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Vier Freundinnen und ein tödliches Geheimnis.
Nach einer ausgelassenen Party in einem einsam gelegenen Haus bei Bredforsen wird die erfolgreiche Anwältin Kristina Ludwig am frühen Morgen erschossen in ihrem Whirlpool gefunden. Den Vorabend hat sie mit drei langjährigen Freundinnen verbracht und eine von ihnen ist nun spurlos verschwunden.
Oberkommissarin Anna Glad übernimmt die Ermittlungen. Schnell wird klar, dass hinter der Fassade von Freundschaft, Erfolg und sommerlicher Leichtigkeit etwas Dunkles lauert: alte Abhängigkeiten, zerstörerische Beziehungen und Wahrheiten, die seit Jahrzehnten verdrängt werden.
Hat die Tat ihren Ursprung in einer Jugendfreundschaft, die nie so unschuldig war, wie sie schien?
Anna Glads vierter Fall:Ein psychologisch dichter Thriller über Nähe, Macht und die tödlichen Folgen unausgesprochener Geheimnisse. Präzise, spannend und gnadenlos
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2026
Vier Freundinnen und ein tödliches Geheimnis.
Nach einer ausgelassenen Party in einem einsam gelegenen Haus bei Bredforsen wird die erfolgreiche Anwältin Kristina Ludwig am frühen Morgen erschossen in ihrem Whirlpool gefunden. Den Vorabend hat sie mit drei langjährigen Freundinnen verbracht und eine von ihnen ist nun spurlos verschwunden.Oberkommissarin Anna Glad übernimmt die Ermittlungen. Schnell wird klar, dass hinter der Fassade von Freundschaft, Erfolg und sommerlicher Leichtigkeit etwas Dunkles lauert: alte Abhängigkeiten, zerstörerische Beziehungen und Wahrheiten, die seit Jahrzehnten verdrängt werden.Hat die Tat ihren Ursprung in einer Jugendfreundschaft, die nie so unschuldig war, wie sie schien?
Anna Glads vierter Fall: Ein psychologisch dichter Thriller über Nähe, Macht und die tödlichen Folgen unausgesprochener Geheimnisse. Präzise, spannend und gnadenlos
Eva Frantz, geboren 1980, wuchs in einem Vorort von Helsinki auf. Sie studierte Journalismus, arbeitete als Radiomoderatorin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Finnland und kommentierte u.a. den Eurovision Song Contest. 2016 legte sie ihren Debütroman vor, seitdem schreibt sie erfolgreich Kinderbücher und Kriminalromane. Für den ersten Band der Anna-Glad-Reihe, »Die Tote im Eis«, wurde sie mit dem Preis für den besten finnischen Krimi des Jahres ausgezeichnet. Sie wohnt mit ihrem Mann und drei Kindern in Espoo, Finnland.
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Eva Frantz
Der Mord im Wald
Ein Fall für Anna Glad
Aus dem Finnlandschwedischen von Gabriele Haefs
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Epilog
Danksagung der Autorin
Impressum
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Heutzutage ist es offenbar lebensgefährlich zu lieben.
Players, Fuckboys, Gold Diggers, Betrüger, Psychopathen, Narzissten, Sadisten und wie sie nicht alle heißen. Überall scheinen Minen versteckt zu sein. Gibt es überhaupt noch so etwas wie normale Menschen?
Bin ich selbst ein normaler Mensch?
Aber ich habe es jedenfalls gewagt, zu lieben und zu hassen. Und das können nicht alle von sich behaupten.
Ich habe gelacht und geweint.
War nachtragend und verständnisvoll.
Habe mich zerschlagen, erniedrigen und heruntermachen lassen. Und unbeholfen die Scherben meiner selbst aufgelesen.
Mich wieder und wieder erhoben, mich weitergeschleppt.
War mir gegenüber barmherzig, habe meine Unzulänglichkeiten bekämpft.
Und damit werde ich weitermachen, so lange ich lebe.
Aber jetzt muss es wirklich reichen. Es ist an der Zeit, ein für alle Mal aus dem Teufelskreis auszubrechen.
Was für ein Schweinestall. Hier müsste wirklich jemand Ordnung schaffen.
In der riesigen Schüssel liegen die letzten Krebse in einem rostbraunen Sud. Keine hat es geschafft, sie noch zu essen, jetzt wartet der Kompost auf sie. Sie wurden umsonst gekocht, die armen Wichte. Bei Sonnenaufgang wird die ganze Veranda nach Verwesung und Dill stinken, da sie vergessen hat, die Heizstrahler auszuschalten, ehe sie in den Nachtclub gefahren sind.
Kristina Ludwig ist total aufgekratzt und will nicht zu Bett gehen, obwohl es fast schon Morgen ist. Und sie hat gerade wirklich keine Lust, die Krebsreste wegzuräumen.
Sie kann über dieses Elend eigentlich nur lachen. Vor wenigen Stunden war der Tisch so prachtvoll gedeckt, dass eine Königliche Hoheit hätte Platz nehmen können.
Leinendecke und Leinenservietten, gemangelt und gestärkt.
Die alten Kristallgläser, die die selige Schwiegermutter so geizig aufgespart hat, durften ausnahmsweise einmal ihrer Gefangenschaft in der Vitrine entkommen.
Ein wunderschönes Arrangement aus Moos und Vogelbeerzweigen in einer Suppenterrine, und dann die Krebse selbst, auf einem Präsentierteller angerichtet. Und als kitschiger Kontrast feuerrote Partyhüte und lachende Lampions unter der Verandadecke.
Niemand kann solche Krebsabende organisieren wie Kristina Ludwig.
Doch das ist Stunden her. Jetzt ist der Tisch ein makaberes Chaos aus schmutzigen Tellern, Schnapspfützen, Kristallscherben und Krebsschalen. Die Leinendecke wird nie wieder sie selbst sein.
Aber danach?
In einer Weinflasche ist noch ein Schluck. Sie gießt ihn in das Glas, das sie für ihres hält, und geht langsam die Treppe zum Garten hinunter.
Der Augustmond hängt über den Kiefernwipfeln wie ein gigantischer Parmesankäse. Es ist keine warme Nacht, sie ist fast kühl. Der Herbst ist im Anmarsch, aber Kristina macht das nichts aus. Sie war noch nie eine, die Probleme mit Dunkelheit hat, eher im Gegenteil. Dunkelheit ist ihr lieber als Licht.
Es ist so still, dass sie das Rauschen des einige Kilometer entfernt gelegenen Wasserfalls Bredforsen hören kann. Ein Nachtvogel stößt ab und zu einen scharfen Schrei aus, die Freundinnen im Haus scheinen dagegen eingeschlafen zu sein.
Sie selbst ist wach und munter, weil sie während des ganzen Abends nur drei Gläser Alkohol getrunken hat. In den letzten Jahren hat sie die Fähigkeit entwickelt, mit Alkohol umzugehen. Heute kann sie bei Festen und Trinkgelagen dabei sein, kann johlen und mit den anderen herumschreien, ohne zu trinken. Wenn die Festgesellschaft sich der haarfeinen Grenze zwischen Euphorie und Angst nähert, sind ihre Gedanken noch immer klar und frisch. Das war wirklich nicht immer so, aber es ist eine hervorragende Eigenschaft.
Jetzt prostet sie dem Mond zu und nippt am Wein. Verdammt, billige Plörre. Muss die Flasche gewesen sein, die Britt mitgebracht hatte, die Kollegen aus der Anwaltskanzlei würden sicher lieber Spülwasser trinken als das hier. Doch Kristina ist nicht besonders wählerisch; nur Angeber machen sich lächerlich, indem sie das Glas mehrmals umdrehen, daran schnuppern und mit der Zunge schnalzen.
Vor ihr liegt der beleuchtete Whirlpool, abstoßend hässlich und jetzt doch seltsam verlockend. Sie geht hin und hält die Hand ins Wasser. Warm.
Tja. Warum nicht?
Sie streift die Sandalen ab, zieht Kleid, BH und Unterhose aus. Weinglas und Handy legt sie auf den Beckenrand und lässt sich dann ins Wasser gleiten.
Na also! Der Mond kommt ihr in dieser Nacht unnatürlich groß vor, als ob er sich der Erde angenähert hätte. Und verdammt, was sind das für viele Sterne!
Eine Zeit lang bleibt sie still liegen, nippt am Wein und schaut zu den Wolken hoch.
Es war ein großartiger Abend. Fast so wie früher.
Sie ist zufrieden.
Morgen werden die anderen an Kopfschmerzen und schlechtem Gewissen leiden, weil sie in Suff und Verwirrung allerlei gesagt haben, woran sie sich nicht richtig erinnern. Sie selbst wird zuerst ausschlafen und sich dann ein leckeres Frühstück gönnen. Omelett vielleicht, mit Schafskäse und fein gehacktem Schnittlauch.
Plötzlich hört sie ein Geräusch von der anderen Seite der Rasenfläche. Etwas taucht zwischen den Bäumen auf. Etwas ziemlich Großes …
»Hallo?«
Jetzt sieht sie den Schatten eines Wesens, ein wenig größer als ein Labrador, aber schmaler. Zwei große Augen reflektieren das Licht der Lampen auf der Veranda.
»Verpiss dich im Winter von meinen Apfelbäumen, du Scheiß-Reh!«, ruft sie mit strenger Stimme.
Ehrlich gesagt sind ihr die Apfelbäume so was von egal! Wenn sich die Rehe darüber hermachen, muss sie die Bäume eben abhacken und etwas anderes pflanzen. Etwas, das nicht jeden Herbst jede Menge Obst ins Gras fallen lässt, so dass man bei jedem Besuch hier von einem süßlichen Gestank empfangen wird. Der Schwiegermutter waren ihre Apfelbäume ungeheuer wichtig, aber die Alte ist jetzt doch seit mehreren Jahren tot. Vielleicht eine Art japanischer Garten, nur mit Sand und Bonsais in Töpfen? Fressen Rehe Bonsairinde? Wäre das, wie ihnen asiatische Küche anzubieten? Bei dieser Vorstellung muss sie lachen.
Dem jungen Reh macht ihre Warnung nicht die geringste Angst. Es mustert unverdrossen das Wesen in dem leuchtenden Wasser. Die sind schon seltsam, diese Menschen. Um diese Zeit schlafen sie eigentlich, so dass die Tiere sich ungestört in Wäldern und Gärten bewegen können. Aber heute Nacht rennt eine Menge von Zweifüßlern im Mondschein herum. Witzige Wesen. Das Reh kaut nachdenklich auf dem Stück Rinde herum, das es gerade losgerissen hat.
Die Frau im Whirlpool greift zu ihrem Telefon und beugt sich über den Beckenrand, damit das Teil nicht ins Wasser fallen kann.
Hat sie an diesem Abend auch nur ein einziges brauchbares Foto geschossen? Besonders verheißungsvoll kommt ihr die Sache nicht vor.
Na ja, auf diesem hier sieht sie gut aus, doch Britt hat ein Doppelkinn und Hannele kneift die Augen zu. Die beiden würden sicher wütend reagieren, wenn sie die Bilder postete. Auf dem nächsten Bild ist auch die halbe Sylvia zu sehen, und Sylvia dreht durch, wenn sie in den sozialen Medien auftaucht.
Aber das hier?
Dieses Bild hat sie mit ausgestrecktem Arm im Abendlicht vor dem Nachtclub im Hafen gemacht. Britt, Hannele und sie selbst stehen Wange an Wange da und ziehen für die Kamera einen Schmollmund. Sie sieht auf dem Bild jung aus. Wenn ein Fremder ihr Alter raten sollte, würde er eher auf dreißig tippen als auf fünfundvierzig.
Sie legt einen Filter darüber, der ihre eigentlich grauen Augen fast grün macht, schreibt schlicht und ergreifend »True friendship« … Nein, Moment mal, hahaha, die Autokorrektur hat aus »friendship« »Feindschaft« gemacht. Jetzt stimmt alles, und das Bild landet bei Instagram.
Schade, dass ihr Ex-Mann sich nicht in den sozialen Medien herumtreibt, der dürfte ihre Bilder gern sehen. Dass sie ohne ihn so hübsch, erfolgreich und stark wirkt, hätte er bestimmt nicht erwartet. Er dürfte gern auch einen Blick darauf werfen, was sie mit dem Haus gemacht hat. Raus mit wurmstichigen Eichenmöbeln und deprimierender geschnitzter Holztäfelung, rein mit hellen Farben und modernem Hotelzimmerfeeling. Er würde sich sicher die ohnehin schon schütteren Haare ausraufen, wenn er sähe, was sie zustande gebracht hat.
Aber jetzt ist es ihr Haus, da kann er sagen, was er will.
Gerade in diesem Moment muss sie Staffan allerdings einen freundlichen Gedanken widmen. Auf die Idee mit dem Whirlpool ist damals schließlich er gekommen, und sie muss zugeben, dass es überaus angenehm ist, in dem warmen Wasser zu planschen.
Das Netz hier draußen beim Haus ist immer träge, doch nun ist das Bild von Hannele, Britt und ihr selbst online. Sie betrachtet es zufrieden.
Ihr geht auf, dass vor allem eine Person das Bild sehen und sie hübsch finden wird. Oder heiß, wie er sich ausdrücken würde. Verdammt, du bist ja vielleicht heiß, Krisse. Wenn sie die Augen schließt, kann sie seine Stimme hören, tief, ein bisschen heiser, intensiv …
Plötzlich fängt das Wasser um ihren nackten Körper an zu blubbern, und sie stößt einen Schrei aus. Fast wären ihr Telefon und Weinglas ins Wasser gefallen, aber sie kann beides auf den Beckenrand retten. Sie lacht auf, ziemlich verärgert.
»Verdammt, hast du mir einen Schrecken eingejagt! Aber klug von dir, dass du dir die Sache anders überlegt hast, es ist echt schön hier im Wasser.«
Sie muss rufen, um das Brummen des Whirlpools zu übertönen, als sie sich umdreht.
Das Reh steckt den Kopf in den Blaubeerstrauch. Noch ein Mensch, der auf ist und herumlärmt, das ist doch der glatte Wahnsinn. Im Moos gibt es jede Menge Pilze, das Reh tut sich ausgiebig daran gütlich. Es kann fast verdrängen, dass es auf der Welt so etwas wie Menschen gibt.
Als es knallt, schlägt sofort die Todesangst zu, und es flieht in die Dunkelheit, als ob es um sein Leben ginge.
Sonntag, 14. August
»Aber was um alles in der Welt …«
Anna Glad versuchte, sich im Bett aufzusetzen, doch das war leichter gesagt als getan, da ein kleines, aber schweres Bein quer über ihrem Brustkorb lag. Offenbar war Gottfrid im Schutze der Dunkelheit aus seinem Bett herübergestapft und hatte sich zwischen seine Eltern gelegt. Oder genauer gesagt, quer über sie.
In der Küche lärmte und vibrierte das Telefon immer weiter. Anna schob den Vierjährigen zur Seite und setzte sich schwerfällig auf. Es war doch Sonntag? Ja, war es, und sie und Tomas hatten am Abend eine Flasche Wein geteilt, weil sie heute ausschlafen konnten. Aber da hatten sie sich wohl zu früh gefreut.
»Bitte, such dir einen anderen Klingelton«, murmelte Tomas irgendwo in der Dunkelheit, »der da ist doch die pure Folter!«
Anna trat auf einen Legopiraten, konnte aber wie durch ein Wunder einen Schmerzensschrei unterdrücken, als sie auf einem Bein in die Küche hüpfte und sich das Telefon schnappte, das neben der Mikrowelle lud.
»Hallo, hier ist Anna. Guten Morgen. Ja? Aber ich habe heute doch dienstfr… Was hast du gesagt? Ja, sicher, okay, gib die Adresse durch. Ich fahr los, sowie ich mich angezogen habe.«
Sie legte das Telefon weg und seufzte tief. Noch ein freier Sonntag, der sich in Luft auflöste.
Tomas kam in die Küche gelaufen. »Wie spät ist es?«
»Halb sieben. Ich muss los.«
»Wieso das denn?«
»Marcus ist krank. Benny ist verreist, und irgendwer hat eine tote Frau gemeldet.«
»Kannst du denn fahren?«
»Glaub schon.«
»Wohin musst du?«
»Weiß noch nicht, Adresse kommt gleich.«
»Wie machen wir das mit dem Essen? Soll ich absagen?«
Annas frisch erwachtes Gehirn brauchte einige Sekunden, um die Frage ihres Lebensgefährten zu verarbeiten. »Ja, genau. Oh, verdammt.«
Eigentlich sollten beide Elternpaare an diesem Tag zu ihnen kommen, um Gottfrids vierten Geburtstag zu feiern. Dieses Fest war schon mehrmals verschoben worden, immer, weil Anna zur Arbeit musste.
»Shit … aber hör mal, sag noch nicht ab, ich versuche, rechtzeitig zurück zu sein!«
»Okay.«
Tomas drehte den Wasserhahn auf, um ein Glas mit Wasser zu füllen, doch das rutschte ihm aus der Hand und landete im Spülbecken.
Drüben im Bett seufzte Gottfrid tief im Schlaf. Was für ein Glück, dass er immer so gut schlief. Das war aber auch nötig, mit dem ewig klingelnden Telefon und Eltern, die nachts herumtrampelten und mit Sachen um sich warfen.
Anna raffte im dunklen Schlafzimmer irgendwelche Kleidungsstücke zusammen und putzte sich beim Pinkeln die Zähne. Multitasking.
Abermals vibrierte das Telefon. Die Adresse.
»Ist das weit?«
»Bredforsen. Fünfundzwanzig Minuten, sagt die App.«
»Okay. Warte! Was machen wir mit Goffe, wenn die mich auch brauchen?«
Anna, die bereits die Türklinke in der Hand hatte, hielt inne. Ja, richtig. Seit einigen Wochen arbeitete Tomas in derselben Einheit wie sie selbst. Bisher waren sie noch zu keinem gemeinsamen Einsatz gerufen worden, doch das war ja nur eine Frage der Zeit.
»Das klären wir, wenn es aktuell wird«, sagte Anna.
»Na gut. Du hast Zahnpasta an der Wange. Und das Hemd verkehrtherum an.«
Anna gab ihm einen dankbaren Kuss und stürzte zum Auto davon, während sie zugleich versuchte, sich das Hemd zurechtzuziehen.
Es wurde schon heller, aber noch immer hing der Vollmond am Himmel. Die scharfe Luft verriet, dass jetzt einwandfrei der Herbst im Anmarsch war, die Blätter der Birken unten in der Straße wurden schon gelb.
Anna musterte ratlos die Karte im Display. Sie hatte nur eine vage Vorstellung von der Gegend bei Bredforsen. Die bestand vor allem aus einem großen Naturschutzgebiet, Anna hatte nicht einmal gewusst, dass es dort draußen Häuser gab, abgesehen von Hütten, bei denen man auf Waldspaziergängen Würstchen braten konnte. Aber sie musste sich wohl darauf verlassen, dass die Zentrale ihr die richtige Adresse geschickt hatte.
Als sie den Motor anließ, war Arne Alligator auf voller Lautstärke zu hören. Sie drehte ein wenig leiser, brachte es jedoch nicht über sich, ein anderes Lied zu suchen. Es war eine ziemlich effektive Methode, um wach zu werden, wenn sie volle Kanne Kindermusik in der Anlage laufen ließ. Irgendwann bald würde sie auch Kaffee brauchen.
Hallo?????
Bist du wach
Pls
Ich hab solche Angst
Was ist passiert
Was haben wir getan
Bitte
Die groben Reifen des Quads ließen den Sand des Waldwegs als braune Wolke aufstieben. Wenn CJ keine Schutzbrille getragen hätte, wäre er sicher blind geworden, aber jetzt konnte er einfach Gas geben.
Ein paar verängstigte Vögel flogen von den Baumwipfeln auf, als er angebraust kam und das Schweigen im Walde brach.
Früher einmal hatte es hier einen Fahrweg gegeben, breit genug für Lastwagen, bis zu der alten Sandgrube. Nun gab es nur noch einen huckeligen, kurvenreichen Pfad, perfekt für das Quad.
CJ hatte drei Jahre lang gespart. Er hatte bei den Nachbarn den Rasen gemäht, hatte abgelehnt, wenn seine Kumpel Pizza essen wollten, hatte sich mit einem alten und langsamen Handy zufriedengegeben, statt um ein neues zu betteln. Und am Ende, vor etwas über einem Monat, hatte er die halbe Summe zusammen gehabt, und da hatte sein Vater wie versprochen den Rest hingeblättert.
Seither hatten die zu Hause CJ kaum noch gesehen. Gleich nach Schulschluss verschwand er mit seinem Quad im Wald. Ab und zu kam Joni auf dem Moped hinterher, aber es war fast immer lustiger, allein zu fahren.
CJ kam sich wie ein ganz anderer vor, wenn er fuhr. Wie jemand, der älter, stärker, klüger, schneller war. Verschwunden war Carl-Johan, fünfzehn Jahre alt, picklig, eins dreiundsechzig, peinlich schwach beim Eisenpumpen. Auf dem Quad war CJ ein Actionheld, ein Soldat, ein König. Das Quad sorgte immer für Respekt, wenn er und Joni bei der Sporthalle abhingen, viele wollten es sich genauer ansehen, doch niemand durfte eine Probefahrt machen, das hatten CJ und sein Vater abgemacht. Die anderen Jungs hatten normale Mopeds oder alberne Mopedautos, die aussahen wie großes Spielzeug. Aber CJs Quad war schwer, kräftig und außerdem von einem scharfen Dunkelrot.
Das hier ist mein Wald, dachte er und fuhr schneller. Ab und zu sah er morgenmuntere Pilzesammler, aber die sollten sich vorsehen und aus dem Weg gehen. Dort vorn sah er bereits die alte Sandgrube.
»Tschiuff!«, rief CJ und nahm eine Kurve so scharf, dass der Kies aufstob.
Er fuhr Kreise, Achten, Vierecke. Der Schweiß troff, sein Herz hämmerte. Das hier war seine Grube, sein Königreich, sein eigener Ort auf der Welt.
Deshalb stellte er mit einer gewissen Irritation fest, dass ein Stück weiter etwas lag, hinter einigen Felsblöcken. Diese knallblaue Farbe hatte nichts mit der Natur zu tun, diesen Gegenstand, was immer das sein mochte, musste ein Mensch dort hingelegt haben.
Eindringlinge.
Er wurde langsamer und fuhr auf die Felsblöcke zu.
Das war offenbar so eine Tasche von Ikea. Ob die leer war? Dann konnte sie ja ganz einfach vom Wind hergeweht worden sein. Das war ein hoffnungsvoller Gedanke, vielleicht gehörte CJs Grube ja immer noch nur ihm.
Er stieg vom Quad, nahm den Helm ab und fuhr sich durch die Haare. Igitt, die waren ja schweißnass. Absolut unappetitlich.
Er beugte sich über den nächstbesten Felsbrocken und packte den einen gelben Henkel. Nein, die Tasche war nicht leer, darin lag etwas Schweres, aber er konnte nicht sehen, was das war.
CJ riss mit aller Kraft, und jetzt flog die Tasche hoch und kippte ihren Inhalt genau vor CJs Füße.
Er sprang instinktiv einige Meter zurück, als er sah, was da vor ihm lag.
»Was zum Teufel!«
Annas Kollegin Märta Hansson stand schon am Tatort, als Anna ihren steifen Körper aus dem Wagen manövrierte. Ab und zu fragte sich Anna, wie Märta so schnell von einem Ort zum anderen gelangen konnte. Entweder pfiff die Kollegin auf das Tempolimit, oder sie wandte irgendeine Harry-Potter-Methode an.
Aber ausnahmsweise sah auch das Energiebündel Märta müde aus.
»Schönen Sonntag«, murmelte sie.
»Ruhe und Erholung«, gab Anna ebenso trocken zurück.
An freien Tagen zum Dienst gerufen zu werden, war inzwischen durchaus keine Ausnahme mehr. Vor allem kam es während des Sommerhalbjahres vor, wenn sich die Einwohnerzahl der Stadt wegen der vielen Ferienhäuser in der Umgebung fast verdoppelte. Das Beste wäre es ja, wenn alle Verbrechen vor siebzehn Uhr an Werktagen begangen würden, wenn die Kita zumachte, aber das wurden sie leider so gut wie nie.
Die von der Zentrale durchgegebene Adresse stimmte. Im Wald gab es offenbar doch Häuser, auch wenn Annas Zweifel noch wuchsen, als die Straße immer schmaler wurde, je näher sie ihrem Ziel kam. Am Ende erreichte sie eine Wendestelle, wo bereits mehrere Autos standen. Neben Märtas Auto sah Anna einen Rettungswagen und zwei Personenwagen. Die Morgensonne wurde von der Motorhaube eines glänzenden Lexus reflektiert und blendete Anna.
Über ihnen auf einem Felsen thronte ein großes altes Holzhaus.
»Wusstest du irgendwas über diesen Ort hier?«, fragte Anna, als Märta und sie nun eine Steintreppe hochstiegen.
»Sicher«, sagte Märta. »Das ist doch das alte Einödhotel.«
»Hotel?«
»Ja, jetzt nicht mehr, aber ursprünglich war es mal ein Hotel. Jetzt wird es privat genutzt.«
Einödhotel, das klingt plausibel, dachte Anna. Das Haus sah einsam und ein bisschen fehl am Platze aus. Anna musste an einen Film denken, der Goffe so gut gefiel: Ein alter Herr versetzte sein Haus mithilfe eines riesigen Ballonbündels. Das Haus kam ihr so vor, als ob es auf dieselbe Weise hier gelandet sein könnte, als wäre es über die Baumwipfel geschwebt und nur aus purem Zufall genau hier auf diesem Felsen geendet.
Anna kannte sich mit Architekturstilen nicht besonders gut aus, aber das hier musste doch wohl Jugendstil oder etwas Ähnliches sein? Das Haus war weiß gestrichen, es hatte rote Ecken, das Dach war steil, die Fenster waren lang und schmal, einige hatten bunte Scheiben, und es gab einen kleinen Balkon und eine Art Erker …
»Verdammt«, rief Anna, als sie auf einer der ungleichen Treppenstufen stolperte.
Es wäre besser, die Stufen im Auge zu behalten, statt sich in die Hausfassade zu vertiefen.
»Hier lang, glaube ich«, sagte Märta und bog um eine Hausecke.
Nun hörte Anna Stimmen, aber erst, als sie eine dichte Hecke hinter sich gebracht hatten, sah sie die Leute vom Rettungswagen in ihrer rot-gelben Kleidung. Sie standen dicht beieinander neben einer Art Freiluftbadewanne.
Der Fahrer des Rettungswagens, Jari Tuovi, ein Mann, dem Anna nur unter tragischen Umständen begegnete, blickte die näher kommenden Polizistinnen mit ernster Miene an. »Sieh an, die Polizei ist auch schon wach. Wie schön!«
Er klang verärgert, und dazu hätte er eigentlich auch allen Grund gehabt. Es war nicht der Sinn der Sache, dass die Polizei erst viel später als das Rettungspersonal auftauchte, aber es hatte sich eben so ergeben, da Anna und Märta an diesem Tag eigentlich freigehabt hätten.
»Wie sieht’s denn hier aus?«, fragte Märta.
»Na ja, wir konnten hier nicht mehr viel tun«, antwortete Jari. Er und die beiden anderen hatten nasse Kleidung an, wie Anna nun sah.
»Lag die Tote im Whirlpool?«
»Jepp. Wir dachten zuerst, wir könnten einen schwachen Puls wahrnehmen, als wir sie hochgehoben haben. Das war wohl eher Wunschdenken, ihr Körper war aber noch warm vom Badewasser. Und sie … ja, ihr seht das ja selbst.«
Jari wies auf den Whirlpool, und Anna konnte einen Schauder nicht unterdrücken. Jetzt, wo sie dichter davorstand, sah sie, dass das Wasser hellrot war. Blut, nahm Anna an.
»Und wen haben wir da?«, fragte Anna und nickte zu der Decke hinüber.
»Eine Frau, irgendwo zwischen vierzig und fünfzig, schätze ich.«
Märta ging in die Hocke und hob das Laken. »Okay. In die Brust geschossen«, stellte sie kurz fest.
Jari nickte. »Jepp. Über die Todesursache braucht ihr euch diesmal nicht lange den Kopf zu zerbrechen. Sie saß aufrecht in der Wanne und hatte das Gesicht oberhalb des Wasserspiegels, wir haben Fotos gemacht, ehe wir sie rausgehoben haben, weil wir davon ausgingen, dass ihr das getan hättet, wenn ihr vor Ort gewesen wärt.«
»Es scheint nur ein Einschussloch zu geben, soviel ich sehen kann«, sagte Märta. »Ein Jagdgewehr, möchte ich meinen.«
»Habt ihr eine Waffe gefunden?«, fragte Anna.
»Ich bilde mir ein, dass für so was die Polizei zuständig ist, nicht wir.«
Grundgütiger, was war der Mann heute sauer.
Anna reagierte mit einem freundlichen Lächeln. »Sicher, ich dachte nur, ihr hättet vielleicht etwas gesehen. Wer hat die Zentrale verständigt?«
Ihre Frage wurde beantwortet, als sie sich zum Haus umdrehte. In der Tür standen dicht nebeneinander zwei Frauen und schauten zu der Versammlung bei der Badewanne hinunter.
»Dann lass uns mal mit denen reden«, sagte Anna.
»Ich muss nur schnell Fille wecken«, sagte Märta. »Bin gleich bei dir.«
Filip Johansson war der Leiter der Spurensicherung und außerdem Märtas Lebensgefährte. Anna konnte sich schon vorstellen, wie Filip reagieren würde, wenn er erfuhr, dass es sich bei der Fundstelle um eine große Wanne voller Wasser und Blut handelte, das er vermutlich durchsieben musste, auf der Suche nach einer Kugel und anderem Beweismaterial. Das würde Filips düstere Stimmung auf ein ganz neues Niveau heben.
Anna musterte die beiden Frauen, als sie zum Haus hochging. Es bestand ja kein Zweifel daran, dass die Frau unter der Decke ermordet worden war, und deshalb musste sie auf der Hut sein. Hatte eine der Frauen geschossen? Und waren sie in dem Fall noch immer bewaffnet?
»Guten Morgen, Oberkommissarin Anna Glad«, sagte sie und hob ihre Dienstmarke.
Die größere Frau murmelte einen Gruß. Sie hatte eine Brille, dunkle, hochgesteckte Haare und einen grünen Leinenmorgenrock. Die andere Frau war klein, ein wenig übergewichtig, und sie hatte blonde Haare, die zu einer ein wenig unmodern wirkenden asymmetrischen Frisur geschnitten waren.
Aber etwas sagte Anna auf jeden Fall, dass die beiden Frauen zumindest im Moment keine Bedrohung darstellten.
»Wer von Ihnen hat die 112 informiert?«
»Das war ich«, antwortete die größere Frau. »Ich heiße Hannele Widén. Ich habe sofort angerufen, als ich Krisse im Whirlpool gefunden habe, sogar noch ehe ich Britt geweckt habe.«
Die kleinere Frau hieß also offenbar Britt.
»Und wem gehört das Haus?«
Hannele Widén nickte zur Badewanne hinüber. »Krisse«, sagte sie. »Also, Kristina Ludwig.«
»Und in welcher Beziehung stehen Sie zu ihr?«
»Wir sind seit fünfundzwanzig Jahren befreundet. Wir sind zu Besuch.«
Britt geriet ins Schwanken, fand aber mit Hanneles Hilfe wieder ins Gleichgewicht.
Märta war hinter Anna aufgetaucht und stellte sich vor. »Wir sollten vielleicht drinnen weiterreden«, schlug sie vor.
Während Hannele und Britt ins Haus gingen, fügte Märta so leise hinzu, dass nur Anna es hören konnte: »Fille ist schon unterwegs. Und mit den beiden sollten wir wohl getrennt reden. Welche nimmst du?«
»Die Große«, erwiderte Anna rasch und hatte für einen Moment ein schlechtes Gewissen, weil sie sich die zugänglichere Zeugin ausgesucht hatte. Aber wer zuerst kommt …
»Oh, verdammt«, rutschte es Anna heraus, als sie eine geräumige Glasveranda durchquerten, in die jetzt die ersten Strahlen der Morgensonne fielen.
Es war vor allem der Geruch, auf den sie nicht vorbereitet gewesen war. Alter Schnaps und Schalentiere, die seit mehreren Stunden in der Wärme gestanden hatten.
»Sie hatten also ein Krebsfest?«
»Ja«, sagte Hannele, »das ist seit dem Studium unsere Tradition. Es sieht übel aus, wir hätten gestern Abend noch aufräumen müssen, ich weiß nicht, was wir uns gedacht haben, als wir einfach schlafen gegangen sind.« Sie machte einen Schritt auf den Tisch zu, um ein umgekipptes Weinglas aufzuheben.
»Nichts anfassen, bitte«, sagte Anna, und Hannele trat einen Schritt zurück.
Anna musterte die Szene auf der Glasveranda. Es schien nicht besonders viele Festgäste gegeben zu haben, aber die hatten doch ein gewaltiges Chaos anrichten können.
Mal sehen. Die Gastgeberin Kristina Ludwig, dann Hannele Widén, Britt und … der Tisch war wohl für vier gedeckt gewesen.
»Sie waren bei dem Fest offenbar zu viert. Wer ist die Vierte?«
»Sylvia«, sagte Hannele. »Sylvia war natürlich auch dabei. Und sie ist verschwunden!«
Helsinki, 26.3.2022
Liebe Freundin,
merkst du, dass ich beschlossen habe, dich mit »lieb« und »Freundin« anzureden? Das kommt vielleicht ein wenig überraschend für dich, nach allem Hin und Her, das wir durchgemacht haben, du und ich. Du glaubst vielleicht, dass ich dich ebenso sehr hasse wie du mich.
Aber der Versuch der Versöhnung gehört zum Heilungsprozess. Ebenso, wie diesen Brief an dich zu schreiben. Das ist die Hausaufgabe, die mein Therapeut mir aufgegeben hat, und ich habe, wie du weißt, meine Hausaufgaben immer sehr sorgfältig gemacht.
Auch wenn wir jetzt an diesem düsteren Ort gelandet sind, haben wir doch auch unsere hellen Stunden erlebt.
Weißt du noch, wie es angefangen hat? Denkst du manchmal daran zurück? Das tue ich oft, doch ich war ja immer schon sentimentaler als du.
In meiner Erinnerung sieht das Ganze so aus: Es waren einmal eine Jurastudentin und ein BWLer, die in Helsinki bei derselben Nachfeier auftauchten.
Noch nach so vielen Jahren kann ich diese Szene noch immer in meiner Erinnerung wie einen Film ablaufen lassen. Ich war ausnahmsweise einmal müde und hatte meinen Freunden schon gesagt, dass ich nach Hause wollte. Aber da standest du in der Schlange vor der Bar und sahst mich an. Ich glaube, ich weiß sogar noch, welches Lied gerade lief, Madonnas »Beautiful Stranger«. Okay, das klingt ein wenig nach maßgeschneiderter Musikwahl, es kann sein, dass ich mir dieses Detail im Nachhinein ausgedacht habe.
Aber ich weiß, dass ich es bis in die Zehen gespürt habe. Du solltest es sein, und keine andere.
Und so kam es ja auch, wirklich! Du sahst das auch so. Natürlich sollten du und ich es sein!
Alle um uns herum schienen sofort zu verstehen, dass wir zusammengehörten. Ich war so verdammt stolz darauf, dir zu gehören, und du warst offenbar stolz darauf, mir zu gehören. Wir waren einfach phantastisch auf Festen, Familientreffen, auf der Piste. Wir machten uns gegenseitig witziger, schöner, stärker. Wir waren das Paar, das alle sein wollten, das hast du immer gesagt, immer eine Spur wilder, cleverer und verliebter als die anderen.
Bald wurden wir als absolute Einheit aufgefasst. Wenn ich ein seltenes Mal ohne dich auftauchte, wurde ich sofort gefragt, wo du denn stecktest, ehe jemand wissen wollte, wie es mir ging.
Lange lebte ich in dem Glauben, ich sei glücklich. Oder, ja, vielleicht war ich sogar glücklich.
Ich weiß nicht genau, wann sich das änderte. Ich vermute, es kam so peu à peu, wie meine Großmutter immer gesagt hat.
Ich wollte nichts anderes, als gut genug für dich zu sein, also musste ich mich zusammenreißen.
Ich hatte einen schlechteren Geschmack als du.
Ich war definitiv nicht so intelligent wie du.
Du warst praktisch, ich war schusselig.
Obwohl wir beide hochgebildet waren, hatte ich ein schlechteres Gespür für unsere Privatfinanzen.
Du hast immer gesagt, ich hätte ein Loch in den Handflächen, wenn ich mir etwas gönnen wollte, dir etwas gönnen wollte, freigebig sein und das Leben genießen wollte.
Nach unserer Hochzeit habe ich bereitwillig dir die Verantwortung für das Geld überlassen, denn ich sah ein (und du sahst ein), dass ich mich auf mein eigenes Urteil nicht verlassen konnte.
Manchmal war ich nervig, doch dann hattest du Nachsicht mit mir.
Oft, wenn wir Gäste hatten, habe ich mich betrunken und danebenbenommen, aber du hast mir am nächsten Morgen verziehen.
Ab und zu zog ich mich albern und falsch an, aber du hast mich aufgehalten, ehe ich aus dem Haus gehen und mich blamieren konnte. Du hast mir geholfen, die richtigen Kleider zu finden, warst mit mir beim Friseur und hast gute Ratschläge erteilt.
Ich nahm damals auch zu, aber du sagtest, das sei in Ordnung so. Du wolltest natürlich keinen Sex mehr mit mir haben, da es unmöglich sei, auf einen Körper wie meinen anzuspringen, aber du liebtest mich so sehr wie eh und je, sagtest du.
Ich war so dankbar.
Und ehrlich gesagt, ich wusste nicht mehr, was ich ohne dich hätte anfangen sollen. Ich war nichts ohne dich.
Rein gar nichts.
Anna ging mit Hannele Widén in ein Zimmer, dessen Wände mit maßgefertigten Bücherregalen verkleidet waren. Es wäre ihr aber falsch vorgekommen, von Bibliothek zu reden, da sie kein einziges Buch sehen konnte. Immerhin stand mitten im Raum eine Sitzgruppe, und dort ließen sie sich nieder.
»Sie haben also Ihre Freundin gefunden?«
»Ja.«
»Wann war das?«
»Das war kurz nach fünf. Ich war mit gemeinen Kopfschmerzen aufgewacht und ging in die Küche, um zu sehen, ob ich irgendwo eine Kopfschmerztablette finden könnte. Und da sah ich sie durch das Fenster.« Hannele schüttelte sich.
»Okay«, sagte Anna und zog ihren Notizblock hervor. »Wenn ich zunächst die Namen aller Teilnehmerinnen am Krebsfest gestern Abend haben könnte.«
»Sicher. Hannele Widén, das bin also ich. Britt Blomqvist, Sylvia Strandwall-Thompson – mit w! – und unsere Freundin Kristina Sirén. Nein, großer Gott, was sage ich da? Kristina Ludwig meine ich natürlich. Kristina Sirén war ihr Mädchenname. Sie hat nach der Scheidung Staffans Namen behalten. Den Namen und dieses Haus hier und noch allerlei.«
»Und sonst war niemand im Haus? Irgendein Partner? Kinder?«
Anna wollte schon nach »Enkelkindern« fragen, riss sich jedoch zusammen. Die Frau ihr gegenüber war vielleicht einige Jahre älter als sie selbst, aber natürlich konnte man in dem Alter schon Großmutter sein, wenn man rechtzeitig angefangen hatte.
»Nein, hier war sonst niemand, es war ein Wochenende nur für uns. Den inneren Kreis.«
»Und Kristina war geschieden, haben Sie gesagt. Wann hat sie sich scheiden lassen?«
»Ach, Gott, dieses Drama hat mehrere Jahre gedauert! Aber vor ungefähr einem Jahr war dann alles geklärt, glaube ich.«
Scheidung in Unfrieden?, notierte Anna.
»Wie würden Sie die Scheidung dieses Ehepaares beschreiben, abgesehen davon, dass sie so lange gedauert hat?«
Hannele Widén schien in ihrer Sofaecke keine bequeme Haltung finden zu können, sie rutschte hin und her und schlang sich die Arme um den Leib.
»Tjaaa … stürmisch ist vielleicht ein passendes Wort. Und sehr traurig. Ich meine, Staffan und Krisse waren so ein Paar, von dem alle glaubten, dass sie bis ans Ende des Lebens zusammenbleiben würden. Ein richtiges Power-Couple, sie hatten sich schon zu Studienzeiten kennengelernt und waren mehrere Jahre lang unzertrennlich. Für uns alle war es ein Schock, als wir begriffen, wie das für Krisse gewesen war.«
»Wie meinen Sie das?«
Hannele seufzte tief. »Also … Staffan … er war in vieler Hinsicht der Traummann, das dachten wir alle. Sympathisch, witzig, in jüngeren Jahren auch überaus gut aussehend. Wir sind wohl alle ein bisschen hinters Licht geführt worden.«
»Inwiefern?«
»Es gab ja von Anfang an Gerüchte. Dass er die Finger nicht von anderen Frauen lassen könnte. Aber das Schlimmste war, dass wir anderen nicht wussten, wie er zu Hause war, hinter verschlossenen Türen.«
»Das heißt?«
»Gewalttätig und unberechenbar. Krisse muss die pure Hölle durchgemacht haben, ehe sie sich endlich aus dieser Beziehung befreien konnte. Er hat sie vollständig zerbrochen.«
Anna notierte: Alibi von Ex überprüfen.
»Und Staffan, wissen Sie, wo der jetzt wohnt?«
»Keine Ahnung, ich habe im vergangenen Jahr auch ganz bewusst versucht, nicht an ihn zu denken. Ich war so stolz darauf, dass Krisse weitergekommen ist, nach allem, was er ihr zugemutet hatte. Deshalb wollten wir gestern ein bisschen extra feiern. Moment mal! Kann es Staffan gewesen sein, der …«
Hannele verstummte und zeigte auf das Fenster, das Ausblick auf den Garten und den Whirlpool bot.
»Was meinen Sie selbst?«, fragte Anna.
»Bei dem Mann ist nichts ausgeschlossen, das steht jedenfalls fest. Ich bilde mir ein, dass er mit seiner Neuen im Ausland wohnt. Und soviel ich weiß, hatte Krisse seit der Scheidung keinen Kontakt mehr zu ihm. Der einzige Grund, warum sie so lange damit gewartet hat, ihn zu verlassen, war doch Ossian.«
»Ossian?«
»Ihr Sohn. O verdammt … der muss es ja erfahren! Soll ich ihn anrufen? Oder übernehmen Sie das?«
»Wie alt ist Ossian?«
»Zwanzig.«
Erwachsener Sohn, schrieb Anna.
»Das machen wir so bald wie möglich. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, finden Sie, dass bei der Scheidung alles mit rechten Dingen zuging, nach Ansicht Ihrer Freundin?«
»Aber sicher! Sie haben beide bekommen, was sie verdient hatten, könnte man sagen. Dieses Haus zum Beispiel, das hatte damals Staffans Familie gekauft, doch es ist Krisse zu verdanken, dass es noch steht und nicht verfallen ist. Und da war es doch nur recht und billig, dass sie es behalten durfte. Wie auch die Wohnung in Kronohagen.«
Anna merkte, dass sich ihre Augenbrauen um einige Zentimeter hoben, aber zum Glück blickte Hannele in eine andere Richtung. Eine Wohnung in Kronohagen, ein altes Jugendstilhotel im Wald, ein Lexus. Kristina Ludwig hatte es offenbar wirklich gut getroffen.
Wer erbt?, notierte Anna.
Sie hatte das Gefühl, dass sie schon über mehrere klassische Tatmotive verfügten: gebrochene Herzen, Rache und Geld, oder vielleicht eine Mischung aus allem.
»Was war Kristina von Beruf?«
»Sie hat die Juristerei wieder aufgenommen, nachdem sie mehrere Jahre lang Hausfrau gewesen war.«
»Sie war also Juristin?«
»Eine echte Staranwältin sogar. So eine, an die man sich wendet, wenn man sich von einem Wahnsinnigen scheiden lassen will. Sie verfügte ja über persönliche Erfahrung.«
Anna wusste nicht, wie sie ihre Gedanken schriftlich formulieren sollte, deshalb zeichnete sie nur einige Ausrufezeichen und ein gebrochenes Herz.
Kristina Ludwigs Beruf eröffnete vielleicht die Möglichkeit zu einer Menge anderer Spuren. Konnte der verbitterte Ex-Partner einer Mandantin seine Wut an der Anwältin ausgelassen haben?
Das hier schaffen Märta und ich nicht allein, dachte Anna. Wir sind seit einer Viertelstunde hier, und schon gehen die Ermittlungen in alle Himmelsrichtungen auseinander.
Und dabei hätte sie fast das verdammte Krebsfest vergessen!
»Diese Sylvia Strandwall-Thompson, von der Sie sagen, dass sie verschwunden ist. Gehörte die auch zu Ihrem Kreis?«
»Ja, wir vier hängen seit fast fünfundzwanzig Jahren zusammen. Wir haben zu Studienzeiten im selben Chor gesungen und sind seither immer in Kontakt geblieben.«
»Wann haben Sie Sylvia zuletzt gesehen?«
»Gestern spätabends. Wir sind nach dem Krebsfest noch in einer mir unbekannten Bar gelandet. Ich glaube, die hieß Mazarin oder Magazin?«
Anna nickte. Die Bar Magazin war ihr bekannt.
»Sylvia war mit in der Bar, aber dann ist sie vor uns anderen zurück zum Haus gefahren. Wann habe ich sie zuletzt wohl gesehen? Das muss so kurz vor Mitternacht gewesen sein.«
»Warum ist sie früher aufgebrochen?«
»Sie sagte, sie sei müde, sie hat eine ein Jahr alte Tochter, und sie wollte ausschlafen, wo sie schon mal ein kinderfreies Wochenende hat. Ich habe angenommen, dass sie ein Taxi hierher zurückgenommen und sich schlafen gelegt hatte.«
»Wann sind Sie und die beiden anderen zurückgekommen?«
»So gegen drei, glaube ich. Britt … ja, wie soll ich das sagen? Sie war reichlich weggetreten. Ihretwegen wollte uns kein Taxi mitnehmen, und wir mussten lange warten. Endlich hat sich eins unser erbarmt, ich habe den Verdacht, dass Krisse heftig Trinkgeld gegeben hat.«
»Was ist passiert, als Sie wieder hier waren?«
»Krisse und ich haben Britt ins Bett geschafft. Und danach bin ich auch schlafen gegangen.«
»Und was hat Kristina gemacht?«
»Das weiß ich nicht. Ich war total erledigt, ich trinke im Moment nicht so viel, und deshalb bin ich sofort ins Bett gefallen.«
»Haben Sie etwas von Sylvia gesehen, als Sie wieder hier waren?«
»Das ist es ja gerade. Ich glaube, keine von uns hat nachgesehen. Wir hatten so viel mit Britt zu tun, wir haben nur versucht, so leise wie möglich zu sein, um Sylle nicht zu wecken. Und jetzt stelle ich mir vor, dass sie vielleicht gar nicht hier war. Aber ihre Sachen liegen ja alle noch da!«
Taxigesellschaft fragen, ob S. zum Haus zurückgekehrt ist, notierte Anna.
»Haben Sie versucht, sie anzurufen?«
»Natürlich. Mehrmals, ihr Telefon ist ausgeschaltet. Und das passt überhaupt nicht zu ihr! Ich muss immer daran denken, dass sie vielleicht auch irgendwo tot liegt! Krisse und Sylle alle beide, großer Gott!«
Hanneles Stimme versagte, sie schien mit den Tränen zu ringen, konnte sich dann aber zusammenreißen.
Anna wartete eine Weile, ehe sie die nächste Frage stellte. »Sie sind also irgendwann nach drei Uhr schlafen gegangen. Haben Sie danach irgendetwas gehört?«
»Wenn ich nicht zu Hause bin, schlafe ich mit Ohrstöpseln. Ich habe rein gar nichts gehört.«
»Ich würde mir gern mal das Haus ansehen, würden Sie mich herumführen?«
»Natürlich.«
»Danach muss ich Sie und Britt bitten, mich zu einer eher offiziellen Vernehmung auf die Wache zu begleiten.«
»Darf ich mich zuerst anziehen?«
»Sie können die Kleidungsstücke mitnehmen, die Sie brauchen, aber rühren Sie sonst bitte nichts an.«
Hannele nickte.
Sie erhoben sich, und Anna ließ sich von Hannele durch das Haus führen. In der Küche versuchte Märta, mit Britt Blomqvist zu sprechen, aber die war offenbar wieder eingenickt. Am besten ließen sie sie wohl den ärgsten Rausch ausschlafen und wagten in einigen Stunden einen neuen Versuch. Sie gingen weiter ins Obergeschoss.
»Das hier ist Sylvias Zimmer«, sagte Hannele.
»Warten Sie hier«, sagte Anna.
Sie betrat ein spärlich möbliertes Schlafzimmer mit Blümchentapete und einem Doppelbett.
Das Bett war ordentlich gemacht, auf der Decke lag eine lederne Reisetasche. Anna streifte Handschuhe über und öffnete die Tasche. Ganz oben lag ein Kulturbeutel, darunter sah sie etwas, das sie für ein Nachthemd von Marimekko hielt. Sylvia Strandwall-Thompson hatte offenbar weder ausgepackt noch in dem Bett geschlafen. Eine Handtasche oder ein Telefon konnte Anna nicht entdecken.
Die Frage war, ob sie vor zwei Ermittlungen standen, von denen es bei der einen um einen Mord und bei der anderen um eine verschwundene Person ging. War es so einfach, dass Sylvia ihre Freundin erschossen und Hals über Kopf die Flucht ergriffen hatte, oder hatte Hannele recht, und Sylvia war an denselben Täter geraten?
Gleich nach Beendigung ihres Rundgangs würde Anna die Ortung von Sylvias Telefon veranlassen.
Anna ging zurück zu der auf dem Gang wartenden Hannele. Die schien in ihrem dünnen Morgenrock zu frieren.
»Wir gehen in Ihr Zimmer, damit Sie sich richtig anziehen können. Darf ich Sie bitten, auch für Ihre Freundin Britt ein paar Kleider einzupacken?«
»Natürlich, das hier ist ihr Zimmer.«
Britt Blomqvist hatte zweifellos in ihrem Bett geschlafen, dermaßen zweifellos, dass das Laken von der Matratze gerutscht war. Sie hatte ihre Habseligkeiten überall im Zimmer verstreut, aber Anna konnte nichts Aufsehenerregendes entdecken.
Es war deutlich, dass das Haus früher einmal als Hotel gedient hatte, es schien eine Menge Schlafzimmer zu geben, die alle ungefähr gleich groß waren und längs an einem Korridor lagen. Als Wochenendhaus für eine alleinstehende Frau und ihre erwachsenen Freundinnen wirkte es gelinde gesagt überdimensional.
Hannele raffte einige Kleidungsstücke ihrer Freundin zusammen. »Soll ich auch ihre Handtasche mitnehmen?«
»Lassen Sie die erst mal noch liegen. Wo ist Ihr Zimmer?«
Die Zimmer von Hannele und Britt hatten Fenster, die geradewegs auf den Wald blickten, sie lagen vom Garten aus gesehen auf der anderen Seite des Hauses. War es wirklich möglich, dass keine von ihnen den Schuss gehört hatte? Anna war skeptisch. Es war ungeheuer still im Haus, und der nächste Nachbar war mehrere Kilometer entfernt. Hätten sie nicht auf einen plötzlichen Schuss reagieren müssen, auch wenn sie Ohrstöpsel hatten oder sternhagelvoll waren? Da kam es natürlich auf die Waffe an. Wenn Märta recht hatte und es sich um ein Jagdgewehr handelte, war es nicht unmöglich, dass ein Schalldämpfer benutzt worden war.
Hanneles Zimmer war um einiges ordentlicher als Britts, ansonsten waren die Zimmer mit den Blümchentapeten und den Spitzengardinen fast identisch.
»Das ist ein gewaltiges Haus«, stellte Anna fest.
»Ja, sicher. Krisse hatte damit großartige Pläne, sie wollte eine Menge ändern, richtig modernisieren. Ich fand das unnötig, aber sie wollte allem ihren eigenen Stempel aufdrücken.«
Hannele hob eine weiße Jeans und einen gestreiften Pullover hoch. »Ich zieh mich schnell um, ja?«
Anna nickte, und Hannele streifte eilig die Sachen über.
»Jetzt bin ich so weit«, sagte sie dann und griff nach einer Handtasche, die auf einem Stuhl im Zimmer gelegen hatte.
»Moment noch«, sagte Anna. »Was haben Sie da?«
»Nichts Besonderes. Mein Notebook, meine Brieftasche, mein Telefon, meine Hausschlüssel.«
Hannele hielt ihr die Tasche hin, und Anna schaute hinein.
»Telefon und Brieftasche können Sie mitnehmen, der Rest bleibt hier.«
»Aber …«
»Ich verspreche, dass Sie alles später zurückbekommen. Das hier ist ein Tatort, und den hinterlassen wir so unberührt wie nur möglich, bis meine Kollegen alles untersucht haben. Haben Sie übrigens Kontaktadressen für diesen Sohn, Ossian?«
»Ich glaube, schon.«
Gottfrid Glad stapfte zum Sofa und drückte mit geübten kleinen Fingern auf die Fernbedienung.
Schwammkopf oder Jake und die Nimmerland Piraten? Eigentlich total egal. Ihm würde heute keine Sendung Spaß machen, denn er war ganz einfach stocksauer.
»Möchtest du Kakao, Goffe?«, rief Papa aus der Küche.
Tja, da sah man es ja schon. Papa zog seine große Nummer ab. Kakao gab es nur zum Geburtstag und zum Muttertag und so, das wussten alle. Jetzt versuchte Papa, Goffe in bessere Laune zu bringen, indem er ihn an einem ganz normalen Sonntag Kakao trinken ließ.
»Nö!«
»Kein Kakao? Bist du sicher?«
»Doch.«
»Du willst also Kakao?«
»NÖÖÖ!«
»Okay, okay.«
Goffe rollte sich in der Sofaecke zu einem Ball zusammen und schämte sich ein ganz kleines bisschen. Er wusste, dass er ungerecht war, denn er war ja gar nicht auf Papa sauer, sondern auf Mama, aber die war doch nicht da.
Blöde, blöde, blöde Blödmama!
Zuerst versprach sie Sachen wie »Wir gehen ins Kino und essen Popcorn« oder »am Samstag machen wir Pizzafest«. Und dann verschwand sie einfach und sagte dann immer: »Ich muss arbeiten, Verzeihung, Verzeihung, Verzeihung, wir holen das nächste Woche nach …«
»Blaaa, blaaa, blaaa«, murmelte Goffe.
An diesem Tag hatte Mama versprochen, dass sie backen würden, Goffe und sie. Schokocremekuchen. Das war der einzige Kuchen, den Mama backen konnte, aber er war auch der leckerste von allen.
Aber jetzt würde es keinen Kuchen geben. Denn Mama war verschwunden.
»Letzte Chance, danach stell ich die Milch weg«, sagte Papa.
Gottfrid kniff die Lippen zusammen.
