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Wie »eine schwankende Brücke ohne Geländer« ist das Leben für den jungen Flaneur. Ziellos treibt er durch die Straßen Istanbuls. Er geht in Kinos, trifft sich mit Künstlern und macht sich einen Spaß daraus, die Heuchelei der anderen zu entlarven. Mal provoziert er Passanten, mal Kellner in den Cafés, immer ist er unglücklich und auf der verzweifelten Suche nach der Frau seiner Träume. Eines Tages erblickt er ein Mädchen im blauen Regenmantel; er spürt, dass sie die Gesuchte ist. Sie steigt in einen Bus und fährt davon. Verzweifelt stürzt er ihr nach – er weiß, er hat sein Glück im gleichen Augenblick gefunden und wieder verloren. Yusuf Atilgan erregte mit seinen Schilderungen von Haltlosigkeit und Entfremdung Aufsehen, weil er damit die Werte der jungen Türkischen Republik in Frage stellte.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ziellos treibt der junge Flaneur durch die Straßen Istanbuls. Mal provoziert er Passanten, mal Kellner in den Cafés, immer ist er unglücklich und auf der verzweifelten Suche nach der Frau seiner Träume. Eines Tages erblickt er ein Mädchen im blauen Regenmantel … Doch er hat sein Glück im gleichen Augenblick gefunden und wieder verloren.
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Yusuf Atilgan (1921–1989) studierte in Istanbul Literatur und arbeitete ein Jahr lang als Türkischlehrer. Später war er für verschiedene Verlage als Übersetzer und Lektor tätig.
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Antje Bauer (*1954) war von 1995 bis 1999 verantwortliche Redakteurin der deutschsprachigen Ausgabe von Le Monde diplomatique. Seit den Neunzigerjahren ist sie vor allem für den Hörfunk tätig und berichtet über die Türkei, den Nahen Osten, Zentralasien und Afghanistan.
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Yusuf Atilgan
Der Müßiggänger
Roman
Aus dem Türkischen von Antje BauerMit einem Nachwort von Yüksel Pazarkaya
Türkische Bibliothek
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1959 unter dem Titel Aylak Adam beim Verlag Varlık.
Die Übersetzung folgt der beim Verlag Yapı ve Kredi 2005 erschienenen Ausgabe.
Originaltitel: Aylak Adam (1959)
© by Yusuf Atılgan 1959
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Hale Asaf, Portrait of İsmail Oygar (ca. 1930)
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30808-4
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
DER MÜSSIGGÄNGER
Winter1 – Auf einmal kam mir der Gedanke, dass auch …2 – Hatte ihn dieses griechische Lied geweckt, oder hörte …3 – Sie verlagerte ihr Körpergewicht auf das andere Bein …4 – Mit einem respektvollen Tremolo in der Stimme traktierte …5 – Vier Stühle standen in der Loge. Die junge …6 – Jedes Mal, wenn er den linken Fuß hob …7 – Fünfundzwanzig Tage lang hatte er nachmittags ständig kalte …Frühling1 – Der heutige Tag war zunächst »der erste Tag …2 – Liebe B.3 – An jenem Morgen brachte ihm der Kellner unaufgefordert …4 – Liebe B.5 – Wenn die Uhr an der Wand richtig ging …6 – Liebe B.7 – Es war immer noch derselbe Kellner, aber schon …Sommer1 – Er las die Hausnummer auf dem rostigen Blechschild …2 – Während er sich im Traum noch einmal mit …3 – Wenn ihm vor dem stürmischen Gewitterabend jemand gesagt …4 – 7. August5 – Als die Hintergrundmusik einsetzte, schloss er die Augen …6 – 28. August7 – Er trocknete sich das Gesicht ab und hängte …Herbst1 – An der Haltestelle Sultanahmet steigt ein Mann in …2 – An manchen Tagen hatte er keinen Appetit …3 – Im puderverschmierten Spiegel konnte er einen Mann sehen …4 – Eine Weile lang dachte er über die Ameisen …NachwortWorterklärungenZur Aussprache des TürkischenUmschlagmotivMehr über dieses Buch
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»Du beginnst eine lehrreiche Geschichte, draus wird eine seltsame Mär.«
Bâkî
Auf einmal kam mir der Gedanke, dass auch sie sich in der Menge befinden könnte, die sich über den Bürgersteig wälzte. Mein Unmut verschwand. (Den Unmut hatte der Kellner ausgelöst, so glaubte ich wenigstens. Ich hatte einen Blick auf sein Gesicht geworfen, während er mir den Mantel hinhielt. Er grinste dauernd, und seine Augen schauten, nein, nicht aufdringlich, sondern eher anzüglich. Wenn ich ihm Trinkgeld gäbe, würde er meine Hand kurz festhalten. Also kriegte er keins.) Ich beobachtete die Leute um mich herum. Die Männer waren glatt rasiert und die Frauen frisch geschminkt. Sie wirkten sorglos, selbst der beinamputierte Bettler an der Ecke bei der Moschee und der blau gefrorene, barfüßige Zeitungsjunge. Ich schaute den Passanten ins Gesicht, als ob ich sie kennen, sie erkennen würde, wenn ich sie sah. An diesem Abend bezog ich alles auf mich. Ich ärgerte mich über mich selbst. Sonst ließ ich sie nur recht selten durch diese Straße gehen: alle Schaltjahre mal, damit sie sich einen schönen Film ansehen konnte. Sie saß dann irgendwo vorne, verfolgte den Film, den Kopf auf die Hand gestützt, und dachte an mich genau dann, wenn ich es mir wünschte. Nach dem Film ging sie zu Fuß nach Hause.
Auf einmal interessierte mich die Menge nicht mehr, und die Gereiztheit von eben machte sich wieder breit. Diesmal aber nicht wegen des Kellners. Das wusste ich. Mir war eingefallen, dass ein Stück weiter vorne die schielende Frau vor dem Kino mit diesen tiefen Logen stand und auf Kunden wartete. Beim Gedanken an die Mischung aus Abscheu und Mitleid, die sie wieder in mir auslösen würde, war ich in eine Seitenstraße abgebogen – dieselbe Straße wie an jenem Abend –, und dort hatte mich die Gereiztheit wieder überfallen, diesmal noch verstärkt durch ein Gefühl von erschüttertem Selbstvertrauen. Als mich vor einem Monat nachts zwei Schneider (einer davon mit schwarzem Schnurrbart) verprügelt hatten – Wieso Schneider? Keine Ahnung –, war ich aus demselben Grund in diese Straße eingebogen. Das heißt, vielleicht gab es noch einen weiteren Grund. Ich hatte den Verdacht, dass mein Drang, ihr zu helfen, ohne sie in ihrer Berufsehre zu kränken, nur ein Vorwand war, um mit ihr eine der tiefen Logen des Kinos aufzusuchen. Auf verschlungenen Wegen brachte mich die schielende Frau zu meiner Tante Zehra zurück. Wenn ich auf deren Schoß saß, hatte ich immer ihre Lippen betrachtet, die sich mal bewegten, mal stillhielten und einen nur für mich wahrnehmbaren Duft verströmten. Gelegentlich beugte sie sich über mich, und während ich noch darauf wartete, dass große, unerhörte Dinge geschehen würden, küsste sie mich nur auf die Nasenspitze. Wenn sie ihr Gesicht meinem näherte, fing sie immer an zu schielen.
Die Tracht Prügel vor einem Monat hatte ich nicht verdient. Danach suchte ich fünf Tage lang mit bandagiertem Kinn die Schneidereien von Beyoğlu ab. Als ob ich mich nicht jedes Mal irrte, wenn ich Leuten einen Beruf zuschreibe; als ob sie mich nicht in einer verschlafenen Gasse, an einer Stelle weitab vom Licht der Straßenlaternen, niedergeschlagen hätten. Als ob ich mehr über sie wüsste, als dass einer der beiden einen schwarzen Schnurrbart trug, machte ich mich auf die Suche nach ihnen. Keiner verstand das. Selbst Sadık sagte: »Angenommen, du findest sie, was dann?« »Dann werde ich ihnen klarmachen, dass sie im Unrecht waren. Dass es mich nicht interessierte, was sie mit dem anderen vorhatten, der bei ihnen war – ›Das mache ich nicht mit, ich gehe nach Hause‹, hatte der andere gesagt –, und dass ich aus reiner Neugier stehen geblieben bin. Ich werde diesen beiden Schneidern …« »Wieso Schneider?« »Keine Ahnung. Ich werde diesen beiden Schneidern sagen, dass es Unrecht war, mich zu verprügeln.« »Und dann?« »Alles Weitere hängt von der Situation ab.«
Sadık hatte den Kopf geschüttelt und gelacht. Er verstand nicht, dass ich die beiden suchen musste. Fünf Tage später, als mein Gesicht geheilt war und der Verband abkam, gab ich die Suche auf.
Danach küsste ich dieses griechische Mädchen. Die Straße in der Nähe der Kriegsakademie war menschenleer. Die beiden Mädchen liefen untergehakt und lachten. Als sie an mir vorbeikamen, packte ich die am Arm, die mir am nächsten war, und küsste sie. Ihr Gesicht war kalt. Die beiden begannen zu schreien.
Die, die ich nicht geküsst hatte, rief: »Unverschämter, dreckiger Saufbold!«
Ich warf den Kopf zurück und lachte böse. Die beiden Mädchen liefen weiter. Wie erbärmlich ihr doch seid mit euren eingefahrenen Denkmustern. Alles müsst ihr über einen Kamm scheren. Dabei war ich gar nicht bezecht! Beim Essen hatte ich ein Glas Wein getrunken. Und dann hatte ich sie schließlich nicht geküsst, um ihr meine Alkoholfahne ins Gesicht zu blasen. Ich zündete mir eine Zigarette an und ging weiter.
In der Diele war es warm. Während ich den Mantel auszog, überfiel mich der alte Gedanke und trieb mich, wie so oft, fast wieder auf die Straße: Das Mädchen, das ich geküsst hatte, hatte geschwiegen. War sie es vielleicht? Warum nur war ich ihr nicht gefolgt? Hätte ich die andere weggejagt und mich ihr zugewandt, hätte sie gesagt: »Schweig, ich weiß.« Dies war der Grund, weshalb ich seit einer Woche jeden Abend in dasselbe Restaurant ging. Die Frau an jenem Abend hatte etwas an sich, das nicht dorthin passte. Sie wirkte, als gehöre sie nicht in diesen Saal, zwischen all die Restaurantbesucher. Als sie sich erhob, brachte mir der Kellner gerade mein Reisgericht. Ich stand nicht auf. Ich würde an einem anderen Abend aufstehen. Sie verließ das Lokal, und mich überkam eine ahnungsvolle Trauer: Es würde keinen anderen Abend geben. Sie würde nicht mehr kommen. Auch heute Abend nicht. Vielleicht hatte sie das Gesicht des Kellners eine Woche vor mir wahrgenommen.
Ich setzte mich auf den Diwan und machte das Radio an. Mir war nach Klaviermusik, aber es wurde keine gespielt. Die ganze Welt schien zu sprechen, zu tanzen und in die Oper zu gehen.
Es gab niemanden in diesem Kasten, der für mich Klavier gespielt hätte. Ich war allein. Da schaltete ich das Radio aus und stand auf. An der Wand hing Die Vesper. Im künstlichen Licht wirkte das Dunkelgrau noch dunkler. Erdrückend. Auf dem Tisch stand ein Aschenbecher. Sah unästhetisch aus. Wer hatte den bloß vor die Bücher gestellt? Ich packte ihn und warf ihn in einem Schwung aus dem Fenster. Die Scheibe zersprang. In der gegenüberliegenden Wohnung wurde ein Vorhang zur Seite gezogen; eine Frau schaute reglos auf die Straße. War sie es vielleicht? Der Vorhang ging wieder zu. Geschah alles vielleicht, wenn ich nicht da war, an Orten, an denen ich mich gerade nicht befand?
Hatte ihn dieses griechische Lied geweckt, oder hörte er es erst, seit er wach war? Eleni sang, die Frau des Pastırma-Verkäufers. Eleni, das Dienstmädchen der Nachbarn im Stockwerk darüber, war zwar noch nicht verheiratet, aber für ihn war sie schon jetzt die Frau des Pastırma-Verkäufers. Für dreißig Lira im Monat kam sie an bestimmten Tagen zu ihm herunter und fegte sein Zimmer. In zwei, drei Jahren würde sie heiraten und gemeinsam mit ihrem Mann einen winzigen Meze-Laden eröffnen. Wenn Eleni davon erzählte, bekam sie glänzende Augen. Ihm tat der Mann leid. Der würde dann immer in diesem Laden sitzen und nach Knoblauch stinken. Dem Mann würde das vielleicht gar nicht auffallen. Aber er selbst ekelte sich vor Pastırma.
Er mochte sich vom Bett und von seiner eigenen lauen Wärme gar nicht trennen. Wenn er aufstünde und den Vorhang des einzigen Fensters in diesem Zimmer aufzöge, würde er auf die verputzte Mauer des Nachbarhauses mit ihren vielen kleinen Badezimmerfenstern blicken. Nach all den Jahren kannte er jede Unebenheit in dieser Wand. Auch das Nachbarhaus gehörte ihm oder, genauer, war ihm von seinem Vater vererbt worden. Um den Himmel zu sehen, musste er das Gesicht ans Fenster drücken. An regenlosen Vormittagen verleitete ihn dieser winzige Fleck Himmel häufig zu falschen Vermutungen über das Wetter in der Stadt.
Er drehte den Kopf nach links. In der Mitte der Wand hing, im Halbdunkel nur schwach erkennbar, Kemals Bild Die Nackte. Draußen sang gerade eine Frau, die man leicht nackt ausziehen konnte. Das Lied, dem Rhythmus des Besens angepasst, geriet immer mal wieder ins Stocken. Vielleicht wunderte sich diese Frau, dass er sie nicht einfach ins Bett zerrte. Sie hatte ihm einmal erzählt, dass sich der Anwalt von oben bei jeder Gelegenheit an sie heranmachte. Er aber tat das nicht. Er würde die Frau nicht ausziehen. Schließlich wollte er nicht so sein wie sein Vater.
Das rechte Bein hatte er angewinkelt und kratzte sich am Knie. Als er ein Kind war, hatten die Dienstmädchen im alten Haus oft gewechselt. In manchen Nächten hörte er unterdrückte Schreie, Geflüster und das Knarren von Sprungfedern. Eines Tages hatte er seinen Vater in der Küche gesehen: Total erregt, war er von hinten über die Frau gebeugt und hielt sie an der Hüfte gepackt. Als ihm das Glas aus der Hand gefallen war, hatten sich die beiden plötzlich aufgerichtet. Es war entsetzlich. Sein Vater war auf ihn losgegangen und hatte ihn geohrfeigt. Zehn war er da erst, aber über Männer und Frauen wusste er schon Bescheid. Seit je hatte er sich vor seinem Vater geekelt. Vielleicht war das auch wegen seiner Tante?
Jemand klopfte leise an seine Zimmertür. Er richtete sich im Bett auf und sagte: »Komm rein.«
Eleni blieb in der Tür stehen. »Ich bin fertig. Nur hier muss ich noch Ordnung machen.«
»Das kann heute so bleiben. Es ist noch sauber. Wenn du sonst nichts mehr zu tun hast, kannst du gehen.«
»Ist ja so dunkel hier drin. Soll ich nicht mal die Vorhänge aufziehen?«
Er nickte. Die Frau stand für einen Moment im Licht. ›Was für ein schönes Gesicht sie hat. Wer weiß, wie beschissen meins dagegen aussieht – verschlafen und aufgequollen‹, dachte er.
»Die Fensterscheibe im Zimmer zur Straße ist kaputt. Soll ich heute noch einen Glaser rufen?«
»Ja, gut«, sagte er. »Gib mir mal mein Jackett.« Eleni holte es.
»Was wird die Scheibe wohl kosten?«
»Keine Ahnung. Aber sechs, sieben Lira werden es schon sein.«
Er nahm einen Zehn-Lira-Schein aus der Innentasche und gab ihn ihr. »Den Rest kannst du behalten. Davon kaufst du ein halbes Kilo Wurst für deinen Laden.« Er schaute sie nicht an, während er ihr das Geld gab, aber er sah ihre Hand. Eine lebendige, ausdrucksvolle Hand.
Erst wurde die Zimmertür geschlossen, dann die Wohnungstür. Er schlüpfte in seine Pantoffeln und öffnete das Fenster. Kalt. Er beugte sich hinaus und sah zum Himmel. Bleigrau. Heute würde es regnen. Er zog sich eine Jacke über und ging zur Toilette. ›Sperrgebiet für den schlechten Schriftsteller.‹ Was war das noch mal für ein Buch, das er gestern zur Hand genommen und dann gleich wieder weggelegt hatte? ›Der Mann steht morgens auf, wäscht sich das Gesicht, setzt sich in den Park, isst etwas und geht mit seiner Geliebten spazieren. Irgendwann nachts kommt er nach Hause und legt sich schlafen. Muss der niemals pinkeln? Das ist doch völlig unglaubwürdig. Im Park muss er bestimmt irgendwann dringend, sucht sich einen Baum mit dickem Stamm, guckt überall herum, ob jemand kommt, und pinkelt dann an den Baum.‹ Nach dem Gang zur Toilette rasierte er sich, wusch sich das Gesicht, zog sich an und verließ das Haus.
Von Nişantaşı bis Maçka nahm er die Straßenbahn. Beim Aussteigen glitt er aus. Letzte Nacht hatte es angezogen, nun waren die Pflastersteine vereist und rutschig. Während er den Abhang hinunterging, setzte er vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ein verspäteter Sesamringverkäufer kam an ihm vorbei, das Tablett auf dem Kopf. Er hielt ihn an und kaufte einen Sesamring. Vor einem Haus schüttelte eine Frau einen Kelim aus. Er blieb kurz stehen und ging dann weiter. ›Eine schöne Frau, aber sie schaut verdrossen drein. Wir alle sind so: Entweder gucken wir verdrossen, oder wir grinsen dämlich.‹ Im Gehen aß er den Sesamring. Die wenigen Passanten drehten sich nach ihm um. ›Einem anständig gekleideten Mann ist es verboten, auf der Straße einen Sesamring zu essen. Kann man dieses Verbot nicht genauso umgehen wie alle anderen auch? Doch: Man muss nur den Ring in Stücke brechen und sich in die Tasche stopfen. Dann kann man mit einer Hand kleine Stückchen abreißen und sie sich unbemerkt in den Mund stecken. Aber solange ich gute Zähne habe, bin ich fürs Abbeißen.‹
Die Tür zum Haus des Obsthändlers stand sperrangelweit offen. Er verzehrte das letzte Stückchen Sesamring und steckte sich auf der Treppe eine Zigarette an. Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock gab es nur eine Tür. Er öffnete sie und blieb auf der Schwelle zu einem hellen, großen Raum stehen. Die jungen Leute, die mit einer Palette in der Hand vor ihren Staffeleien standen, wandten sich nach ihm um und riefen: »Oh, wer kommt denn da!« Und dieser Geruch … Auf einmal wurde ihm klar, dass er sich nach diesem Duft gesehnt hatte, seit er ziellos von zu Hause weggegangen war. Dieser Duft nach Ölfarbe und Leinöl …
»Komm rein und mach die Tür zu, wir erfrieren gleich«, sagte Sadık.
Hatte er so lange auf der Schwelle gestanden?
»Guten Tag allerseits«, sagte er, trat ein und zog die Tür hinter sich zu.
»Hallo.«
Außer Sadık waren zwei Mädchen da und acht junge Männer. Sadık hatte nie mehr als zehn Schüler gleichzeitig. Und er unterrichtete nur solche, die er mochte.
»Heute Morgen erst haben wir über dich gesprochen«, sagte Sadık. »Seit mindestens fünf Tagen hast du dich hier nicht blicken lassen. Wir dachten schon, du hättest die Schneider gefunden, die dich verprügelt haben, und verdrischst sie seit Tagen. Oder ein Auto hätte dich überfahren. Das hat am meisten Sami bedauert. Nicht weil du dann tot wärst, sondern weil dann das Porträt nicht fertig würde. Und du wirst es nicht glauben, aber schließlich haben wir uns auf den unwahrscheinlichsten Fall geeinigt: dass du eine Arbeit angenommen hast.«
»In Ordnung. Ausgehend von dieser Wahrheit können wir verallgemeinernd sagen: ›Der Instinkt des Künstlers ist untrüglich.‹«
Sie lachten und redeten alle durcheinander.
»Gelogen.«
»Ach was, das kann nicht sein.«
»Ich verwette meine Pinsel …«
»Er macht sich über uns lustig.«
Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich auf seinen angestammten Platz vor dem Fenster. »Ich mache mich überhaupt nicht lustig. Vor vier Tagen bin ich auf eine Straße mit dem Namen Zwei-Waisenkinder-Straße gestoßen. Und seither habe ich es mir selbst zur Aufgabe gemacht, die Straßennamen dieser Stadt aufzuschreiben und darüber nachzudenken. Hier ist der Beweis.« Er klopfte auf die Jackentasche, in der sich sein Notizbuch befand. »Drei Tage lang habe ich daran gearbeitet, aber seit gestern Mittag ist wieder Schluss. Denn egal, in welche Straße ich einbog, immer hatte ich den Mann mit der Hängeschulter hinter mir. Jetzt bin ich also wieder ein Müßiggänger.« Er blickte auf seine Schuhe. Alles schwieg. »Wahrscheinlich ist der eine oder andere von euch schon mal durch die Zwei-Waisenkinder-Straße gekommen, aber sie ist euch nicht aufgefallen. Die meisten Häuser dort sind zweistöckig und neu, oder jedenfalls sehen sie so aus. Das ist eine von denen, die Charlie Chaplin Easy Street nennt. Bei mir heißt sie ›Einkaufstütenträger-Straße‹. Die Leute, die da wohnen, haben keine anderen Sorgen, als dass die Nachbarn die Achtung vor ihnen verlieren könnten. Aber der Name der Straße irritiert mich. Wer waren diese beiden Waisenkinder bloß? Was haben sie getan, dass diese Straße nach ihnen benannt worden ist? Wie haben sie gelebt? An dem Abend hatte ich nicht getrunken, aber ich lehnte mich trotzdem an einen Strommast. Wenn ihr von Süden her in die Straße einbiegt und meint, ihr müsstet euch an einen Strommast lehnen, dann nehmt den dritten in der Reihe. Wenn ihr genauso groß seid wie ich, seht ihr dann auf Augenhöhe ein ›Ah‹, das jemand mit einem Taschenmesser ins Holz geschnitzt hat. Dieses Wort kann eigentlich nur einem Mädchen mit langen Fingernägeln gelten, das in dem gegenüberliegenden Haus wohnt. Aber ich wollte mich mit dieser Vorstellung nicht abfinden. Möglicherweise hat da einer einfach die Einkaufstütenträger nicht länger ertragen? Trotzdem starrte ich mehr als eine halbe Stunde lang auf die Vorhänge des Hauses, hinter denen Licht brannte. Aber ich sah niemanden. Die letzten drei Tage sind mir noch mehr Straßen aufgefallen. Es gibt eine Löwenlager-Straße, mit vielen Kurven. Ob sich wohl irgendwann einmal ein richtiger Löwe in einer ihrer Biegungen niedergelassen hat, und dann ist die ganze Stadt hingelaufen, um ihn sich anzusehen? Oder erinnert der Name nur an einen Salonlöwen des Stadtviertels? Und die Sıraselviler Caddesi, die Zypressenallee, in der man an keiner Stelle auch nur eine einzige Zypresse sieht? Überall Asphalt, Betonbauten, Autoschlangen, die Herde der Dahineilendenmenschen … Ob es die Leute wohl auch so eilig hatten, als in dieser Straße noch Zypressen standen?« Niemand antwortete. Er kratzte sich am linken Ohrläppchen. »Wie wäre es denn, wenn einer von euch mal die Zwei-Waisenkinder-Straße malen würde? Wer, wenn nicht ihr, könnte uns auf diese Straße, das ›Ah‹ auf dem Strommast und auf die zwei Waisenkinder aufmerksam machen? Aber ihr rührt euch ja nicht weg von hier. Ihr fürchtet euch nicht nur vor Kälte und Hitze, sondern auch vor dem Gespött der Leute. Dabei würden sie sich alle daran gewöhnen, wenn ihr erst mal eine Weile mit eurer Staffelei auf der Straße stündet. Vielleicht würde irgendein Strolch eines Tages einen neugierigen Blick auf das Bild werfen, an dem ihr gerade arbeitet, aber sonst wird euch niemand mehr wahrnehmen. Lasst euch nicht abschrecken.«
»Aber du hast dich doch auch von dem Mann mit der Hängeschulter abschrecken lassen«, sagte Necmi lachend.
»Bei mir ist das was anderes.«
»Bei mir auch.« Das war Fatma.
»Genau, bei jedem ist es anders. Da, wo wir den Fuß hinsetzen, ist für uns der Mittelpunkt der Welt. Alles dreht sich nur um uns.«
Sadık klopfte mit dem Pinsel auf die Tafel. »So, Leute, Schluss mit dem Geschwätz. Und du halt mal die Klappe, jetzt wird wieder gearbeitet!«
Alle kehrten zu ihren Staffeleien zurück. Sami holte seine und stellte sie neben ihm auf. Dann nahm er die Leinwand ab, spannte eine andere auf und sagte: »Ab und zu könntest du auch mal in meine Richtung gucken.«
Er beobachtete das Ehepaar, das im gegenüberliegenden Haus am Fenster saß, und blickte dann zu Sami. »Ja, sicher werde ich zu dir schauen. Wenn du die Augenbrauen runzelst, deinen Mund wie zum Pfeifen spitzt und von der Staffelei hochschaust, werden wir einander ansehen. Ich weiß, du hast blaue Augen.« Als man ihm vor drei Wochen den Kopfverband abgenommen hatte, war Sami auf die Idee gekommen, ihn zu malen. »Wie soll das gehen? Du weißt nie genau, wann ich hier bin. Außerdem kann ich nicht stillsitzen. Ich werde umherschauen und mich ständig bewegen.« »Du kannst dich ruhig bewegen, wir machen ja schließlich kein Foto.« Sadık war einverstanden, und so hatten sie noch am selben Tag angefangen. Bis zur Mittagszeit hielt er sich gewöhnlich hier auf und nachmittags in einem anderen Atelier. Aber seit fünf Tagen war er nun nicht mehr aufgetaucht. Stimmte das, was er eben erzählt hatte? Nein, etwas fehlte: Seit fünf Tagen war Ayşe weg.
Er kratzte sich am Ohrläppchen. Hier lief es immer gleich ab: Alle redeten im Flüsterton, nur ab und zu war ein Husten zu hören. Sadık ging von einer Staffelei zur anderen, gelegentlich legte einer Kohle nach. Wenn Selma mal gedankenverloren eine Melodie summte, machte gleich jemand einen Witz: »Alle mal zuhören, wir haben einen Gast aus der Scala!« Er stand kurz auf und zog seinen Mantel aus. Nur zu gern hätte er sich das Bild schon mal angesehen, aber Sami würde es ihm nicht zeigen, bevor es fertig war. Am zweiten Tag hatte sich Sadık für eine Weile neben der Staffelei aufgebaut, und währenddessen schien sich das Gesicht des Jungen immer mehr zu verfinstern. Deshalb hatte er zu Sadık gesagt: »Lass den Jungen in Ruhe, er soll das so machen, wie er will. Deine Besserwisserei kannst du ein andermal anbringen.« Sadık hatte gelacht. Seither stellte er sich nicht mehr neben sie, aber er wusste, dass Sadık eines Tages zu ihm kommen und sagen würde: »Ich habe mich immer geärgert, wenn du dieses Haus ›Das Haus des Obsthändlers‹ genannt hast, aber du hattest offenbar Recht. Ich habe neulich den Arzt gefragt. Das Haus hat sein Großvater gebaut, und der war Obsthändler auf dem Markt von Beşiktaş.« Er aber würde wieder einmal an Sadıks Freundschaft zweifeln und sich fragen: »Sagt er das nur, weil ich inzwischen ein Bild gekauft habe?«
Er sah auf die Uhr: Es war fast zwölf. Das Ehepaar saß immer noch am Fenster. »Ich weiß, was der Frau durch den Kopf geht, aber es ist mir egal.« Er drehte den Kopf in die andere Richtung, sah zuerst Samis Augen und dann die anderen im Saal. In ein, zwei Jahren würden sie nicht mehr da sein. An ihrer Stelle würden andere vor der Staffelei stehen, und ein anderer Student mit blauen Augen würde ein Bild von ihm malen. Nur er, Sadık und das Ehepaar gegenüber würden übrig bleiben; diese Frau, die immer auf die Straße starrte. Auf einmal überkam ihn das Gefühl, irgendwo entgehe ihm gerade irgendetwas. Achtundzwanzig Jahre war er alt und fühlte sich getrieben. Er stand auf und ging zur Garderobe.
Sami folgte ihm. »Was ist los?«
»Nichts. Ich gehe.«
»Willst du nicht zum Mittagessen zu mir kommen? Meine Mutter …«
»Ich kann nicht. Ich werde erwartet.« Das war gelogen.
Dort würde er mit Sicherheit auf fremde Leute stoßen. »Ich bitte Sie, behalten Sie doch Ihre Schuhe an.« Man würde die Schuhe anbehalten, aber vermuten, dass sie das übel vermerkten. Und dann immer die heuchlerische Frage nach dem Befinden … Er schlüpfte in den Mantel, sagte: »Bis dann!« und eilte die Treppe hinunter.
Als er vors Haus trat, stellte er fest, dass er nichts verpasst hatte. Alles war wie immer: Autolärm und dahinhastende, gleichgültige Menschen mit hochgestelltem Kragen. Er ging zur Straßenbahnhaltestelle Akaretler. Beim Einsteigen stieß er mit dem Schienbein gegen die Stufe. Das tat fürchterlich weh, aber er ignorierte es. Er setzte sich hinter einen Mann mit Stiernacken und dachte an Sami. ›Wenn ich trotz der anbehaltenen Schuhe, trotz des Wenn-Sie-bitte-hier-Platz-nehmen-möchten und der Fragen nach dem Befinden hingegangen wäre, wen hätte ich dort wohl angetroffen?‹
(Wenn er hingegangen wäre, hätte er B. kennen gelernt. Diese Chance war verpasst. Wer hätte je gedacht, dass sich so bald eine weitere Gelegenheit bieten würde? Und doch ergab sie sich. An der Haltestelle Dolmabahçe hielten zwei aus entgegengesetzten Richtungen kommende Straßenbahnen nebeneinander. Hätte er den Kopf nach links gewandt, hätte er sie gesehen. B. schaute in seine Richtung. Aber seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Dreck hinter den Ohren des Mannes vor ihm. Die Form des Schmutzes fesselte ihn. Schließlich fiel ihm dazu eine Zeichnung von Matisse ein. Das beruhigte ihn.)
Er stieg in Karaköy aus und ging essen. Beim Verlassen des Lokals schaute er zum Himmel: bewölkt. Irgendetwas würde bald vom Himmel kommen: Regen oder Schnee. Dabei wollte er doch zu Fuß ins Kino gehen. Er blieb bei seinem Entschluss. Ging die Yüksekkaldırım-Straße hinauf bis zum Tünel und bog dort in eine der Seitenstraßen ein. Kaum hatte er die Buchhandlung an der einen Ecke und den Krämerladen gegenüber passiert, war der Straßenlärm nicht mehr zu hören. Früher einmal hatte ihn der Weg jede Woche drei, vier Mal hierher geführt. Er blieb stehen und sah zum obersten Geschoss eines Gebäudes zu seiner Rechten hoch. Hinter den großen Fenstern waren die Vorhänge zurückgezogen. »Dort ist es!« Dann schämte er sich für das Durcheinander in seinem Kopf. Er kehrte um. Stellte seinen Kragen hoch, versenkte die Hände in den Manteltaschen und mischte sich unter die Menge.
Als er im Kino ankam, war seine Kleidung ein wenig feucht. Erst ging er zum Klo, dann rauchte er eine Zigarette. Der Kinosaal war nicht sehr voll. Er zog seinen Mantel aus und setzte sich in die Mitte des Saals. Die meisten Kinobesucher waren Frauen. Dann noch ein paar Gelegenheitsfaulenzer und Schulschwänzer. ›Warum sollten eigentlich unter all diesen Leuten nicht auch ein paar liebenswerte sein? Oder ist das nur der Optimismus des vollen Bauchs?‹ Kurz vor Beginn der Vorführung füllten sich die leeren Plätze.
Eine Frau steuerte den Sitz neben ihm an. Ihr Gesicht schien allein aus einem kirschroten Mund und einer klassisch-römischen Nase zu bestehen. Das Tiefrot bewegte sich: »Entschuldigen Sie, ist dieser Platz besetzt?«
Er nahm seinen Mantel vom Sessel und legte ihn sich auf den Schoß. Die Frau setzte sich. Auf ihrer Handtasche lagen lange Finger mit langen Nägeln. Als kurz danach die Lichter ausgingen, rückte die Frau zur anderen Seite ihres Sitzes. Diese schnelle Flucht kränkte ihn so, als ob er diese Person neben ihm tatsächlich irgendwo berührt hätte. Eine heiße Wut stieg in ihm hoch. ›Verdammt! Und wenn ich ihr eine klebe?‹ Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen. Gekränktheit und Groll mischten sich in seine Wut. Waren das die Leute, die er für liebenswert gehalten hatte? Auf der Kinoleinwand wurden Auslandsnachrichten gezeigt. Wenn er weiter neben diesem Weib saß, würde er von dem Film nichts mitbekommen. Er stand auf. Während er die Sitzreihe verließ, trat er jemandem auf den Fuß. Der Mann muckte nicht auf. Hätte er auch nur »He!« gesagt, wäre er auf ihn losgegangen. Er setzte sich weiter vorne auf einen leeren Platz. Die Leute hinter ihm im Halbdunkel raschelten, und er drehte sich mit tadelndem Blick zu ihnen um. Aber niemand beachtete ihn.
Als er zwei Stunden später inmitten der anderen Kinobesucher auf die schmale Gasse hinter dem Lichtspielhaus trat, schien er wie ausgewechselt. ›Der Mensch, der aus dem Kino kommt: ein kurzlebiges Wesen, das in den vergangenen Jahrhunderten noch nicht existierte. Der Film hat etwas mit ihm gemacht. Er denkt nicht mehr nur an seinen eigenen Vorteil und ist mit der Welt versöhnt. Große Taten werden von ihm erwartet. Aber es dauert nur fünf bis zehn Minuten, dann ist dieser neue Mensch wieder tot. Die Straßen sind voller Leute, die nicht aus dem Kino kommen. Mit ihren verdrossenen Gesichtern, ihrer Gleichgültigkeit und ihrer Heimtücke nehmen sie ihn in die Zange und vernichten ihn.‹
Die Uhr zeigte fünf vor halb fünf. ›Ich könnte nach Hause gehen und etwas lesen.‹ Er ging zur Haltestelle. ›Ich weiß, wie man die Menschen retten könnte. Man müsste riesige Kinos bauen und dann die ganze Menschheit dort hineinstecken und ihnen einen guten Film zeigen. Und danach müssten sie alle zusammen wieder auf die Straße.‹ Er lachte über seine eigenen Ideen. Die Leute an der Haltestelle drehten sich nach ihm um. Eine Frau hob die Augenbrauen. Es gibt niemanden, der nicht wüsste, dass man auf der Straße nicht laut vor sich hin lachen darf. ›Was für ein blödes Pack. Wenn ich lachen will, lache ich, was gehts euch an!‹ Dort hielt es ihn nun nicht mehr, er lief los. Er würde nicht nach Hause gehen. Sie hatten »den Mann, der aus dem Kino kommt«, in ihm getötet. Überlebt hatte nur ein genervtes und ärgerliches Etwas. Musste man sich immer brav und anständig benehmen? Wer behauptete denn das? Sollten die anderen doch glauben, dass er auf dem Weg nach Hause sei, er würde stattdessen in die Kneipe gehen. An einer Stelle ohne Zebrastreifen überquerte er die Straße. Die dahingleitenden Autos verlangsamten ihr Tempo. Ein Fahrer schimpfte. Er hörte es nicht.
Als er das Wirtshaus betrat, schalteten sie gerade das Licht an. Er war der erste Gast. Eine kleine Kneipe: Vor dem sauberen Tresen aus Zink standen dreifüßige Barhocker, hinten gab es nur einen Tisch. Er setzte sich neben der Wand vor den Tresen. Auf den Regalen vor ihm standen Flaschen in allen Größen. Der Kellner kam herbei und rieb aus Gewohnheit die ohnehin schon trockene Zinkfläche ab.
»Was darf ich Ihnen bringen?«
»Kavaklıdere, aber keinen lauwarmen.«
»Irgendwelche Vorspeisen?«
»Von allem, was Sie haben. Und gefüllte Muscheln.«
Der Keller ging zu einer Durchreiche und rief etwas hinein. ›Sieht aus wie ein Schalter im Fußballstadion, diese Durchreiche. Wer steht wohl dahinter? Eine Frau? Ein schmutziger Junge mit einer Küchenschürze in der Hand? Und was tun die den ganzen Abend lang? Was bin ich aber neugierig!‹
Das erste Glas trank er gleich aus; er war durstig. Nun wurde ihm warm. Er zog seinen Mantel aus. Zündete sich eine Zigarette an. Jetzt hätte er sich in Ruhe umschauen können; aber er interessierte sich nur für den Wirt, der gerade zwei neuen Gästen Wein einschenkte. Besonders alt war er nicht. Seine Nase sah aus, als habe jemand sie platt geschlagen. Bald würde es voll werden hier. Die einen würden nach einer Weile ausfällig werden, die anderen lallend ihr Herz ausschütten. Unerträglich! Der Mann tat ihm leid. Was gab es doch für langweilige Berufe!
»Hallo«, sagte jemand hinter ihm. Er drehte sich um: Es war der Schauspieler.
»Hallo. Setz dich her.«
Er mochte den Schauspieler nicht besonders; der redete immer so viel. Aber an diesem Abend war es in Ordnung, sollte er ruhig reden. Der Schauspieler hatte sich neben ihn gesetzt, er bestellte noch eine Flasche.
»Gibt es heute Abend keine Aufführung?«
»Doch, schon, aber ich habe heute frei.«
Der Schauspieler zog eine Zigarette heraus, neigte den Kopf und zündete sie an seiner an.
»Auf dem Weg hierher habe ich deine Malerin gesehen«, sagte er.
»Vergiss es.«
»Was ist los?«
»Wir haben uns getrennt.«
»Wieso?«
»Lassen wir das Thema. Ich habe sie mit einem anderen auf der Straße gesehen. Sie ist knallrot angelaufen. Dabei hätte sie es mir ins Gesicht sagen können, dass sie jemand anderen hat, ich hätte mich sogar gefreut.«
»Erzähl doch keinen Unsinn.«
Er wurde wütend, weil der Schauspieler ihm nicht glaubte. Der hob sein Glas und sagte: »Nach der Dürre die Flut.«
Sie tranken.
Das Lokal hatte sich gefüllt, mittlerweile gab es keinen freien Platz mehr. Die Luft war verraucht. Alle schrien durcheinander. Sein Blick wanderte zu der Durchreiche. Der Kellner stand gebückt davor und rief etwas hinein.
»Hinter dieser Durchreiche …«
Der Schauspieler unterbrach ihn. »Lass mal die Durchreiche, hör mir lieber zu. Ich bin abgebrannt.«
»Mach dir nichts draus.«
›Warum hatte er das nicht gleich gesagt, als sie noch bei klarem Verstand waren? Wir sind doch alle unvollkommen und suchen im Alkohol Trost.‹ Sie aßen die Garnelen mit den Händen.
»Du arbeitest nicht. Woher hast du denn das ganze Geld?«
»Ich stehle es.«
Der Kellner stellte volle Flaschen hin und trug die leeren weg. Ihm fiel wieder ein, was ihn beim Verlassen des Kinos beschäftigt hatte. »Heute habe ich herausgefunden, wie man die Menschheit retten kann.«
Jemand hatte das Radio angedreht, eine schrille Frauenstimme sang: »… gibt es nicht, sag, wo ist die Hoffnung?«
Sie lachten schallend. Die anderen Trinker drehten sich nach ihnen um, aber sie lachten weiter.
»Hör mal, wenn dieses Gedudel zu Ende ist, dann stell doch für uns einen Sender mit Klaviermusik ein«, sagte er zum Kellner.
»Einen Moment Geduld.«
»Das ist ein Gauner, der will mit seiner Musik die anderen einlullen.«
»Wo war nochmal die Hoffnung?«, fragte der Schauspieler.
»Welche? Die Hoffnung dieser Frau? Die hofft auf einen Geldsack als Mann.«
Das Lachen fiel ihnen inzwischen sehr leicht. Dann setzte Klaviermusik ein. Auf einmal fühlte er sich in Ayşes Atelier zurückversetzt. Wie hatte sie dieses Stück doch gleich genannt? Die Appassionata. Zuerst hatte sie die Tür verriegelt, dann die Platten in dem Plattenspieler aufeinander gesteckt, und mit dem ersten Ton lag sie bei ihm auf dem Diwan und nahm seinen Kopf in ihren Schoß. Dabei hatte er sich jedes Mal geärgert, weil sie die Tür verriegelt hatte. An den Wänden hingen die grauen und blassblauen Bilder. Juligelb, das dunkle Grün des Monats Mai … Ayşe malte keine Menschen. »Jedes menschliche Gefühl ist eine Farbe«, sagte sie immer. In ihren Augen ein regloses, schwarzes Verlangen … Während sie in seinen Haaren wühlte, hielt er ihre Hand fest und küsste sie. Dann dachte er darüber nach, welche Farbe die Appassionata in seinem Kopf erzeugte. Ein rötlich getupftes, endloses Grau …
»Mach das Gedudel aus!«, schrie einer. Er fuhr hoch. Niemand beachtete ihn. Jetzt hörte er auch wieder die Stimme des Schauspielers. »Ich sage: ›Wenn keiner der Dachziegel Risse hat, regnet es nicht durch‹, und dann muss ich sie küssen. Dann beiße ich sie in die Lippen. Nach der Vorstellung bedroht sie mich: ›Du Widerling, wenn du das nochmal machst, sag ich es dem Regisseur.‹ Aber dann küsse ich sie erst recht, die Nutte. Sie steht immer mitten auf der Bühne. Ich drehe den Zuschauern den Rücken zu, gehe mit erhobenen Armen auf sie zu und sage: ›Wenn keiner der Dachziegel Risse hat, regnet es nicht durch.‹ Was für ein beschissener Satz, findest du nicht? Sie weiß, was danach passiert. Ihre Lippen zittern dann schon. Und was für Lippen, dick und fleischig und noch dazu geschminkt.«
»Und wenn sie es den Zuschauern sagt?«
Der Schauspieler lachte. »Das tut sie nicht. Sie ist Vollprofi, die sagt es noch nicht mal dem Regisseur.«
»Hamlet, du bist ein Schurke, weiter nichts.«
»Vergiss es, Othello«, sagte der Schauspieler.
»Nenn mich nicht Othello.«
»Bist du es denn nicht?«
»Lass diesen dummen Neger in Ruhe.«
Er rief den Kellner hinter dem Tresen: »He, mach mal die Gläser voll. Wie heißt du eigentlich?«
»Mecit«, antwortete der Mann.
»Hamlet, hast du gehört, wie er heißt?«
»Nenn mich nicht Hamlet!«
»Okay, okay, Hamlet.«
Der Schauspieler riss die Arme hoch und rief: »Ich werde dein Inneres von allen Fesseln befreien!«
Alle Betrunkenen drehten sich nach ihnen um. Sie hatten nicht mitbekommen, dass der Schauspieler eine Rolle spielte; ihre Augen glänzten voller Vorfreude auf einen Streit.
»Aus welchem beschissenen Stück ist dieser Satz?«
»Weiß ich nicht mehr«, sagte der Schauspieler. »Mecit heißt er, hast du gesagt?«
Sie lachten lauthals. Die anderen hatten sich verdrießlich wieder von ihnen abgewandt. Der Name des Wirts gefiel ihnen, sonst würden sie nicht so viel trinken.
»Mecit, Bruder, mach die Gläser voll«, sagten sie immer wieder.
Das Klavier war schon lange verstummt, die meisten Trinker waren gegangen. Der Schauspieler erzählte dieselbe Geschichte noch einmal.
»Heute Abend wird sie nicht von dir, sondern von einem anderen geküsst.«
»Sei still!«, sagte der Schauspieler. »Ich bin derart scharf auf diese Hure!«
Er hob das Glas: »Auf alle Huren dieser Welt!«
Noch bevor er das Glas zum Mund führen konnte, rutschte es ihm aus der Hand; er wurde bleich und fiel vom Stuhl.
Sie brachten den Schauspieler in sein Zimmer in Parmakkapı. Ohne den Taxifahrer hätte er ihn gar nicht tragen können: Wie ein nasser Sack hing der Schauspieler zwischen ihnen. Nur einen Augenblick später – so kam es ihm vor – hielt das Taxi schon vor seinem eigenen Haus. Er zahlte das Fahrgeld. ›Ich muss dem Fahrer mehr Geld geben, als er erhofft. Ich möchte kein Wort von ihm hören.‹ Auf der Treppe wurde ihm schwindlig; er musste sich festhalten. Die Tür zur Straße stand Tag und Nacht offen. Irgendwie passte der Schlüssel nicht ins Schloss seiner Wohnungstür. Gehörte der Bart nun nach oben oder nach unten? Fluchend öffnete er schließlich die Tür. Ging zur Toilette. Der Fußboden schwankte unter seinen Füßen. ›Ich sollte mir mal das Gesicht waschen.‹ Er reckte sich zum Wasserhahn vor, verfehlte ihn aber und fiel der Länge nach neben die offene Toilettentür.
