem Leben änderte.

Die wichtigste Fähigkeit des Menschen ist die Fähigkeit zur Kommunikation, und wir alle sollten unsere Geschichte erzählen, um anderen Menschen zu helfen, sie zu inspirieren und zu motivieren.

Bei allen in diesem Buch geschilderten Erlebnissen handelt es sich um wahre Geschichten. Es sind Geschichten von ganz normalen Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft. Und hier beginnt meine Geschichte:

Unser Zuhause war der Bauernhof im Voralpenland von Bayern, der schon seit Generationen von unserer Familie bewohnt und bewirtschaftet wurde. Mein Vater war Reporter und Redakteur bei einer lokalen Tageszeitung. Meine Mutter widmete ihre gesamte Zeit und Liebe den drei Söhnen, meinem großen Bruder und uns Zwillingen, von denen ich der jüngere war.

Mein Vater hatte nie Ambitionen, den Bauernhof einmal zu übernehmen, und so zogen wir schließlich in eine Kleinstadt in Bayern. Unser Leben war harmonisch und meine ersten Jahre im Kreis der Familie sehr behütet. Bis zu dem Moment, in dem sich alles änderte.

Mein Zwillingsbruder Thomas und ich mussten im Alter von vier Jahren zur Schluckimpfung gehen, das war damals nicht nur üblich, sondern für alle Kleinkinder verpflichtend. Was von den Ärzten jedoch tragischerweise nicht erkannt wurde: Thomas befand sich in der Inkubationszeit einer Masernerkrankung, und der daraus folgende Impfschaden verursachte bei ihm eine Epilepsie und machte ihn zum geistig behinderten Menschen.

Anderthalb Jahre Klinikaufenthalte in der großen Stadt München musste Thomas überstehen. Unsere Mutter versuchte, so oft wie möglich bei ihm zu sein. Mit der Bahn oder per Anhalter war sie dann immer den ganzen Tag unterwegs. Thomas konnte nicht begreifen, was geschehen war, und warum ihn seine Mami nicht nach Hause holte.

Die Ärzte gaben ihm keine Chance. Er werde niemals einen Kreis zeichnen können, geschweige denn lesen und schreiben lernen.

Aus dieser Not heraus und um andere betroffene Familien zu unterstützen, gründeten meine Eltern eine gemeinnützige Initiative: die »Lebenshilfe e. V. für geistig und körperlich behinderte Kinder« in Rosenheim.

Anders als die Ärzte, von denen keiner an eine Besserung glaubte, gab unsere Mutter nie auf: Ihr war es zu verdanken, dass Thomas alle Hilfe und Unterstützung bekam, die er benötigte. Sie war es auch, die ihn so weit brachte, dass er schließlich sogar lesen und schreiben lernte. Regulärer Schulunterricht kam allerdings für ihn nicht in Frage, und so wurde er in einer Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder mit einer angeschlossenen »beschützenden Werkstatt« unterrichtet, wo nach der Schulausbildung auch ein handwerklicher Beruf erlernt werden konnte.

Mein Zwillingsbruder begriff schon früh, dass sein Leben sich ohne eigenes Zutun von einem Moment auf den anderen komplett verändert hatte. Seine Brüder gingen ganz normal zur Schule, hatten Freunde und Freundinnen und konnten all die Dinge haben, von denen er nur träumte. Es war sehr schmerzhaft für ihn, erkennen zu müssen, dass so ein Leben nicht für ihn bestimmt war.

Doch wie immer fügt sich der Mensch, und man war dankbar für die positiven Momente.

Aber ich möchte noch eine weitere Geschichte erzählen – es ist meine eigene. Und auch hier geht es um Geschehnisse, die mein Leben auf einen Schlag verändert haben und bis heute in mir nachwirken.

Als ich sechzehn Jahre alt war, erkrankte mein Vater, der täglich sechzig Zigaretten rauchte. Die Diagnose: Kehlkopfkrebs. Er musste operiert werden, und man entfernte ihm dabei den kompletten Kehlkopf. Als ich ihn kurz nach seiner Operation besuchte, wollte mein Vater sich irgendwie verständlich machen. Er versuchte zu sprechen, doch es kam nur Luft aus dem Loch in seinem Hals, und er war wütend und aufgebracht, weil ich ihn einfach nicht verstehen konnte. Für ihn und mich war dies wohl einer der schlimmsten Augenblicke im Leben.

Heulend und am Boden zerstört, rannte ich durch die Krankenhausflure zum Ausgang. Am nächsten Morgen dann lag ich im Bett und betete zu Gott, er solle mich doch schon zu Lebzeiten ein paar Sünden büßen lassen. Ich wolle einen Beitrag leisten und meinem Vater irgendwie einen Teil seiner Schmerzen abnehmen.

Anschließend brach ich wie jeden Tag in die Schule auf und vergaß mein Gebet. Doch auf dem Weg quälten mich plötzlich extreme Bauchkoliken, und ich war nicht einmal mehr in der Lage, aufrecht zu gehen. Mehr oder weniger auf allen vieren kroch ich die Straße entlang, und kurz vor der Schule riefen meine Kameraden dann den Notarzt. Ich vermutete eine Blinddarmentzündung. Ein Krankenwagen brachte mich in die Notaufnahme, meine Mutter kam herbeigeeilt, und dann mussten wir drei Stunden lang auf die Diagnose warten: Entzündung der Bauchspeicheldrüse!

Die Ärzte wollten mir starken Alkoholkonsum unterstellen, doch meine Mutter wehrte sich bis zum Äußersten und beharrte zornig, dass dies auf keinen Fall der Grund sein könne. Die Schmerzen waren unerträglich und man brachte mich endlich auf die Intensivstation. Das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, waren sieben Ärzte, die mich umringten. Mein Kiefer sprang aus dem Gelenk, ich lallte wie ein Baby und fiel ins Koma.

Was dann folgte, war das schönste Erlebnis meines jungen Lebens. Farben, die ich nie zuvor gesehen hatte, erschienen mir, und ich hörte eine Musik, die es auf Erden nicht gab. Dann gelangte ich an ein Tor, wo eine Stimme mich fragte, ob ich durch das Tor kommen oder lieber auf die Erde zurückkehren wolle.

Ich wusste sofort und ohne jeden Zweifel: Das musste Gott sein. Ein unendliches Glücksgefühl durchströmte mich. Unbedingt wollte ich durch das Tor gehen – aber ich war erst sechzehn Jahre jung! Und ich musste doch meinen Eltern und meiner Freundin von diesem überirdischen Erlebnis berichten. Also entschied ich mich dafür, ins Leben zurückzukommen.

Für die Ärzte glich es einem medizinischen Wunder, als ich nach vier Tagen wieder aus dem Koma erwachte. Sie hatten meiner Mutter bereits dringend empfohlen, alles für die Beerdigung vorzubereiten, da sich die Bauchspeicheldrüse als einziges Organ sozusagen »selbst verdaut«, wenn sie so akut entzündet ist wie in meinem Fall.

Kurz darauf wurde ich aus der Klinik entlassen und genoss mein neues Leben in vollen Zügen. Doch dann hatte ich plötzlich immer wieder Träume, die von Unfällen und Todesfällen handelten – und die sich alle bewahrheiteten.

Da gab es diese Déjà-vu-Gefühle kurz vor Unglücksfällen, immer wusste ich: Jetzt wird gleich etwas passieren. Bald schon wurde ich wegen dieser Ahnungen und Vorhersagen im Bekanntenkreis zum Außenseiter. Meine Freunde distanzierten sich mehr und mehr von mir, ich war ihnen unheimlich. Zuerst scherzhaft, dann immer feindseliger forderten sie: »Träum ja nicht von mir!«

Ich kam damit überhaupt nicht klar. Ich wollte doch ein ganz normales Leben führen, wollte sein wie alle anderen! Also unterdrückte und negierte ich meine beunruhigenden Fähigkeiten und hörte auf, meine Träume aufzuschreiben und zu analysieren.

Nach dem Abschluss meiner Ausbildung zum Kaufmann ließ ich mich für ein halbes Jahr an einen Auslandsstandort meiner Firma versetzen, um dort zu arbeiten, und vor allem auch, um auf Distanz zu Deutschland – und zu meiner Spiritualität – zu gehen.

In Frankreich war ich in dem Unternehmen dafür verantwortlich, die Papiere für Lebensmittel auszustellen, die dort produziert wurden. Nachdem ich festgestellt hatte, dass die meisten dieser Lebensmittel mit Wasser gestreckt wurden, bat ich um ein Gespräch bei meinem deutschen Arbeitgeber. Dort versicherte man mir, dass dies alles legal sei und Frankreich eben andere Gesetze habe. Ich verdiente doch gutes Geld, bekäme eine Prämie und hätte sogar eine Firmenwohnung zur Verfügung …

Aber ich konnte das alles nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, und so kündigte ich und war zum ersten Mal im Leben arbeitslos. Die Wohnung in Frankreich räumte ich an einem Wochenende aus und wurde sofort von der Firma freigestellt.

Damit begann die Phase der Bewerbungen. Die Welt der Mode bewunderte ich schon lange, und es war mein großes Ziel, in der Modebranche eine Beschäftigung zu finden.

Kurz drauf erhielt ich den Tipp eines Freundes, dass der Chef der Firma »Marc O’Polo« eine zweite Bekleidungskollektion mit Jeans aus Italien vertreiben wolle und noch Vertreter für die einzelnen deutschen Bundesländer gesucht würden. Also bewarb ich mich für das Gebiet Bayern – und wurde eingestellt.

Finanziell war es ein Rückschritt. Da ich jedoch keine Erfahrungen in der Textilbranche hatte, musste ich ganz unten auf der Karriereleiter anfangen. Und so verbrachte ich meine dreimonatige Probezeit im Lager. Mein Chef erkannte schon bald, dass ich sein bester Lagerarbeiter war, und gab mir die Möglichkeit, mit einem langjährigen erfahrenen Handelsvertreter zu Kunden in Bayern zu reisen, um mich als neuer Außendienstkollege für die italienische Jeansmarke »Mason’s« vorzustellen.

Innerhalb kurzer Zeit wurde ich ein äußerst erfolgreicher Außendienstmitarbeiter, mein Gehalt und die Provisionen stiegen von Monat zu Monat. Immer tolle Kleidung, ein Firmenwagen, die Reisen, die Messen in fremden Städten, der Umgang mit schönen Frauen – all das faszinierte mich über die Maßen.

Es war wie ein Traum und so ganz anders als meine harte Arbeit zuvor. Die Welt der Oberflächlichkeit hatte mich fest im Griff, und ich genoss Partys, Diskotheken, Frauen und Alkohol. Alles schien perfekt, meiner Karriere in der Modebranche stand nichts mehr im Weg.

Ganz weit weg war die innere Stimme, die mir immer sagte und zeigte, was richtig war und was falsch, und die mich zur Verantwortung rief.

Doch wenden wir uns zunächst anderen Geschichten zu, in denen Menschen erleben mussten, wie sich in einem einzigen Augenblick ihr Dasein veränderte.

Der letzte Sprung

von STEFAN F.

»Glauben Sie mir – ich wollte wirklich springen!«, sagte ich zu Margarete. Sie wurde soeben zur aufmerksamen Zuhörerin meiner eigenen unglaublichen Lebensgeschichte.

»Aber Sie sind doch so ein fröhlicher und gut gelaunter Mann! Ich kann mir das gar nicht vorstellen«, erwiderte sie, diese schmale ältere Frau, die links neben mir saß.

Ich war mit ihr zufällig auf meiner Fahrt von München nach Berlin ins Gespräch gekommen. Da wir ein Abteil im Zug teilten und sie von der ersten Sekunde an recht redselig war, fiel mir das Gespräch mit der sehr sympathischen, sorgfältig frisierten und elegant gekleideten Dame nicht schwer.

Sicher kennen Sie diesen Typ Mensch, dem man ohne nachzudenken und ohne zu zögern gern seine Lebensgeschichte anvertraut, so wie ich es gerade eben tat. Dabei neige ich normalerweise eher dazu, Dinge für mich zu behalten, doch ihre mütterliche Ausstrahlung war der Schlüssel zu meinem eher verschlossenen Wesen.

»Danke für das Kompliment, das ist sehr nett, aber glauben Sie mir, ich wollte es wirklich tun. Am Ende wurde dieser Moment aber zum Wendepunkt in meinem Leben.« Frau Margarete Sch., so lautete der Name meiner Abteilnachbarin, wollte sofort darauf reagieren, doch höflich und sehr damenhaft legte sie stattdessen einfach die Hand auf den Mund.

Aber noch einmal ganz von Anfang an.

Es war der 24. Dezember, Heiligabend, und fünf Tage nach meinem sechsunddreißigsten Geburtstag. Es war kein schöner Tag: Nicht nur das Wetter schien sich mit Schneeregen, Kälte und Nebel der Depression verschrieben zu haben. Auch ich selbst war mit den Nerven am Ende, fühlte mich trostlos. Ich sah mich als Versager. Wer mich kennt, weiß meist nichts von der Existenz meiner dunklen Seite, die an diesem Tag wieder einmal, einem Vulkan ähnlich, ihre verkrustete Haut aufsprengte und mich mit Haut und Haaren in die glühende Lava meiner verdorbenen Gefühlswelt schleuderte.

Aber ja, es gab sie, diese verdammten Tage, deren Vorzeichen ich nicht wahrhaben wollte, die aber bereits unaufhaltsam auf mich zurollten und mein Gemüt verfinsterten. Ich hatte diese prekären Lebensumstände, in denen ich mich zu der Zeit befand, nicht selbst schaffen wollen, sie aber dennoch immer wieder provoziert.

An jenem Tag sogar in potenzierter Form. Eine meiner ernsthafteren, engeren Beziehungen war gescheitert – wieder einmal –, und dadurch war eine Familie zerstört worden, ein weiteres meiner Kinder war mit einer schmerzhaften Trennung konfrontiert, etwas, das ich immer zu vermeiden versucht hatte. Ich hatte zugesehen und es kommen geahnt. Ich wollte noch rechtzeitig umkehren, wusste aber nicht, wohin.

Ich wollte gegensteuern, befand mich aber ohne Kompass und Beleuchtung im Nebel fremder Ratschläge und verharrte dabei in der Ratlosigkeit. Am Ende zerschellte mein Schiff in meinem eigenen, scheinbar sicheren Hafen.

Solch ein Nebel zog auch an diesem vermeintlich glücklichen Weihnachtstag wieder auf. Es war sieben Uhr abends, der Mond hatte bereits seine herrschaftliche Position am Himmel eingenommen und spendete zusammen mit ein paar Straßenlaternen ein wenig Restlicht, das in mein Autofenster schien. Die Kälte draußen war in den letzten Stunden bis auf den Gefrierpunkt gesunken. Bis gerade eben war ich im Büro gewesen – mich ablenken und an etwas anderes denken. Als ob das so einfach wäre! Gerade zu dieser Jahreszeit entkommt man nämlich dem Anblick glücklicher Familien nicht. Sofern man überhaupt eine hat. Geschweige denn eine, die einen liebt, in einem wohligen Zuhause.

Ich hatte nichts mehr von all dem, ich war quasi obdachlos, mittellos und familienlos. Nach meiner Trennung bin ich in eine kleine Hütte von Bekannten gezogen. Die hatten sie mir freundlicherweise überlassen, da ich so schnell nichts anderes finden konnte. Finanziell lag ich schon seit einigen Monaten am Boden.

Mein Gehalt sicherte gerade einmal den Unterhalt meiner Kinder und ließ für mich kein normales Leben zu. Ja, Kinder hatte ich auch noch, nur nicht mehr bei mir. Sie waren bei ihren Müttern und Großeltern – also bei ihren Familien eben. Und bitte nicht von der Mehrzahl »Mütter« irritieren lassen, denn es waren tatsächlich zwei. Zwei Frauen, je ein Kind, je eine gescheiterte Beziehung. Ich war die einzige Konstante in diesem verdammten Spiel. Diese Tatsache ließ mich an mir selbst zweifeln, insbesondere an meiner Fähigkeit, eine Beziehung zu führen und eine Familie zu erhalten.

Im Winter war es in meiner Hütte immer sehr kalt, die Heizung lief nicht richtig, und ich wollte an diesem Tag niemanden stören, um nach Hilfe zu fragen. Deshalb hatte ich mich ins Auto gesetzt und war losgefahren. Mit laufender Sitzheizung und aufgedrehter Klimaanlage fuhr ich zuerst für ein paar Stunden ins Büro und danach ziellos in der Gegend herum. Das Radio hatte ich vorsichtshalber ausgeschaltet, denn die weihnachtlichen Klänge trieben meine Melancholie wie einen Ochsen übers Feld vor sich her.

Als Scheidungskind war der Umgang mit meiner eigenen Familie leider immer schon etwas schwierig, da ich mich stets zu sehr in das Zerwürfnis und die Streitereien zwischen meinen Eltern hatte hineinziehen lassen und mich vielleicht sogar schuldig gefühlt hatte. Deshalb hatte ich ein paar Monate zuvor den Kontakt zu meiner Mutter aus reinem Selbstschutz abgebrochen, denn ich wusste nicht mehr, wer sie wirklich war.

Gefangen in ihren eigenen Problemen, versuchte sie fortwährend, mich zu manipulieren, gegenzusteuernund mich mit einem latenten Vorwurf, welcher Art auch immer, in die richtige, also ihre Richtung zu lenken. Lange hatte ich es nicht bemerkt, lange geschwiegen – und dann gehandelt. Doch es war zu spät für mich selbst oder mein Familienglück, denn ihre Manipulationen hatten bereits ihr Gift auf meine aktuelle Partnerschaft versprüht, und deren Ende war nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Die Beziehung zu meinem Vater war zwiespältig. Wenn er da war, war es immer nett und schön, aber leider galt sein Interesse eher seinen beruflichen Zielen als dem Kontakt zu mir. Heute, also an Heiligabend, verbrachte er den Tag mit seinen Schwiegereltern, den Eltern seiner neuen Frau. So wie all die Jahre zuvor zeigte ich auch dieses Mal Verständnis dafür, wollte aber an deren Weihnachtsfest selber nicht teilnehmen. Ein ganz klein wenig hegte ich die Hoffnung, dass er sich für mich entscheiden würde. Doch er tat es nicht, und ich blieb wieder allein.

Dann gab es da noch meinen Bruder. Der Kontakt zu ihm war ebenfalls abgekühlt, seit ich mich entschlossen hatte, ich selbst zu sein und nicht mehr seinen Vorstellungen genügen zu wollen, sondern mein eigenes Leben zu leben. Vielleicht sieht das jemand als Entschuldigung für meine Untätigkeit, womit er nicht ganz unrecht haben mag, aber manchmal braucht es erst den einen oder anderen Schlag ins Gesicht, bevor man die Dinge klar sieht. Vor allem, wenn es um die eigene Familie geht und man hofft, dass sie einmal uneigennützig handelt.

Kurz gesagt, an diesem Tag kam alles zusammen, und meine Situation hätte nicht trauriger sein können. Ich fühlte mich allein, gescheitert und nicht liebenswert. Da hielt ich an der Innbrücke an und parkte mein Auto in einer Seitenstraße. Nach langen Sekunden der Stille trieb die tiefe Trauer in meinem Herzen bittere Tränen über meine Wangen.

Es war vorbei. Ich wollte nicht mehr und konnte nicht mehr. An so einem Tag mutterseelenallein zu sein und sich dafür auch noch selbst verantwortlich zu fühlen, das war zu viel. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen.

Der Regen war bereits in sanften Schneefall übergegangen. Langsam öffnete ich die Autotür, stieg aus dem Wagen und begab mich auf den Weg in Richtung Brücke. In diesem Moment fühlte ich mich wie unter Drogen. Was um mich herum geschah, nahm ich nicht mehr wahr. Es herrschte totale Stille, kein Auto war auf der Straße unterwegs, und mein Blickfeld verengte sich auf mein Ziel hin. Als ich die Mitte der Brücke erreicht hatte, zog ich mich an einem Laternenmast hoch auf das Geländer der Brücke. Sogleich schaute ich hinunter in die Fluten. Die Strömung des Flusses würde zusammen mit meiner schweren Kleidung dafür sorgen, dass es bestimmt schnell gehen würde.

Ich war fest entschlossen, meinem Elend ein Ende zu setzen. Ich schloss die Augen, und das brachte mich leicht ins Wanken. Noch einmal kamen mir all die negativen Gedanken in den Sinn, die mich überzeugen wollten, endlich den entscheidenden Schritt zu tun. Ein leichter Rückenwind schob mich außerdem in die richtige Richtung. Doch plötzlich, als sich die ersten Finger schon von dem Laternenmast zu lösen begannen, hörte ich einen leisen Ruf, wie aus weiter Ferne. Es waren zwei zarte Stimmen, die immer und immer wieder dieselben Worte riefen: »Lieber Papa, wir brauchen dich, weil wir dich über alles lieben! Lass uns nicht allein!«