Der Mond des Vergessens - Brian Lee Durfee - E-Book
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Der Mond des Vergessens E-Book

Brian Lee Durfee

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Beschreibung

Unter den Göttern ist Streit entbrannt und zwingt den Menschen einen fürchterlichen Krieg auf. Über das Meer kommen die fanatischen Anhänger des verstoßenen Gottessohnes Raijael, um die Gläubigen der alten Laijons-Religion zu unterwerfen. Irgendwo in den Landen hält sich der Waisenjunge Nail versteckt. Auf ihm ruht die heimliche Hoffnung auf Rettung. Jovan, der älteste Sohn des gefallenen Königs, regiert – von immer schlimmeren Wahnvorstellungen besessen – über Gul Kana. Verzweifelt versuchen seine zwei Schwestern sich ihm entgegenzustellen. Jondralyn lernt mit allen Mühen und Qualen die hohe Kunst des Schwertkampfs, während Tala ein Geheimnis lüftet, das nicht nur die Familie, sondern das ganze Land zu zerstören vermag. Kann das Königreich sowohl die Gefahren von innen als auch die Bedrohung durch die neue Religion Raijaels überstehen? Und hat das Schicksal des jungen Nail etwas mit einer uralten Prophezeiung zu tun?

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Seitenzahl: 1124

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Hobbit Presse

www.hobbitpresse.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Forgetting Moon. The Five Warrior Angels Book 1«

im Verlag Saga Press an Imprint of Simon and Schuster, New York 2016

© 2016 by Brian Lee Durfee

Für die deutsche Ausgabe

© 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlag: Birgit Gitschier, Augsburg

unter Verwendung einer Illustration von © Federico Musetti

Datenkonvertierung: C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96141-6

E-Book: ISBN 978-3-608-11018-0

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Inhalt

PrologShawcroft

Verrat ist zeitlos

1. KapitelNail

Die Vaterlosen sind verdammt

2. KapitelNail

Verzweifelt, hungrig und schwach

3. KapitelNail

Die geheime Vergangenheit

4. KapitelGault Aulbrek

Sterben der Hoffnung

5. KapitelTala Bronachell

Sie beherrschten die Lüfte

6. KapitelTala Bronachell

Ihr wahrer Name niemals

7. KapitelTala Bronachell

Widerliche Bluttrinker

8. KapitelJondralyn Bronachell

Im Zustand der Täuschung

9. KapitelNail

Voll Bosheit und Hinterlist

10. KapitelGault Aulbrek

Im Himmel gebadet

11. KapitelJondralyn Bronachell

Ein heiliger und reiner Mensch

12. KapitelTala Bronachell

Die schlimmsten Geschöpfe

13. KapitelNail

Feindliche Geister

14. KapitelTala Bronachell

Kriege wüteten

15. KapitelJondralyn Bronachell

In den Sternen geschrieben

16. KapitelNail

Bilder der glorreichen Prophezeiung

17. KapitelAva Shay

Einen großen Held, vom Meer geboren

18. KapitelGault Aulbrek

Schlimmer als die Vaterlosen

19. KapitelTala Bronachell

Symbole auf seiner Haut

20. KapitelJondralyn Bronachell

Wie ein Sturzbach vergifteten Wassers

21. KapitelTala Bronachell

Und sein Name war Laijon

22. KapitelNail

Niederträchtige Schurken

23. KapitelGault Aulbrek

In die Sklaverei verkauft

24. KapitelNail

Blauer Stein und Streitaxt

25. KapitelTala Bronachell

Herrscher über das Feuer

26. KapitelJondralyn Bronachell

In Scharlachrot gebadet, in Blut

27. KapitelSterling Prentiss

Wohin sich die üblen Dämonen schleichen

28. KapitelGault Aulbrek

Was Madame La Mort gestohlen hat

29. KapitelNail

An einen Baum angenagelt

30. KapitelAva Shay

Auf seine Rückkehr wartet

31. KapitelNail

In das Fleisch seiner Wunde

32. KapitelTala Bronachell

Alle Dunkelheit gebannt

33. KapitelJondralyn Bronachell

Tod meines Geliebten

34. KapitelSterling Prentiss

Die Klauen eines Untiers

35. KapitelNail

Geifernde Narren

36. KapitelTala Bronachell

Schmerzlich und groß

37. KapitelJondralyn Bronachell

Versteckt an schwer zugänglichen Orten

38. KapitelGault Aulbrek

Ein Lächeln, das durch Träume spukt

39. KapitelNail

Nicht der Gesandte selbst

40. KapitelJondralyn Bronachell

Zu gegebener Zeit enthülle ich alles

41. KapitelTala Bronachell

Wieder zum Leben erwecken

42. KapitelAva Shay

Ein Funke, eine Flammenwalze

43. KapitelNail

Die Feiglinge, die Korrupten und Verrückten

44. KapitelSterling Prentiss

Besser ein Mann erschlagen

45. KapitelTala Bronachell

Eine vom Himmel gesandte Klinge

46. KapitelGault Aulbrek

Vater allen Trauerns

47. KapitelJondralyn Bronachell

Die Torheit des Menschen

48. KapitelNail

Mit auf die Wahrheit gerichtetem Blick

49. KapitelGault Aulbrek

Aug in Auge und Klinge gegen Klinge

50. KapitelJondralyn Bronachell

Bei den Sternen zu sitzen

51. KapitelNail

Unser Verderben herbeiführen

52. KapitelAva Shay

Die einst verborgenen Fünf

53. KapitelTala Bronachell

Feuersäulen und Blutströme

54. KapitelLindholf Le Graven

Die Träume meines Herzens

Anhang

Die Monde der Fünf Inseln

Die fünf Bände der Alten Schriften

Die fünf Waffen Laijons

Eine kurze Historie der Fünf Inseln

Dramatis Personae

Karte der Fünf Inseln

Dank

Allen Feuerwehrleuten, Sanitätern, Krankenschwestern und Ordnungshütern in tiefer Wertschätzung ihrer Arbeit –besonders meinen guten Freunden vom Strafvollzug in Utah.

Vertrauen ist flüchtig – Verrat aber ist zeitlos. Das Leben ist voller Lügen. Darum sei blutrünstig, sei tapfer, sei froh. Denn am Ende einer jeden Geschichte ist niemand mehr, wer er anfangs noch gewesen zu sein schien.

Das Buch des Verräters

Prolog

Shawcroft

Am 15. Tag des Feuermondes im 985. Jahr Laijon –Bei den Himmelsseen, Gul Kana

In ihrer Panik war die Frau mit dem Jungen ganz an den Rand des Gletschers geflohen – ein dünnes Messer bis zum Heft in ihrem Rücken. Bis auf die breite Blutspur, die über das Eis zum Abgrund führte, hundertfünfzig Meter über dem See, war nichts von ihr übriggeblieben.

Der kleine Junge kniete allein auf dem Felsvorsprung und sah mit großen grünen Augen zu Shawcroft auf; sein stechender Blick wirkte verletzlich im Kontrast zu dem schier endlosen Abgrund. Der Junge trug eine grobe Kniebundhose, weiche Wollstiefel und einen Umhang aus Elchleder, und seine winzigen Hände waren nackt und vor Kälte rot. Seine blonden Strähnen wehten im frischen Wind. Vor dem sonnenhellen Abgrund und den verschneit aufragenden Bergen erschien er wie ein Inbegriff der Unschuld und Reinheit. Er war höchstens drei Jahre alt. Und trotz der schrecklichen Verletzungen der Frau, die ihn so weit getragen hatte, war kein Tropfen Blut an ihm. Sein ganzes Leben schon war Shawcroft Soldat der Bruderschaft von Mia, und doch war ihm das Herz nie schwerer gewesen als in diesem Augenblick.

»Nicht bewegen!«, rief er über das betäubende Rauschen des Gletscherflusses in der Tiefe hinweg. Die Spalten und Eisformationen ringsum warfen das Dröhnen des Wassers als Echo zurück. Shawcroft spürte, wie der Gletscher sich unter seinen Lederstiefeln bewegte, als er sich behutsam vorwärtsschob, in dem Wissen, dass das Eis jeden Moment ins Rutschen kommen und sie beide in den Tod reißen konnte. Bemüht, nicht auf die Blutspur zu schauen, die ihn hergeführt hatte, stopfte Shawcroft seine Handschuhe unter die Schließe seines pelzbesetzten Waffenrocks und rückte seinen Umhang zurecht, das Langschwert ein kaum bemerktes Gewicht in seinem Schultergehänge.

Als er den Arm ausstreckte und das Kind vom Abgrund zog, schien die ungeheure Leere mit gewaltiger, fast unwiderstehlicher Gewalt an ihm zu zerren. Doch hinter sich vernahm er das hohle Getrappel der beiden Pferde, die sich ihm näherten.

Mit der kleinen Hand des Jungen in der Pranke wandte Shawcroft sich um und blinzelte in die gleißend helle, labyrinthartige Landschaft, durch die er geschritten war. Sie war schön, auf eigene Weise, eine scharfkantige weiße Herrlichkeit, welche die Augen schmerzen und tränen ließ. Und nun zeichneten sich zwei dunkle Gestalten vor ihr ab und glitten auf ihn zu.

Er wusste, wen er vor sich sah. Meuchelmörderische Bluthölzler. Die beiden Gestalten trugen schwarze Umhänge und ritten auf pechfarbenen Pferden. Er hatte sie erwartet. Der heutige Kampf war noch nicht vorbei.

Shawcroft stellte sich zwischen die Mörder und den Jungen, dann zog er seine Klinge aus dem Schultergehänge – sein Tagritterschwert, lang, kalt und glänzend, mit einem schwarzen Opal im lederumwickelten Heft, das sich nach so langer Zeit seiner Hand angepasst hatte.

Trotz der Glätte bewegten sich beide Pferde trittsicher und glitten wie Rauch zwischen Klippen und Eisplatten hindurch.

Zehn Meter vor Shawcroft brachten die Reiter ihre Pferde zum Stehen. Die Augen der Hengste waren rötlich eingetrübt – ein sicheres Zeichen dafür, dass die beiden Mörder den noch heranwachsenden Tieren das Serum Rauthouin Bane gespritzt hatten. Binnen eines Jahres würden ihre Augen flammend rot glühen, und ihre Schultern und Flanken würden vor Sehnen, Muskeln und Kraft nur so strotzen. Dann erst wären sie ausgewachsene Blutrösser, rasende, wilde Kreaturen.

Die beiden Männer auf den Pferden waren der Bruderschaft von Mia als Habicht und Spinne bekannt – Geschwister und die am höchsten geschätzten Meuchelmörder des Königs Aevrett Raijael von Sør Sevier.

Habicht und Spinne saßen geschmeidig und geräuschlos ab und rafften ihre Umhänge, unter denen sie die schwarze Lederrüstung ihrer Zunft trugen. Die bittere Kälte schien ihnen nichts anzuhaben, als sie über den Schnee auf Shawcroft zukamen. Sie glichen einander. Höchstens achtzehn waren sie, hatten kühle, schmale Augen, kantige Kiefer- und Wangenknochen und rabenschwarzes, kurzgeschnittenes Haar. Ihre flinken Schritte zeugten von Selbstgewissheit.

Shawcroft straffte sich. »Ich will keinen von euch töten!«, übertönte er das tief unten dröhnende Wasser.

»Dann verspreche ich, dass wir nicht sterben werden!«, gab Habicht zurück. Seine vertraute Stimme, die melodiös und doch durchdringend war, klang trotz seiner Empörung sanft.

Spinne musterte die Eisklippen hinter Shawcroft, streifte den Jungen nur kurz mit einem Blick und fasste dann die dunkle Spur ins Auge, welche die Frau hinterlassen hatte. »Was die Leute nicht alles tun, um ihre geliebten Angehörigen vor dem Tod durch einen Bluthölzler zu bewahren! Sie ist das furchtbare Risiko eingegangen, aus dem erbärmlichen Goldgräberlager zu fliehen und bis hierher zu rennen.« Ein Dolch, schwarz wie polierte Kohle, erschien in seiner Hand, und er sah Shawcroft herausfordernd an. »Was wirst du tun, um dem Tod durch unsere Hand zu entgehen, alter Mann?«

»Ich bin nicht so alt, dass ich es mit euch beiden nicht mehr aufnehmen könnte. Von eurer Sorte habe ich schon einige besiegt. Auch heute liegt wieder einer tot oben im Lager.«

Habicht taxierte ihn ausdruckslos. »Wir wollen nur den Jungen.«

Shawcroft war sich nicht sicher, ob das Kind nicht am besten jetzt und hier mit ihm sterben sollte. So jedenfalls würde ihm die trostlose Leere erspart, die ihn in Gestalt einer harten und einsamen Zukunft erwartete. Ein rascher Stoß mit dem Stiefel. Er sah zu dem Kind hinab, das zitternd hinter ihm stand. Es würde kaum Anstrengung kosten.

Wieder spürte er, wie der Gletscher sich unter ihm bewegte, und verlagerte vorsichtig sein Gewicht.

Die Meuchelmörder griffen mit behender Böswilligkeit an. Ihre Dolche schienen aus zahlreichen Verstecken in der Rüstung in die Hände zu springen.

Mit raschem Schwertstreich wehrte Shawcroft einen Dolch ab, der auf sein Gesicht zuschoss; der nächste aber drang ihm tief in die rechte Schulter. Von links attackierte ihn Spinne, und seine Hiebe waren wie Glasscherben und trafen wie der Blitz. Habicht flankierte ihn von rechts, sein Angriff ebenso schnell. Binnen kürzester Zeit war Shawcroft an mehreren Stellen verwundet, doch er spürte die Schmerzen nicht. Taubheit war ein schlechtes Zeichen, denn wer wusste schon, mit welchem tödlichen Gift die Bluthölzler ihre Klingen bestrichen hatten.

Plötzlich machte der Gletscher einen Ruck, und Shawcroft und seine Gegner landeten mit dem Gesicht voran auf dem Eis. Die Blutrösser schraken zusammen und verloren wiehernd den Halt, als unter ihnen ein gewaltiges Krachen widerhallte. Eines der Pferde verschwand in der Gletscherspalte, die sich unter ihm geöffnet hatte, und stürzte ins tosende Wasser. Der Spalt riss weiter auf, und Eisbrocken, so massiv wie Burgtürme, stürzten hinein.

Bäuchlings an den Gletscher gekrallt konnte Shawcroft nur ehrfürchtig zusehen, wie die riesigen, glänzenden Eismassen in den Himmel geschleudert wurden. Sein Blickfeld war voller Dunkelblau und Purpur, dazwischen nachleuchtende Splitter von Weiß. Im nächsten Moment stürzte das Eis wieder herunter, zerschellte krachend in gezackte Scherben und stürzte links hinter Spinne in die Tiefe, der nun auf allen vieren darum rang, sich auf der Klippe zu halten.

Shawcroft nutzte die Gelegenheit, kroch heran und stach mit dem Schwert nach ihm. Spinne versuchte seinen Stoß abzuwehren, verlor den Halt und verschwand über die Kante.

Shawcroft sprang auf und fuhr herum, um sich Habicht zu stellen, der ihn nun umso entschlossener angriff. Die ersten Stöße des Bluthölzlers konnte er parieren, und das ringsum brechende Eis machte solchen Lärm, dass das Klirren von Schwert und Dolch kaum zu hören war. Shawcroft wehrte die meisten Hiebe von Habichts glänzenden Dolchen ab, sodass sie ihm allenfalls oberflächliche Schnittwunden beibrachten, doch einige trafen tief. Entschlossen kämpfte er sich näher, traf mehrmals die Lederrüstung seines Feindes, brachte ihn dazu, sich zu ducken, und trieb ihn auf den dröhnenden Abgrund zu, in dem sein Bruder eben verschwunden war. Aber Shawcrofts Verletzungen forderten ihren Tribut. Bei jedem kräftigen Ausholen mit dem Schwert hämmerte sein Herz, und seine Lunge schmerzte. Seine Kehle war trocken und rauh, weil er die eiskalte Luft in abrupten Atemzügen einsog.

Wieder grollte und erzitterte der Gletscher. Shawcroft verlor sein Schwert, als er erneut aufs Eis geschleudert wurde und auf die abschüssige Kante zuglitt. Vor ihm rutschte Habicht mit den Beinen über den Gletscherrand. Mit großen Augen hieb er mit beiden Dolchen auf das Eis ein, um Halt zu finden, während Shawcroft direkt auf ihn zuschlitterte und ihn so vollends über den Rand drängte.

Zusammen hingen sie nun da – Habicht an einer Hand, die den schwarzen Dolch umklammerte, der noch im Eis steckte; Shawcroft mit dem Blick über die Klippe, unten das brodelnde Wasser. Zu seiner Bestürzung war Spinne bei seinem Sturz nicht verschwunden, sondern fünfzehn Meter tiefer auf einer Eisplatte gelandet. Er lag mit seltsam unter dem Körper verdrehtem Arm reglos in einer Blutlache.

Shawcroft sah Habicht in die Augen. »Ich kenne dich, Junge.«

Die Augen des jungen Mannes wurden schmal. »Ab mit dir in die Unterwelt!«

»Du warst für Größeres vorgesehen.« Mit der Hand schlug Shawcroft den Dolch aus dem Eis. Im Sturz ließ Habichts ruhiger Blick ihn nicht aus den Augen. Der Mörder landete unsanft neben seinem Bruder auf dem Eisvorsprung, rollte sich ab und hielt sich die Seite.

Shawcroft schob sich vorsichtig von der Kante zurück, um nicht kopfüber in die Schlucht zu stürzen, nahm sein Schwert und musterte die Eislandschaft hinter sich.

Der Junge war verschwunden.

Shawcroft erhob sich mühsam und stützte sich auf seine Waffe. Noch immer fühlte er sich zittrig, denn der Gletscher ächzte weiterhin unter ihm. Ein Dutzend Schnittwunden durchnässten seine Kleidung, und er spürte, wie seine Kraft nachließ. Hektisch suchte sein Blick den Gletscher ab.

Der verbliebene Bluthengst wieherte hinter ihm, und Shawcroft drehte sich um.

Der Junge stand vor dem schwarzen Pferd und streckte die kleine Hand nach dessen gesenkter Schnauze aus.

Shawcroft taumelte auf Tier und Kind zu. Aus den geblähten Nüstern des Hengstes blies dem Jungen weißer Atem in das bleiche Gesicht, und hauchfeine Eiskristalle ließen das blonde Haar des Jungen in der Sonne glitzern. Die rötlichen, trüben Augen des Hengstes waren voller Angst und Unsicherheit, weil ringsum große Eisblöcke krachten und knackten.

Shawcroft nahm die Zügel des Blutrosses und zwang das Tier mit einem Abwärtsruck auf die Knie. Dann sammelte er sich, um ihm das Schwert in den Nacken zu stoßen. Der Hengst war kein normales Pferd, sondern ein durch Alchemie erzeugtes Ungeheuer. Es wäre eine Gnade, es zu töten.

Wieder bewegte der Gletscher sich mächtig. Der Junge begann zu weinen. Shawcroft musste überleben. Nicht nur er, auch der Junge. Er spürte, wie das Gift der Mörder in ihm wirkte. Sollten sie es zurück nach Arco schaffen – in das Goldgräberlager im Bergtal knapp über dem Gletscher, in dem all die Zerstörung begonnen hatte, zu den niedergebrannten Hütten und den toten Dorfbewohnern –, würde er in den Ruinen womöglich sein niedergemetzeltes Pferd finden. Und in den Satteltaschen das versteckte Gegengift.

Shawcroft ließ das Zaumzeug des Hengstes los. Das Blutross erhob sich und sprang einige Schritte zur Seite. Er führte sein Schwert über die Schulter zurück in die Scheide. Ermattet von seinen Verletzungen ließ er die Bedeutung und den Schrecken dieses Tages endlich auf sich wirken. Aber er würde keine Träne vergießen.

Shawcroft nahm den Jungen in die Arme, bestieg den Hengst und machte sich auf den Rückweg durch das Labyrinth des Gletschers. Dabei wusste er eines sicher:

All die Pläne der Bruderschaft von Mia, die sie vor beinahe drei Jahren ersonnen hatten, waren nun ins Rollen gekommen.

Ob Sklave, Bauer, Ritter oder Herr – tief in unser aller Seele wohnt das Sehnen und Begehren, unsere Herkunft zu erfahren und das Geburtsrecht unserer Nächsten zu erkennen. Denn wie viele gute Werke und heldenhafte Taten sie im Leben auch vollbringen: Die Vaterlosen sind von Natur aus zur Heillosigkeit verdammt, anfällig für Verrat und nutzlos in den Augen des Einen und Einzigen.

Weg und Wahrheit Laijons

1. Kapitel

Nail

Am siebten Tag des Verhüllten Mondesim 999. Jahr Laijon – Galgenhafen, Gul Kana

Wir werden zu dem, für das wir uns halten, so wenigstens sagte Shawcroft gern. Nail hielt sich für einen guten Künstler. Am zufriedensten jedenfalls war er, wenn er mit Kohle auf Pergament zeichnete – und von Ava Shay träumte. Beides tat er oft. Nail hielt sich auch für einen guten Schwertkämpfer.

Wirklich lief trotz des rauschenden Regens alles gut. Nail hob seine Waffe zur Abwehr. Stahl stieß gegen Stahl. Bei jedem Aufprall schmerzten seine Hände. Das fühlte sich gut an. Erneut holte er aus, und der Schwung trieb ihn voran. Doch dann rutschte er weg, und das Schwert von Dokie Liddle traf ihn am Kopf. Nail stürzte mit einem Scheppern auf die Knie, sein Holzschild fiel in den Dreck, und seine Klinge schlitterte klirrend davon.

»Mist«, fluchte er. Der Helm saß ihm schief auf dem Kopf und nahm ihm die Sicht. Konzentrier dich, Dummkopf! Seine Waffe lag nah genug im Gras, um sich danach zu strecken, doch Dokies Schwertspitze schwebte schon über ihm.

»Ergib dich«, befahl Dokie und schwang bedrohlich sein Schwert. Nail war der stärkste Siebzehnjährige von Galgenhafen und normalerweise kaum zu besiegen, und er stellte sich das Grinsen vor, das sich nun sicher auf Dokies Gesicht ausbreitete. Stefane Wayland, Zane Neville und sogar Seidel – Zanes dummer Schäferhund – sahen zu und warteten darauf, dass er sich erheben und Dokie eine gewaltige Abreibung verpassen würde. Jenko Bruk stand ihnen am nächsten, und seine Miene zeugte von reinem Vergnügen. Die Flagge von Galgenhafen hing schlaff und durchnässt an der Stange in seinem Arm. Die übrigen vierzig jungen Männer auf dem Übungsplatz sahen ähnlich drein. Selbst das abweisende, bärtige Antlitz ihres Ausbilders, Baron Jubal Bruk, verzog sich zu einem Grinsen.

Enttäuscht richtete Nail sich auf. Er hatte zu viel an Ava Shay gedacht. Nun warf er die Kampfhandschuhe beiseite, wischte entschlossen den Dreck von seiner Rüstung und sagte: »Das Schicksal meint es gut mit dir, Dokie. Nur der Schlamm hat mich besiegt.« Dann zog er die Handschuhe wieder an und wollte aufstehen, doch wieder rutschten die Füße unter ihm weg. »Verflucht«, schimpfte er.

Da schlug ihm ein bitterkalter Wind ins Gesicht und raubte ihm den Atem. Ein Blitz!, dachte er erschrocken, und schon fuhr ein blendender Lichtstrahl in Dokies Rüstung. Mit einem Donnerschlag flog der junge Mann durch die Luft und landete auf dem Rücken.

Nail lag bäuchlings am Boden. Die Luft roch bitter, seine Bronchien fühlten sich wund an, und sein Mund war ausgetrocknet. Etwas Weißliches trübte seine Sicht. Ringsum fiel Funkenregen nieder und zerging im regennassen Gras. Der Rücken seiner Schwerthand pochte vor Schmerz.

Gedämpfte Stimmen erklangen, als hörte er sie von unterhalb der Wasseroberfläche. Jenko Bruk und Stefane Wayland standen über ihn gebeugt. »Glückspilz!«, brummte Jenko, und seine bernsteinfarbenen Augen blickten zwischen ihm und den anderen hin und her. Zanes Schäferhund bellte aufgeregt. Stefane bot Nail eine helfende Hand an, und der nahm sie, erhob sich und kam wacklig auf die Beine. Dokie lag mit ausgebreiteten Armen und Beinen rücklings im Schlamm und starrte ziellos in den Regen. Eine breite Spur zeigte, wo er durch den Schlamm gerutscht war. Seinen Helm hatte er verloren, und Rauch stieg von den Sohlen seiner Lederstiefel auf. Aus seiner Brust drangen heisere Atemzüge.

»Er lebt noch!«, rief Baron Jubal Bruk, schlug mit drei Fingern das Laijonskreuz über dem Herzen und schaute zum Himmel. »Kommt, schaffen wir ihn in die Stadt.« Baron Bruk, sein Sohn Jenko und ein paar andere hoben Dokies schlaffe Gestalt hoch und machten sich auf den Weg.

Der Rest des durchnässten Trupps sammelte mit scheppernden Rüstungen eilig seine Habseligkeiten zusammen und folgte dem Baron nach Süden in Richtung Galgenhafen.

Nail taumelte hinterdrein und kämpfte sich, noch immer benommen, durch den Schlamm. Er sah zum Himmel und wollte etwas erkennen, doch der Regen prasselte ihm unerbittlich ins Gesicht. Weiter brannte der Rücken seiner Schwerthand im Handschuh.

»Deine Umhängetasche.« Stefane schloss zu ihm auf und legte ihm den Lederträger über die Schulter. »Die hättest du fast vergessen.«

»Stimmt. Danke.« Die Worte fühlten sich seltsam an auf der trockenen Zunge. Nail schluckte vernehmlich und suchte sich wieder zurechtzufinden. Die Tasche enthielt seinen wertvollsten Besitz: Gebetbuch, Zeichensachen und eine Sammlung Kohlezeichnungen.

Donner grollte hinter Nail und Stefane, die sich nun sputeten, um nicht den Anschluss zu verlieren. Dann und wann bot ein Wäldchen etwas Schutz vor dem Regen, doch die Straße führte überwiegend zwischen Äckern und Wiesen entlang. Hecken, Steinwälle und Zäune aus Flechtwerk und Lehmbewurf begleiteten ihren Weg. Von fern klang das hohle Läuten von Ziegenglocken.

Mitunter bellte Zanes Hund in das Dunkel des Abends, als folgte ihnen etwas. Trotz seiner Benebelung begannen gottlose Bilder in Nails Kopf zu kreisen, die seine Träume seit der Kindheit heimgesucht hatten. Die glühenden Umrisse der namenlosen Bestien der Unterwelt, der rotäugigen Untiere, die in den Vorstellungen einsamer Kinder umgingen, die weder Vater noch Mutter hatten. Nail wusste, dass er anders war. Er war nicht nur einfach eine Waise, sondern ein Kind ungewisser Herkunft, er war unnatürlich.

Als sie eine von Kerzen erhellte Hütte passierten, drang ihm Rauch in die Nase, und der Geruch von brennendem Holz befreite ihn von seinen aufwühlenden Gedanken.

Bald verließen die Schwertschüler das Nadelwäldchen, und die schimmernden Lichter von Galgenhafen taten sich vor ihnen auf. Rechts des Weges auf einem kleinen Hügel über der Galgenbucht stand der Bergfried. Seit Jahrhunderten war er nicht mehr in Gebrauch. Inzwischen erhob sich seine zinnengekrönte Brustwehr schief über der Siedlung, der alte, heruntergekommene Rest einer Festung, die einst herrlich dagestanden hatte.

Links befand sich die Dorfkirche, deren graue, wuchtige Präsenz auf Nail plötzlich beruhigend wirkte. Trotz der schlechten Dinge, die Shawcroft über die Kirche Laijons und ihre Lehren zu sagen hatte, fühlte Nail sich sicher in den mächtigen Bögen der Kapelle, in der Dicke ihrer Mauern, in ihrer gleichmütigen Großartigkeit. Über der Tür prangten drei Buntglasfenster, deren feine Glasmalereien farbige Muster auf ihren Weg warfen. Als die Träger des vom Blitz getroffenen Dokie durch das Kirchenportal schritten, sah Nail zu den prächtigen Fenstern empor. An helleren Tagen saß er oft mit seinem ramponierten Skizzenbuch unter ihnen und zeichnete. Im mittleren Fenster prangte ein Bild Laijons, und fünf Engelssteine hingen weiß, rot, schwarz, grün und blau wie ein Glorienschein über ihm. Laijon trug ein im Licht schimmerndes Kettenhemd und seine silberne Streitaxt, den Mond des Vergessens. Im linken Fenster schwebten zwei Engel in weißen Gewändern; der eine schwang ein Breitschwert, das Feuer der Sühne, der andere hielt eine Armbrust, das Pechschwarze Herz, die aus Ebenholz gefertigt war. Im rechten Fenster waren zwei weitere Engel zu sehen, einer trug einen hörnerbewehrten Kriegshelm, die Einsame Krone, während der andere einen mythischen Schild, den Schleier der Tugend, in der Hand hielt. Dies waren die fünf alten Waffen der Überlieferung.

Jubal und Jenko Bruk und die anderen betraten die Kirche, und die fünf Engelsbilder warfen geisterhafte Lichtstrahlen über sie, während sie Dokie vor Bischof Tolbret ablegten. Der Bischof war ein kleiner Mann mit unscheinbarer Miene und schütterem Haar. Er trug das braune Gewand und die schwarze Schärpe seines Standes, darunter die geweihte weiße Seidenwäsche.

In der gewölbten Apsis hinter dem Bischof stand eine grob in Stein gehauene Statue Laijons. Die kraftvolle Plastik war dreimal so groß wie ein Erwachsener. Laijon war nackt bis auf ein Lendentuch und trug einen Kranz aus Heidekraut auf dem Kopf. Sein Gesicht war makellos – bis auf die blasse rote Linie, die seine tödliche Halswunde symbolisierte. Laijon war an eine noch größere, schwarz bemalte Holznachbildung des Versöhnungsbaums geschlagen, dessen gewundene Äste fast bis zur Kirchendecke aufstiegen und die Apsis ausfüllten.

Als Bischof Tolbret Nail verdreckt und zerzaust dastehen sah, warf er ihm einen unfreundlichen Blick zu. Nail senkte die Augen und zog die Handschuhe aus. Seine Rechte, mit der er das Schwert führte, pochte noch immer vor Schmerz, und auf dem Handrücken war nun eine schmale, kreuzförmige Verbrennung zu sehen. Die frische Wunde war offen und rot und schien beinahe zu glühen.

Nail spürte gar nicht, dass ihm Galle in die Kehle stieg und der Magen brannte, denn den glühenden Umriss dieses roten Kreuzes auf seinem Handrücken hatte er schon einmal gesehen.

Als Kind hatte er ihn allein und verängstigt in seinen Träumen erblickt.

Nail und Stefane saßen abseits, und Nails Kohlezeichnung lag ausgerollt auf dem Tisch zwischen ihnen. Der Krakenspeer schwirrte vor Gesprächen über Dokie Liddle. Im Spätwinter gab es an der Südwestküste von Gul Kana oft plötzliche Regengüsse, die nicht selten in Schnee übergingen. Aber Blitzeinschläge so nah der Stadt waren selten. Normalerweise herrschte in der Taverne Ausgelassenheit, doch Dokies Verletzungen hatten für düstere Stimmung gesorgt.

Dennoch hatten die Schankmaiden gut zu tun. Und eine dieser jungen Frauen erregte stets Nails Aufmerksamkeit: Ava Shay. Sie war so alt wie er, siebzehn. Im Laufe des Jahres war es Nail mehrmals gelungen, sich der Arbeit in den Minen mit Shawcroft zu entziehen und die Stadt zu besuchen, und so hatten die beiden sich angefreundet. Manchmal fragte Nail sich, ob sie nicht bereits miteinander ausgingen. Es war ihm fast unmöglich, nicht an sie zu denken.

Schlank und zart wie ein Weidenblatt schlängelte sich Ava – zwei frisch gefüllte Bierkrüge in Händen – durch die Taverne auf ihn zu. Sie trug ein schlichtes graues Hemdkleid mit einer schwarzen Schärpe um die Taille. Das blonde Haar floss ihr in gesträhnten Seidenlocken über den Rücken, und in der sengenden Hitze der vielen Herde des Lokals umtanzten diese Locken ihr Gesicht wie Flammen. Als sie in Nails Nähe kam, schaute sie ihn mit unverhohlenem Interesse an, und ihre dunkelgrünen Augen verzauberten ihn wie immer. Er warf einen raschen Blick auf seine Zeichnung, die Skizze eines langhaarigen Mädchens im schlichten Kleid, das einen Wassereimer durch ein knietiefes Blumenmeer trug. Nail hatte bei den Pflanzen an Gänseblümchen gedacht und bei dem Mädchen an Ava Shay.

»Traurig, das mit Dokie«, sagte sie, als sie zu den beiden an den Tisch trat. »Wird er wieder gesund?«

»Seine Eltern sind bei ihm«, erwiderte Stefane. »Und Bischof Tolbret und Baron Bruk. Der Baron berichtet sicher bald mehr.«

Ava stellte Stefane einen mit Birkenbier gefüllten Holzkrug hin. »Der ist für dich.« Den nächsten Krug schob sie vor Nail. »Und der für dich, mein Lieber.« Sie sah seine Zeichnung. »Ich bin bei weitem nicht so begabt wie du, Nail, aber der alte Leddingham hat heute eine Fischplastik von mir ausgestellt.« Sie wies auf das Regal hinter der Theke. Ihre Holzschnitzerei stand neben einem durchsichtigen Gefäß mit den seltenen, dolchartigen Zähnen einer Meerjungfrau. »Wenn ich Otter und Robben schnitze, stellt er sie in den Gästezimmern aufs Kaminsims, sagt er.«

»Wahnsinnig schöne Arbeit«, sagte Nail und freute sich über ihr Talent.

»Danke, das ist nett von dir.« Sie warf ihm ein charmantes Lächeln zu, verbeugte sich kurz und ging zur Theke zurück.

»Wie ich sehe, bezaubert Ava dich immer noch«, sagte Stefane und zog Nails Zeichnung über den Tisch. »Wann immer du im Krakenspeer bist, nennt sie dich ›mein Lieber‹.«

»So nennt sie hier jeden«, gab Nail zurück und folgte Ava, die sich durch die Menge schob, mit dem Blick. Die Taverne war etwa zehn Schritt breit und zwanzig Schritt lang und voller Tischreihen. Die Theke befand sich an der linken Wand. Über dem zerfurchten Hartholzboden lag ein Film aus Ruß und Bier. Spinnweben hingen von den Dachsparren, und die niedrigen Balken waren mit Fellen von Silberwölfen und Schwarzbären behangen. An den Wänden prangten die Köpfe von Elchen, Wildschweinen und Hirschen, und über dem Eingang hingen die elfenbeinernen Stoßzähne eines Walrosses und die langen Arme eines Kraken. Der alte Leddingham, dem die Taverne gehörte, drehte am offenen Herd eine Rehkeule am Spieß.

Die jungen Männer des Dorfes drängten sich in der Taverne, die meisten von ihnen noch in ihrer Rüstung, um die Mädchen zu beeindrucken. So war es Brauch. Nach der Übung an den Waffen servierten die Mädchen aus dem Krakenspeer den Wehrpflichtigen ein Essen. Nail lebte geradezu für den Schwertkampf bei Baron Bruk und die warmen Mahlzeiten danach. Es waren die seltenen Gelegenheiten, zu denen Shawcroft ihm erlaubte, in den Ort zu kommen. Die Heeresausbildung war vom Gesetz angeordnet.

Stefane schob die Zeichnung auf Nails Seite des Tisches zurück. »Deine Zeichenkünste scheinen Ava zu gefallen. Mich dagegen hat sie kein einziges Mal angelächelt.«

»Über zu wenig Aufmerksamkeit kannst du dich nicht beklagen«, erwiderte Nail, als er Giselle Barnwell ankommen sah. Ihr Blick war auf Stefane gerichtet, der prompt errötete. Giselle stellte zwei dampfende Teller auf den Tisch, machte einen Knicks, sagte »Armer Dokie« und kehrte zur Theke zurück. Giselle war zwei Jahre jünger als Nail und Stefane und trug einen Kranz aus blauem Heidekraut auf dem Kopf. Kürzlich erst war sie zur Blauen Jungfrau des anstehenden Trauermondfests gekrönt worden, eine jährliche Auszeichnung, die dem hübschesten Mädchen Galgenhafens vorbehalten war.

Ganz offenkundig mochte Giselle Stefane, doch der bemerkte es nicht. Nails Freund hatte eine vorspringende Nase und ein energisches Kinn. Dunkles Haar floss ihm in Locken über die Schultern. Er besaß den harten Blick und die gebräunte Haut der jungen Männer, welche die letzten Jahre auf Baron Bruks Krakenfänger verbracht hatten. Während Nail mit seiner Kraft und Geschwindigkeit auf dem Übungsplatz im Schwertkampf überzeugte, war Stefane ein hervorragender Bogenschütze. Jedes Jahr hatte er im Wettschießen gegen die Wehrpflichtigen aus Tomkin Sty und Peddlers Point gewonnen und seit dem zehnten Geburtstag niemals beim Trauermondfest verloren. Und Giselles Miene zufolge hatte er vermutlich auch sie so gewonnen.

Nail wusste, wie andere ihn wahrnahmen. Trotz seinen siebzehn Jahren war er größer und stärker als die meisten Männer Galgenhafens. Er hatte graugrüne Augen, eine schmale Nase, ein freundliches Lächeln und ein jugendliches, von blonden Locken gerahmtes Gesicht. Dauernd strich er sich widerspenstige Strähnen aus der Stirn – eine Angewohnheit, die er nicht abschütteln konnte und die die Mädchen auf ihn aufmerksam werden ließ. Nail trug sein Haar lang genug, damit es die schmalen Ohren bedeckte, die, wie er fand, etwas abstanden.

Stefane hatte zu essen aufgehört und starrte ins Leere.

»Iss«, sagte Nail. »Kopf hoch – Dokie wird schon wieder.«

»Ich weiß«, murmelte Stefane. »Das ist es nicht.«

Nail legte die Gabel hin. »Bald tanzt du mit Giselle auf dem Trauermondfest wie Mann und Frau.« Er zeigte auf seinen Freund. »Und du wirst sie um einen Tanz bitten – auch wenn ich dir den Mund aufzwingen und die Lippen für dich bewegen muss.«

Stefane lächelte schwach. Zane Neville kam zu ihnen.

»Ich nehme dein Bier, wenn du es nur anstarrst.« Mit einem gehäuften Teller ließ Zane sich auf den Platz neben Stefane fallen. Wie angekündigt schnappte er sich dessen Krug und trank in tiefen Zügen. Seidel, sein Schäferhund, setzte sich neben ihn und legte die Schnauze auf den Tisch. Zane schob ihm ein Stück Räucherlachs zu. Seidel verschlang es und klopfte dabei mit dem Schwanz auf den Boden. Der große Schäferhund erinnerte Nail an die Silberwölfe, die bei den Goldminen vor der Stadt durch die Berge streiften. Doch anders als die wilden Wölfe war Seidel ein gutmütiger Kerl.

Zane hatte ein rundes Gesicht mit dicker Nase, einer Handvoll Sommersprossen und karottenfarbenem Haar, das ihm wie eine Fackelflamme zu Berge stand. Er war groß, aber die hängenden Schultern und der birnenförmige Leib vereitelten selbst die ehrgeizigsten Versuche, sich in die Übungsrüstung zu zwängen. Doch trotz seines Körperbaus war Zane einer der besten jungen Krakenzerleger in Baron Bruks Mannschaft.

»Habt ihr über Giselle Barnwell geredet?«, fragte Zane, den Mund voller Kartoffeln. »Sie sagte, sie sei froh, dich heute Abend hier zu sehen, Stefane. Das schwör ich bei Laijon. Sie ist erleichtert, dass dich nicht wie Dokie der Blitz erwischt hat.«

»Stefane hat einen Riesenbammel vor Giselle«, sagte Nail. »Der würde nicht mal reagieren, wenn sie ihm eine Ohrfeige gäbe – oder ihm zwischen die Beine griffe.«

»Na ja, im Moment leuchtet sein Gesicht röter als der Hintern eines Ziegenbocks«, meinte Zane. »Ich wette, er hat sie schon längst auf Wetherbys Heuboden mitgenommen und das Gesicht unter ihren Rock geschoben, und ihre hübschen kleinen Beine waren …«

»Unsinn«, fuhr Stefane ihn an. »Ich würde nie …«

»Aber irgendeiner wird es tun. Du sehnst dich immer nur nach ihr wie ein unglücklicher Welpe. Unternimm endlich etwas, damit dir keiner zuvorkommt! Das schwör ich bei Laijon: Irgendwer schnappt sie dir sonst vor den Augen weg!«

Zane stand auf. »Vielleicht stoße ich sie einfach zu Boden und falle hier vor deinen Augen über sie her.« Er beugte sich über seinen Hund und tat, als würde er ihn bespringen.

»Hör auf damit!« Stefane sah sich nervös um. »Womöglich schaut sie ja her.«

»Humorlos wie immer.« Zane nahm wieder Platz und schaufelte sich mehr Lachs in den Mund.

Seine ältere Schwester, Liz Hen, stellte jedem von ihnen eine Schale Eintopf hin – im Krakenspeer wurden sie immer großzügig versorgt. Liz Hen war neunzehn, groß, breitschultrig und dickbäuchig, und ihr Haarschopf war noch wilder und röter als der von Zane. Seidel freute sich, sie zu sehen, wedelte mit dem Schwanz und stellte die Ohren auf.

»Das kann ich nicht essen.« Stefane schnüffelte an der dampfenden Schüssel. »Steckrübenschnitze, Rettich …«

Liz Hen schlug ihm mit fleischiger Hand auf den Kopf. »Dann verfüttere es an den Hund, du Trottel.«

»Au«, rief Stefane und stocherte missvergnügt im Eintopf. »Ich sag ja nur …«

»Was kümmert’s mich, woraus das Essen besteht. Könnte von mir aus Taubendreck sein. Ich bin ja nur das Laufmädchen des Wirts.« Sie drehte sich um und stapfte davon.

»Ärger sie nicht so.« Zane sah seiner Schwester nach. »Sie lässt das nur später an mir aus, das schwör ich bei Laijon. Du bist heute wirklich mürrisch, Stefane. Dokie wird schon wieder.«

»Mir liegt etwas anderes auf der Seele«, sagte Stefane. »Heute Morgen habe ich Nachricht von Onkel Brender aus Bainbridge bekommen. Die Gerüchte sind wahr. Das Heer des Weißen Prinzen hat die Laijontürme beinahe erreicht und steht schon fast an der Ostküste von Wyn Darrè.«

Ein Frösteln durchlief Nail. Wenn der Weiße Prinz einen vernichtenden Sieg über Wyn Darrè errungen hatte, war das tatsächlich eine schlimme Neuigkeit.

»Der Sündenerlass ist nah«, sagte Stefane. »Der Feurige Sündenerlass, so wie er in Weg und Wahrheit Laijons prophezeit wird. Noch sieht man an klaren Tagen von den Mauern von Lord’s Point aus die Laijontürme auf der anderen Seite der Meerenge leuchten. Aber bald liegen sie sicher in tiefem Dunkel, ausgelöscht von Aeros Raijael. Erst hat er Adin Wyte erobert, nun Wyn Darrè. Bald gehören ihm alle Fünf Inseln.«

»Was ist mit dem Leuchtfeuer auf der Festung von Sankt Einzig?«, fragte Zane und tätschelte dabei Seidel.

»Das brennt noch«, erwiderte Stefane, »aber nur, weil der Weiße Prinz es duldet. Mein Onkel sagt, Aeros Raijael werde die Küste von Gul Kana mit seiner ganzen Streitmacht angreifen. Unsere Insel ist die Beute, die er am meisten begehrt, und die Soldaten von Sør Sevier sind von klein auf zum Kriegführen erzogen. Lasst uns Galgenhafen verlassen! Kommt mit nach Bainbridge, dort können wir uns einem richtigen Heer anschließen! Mein Onkel wird uns finanzieren. Wenn er dich unterstützt, Nail, bist du nicht länger Shawcrofts Mündel.«

»Du strotzt heute ja vor Ideen«, gab Nail zurück, obwohl ihm die Vorstellung gefiel, nicht länger an Shawcroft gebunden zu sein – denn der alte Mann war unberechenbar und manchmal grausam. Stefane war immer darüber auf dem Laufenden, was im Königreich vor sich ging, und Nail beneidete den Freund darum. Doch seine hochfliegenden Ideen täuschten ihn über so einiges hinweg. »Wir werden gehängt, wenn wir von Baron Bruks Ausbildung desertieren und unseren Pflichten gegenüber Galgenhafen nicht nachkommen«, sagte Nail. »Zwei Jahre Dienst für Kirche und Silberthron. Wir wurden eingezogen und müssen alle unsere Zeit abdienen. Außerdem, wer würde Galgenhafen verteidigen, wenn wir uns aus dem Staub machten?«

»Das stimmt«, sagte Zane. »Wir sind Wehrpflichtige, wir können nicht einfach von Ort zu Ort ziehen.« Er nickte Nail zu. »Selbst Waisen und Kinder ungeklärter Herkunft sind nicht vom Dienst an Laijon befreit.«

Nail war nicht beleidigt. Zane meinte es nicht böse. Was er gesagt hatte, stimmte – sogar uneheliche Kinder dienten Laijon und dem Silberthron. Alle in Galgenhafen wussten, wie es um Nail stand. Shawcroft war noch am ehesten eine Art Familie für ihn – von einer Schwester abgesehen, die sein Meister ab und an erwähnt hatte, einer verlorenen Zwillingsschwester, die eines Tages zu finden Nail sich oft erträumte. Da er weder Mutter noch Vater gekannt hatte, fragte er sich manchmal, ob es sie überhaupt je gegeben hatte. Und seine vagen Erinnerungen an die zärtlichen Berührungen einer Amme in der frühen Kindheit waren mit der Zeit immer schwächer geworden.

»Wenn wir nach Bainbridge abhauen, spürt Baron Bruk uns auf«, sagte Zane. »Dafür sorgt Bischof Tolbret schon. Und dein Onkel wäre bestimmt sowieso versucht, uns auszuliefern. Warum musst du die Dinge immer so anders sehen, als sie in Weg und Wahrheit beschrieben sind?«, fragte er, schnappte sich Nails Bierkrug und nahm erneut einen tiefen Schluck. »Stefane der Skeptiker – darauf taufe ich dich. Immer denkst du zu viel. Wer die Gesetze Laijons anzweifelt, beweist einen schwachen Geist.«

Nail fühlte sich zwischen Zanes blinder Verehrung für die Anhänger Laijons und Stefanes zynischer Sicht der Dinge gefangen. Meister Shawcroft war ihm in religiösen Fragen keine Hilfe. Er hatte eine zu tiefe Abneigung gegen alles, das mit der Kirche Laijons zu tun hatte, und sprach fast nie über seine Ansichten. Nail hingegen mochte die Kirche und ihre Dienste des Achten Tages – vor allem als Vorwand, das Schürfen mit Shawcroft zu unterbrechen und dem langweiligen Tun zu entgehen, eine Spitzhacke mit einer solchen Präzision zu führen, wie sein Meister sie ihm abverlangte. Den wöchentlichen Dienst des Achten Tages zu besuchen, brachte Nail seinen Freunden näher – und Ava Shay. Außerdem würde in diesem Frühjahr wieder das rituelle Entfachen der Aschenglut stattfinden. Nail hatte sich das Gebet dazu eingeprägt und so lange täglich im Kopf wiederholt, dass er es inzwischen vorwärts und rückwärts vortragen konnte.

»Entweder hierbleiben und durch die Schwerter einer Eroberungsarmee sterben oder fortgehen und von Landsleuten gejagt werden.« Jetzt schwang Enttäuschung in Stefanes Stimme mit, eine Resignation, in der sich die Aussichtslosigkeit ihrer Lage spiegelte. »Sofern Baron Bruk uns nicht vorher zugrunde richtet. Begreift er denn nicht, dass unsere Helme da draußen die Blitze regelrecht anziehen? Vermutlich werden wir gekocht wie Hühner im Topf. Selbst die Priesterroben von Bischof Tolbret bieten mehr Schutz.«

»Mach keine Witze«, sagte Zane. »Die Seidenroben Laijons hat der Großvikar persönlich gesalbt und dadurch stärker gemacht als jede Rüstung. Tolbret wäre in jedem Sturm geschützt.«

»Die Roben sind aus Seide, nicht aus Eisen, und sicher nicht magisch. Die Geschichten über ihre heiligen Eigenschaften sind doch bloß Märchen, die Kinder beeindrucken sollen.«

»In Weg und Wahrheit Laijons ist von ihrer Heiligkeit und Stärke die Rede.«

»Ich sage ja nur, dass unsere Rüstungen bloß verrostete Überbleibsel sind, die man aus dem alten Bergfried geborgen hat. Mit den vierzig Wehrpflichtigen aus unserem Ort und den paar zwielichtigen Seeleuten und einer Handvoll mit Harken bewaffneten Bauern können wir uns gegen Sør Sevier nicht behaupten. Jubal Bruk mag der Baron unseres Landes sein und der Eigentümer des Krakenfängers, auf dem ich arbeite, aber manchmal halte ich ihn für wirr im Kopf.«

»Wirr im Kopf?« Jubal Bruk tauchte unvermittelt aus der Menge auf und trat mit seinem Sohn Jenko an ihren Tisch. Der Baron trug einen vom Regen durchweichten Umhang, der nach nassem Pferd roch. Seidel schnüffelte kurz an ihm und wich zurück.

»Baron.« Stefane erhob sich hastig, verbeugte sich und sah aus, als hätte er einen Frosch verschluckt.

»Wie geht es Dokie?« Auch Nail war aufgestanden und verneigte sich. Entgegen Stefanes Behauptung war Jubal Bruk kein Narr. Sein Blick wanderte verärgert über die um den Tisch sitzenden Jungen. Der Baron hatte buschige Brauen und tiefliegende Augen, die wie in ängstlichem Blinzeln erstarrt wirkten. Der Baron hatte ein bärtiges Gesicht und eine breite Stirn, die in eine nur noch von einem grauen Haarkranz gesäumte Glatze überging, und er schüchterte alle im Ort ein – vor allem, da er stets ein enormes Schwert mit dickem, lederumwickeltem Griff und einem Knauf trug, der mit Intarsien aus schwarzem Opal geschmückt war. Gerüchten zufolge hatte er, ehe er vor fünf Jahren nach Galgenhafen gezogen war, zu den berühmten Tagrittern von Amadon gezählt. Die meisten im Ort hielten ihn daher für einen guten Kämpfer, wenn auch für einen lausigen Anführer.

»Dokie hat Verbrennungen erlitten, aber schlimm sind sie nicht.« Mit einer Handbewegung forderte der Baron Stefane und Nail auf, sich wieder zu setzen. »Bischof Tolbret wacht über ihn. Mit den Segnungen des Priesters wird Dokie bald gesunden.«

»Zum Glück bist du im Schlamm ausgerutscht, Nail«, sagte Jenko lächelnd. »Sonst hätte der Blitz sicher dich und nicht Dokie getroffen.« Noch immer war der Sohn des Barons fast komplett in seine Rüstung gekleidet, hatte sein Schwert umgegürtet und trug seinen schwarzen Schild an einem Band über der Schulter. Jenko war ein kräftiger Kerl und ein Angeber, und sein zerzaustes braunes Haar reichte bis knapp an die Schultern. Er überragte selbst seinen Vater, und dank seiner muskulösen Arme war er wahrscheinlich der stärkste Mann von Galgenhafen.

»Im Kampf muss man auf den Beinen bleiben«, begann Baron Bruk. »Bäuchlings in voller Rüstung im Schlamm zu landen ist erbärmlich. Ehrlich gesagt denke ich, dass keiner von euch Jungs auch nur den Hauch einer Chance gegen die Armee des Weißen Prinzen hätte. Sollte Sør Sevier Galgenhafen erreichen, garantiere ich euch, dass seine Armee keinen sonnigen Tag abwartet, damit ihr keine nassen Füße bekommt. Ich war mit König Borden in den Eisenhügeln, als Sør Sevier in Wyn Darrè einfiel. Während der Schlacht zog ein Schneesturm auf, und klirrend kalte Winde schlugen wie Eisnadeln gegen die Mauern von Oksana. Hat Aeros das von seinem Gemetzel abgehalten? Nein. Der Weiße Prinz kam direkt durch den Schnee marschiert und stampfte über uns weg. Nur wenige hatten das Glück zu entkommen. Ich habe König Borden mit eigenen Augen fallen sehen. Ich kenne den Krieg!«

Der Baron beugte sich vor und legte seine schwieligen, vernarbten Hände auf den Tisch. Sein unbeugsamer Blick, zornig und bestimmt, durchbohrte Stefane wie ein Messer. »Im Kampf sterben nicht alle ruhmreich. Und auch nicht sofort. Sei in der Schlacht froh um deinen Harnisch, auch wenn es sich um verrostetes Gerümpel aus dem Bergfried handelt. Trotzdem kann ein gut platzierter Schwertstoß dir die Glieder des Kettenhemdes ins Fleisch treiben und eine üble Wunde hinterlassen, an der du verblutest. Nimm also deine Übungen ernst, du und alle anderen auch.«

»Ich bin gut mit dem Schwert«, warf Nail ein. »Und ich verbessere mich jeden …«

»Wo ist Shawcroft?«, fragte Baron Bruk unvermittelt. »Vergeudet er seine Zeit noch immer in den Minen?«

»Heute ist er früh zu den Bergwerken aufgebrochen«, gab Nail zurück und ärgerte sich darüber, dass der Baron seine Fähigkeiten mit dem Schwert so beiläufig abgetan hatte. »Er meinte, er schürfe eine Woche lang. Ich solle bis dahin bei Stefanes Familie wohnen.«

Der Baron sah ihm in die Augen. »Ich hatte gehofft, dein Meister hielte es für angebracht, mir mit euch Wehrpflichtigen zu helfen. Aber bei Laijon, was er in den Goldminen treibt, ist ja von größerer Wichtigkeit.« Mit diesen Worten zog Jubal Bruk sich von ihrem Tisch zurück und ging zum Ausgang der Taverne.

Was weiß Shawcroft denn von Schwertkampf und Bogenschießen? Nail wusste, dass es zwischen seinem Meister und dem Baron in letzter Zeit zu Spannungen gekommen war, die mit den Goldminen zusammenhingen. Nail hatte das für unbedeutend gehalten. Nun aber hatte Jubal Bruk den Namen seines Meisters so ausgesprochen, als wäre er vergiftet. Dass der Baron bei der Ausbildung der Wehrpflichtigen Shawcrofts Hilfe benötigen sollte, erschien Nail in vieler Hinsicht lachhaft.

Jenko Bruk blieb bei ihnen, setzte sich an ihren Tisch und musterte Nail entschlossen. »Mein Vater hat recht, weißt du. Schon vor Jahrhunderten wurde das letzte Gold aus den Bergen geholt. Noch nie wurde ein Trauermondfest des Goldschürfens wegen abgehalten. Die Krakenfängerei ist die einzige wirtschaftliche Grundlage Galgenhafens. Kraken sind es, die Gul Kana versorgen. Verbring deine Tage auf See und mit Männerarbeit, Nail. Bring einen Kraken heim oder eine Ladung Lachs. Davon wird der ganze Ort satt. Das ist ein richtiger Broterwerb. Wann wird dein Meister das je begreifen?«

Nail störte dieser Ton ein wenig. Jenkos zweijährige Verpflichtung zum Dienst für Kirche und Krone war fast vorbei, und alle wussten, dass der Achtzehnjährige bald den Krakenfänger seines Vaters erben würde. Jenkos Position in Galgenhafen stand fest. Nail dagegen würde nichts erben. Und so sehr er sich mit dem Sohn des Barons darin einig war, dass Schürfen Zeitverschwendung hieß, war Nail sich doch darüber im Klaren, dass die harte Arbeit, die Shawcroft ihm all die Jahre auferlegt hatte, ihn zum Mann hatte reifen und das Schwingen der Spitzhacke ihn stark gemacht hatte. Das erfüllte ihn mit einem gewissen Stolz, und es passte ihm nicht, dass Jenko darüber lästerte.

»Nail möchte uns auf die Krakenjagd deines Vaters begleiten«, sagte Stefane.

»Ach ja?« Jenko Bruk sah Nail durchdringend an.

»Natürlich habe ich Shawcrofts Erlaubnis, fischen zu lernen, während er in den Minen ist«, log Nail. Shawcroft wäre sicher dagegen, wenn Nail mit auf See fuhr. Aber er würde ja eine Woche in den Minen schuften, und die Krakenjagd dauerte normalerweise nicht so lange. Nail war klar, dass er den Willen seines Meisters offen missachtete. Doch das war ihm gleich. Shawcroft konnte fordernd, stur, unleidlich und grausam sein, und Nail war vollständig abhängig von ihm – und es war sein größter Wunsch, endlich frei von ihm zu sein.

»Du willst ein Krakentöter werden?«, fragte Jenko. »Dass du als Held zurückkehrst, ist unwahrscheinlich; eher wirst du von einem Hai gebissen oder vom Meervolk ausgenommen.«

»Nail kommt sicher als Held zurück«, mischte Zane sich ein. »Als Held, gehüllt in Krakenspeck. Dann bleibt Ava Shay nichts anderes übrig, als sich noch mehr in ihn zu verlieben.«

»Ava Shay, ja?« Jenko hob eine Braue. »Wirklich ein appetitliches Mädchen.«

Nail drehte sich zur Theke um, wo Ava sich die Hände an einem Tuch abwischte. Kurz sah sie zu ihrem Tisch rüber und lächelte, und Jenko nickte ihr zu. Nail pochte das Herz im Hals. Dass der Sohn des Barons das Gleiche in Ava sehen könnte wie er, war ihm nie in den Sinn gekommen. Doch der Blick, der jetzt in Jenkos Augen trat, war beunruhigend und herausfordernd. Er starrte Nail an, und ein grimmiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Na, sollen wir um das Recht kämpfen, Ava Shay beim Trauermondfest um ihre Hand zu bitten?«

»Bravo!« Zane Neville schlug Jenko auf den Rücken. »Schön hast du ihm den Fehdehandschuh hingeworfen! Ein wenig Spaß braucht man schließlich, damit der Abend nicht zu trüb gerät, stimmt’s? Dokie fände das sicher herrlich!« Selbst Seidel schien begeistert zu sein und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden.

Jenko grinste und legte seine Finger an das Heft seines Schwerts. Nail ließ er dabei nicht aus dem Blick. »Was meinst du? Ein Kräftemessen auf offener Straße? Wie Zane schon sagte: Ein wenig Spaß würde die Stimmung aufhellen. Oder wagst du nicht, gegen mich zu kämpfen?«

Auf dem Übungsplatz hatte Nail Jenko mitunter besiegt. Dann wieder hatte Jenko ihn geschlagen. Alle wussten, dass beide ungefähr gleich stark waren. Sich auf einer Straße im Ort zu messen, war aber etwas ganz anderes. Vor dem Krakenspeer würde Ava Shay seine Fähigkeiten endlich mit eigenen Augen sehen. Und zugleich konnte er Jenko in die Schranken weisen.

»Fehlt dir der Mut?« Jenkos Grinsen wurde breiter. Er griff sich Nails Kohlezeichnung vom Tisch, knüllte sie zusammen und warf sie auf den Boden.

Durch ein paar blonde Strähnen, die ihm tief in die Stirn hingen, betrachtete Nail sein zerstörtes Bild. Wut stieg in ihm auf. Sein Handrücken glühte vor Schmerz, und das kreuzförmige Mal brannte. Ihm war klar, dass Jenko ihn nur reizen wollte. Bisher hatte er keinen Unwillen gegen ihn gehegt. Sicher, er war der Sohn des reichsten Mannes am Ort und konnte sich mitunter unmöglich verhalten, aber all sein Gerede ließ sich überhören. Diesmal aber hatten seine Beleidigungen ihr Ziel erreicht. Jetzt wollte Nail ihm plötzlich das anmaßende Grinsen aus dem Gesicht prügeln. Eine Herausforderung, auf die ein freundliches Kräftemessen folgte – das war normal im Krakenspeer, sobald erst genügend Bier geflossen war. Das Problem lag nur darin, dass Jenko nüchtern und diese Herausforderung zutiefst persönlich war.

Nail strich das Haar aus der Stirn, stand auf und nahm sein Schwert. »An Mut fehlt es mir nicht.« Er sah dem Sohn des Barons in die Augen und rammte seine Schwertspitze in die Tischplatte. Zanes Hund fuhr zusammen, genauso wie die Wehrpflichtigen ringsum. Nail hielt den Blick auf Jenko gerichtet. »Nur weil wir noch drinnen sind, habe ich mich zurückgehalten.«

Zane rief: »Nail hat eine Herausforderung angenommen!«

Im Krakenspeer erhob sich Jubel. Bald leerte sich die Taverne, und die neugierigen Zuschauer traten auf die Straße. »Kein Stahl«, sagte Stefane und sah erst Jenko, dann Nail nervös an. »Wir umhüllen die Klingen wie sonst auch mit Sackleinen.«

Jenko nickte. Sein Lächeln war verschwunden, und er fixierte Nail nicht länger. Der Sohn des Barons schritt aus der Taverne, ohne sich umzusehen. Eine Brüskierung. Als würde Nail nicht zählen.

Draußen hatte sich ein Kreis Schaulustiger gebildet. Viele hielten Fackeln und beleuchteten die pfützenübersäte Straße vor dem Krakenspeer und der benachbarten Schmiede. Inzwischen nieselte es nur noch. Dennoch konnte man leicht ausrutschen. Nail trat von den Brettern der Tavernenveranda in den Matsch, wo Zane bereits mit seinem Hund stand. Stefane umwickelte Nails Klinge mit einem langen Streifen Sackleinen und gab ihm dann das Schwert zurück.

Die Menge teilte sich. Jenko wartete inmitten des Kreises und rückte seine Rüstung zurecht. Er legte seinen Helm an, nahm Schild und Schwert vom Boden und trat einen Schritt vor. Nail blickte sich zur Taverne um. Unter den Zuschauern auf der Veranda waren auch mehrere Schankmaiden – Tylda Egbert, Polly Mott, Giselle Barnwell, Liz Hen Neville und sogar Ava Shay.

»Ich bin hier!« Jenko schlug mit dem Schwert auf seinen Schild.

Nail setzte den Helm auf und biss die Zähne zusammen, als er den Handschuh über die kreuzförmige Wunde seiner Rechten zog. Trotz seiner Ausrüstung fühlte er sich seinem Gegner unterlegen. Jenkos Schwert war lang und geschmeidig und besaß ein schönes, lederumwickeltes Heft, und auf seinem eisernen Schild prangte der Kopf eines weißen Wolfs. Nails Schild dagegen war aus Holz und unbemalt, und seine Waffe war ein altes Schwert aus den Katakomben des Bergfrieds. Baron Bruk hatte den Rost abgekratzt, ehe er es ihm im Vorjahr gegeben hatte. Es war eine plumpe Waffe mit schiefem Griff und fleckigem, mit schäbigem Vlies besetztem Lederfutteral. Insgesamt war sie klobig, zu schwer und verzogen. Dennoch verehrte Nail diese Waffe, seit der Baron sie ihm ausgehändigt hatte – er legte sie beim Schlafengehen sogar neben sein Kissen.

Stefane trat zwischen Jenko und Nail und rief: »Ihr kämpft auf normale Art, als würde der Baron zuschauen. Nur Hieb und Gegenhieb – keine Stöße. Wer zuerst drei Treffer setzt, gewinnt!« Dann gab er den Weg zwischen den Kontrahenten frei.

Jenko holte aus. Nail hob seinen Schild, und das in Leinen gewickelte Eisen krachte gegen das Holz. Nail stolperte nach hinten, und Jenkos zweiter Hieb pfiff ihm über den Kopf. Noch viermal holte der Sohn des Barons in schneller Folge aus. Nail wehrte jeden Angriff ab, doch sein Schildarm wurde bereits müde. Der nächste Hieb ging schnell und schwer nieder. Dann tat Jenko, als griffe er von oben an. Nail hob den Schild, doch der Sohn des Barons stach darunter weg und traf Nails Harnisch in Bauchhöhe. Nail taumelte. »Keine Schwertstöße!«, rief Stefane. »Dieser Treffer zählt nicht! Nur Hieb und Gegenhieb!«

Jenko wich zurück. Gut zehn Schritte trennten sie nun. Nail war beschämt. Kein einziges Mal hatte er ausgeholt, nur hektisch die gegnerischen Attacken abgewehrt. Er nutzte Zeit und Abstand, um Schwert und Schild fester zu fassen, vor allem aber, um sein Selbstvertrauen zu stärken und ruhiger zu werden. Er hörte, dass ihn einige Zuschauer anfeuerten, am lautesten Stefane und Zane. Ihre Rufe machten ihm Mut. Entschlossen griff er mit hinterm Schild gesenktem Kopf an. Jenko sprang vor und schlug nach seinen Beinen. Nail senkte den Schild, wehrte den Hieb ab, schlug nach Jenkos Helm und traf ihn mit dumpfem Geräusch. Jenkos Kopf prallte zurück, und der Sohn des Barons taumelte zur Seite. Prompt verpasste Nail ihm mit dem Schild einen weiteren Hieb, und sein Gegner ging zu Boden.

»Treffer für Nail!«, rief Stefane, und vereinzelter Jubel kam aus der Menge, während Jenko auf allen vieren durch den Matsch kroch. Nail, der nun im Vorteil war, holte erneut aus und traf Jenkos Rücken. »Zweiter Treffer!«

Ehe Nail den Kampf mit einem dritten Treffer für sich entscheiden konnte, sprang Jenko auf, stürmte vor und hieb zweimal rasch nach Nail, der beide Angriffe abwehrte. Nun, da er zwei Treffer Vorsprung hatte, waren seine Schritte federnd und voller Elan. Jenko wich zurück, und wieder war zwischen ihnen Abstand. Plötzlich attackierte der Sohn des Barons und setzte zwei schnelle, harte Treffer in Nails Bauchgegend. »Zwei für Jenko!«, rief Stefane. Nail strauchelte; er war wütend, und die Seite schmerzte ihn. Er holte aus, da traf ihn Jenkos dritter Hieb – im selben Moment, in dem er seinen Gegner erwischte.

»Beide Treffer zählen!«, rief Stefane. »Unentschieden!« Alle jubelten.

»Unsinn!« Der Sohn des Barons riss sich den Helm vom Kopf und warf seinen Schild zu Boden. »Ein Bastard ist mir nicht ebenbürtig.« Kaum lagen Schild und Helm im Dreck, sprang er vor, das Schwert nun in beiden Händen. In hohem Bogen fuhr seine Waffe nieder, und der Schlag ließ Nails Schild davonsegeln. Beim zweiten Hieb landete er mit dem Hintern im Matsch. Sofort war Jenko über ihm und ließ weitere Schläge auf ihn niederregnen. Nail kroch rückwärts, und sein Hintern zog eine dicke Spur durch den Schlamm. Das Schwert hielt er zwar zur Abwehr erhoben, doch Jenko schlug es immer wieder zurück. Dann entglitt Nail die Waffe völlig, schleuderte durch die Luft und landete neben ihm in einer Pfütze. Jenko schlug ihm weiter auf Schultern, Arme und Brust.

»Genug!«, rief Stefane, doch Jenko hieb unerbittlich auf Nail ein. »Es war unentschieden, du blutsaugender Oghul! Du bringst ihn noch um, wenn du dich so aufführst!«

Nail spürte, wie ihm die Luft aus der Lunge geprügelt wurde. Dennoch tastete er in der Pfütze nach seinem verlorenen Schwert und riss es hoch. Er würde nicht weichen. Doch Jenko ließ nicht von ihm ab.

Stefane warf sich auf den Angreifer, und beide landeten im Dreck. Nach kurzem Ringen schüttelte Jenko ihn ab und stürzte sich erneut auf Nail. »Aufhören!«, schrie Stefane. Auch Zane mischte sich nun ein und rang Jenko mit Stefane erneut nieder.

»Lasst mich los!«, knurrte Jenko und funkelte Nail unter seinen dunklen, nassen Locken wütend an. Nail kniete noch immer im Schlamm, und die Erschütterungen der furchtbaren Schläge zitterten in seiner Rüstung nach. Tief in seiner Brust pulsierte ein dumpfer Schmerz, und er war sich nicht sicher, ob er sich aufrichten konnte.

»Lasst mich aufstehen, ihr pockennarbigen Mistkerle!«, fauchte Jenko und rang mit Stefane und Zane.

»Die Totengeister werden dich holen, wenn du nicht aufhörst!«, keuchte Stefane.

»Lasst ihn los«, schnaufte Nail mühsam zwischen zwei Atemstößen. »Ich kämpfe weiter!«

»Ihr habt ihn gehört, lasst mich aufstehen und ihn erledigen, wie er es sich wünscht!«, rief Jenko.

Zane pfiff nach Seidel, und der große Schäferhund knurrte die Ringenden an. Angesichts dieser Bedrohung widersetzte Jenko sich nicht länger, sondern gab zähneknirschend auf. »Na gut, das genügt.«

»Lass ihn hoch.« Stefane bedeutete Zane, seinen Hund festzuhalten. »Und reiß dich zusammen!« Dann ließ er den Sohn des Barons los. Jenko stand auf, strich sich den Schlamm von den Beinschienen, lächelte grimmig, wobei seine Zähne wie blanke weiße Scherben im Fackellicht leuchteten, und ging auf Nail zu. Der wusste nicht, ob Jenko ihm aufhelfen würde oder etwas anderes vorhatte. Aber ganz gleich – er würde sich nicht gestatten, Hilfe anzunehmen, sondern sich aus eigener Kraft erheben und stehen bleiben, egal, wie sehr sein Körper schmerzte.

Jenko zerrte Nail das Schwert aus der Hand und warf es über die Zuschauer hinweg in die Dunkelheit. Es landete im schmalen Durchgang zwischen Gasthof und Schmiede. »Hol’s dir, du Bastard.« Er machte einen kleinen Bogen um Nail und drängte sich durch die Menge zurück auf die Veranda der Taverne.

Wütend rappelte Nail sich auf, um Jenko anzugreifen und den Kampf mit den Fäusten zu beenden, doch ein Fuß rutschte ihm weg, und wieder landete er im Dreck.

»Komm, ich helf dir auf.« Stefane nahm ihn beim Arm. »Keine Ahnung, womit du Jenko so verärgert hast, aber ich schätze, es hat mit Ava zu tun.«

Nail ließ seinen Gegner nicht aus den Augen. Im Fackellicht sah er Ava Shay an der Verandabrüstung lehnen. Jenko trat zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr, und ehe er wieder in die Taverne ging, strich er ihr flüchtig mit der Hand über die Schulter. Diese kleine Szene erniedrigte Nail mehr als jeder Hieb, den der Sohn des Barons ihm mit dem Schwert hätte beibringen können.

»Beachte ihn nicht.« Stefane half Nail auf. »Was du an blauen Flecken abbekommen hast, hält mindestens einen Mond vor. Aber du hast toll gekämpft und eine großartige Vorstellung geliefert.«

Die Menge zerstreute sich. Einige gingen wieder in den Krakenspeer, andere gingen durchs Dunkel nach Hause. Zane trottete in die Wirtschaft zurück, und Seidel sprang ihm nach. Nail wusste nicht, wie weit er aus eigener Kraft gehen konnte. Vorgebeugt hielt er sich den Bauch. Doch trotz der Schmerzen war er in erster Linie beschämt.

Stefane schlang Nails Arm um seine Schulter und stemmte den Freund hoch. »Mein Vater kann Shawcroft benachrichtigen und ihm Bescheid geben, dass du verletzt bist.«

»Ich bin nicht verletzt«, murmelte Nail. »Außerdem hat Shawcroft sich nie Sorgen um mich gemacht. Jenko hat recht – den interessieren nur die Goldminen.« Er war neidisch auf Stefanes Familie und die Annehmlichkeiten eines warmen Zuhauses in Gesellschaft liebender Eltern und Geschwister. Mit seinem Meister lebte Nail am Ortsrand in einer kleinen, kalten Hütte, die nur ein Zimmer hatte. Nach außen tat er stark, aber tief im Inneren wusste er, wie einsam sein Leben war. »Ich schlafe heute im Hühnerstall. Ich möchte deiner Mutter nicht zur Last fallen.«

»Du brauchst nicht beim Federvieh schlafen«, erwiderte Stefane. »Wir haben Raum genug.«

Kaum war Nail mühsam einige Schritte gehumpelt, kam Avas sanfte Stimme von hinten. »Du hast gut gekämpft.«

Er drehte sich um. Ava trug sein schlammverschmiertes Schwert. Nail löste sich aus Stefanes stützender Umarmung und nahm ihr die Waffe ab. Etwas Schlamm blieb an ihren Fingern. In der anderen Hand hatte sie die von Jenko zerknüllte Zeichnung. »Tut mir leid, dass die verdorben ist.« Sie reichte ihm die Skizze. »Eine schöne Zeichnung war das.« Ava zögerte, als wollte sie noch etwas sagen, holte eine kleine, auf eine Lederschnur gezogene Halskette aus den Falten ihres Leinenrocks hervor, zog sie ihm über den Kopf, drapierte sie um seinen Hals und trat wieder zurück.

»Ein Geschenk«, murmelte sie scheu. »Zum Ausgleich für die Zeichnung, die Jenko zerstört hat.«

An der Schnur hing eine Schildkröte, nicht größer als das Weiße von Nails Daumennagel. Er hielt das Schnitzwerk in der Hand und bewunderte, wie fein Ava es ausgeführt hatte. Jedes Beispiel ihrer Begabungen erfüllte ihn mit Sehnsucht.

»Danke«, stammelte er und sah ihr in die milden Augen. Dass sie den Holzanhänger für ihn gefertigt hatte, hob sein Herz in schwindelnde Höhen. Ava küsste ihn flüchtig auf die Wange und kehrte in den Krakenspeer zurück.

Doch als sie die Veranda erstieg, entdeckte Nail plötzlich etwas in den Schatten.

Am Ende der Gasse, zwischen dem Krakenspeer und der Schmiede hob sich eine verhüllte Gestalt schwarz vom glitzernden Wasser der Galgenbucht ab. Sie saß auf einem Pferd, dessen Augen wie glühende Kohlen auf Nail gerichtet waren.

Nur im Dunkel seiner schlimmsten Träume hatte Nail so ein dämonenäugiges Geschöpf gesehen. Das Blut gefror ihm in den Adern. »Siehst du das?«, fragte er Stefane.

Aber Stefane Wayland hatte sich schon auf den Heimweg gemacht. Und als Nail wieder ins Dunkel des Durchgangs sah, war der verhüllte Reiter verschwunden.

Tausende Tage trieb das Schiff allein und verloren über das Meer, bis es schließlich in Avlonia strandete. Die wenigen Überlebenden taumelten ans Ufer. Für immer verloren waren die Erstlande für sie. Sie waren verzweifelt, hungrig und schwach, nur in Tierhäute gekleidet, und dennoch brachten diese Neuankömmlinge auf den Fünf Inseln den Göttern ihrer Erstlande Gaben und Blutopfer dar.

Weg und Wahrheit Laijons

2. Kapitel

Nail

Am elften Tag des Verhüllten Mondes im 999. Jahr Laijon – Trauermeer, südlich von Galgenhafen, Gul Kana

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