Der nackte Prinz in der Johanniskirche - Rainer Pleß - E-Book

Der nackte Prinz in der Johanniskirche E-Book

Rainer Pleß

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Beschreibung

Welchen Sachsen kennen Sie – außer August den Starken? Welche sächsische Stadt kennen Sie – außer Dresden und Leipzig? Das reicht Ihnen? Die Sprache die Sie heute sprechen kommt aus Sachsen. Jawohl: auch Sie Hamburger sprechen Sächsisch! Und was hat ein Prinz in unserer Kirche damit zu tun? Er war nicht freiwillig in diesem Kirchlein. Er war hier auf Befehl des preußischen Generals Ziethen. Er hat sich auch nicht selbst entkleidet. Dann wurde er auch noch verwechselt. Bevor er endlich nach Hause durfte wurde er vier Mal eingegraben, ausgegraben, besichtigt. Ein Prinz aus Hessen-Homburg, der als preußischer Offizier diente, der auf persönlichen Befehl und im Beisein eines Franzosen, genannt Napoleon, als Prinz von Mecklenburg-Strelitz begraben wurde … in Pegau bei Leipzig. Eine kleine Stadt, von der Sie noch nie gehört haben? Traurig für Sie! Gegründet 1096 von einem Mecklenburger Ritter der eine Kirche abbrannte und als Sühne ein Kloster errichtete. Eine Stadt, in der bereits im 17. Jhd. Staatsbeamte im Homeoffice arbeiteten, in der bereits im 16. Jhd. das Komasaufen per Ratsbeschluss geregelt war, in der das Überraschungsei erfunden wurde, die Wiege der sächsischen Tabakwarenindustriestand, die ihren Weihnachtsschmuck in den USA patentieren ließ und viele andere Merkwürdigkeiten mehr. Ein Buch, das, gestützt auf historische Unterlagen, Geschichte so erzählt, dass Sie glauben, dabei gewesen zu sein. In Pegau. In Sachsen. In Deutschland.

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Rainer Pleß

DER NACKTE PRINZ IN DERJOHANNISKIRCHE

Geschichte und Geschichten aus Pegau und Sachsen für den Rest der Welt

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2022

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2022) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Vorbemerkung

Prolog

Anno Domini Nostri Jesu Christi 1073

Annus horribilis 1644

tractu temporis

Anno Libertatis Patriae (?) 1813

Anno Iustitiae 1824

Anno 1850

Anno Tobak 1850 bis 1890

Anno Dunnemals um 1900

Anno Dazumal um 1902

Anno Currentis 2014

Danksagung

Quellenangabe

VORBEERKUNG

Die in diesem Büchlein enthaltenen Geschehnisse sind zeitgenössischen Veröffentlichungen, Urkunden, Protokollen, Briefen und anderen Berichten entnommen, mithin historische Fakten. Die hierin benannten Personen und Persönlichkeiten sind entweder Gestalten des öffentlichen Lebens gewesen und mithin bekannt, oder ebenfalls in alten Akten und Unterlagen genannt und somit verbrieft. Deren Verbindungen zu unserer Stadt sind in den historischen Quellen ausreichend belegt, dargelegt und in diese Veröffentlichung eingeflossen.

In einigen Fällen habe ich mir aus subjektiven Erwägungen heraus erlaubt, Charakteristika dieser Personen umzudeuten oder heutigen Maßstäben anzupassen und Handlungen im Nachhinein neu zu beurteilen oder nach meinem Gusto mit heutigen Geschehnissen, Gewohnheiten oder Verhaltensmustern ins Benehmen zu setzen. Auch dies ist natürlich subjektiv.

Als ich alle Fakten und Daten für mein geplantes Unternehmen beieinanderhatte, ergab sich als Bild des gemeinen (gewöhnlichen) Pegauers das eines biederen Ackerbauer-Bürgersmanns (Bürgersfrau) mit durchaus sehr konservativer Prägung, bodenständiger Dickköpfigkeit und einem Hang zu meist unbegründetem Gemecker. Also das eines typischen Deutschen noch heute aktueller Prägung.

Was nach meiner Ansicht leider fehlte und den Aktenlagen nicht entnommen werden konnte, ist seine durchaus in ursächsischer Art vorhandene Liebenswürdigkeit und standhafte Treue (eben sein mitunter schon unbewegliches Beharrungsvermögen, in Preußen als Sturheit bekannt).

Aus diesem Grund habe ich mich hinreißen lassen, den Tatsachen und Fakten zwei Personen anzufügen. Ich muss bekennen, dass sowohl der Heinrich Wagenbrecher als auch die Lotti Härter nie existiert haben. Sie hätten aber in ihrer Zeit durchaus Bürger dieser Stadt gewesen sein können. Die Fakten, über die sie diskutierten und die Begebnisse, die ihnen widerfuhren aber beruhen auf Tatsachen und entsprechen tatsächlicher Historie, ja sind zum Teil wörtlich zitiert. Fügen Sie einfach die Charaktere dieser beiden der geschildeten Charakteristik der Pegauer hinzu, nämlich Liebe, Treue, Fleiß und Lebensfreude, so haben Sie das Bild des gemeinen Pegauers, wie er mir begegnet ist und immer wieder begegnet.

Ich hoffe, er wird der Menschheit noch weitere Äonen so erhalten bleiben.

PROLOG

eh, Sie!“

„Wer, ich?“

„Ja, Sie!“

„Na, und?“

„Was, und?“

„Na, was wollen Sie?“

„Das geht doch Sie nichts an!“

„Warum rufen Sie mich dann?“

„Ach so – sind Sie von hier?“

„Von hier? Aus Pegau?“

„Ja.“

„Was geht Sie das an?“

„Na, also, ich dachte … ich wollte fragen …“

„Aber damit Sie endlich Ruhe geben: Ja, in meinem Ausweis steht: ich bin ein Pegauer!“

„Pegauer, ja was denn: Zugezogener, Einwohner oder Bürger?“

„Gibt’s da Unterschiede?“

„Na, aber! Guter Mann, ein Zugezogener lebt erst in der ersten Generation hier, ein Einwohner wohnt hier ab der zweiten Generation, besitzt kein Wohneigentum und arbeitet zumeist außerhalb und ein Bürger hat hier Immobilienbesitz, ein Gewerbe, zahlt also hier seine Steuern, hat das Bürgerrecht beantragt, das Bürgergeld bezahlt, wurde vom Rat geprüft, für gut befunden und feierlich mit Urkunde als Bürger bestätigt. So war das jedenfalls, als die Welt noch in Ordnung war.“

„Und heute? Wie isses nu’, wo die Welt wieder eine Scheibe ist?“

„Tja, da isses ‘n bissel problematisch. Aber Pegauer sollte nur der sein, der auch weiß, wo er hier lebt!“

„Und wie meinen Sie das? Geografisch?“

„Nee, auch historisch! Und mit Gewohnheiten und Bräuchen der Stadt sollte er sich schon auskennen.“

„Na, ich weiß wo hier das Rathaus steht, wo die Kirche ihren Eingang hat, wo Lidl, Norma, Netto, KIK der Baumarkt, die KFZ-Werkstätten, die Tanke ist, wo REWE war. Was denn noch?“

„Tja, wo ist denn z. B. das Heiligtum? Oder die Pöbelgasse? Oder die Totenbrücke? Ganz zu schweigen vom Nürnberger Platz, der Puddingschule, dem Schwanenteich, der Börsenhalle, dem Galgen, dem Bimmelberg? Wo stand denn das Krankenhaus der Stadt? Und wo das Armenhaus, das Spital und die Brauerei? Und wussten Sie, dass Sie hier in der Stadt leben, wo das Überraschungsei erfunden wurde? Wo bereits im 16. Jahrhundert das Komasaufen durch Ratsbeschluss geregelt war? Wo um 1900 ein schrecklicher Bierkrieg getobt hat? Wo man im 18. Jahrhundert im Rathaus Wahrheit erarbeitet hat und deshalb der Bürgermeister in die Wüste geschickt wurde? Dass hier die Wiege der sächsischen Tabakindustrie stand? Dass hier schon im 17. Jahrhundert Staatsbeamte im Homeoffice gearbeitet haben? Dass unser Christbaumschmuck in den USA patentiert wurde? Und wissen Sie überhaupt, dass Pegau und Groitzsch sich schon seit Jahrhunderten nicht grün sind? Dass sich vor noch gar nicht so langer Zeit die Pegauer und die Groitzscher Jugend gezielt verkloppt haben? Ja, genau so wie in dem Film „Krieg der Knöpfe“?

Wussten ‘Se nich’?

Aber Pegauer sein wollen. Na!“

„Aber das erzählt einem doch auch niemand. Wo soll ich denn das her wissen?“

„Da lesen Se mal das Buch „Kleinstadt für Anfänger – Pegauer Miniaturen“ und studieren Se das, was hier noch kommt, da wissen Se dann ganz schwach Bescheid, mein Lieber. Also, Tschüsselchen! Bis bald. Und vielleicht werden Se’s noch. N’ Pegauer.“

Anno Domini Nostri Jesu Christi 1073 ff

(Im Jahre unseres Herrn Jesus Christus 1073 folgende)

Wie Alles begann

immel, Arm und Wolkenbruch, Johannes, wo, verdammt noch mal, sind wir hier?“

„Wiprecht, …!“ tönte es sanft aber bestimmt mahnend von dem braunen Zelter, der hinter dem jungen Ritter hertrottete.

„Ja, Pater, ich weiß …!“ Der Stimme des jungen Mannes hörte man an, dass er genervt die Augen verdrehte. Doch der

Pater fuhr ungeachtet der rüden Unterbrechung durch seinen Herrn fort: „…, Du sollst nicht fluchen!“

„Jaaa! Um des Himmels Erbarmen Pater, hat sich dieser uckermärkische Johannes wieder verlaufen? Ich bin nachgerade davon überzeugt, dass dieser Hundsfott den Weg tatsächlich nicht kennt. Der hat sich nur als unser Führer angeboten um vom Hofe des Markgrafen weg zu kommen, STIMMT DAS, JOHANNES?“

„Nein, Herr“ kam leise die verzagte Antwort, „aber hier in diesem vermaledeiten Land sieht man nicht nur den Wald vor lauter Bäumen nicht, man sieht nichts außer Bäumen. Nichts von der Landschaft, nichts von Dörfern, von Burgen, und schon gar keine Menschen, die man mal fragen könnte. Aber … da hinten … soll ich mal dort hinten bei den Schweinen fragen… da ist doch sicher auch ein Schweinehirt?“

„Lass sein, ich mach das selbst“, befahl der Reiter mit dem blauen Mantel und trieb sein Pferd in Richtung der Schweineherde, die er nun auch bemerkt hatte.

„Heh! Du hässlicher Zwerg, komm mal her!“ befahl er dem schweinhütenden Kind. Der Junge trottete ängstlich und zögernd heran. „Wo, zum Teufel, sind wir hier?“

Das Kind sah verstört zu Boden und rührte sich nicht, steckte nur seinen schmutzverkrusteten Finger in die Nase und schniefte verzweifelt „Na, du wirst doch wohl wissen, wie das Dorf heißt, in dem du wohnst“, donnerte der Ritter ungeduldig.

Der zitternde kleine Mann ließ ein Geräusch vernehmen, das klang etwa wie „Nu, dasisdochhiergreetsch.“

„Was?“ Der Ritter sah verzweifelt auf den Jungen, dann auf seinen geistlichen Begleiter. „Pater, was ist denn das für eine Sprache?“

„Nun, mein Sohn, eine solche Sprache habe ich auch noch nie vernommen. Hoffen wir nur, dass es eine christliche sei! Aber der unseren gleicht sie nicht. Auch Latein oder Griechisch ist das nicht, Herr. Und hebräisch scheint mir auch anders … Die Wenden und Vandalen sollen doch hier in der Nähe … oder vielleicht sprechen die Welschen so?“, antwortete achselzuckend der ebenfalls verblüffte gelehrte Mann.

Johannes aber war von seinem Pferd gesprungen und hockte neben dem zitternden, vor Schmutz starrenden Knaben: „Also, mein Junge, sag uns doch noch einmal, wo wir hier sind.“

„Na, ingreetsch“ stieß der Junge weinerlich hervor.

Johannes richtete sich auf und übersetzte triumphierend: „Herr, wir sind da! Wir sind in Groitzsch, Herr Wiprecht.“

Erstaunt riss der die Augen auf: „Na – ingreetsch heißt, wir sind in Groitzsch?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf.

Johannes saß wieder auf und murmelte grinsend vor sich hin: „Der Herr von Greetsch. Herr Wiprecht von Greetsch! Hihi!“ Der Schlag traf ihn so heftig und unerwartet, dass er sich bis auf die Mähne seiner Stute verneigte. Dabei wurde er von seinem Herrn mit lauter Stimme verbessert: „Groitzsch, Johannes, oi! Eu!! Du Komiker!“

Alle 32 Reisigen, die Herrn Wiprecht begleiteten, grinsten. Die einen aus Schadenfreude, die anderen belustigt und wieder andere nur froh über die Abwechslung zwischen all dem vermaledeiten Grün, das sie nun schon seit einigen Tagen ständig umfing und zu verschlingen drohte.

Nur der alte Pater schüttelte missbilligend den Kopf. Ein Zornesausbruch mehr, der bei der nächsten Beichte seines ehemaligen Schülers und nunmehrigen Herrn nicht fehlen sollte.

Die gewappneten Reiter des Gefolges waren zumeist Söhne der Gefolgsleute von Wiprechts Vater, des Ersten dieses Namens, der bereits vor 13 Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Junge Männer, die hofften in der Fremde ihr Glück im Gefolge des Neuen Herrn auf Groitzsch zu machen. Zweitgeborene ohne Erbansprüche, die die Mannschaft der Burgwarte Groitzsch verstärken sollten mit ihren, so sie die sich leisten konnten, Knechten, Knappen und Bediensteten. Dazu kamen noch die Packpferde und Maultiere mit den Waffen und anderen Habseligkeiten der Herren, ein Koch mit seiner Gemahlin, der Küchenhilfe und drei, vier weiteren Bediensteten. Ein stattlicher Zug, der da aus der Nordmark ins Osterland gezogen kam.

Man folgte weiterhin der unbefestigten Straße, die eigentlich nur ein breiterer Trampelpfad zu sein schien. Allmählich wurde der Wald jedoch lichter, der Weg breiter. Herr Wiprecht zügelte sein Ross und hielt abrupt am Waldesrand inne. Vor ihm querte der Weg einen kleinen Fluss in einer Furt, der sich dann am Fuße der einzigen Erhebung weit und breit weiter durch die Landschaft schlängelte.

ohannes zeigte wortlos nach oben. Aller Augen folgten dem Fingerzeig. Und nun sahen sie es. Auf dem Hügel thronte eine Burg, kleiner als erwartet, aber immerhin. Herr Wiprecht seufzte, gab seinem Pferd die Sporen und bald darauf durchquerte der Zug die Vorburg. Vor dem Tor zur Hauptburg eilte ihnen ein schon ergrauter Mann entgegen. Sein wildledernes Wams und die Kappe aus gleichem Material wiesen ihn als einen Mann von Stand aus.

Er blieb unmittelbar vor dem Ross des neuen Burgherrn stehen, verbeugte sich steif und sprach mit erkennbar mürrischer Miene: „Seid willkommen auf Burg Groitzsch im Osterlande, Herr Wiprecht vom Balsamerland, denn der seid Ihr ja wohl? Ein Bote des Markgrafen Lothar Udo der Nordmark hat Euch bereits vor Tagen angekündigt. Ich bin Herr Rudolf, der bisherige Vogt des Markgrafen.“

Wiprecht sprang mit der Behändigkeit der Jugend vom Pferd. Er legte seine Rechte auf die Schulter des Mannes: „Sei auch du mir gegrüßt, Rudolf! Herr Udo sprach immer nur mit Achtung von dir, der du die Burgwarte in schwierigem Land unter zum Teil misslichen Bedingungen mit Ehren und Erfolg verwaltet hast. Doch was soll das Gerede? Zeig mir zunächst die Burg, weise den Meinen ihre Plätze zu und lass uns dann bei einem kleinen Mahl und Trunk zur notwendigen Stärkung nach langer Reise weiterreden.“

Damit schritt Herr Wiprecht, gefolgt von dem Burgvogt, durch das Tor zur Hauptburg und Rudolf zeigte Wiprecht dessen neues Heim.

Als sie später im Saal an einem der langen Tische Platz genommen hatten, Herr Wiprecht sich an frischem Brot und einem Stück gebratenen Rindes gütlich tat und dazu einen Krug frischen Bieres leerte, sprach er zu Rudolf: „Wie schon bemerkt, der Markgraf hat dich weidlich gelobt und gepriesen. Du kennst dich hier aus, Landschaft und Leute sind dir wohl vertraut, auf deine Kenntnisse muss ich mich verlassen, bis ich mir selbst ein Bild gemacht habe über Wohl und Wehe meines neuen Landes. Wohlan also, mein Freund, sag, bist du bereit, auch mir den Treueid zu leisten wie einst dem Markgrafen Lothar Udo von Stade? Willst du mein Verweser der Burg und mein Berater in den weltlichen Dingen der Herrschaft hier im Elstertale sein?“

Die Miene Rudolfs verlor eine Reihe von Sorgenfalten und ohne groß nachdenken zu müssen, bejahte er die Frage. Er wollte sofort sein Knie beugen vor Wiprecht, dem neuen Herrn, aber der sprach: „Warte, Herr Rudolf, den Treueid sollst du mir morgen, nach dem Morgengebet, leisten, und danach alle deine Gewappneten. Über wie viele Männer verfügt die Burg?“

Rudolf antwortete mit einem Lächeln: „Immerhin 19 Männer, die ein Schwert zu führen und ein Pferd zu reiten verstehen. Und, wohl gemerkt: Auch über beides verfügen! Wir sind hier nicht so arm, wie du wohl meinst, Herr. Zusammen mit deinen 32 Begleitern haben wir also 51 Reisige, die wir hier sicher nicht benötigen, und die das Land dennoch wohl zu ernähren wissen wird, aber …“

„Pah, nicht benötigen! Sicher, ich bin Manns genug, die Herren Nachbarn am Barte zu zausen und in Schach zu halten, aber einige Männer im Hintergrund lassen diese gleich von vorn herein einsehen, dass der Herr von Groitzsch hier das Sagen hat!“

„Nun, die Herren von Teuchern, Profen und Tubichin sind wohl friedfertige Nachbarn“, entgegnete Rudolf mit ahnungsvoll gerunzelter Stirn, und vorsichtig fügte er hinzu: „Aber sie sind hier die Alteingesessenen. Denen sagen zu wollen, was sie tun und lassen dürfen würde sicher nicht gut ankommen.“ Wiprecht grinste mit der Arroganz der Jugend: „Na, das werden wir sehen, das wird schon werden. Ich will nicht Gleicher unter Gleichen sein. Das einzige lateinische Wort aus meines Lehrers Spruchkästlein, das mir im Gedächtnis verblieben ist, lautet Primus inter pares, und das will ich sein. Aber mal eine ganz andere Frage, Rudolf, wie nennen die Leute hier diese Burg?“

„Na, Groitzsch, wie denn sonst, Herr?“ Rudolf hob erstaunt die Brauen.

Wiprecht präzisierte seine Frage: „Nein, ich meine, wie sprechen sie das aus. So ein kleiner Malefizkerl von Schweinehüter nannte es heute Greetzsch!“

„Ach so“, Rudolf grinste „Ihr meint den Sohn vom Schweinehirten, Hieronimus, das kleine Schwein. Ja, einige sagen wohl Greetzsch, aber die meisten sprechen’s Grötzsch. Für die Gebildeteren jedoch ist und bleibt es Groitzsch.“

„So, so!“ murmelte Wiprecht nachdenklich vor sich hin, und schlug unvermittelt mit der Faust auf den Tisch.

Am Abend saß er in seiner Kammer, als Burgherrn stand ihm eine abgeschlossene Kammer zu, während alle anderen, je nach Stand, im Saal oder in den Ställen ihre Häupter zur Ruhe betteten. Sein alter Lehrer, der Priester, stand neben ihm. Da murmelte Wiprecht zweifelnd: „Du hattest vielleicht doch recht, lieber Laurentius, dass ich mich hätte weigern sollen, das Land meines Vaters, das Balsamerland, einzutauschen gegen das hier.“

Nach kurzem Zögern erwiderte Laurentius: „Es ist schon richtig, dass dieser Tausch dem Markgrafen der Nordmark mehr als euch nutzt, Herr Wiprecht. Er hat sein Territorium nicht nur vergrößert, sondern vor allem territorial vereint. Aber erinnert euch auch, warum er diesen Tausch so unbedingt wollte. Er ist euer Freund, das wohl, aber er kannte euch auch. Und es war schließlich nicht nur bei Hofe bekannt, dass selbst eure besten Freunde euch nicht zum Nachbarn haben wollten. Für Udo war dieser Gebietstausch notwendig, um einen ständig prügelnden und sich mit allen schlagenden Unruheherd aus seinem Lande zu entfernen, ohne dass das weitere Probleme hervorrufe. Erinnert euch, Herr, ihr habt selbst …“

Der Priester duckte sich, um dem nach ihm geworfenen eisenbeschlagenen Gürtel seines Herrn auszuweichen.

Wiprecht lachte. „Ich habe es dir schon hundertmal gesagt, Laurentius, wer keine Schläge hat, der muss mit Würstchen werfen. Die esse ich aber lieber selbst. Und ein Schlag, zuerst geführt, ist noch immer das wirksamste Argument.“

Laurentius seufzte verzweifelt, kratzte sich am Kopf, sagte aber nichts.

Sein Herr aber sank auf seinem Stuhl in sich zusammen. „Ja, ja“, stöhnte er, „ver…dmt und zugenäht, Greetzsch, Grötzsch, mit oi, mit eu. Eu wie scheußlich, Gräuel, wie Geheuel, oih! Eujeujeujeu! Das kann’s doch nicht gewesen sein, Pater. Da muss doch noch was kommen! Das kann doch nur noch besser werden! Oder?“

Stumm hob der Priester seine Hände und segnete seinen Herrn.

ennoch sollten noch 18 Jahre vergehen bis Wiprecht das Groitzscher Menetekel würde überwinden können.

18 Jahre, in denen viel geschah! Wiprecht hielt es nicht lange auf seinen Besitzungen. Die Burg war zu alt, zu klein und zu zugig, mit den Nachbarn hatte er sich bald schon überworfen, seine Beliebtheit im Osterland war nie über Null hinausgekommen. Die Nachbarn hatten sich gegen ihn zusammengetan und Wiprecht musste sich eingestehen, dass Pater Laurentius recht hatte, wenn er sagte: „Wenn du dem alten Bibelwort – Auge um Auge – folgst, seid Ihr am Ende alle blind.“

Und der Name seiner Burg war auch zu unaussprechlich.

Also zog er in die Welt und kämpfte an Kaiser Heinrichs Seite bei Hohenmölsen, wo der Gegenkaiser Rudolph mit seiner Schwurhand auch Leben und Thronanspruch verlor. Das Angenehme war, dass in Folge der Schlacht einer von Wiprechts mächtigsten Gegnern im Elsterland, der Bedrich von Teuchern, ebenfalls vom Leben zum Tode fand.

Sodann zog Wiprecht ins Böhmische, wo er dem Fürsten Wratislaw zu Königswürden verhalf. Mit dessen jungem Sohn und an der Spitze von dreihundert Gewappneten stieß er zum Heere Kaiser Heinrichs und zeichnete sich auf dem folgenden Feldzug mehrfach aus. So war er zum Beispiel der erste, der über die Mauer der Leostadt kletterte, er rettete nebenbei dem Kaiser einmal das Leben und rang zur Unterhaltung des Kaisers und dessen Gefolges einen Löwen nieder, indem er diesen bei der Mähne packte, den Kopf so lange und so heftig schüttelte, dass diesem Hören und Sehen verging und alle Verstandesgaben einschließlich des Gleichgewichtssinnes verloren waren. Ein Löwe und Chef aber, sei er nun König oder Präsident oder sonst irgendwie Vorgesetzter, ohne Verstandesgaben, verliert irgendwann viel von seiner Würde und wird dann schnell zur komischen Figur.

Der Kaiser lachte darob auch recht herzlich. Wiprecht aber hatte nach dieser Inszenierung das Gefühl, als Pausenclown missbraucht worden zu sein und forderte daher vom Kaiser mit dürren Worten seinen Abschied. Er war so sauer auf den Kaiser und dessen Hofschranzen, die den Löwenkampf eingefädelt hatten so wie man heute Mobbing auf dem Schulhof oder in der Kaffeeküche inszeniert, dass er nur noch nach Hause wollte.

Auch wenn dieses eben Groitzsch, Grötzsch oder wie auch immer war.

en Weg wählte er über Böhmen, wo er seinem Freund, dem König von daselbst, noch einen Besuch abstatten wollte. Hier nun ereilte ihn sein Schicksal endgültig.

Dieses war sehr schön und liebreizend, hieß Judith und war seines Freundes Tochter. Judith und Wiprecht heirateten. Und in der Folge erweiterte sich die kleine Burgwarde Groitzsch um Budissin und Nissan, also die Lausitz und Ländereien im Elbtalkessel (Dresden gehörte vor Zeiten zu Groitzsch! War ja klar, dass mit denen im Elbtal was nicht stimmt. Stimmts?)

Mit der edlen Frau Judith kamen auch Ehrenfestigkeit und Glaubensstärke an die Ufer der Elster.

Und die Liebe.

Bei den Männern der Vorzeit äußerte die sich ganz wesentlich darin, der Geliebten oder auch geliebten Gattin imponieren zu wollen. Bei Wiprecht führte das zu einem Feldzug gegen seine alten Feinde am Elsterstrand im Elsterland.

Der Etzelin von Profen und 17 weitere friedliche Anwohner ließen sich noch einfach so im Kampf erschlagen.

Aber der Hageno von Tubichin, dieser elendigliche Feigling, dieser unmannigliche Warmduscher, dieser hasenfüßige Schisser haute einfach ab. Das heißt, er haute nicht einfach nur ab, er suchte mit all den Seinen Schutz in der Kirche. Kirchenasyl!

Wiprecht rief seinen Getreuen Johannes, der ihn auf all seinen Feldzügen begleitet hatte, und meinte konsterniert: „Haste das gesehen? Der rennt in die Kirche! Am Dienstag! So viel Unverschämtheit gibt’s doch gar nicht. Oder?“ Und auch Johannes vermochte nur unwillig zu knurren.

Das aber reichte seinem Herrn nicht: „Also, was machen wir denn nun?“

Johannes kratzte sich am Kinn. Am Kopf konnte er sich nicht kratzen, da trug er Helm. Der war festgeschnallt,

Er meinte zögerlich: „Tja, den müssen wir da irgendwie wieder rausholen.“

„Frag den Pfarrer, ob der uns diese Lächerlinge rausschicken kann.“

Drei Minuten später kam Johannes wieder, einen Priester am Schlafittchen mit sich zerrend.

Der verbeugte sich vor Wiprecht und fing an, über die friedliche Rolle der Kirche, das segnende Tun seiner Vertreter hienieden und den heiligen Status des Kirchenasyls zu dozieren. Seine Ausführung gipfelte in dem Spruch: „Jede Verletzung eines solchen Asyls ist gesetzeswidrig und gilt als Frevel, der göttliche und auch weltliche Strafen nach sich ziehen muss.“

Johannes murmelte vor sich hin: „Und wenn nun gar keine Kirche da wäre?“

Der Priester sah ihn entsetzt an, zeigte wild gestikulierend auf sein Gotteshaus und rief: „Ja, was meint Ihr wohl, was da steht, Herr? Das ist St. Jacobus, Kirche zu Zeitz, von Ewigkeit zu Ewigkeit …“

iprecht lachte: „Amen. Und aus Holz erbaut. Mal sehen, wie lange die Ewigkeit dauert.“

Dieser Frage widmete sich nun die ganze Reiterei aus Groitzsch

Und so kam es, dass Feuer gelegt wurde an eine Kirche in Zeitz. Und bald schon gab es eine Kirche weniger in diesem Ort.

Die Asylanten aber kamen recht schnell aus dem brennenden Gebäude gerannt.

Sie wurden ergriffen und Wiprecht sprach salbungsvoll: „Ihr steht also im Schutz der Kirche? Nun gut, ich darf euch nicht einfach vom Angesicht der Erde tilgen So lauft denn weiter hier herum, aber ich will euch daran hindern, mich weiterhin schief anzugucken. Ich nehme euch euer Augenlicht, so könnt ihr weiter der Kirchen Schutz genießen, aber kein Unheil mehr anrichten.“

Sprach’s, und alle seine Mannen schlugen mit ihren Schwertern auf ihre Schilde. Der Lärm übertönte sogar die Schmerzensschreie der Geblendeten.

Herr Wiprecht hatte alle seine Gegner im Elstertal vernichtet, dem Brauch der Zeit entsprechend waren damit deren Besitztümer in sein Eigentum übergegangen und die Welt schien endlich in Ordnung.

Wenn da nicht … Ja, wenn da nicht der starke Glaube, das edle Gewissen und zarte Gemüt der schönen Frau Judith gewesen wären.

Es waren viele Edelfreie erschlagen, erstochen zerhackt, durch den Wolf gedreht, in ihrem Aggregatzustand verändert und anderweitig auf ritterliche Art und Weise vom Leben zum Tode befördert worden. Das war soweit in Ordnung. Es waren Menschen, Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen verstümmelt worden. So war der Lauf der Welt.

Aber:

Es war eine Kirche vernichtet worden. Ein Haus Gottes war verbrannt. Durch bewusstes Handeln ihres geliebten Gemahls. Das bereitete Gewissensqualen. Bereits in der Nacht nach der frevelhaften Tat suchten Frau Juditha schröckliche Albträume heim. Sie träumte, ihr Gemahl säße in einem großen Topf voller siedenden Wassers oder übelriechenden Öls, der über einem riesigen lodernden Höllenfeuer hing, das hell aufloderte, beißend qualmte und von kleinen, schwarzen Teufelchen genährt ward. Mit ihm, dem Herrn Wiprecht, saßen in dem Kessel einige Jungfrauen, mit nichts bekleidet als einem Amulett an einem Halskettchen, die ihren geliebten Gatten kichernd zwickten und zwackten und bissen und hackten. Und über allem dieser elende Gestank von Schwefel und verbranntem Fleisch! Ihr tränten noch bis Mittag des folgenden Tages davon die Augen.

err Wiprecht war bestürzt, als sie ihm davon erzählte, aber er sprach trotzig zu ihr: „Geliebtes Weib, der siebte Gregor, der gemeine Papst, der unseren Herrn Kaiser in Schnee und Eis drei Tage hat stehen lassen, hat grinsend zugesehen wie sein Verbündeter, Robert der Normanne, der uns vertreiben sollte, ganz Rom abgebrannt hat, und dabei ist sogar die Kirche der Urväter „Von den vier Gekrönten“ vernichtet worden.“ Aber die kluge Judith fiel ihm ins Wort: „Ja, und? Du weißt genau so gut wie ich, wie das endete. Dieser abscheuliche Papst musste nach Salerno fliehen und ist dort einsam und elendiglich gestorben. Glaubst du wirklich, dass er der einzige Kirchenfürst ist, der jetzt in der Hölle gebraten wird?“

Wiprecht zauste grübelnd seinen Bart: „Das gibt sich schon wieder“ redete er sich ein, „Frauen sind allgemein zart besaitet, gib ihr, was sie braucht, nicht was sie will, und das Leben wird weitergehen Und außerdem: Nackte Jungfrauen …!“ Er grinste.

Das aber sollte ihm in der Folgezeit noch gründlich vergehen. Denn der Alb in den Träumen Judithas wurde immer heftiger. Und als sie nach fast zwei Wochen des Leidens in ihren Träumen wahrzunehmen glaubte, dass ihr Wipi Vergnügen an dem Tun in siedendem Öl des Kessels mit dem liederlichen Weibsgesindel zu finden schien, da war es aus. Das Liebesleben im Hause Wiprechts von Groitzsch war bereits seit längerem zum Erliegen gekommen. Jetzt aber begann die wahre Zeit der Leiden des Hausherrn.

Dass ihr Gemahl für seine gotteslästerliche Tat in die Hölle kommen musste war klar. Das stand, wenn nicht ein Wunder geschah, felsenfest und war nicht anzuzweifeln. Da half nur noch beten.

Aber dass ihr Liebster vielleicht Freude an verbotenem Tun mit fremdem Weibsgesindel fand, und sei es in der Hölle, das stand nicht fest, es schien aber möglich. Und wie es mit Zweifeln, Gerüchten und Eifersüchteleien ist, sie sind schlimmer als die feststehenden Scheußlichkeiten. Denen kann man sich stellen. Dagegen kann man beten. Darüber kann man diskutieren, zur Not auch in einer Eheberatung. Die Vermutungen aber muss man erst einmal beweisen. Und bis das geschehen ist kreisen alle Gedanken nur noch darum, den Beweis zu finden. Sie verkleistern die Synapsen, verstopfen die Gehirnwindungen, führen zu unüberwindbarer Übellaunigkeit und verderben jede Freude am Leben. Und das überträgt sich auch und besonders auf den Mitmenschen.

Für Wiprecht wurde das Leben immer härter. Besonders dadurch, dass er nicht einmal ahnen konnte, warum diese weitere Verschlimmerung seiner Lage geschah und womit er sie provoziert oder gar verdient hatte.

Frau Juditha rief nun in höchsten Nöten nach dem betagten Burgkaplan, ihrem lieben Beichtvater Laurentius, und klagte ihm ihr Leid. Auch dieser schüttelte traurig und ratlos den Kopf. Das musste ja ein böses Ende nehmen. Auch dieses ewige Fluchen hatte der gute Herr Wiprecht nicht lassen können! So was kommt von so was! Oh, je. Auch er wusste keinen Rat. Nur die Sache mit den Jungfrauen konnte er erklären: Das waren natürlich Hexen. Na, was denn sonst?! Hexen, Hagazussa,, malitiosus animus, deren Vergehen mindestens so schwer wogen wie Kirche abbrennen!

Frau Judith wandte ein: „Aber die sehen nicht aus wie Hexen, Pater! Die sind … wie soll ich sagen … jung … und wohlgebaut … und kichern fortwährend lüstern.“

Pater Laurentius lächelte sein stilles Altmännerlächeln: „Ja, meine Liebe, Das ist ja das Teuflische an ihnen. Hexen sind entweder ganz besonders alte, schrumpelige, verbrauchte, versehrte hässliche, übelriechende, verbitterte, keifende Weiber. Oder eben, wie in diesem Fall, ganz besonders junge, hübsche, knackige, verführerische, geile, rothaarige, singende und springende knusperige, duftende und glatthäutige Frauen, denen das Verworfene, Abgründige und Böse innewohnt, aber eben noch nicht sichtbarlich zu Tage tritt.“

Laurentius schüttelte bedauernd den Kopf. Was sollte er seiner hoch verehrten Herrin nur raten? Wie nur dem armen, eigentlich doch rechtschaffen gottesfürchtigen Herrn Wiprecht helfen?

Das Niederbrennen eines Hauses Gottes war das größte, das unvorstellbarste Sakrileg das ihm je zu Ohren gekommen war. Er verwies nach gründlichem Nachdenken seine Herrin und diese hernach ihren Gemahl an den Bischof von Merseburg. Ein Bischof wüsste vielleicht ein Mittel zur Sühne. Ein Bischof könnte sicher Absolution erteilen für ein solches Verbrechen.

Doch der Herr Bischof hatte bereits von dem mitunter sehr jähzornigen Wesen des Herrn von Groitzsch gehört. Er sagte sich: „Warum soll ich mich durch Verhängung einer großen und schmerzhaften Buße, und groß und schmerzhaft muss sie schon sein zur Vergebung dieser Sünde, dem Zorn dieses Schlahtods aussetzen?“

Als nun Wiprecht dem Bischof seine Sünde beichtete und um Vergebung bat, da verwies der ihn an den Heiligen Vater in Rom. Etwas so Ungeheuerliches wie Gottes Heimstatt hienieden anzuzünden, das könne nur von höchster Autorität auf Erden vergeben werden.

Nun hatte aber der derzeitige Papst, das war zu dieser Zeit Urban, der zweite seines Namens, wohl aus der Überlieferung heraus das Bild im Kopfe, wie Wiprecht, dieser teutonische Unhold, den Dolch im Gewand und das Schwert in der Faust, über die Mauer der Leostadt geklettert kam. Das war nicht sehr erbaulich und erforderte noch weitere Sühne, aber dieser Ritter galt als jähzornig und unbeherrscht. Warum ein Risiko eingehen?

Verwundert dachte Wiprecht, als er den Audienzsaal in Rom betrat: „Ahi, wie kristenliche nu der Babest lachet …“! Dass er damit einen Vers Walters von der Vogelweide vorwegdachte, konnte er nicht wissen. Und dass das Lachen, welches er wahrnahm nicht Freundlichkeit war, sondern Erleichterung, weil dem Papst eine Lösung seines Problems eingefallen war, blieb ihm auch verborgen. Denn dieser sprach freundlich und mit engelsgleicher Zunge zu dem Beichtkind: „Oh, oh, oh, lieber Graf, eine Kirche habt Ihr abgebrannt? Nein, wie ungezogen! Und nun wollt Ihr Absolution? Die könnt Ihr nur erhalten, wenn Ihr Eure Reue bereits auf einer langen und beschwerlichen Reise als Vorleistung erzeiget. Gehet denn hin nach Compostela und erbittet die Absolution bei dem Patriarchen von Hispanien. Dieser Weise unter den Gesegneten wird Euch helfen!“

lso pilgerte Herr Wiprecht mit seinem Getreuen Johannes, dem Wegweiser, nach Santiago de Compostela, dem Jerusalem des Occident. Sie hielten sich strikt an die Empfehlungen des alten Pilgerliedes:

„Wer in die Fremde gehen will,

der mach sich auf und sei mein G’sell

wohl auf Sankt Jakobs Straßen!

Zwei Paar Schuh bedarf er wohl,

eine Schüssel zu der Flaschen.

Ein breiten Hut, den sollt er han

und ohn’ Mantel soll er nicht gahn

mit Leder wohl besetzet,

es schnei oder regn oder wehe der Wind,

dass ihn die Luft nicht netzet

Sack und Stab sei auch darbei,

er schau, daß er gebeichtet sei,

gebeichtet und gebüßet!

…“

Sie zogen beide manniglich durch Fremde Lande und setzten ohn Unterlass Fuß vor Fuß. Bei ihrem Einzug in Santiago di Compostela sangen sie dann die letzte der unendlich vielen Strophen:

„Sankt Jakob vergib uns Pein und Schuld,

der liebe Gott sei uns allen hold

in seinem höchsten Throne!

Der Sankt Jakob dienen tut,

der liebe Gott soll ihm lohnen.“

Nun war das Ziel erreicht. Staubbedeckt und voller Zuversicht begab sich Wiprecht auf die Suche nach dem Patriarchen von Hispanien. Er fand diesen in dem Erzbischof von Iria Flavia, Herrn Diego Palaez, denn die Planstelle eines Erzbischofs von Compostela wurde erst 1095 geschaffen.

Dieser würdige Vertreter seines Standes war ein weiser Mann mit großer Menschenkenntnis.

Aus den wenigen Worten, die er aus der Beichte seines Beichtkindes verstand und aus dessen Arm- und Bein-Gefuchtel, reimte sich der Diener des Herrn aber zusammen, dass der Herr da vor ihm eine Kirche kaputt gemacht hatte. Leidenschaftslos sagte er zu Wiprecht: „Eine Kirche hast du gemacht kaputt, also musst Du machen ein Kloster.“

„Oh“, dachte sich Wiprecht, „ein kleines Kloster, das soll schon werden.“

Aber der Mönch hatte den Anflug eines Grinsens im Gesicht seines Delinquenten bemerkt.

Also fügte er die Bemerkung hinzu: „Die da kärglich säen, werden auch kärglich ernten, und wer fröhlichen Sinnes und reichlich gibt, wird auch reichlich empfangen.“ Wiprecht hatte verstanden. Seufzend versprach er, mit Gottes Hilfe alles zu tun, was empfohlen wurde. Der Patriarch war ob dieser Worte erfreut. Er erteilte nicht nur Absolution und Segen, sondern schenkte ihm noch eine Reliquie, nämlich das Schienbein des heiligen Jacobus. Dann ließ er Wiprechten ziehen.

Über die Worte des heiligen Mannes diskutierten Wiprecht und sein Knecht Johannes von Compostela bis Groitzsch und Wiprecht gewöhnte sich daran, ein großes, schönes und bedeutendes Kloster schaffen zu wollen.

aum waren sie wieder daheim angekommen, war Jauchzen und Frohlocken in der Burg Groitzsch. Und diese Erleichterung, freudige Fröhlichkeit, dieses Lachen, Jauchzen, Tanzen, Hüpfen und Springen und Singen und Pfeifen und Trinken und Essen waren so ansteckend, dass Herr Wiprecht endlich auch überzeugt war, das neue Kloster müsse etwas ganz Besonderes werden.

Er suchte fortan in all seinen Landen, und das waren viele und große, von Bautzen bis Halle und von Dresden bis Groitzsch, nach dem schönsten Fleckchen Erde, das vorstellbar war.

Und er fand es.

Merkwürdigerweise gleich neben Groitzsch.

Es war genau das Stück Land, das zur Feier, zum Lob und zur Ehre des H E R R N wie geschaffen war.

Es war und es ist: P E G A U !

Hier schuf Wiprecht ein Kloster.

Hier entstand daraus, darum und zu Ärger und Verdruss von Groitzsch die Stadt Pegau, die ein Präsident in späteren Jahren die „Perle Sachsens“ nennen würde.

Der Präsident eines Karnevalvereins.

Aber ein Präsident!

Immerhin!

Annus horribilis 1644 ff.

(In dem schrecklichen Jahr 1644 folgende)

Berichte, Briefe und Gedichte aus der Hölle

ins, zwei, drei im Sauseschritt eilt die Zeit … wir eilen mit (W. Busch).

Die folgenden Jahre einschätzend und wertend äußert sich der sächsische Verwaltungsbeamte und Historiker Lorenz Peckenstein in seiner Schrift „Theatrum Saxonicum“ aus dem Jahre 1608 zur Geschichte der Stadt Pegau, die er unter den „aller vornehmsten Städten in Sachsen/ Meißen und Thüringen“ aufzählt und noch vor Borna einordnet, folgendermaßen:

„… Welche große und übermäßige Unfälle die Stadt in der 18-jährigen Zwietracht zwischen Markgrafen Albrechten dem Entarteten und seinen beyden Söhnen Friedrich und Dietzmann, als auch beyden Kaisern Adolph von Nassau und Albert I. von Habsburg von Anno 1286 ausgestanden, das ist bey vielen Historicis, und insbesondere Wolffgango Crusio, Beurhero, Fabricio, und andern bereits nach Notturft ausgeführet. Unter Anderm wird dieses erzählet: Daß Anno 1397 (1307, Anm. d.R.) die Schwaben vor Lucke geschlagen, solchen der Abt zu Pegau großen Vorschub mit Proviant und allerhand Anleitung getan, auch die so noch aus der Schlacht Entkommenen im Kloster aufgenommen (hat) und solches Markgraf Dietzmann zu Ohren gekommen, hat der nicht allein auffm Lande alles preiß gemacht (als Beute zur Plünderung überlassen, Anm. d.R.), besonders aber auch die Stadt, so in dieser Zeit in der Feinde Hand gewesen, mit Gewalt einnehmen lassen, und auch beyde Stiffte sampt der Stadt niedergebrannt/ und derselben sonsten mercklichen Schaden zugefüget …

So ist wohl auch zu etlichen malen über die Zeit die Stadt bald von Freunden und Feinden übermannet und durchächtet worden (ächten= quälen, martern, unterdrücken) so daß dadurch derselben großes Unheil widerfahren. Und davon Engelhusius schreiben tut, keiner Stadt (sei) so viel Dampfe, Bedrängens, und Verheerungen mit Raub und Brande als dieser zugestanden.

Als Anno 1429, wie auch 1449, die Böhmen (Hussiten) in Meißen Einfälle getan haben ist ungleublich, was dabei vor Schaden dieser Stadt widerfahren ist und fasten aller Wiederwill auf dieselbe alleine gerichtet (worden). Denn wie davon Erasmus Stella, auch andere, geschrieben, wurde alles Volk so erschrocken gemacht, daß Jedermann des Seinigen vergessend aus der Stadt sich in die Hölzer und Büsche geflohen und verstecket hat, worauf alles darinnen umbgekehret, mit jungem und altem Volck, das hat bleiben müssen, greulich und türannisch umgegangen wurde und dieselben in Häusern haufenweise verbranten und nichts unterlassen wurde, was zur Grausamkeit und unerhörten Pein den Böhmen nur vorkommen, den Andern dadurch einen Schrecken einzujagen. Damit genug.“

Dachte und schrieb Herr Peckenstein 1608.

Er konnte noch nicht wissen, dass bereits zehn Jahre später der Himmel einstürzen und die Hölle ihre Tore weit aufreißen würde, dass tausend Teufel über das Heilige römische Reich herfallen würden und alles, was da kreuchte und fleuchte in Mord, Totschlag, Seuche und Hungersnot verkrüppeln und verderben würde. Und dass die oben erwähnten Böhmen noch lange nicht das Entsetzlichste waren, was der guten Stadt Pegau zustoßen konnte und zustieß.

Aber das Unvorstellbare geschah. Auch in und um Gottes liebe Stadt Pegau.

Zum besseren Verständnis dessen, was geschah, wollen wir uns zunächst einmal die handelnden Personen ansehen und stoßen dabei auf ein Panoptikum auch heute noch in der Politik tätiger Charaktere:

bwohl er nie persönlich in Pegau war, müssen wir ihn doch zu den handelnden Personen zählen und benennen: Ferdinand II., Kaiser des Heiligen römischen Reiches. Denn das ganze Elend fing mit seiner Entscheidung an, wurde durch seine Halsstarrigkeit befeuert und fand erst nach seinem Tod ein Ende: Der 30jährige Krieg.

Dazu kommt, dass dieser Potentat alle Eigenschaften, über die auch heute noch ein Minister, Kanzler oder anderweitiger Politiker in höherer Position verfügen muss, um in diese höhere Position zu kommen, hatte und er so jedem, der eine politische Laufbahn einschlagen will, zum Exempel dienen konnte und kann.

Er wird als schwankend, oft unentschlossen und nicht sonderlich begabt geschildert. Seine politischen Entscheidungen wurden wesentlich durch seine Berater beeinflusst, wobei er nicht selten einfach auf den zuletzt erteilten Rat hörte.

Und: Er ließ gern Gutachten anfertigen!

Dass die Sitte oder Unsitte, Gutachten anfertigen zu lassen, um eigene Entscheidungen durch Dritte absegnen, begründen und rechtssicher machen zu lassen, bereits vor über 400 Jahren begann, ist eine bisher viel zu wenig beachtete Tatsache. Ich war bisher davon ausgegangen, dass dies ein politisches Werkzeug der Neuzeit sei, da doch erst in neuerer Geschichte Inkompetenz Voraussetzung für ein politisches Amt ist (so konnte eine Magistra artium für Politikwissenschaften und öffentliches Recht – ungedient! – deutscher Verteidigungsminister werden und ein Bankkaufmann wurde im gleichen Land Minister für Gesundheit. Dafür wurde eine Frau Dr. med. zur Regentin ganz Europas ernannt. Aber wir hatten auch schon einmal einen Deutschlehrer als Finanzminister). Für solcherart amtsgeeignete Amtsinhaber ist natürlich ein Gutachten, das ihre Entscheidungen vorbereitend, begleitend und begründend umgibt, amtserhaltend dringender notwendig als zu Kaiser Ferdinands Zeiten, denn der war auf Lebenszeit und von Gott gewählt. Dass dies geändert wurde, ist eine in politischen Kreisen noch immer sehr betrauerte Tatsache. Darum aber ist heute ein Gutachten wichtig, kann man doch Fehler damit auf einen Gutachter und nicht wie bisher nur auf einen Parteifreund abwälzen. Das hat in den letzten Jahren zur Entwicklung einer ganzen Gutachterindustrie geführt.

Trotz des vorgenannten mangelhaften Charakters war auch unser Kaiser Ferdinand II. bereits vor 400 Jahren mit einem Instinkt für die Wahrung seiner Macht begabt, würdebewusst, stets auf Recht und Gesetz pochend, zäh und fanatisch in religiösen Dingen,

Ansonsten aber eher gutmütig, ein Genussmensch, in den letzten Lebensjahren dickleibig und kränkelnd.

Der 30jährige Krieg wird oft als Glaubenskrieg bezeichnet und betrachtet. Was mitnichten an dem Zusammenprall von Katholizismus und Reformation, von Lutheranern und Calvinisten, Hugenotten und Papisten lag.

Es wird wohl eher darum historisch so eingeordnet, weil die damals herrschenden und in dieses Ereignis involvierten führenden Persönlichkeiten die folgenden waren: Der deutsche Kaiser. Dieser Titel steht für Beschützer des Abendlandes und des christlichen Glaubens, ein Titel, der seinem Träger die Ehrenhoheit über die lateinisch-christlichen Könige verleihen sollte und der seit Karl dem Großen dem gewählten Herrscher der Deutschen vom Papst durch Salbung in Rom verliehen wurde. Alsdann war der allerkatholischste König, der von Spanien, der diesen Titel seit 1494 tragen durfte, beteiligt, und dazu der allerchristlichste Französische König, dem dieser Titel seit Mitte des 15. Jhd. zustand, der auf Betreiben seines ersten Ministers und katholischen Kardinals Richelieu am kontinentalen Krieg auf deutschem Boden beteiligt war. Vom Rande aus sahen der apostolische König von Ungarn und der allergläubigste König, das war der von Portugal, dem munteren Treiben in teutschen Landen mit gewisser Schadenfreude zu. Nicht zu vergessen 3 Päpste. Erst Innozenz X., das war der 4. Papst seit 1605, entsandte einen Nuntius zur Beilegung des Streites. Offensichtlich aber nicht nur zum Abschluss eines Friedensvertrages, sondern um auf diesen Friedensschluss Einfluss nehmen und nicht ganz unbeteiligt, schon gar nicht ohne Beute, daneben stehen zu müssen.

ls nächst zu beachtende Persönlichkeit scheint mir, obzwar auch er nicht selbsten in unserem protestantischen Städtelein Pegau war, unser sächsischer Kurfürst Johann Georg I. erwähnenswert. Schon als verantwortlicher Landesvater und oberster Sachse steht ihm dies auch zu.