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Ein historisches Drama von besonderer Sprengkraft: In diesem fesselnden Duell der Weltanschauungen treffen ein Benediktinermönch und ein Freimaurer-Meister im Jahr 1944 unter der Knute der SS aufeinander. Im von den Nazis besetzten Frankreich werden beide Männer in eine abgelegene Bergfestung verschleppt, wo die okkulte Spezialeinheit des "Ahnenerbe" ein uraltes Geheimnis der Freimaurerloge "Erkenntnis" zu entschlüsseln sucht. Während die SS-Offiziere mit brutaler Gewalt und tödlichen Drohungen vorgehen, müssen der gläubige Bruder Benot und der zweifelnde François Branier trotz tiefster ideologischer Gräben einen Weg des Überlebens finden. In einer Wette auf Leben und Tod stellen sie sich der Frage: Wer behält letztlich Recht – der Mann des Glaubens oder der Mann der Vernunft? Ein packender Roman über Menschlichkeit im Schatten des Bösen. Christian Jacq, international gefeierter Autor der Ramses-Saga, verbindet historische Tiefe mit erzählerischer Wucht. Seine Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Originalausgabe erschien 1985
unter dem Titel «Le Moine et le Vénérable»
bei Éditions Robert Laffont, S. A., Paris.
Die deutsche Erstausgabe mit der Übersetzung von Riek Walther erschien 1998 bei Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.
ISBN 978-3-96285-090-6 (print)
ISBN 978-3-96285-191-0 (EPUB)
1. Auflage 2025
«Der Mönch und der Meister»
Copyright © 2025 by Salier Verlag,
ein Imprint der SalierGroup GmbH Eisfeld
«Le Moine et le Vénérable»
Copyright © 1985 by Éditions Robert Laffont, S. A., Paris
Alle Rechte vorbehalten. All Rights reserved.
Satz & Layout: InDesign im Verlag
Umschlaggestaltung: Bastian Salier
Hersteller: SalierGroup GmbH
Eichberg 21, D-98673 Eisfeld
Printed in the EU
www.salierverlag.de
www.salierdruck.de
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Epilog
Editorische Notiz
Über den Autor
Der Mönch und der Meister ist ein Roman, ein fiktionales Werk, in dem vieles frei erfunden ist. Doch er beruht auf Tatsachen, und zu denen möchte ich einiges anmerken.
«Der Mönch und der Meister» handelt während des Zweiten Weltkriegs. Die Ideologie der Nationalsozialisten wollte eine neue Form von Religion und Kultur begründen. Darum mussten alle vorangegangenen Glaubensrichtungen ausgelöscht werden. Von ihren als positiv betrachteten Elementen wollte man jedoch profitieren. Himmler gründete eine Forschungsgesellschaft namens Ahnenerbe, die beauftragt wurde, sich um die Geheimgesellschaften und ihre Anhänger zu «kümmern», bei denen man beträchtliche Macht vermutete. Diese wenig bekannte und noch kaum erforschte Spezialabteilung veranlasste die Festnahme von Wahrsagern, Astrologen und Magiern, um ihnen ihre Techniken zu entlocken und deren Wirksamkeit zu prüfen. Man betrachtete diese übersinnlichen Fähigkeiten als leistungsstarke Waffen, die man einsetzen wollte, um die Vormachtstellung des Reichs zu festigen. Auch Priester und Geistliche wurden festgenommen und in Lager verschleppt, die eigens für den Umgang mit jenen «Hochbegabten» Sonderbereiche eingerichtet hatten.
Als das Naziregime in Deutschland Fuß fasste, wurden auch die Freimaurerlogen geschlossen und ihre Mitglieder verhaftet. Zwar scheint es, als sei Hitlers Aufstieg durch Freimaurer unterstützt worden, doch es ging ihnen nicht anders als Goethes Zauberlehrling: Sie konnten das Ungeheuer, zu dessen Erweckung sie beigetragen hatten, bald nicht mehr unter Kontrolle halten.
Innerhalb der SS gründete der Nationalsozialismus seine eigene Geheimgesellschaft, den «Schwarzen Orden». Die Existenz einer anderen esoterischen Organisation auf Reichsboden konnte nicht geduldet werden. Himmler befahl die Zerschlagung der Freimaurerei, nicht ohne sich ihre brauchbaren Schätze anzueignen. In Frankreich erhielt der deutsche Sicherheitsdienst die Aufgabe, Treffpunkte von Freimaurern zu umstellen, ihre Archive und Rituale aufzudecken. Er fand Unterstützung bei zweifelhaften Persönlichkeiten wie Bernard Fay, dem Leiter der Nationalbibliothek, gelangte jedoch nur zu verhältnismäßig enttäuschenden Ergebnissen.
Schuld an diesem Misserfolg war die Tatsache, dass es innerhalb der institutionellen Freimaurerei einen völlig unabhängigen geheimen Zweig gab. Hinter der geschäftemacherischen Fassade der Freimaurerorganisationen überlebten sogenannte «Winkellogen» als Erben der seit der Antike von Stuhlmeister1 zu Stuhlmeister überlieferten Einweihungslehren. Eine dieser Logen verwahrte die ursprüngliche Regel der mittelalterlichen Dombauhütten und das Geheimnis der Zahl, mit der alles erschaffen und alles erbaut werden kann. In unserer Erzählung haben wir diese Loge, die dem «Alten und Angenommenen Schottischen Ritus» angehört, Erkenntnis genannt.
Über viele Jahre hinweg wurde sie von einer beeindruckenden Persönlichkeit geleitet. Dieser Ehrwürdige Meister vom Stuhl hat mir berichtet, was ein Freimaurer und ein Benediktinermönch, deren Wege sich in der Deportation kreuzten, gemeinsam erlebten. Alles trennte sie, alles stand zwischen ihnen, und doch mussten sie in der Hölle eines Konzentrationslagers miteinander leben und überleben. Dem einen bot der Allmächtige Baumeister aller Welten den einzigen Halt, dem anderen der Gott der Christen. Sie kamen einander näher, boten sich jedoch im Namen ihres jeweiligen Glaubens die Stirn. Der Roman schildert, welcher unmenschlichen Prüfung sie sich stellen mussten. Diese verbürgte Herausforderung äußerte sich in dem, was manche eine «Wette», andere ein «Gelübde» nennen mögen.
Alles, was hier über Riten, Grade und Symbole der Freimaurer enthüllt wird, entspricht der Wirklichkeit. Die innere Struktur einer «Winkelloge», die meines Wissens niemals bekannt geworden ist, wird hier so weit wie möglich offengelegt.
Die Begegnung zwischen Mönch und Meister hat tatsächlich in einem Rahmen stattgefunden, der dem hier dargestellten vergleichbar ist; die «Erkenntnisloge» hat es gegeben, wenn auch unter anderem Namen.
Mein Beitrag als Schriftsteller bestand darin, verstreute Elemente zusammenzutragen und das zugängliche Hintergrundwissen einzuflechten, um die Geschichte zweier Menschen zu erzählen, die der denkbar unerbittlichsten Wirklichkeit ausgesetzt waren.
Es war mir vergönnt, den Mönch und den Meister, die meinen Protagonisten als Vorbild gedient haben, persönlich zu kennen. Beide weilen heute nicht mehr unter den Lebenden. Darum darf ich das Schweigen brechen.
1Vorsteher einer Loge; Anrede: Ehrwürdiger Meister (A. d. Ü.).
Paris, eine kleine Seitenstraße im XVIII. Arrondissement, in einer Märznacht des Jahres 1944: Es regnete. Wolken verbargen den Mond.
François Branier vergewisserte sich noch einmal, dass ihm niemand folgte, und trat unter den Torbogen eines heruntergekommenen Gebäudes. Mit fünfundfünfzig Jahren hatte sich der grauhaarige Arzt seine kraftvolle Gestalt bewahrt, und er besaß eine vertrauenerweckende Ausstrahlung, die Strenge und Herzlichkeit vereinte.
Er ließ das Tor hinter sich zufallen und wartete minutenlang in der Dunkelheit. Sicherheit war oberstes Gebot. Branier hatte ein gewagtes Abenteuer vor sich. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er seine Brüder zu einem Arbeitstreffen zusammengerufen, das von Eingeweihten «Tempelarbeit» genannt wurde. Zahlreiche Entscheidungen mussten gefällt werden, einstimmig, wie es die Regel verlangte.
In letzter Zeit waren mehrere Brüder der Loge «Erkenntnis», die im Orient von Paris tätig waren, als subversive Elemente oder Widerstandskämpfer verhaftet worden. Nur sieben Mitglieder waren noch übrig, um zu Ehren des Allmächtigen Baumeisters aller Welten zu arbeiten. Sie mussten sich versteckt halten und für jede «Arbeit» einen neuen Versammlungsort wählen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland hatten die Freimaurer zu den ersten Verfolgten gehört. Die Logen galten als staatsgefährdend und wurden aufgelöst. Viele der deutschen Brüder waren festgenommen, ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet oder deportiert worden.
«Erkenntnis» war keine gewöhnliche Loge. Ihr war sogar eine einmalige Besonderheit eigen. Sie hütete das Geheimnis der Zahl, das einzige bedeutsame Geheimnis des Ordens, das von Generation zu Generation überliefert wurde. Dieses Vermächtnis war nur wenigen Brüdern anvertraut worden, die über die ganze Welt verstreut lebten. Seit Kriegsbeginn waren viele von ihnen umgekommen. François Branier, Meister vom Stuhl der Erkenntnisloge, war möglicherweise der letzte Überlebende, der die Zahl kannte, auf deren Basis alles neu erbaut werden konnte. Nun musste es auch ihm gelingen, dieses Geheimnis weiterzugeben, um es bei seinem Tode nicht mit ins Grab zu nehmen.
Alles war ruhig. Branier trat aus dem Schutz des Torbogens in einen kleinen, dunklen Innenhof. Linker Hand, eine Stahltür. Der Arzt klopfte das verabredete Zeichen. Eine Stimme sagte: «Herein.»
Branier erfasste sofort, dass er verraten worden war. Wer da gesprochen hatte, war kein Freimaurer. Ein Bruder hätte anders geantwortet. Er musste schleunigst verschwinden. Branier stürzte zum Tor und stieß es auf.
Seine Flucht fand ein jähes Ende. Vor dem Haus erwarteten ihn fünf Männer in dunkelgrünen Wettermänteln. Gestapo. Schwarze Wagen blockierten die Straße. Branier ballte die Fäuste. Kalte Wut stieg in ihm auf. Zu kämpfen wäre aussichtslos gewesen, reiner Selbstmord. Er verharrte unbeweglich und hoffte auf ein Wunder.
«Glückwunsch, Monsieur Branier», sagte ein Deutscher mit glattem, blassem Gesicht und kleinen, funkelnden Augen. «Sie zeigen Vernunft. Ihr Ruf ist nicht unbegründet.»
Zwischen zwei Wolken erschien der Mond, und in dem fahlen Licht blickte Branier sein Gegenüber durchdringend an. Es gab nur eine Frage zu stellen.
«Wo sind meine … meine Freunde?»
«In Sicherheit, wie Sie, Monsieur Branier. Seien Sie unbesorgt. Wenn Sie so freundlich wären, in meinen Wagen zu steigen …»
Der Deutsche sprach in ehrerbietigem Ton, und sein Französisch war akzentfrei.
François Branier hatte sich eine Verhaftung durch die Gestapo völlig anders vorgestellt: Handschellen, Schläge, herrische Befehle … Weshalb diese ausgesuchte Höflichkeit, dieser unvermutete Respekt? Bei dem, was er zu ahnen glaubte, krampfte sich sein Magen vor Entsetzen zusammen.
Bevor er in den schwarzen Mercedes stieg, hob der Meister den Blick. Im dritten Stock des gegenüberliegenden Hauses war ein Fenster schwach erleuchtet. Eine Ecke des Vorhangs war angehoben, dahinter war das Gesicht eines Mannes zu erkennen. Von François Braniers Blick überrascht, ließ der Beobachter den Vorhang fallen und löschte das Licht.
Branier wandte sich an den Deutschen, dem die Szene nicht entgangen war.
«Hat er mich verraten?»
«Genau.»
«Wer ist es?»
«Ich weiß nicht», log der Deutsche beinahe belustigt. «Ich kann Ihnen nur sagen, dass er Freimaurer ist. Er kennt Sie aus einer anderen Loge. Mit seiner Hilfe haben wir Ihre Spur wiedergefunden. Steigen Sie ein.»
Als der Wagen anfuhr, wusste der Meister, dass er den Kelch bis zur Neige leeren würde.
«Schnell, Herrgott noch mal!»
Bruder Benot, ein Benediktiner, hatte schon wieder geflucht und es nicht einmal bemerkt. Die Zeiten waren nicht danach, sich mit schönen Reden aufzuhalten. Er sorgte sich zu sehr um die beiden jungen Juden, deren Flucht er organisiert hatte und die nun schleunigst in den bestellten Langholztransporter klettern mussten. Bruder Benot hielt sie seit zwei Tagen in den Wäldern um Morienval versteckt. Vor einem Jahr hatte er diese altehrwürdige Abtei übernommen.
Die Bevölkerung schätzte Benots Gaben: Er war ein Heiler, Rutengänger und Magnetiseur. Entsprechend der alten Tradition seines Ordens pflegte er die tätige Fürsorge für Leib und Seele. Der Benediktiner stand einem Netz von Fluchthelfern vor und hatte auf diese Weise schon ein Dutzend Verfolgter vor den Deutschen gerettet.
Der Lastwagen kam in Sicht. Er war von einem Sträßchen in den Waldweg eingebogen. Benot schob die jüdischen Jungen voran, die auf die Ladefläche kletterten und sich in ein Versteck am Fahrzeugboden zwängten. Mit ein wenig Glück würden diese beiden nicht in einem jener «Selektionslager» der Gegend um Compiègne landen. Die Räder des Lastwagens drehten im Schlamm durch. Benot fürchtete, er werde steckenbleiben wie beim letzten Mal. Der Fahrer schaltete, trat das Gaspedal durch, und der Wagen arbeitete sich aus der weichen Erde. Der Geistliche winkte den beiden nach, obwohl sie ihn nicht mehr sehen konnten. Schon heute Abend würden sie die freie Zone erreichen und den Kampf gegen die Besatzer weiterführen.
Wie immer trug Bruder Benot seine wollene Kutte und als Gürtel einen großperligen Rosenkranz. Er war ein wahrer Hüne von Statur, trug einen rötlichen Bart und fror niemals. Er liebte die Eiseskälte dieser frühen Morgenstunden, in denen der Wald noch zu schlafen schien, in denen die Einsamkeit nahezu vollkommen war. Hier fühlte er die Gegenwart Gottes. Welche Freude, die Füße auf den Laubteppich zu setzen, im Vorübergehen die prallen Knospen zu betrachten, den Frühling zu spüren, der bald Einzug halten würde. Nur Mut! Es gab noch Hoffnung; früher oder später würde Frankreich sich befreien und die Welt endlich das grausamste Joch abschütteln, das die Menschheit je erduldet hatte. Kaum zu fassen, dass mancher es sogar als Fortschritt bezeichnete …
Benot lief rasch. Gegen Mittag würden drei weitere Widerstandskämpfer eintreffen, denen die Deutschen auf den Fersen waren. Bis dahin musste er Kleider besorgt haben, einen Fluchthelfer, Geld. Gott würde ihm beistehen.
Der Mönch lebte in einem alten Steinhaus hinter der Abtei. Er freute sich auf den dampfenden Kaffee, den er sich gönnen würde. Das war sein einziger Luxus.
Er stieg die Stufen der steinernen Außentreppe hinauf, öffnete die Tür, durchquerte mit drei Schritten den Flur und trat in die Küche.
Vor ihm standen drei Männer in grünen Wettermänteln. Der Geistliche reagierte sofort. Er packte einen Stuhl und schlug ihn dem nächststehenden Deutschen über den Kopf. Zwei andere Gestapomänner fielen ihm von hinten in die Arme. Der Hüne hätte sie beinahe abgeschüttelt, doch die auf ihn gerichteten Waffen zwangen ihn, den Kampf aufzugeben. Ein Mann Gottes darf keinen Selbstmord begehen.
«Fassen Sie sich», sagte ein Deutscher mit glattem, blassem Gesicht und kleinen, funkelnden Augen.
«Was soll diese Festnahme?» empörte sich Benot. «Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.»
«Und das hier?»
Auf dem Küchentisch hatte der Deutsche eine Wünschelrute zurechtgelegt, ein siderisches Pendel, mehrere Bücher über Heilkräuterkunde.
Bruder Benot verschlug es die Sprache. Deshalb wollte man ihn verhaften? Kein Wort über seine Tätigkeit im Widerstand … Ein absurder Alptraum!
«Für einen unbescholtenen Geistlichen scheinen Sie über seltsame Kräfte zu verfügen … Man hat uns gesagt, Sie seien der beste Heiler Frankreichs und stünden in Kontakt mit übersinnlichen Mächten. Das wollen wir genauer wissen.»
Benot traute seinen Ohren nicht. Wie konnten Handlanger der verrufenen Gestapo sich für solche Fragen interessieren?
«Sie werden doch nicht an dieses Gerede glauben!» empörte sich der Mönch.
«Ich glaube, was ich sehe», gab der Deutsche zurück. «Ich verstehe, dass Sie meine Fragen nicht beantworten möchten. Wir nehmen Sie mit und bringen Sie zu Spezialisten, die Ihrer Kooperationsbereitschaft auf die Sprünge helfen werden.»
Bruder Benot gab kein Wort mehr von sich. Auf Verhandlungen würden sich diese Barbaren nicht einlassen. Schon sann er auf Flucht. Doch vorher wollte er wissen, weshalb man so fadenscheinige Gründe vorschob, um ihn zu verhaften.
Als die Bewohner von Morienval Bruder Benot unter polizeilicher Bewachung in den Wagen der Gestapo steigen sahen, glaubten sie, der Geistliche sei wegen seiner Tätigkeit im Widerstand verraten worden. Keiner ahnte den wahren Grund.
François Branier liebte Compiègne. Als Kind hatte er hier bei seinem Onkel oft die Ferien verbracht. Gemeinsam waren sie durch die Wälder gestreift, hatten in Bächen geangelt, Dutzende von Kilometern mit dem Fahrrad zurückgelegt, um voller Freude entlegene Täler zu entdecken, alte Landstriche, die bei den Städtern in Vergessenheit geraten waren. Doch heute war Compiègne vom Schrecken beherrscht. Von hier aus wurden die Gefangenen wie Schlachtvieh in die Vernichtungslager der Nazis transportiert.
Der Meister zweifelte nicht daran, dass ihm das entsetzliche Schicksal all jener bevorstand, die es wagten, Hitlerdeutschland die Stirn zu bieten.
Umso überraschter war er, als der Mercedes der Gestapo vor einem zentral gelegenen, stattlichen Herrenhaus anhielt. Man ließ Branier aussteigen und führte ihn in den ersten Stock. Die einstigen Wohn- und Schlafräume dienten als Büros. Man hatte Zwischenwände herausgebrochen und Zierleisten abgerissen und die Zimmer mit Aktenschränken bestückt. Trotz der späten Stunde saßen Soldaten an den Schreibmaschinen und arbeiteten.
Der Meister wurde in ein luxuriös eingerichtetes Büro geführt, sicher das Arbeitszimmer des ehemaligen Hausherrn. An den Wänden hingen Lithografien und Radierungen von Denkmälern und historischen Bauten aus Compiègne. Blankpoliertes Parkett, Empiremöbel. In einem hochlehnigen roten Sessel saß ein Mann um die Vierzig in SS-Uniform. Er hatte schwarzes Haar und grobe Gesichtszüge.
«Setzen Sie sich, Monsieur Branier. Ich habe gehört, Sie waren vernünftig. Eine kluge Entscheidung.»
Der Meister starrte den Deutschen durchdringend an.
«Wo sind meine Freunde?»
«Sie sind schon unterwegs zu ihrem künftigen Aufenthaltsort, Monsieur Branier. Mit einem Sonderzug, der vor etwa einer Viertelstunde abgefahren ist. Ich gebe zu, der Komfort ist mäßig. Doch Krieg ist Krieg, wie man so sagt.»
Der SS-Offizier stand auf und lief mit der selbstsicheren Ruhe eines Dompteurs im Zimmer auf und ab. Sein Kollege von der Gestapo hielt sich im Hintergrund.
«Sie sind Arzt, Monsieur Branier?»
François Branier hatte sich in einem Sessel niedergelassen. Er saß aufrecht, die Hände auf den Armlehnen, und fühlte sich wie ein Todeskandidat auf dem elektrischen Stuhl. Der SS-Mann spielte mit ihm wie eine Katze mit der gefangenen Maus. In seinen gedämpften Worten lag hundertmal mehr Grausamkeit als in der unmenschlichsten Folter. Der Deutsche hatte alle Zeit der Welt. Er suchte nach den schwachen Stellen seines Gegners, um ihm mit desto größerer Präzision den Todesstoß zu versetzen. Branier durfte seine Wachsamkeit keinen Augenblick erlahmen lassen.
«Besser, Sie antworten, Monsieur Branier. Verstockt zu schweigen ist eine schlechte Taktik. Ich könnte Ihnen mit Vergeltungsmaßnahmen an Ihren Brüdern drohen. Sind Sie Arzt?»
«Ja.»
«Facharzt?»
«Nein. Allgemeinmediziner.»
«Verheiratet?»
«Witwer.»
«Kinder?»
«Nein.»
«Sie haben Ihre Praxis und Ihre Wohnung in Paris unmittelbar nach Kriegsausbruch aufgegeben. Mit Fünfundzwanzig sind Sie der Freimaurerei beigetreten, der Großloge von Frankreich. Dort wurde man bald auf Sie aufmerksam. Sie haben alle Ämter und Würden abgelehnt, doch Sie haben sich den Respekt der Logen in ganz Europa erarbeitet. Sie haben es vermieden, sich in die offizielle Hierarchie einzugliedern, und sind stattdessen zum Oberhaupt der geheimen Freimaurerei geworden. Sie haben eine Loge mit Namen ‹Erkenntnis› gegründet, die die wahren Geheimnisse des Ordens hütet. Seit langem sind wir dieser Loge auf der Spur … Ständig wechselnde Versammlungsorte, unregelmäßige Treffen, rein mündliche Absprachen. Sie haben selten zwei Nächte hintereinander im selben Bett geschlafen, Monsieur Branier. Ihre Loge bestand nie aus mehr als zwanzig Brüdern. Viele davon sind tot oder verschwunden. Einen konnten wir festnehmen, doch er hat während des Verhörs Selbstmord begangen. Ohne den Hinweis des verdienstvollen Freimaurers, der Ihnen die Räumlichkeiten für Ihre gestrige Versammlung zur Verfügung gestellt hat, wäre uns niemals ein so guter Fang ins Netz gegangen. Ein Glücksfall, der an höchster Stelle angemessene Würdigung gefunden hat. Ist meine Zusammenfassung der Tatsachen zutreffend, Monsieur Branier? Sind Einzelheiten korrekturbedürftig?»
«Alles korrekt.»
Mit zufriedener Miene setzte sich der SS-Mann wieder an seinen Schreibtisch.
«Danke für Ihre Aufrichtigkeit. Das Gegenteil zu behaupten wäre kindisch. Alles, was ich gesagt habe, ist äußerst sorgfältig überprüft. Doch es gibt noch viele unklare Punkte. Ich spreche nicht von Ihrer Tätigkeit im Widerstand … unbedeutend. Sie wird lediglich als offizieller Anklagepunkt dienen.»
Die Nerven des Meisters waren zum Zerreißen gespannt. Wie gerne hätte er sich von dieser Spannung befreit. Schreien, zuschlagen … Der Schraubstock packte ihn mit jeder Sekunde fester. Nicht nur ihn, den Menschen François Branier, sondern auch sein Amt als Meister vom Stuhl, das Geheimnis, dessen Hüter er war. Ebenso wenig wie ein Priester durfte er Hand an sich legen. Er musste alles daransetzen, sein Wissen weiterzugeben, damit die Einweihungstradition des Ordens bewahrt werden konnte, damit das Licht nicht verschwand.
«Trotz des Kontrollnetzes um Ihre Person haben wir Ihre Spur regelmäßig verloren. Wir wissen nichts Genaues über die Häufigkeit und Dauer der Versammlungen Ihrer Loge ‹Erkenntnis›. Ihre Vorsichtsmaßnahmen sind ebenso außergewöhnlich wie wirkungsvoll. Sie müssen vor der Reichsregierung einiges zu verbergen haben.»
Blitzschnell wog der Meister ein Dutzend verschiedener Taktiken ab. Er musste Zugeständnisse machen, ohne Wesentliches zu enthüllen, mit heiler Haut davonkommen, ohne seinen Eid zu brechen.
«Wieso ‹außergewöhnlich›?»
Der SS-Mann lächelte.
«Versuchen Sie nicht, mir weiszumachen, ‹Erkenntnis› sei eine gewöhnliche Freimaurerloge, nur eine Gemeinschaft von Humanisten mit vagen Idealen von Freiheit und Toleranz. Sie sind ein Revolutionär, Monsieur Branier, Sie wollen die Welt verändern, den Menschen verändern. Wahnsinn, Utopie vielleicht … aber vielleicht auch nicht. Eher nicht, wenn man bedenkt, wie ernst Sie die Sache nehmen, Sie und Ihre sorgfältig ausgewählten Brüder. Nichts ist schwieriger, als in Ihre Loge aufgenommen zu werden. Mindestens fünf Jahre Vorbereitung auf die Einweihung, wenigstens sieben Jahre Lehrzeit, mehrere Jahre Gesellenschaft bis zum Meistergrad … Was den ernannten Meister vom Stuhl betrifft, so muss er zwangsläufig ein Mensch mit außerordentlichen Fähigkeiten sein …»
«Falsch. Ein Bruder wie jeder andere, der einstimmig gewählt wurde. Mehr nicht.»
Der SS-Mann griff nach einem Papiermesser und ließ die Klinge im Licht der Schreibtischlampe aufblitzen.
«Ihre Bescheidenheit ehrt Sie, Monsieur Branier. Doch sie erscheint mir nicht glaubhaft. Ihre Loge hat selbst unter Freimaurern einige Neider auf den Plan gerufen. Als Meister vom Stuhl haben Sie Besucher aus fremden Logen systematisch abgewiesen. Dieses Recht ist zwar verbrieft, doch keine andere Loge macht davon Gebrauch. Nur wer Mitglied von ‹Erkenntnis› war und sich Prüfungen unterzogen hatte, deren Natur wir nicht kennen, durfte an Ihren Tempelarbeiten teilnehmen. Kein einziger der verhafteten Freimaurer konnte uns Nennenswertes über das Innenleben Ihrer Loge enthüllen. Sie waren das Oberhaupt eines Staates im Staat. Weshalb diese Geheimniskrämerei, wenn Sie nicht etwas Wesentliches zu verbergen haben? Und alles Wesentliche geht das Reich an, Monsieur Branier.»
Der Meister richtete sich auf, reckte seine breiten Schultern und schlug seinen überzeugendsten Ton an.
«Wir sind reine Spiritualisten. Wir wollten lediglich in Frieden arbeiten, abseits von den üblichen Intrigen.»
«Ich glaube Ihnen kein Wort», gab der SS-Mann barsch zurück. «Spiritualisten … die haben nichts zu verheimlichen. Es sind harmlose Mystiker. Sie und Ihre Brüder sind von anderem Schlag. Lassen Sie sich ein besseres Argument einfallen.»
Hinter sich hörte der Meister das unverkennbare Knistern eines Wettermantels. Der Gestapomann hatte sich bewegt. Branier zwang sich, ruhig, beinahe gleichgültig zu bleiben. Der SS-Offizier war erstaunlich gut informiert. Er musste in mühsamer Kleinarbeit selbst bruchstückhafte Informationen gesammelt haben, und inzwischen wusste er mehr als die meisten Freimaurer. Wahrscheinlich war das noch nicht alles.
«Wenn Sie meine Loge so genau kennen», sagte der Meister, «wissen Sie sicher auch, dass jedes Geheimnis unter den Brüdern aufgeteilt wird. Ich allein nütze Ihnen gar nichts.»
Der SS-Mann strich mit dem Zeigefinger über die Klinge seines Papiermessers und setzte eine sorgenvolle Miene auf.
«Das ist allerdings ein Problem, über das ich mir schon seit langem Gedanken mache. Wenn Sie lügen, sind Sie die einzige Schlüsselfigur, und wir können Ihre Brüder erschießen lassen. Wenn Sie die Wahrheit sagen, ist es unerlässlich, dass Sie alle an einem sicheren Ort zusammenkommen, damit wir endlich Ihr Geheimnis erfahren. Ich will kein Risiko eingehen. Darum habe ich die zweite Lösung gewählt. Heinrich Himmler selbst hat mich mit dieser Mission betraut. Ich lege Wert darauf, ihn nicht zu enttäuschen. Also werden wir Sie zu Ihren Brüdern bringen, Monsieur Branier. In einer Viertelstunde fahren wir ab.»
Entmutigt sackte der Meister in sich zusammen. Der SS-Mann betrachtete ihn voller Verachtung. Dieser Franzose war wohl doch nicht so außergewöhnlich, wie man behauptete. Oder er war ein vorzüglicher Schauspieler.
Der SS-Mann griff zum Telefon, um die Abfahrt des Sonderzuges zu bestätigen, den François Branier besteigen würde. Zum ersten Mal ließ er seinen Gefangenen aus den Augen.
Branier schnellte hoch wie ein Raubtier. Er verdrehte dem SS-Mann den Arm, riss ihm das Papiermesser aus der Hand und drückte seine Stirn auf die Schreibtischplatte. Die Spitze der behelfsmäßigen Waffe presste er ihm auf Höhe der Schädelbasis in den Nacken. Überraschend behände glitt Branier um den Schreibtisch herum hinter den SS-Mann. Nun war er in der Position des Stärkeren. Alles war so schnell gegangen, dass der Gestapomann nicht hatte eingreifen können.
«Sie bringen mich hier heraus, oder ich töte ihn.»
«Sie können ihn ruhig töten, Branier. Das ändert nichts. Er wird ersetzt. Sie werden dieses Haus nur verlassen, um in einen Zug zu steigen.»
«Sie bluffen. Besorgen Sie mir einen Wagen.»
Der SS-Offizier keuchte, sein Gesicht war auf die Schreibunterlage gepresst. Er hatte geglaubt, der Meister fühle sich in die Enge getrieben und habe aufgegeben. Er hatte ihn gehörig unterschätzt.
Gelassen rief der Gestapomann die Wachsoldaten. Sie kamen zu dritt, die Maschinenpistolen über der Schulter.
«Lassen Sie das Papiermesser fallen, Monsieur Branier. Sonst gebe ich Befehl zu schießen. Sie werden beide sterben.»
«Nur zu!»
Branier packte den SS-Mann an den Haaren und zog seinen Kopf nach oben. Er drehte ihm den linken Arm auf den Rücken und zwang ihn aufzustehen. Die Spitze des Papiermessers lag an der Halsschlagader. Der SS-Mann konnte ein Zittern nicht unterdrücken. Branier war zu allem entschlossen. Dieser Mann verstand zu töten.
«Den Wagen, schnell.»
«Wollen Sie Ihre Brüder wirklich im Stich lassen?» fragte der Gestapomann.
Dem Meister stockte das Blut in den Adern. Mit seiner Flucht gestand er ein, dass er allein das Geheimnis hütete. Damit verurteilte er seine Brüder zum Tod. Wenn er sich von den Nazis an einen Ort bringen ließ, an dem er sie wiedersah, bewies er, dass die Gemeinschaft vollzählig sein musste, um die Mysterien preiszugeben.
Das Papiermesser klirrte aufs Parkett. Branier ließ den Arm des SS-Mannes los und trat einen Schritt zurück. Schweigend rief er den Allmächtigen Baumeister aller Welten an und duckte sich unter den Schlägen.
Die Nacht war bitterkalt. Im Bahnhof von Compiègne stand ein Gefangenenkonvoi aus fünf Güterwagen bereit. Der Gestapomann und zwei SS-Männer begleiteten François Branier. Man hatte dem Meister keine Handschellen angelegt.
Im menschenleeren Bahnhof wirkte der Zug wie ein bedrohliches Ungeheuer. Als der Meister am ersten Waggon entlanglief, glitt die Schiebetür plötzlich auf. Ein junger nackter Mann sprang auf den Bahnsteig und schrie: «Ich will nicht weg!» Der Gestapomann riss den Meister zur Seite, die zwei SS-Männer schossen auf den Flüchtigen, der sich quälend lange Sekunden auf dem Bahnsteig krümmte, bis er reglos liegenblieb. Einer der SS-Männer feuerte mit seiner Maschinenpistole ins Innere des Güterwagens. Schmerzensschreie, übereinander stürzende Körper. Heftig schob der SS-Mann die Tür zu und ließ das Vorhängeschloss einschnappen.
«Einsteigen», befahl der Gestapomann Branier, als sie am letzten Wagen angelangt waren, in dem mehrere Abteile durch einfache Holzwände abgetrennt waren.
Der Meister wurde ins mittlere, sehr schmale Abteil geführt. Zum Glück war er darin allein, während die Deportierten unter schlimmsten Bedingungen zusammengepfercht waren. Der Meister setzte sich auf das feuchte Stroh am Boden. Ein strenger Geruch stieg ihm in die Nase. Die Tür wurde geschlossen, und er saß im Dunkeln. Der Zug fuhr an. Es war drei Uhr morgens.
Branier wunderte sich, dass man ihm seinen Mantel gelassen hatte, seinen Anzug, seine Krawatte, als schicke man ihn auf einen Vergnügungsausflug. Der Tod schreckte ihn nicht. Wie jeder Mensch hatte er Angst vor dem Leiden, doch er hatte gelernt, sie zu bezähmen. Was er fürchtete, war, Verrat zu begehen. Aus Schwäche. Aus Erschöpfung. Weil sein Geist zu tief ins Dunkel gesunken wäre, weil sein gemarterter Körper um Erbarmen flehen, der Tod ihn nicht rechtzeitig erlösen würde. Das Schlimmste wäre es zu sterben, ohne sein Geheimnis weitergegeben zu haben.
Gerade am Abend seiner Verhaftung hatte François Branier seinen Nachfolger ins Amt des Ehrwürdigen Meisters vom Stuhl einweihen und ihm das Geheimnis der Zahl anvertrauen wollen.
Er war nicht müde. Erinnerungen bestürmten seinen Geist. Seine unbeschwerte Kindheit in einem Dorf in der Savoie, sein Aufbruch nach Paris, die Jahre des Medizinstudiums, die Begegnung mit der Frau, die er geheiratet hatte, die Leidenschaft des Lesens … diese Leidenschaft, die ihn nach aufreibenden Arbeitstagen dicke Bände über die Mysterien der Antike verschlingen ließ, über die mittelalterliche Bildhauerkunst, über die heilige Geometrie; vielleicht eine Flucht aus einer Welt, die dem Wahnsinn anheimgefallen war, vor allem aber die Entdeckung der zeitlosen Gesetze, ohne die der Mensch weniger ist als ein Tier. François Branier hatte damals schon von der Freimaurerei gehört. Er verabscheute sie wegen ihrer Machenschaften, ihres kleinbürgerlichen, politisierenden Geistes, ihrer falschen Geheimnisse. Zehnmal, zwanzigmal hatte man ihn eingeladen, einer der großen «Obödienzen» beizutreten. Barsch hatte er die schäbigen Angebote zurückgewiesen, in denen nur von der Höhe der Beitragszahlungen, von gesellschaftlichem Ehrgeiz, nützlichen Beziehungen und hochtrabenden Titeln die Rede war.
Wenige Tage nach dem Tod seiner Frau, der schrecklichsten Tragödie seines Lebens, über die er nie ganz hinweggekommen war, hatte Branier einen alten Französischlehrer behandelt, der nicht mehr lange zu leben hatte und sich dessen auch bewusst war.
Über drei Stunden war der Patient geblieben. Sie hatten gemeinsam zu Abend gegessen und sich über die unterschiedlichsten Themen unterhalten, doch nicht über die Freimaurerei. Am Tag darauf hatte Branier um Aufnahme in die Loge gebeten, der der alte Lehrer vorstand.
Es war eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, in der die verschiedensten Geisteshaltungen aufeinandertrafen. Als der Greis in den Ewigen Osten eingegangen war, wurde Branier in den Meistergrad erhoben. Er widmete der Loge seine gesamte Freizeit und entdeckte die «Alten Pflichten» neu, die man praktiziert hatte, bevor die Freimaurerei in Materialismus und Geschäftemacherei abgeglitten war. Als sich die Gelegenheit bot, gründete Branier innerhalb des Orients von Paris eine eigene Loge, «Erkenntnis», in der er einige außergewöhnliche Brüder versammelte.
«Erkenntnis» wurde von der Verwaltungsobrigkeit der Freimaurerei scharf kritisiert. Man warf der Loge ihr elitäres System und ihren Intellektualismus vor. Doch man fürchtete sie aufgrund ihrer Macht. Der Ehrwürdige Meister Branier fühlte sich in der Wahl seines Weges bestätigt, als am Winterjohannistag des Jahres 1936 ein Bruder aus Deutschland ihm Archivakten und das Geheimnis der Zahl anvertraute. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die deutschen Logen verfolgt. Die wenigen Brüder, die die wahren Schätze des Ordens hüteten, mussten um ihr Leben fürchten. Braniers Loge, die sich aus fruchtlosen Streitereien herauszuhalten pflegte, war für würdig befunden worden, das heilige Vermächtnis der geheimen Freimaurerei übertragen zu bekommen. Zunächst hatte Branier abgelehnt. Er fühlte sich noch nicht bereit. Seine Loge war zu jung, zu unerfahren. Doch dann hatte er sich von seinem Gesprächspartner überzeugen lassen. Im Grunde hatte er keine Wahl … Einen Monat später war der Abgesandte aus Deutschland hingerichtet worden. Man hatte ihn bei einer Razzia aufgegriffen und gefoltert, doch er hatte geschwiegen.
Seit jenem Tag hatte sich der Meister keine Ruhe mehr gegönnt. Mit Hilfe von Widerstandsorganisationen, Ärzteverbänden und freundschaftlichen Kontakten war er durch ganz Europa gereist. Er hatte ständig seinen Aufenthaltsort gewechselt und zahlreiche Versammlungen einberufen, um verstreute Brüder auf die Aufgaben vorzubereiten, die sie erwarteten.
Dann war der Krieg ausgebrochen. Branier hatte damit gerechnet. Alle Vorbereitungen für eine Existenz im Untergrund waren getroffen. «Erkenntnis» war den Nazis nicht ins Netz gegangen, bis zu jener Märznacht im Jahre 1944, in der ein hoher Würdenträger der Freimaurer die Loge aus Neid auf Branier an die Deutschen verraten hatte.
Branier hörte schmerzliches Stöhnen. Im Abteil links von ihm, hinter der Holzwand. Eine tiefe Stimme rief: «Halt die Klappe!» Doch das Wehklagen wurde eindringlicher. «Halts Maul, oder es setzt was!» drohte die tiefe Stimme. Weinen wurde laut. Die Nerven lagen blank. Ein Körper wurde gegen die Holzwand geschleudert. Ein Handgemenge entbrannte. Es war ebenso kurz wie heftig. Der Tag brach an. Durch einen Spalt zwischen zwei Brettern sah Branier rund fünfzig nackte Männer in einem Abteil zusammengepfercht, das nur einem Dutzend Raum bot. Auf dem feuchten Stroh am Boden lagen zwei Tote.
Der Meister setzte sich wieder und schlug die Hände vors Gesicht. Er wenigstens sah noch aus wie ein Mensch. Er, der Bevorzugte. Wie lange noch?
François Branier war eingenickt. Das monotone Rattern der Räder auf den Schienen wirkte wie eine Droge. Der Zug hielt an, und Branier wurde nach vorn geschleudert. Seine Stirn schlug heftig gegen die Holzwand.
Langsam stand der Meister auf. Er schaute auf seine Armbanduhr. Sie war stehengeblieben. Er hatte vergessen, sie aufzuziehen. Trotz seines Mantels fröstelte er. Draußen hallten deutsche Befehle. Branier legte sich flach auf den Boden. Der Spalt unter der Tür war so breit, dass er das Geschehen verfolgen konnte.
Auf dem Bahnsteig trieben SS-Männer mit Schäferhunden Dutzende von Gefangenen vor sich her und ließen sie in einer Reihe Aufstellung nehmen. Sie waren teils nackt, teils trugen sie gestreifte Anzüge. Keiner begehrte auf, keiner wagte zu murren. Ein Greis brach zusammen. Die Langsamsten wurden mit Gewehrkolbenhieben traktiert. Kaum zehn Minuten später setzte sich die Kolonne in Bewegung und wurde zu planenbedeckten Lastwagen getrieben, die mit laufenden Motoren bereitstanden. Als die Fahrzeuge verschwunden waren, wurde es still. Auf dem Bahnsteig war weit und breit kein Mensch mehr zu sehen. Die Zeit schien stehengeblieben, es war, als habe man Branier vergessen, als existiere er nicht mehr. Irrwitzige Hoffnung packte ihn. Schließlich konnten jeder Armeeverwaltung Fehler unterlaufen, die mitunter auch aussichtslose Fluchtversuche gelingen ließen. Branier suchte nach einem Gegenstand, mit dem er die Waggontür aufbrechen konnte. Er durchstöberte das Stroh. Nichts. Die Holzwand … sie war nicht allzu stark. Mit Fußtritten bearbeitete er das schwächste Brett. Beim zehnten Tritt, ein Krachen. Es brach knapp über dem Boden. Wenn er ins benachbarte Abteil gelangen konnte, würde er bestimmt einen Weg nach draußen finden. Vielleicht hatten die Deutschen, nachdem sie ihre Gefangenen ausgeladen hatten, diesen Wagenteil nicht wieder verschlossen. Der untere Teil des Brettes gab nach. Ohne sich um die Splitter zu kümmern, zerrte Branier am Holz. Seine Rückenmuskeln spannten sich.
Er war schweißgebadet und rang nach Luft. Das Brett ächzte und lockerte sich weiter.
«Nun komm schon», murmelte er.
Plötzlich glitt die Waggontür auf. Die eiskalte Luft traf den Meister ins Gesicht. Er ließ das Brett fahren, es splitterte endgültig und landete im Nachbarabteil.
Auf dem Bahnsteig stand der SS-Offizier, der den Meister in Compiègne verhört hatte.
«Sie enttäuschen mich, Monsieur Branier. Dieser Fluchtversuch ist lächerlich. Folgen Sie mir.»
Unendlich langsam trat Branier auf den Bahnsteig hinunter, als bewege er sich in Zeitlupe. Zwischen zwei SS-Männern, deren starre und verschlossene Gesichter sich seltsam ähnelten, lief er zu dem schwarzen Mercedes. Der Blick auf die Landschaft wurde frei. Der winzige Bahnhof wirkte verloren in einem Rund von hohen, schneebedeckten Bergen. Österreich vielleicht … Branier setzte sich auf die Rückbank. Die SS-Männer nahmen ihn in die Mitte.
Der Offizier stieg vorne ein. Während der Fahrt, die etwa eine Stunde dauerte, sprach er kein Wort. Langsam schob sich der Mercedes ein steiles Sträßchen mit unzähligen Haarnadelkurven hinauf. In den Schneefeldern an den Berghängen tauchten hier und da grüne Grasflecken auf. Vorboten des Frühlings. Der Wagen fuhr durch ein malerisches Dorf mit buntgestrichenen Holzchalets. Eine romanische Abtei, gemauerte Brunnen, auffallend saubere Straßen. Dann eine Obstbaumplantage kurz vor der Blüte. Das Leben, das neu geboren wurde. Das Glück, es zu betrachten. Die Lust, zu rennen, aus diesem Auto zu entkommen, das düster war wie ein Sarg.
Gierig sog der Meister den Anblick dieses Frühlings in sich auf. Die alte Freimaurerdevise kam ihm in den Sinn: «Es braucht nicht Hoffnung, um zu beginnen, noch Erfolg, um fortzufahren.» Dort, wo er hingebracht wurde, gab es keine Hoffnung. Er würde sie erfinden, sie erschaffen müssen. Er ließ sich vom steigenden Saft der Bäume durchdringen, von ihm würde er sich in den trostlosesten Augenblicken nähren.
Das Gesicht seiner verstorbenen Frau stand ihm vor Augen. Der Frühling war ihre liebste Jahreszeit gewesen. Gemeinsam waren sie stundenlang durch die Wälder gewandert, hatten nach den ersten aufbrechenden Knospen, dem ersten Blattgrün Ausschau gehalten und den Vögeln gelauscht. Diese wilde Berglandschaft, aus der der Winter sich nur widerwillig zurückzog, in der jede Spanne Leben hartnäckig, geduldig erkämpft werden musste, hätte ihr gefallen. Sie hätte gelächelt angesichts des Frühlings, in dem er sterben würde. In dem er sie endlich wiedersehen würde.
Der SS-Mann links neben Branier bewegte sich. Berge, Sonne, Bäume verschwanden. Es gab nur noch die schwarzen, tadellos sitzenden Uniformen.
Am Ausgang der letzten Kurve erblickte Branier die Burg. Eine mittelalterliche Festung mit zinnenbewehrten Türmen und klobigen, von Schießscharten durchbrochenen Mauern. Eine Zugbrücke verschloss das Eingangstor, über dem sich ein Wachturm erhob. Der Fahrer hupte mehrmals. Die Zugbrücke wurde heruntergelassen. Ihre perfekt instand gehaltenen Ketten quietschten nicht. Langsam rollte der Wagen durch das riesige Tor.
Der Meister schloss die Augen. Nicht aus Angst, sondern weil er sich den letzten Anblick der Freiheit, der Natur, des weiten Raumes einprägen wollte. Eine letzte Erinnerung, bevor er diese Hölle betrat, aus der niemand zurückkehrte.
François Branier hatte ein Deportiertenlager mit trostlos grauen Baracken erwartet, Schlamm, Sträflinge in Ketten, Kontrolltürme. Als er die Augen öffnete, war er sprachlos. In der Mitte der Festung erblickte er ein massiges weißes Steingebäude. Schmale Fenster, eine Außentreppe, die zum einzigen Eingang führte. Direkt unter dem Dach ein Wehrgang, der mit Scheinwerfern und Maschinengewehren bestückt war. Von diesem beinahe verspielt wirkenden Turm konnte innerhalb der Festungsmauern alles kontrolliert werden. In deren weitläufigem Rechteck waren streng symmetrisch kleine, grün-, rot- und gelbgestrichene Holzchalets angeordnet. Ohne die Waffen hoch auf dem Mittelturm und die SS-Soldaten, die im fahlen Licht dieses kalten Tages auf und ab gingen, hätte das Ganze an eine Ferienkolonie in einem alten Schloss in gesunder Gebirgsluft erinnert. Rund um die Chalets waren Blumenbeete angelegt, die dem Gesamtbild eine beinahe heitere Note verliehen.
Der Mercedes fuhr über den Kiesbelag einer Allee auf den Turm zu, steuerte um ihn herum und rollte die Einfahrt zu einer Tiefgarage hinunter. Aufmerksam hatte Branier sich diese und viele andere Kleinigkeiten eingeprägt. Vielleicht würden sie ihm nützlich sein. Zunächst die eindrucksvolle Höhe der Umfassungsmauer, deren Oberkante mit Stacheldraht bewehrt war, vermutlich stromführend. Dann hinter dem Turm zwei nüchterne Steingebäude, eines davon eine SS-Kaserne.
Neben einem Lastwagen hielt der Mercedes an. Die Parkfläche umfasste nur einen Teil der Tiefgarage, der Rest wurde als Werkstatt genutzt. Das gesamte Lager wirkte wie ausgestorben. Eine seltsam unwirkliche Atmosphäre lag über den Gebäuden, als seien die Nazis samt ihrer Festung nur Trugbilder.
«Aussteigen!» befahl der Offizier.
Die Stimme klang schneidend wie ein Peitschenhieb. Das Gesicht des Deutschen war hart geworden.
