Der Moralist - Chris B. Weilenmann - E-Book

Der Moralist E-Book

Chris B. Weilenmann

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Beschreibung

Moral, Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Wie wird sie verstanden, gelehrt, gelernt, gelebt? Hans heisst der Protagonist. Bei moralisch gesinnten Eltern wächst er auf. Als moralischer Mensch geht er hinaus ins Leben. Schon zum ersten Mal bitter enttäuscht. Enttäuscht von seinem Erzieher und Lehrer, dem verehrten Vater. In Wahrung der guten Sitte will er es leben, sein Leben. Zur guten Sitte gehört für ihn auch das männlich chauvinistische Verständnis der Stellung seiner weiblichen Mitmenschen. So wurde sie ihm zuhause und in der Schule gelehrt, so hat er sie gelernt und verstanden. Die gute Sitte. Das Leben hält anderes für ihn bereit. Ernüchterndes. Lehrreiches. Schönes und weniger Schönes. Freude und Schmerz. Enttäuschung und Einsicht.

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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2015

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www.tredition.de

Chris B. Weilenmann

Der Moralist

www.tredition.de

© 2015 Chris B. Weilenmann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7323-7486-1

Hardcover:

978-3-7323-7487-8

e-Book:

978-3-7323-7532-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Hans

Das Weib

Junger Mann

Militär

Arbeit

Neubeginn

Geld

Metamorphose

Erika

Einzug bei Erika

Walter

Wilde Zeit mit Erika

Rauswurf

Verlobung

Umzug

Hochzeit

Hochzeitsreise

Junger Ehemann

Mutter tot

Nach Mutters Tod

Menschen

Und sie wurden älter und kälter

Erika tödlich verunfallt, Opa tödlich gestorben

Die Kirche und der Pfarrer

Was ist Moral?

Hans der Spinner

Auf Brautschau

Luise die Erste

Carla

Strafe Gottes und neuer Lebenswandel

Der Verlag

Neue Bekanntschaft

Luise die Zweite

Schluss

Anmerkungen

Der Moralist

von Chris B. Weilenmann

Vorwort

Das ist keine philosophische Abhandlung. Und das hat auch nichts zu tun mit den „Moralisten“ aus Literatur und Philosophie.

Das hat nur zu tun mit einem Menschen, der moralisch ist. Moralisch im Sinne der für unsere Gesellschaft geltenden ethischen Werte, der guten Sitte.

Das ist unser nachstehend beschriebener Moralist, der Hans. Ein moralischer Mensch. Zumindest versteht er selbst sich so. Oder verstand.

Hans

Hans hiess Hans. Wie man eben Hans hiess zu seiner Zeit.

Hans kommt vom Hebräischen. Von Johannes.

Da ergibt sich ein Bezug zu etwas Besonderem, Biblischem.

Zu Johannes der Täufer etwa. Ein Heiliger für viele. Ein Heiliger auch für die Römisch-Katholische Kirche, die den 24. Juni, des Johannes‘ Geburtstag, genannt Johannistag, als Hochfest begeht.

Nebst seiner Heiligkeit allerdings auch sein fürchterliches Ende. Als Reduktion auf den Kopf auf einem Tablett der Salome, der Tochter des Herodes‘ Frau Herodias, serviert.

Oder zum Apostel und Evangelisten Johannes, der das vierte Buch des Neuen Testaments geschrieben hat.

Dass Hans moralisch hochstehende Vorgänger in der Weltgeschichte hatte, war ihm schon sehr früh bewusst.

Dies, sowie die guten Sitten, wurden ihm in einem strengen, von tiefer Gläubigkeit und Demut durchdrungenen Elternhaus beigebracht.

Dem Geist des Hauses tat kein Abbruch, wenn sonntags der Grossvater bereits zum Mittagessen in bedenklich alkoholisiertem Zustand erschien. Welcher Zustand dann im Verlaufe der frühen Nachmittagsstunden in einen ausgewachsenen Rausch und wüster Beschimpfung der längst unter der Erde liegenden Berta, was seine Ehefrau gewesen war, ausartete.

„Das müssen wir demütig und in christlicher Nächstenliebe ertragen“, sagte dann etwa der Vater beim Nachtessen. „Der Grossvater hatte es schwer im Leben und sein Geist ist nicht von unserer Welt.“

Und die Mutter nickte dazu mit ernster Miene und wollte wissen, was denn „unsere Welt“ sei.

Worauf der Vater die Stirn gefährlich runzelte und sie anwies, gescheiter den Kaffee zu servieren als solch einen Blödsinn zu fragen.

Das also war klein Hans Elternhaus. Durchdrungen von bereits erwähnter Gläubigkeit und christlichem Geiste.

Dass Hans zuweilen auch noch in Verbindung gebracht wurde mit Hansdampf im Schnäggeloch oder mit Hans-guck-in-die-Luft oder mit Hanswurst, beschäftigte und quälte ihn.

Wenn einer ihn hingegen Hansdampf in allen Gassen nannte, fühlte er sich fast ein kleines bisschen geehrt. Entsprach er doch in Realität einem solchen Hansdampf nach gängiger Auffassung in keiner Weise.

Nichtsdestoweniger ermutigte Hans solcherlei Benennung zu ausserordentlichen und moralisch hochstehenden Taten. Wie etwa eines schönen Sommertages zur heldenhaften Rettung eines beim Freilichtschachspiel unter lauschiger Blätterkrone neben dem Grossmünster in die Bredouille geratenen Rentners.

Besagter beziehungsweise dessen König wurde bedrängt von Turm und Läufer. Und das Pferd stand auch schon in bedrohlicher Position. Dieser unhaltbare und erniedrigende Zustand bewog Hans zu einem kräftigen Tritt in die Figuren und anschliessender Forderung von angemessenem Schadenersatz an die Adresse des Gegners und Feindes zugunsten des verblüfften Rentners.

Der anfänglich ebenso verblüffte und nun vielmehr zornige Feind in Person eines rüstigen Fünfzigers packte Hans am Kragen und sagte, er habe wohl eine Meise. Und forderte Hans zu sofortiger Herausgabe seines Portemonnaies auf. Andernfalls er ihm den König in den Hals stecken werde.

Hans gab sein Portemonnaie her und verliess den Ort des fürchterlichen Geschehens. Nicht durch alle, aber durch die Gassen des Niederdorfs.

Über die Rettungsaktion berichtete Hans beim Nachtessen dem Vater.

«Spiele sind unmoralisch. Der Herrgott hat uns die Zeit nicht zum Spielen gegeben. In der Bibel sollen wir lesen. Und uns im Gebet üben. Konzentriert. Nicht wie die Mutter beim Kartoffelschälen sich in den Finger schneiden. Nein. Konzentriert. Die Gedanken bei der Sache. Nicht das Messer im Finger.»

Das Weib

Im Allgemeinen und zumeist auch Besonderen herrschte im Schulunterricht Sitte und Ordnung. Dafür sorgte der gestrenge Herr Lehrer Schweinhuber. Ein Mann mit deutschen Vorfahren aus Kaisers Zeiten. So liess er die Schülerinnen und Schüler wissen.

Wobei er sich vorzüglich an die männliche Nachkommenschaft, heisst an die Schüler zu wenden pflegte.

Denn, die weibliche Vertretung unter den Erdbewohnern sei ein notwendiges Übel zwecks Erhaltung der Spezies Mensch. Dem geistigen und moralischen Fortkommen eben dieser Spezies nicht förderlich, da ohne Verstand. Und aus ebendiesem Grunde sei der Mann als der weitaus edlere Teil der Schöpfung zu betrachten und zu respektieren. Welche Tatsache sowie die damit verbundene Pflicht dem Manne gegenüber den Weibsbildern leider seit geraumer Zeit abhanden gekommen zu sein scheine. Zu vergessen scheine das weibliche Geschlecht auch die Tatsache, dass das Weib dem Manne untertan sei. So stehe es schon in der Bibel und so sei es immer gewesen und so wolle man es auch weiterhin halten.

Tief beeindruckt von solcherlei Rede pflegte Hans jeweils beim Mittags- oder auch Abendtisch sein neu erworbenes Wissen zum Besten zu geben.

So auch nach Erwerb dieses neuen Wissens über die Geschlechter unter den Menschen.

«Ist die Mutter dir auch untertan?», fragte er den Vater, als die Mutter zwecks weiterer Speisenbeschaffung nach genossener Suppe gerade in der Küche war.

«Selbstverständlich, mein Sohn. Aber wie bloss, kommst du auf diese Frage?»

«Der Herr Schweinhuber hat das heute in der Schule gesagt. Aber, mein Vater, was heisst untertan?»

«Untertan heisst: der Mann ist Herr und Gebieter über sein Weib, was seine Frau ist. Er bestimmt und befiehlt, weil er Geist und Kraft hat. Und das Weib, was die Frau ist, gehorcht und ist ruhig und tut ihre Pflicht in Haus und Garten, weil sie dumm und schwach ist.»

«Aber wir haben ja gar keinen Garten.»

«Ja ja, das kommt halt von früher. Oder von den Reichen. Oder von den Bauern. Da haben die Weiber ihren Garten. Vor oder hinter dem Haus. Besser hinter dem Haus. Da kommt keiner in Versuchung, der vor dem Haus vorbeigeht.»

Hans kannte nur die Versuchung nach Süssigkeiten und fremden Dingen im Abendgebet. „Und führe uns nicht in Versuchung“. So hatte es ihm die Mutter beigebracht.

Nun wollte er wissen, welche Versuchung der Vater meine, wenn einer vor dem Haus vorbeigehe und die Mutter im Garten arbeite.

«Ja, das ist so eine Sache, weisst du. Die Sache ist eben die… Du verstehst, was ich meine?»

Hans verstand und nickte heftig, damit der Vater weiterfahre.

«Ja, eben. Wie ich gesagt habe, die Sache ist die…. Eigentlich geht dich das einen feuchten Dreck an.»

Hans erschrak zutiefst und wurde rot im Gesicht.

Und die Mutter, mit dampfenden Bohnen, Speck und Salzkartoffeln im Anmarsch, liess vor Schreck beinahe die Platte fallen.

Was Hans denn wieder Furchtbares angestellt habe, dass der Vater so böse habe werden müssen?

Das gehe sie genauso wenig an, knurrte der Vater. Und griff sich eine Tranche Speck von der Platte.

«Ich habe nur gefragt, welche Versuchung der Mann hat.»

«Welcher Mann denn?»

«Der Mann, der am Garten vor dem Haus vorbeigeht, wenn die Mutter im Garten arbeitet.»

«Über so etwas spricht man nicht. Iss jetzt lieber deine Bohnen. Der Speck ist für den Vater. Der muss den ganzen Tag arbeiten und hat Hunger.»

Vom Vater bekam Hans dann doch noch eine Tranche Speck mit einem grossen Knorpel drin. Auf dem Knorpel solle Hans nur kräftig kauen. Das sei gesund für die Knochen und das Hirn.

Aber, welche Versuchung der Mann vor dem Garten hatte, wusste Hans nicht.

So hob Hans am Nachmittag zu Beginn der ersten Schulstunde gleich die Hand. Er habe eine wichtige Frage. Ob der Herr Lehrer Schweinhuber ihm Stellung derselben gestatten würde?

Der Herr Lehrer Schweinhuber setzte sich gemütlich auf den Stuhl hinter dem Pult und faltete die Hände über der bauchseitig beträchtlichen Wölbung.

«So soll er denn loslegen mit seiner wichtigen Frage, der Hans. Und die anderen sollen die Klappe halten und ruhig sitzen.»

«Welche Versuchung hat der Mann, der vor dem Haus am Garten vorbeigeht, wenn die Mutter im Garten arbeitet?»

Gelächter.

«Ruhe! Habe ich gesagt. - Hat deine Mutter überhaupt einen Garten?»

«Nein.»

»Dann frag nicht so einen Blödsinn.»

Gelächter.

«Ruhe! - Immerhin ist dazu zu sagen: Hurenböcke und andere üble Gesellen mit wüsten Gedanken im Kopf sind keine rechten Männer. Die sind noch viel schlimmer als die Weiber. Hurer und Unreine kommen nicht in den Himmel. So steht es in der Bibel.»

Gelächter.

«Ruhe! Und wenn deine Mutter keinen Garten hat, sei froh. Dann muss sich dein Vater über solche Dinge nicht ärgern. Und damit ist die Frage beantwortet.»

Hans wusste nicht mehr als vorher. Und das Gelächter der Klassenkameraden verstand er auch nicht.

Nach Klärung strebte sein Verlangen, als Hans nach der Schule auf dem Heimweg seinen Gedanken nachhing und beinahe auf einen schwarzen Käfer trat. In letzter Sekunde durch Geistesgegenwart und sportlichen Sprung vor solch ruchloser Tat an einem Gottesgeschöpf bewahrt, begann Hans fröhlich zu hüpfen. So fröhlich, dass der Nachbarsbub Kurt den Hans fragte, ob es ihm ins Gehirn geschiffet habe. Und dabei mit seinem Zeigefinger an die Schläfe tippte.

«Ich habe gerade ein Tierlein gerettet. Ist das nicht schön?»

«Ja. So schön, wie du blöd.»

Das verstand Hans nun nicht. Weshalb er denn zuhause die Mutter gleich fragte, ob es blöd sei, ein Tierlein zu retten.

«Bestimmt nicht. Was für ein Tierlein war es denn?»

«Ein Käfer. Ein schwarzer grosser Käfer.»

Die Mutter wurde bleich.

«Und, wo ist der Käfer jetzt?»

«Auf dem Tschümperli-Weg.»

Die Mutter atmete tief durch und hiess Hans die Hände waschen.

Und, alle Tiere müsse man achten. Sie seien Geschöpfe des Herrgotts. Genauso wie die Menschen. Streng schaute die Mutter Hans an.

Später. Bei Tisch.

«Was ist ein Hurenbock?»

Der Mutter fiel die Gabel aus der Hand und mit Geräusch auf den Teller. Der Vater schaute böse. So böse, dass Hans keine weitere Fragestellung wagte und auf die Antwort kleinlaut verzichtete.

Nach dem Abendessen, als der Vater zum Stamm in die Rose gegangen und folglich aus dem Hause war, schlich sich Hans leise ins Lesezimmer.

Obwohl man keinen Garten hatte, hatte man ein Lesezimmer. Zur Bildung zu Tugend und Sittlichkeit, wusste er vom Vater. Zur Blödheit und Einbildung, vom Grossvater.

Dort schlug er im Duden Hurenbock nach. Hinter Hurenbock stand „Schimpfwort“.

Aha, dachte Hans. Wenn ihm einer, wie der Kurt heute, blöd kommen sollte, werde er ihm in Zukunft Hurenbock sagen.

Er las noch weiter. Unter Hure las er „huren“. Unter Hurensohn ebenfalls „Schimpfwort“.

Also, Hurensohn konnte man auch noch sagen, wenn man böse war.

Und was huren bedeutete, wusste er nicht.

Und unter Hurenkind las er „Einzelzeile am Anfang einer neuen Seite oder Spalte“.

Und Huri sei ein „schönes Mädchen im Paradies des Islams“.

Hans war so schlau wie zuvor.

Abgesehen von den vielleicht nützlichen Schimpfwörtern interessierte ihn allenfalls und naturgemäss das schöne Mädchen.

Also fragte Hans den Vater, als der mit der üblich säuerlichen Ausdünstung vom Wirtshaus zurückkam, was das Paradies des Islams sei.

«Wie kommst du denn nun wieder auf das?»

«Ich habe es gelesen. Im Duden, unter Huri.»

«Du würdest besser die Bibel lesen. Oder ein gutes Buch. Islam, das sind die, die dort leben, wo die Juden leben. Die anderen eben, nicht die Juden.»

Was die Juden waren, wusste Hans schon. Und dass die nicht ins Paradies kommen würden, wusste er auch. Weil die nämlich schon ein Paradies gehabt hatten. Aber der Adam war so verfressen, dass er den Apfel aufgefressen hat. Und dann hatten sie halt kein Paradies mehr. Genauso hatte ihm das der Vater erzählt.

«Haben die Islam ein Paradies?»

«Das sind nicht Islam, das sind Muslime. Islam ist der Glaube, Muslim der Gläubige.»

«Und, haben die ein schönes Mädchen im Paradies?»

«Das weiss ich doch nicht. Jetzt mach deine Hausaufgaben oder geh ins Bett. Und kümmere dich um die Bibel und den Herrgott und den Herrn Jesus. Das ist unser Glaube. Das andere geht uns nichts an. Und jetzt will ich meine Zeitung lesen und Ruhe haben.»

Ja, er solle jetzt den Vater in Ruhe lassen, flüsterte ihm die Mutter zu. Der Vater arbeite den ganzen Tag streng und brauche seine Ruhe.

Hurensohn, dachte Hans.

«Kennst du Huri, Mutter?»

«Nein. Ich kenne Huri nicht.»

Hans ging ins Bett und träumte von Huri. Sie schwebte durchs Fenster in sein Zimmer und setzte sich auf sein Bett. Sie war schön. Sie lächelte und küsste ihn auf die Stirn und schwebte wieder aus dem Zimmer.

Und Hans träumte weiter, wie er seinem Vater Hurenbock sagte, als er Speck mit Knorpel essen musste.

Junger Mann

Hans wurde älter und übte sich täglich im sittlichen Leben.

Moral, hatte der Pfarrer im Konfirmationsunterricht gesagt, sei die gute Sitte, die Stütze der Gesellschaft. Ohne Moral keine Gesellschaft. Ohne Gesellschaft kein Staat. Ohne Staat keine Ordnung. Ohne Ordnung nur noch Wilde. Und Wilde habe der Herrgott unter den Menschen nicht vorgesehen. Die lebten im Urwald. Oder auf den Inseln der Südsee. Zwar habe der Herrgott die auch erschaffen. Wahrscheinlich nach Feierabend. Denen müsse man noch beibringen, was Sittlichkeit und Ordnung sei.

Dergestalt unterrichtet und von geduldiger Hand von Vater und Mutter in die guten Sitten und die täglichen Gebete eingeführt, wuchs Hans zum jungen Mann heran.

Hans traf die junge Dame der Kontaktannonce aus der Wochenendausgabe einer Zürcher Tageszeitung zum ersten Kennenlernen in einem Café.

Ohne Umschweife stellte er sich vor. Ein moralischer Mann sei er. Und, ohne Moral sei die Welt vom Untergang bedroht. Weshalb er höchsten Wert auf anständige Umgangsformen und sittlichen Lebenswandel lege.

Er solle mit seinen Umgangsformen und dem sittlichen Lebenswandel mit einer anderen glücklich werden, wünschte ihm die junge Dame. Und verliess den Ort des Geschehens grusslos. Ohne ihren Kaffee zu bezahlen.

Das war Hans erster Kontakt auf der Suche nach einem Weibe zwecks Gründung von Hausstand und Familie. Und das entsprach so ganz und gar nicht dem Bild von den Weibern, das er im züchtigen Elternhaus auf den Lebensweg mitbekommen hatte.

Dass sie ihren Kaffee nicht bezahlt hatte, hätte er noch verkraften können. Obwohl er gerade seinen Lehrabschluss als Kaufmann bei der kantonalen Verwaltung hinter sich und noch keine feste Anstellung und damit auch kein Einkommen gefunden hatte. Aber dass sie ganz offensichtlich nicht oder zumindest noch nicht begriffen hatte, wo ihr Platz als Weibsbild sei und wie sie sich zu benehmen habe, stimmte ihn nachdenklich.

Eine Frechheit sondergleichen sei das, kommentierte der Vater das Geschehen. Der gehöre der Hintern versohlt, und zwar mit dem Gürtel.

So grob müsse man ja jetzt auch nicht gleich werden. Das Fräulein sei halt noch jung und unerfahren und müsse noch lernen, wie es sich zu benehmen habe.

Die Mutter sprach es mit leiser Stimme.

«Klappe halten und nur reden, wenn du gefragt wirst.»

Der Vater mit harter Stimme.

Und Hans wurde einmal mehr bewusst, wie dumm eben die Frauen waren. Und wie gescheit und stark die Männer.

Aber seine Mutter liebte er. Auch wenn sie dumm war.

Und ihr allein vertraute er sein Geheimnis deshalb auch an. Er habe nämlich dem Fräulein schon ein Brieflein geschrieben. Ob es ihn nicht noch einmal sehen wolle. Man könne das ja dann alles noch einmal besprechen. Er sei vielleicht etwas vorlaut gewesen. Das sehe er ein. Und er werde sich sicher bessern. Wenn ihm das Fräulein doch nur noch einmal Gelegenheit zur Erklärung eines tugendhaften Lebens geben möchte. So, wie er sich das eben vorstelle. Und das Fräulein könne ja dann auch sagen, wie es sich das vorstelle. Und dann würde man sicher einen gemeinsamen Weg finden. Das Fräulein habe ihm nämlich sehr gefallen. Er könne sich das Fräulein gut als Mutter seiner Kinder vorstellen.

Das Fräulein antwortete nicht auf das Brieflein.

Und so konzentrierte sich Hans vorerst einmal auf die bevorstehende Rekrutenschule.

Militär

Der Militärdienst war für Hans keine beglückende Vorstellung. Aber, wie alles im Leben, mussten ja auch das Militär und die Pflicht zum Dienst guten Grund haben. So schickte er sich ohne Mucksen in sein Schicksal und stellte sich tapfer der wichtigen Aufgabe.

Hans empfand es als unmoralisch, einen anderen Menschen mit einer Schusswaffe - mit was denn sonst? - zu erschiessen. Das brachte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit in vorwurfsvoller Manier zum Ausdruck. So wurde er eines Tages vor dem Frühturnen vor den Schulkommandanten zitiert.

Es sei keine Art, wie sich der Rekrut Müller – so hiess Hans mit Nachnamen – hier benehme. Und es schade seine undisziplinierte und aufwieglerische Aufführung der Truppenmoral. Er, der ein Herr Oberst war, verstehe nicht, dass ein junger gesunder Mann sich derart ungehörig verhalte und gegen den Wehrwillen stelle. Schämen solle er sich, schämen. Jawohl. Er erwarte sofortige Besserung und Unterlassung solch schändlicher Rede. Ob der Rekrut Müller das verstanden habe?

Ja. Rekrut Müller hatte das verstanden und nickte dazu. Unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Was ihm auch nicht zustand.

«Stillgestanden! Und ab!»

Hans meldete sich gehorsamst ab und begab sich schweren Herzens und noch viel schwereren Kopfs zum Kantonnement.

Truppenmoral. Das Wort enthielt auch das Wort Moral. Ob die Truppenmoral über dem stehe, was ihn der Vater und die Mutter während vieler Jahre gelehrt hätten? Keinesfalls wollte er sich unmoralisch benehmen.

Was war sie denn, die Truppenmoral? Etwas sehr wichtiges musste sie sein. So böse, wie der Herr Oberst geworden war. So böse hatte Hans sogar den Vater nie erlebt. Auch nicht, wenn die Mutter ungefragt geredet hatte.

«Rekrut Müller! Hierher!» Das war der Herr Leutnant.

Aus den Gedanken gerissen, rannte Hans die zwanzig Meter zum Zugführer. So gut er eben rennen konnte.

«Was träumen Sie in der Welt herum?! Wissen Sie nicht, dass Ihre Kameraden sich für die Schiessübung richten?»

«Nein, Herr Leutnant. Aber zum Schiessen ist mir gerade sowieso nicht zumute. Darüber muss ich erst einmal nachdenken.»

Was denn das nun solle? Ob der Rekrut Müller denn nicht wisse, dass sein Fortkommen im Dienst an einem seidenen Faden hange? Und wenn der dann gerissen sei, könne er zusammenpacken und Zivildienst leisten. Oder Militärpflichtersatz bezahlen. Und, wenn es denn ganz übel komme, auch noch ins Gefängnis wandern. Er solle jetzt mit diesem Blödsinn aufhören und sich so benehmen, wie sich ein anständiger Schweizer Rekrut benehme. Er meine es ja nur gut mit ihm.

Und überhaupt, so viel dürfte er ja mit ihm gar nicht reden. Das dürfe er ja gar niemandem sagen. Daran, was dann passieren würde, dürfe er ja gar nicht denken.

«So, und jetzt klemmen Sie den Arsch zusammen und machen Sie sich für die Schiessübung bereit. Aber ein bisschen dalli! Und das ist ein Befehl!»

Ein Befehl war das. Ein Befehl, den Arsch zusammenzuklemmen. Und an das, was er soeben gehört hatte, durfte Hans ja auch gar nicht denken. Ins Gefängnis wandern. Fast zitterten ihm die Knie. Kein moralischer Mensch kam ins Gefängnis. Unumstössliche Logik.