Der Morgen des Träumers - Wolfgang Laschke - E-Book

Der Morgen des Träumers E-Book

Wolfgang Laschke

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Beschreibung

Surrealistischer Roman über die Welt der Bücher, des Geistes und der Träume. Eine Traumgeschichte über die Welt der Bücher

Das E-Book Der Morgen des Träumers wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Bibliothek, Traum, Surrealismus

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wolfgang Laschke

Der Morgen des Träumers

© 2019 Wolfgang Laschke

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Illustration: Wolfgang Laschke

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-8167-6

Hardcover:

978-3-7497-8168-3

e-Book:

978-3-7497-8169-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1: Ein verborgener, aber machtvoller Ort

Kapitel 2: Kien

Kapitel 3: Die Bibliothek

Kapitel 4: Das Training der Protagonisten

Kapitel 5: Der Maschinenraum

Kapitel 6: Das Verborgene

Kapitel 7: Regeln

Kapitel 8: Das Forum

Kapitel 9: Weltgeist und Leben

Kapitel 10: Freuds Traumstunde

Kapitel 11: Balzacs Chronik

Kapitel 12: Borges, der Schließer

Kapitel 13: Ein künstlerischer Traum oder Der andere Morgen

Prolog

Zitternd, nein eher bebend, vibrierend, taumelnd und gleich ohnmächtig den nun immerzu schwankenden, schaukelnden Boden küssend, von Angst und inniger Sehnsucht nach dem Neuen getrieben, öffne ich die unbekannte Tür, die sich hoch aufschießend, geradezu majestätisch vor mir auftut, wie ein aufgeplusterter, kampfbereiter Pfau an fernem Ort, der seine bunte Federpracht paradiesisch aufstellt um dem Auge nach innen zu schmeicheln. Unter Meinesgleichen, den Suchenden nach dem Anderen, dem Mehr, kann dieser Ort noch nicht bekannt sein, scheint eher von fremden Geistern und Gedanken, die ausufernd in den Himmel ragen, erfüllt, muss aber unweigerlich mit innerer Kraft in Besitz genommen werden. So will es die Vorsehung, die mich immerfort in ihren Bann zieht, tagein und tagaus und immer weiter, bis zur endgültigen Erschöpfung, die meine Tage schon lange krönt. Dies spüre ich ganz sicher und verleugne nicht länger meine geheimsten Wünsche, die nun hier an dieser Stelle machtvoll empor quellen, wie ein kristallener Strudel aus tiefem, felsigem Grund, der bald zum Bach, Fluss und wogendem Meere wird und meine Seele an unbekannte, neue Orte trägt, die ich bisher nur aus meinen Träumen kannte. Schließe meine Augen im nächsten Augenblick wieder, um ganz dicht bei mir zu sein und diesen Moment gänzlich einzufangen, öffne meine Seele die sogleich ins Unendliche aufsteigt und bin gleichsam aus der Welt getreten, wie ein aufsteigender Luftballon in großer Höhe zerplatzend und in tausend Teile berstend, vielleicht ein neues Puzzle, Weltenstück erschaffend.

Ein neues Weltenstück!? Vielleicht geboren aus einer inneren, zunächst verwirrenden Nabelschau, tief unter der Schädeldecke heraus ins Land der Träume getragen, die im gleichen Augenblick aus sich herausfahren und den Logos endlich bei Seite schieben, der uns schon immer die Welt anmaßend verklärt hat. Einer anderen Wesensart gleich, unwirklich von einer Ecke zur anderen schießend, ihren aufreizenden Pulverdampf ins luftige Gemisch verteilend, stehen sie über den Dingen, die nun nackt und kahl geschoren der Beliebigkeit zum Opfer fallen. Sie alleine, und nur sie, schaffen eine neue Wirklichkeit aus Geist, Magie und purer Poesie, die gleichsam getragen von frischen Winden das Neue wortreich aus sich herausschält und in die Welt bringen kann, nein sogar muss, damit es Grenzen sprengt, die über Jahrtausende nie in Frage gestellt wurden. Und dennoch waren sie schon immer da. Haben unsere auffrischenden Gedanken schnell eingefangen und zu Grabe getragen, noch ehe sie wachsen und sich läutern konnten. Nun endlich kommt der Geist zu seinem Recht an diesem Ort, der abseits steht und endlich auf Erweckung hofft.

Eines Nachts musste ich, wie von starker Hand hinaus ins kalte, stille Grau geprügelt, unvermeidlich aufstehen - zwanghaft einem schroffen, inneren Befehle folgend - und mich in tiefster Dunkelheit ins tiefer liegende Wohnzimmer durchschlagen, das mein Kommen zu dieser späten Stunde nicht erwarten konnte. Es fröstelte mich und die Wetter schlugen beim beschwerlichen Abstieg von allen Seiten auf mich ein, Blitze grölten von oben herab und ein leises Rauschen, wie von Geisterhand gegossen, war zu hören, bis ich endlich schweißgebadet und von Angst ganz zersetzt am Ziele angelangt war. Schon spürte ich wie Luft von außen ins heiße Zimmer strömte und die matte Feuchtigkeit seltsam schwer auf den Möbeln lag, um sogleich entlastend als dichter Nebel wieder ins hoch aufgetürmte Zimmer aufzusteigen und alles in sich aufzunehmen, was auf dem Wege nach oben entgegen stand, so dass nur leichte Schatten auf den Wänden kleben blieben. Das Fenster, nur leicht geöffnet vor des Bettes Ruhegang, lag nun breit und teilnahmslos, ganz aus der Struktur gerissen als ausgelegtes Einfallstor in einsamer Ruhe in seinem hölzernen Rahmen, der früher einmal ein Wald und Lebensgrund war. Hastig, schnell und wild entschlossen griff ich mit zitternder Hand zu, um es nun endlich wieder fest zu verschließen, so wie es am Vorabend bereits geschehen war. Doch brach es mir nun endgültig aus festem Rahmen, sprang mir wie wild geworden vor meine Füße und wie ein aufschießender Dämon aus einer bemoosten Erdkuhle heraus brüllend, verschwand es nun im aufsteigenden Nichts der unendlichen Dunkelheit. Das Tor war nun weit geöffnet, der Untergang beschlossen und meine Wälle, die ich zum Schutze im Raume weit verteilt hatte, zerschmolzen zu einem windigen Brei, der sich breit ausufernd über den ausladenden Boden erstreckte. Schnell verlor ich meinen Halt, fiel ins Bodenlose einem Begräbnis gleich, dem ich wohl selbst nun beiwohnen musste. Denn Alles, was ich stets verabscheute, drang nun in meine Burg, umzingelte mich und befragte mich nach meinem Namen und anderen Gebrechen, die ich seit jeher in meinem Kopfe vor mir her trug. Konnte kaum sprechen, so schnürte mir die Angst die Stimme ab. Ein leichtes, ganz mageres Grunzen drang aus meiner Kehle ganz unbekannt, wie von fremder Hand gesteuert und flehentlich in den Ätherfluss geworfen. Saß wohl vor Gerichte und bat nun ohne Unterlass um Gnade. Winselnd, einem sterbenden Hunde gleich, lag ich am Boden, festgekrallt mit blutigen Fäusten die Planken umgreifend und tausend Dämonenheere schritten über mich ins Haus, das nun der abgrundtiefen, höllischen Brut ausgeliefert war. Schon schwärmten unzählige Stimmen in die verstreuten Ecken aus, marterten meinen Kopf, den ich mit meinen Händen fest am Boden hielt, damit er nicht entschwebe in die tief auf mir sitzende Nacht. Und wie ich so lag, vor dem anwesenden Gericht und tausend Dämonen und mein Untergang schon beschlossen schien, zeigten sich schillernde Sterne in den höheren Winkeln meines Zimmers und lockten mich zu sich mit ihrem süßen Gesang. Sirenengleich erklang ihr holdes Lied aus großer Höhe. Und schon schwebte ich fast kerzengerade unter der Decke - die sich vom Nebel befreit hatte und tausend Sternen eine Heimat bot - um meinen Traum endlich mit aufgemalten Tränen zu grüßen, die aber sogleich mit Wucht in die Tiefe fielen einem Wasserfalle gleich und die Pegel schnell steigen ließen, so dass man glauben konnte über einem Meere zu schweben. Nun wurde weggespült, was mich einst mit Angst erfüllte. Wütende Fluten durchwalkten meinen geschwärzten Raum, schossen durch das freiliegende Einfallstor nun endlich ins unendliche Außen und selbst das matte Fenster konnte sich mit eigener Kraft erheben und wieder einfügen an seinen angestammten Ort. Ich war wieder frei, konnte atmen und meinen Kopf der Freiheit anvertrauen. Das nächtliche Grauen dieses Ortes verwandelte sich schnell in ein neues Gewand. Heller noch erstrahlte es von hohem Berge und zog mich von der Erde ab, denn meine Zeit war nun gekommen. Mit einem tiefen Blick von oben sah ich, dass der Altar am Fenster schon fleißig errichtet war. Schwer und schwülstig quoll er auf, wie der Bauch eines Baals, so dass ich im Schweben niederknien musste, um den Göttern zu danken. So war dieser Ort geboren, einer Kathedrale gleich, der mir die Seele schuf, die lang gesucht ich hatte. Nun waren die Ketten gesprengt und frei von schwerer Schuld begann mein Weg. An diesem fernen Ort, der nun in meinem Kopfe erschaffen war.

Oder sagen wir besser an einem anderen Ort? Vielleicht sogar einem besseren Ort, der die Dinge neu ordnet und in die Tiefe gestaltet, damit sie nicht haltlos ins Flache, Weite entfliehen können, das doch nur ein Abklatsch des ewigen Scheins ist. Denn nur hier, an dieser Stelle, diesem heiligen Ort der nächtlichen Auferstehung entstehen neue Welten, von Geisterhand im Wahn gezeugt, noch nie gewogen und dennoch schwer und fest im Raume stehend. Eine neue Kathedrale des Geistes, in der Lichtblitze von einer Ecke zur anderen Ecke schießen und pfeilgleich das Alte, Verbrauchte in ihre Schranken weisen, weil es schon lange nicht mehr trägt. Das nicht untergehende Boot im ewigen Lebensfluss, das alle kreativen Geister vereinen und aufnehmen wird, wenn die vernichtenden Fluten eines Tages steigen werden und das Unvermeidbare geschehen lassen. So meine Hoffnung zu dieser späten Stunde, in der ich diese Zeilen tief gezeichnet aufschreibe. Ganz für mich alleine, bodenlos in meinen Gedanken gefangen, höre ich auf mein inneres Versprechen und mache den ersten Schritt, hin zu den Stimmen, die mich jetzt ganz unvermeidlich und mit Nachdruck zu sich rufen:

„Ich, der König unter den Engeln, die zwischen den Welten die Wege neu ausleuchten, damit kein Pfad verloren geht und ewige Wanderschaft herrscht auf der Suche nach dem Absoluten, rufe dich zu mir, denn du bist auserwählt diesen, neuen Ort zu betreten, der in deinem Kopfe geboren, nun auch hier zur Auferstehung gelangen wird. Ich, der Wächter der Zeitströme und Räume, der Veränderung und der Hüter des göttlichen Lichts werde dir beistehen in den Zeiten des aufziehenden Wandels, die sich machtvoll in den nichtsahnenden Zeitenfluss stellen, um etwas ganz Neues aus sich heraus zu gebären. Nur ich alleine kenne den Lebensplan aller auf Erden lebenden Seelen, da ich die berühmte Chronik des Lebens einsehen kann und der Hüter dieses mystischen, geistigen Weltgedächtnisses bin, das man auch als Buch des Lebens kennt, indem alles was zu Erdenken ist, machtvoll vereint und gesammelt ist. Glaube mir mein Sohn! Die Welt ist anders wie es scheint. Tiefer, machtvoller und geheimnisvoller als ein lediglich vernunftbegabtes Wesen je schauen könnte. Du kannst sie selbst erschaffen und tief aus dir heraus formen, in die Ewigkeit schauen, wenn du dazu bereit bist!“

Seine Worte zogen mich unweigerlich in ihren Bann, umschmeichelten mich und gaben mir neue Zuversicht für das was noch kommen würde. Aber ich erahnte bereits, dass das Lesen in dieser Chronik des ewigen Geistes einen intuitiven, seelenverwandten Zugang voraussetzen würde, indem man sich in ein Bewusstsein hinein-versetzen muss, das über das Vorstellungsvermögen eines einzelnen Menschen hinaus-geht, so dass Netze geschmiedet werden müssen um einen vorsichtigen, angemessenen Anfang zu wagen. Denn erst so kann eine tiefere, weitere Erkenntnis überhaupt erst möglich sein. Und darauf kam es ja an.

Es galt also nicht nur diesen besonderen Ort, sondern auch eine Gemeinschaft von Seelenverwandten zu finden, ohne die eine wahre Erkenntnis aus der Fülle von Ideen kaum möglich sein könnte.

Ich wusste, dass anknüpfend an frühere Formen gemeinschaftlicher Erinnerung, die mystisch verankert und schon lange und immer wieder erzählt sind, ein biografisches Gedächtnis zu einem Menschheitsgedächtnis erweitert werden und damit die Möglichkeit bieten kann, den Geburtsritus der Menschheit von innen heraus neu zu verstehen und nochmals sinnhaft aufzurollen, neu zu gestalten. Es sei gehofft, so mein eindringlicher Wunsch an alle Seelenflieger, dass dies zu einer neuen Sicht der Dinge führt und die aufziehenden Nebel der Apokalypse, die sich schon deutlich am Hori-zont abzeichnen, verdrängen kann. Und dieses, so glaubet mir, gilt für alle Grundelemente aus denen unsere Welt geschaffen ist! Allerdings, so sei hier einschränkend gesagt, bin ich hier noch nicht als Held vorgestellt und eingetreten in dies neue geschichtliche Band an diesem verheißungsvollen, noch nicht erdachten Ort, der einem Würfel gleich vom Schicksal hierher getragen wurde. Der Würfel selbst, gleichsam nach Metraton, dem König der Engel benannt, soll dabei als grundlegendes Schöpfungsmuster, Plan des geistigen Lebens gelten. Er enthält innerhalb eines einzigen, aus mehreren Elementen zusammengeführten und magisch wirkenden Symbols die fünf dreidimensionalen platonischen Körper: Den Tetraeder, der für das Element Feuer steht, den Hexaeder, der als Symbol des Elements Erde gilt, den Oktaeder, der die Luft symbolisiert, den Dodekaeder für das Element Äther und den Ikosaeder als Repräsentant für das Element Wasser. Als sechstes Element kann der Kreis dazugerechnet werden als Symbol der Einheit, Wiederkehr, reinen Perfektion und der fortlaufenden Veränderung. Am Rand des so entstandenen geometrischen Gebildes befinden sich sechs Kreise, die hier als Symbol des Idealen stehen. Beachte aber! In der Summe und beim ersten Hinsehen erschließt sich die Würfelform nicht, da sie dreidimensional angelegt ist. Der Kubus ist aber enthalten.

„Dieser Würfel“, so Metatron nun weiter … „ist also ein mächtiges Werkzeug um deinen Lebensplan zu höchster Vollendung zu bringen. Er dient Dir wenn Du Dich orientierungslos fühlst, Dich nach Klarheit und Wahrheit sehnst“, … so wie unser Held von dem noch die Rede sein wird.

„Bevor wir aber auf unseren Helden und Protagonisten zu sprechen kommen“, wird Metatron nun unweigerlich und mit Nachdruck unterbrochen „gestatten sie mir zunächst ein paar einleitende Worte, die dieses Buch ganz sicher benötigt“, so unser Erzähler, der sich nun langsam zu erkennen gibt und begierig darauf wartet sein endloses Band zu schmieden. „Zu unklar schwimmt es auf hoher See, ohne feste Planken, festes Segeltuch oder schwere Anker. Zerfließt geradezu an den Rändern, um sich an anderer Stelle schroff aus tosender Brandung zu erheben und neu zu erfinden. Und dennoch geht es nicht unter. Wie ein tanzender Korken wiedersteht es den eisigen Fluten, sammelt sich an anderer Stelle zu dichten, schweren Klumpen, die man geradewegs mit einem schweren Hammer zerteilen müsste, wenn dies möglich wäre. Aber wird das schwere Gerät gehoben, enteilen die Blicke bereits übers ansteigende Wasser bis hoch ans Himmelszelt. Und dort türmt es sich nun auf, spitzt seine Segel wie Nadelstiche ins Firmament und bittet um göttlichen Beistand, den es gewiss erhalten wird. Dies sei schon mal vorweg genommen“.

„Gedanken, Ideen, Geistesblitze sollen nun hier auf weißem Grund gebannt werden und das, was sie verbindet zu einem Ganzen gewoben werden. Ein Freudenfest bedruckter Bücherseiten, voll mit einer Sprache des göttlichen Lichts. Denn nur über die Sprache können eigene Vorstellungen, Ansichten, Ideen vermittelt werden, da sie die konkreteste Form ist Gedanken zur Philosophie, Poesie, Kunst oder Ästhetik zum Ausdruck zu bringen. Dies scheidet sie von Malerei, Musik und bildender Kunst, die eher im Unwägbaren bleiben, aber tiefe Reflexe setzen, die jeder Sprache ihre grundlegende Ausrichtung geben. So müssen auch Künstler wie Van Gogh, Mozart, Rodin oder Beethoven mit bedacht werden, denn hier zeigt sich die Sprache und das Ideengut in neuem, unverbrauchten Ton, von herrlichen Harmonien, Rhythmen, Farb-, Bilder und Formenwelten begleitet, die einen ganzen Kosmos erschaffen können. Und Wagner, dieser göttlich, dämonische Erneuerer, geht derweil mit planvoller Wucht voran, weil seine Musik einem klaren sprachlichen Programm folgt“.

„Bibliotheken, wie wir sie noch entdecken werden und von der noch genauer die Rede sein wird, sind in erster Linie die Sammelorte von Geschriebenem, Zentrum und Symbol aller Kulturen und zugleich Orte mit geheimnisvoller, geradezu mythischer Ausstrahlung: Kathedralen des Geistes und Speicher des kollektiven Wissens, wobei selbst die einfachste und funktionalste Architektur einer Bibliothek, wie man sie oft an den neuen Universitäten oder Stadtbibliotheken vorfindet, von einem Hauch sakraler Feierlichkeit durchweht wird, wenn man diese Orte der Ruhe und Selbstfindung andächtig betritt. Bis heute existiert dabei der wohltuende Gegensatz zwischen der geschäftigen, pulsierenden Welt des alltäglichen Einerlei dort Draußen und der stillen, friedfertigen Welt der Bücher, in die man sich mit seiner ganzen Seele, versenken kann. Den Weltfremden, den Außenseitern und den getriebenen Heimatlosen, wie auch unser Held einer sein könnte, vielleicht sogar ist, bietet eine Bibliothek wie diese sogar durchaus eine Zuflucht und gestattet ihnen zugleich, sich in dieser schweigsamen Welt der eigenen Phantasie und der Einsamkeit einzurichten, ganz hinzugeben und sich so der Realität des lärmenden, ewiggleichen Außen zu entziehen oder sich einer neuen, ganz anderen Wirklichkeit zu stellen, die von kreativer Hand gemalt, ganz sicher da ist, auch wenn sie nicht immer sofort zu greifen ist. So wird die Begegnung zwischen Literatur und der Bibliothek nicht allein auf den Ort beschränkt, sondern zerstreut sich über den Austausch ihrer Nutzer und Gestalter in alle Winkel und Köpfe dieser Erde, bildet verwobene Netzwerke aus und vielleicht, eines Tages, steigt sie irgendwann sogar in himmlische, göttliche Sphären auf und wird zu einem gemeinschaftlichen Traum der Erkenntnis? Ein endloser, vernetzter Austausch der Gedanken und Ideen muss aber am Anfang stehen!“

„Die Aufgaben einer Bibliothek sind dabei ganz verschieden: Sie gelten nicht nur als Orte, an denen Bücher der verschiedenster Art gesammelt, geordnet und aufbewahrt werden, sondern Zweck einer Bibliothek ist es auch dem Publikum das Lesen dieser Werke zu ermöglichen, ggfs. auch für die Veröffentlichung eigener Werke, die dann die Bibliothek zukünftig mehren und bereichern könnten, zu werben, aber gelegentlich auch die Kenntnis von gewissen Schriften unter Verschluss zu halten, Bücher also zu verbergen, dort wo es nötig und dringend erforderlich ist. Und fürwahr: Es gibt genügend Gründe um verwegene Gedanken nicht zu früh auf dem Altare der öffentlichen Meinung zu opfern. Manchmal sind die äußeren Umstände noch nicht bereit für ein neues Denken, dass so gleich mit einem tiefen Aufschrei in seine Schranken gewiesen und schon zu Grabe getragen wird, bevor es seine Wirkung überhaupt erst entfalten kann. Dort tief unter der Erde bleibt der Schuldspruch so über viele Jahre bestehen und kann vielleicht nur unter größten Mühen wieder aufgehoben werden, wie die Geschichte uns immer wieder, gerade in der Auseinandersetzung mit religiösem Fundamentalismus oder Systemkritikern gezeigt hat“.

„Dass die Bibliothek gern als Handlungsort für erzählende Literatur herangezogen wird – und in diesem Buch wird es ebenso sein -, liegt nicht nur auf der Hand, sondern vermutlich auch daran, dass Menschen die schreiben, oft viel lesen. Genauso wie ich, der ohne Bücher nicht existieren könnte, wenn ich dies an dieser Stelle einmal bemerken darf. Obwohl ich nicht der Autor dieser Geschichte bin, den ich nicht kenne und der von meiner Existenz ebenfalls nicht viel ahnen mag, möchte ich dennoch sagen, dass die Besucher dieses Ortes meist eine eigene Wahrheit haben, der sie genüge tragen wollen, wenn sie auch gelegentlich nur an der Oberfläche des eigenen Ichs und allgemeinen Seins kratzen. In aller Regel kommen sie um ihre Eindrücke zu vertiefen, ggfs. zu erweitern und in wenigen Ausnahmefällen auch, um sich über andere Standpunkte Gewissheit zu verschaffen, die Perspektive zu wechseln, um eine andere Sichtweise zu gewinnen. Und hierzu benötigen sie oft nur ein klein wenig Unterstützung und Mut. Vielleicht durch einen Bibliothekar oder belesenen Feingeist, der sein Handwerk versteht. Für nicht wenige wird die Bibliothek daher zum naheliegenden Aufenthaltsort und Bezugspunkt, in einigen wenigen Fällen gar zum Wendepunkt und neuem Ausgangspunkt in ihrem Leben“.

„So sind Bücher also die eigentlichen wahren Träger des Weltgeistes, das humanistische, kulturelle Vermächtnis und die Hochburg der menschlichen Träume und Visionen, da sie ein Thema sehr umfassend und ausführlich beleuchten können. Die sie vereinnahmende Bibliothek ist dabei gleichsam eine Maschine, die neue Geister auf den Weg bringt und surreale Traumwelten erschaffen kann, wenn man dies selbst für möglich hält, was vorausgesetzt werden muss. Denn nur das überzeugte Ich, kann sich selbst finden. Sie ist aber auch Lebensraum und damit geheimer Ort der Menschwerdung. Und somit auch Handlungs- und Geschehensraum. Der Bibliothekar fungiert dabei als Hüter dieser Welt und seines Gedächtnisses und ist den Besuchern naturgemäß übergeordnet, auch wenn er zunächst weiter von der Wahrheit entfernt zu sein scheint, als die vielen Leser, die ja einem bestimmten Thema, einer besonderen Idee nacheifern, dies annehmen und somit zwischen den einzelnen Werken und Vorstellungen stehend, auslotend, vielleicht eher zum großen Unwissenden und Vermeider wird, der die Dinge gegenüber stellt, letztlich aber auch die Lebensweisheit, das Allumfängliche repräsentiert, weil er das Gelesene konstruktiv in seine Gesamtheit einordnen kann“.

„Der Erzähler, dem ich hier nicht weiter vorgreifen will, denn ich selbst muss mich gleich von ihnen verabschieden, schildert mit tiefer innerer Verbundenheit, wie einzelne Bewohner- oder Besuchergruppen der Bibliothek sich mit ihr auseinandersetzen und in diesem intensiven Austausch zueinander finden oder sich gänzlich entfernen und entfremden. So werden Gruppen, Bündnisse und Sekten gegründet, von denen einige bis zur Vergötterung der Bücher gehen und andere zur Verbrennung derselben aufrufen, weil sie vielleicht außerhalb dieser Welt stehen. Es gibt Wanderer, die die Bibliothek auf der Suche nach einem Buch mit der Antwort auf alle Fragen durchschreiten oder Wissenschaftler, die sich mit der Struktur der Bibliothek und ihrem allgemeinen Sinn befassen und viele mehr, die in dieser Welt des Geistes zu Hause sind. In dieser Erzählung werden manche Menschen in der Bibliothek alt, ohne eine definitive Antwort gefunden zu haben auf das, was sie umtreibt. Vielleicht sind sie der erhofften Antwort nur einen kleinen Schritt näher gekommen oder es haben sich andere, neue Fragen gestellt. Und dennoch: Werden sie für sich, für ihr Leben fündig? Wer weiß …Insbesondere ein junger Mann mit Namen Charly, der Held dieses Buches, taucht in eine neue Welt ein und gewinnt ein neues Leben und wird so Teil des gesamten Weltgedächtnisses, der allgemeinen Lebensweisheit. Und dieser Weg, den er beschreitet, erfolgt in 13 Schritten, die nicht immer logisch aufeinander aufbauen, aber intuitiv gedacht erforderlich sind um das Ganze zu ermessen. Denn die Zahl 13 ist nicht nur Unglückszahl, sondern steht auch für den Wandel und den Umbruch. Transformation, Loslassen, Abschiede, Neubeginn, Wachstum und Weiterentwicklung stehen im Vordergrund gegen die Macht der Mutlosigkeit, des logischen Kontrollzwanges, der Depressionen und Trägheit, die so viele bereits in ihren Bann gezogen hat, bis auch der letzte noch aus Verzweiflung den unvermeidlichen Weg in die Dunkelheit des Nichts wählte. Und diese Dunkelheit ist unumkehrbar. Ist dieser Weg einmal eingeschlagen, ist alles unwiderruflich verloren und es besteht keinerlei Hoffnung mehr, dass sich das Schicksal wendet. Dies alles sind Dinge, die auch bei Charly festzustellen waren. Denn nur so konnte es überhaupt möglich sein aus einem absehbaren Scheitern heraus, in eine neue Welt einzutauchen und sich wie Phönix aus der Asche zu einem neuen Wesen zu erheben“.

„Aber bleiben wir zunächst bei den grundlegenden Kategorien allen Seins. Raum und Zeit. Ein Blick zurück, in die Vergangenheit, in die vielen tausend Jahre der Historie scheint immer möglich zu sein. In die Zukunft schauen ist aber ungleich schwerer. Wer kann schon erahnen, was in hundert Jahren sein wird und wie sich die Dinge entwickeln. Es sei denn, es gibt einen umfassenden Mechanismus, eine Regel, ein tiefes Ritual, das auf ewig zur Anwendung kommt und ein immerwährendes, gleiches Spiel zur Aufführung bringt, dass sich lediglich in Nuancen von anderen Epochen unterscheidet. Aber auch dies ist nicht gewiss. Räume allerdings lassen sich schaffen, erdenken und auch betreten, wenn man sie nur in seinem Kopfe hat und bei Gelegenheit vor sich ausbreiten kann. Dann geben sie einem Zuversicht, dem Geist ihre Struktur, den notwendigen Halt und lassen ihn gewähren, wenn die Umstände förderlich sind. So kann ein Raum, der sich zunächst nur als kleine Nische im eigenen Kopfe präsentiert, ausgeworfen zu einer riesigen Säulenhalle des Geistes werden und den Dingen eine sichere Heimat schenken, die in den Köpfen der Menschen gelegentlich für öffentliche oder auch private Tumulte sorgen, die nach Veränderung schreien. Nun gut. Wir werden sehen. Aber nun zu diesem besonderen Ort und damit zur eigentlichen Geschichte“.

Kapitel 1: Ein verborgener, aber machtvoller Ort

Charly liegt träumend im Bett:

Plätschernder Wasserstrahl fällt in sandig, graumehligen Untergrund, sich schnell und mit Nachdruck vermengend, gebetsmühlenartiges Verrühren und Durchmischen der trägen Masse zu einem festen Brei, der ausgehärtet einmal mehr sein möchte als unbeständiges Einerlei im großen Zuber. Kalkquader, die über feuchtes Felsengestein in die Höhe gestapelt werden, fast zu einem unüberwindbaren Gebirgskamm aufgetürmt, der bald stolz aufragend seiner endgültigen Bestimmung zugeführt werden soll. Aufgezogener, nun gut durchmischter Mörtel, der Steine wie Butter um-schmeichelt – von unten nach oben aufgeschichtet, fast wie beim Bau einer Kathedrale als Zeichen der inneren Verbundenheit und Entschiedenheit in die Ewigkeit und Unwiederbringlichkeit gesetzt. Nur ein kleiner, beherzter Sprung aus der Ecke, gegen die noch feuchte, nicht ausgehärtete Wand … und Rettung wäre möglich, wenn die Menschenmauer sich nicht so dicht als arbeitende Gruppe vor mir aufgebaut hätte, quasi als vorausschauende Abschreckung und Durchkreuzung möglicher Ausfallpläne und mich mit ihren durchbohrenden Blicken auf Distanz und an dieser einen, nur mir alleine zugewiesenen Stelle hält; ganz ohne körperliche Gewalt, aber unbändigem Willen nach dem unvermeidlichen Ende.

Es wird geschehen – Nein! Geschieht gerade jetzt. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Ich habe mich gefunden und bin nun wahrhaftig am Ende angelangt, verloren und mein verbliebenes Zeitfenster schließt sich mit anmaßender Gleichgültigkeit. Ein letzter Atemzug wird ruhelos in die Welt geschickt. Wo auch immer er hingetragen wird, bin ich nicht mehr willkommen.

Angespannt und tief erschrocken hocke ich in meiner feuchten, mit fleischigem, triefenden Moos und grünlichen Wasserlachen bedeckten Felsennische, den Blick geradewegs hoch auf einen letzten, kleinen, fast verstohlen hereinbrechenden Licht-spalt gerichtet, der mir noch geblieben ist und horche der still und zielstrebig vor sich hin arbeitenden Meute dort Draußen zu, die in konzentrierter und sich bald entladener Ruhe ihr eifriges Werk bestellend mit einem letzten, erlösenden Mauerstein meine noch verbliebene Verbindung zur Außenwelt mit tiefer Erleichterung kappt, um mich damit gänzlich mit mir alleine zu lassen, wie ich es insgeheim immer befürchtet, aber auch befürwortet habe. Nur! Keiner wusste von meinen persönlichen Obsessionen und Vorlieben, und so blieb es bei diesem letzten, verzweifelten Versuch meinen Willen mit steinerner Haltung endgültig und mit Nachdruck zu brechen, der sie über so viele Jahre angefeindet hatte, obwohl hier niemals irgendjemand absichtlich wirklich zu Schaden gekommen ist, wenn man die psychische Befindlichkeit einmal außen vor lässt. Aber, kann man das überhaupt? Und wer weiß schon genau, wie das menschliche Seelenleben zu bemessen ist. Wahrscheinlich viel subtiler und weit verzweigter, als ein begrenzter Menschengeist überhaupt denken kann. Schon Rousseau hatte diese schmerzhafte Erfahrung der vermeintlichen Isolation machen müssen und ist letztlich daran zu Grunde gegangen. Zumindest nahm er dies mit rückwärts gerichtetem, zornigem Blick immer an und verstrickte sich so zunehmend in sein pathologisches Selbst- und Weltbild, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Er fühlte sich missverstanden und wollte sich der Welt eigentlich im Guten offenbaren, … und Charly fühlte mit ihm, wenn er sich auch insgeheim mit seiner Situation durchaus anfreunden konnte. Für ihn war sie gelebte Wirklichkeit und fast schon alltäglich, weil für ihn das Soziale nur als Randbemerkung wirklich Gültigkeit hatte. Die breite Masse sollte aus seiner Sicht davon unberührt bleiben. Sie war ausreichend vernetzt und immer dazu in der Lage eine helfende Hand zu finden. Die Randbezirke dagegen sind nahe am Äquator und den trockenen Wüsten, dort wo die brennende Sonne quasi direkt ins offene und bereits blutende Hirn brutzelt. Hier ist Hilfe nötig und eben nicht an diesem dunklen und feuchten Ort des gemeinschaftlichen Verbrechens, der wenigstens noch die Aussicht auf den selbstgewählten Freitod offen hält, zumindest wenn man prozessorientiert dachte und den zurückgelegten Weg als Mittel zum Zweck und eigentliches Ziel betrachtet, wie es bei ihm der Fall war. Nun aber war sein Platz bestimmt. Dort unten zwischen bräunlichem, nasskalten, toten Wurzelwerk, an diesem verlorenem, seinem Ort.

Molloy, eine Figur aus einem Buch, dass Charly einst gelesen hatte, setzt sich derweil auf seinen alten, klapprigen Drahtesel und schärft sich die angefressenen, mit Alkohol getränkten Sinne am vorbeiziehendem Buschwerk, abseits der großen Straßenrouten, die gelegentlich auch einmal ins Gebirge führen können. Dort kann man ihn all-abendlich – gut als abgehalfterter Pflasterkönig und Asphaltcowboy erkennbar – frierend, im hohen Gras- und Buschwerk sitzen sehen. Seine alte Blechtasse im Anschlag und den Brandy immer gut verschlossen in seiner ausgefransten Jackentasche, die schon den Geruch ihrer wertvollen Fracht über Jahre angenommen hatte und selbst für hartnäckige Raucher, wie Charly in seinem früheren Leben einer wahr, schon von weitem zu vernehmen war. Doch sollte der Brandy mal zur Neige gehen, was in aller Regel dreimal täglich der Fall war, verschiebt sich die persönliche Wahrnehmung des alten Heroen gleich tief unter die Grasnarbe, ganz nah an Charlies nun vertrauten Lebensraum heran. Aber befragen wir doch Molloy gleich selber zu seiner Sicht der Dinge. Gerade steigt er von seinem Fahrrad ab und legt sich ins bräunelnde Gras, das nun seinen trägen Körper vor der aufsteigenden Feuchtigkeit schützen soll, was aber keinesfalls gelingen kann, da Molloy ein Mann der modrigen, triefenden und damit horizontalen Anbiederung an das Erdreich ist. Zu nah steht er vor seinem zukünftigen Grab, als das hier noch Hoffnung auf Erkenntnis und persönliche Läuterung wäre.

„Hey, Molloy. Steh auf und grab dich zu mir ins Erdreich runter!“, rief Charly mit aufreizender Selbstverständlichkeit und tiefer, basaler, fast grundständiger Stimme, die keinerlei Zweifel aufkommen lassen konnte, wer hier die Hosen an hat oder besser noch wer mit natürlicher Autorität gesegnet war und seinen, bei Tageslicht betrachtet, heruntergekommenen Vasallen nun zu sich herunter bestellte. Molloy, darauf völlig von Sinnen und zunächst irritiert ob der unangekündigten Ansprache, die er gelegentlich eher von ganz weit oben erwartete, wusste, dass er seinen Augen und Ohren nicht immer verlässlich trauen konnte, da seine Wahrnehmung in der Regel nur an gemeinschaftlich orientierten, anderen Orten zur Ruhe kam, die meist alko- holgeschwängert und mit ausnehmender Lautstärke gesegnet waren. „Wer bist du, dass du mich aus der Tiefe ansprichst, als wärst du der Teufel persönlich? Ein Geist, ein Derwisch oder vielleicht nur eine innere Eingebung? Das ist gut. Wahrscheinlich spreche ich gerade mit mir selbst. Mit wem auch sonst in diesem trostlosen Nirwana“, und drehte sich im gleichen Atemzug wieder auf die Seite, mit nichts mehr rechnend als seinem tiefen Bedürfnis nun seinen Rausch im dahin welkenden Wiesenteppich ausschlafen zu können. „Sieh doch zu mir herunter. Gleich scharf unter der großen Eichenwurzel schau ich zu dir herauf. Sieh genau hin, als würdest du ein Geldstück am Straßenrand suchen, was ja gelegentlich eine deiner Lieblingsbeschäftigungen ist. Jetzt kreuzen sich gerade unsere Blicke. Siehst du mich?“. Molloy nun klarer und in seiner Sichtweise zunehmend auf weitere neuronale Vernetzung fixiert, war nun von einem zu anderen Moment wacher, so als würde der gerade sich ausbreitende Alkohol alle wesentlichen Körperzellen wohltuend fluten, entgegen seiner eigentlichen Bestimmung als Seelenmasseur. „Ja, ich kann schon etwas erkennen. Nicht ganz Mensch und nicht ganz Tier. Vielleicht eine Eingebung aus meinem letzten Traum, der mich so trostlos zurückgelassen hat. Genauso, wie ich damals mein eigenes Kind verleugnete, dessen Mutter ich nie gekannt habe, obwohl ich ihr in einer leidenschaftlichen Minute sehr zugetan war. Aber, das kann auch ein Traum gewesen sein, wie so vieles in meinem Leben, das vielleicht gar nicht stattgefunden hat. Wen würde das auch wundern. Aber sage mir, bin ich ein lebendiges Wesen, das einen äußeren Raum umschreibt und ausfüllt und das eine zeitliche Achse abschreitet und somit auch am menschlichen Machtbegriff, jenseits der traditionell humanistischen Strömungen, so wie ihn Focault versteht, mitarbeitet? Du da unten, den ich nur schemenhaft und äußerst vage erkennen kann. Äußere dich. Zeige mir, das ich da bin und existiere!“ „Ja. Ich kann dich sehen. Auch wenn deine äußere Erscheinung eine einzige Zumutung für einen ästhetischen Schöngeist ist, passt sie dennoch in mein geübtes Bunkerauge im weiten rhizomorphen Geflecht der unteren Steinwüste“. „Du nennst mich eine Zumutung, obwohl ich mich doch gerade auf deinem schützenden, lehmigen Panzer ausstrecken möchte; dir meine Verbundenheit mit allen abgestorbenen Lebensenergien beweise. Was bist du nur? Ein Mensch, ein Tier oder nur eine weitläufige Ahnung, heraus gekrochen aus meinem benebelten, versoffenen Traumschädel, der sich gleich hier vom Acker macht, weil er noch nie Dinge hinterfragt und mit Disziplin ausgehalten hat. Geschlossene und begründbare Systeme, die ich meist im Hintergrund vermute und für ein Grundübel unsrer Zeit halte, sind mir also fremd. Bleib du dort unten im kühlen Erdreich und ich rette dir hier oben die Sonne, falls du weißt, wovon ich spreche“. „Aus systemischer Sicht gehören wir aber zusammen, kommunizieren bereits als zwei Antipoden miteinander, auch wenn du dir dessen nicht bewusst bist. Wir sind aufeinander angewiesen, um unsere Welten positiv gegeneinander abzugrenzen. Wenn du dort oben die Sonne rettest, schärfe ich hier unten deinem langen Schatten die spitzen Falten. Also hör mir zu und jammere nicht herum, wie ein altes Waschweib“. Das hatte gesessen und Charly war sich sicher, dass ihm Molloy nun zur Hilfe kam. Doch keine Reaktion, nur ein leichtes Säuseln, so als hätte der aufkeimende Wind Molloy‘s Körper bereits ins angrenzende Gebirge getragen, dorthin, wo die Ansprache eines vermeintlichen Dämons lediglich als verhallendes Bergecho zu vernehmen war. „Nun gut“, sagte Charly, so als rechnete er noch mit der Anwesenheit von Molloy, „so soll es sein. Werde dir nicht länger auf den Leim gehen. Lediglich dein Brandy könnte mir in schweren Stunden, die ich hier unten am Stück und fast täglich auszuhalten habe, ein guter und treuer Wegbegleiter und Tröster sein“. Charly schien einen wunden Punkt getroffen zu haben, da sich Molloy urplötzlich und mit ausnehmender und aggressiver Energie wieder zu Wort meldete „Werde den Teufel tun und dir mein Lebenselixier, das mir meine bessere Seite täglich liebevoll zu träufelt, zur Verfügung stellen. Eher zweifle ich an unserer Begegnung und werde dich verleugnen, wie schon so viele vor dir. Glaube mir, denn ich bin kein Mensch der in der Liebe wohnt, sondern das Glück nur für einen flüchtigen Moment betrachten möchte, bevor ich in die Unterwelt herabsteige, die du für mich so fein bereitet hast. Ist es nicht so? Also lass mich in Frieden mit meinem Brandwein und ziehe deiner Wege wie ein Maulwurf in einer feuchten Frühlingswiese. Hier oben wird dich die Sonne nur blenden und nicht wärmen, wie es nur der Alkohol vermag. Also, schärf deine diabolischen Krallen und suche dir einen anderen Ausgang. Hier bin ich der Wächter und nicht befugt dich herauf zu bitten. Versuche dein Glück an anderer Stelle, auch wenn du es hier nicht hättest besser treffen können, wenn ich dies, nebenbei bemerkt, mal sagen darf. Denn auch mir werden Wunderdinge zugesprochen, so dass ich fast schon ein transzendentales Wesen bin, wenn du weißt was ich meine. Wärst du mein Freund, dann könntest du ein Lied davon singen. Ich kenne nämlich einen vergessenen, unwirklichen Ort, an dem die Geister auf Wanderschaft gehen“.. Und immer an dieser Stelle, genau hier endet Charlies Traum, den er so oft geträumt hatte, wie auch in der letzten Nacht, bevor es am nächsten Morgen wieder hinaus in die Welt ging.