Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In Zeiten des Kalten Krieges wird das schwedische Bauunternehmen AB Vägförbättringar mit dem Bau eines neuen Fährterminals in Saßnitz, Ostdeutschland beauftragt. Einer der Arbeiter ist der 25 Jahre alte Tommy Oskarsson. Und als der naive Schwede auf die streng überwachten Ostdeutschen trifft, gerät er zwischen die Fronten. Zu allem Überfluss verliebt sich Tommy nicht nur in eine, sondern gleich in zwei Frauen. Doch wem kann man vertrauen? Und wer arbeitet insgeheim für die Stasi? Mit der Zeit wird Tommy klar, was das Wort Freiheit überhaupt bedeutet und dass es diese in seinem Verständnis innerhalb der DDR nicht gibt. Letztendlich muss er sich entscheiden: für die Liebe oder für die Freiheit?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Der übliche Gestank von verfaultem Tang liegt über dem Hafen von Trelleborg.
Tommy Oskarsson, 25 Jahre, aus Örebro, ein blonder, jungenhafter Typ, und Bert Svensson, ein mürrischer, ständig müder 19-Jähriger aus Västerås, stehen im Stau vor der Eisenbahnfähre »Skåne« von SJ, der schwedischen Eisenbahngesellschaft.
»Igitt, wie das hier stinkt«, murmelt Bert. »Geht die Fähre nicht bald? Ich brauche ein Bier.« Tommy reagiert wie immer kontrolliert und etwas zurückhaltend: »Zuerst müssen die LKW an Bord, danach sind wir an der Reihe. Übrigens, was glaubst du, was uns in Saßnitz erwartet?« »Was verdammt meinst du damit? Massenweise dicke Deutsche und gutes Bier, was weiß denn ich«, schimpft Bert. »Weißt du nicht, dass wir auf dem Weg nach Ostdeutschland sind?« Ungläubig betrachtet Tommy seinen jungen Kollegen.
Tommy arbeitet seit ca. einem Jahr bei einem der größten schwedischen Bauunternehmen, AB Vägförbättringar, auch genannt ABV. Im Frühjahr ist bekannt geworden, dass das Unternehmen den Auftrag zum Ausbau des Hafens in Saßnitz erhalten hat. Saßnitz befindet sich auf der ostdeutschen Insel Rügen.
Die Möglichkeit, steuerfrei zu arbeiten und sich ein neues billiges Auto aus dem Ausland zuzulegen, ist für viele reizvoll. Aber erwartungsgemäß ist es nicht so einfach, müde Stockholmer aus der Stadt zu locken. Es ist immerhin gelungen, den erfahrenen Brückenbauer, Anders Nyström, aus der Großstadt als Projektchef zu gewinnen.
»Wir brauchen noch ein paar bezahlbare Vermessungstechniker für Saßnitz. Hast du welche auf Lager?« Anders richtet die Frage an den Personalchef Christer Lundin, der gelangweilt antwortet: »Wir haben einen Burschen vom Land eingestellt. Ich glaube, dass er irgendwo aus der Gegend kommt, wo sie eher plärren als sprechen. Er ist ein typischer Hinterwäldler – zuverlässig, aber ganz schön naiv. Sein Großvater ist ein Deutscher und soweit ich weiß, spricht er ganz gut Deutsch.« »Das klingt gut«, erwidert Anders. »Besorg ihm einen Kollegen.« Doch Christer hatte keine Lust, seine kostbare Zeit weiter mit dieser Frage zu verschwenden. Ihm fiel ein, dass ein Freund ihn gefragt hat, ob er nicht für seinen prachtvollen Sohn Bert, der gerade das Gymnasium beendet hat, einen Job bei ABV habe.
Bert schien nicht die geringste Ahnung zu haben, dass es zwei deutsche Staaten gibt. Er glaubte wie die meisten Schweden, dass Ost- und Westdeutschland nur eine geografische Bezeichnung ist, und stöhnt den längsten Satz hervor, seit sie Stockholm verlassen hatten: »Es spielt wohl keine Rolle, ob wir auf dem Weg nach Ost- oder Westdeutschland sind.«
Tommy, wie immer gut vorbereitet, beginnt, einen Vortrag über deutsche Geschichte zu halten: »Wenn wir von der Fähre in Saßnitz fahren, befinden wir uns hinter dem Eisernen Vorhang. In einem autoritären Staat …« »Verdammt, wovon schwafelst du? Welchen Eisernen Vorhang meinst du?« Bert wacht langsam auf und rülpst geräuschvoll.
Zwei Stunden später befindet sich die Fähre irgendwo zwischen Schweden und der DDR – eine Abkürzung für Deutsche Demokratische Republik – oder wie die meisten schwedischen Medien sagen: Ostdeutschland. Der heruntergekommene Speisesaal auf der Fähre ist trotz Ferienzeit nur halbgefüllt. Die meisten sind Touristen mit einem Transitvisum auf dem Weg nach Westberlin. Einige polnische LKW-Fahrer und eine Gruppe ostdeutscher Männer in Anzügen sitzen jeder für sich separat in einer Ecke. Tommy und Bert sitzen bei den anderen Schweden, die am Projekt arbeiten werden und alle gemeinsam mit der gleichen Fähre reisen.
»Großartig, euch alle hier heute zu sehen. Wir haben zwei spannende Jahre vor uns.« Als alle ihr fettiges Schweinekotelett aus Skåne genossen hatten, richtete sich der Projektchef Anders Nyström an alle: »Ich möchte damit beginnen, uns, die am Projekt in Saßnitz arbeiten, gegenseitig vorzustellen.«
»Stefan Palm aus Malmö ist mein engster Mitarbeiter. Er ist für die gesamte Produktion verantwortlich. Stefan hat langjährige Erfahrungen mit großen Bauvorhaben in Schweden und in Dänemark.« Palm ist 45 Jahre alt und kräftig gebaut. Er sagt in seinem breiten südschwedischen Dialekt: »Dieses Projekt wird uns wohl ein verdammt hohes Tempo abverlangen.«
»Zum Teufel noch mal, sitzt du hier und schläfst, während ich rede?«, faucht Palm und starrt auf Bert, der nach seinen zwei Starkbieren ein Mittagsschläfchen am Tisch hält. Bert räkelt sich im Stuhl und glotzt unverfroren zurück. Sprich Schwedisch, dann werde ich auch zuhören!«, brummelt er zurück. »Du kannst verdammt noch mal die nächste Fähre zurück nach Schweden nehmen«, explodiert Stefan.
»Nun beruhigen wir uns mal wieder etwas«, geht Anders dazwischen, der sich wie die meisten Schweden unbehaglich fühlt, wenn sich die Stimmung aufheizt. Mit rotfleckigen Wangen versucht er, die Wogen zu glätten. »Es wird alles gut, das werdet ihr noch sehen.« Von seinen Kollegen in Malmö hatte Tommy schon gehört, dass Palm ein aggressiver Typ ist, der gern den Ton angibt. »Mal sehen«, denkt er sich.
Anders setzt seine Vorstellung der Teilnehmer fort: »Da wir in Deutschland bauen, haben wir Walter Mahlstedt mit an Bord. Walter, du bist ja in Ostdeutschland aufgewachsen und hast dort 20 Jahre gelebt. Kannst du uns ein bisschen was darüber erzählen, was uns in Saßnitz erwartet?«
»Mit großer Freude, mein lieber Anders«, beginnt Walter seine langatmigen Ausführungen. Walter ist ein schlanker, dunkelhaariger Deutscher von 35 Jahren, den ständig ein schwer zu definierender Duft mit einem Hauch von Zimt umgibt. Er ist zu Beginn der 60er-Jahre, noch vor dem Bau der Mauer, die Ost von West trennt, nach Schweden ausgewandert und spricht Schwedisch mit einem typisch deutschen Akzent. Er beschreibt, was bei der Einreise in die DDR passiert:
»Jedes Mal, wenn ihr in die DDR einreist, müsst ihr eine Zählkarte in zweifacher Ausfertigung ausfüllen. Ein Exemplar behalten die Passkontrolleure. Das zweite Exemplar behaltet ihr. Es muss bei der Ausreise wieder abgegeben werden.«
»Was zum Teufel passiert, wenn ich es verliere?«, will Bert wissen, der erwacht ist und sich fragt, wo er hier gelandet ist. »Wenn du es nicht verlierst, dann sorge ich dafür, dass du es verlierst«, schreit Stefan Palm ihn an.
»Also, meine Herren, wenn ihr die Karte verliert, wird es sehr schwer, ohne meine Hilfe wieder rauszukommen«, lispelt Walter mit einer bedeutungsvollen Miene. »Außerdem ist es das Beste, wenn ihr so wenig wie möglich Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufnehmt. Die Behörden sehen es gar nicht gern, wenn ihre Bürger mit westlichen Kapitalisten Umgang haben.«
»Wovon redet er?«, denkt Tommy. »Sollen wir wie in einem Lager leben oder worum geht es hier? Das hört sich nicht besonders gut an. Rücksichtslose Südschweden und nervige Stockholmer. Wie soll ich das mit diesen Menschen zwei Jahre aushalten?«
Auf der Steuerbordseite tauchen die weißen Kreidefelsen auf, die den Nationalpark Stubbenkammer auf der nördlichen Seite der Insel Rügen umgeben. Die höchste Klippe ist der sogenannte Königsstuhl, der sich immerhin 118 Meter hoch über die Wellen der Ostsee erhebt.
Die schwedische Clique beendet ihre Besprechung und geht an Deck, um einen Blick auf das Land zu werfen, in dem sie die nächsten zwei Jahre verbringen werden. »Das sieht ja richtig nett aus, so grün und schön«, jubelt Annika, die Frau des Projektchefs. »Das lässt sich hier bestimmt wunderbar wohnen.« »Warte nur ab, du …«, murmelt Walter vor sich hin, «… wir werden euch alle zurück auf den Boden der Tatsachen holen, ihr verwöhnten Schweden …«
Die Fähre fährt rückwärts in den baufälligen Eisenbahnhafen im Zentrum von Saßnitz ein. ABV hat den Auftrag, diesen in einen völlig neuen, modernen Fährhafen umzubauen.
Tommy hat schon jetzt die Lust verloren und fühlt die Angst an seinem Körper emporkriechen wie ein feuchtkaltes Hemd, das ihn in die Tiefe zieht.
Über dem sonnigen Ostberlin liegt eine Dunstwolke von Benzin aus Zweitaktmotoren. Die breiten Straßen rund um den Alexanderplatz sind mäßig mit Autos der Marken Trabant, Lada und Wartburg befahren. Das eine oder andere Westauto fährt vorsichtig durch die Stadt, ängstlich und sich der totalen Überwachung durch die Volkspolizei bewusst.
Die Geschäfte rund um den Alexanderplatz sind für ostdeutsche Verhältnisse gut mit Waren gefüllt. Touristen aus ganz Osteuropa kommen hierher, um Winterstiefel von Salamander zu kaufen. Natürlich sind Sommerschuhe bereits ausverkauft. Und genauso sicher, wie der Regierungschef Erich Honecker die nächste Wahl gewinnt, werden im nächsten Winter auch Stiefel ausverkauft sein.
Der höchste Chef der Hauptabteilung XVIII im Ministerium für Staatssicherheit, Oberst Grosse, sitzt in seinem großen, kühl eingerichteten Büro im Stadtteil Berlin-Lichtenberg und leitet eine Besprechung, die sich mit Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit dem Bau des neuen Fährterminals in Saßnitz beschäftigt.
»Liebe Genossen, wie sind wir organisiert, um mit den Bürgern aus dem nicht sozialistischen Ausland umzugehen, die das Projekt realisieren sollen?«, eröffnet Oberst Grosse die Besprechung mit seinen engsten Mitarbeitern und einer kleinen Delegation der Bezirksverwaltung aus Rostock.
Die hochrangigen Mitarbeiter der kleinen Gruppe gehören alle der Staatssicherheit an, ein Wort, das bei den ostdeutschen Bürgern Migräne auslöst und ihnen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. In Anlehnung an Hitlers Geheime Staatspolizei, »Gestapo«, nennen die Ostdeutschen die verhasste Staatssicherheitsorganisation der DDR schlicht »Stasi«. Leider bleibt es nicht nur bei der Übereinstimmung, den Organisationen jeweils ein Kürzel zu geben, die neue Diktatur hat unter dem Deckmantel der freiheitsliebenden Kommunistischen Partei auch die Methoden zur Verfolgung der Andersdenkenden übernommen. Mit der üblichen deutschen Gründlichkeit hat sich die Stasi in kurzer Zeit zu einer der effektivsten unterdrückerischen Organisationen des gesamten Ostblocks entwickelt. Da keinerlei Transparenz und demokratische Kontrolle stattfinden, kann die Organisation ungestört arbeiten.
»Warum lassen wir nicht unsere eigene Bauindustrie den Hafen in Saßnitz ausbauen? Wir brauchen doch wohl keine Hilfe aus dem nicht sozialistischen Ausland?« Der Fragesteller ist Major Ingo Schmidt von der Stasi-Bezirksverwaltung in Rostock.
»Bester Major Schmidt, auf eine sehr relevante Frage eine sehr einfache Antwort«, entgegnet Oberst Grosse und beginnt einen langen Vortrag über den Beschluss des 9. Parteitages der SED zu halten: »Bis zum Jahr 1980 müssen ungefähr eine Million neue Wohnungen in unserem geliebten Vaterland gebaut werden, damit alle Bürger ein Dach über dem Kopf haben. Zugleich wurde die DDR im Jahre 1972 als eigenständiger Staat anerkannt und das hat eine Reihe internationaler Verpflichtungen mit sich gebracht. Eine davon ist die Verbesserung der Eisenbahnverbindung zwischen der DDR und Schweden. Das bedeutet, dass der neue Fährhafen in Saßnitz spätestens 1978 fertig gestellt sein muss.«
»Glaubt jemand in diesem Raum, dass unsere eigene Industrie das schaffen würde? Natürlich nicht!«, beantwortet Oberst Grosse seine eigene Frage. »Wie immer hat KoKo verdienstvoll mitgewirkt und unsere lieben Kollegen dort haben nach langen Verhandlungen mit dem schwedischen Bauunternehmen ABV den Vertrag über den Bau des Fährhafens abgeschlossen.«
Am Tisch wird eine lebhafte Diskussion darüber geführt, wie die Bürger das wohl auffassen werden. Jedoch kommt man zu dem Schluss, dass es die Bevölkerung nichts angeht. Das war eine schnelle, rationale Schlussfolgerung der ganzen Diskussion.
»Unsere zeitlich organisatorische Planung für die Überwachung dieses speziellen Projektes fußt auf folgenden Prinzipien«, beginnt Major Jähnert, einer von Oberst Grosses Favoriten im Ministerium. Jähnert ist gleichzeitig zum Ärger der anderen hochrangigen Mitarbeiter, einer der Mitarbeiter, die größtes Vertrauen von Alexander Schalck-Golodkowski genießen, der wiederum direkten Kontakt zu Erich Honecker hat.
Andreas Jähnert ist ein 35-jähriger, blonder Mann, in dessen Anwesenheit sich andere Männer trotz seines guten Aussehens wohlfühlen. Er kommt aus einer intellektuellen, deutschen Familie. Sein Vater war Professor für Sportmedizin an der Universität in Leipzig und seine Mutter war Kinderärztin. Beide Eltern waren überzeugte Nationalsozialisten. Aber wie andere Ostdeutsche auch hatten sie nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Schwierigkeiten schnell wieder einen Platz in der oberen Gesellschaft eingenommen. Die Erziehung von Andreas war geprägt von Disziplin und hohen Erwartungen. Zugleich erhielt er erhebliche elterliche Unterstützung während seines Studiums. Zum großen Bedauern seiner Eltern entschied er sich jedoch gegen ein Medizinstudium und wählte eine klassische deutsche Ingenieurausbildung. Seinen Militärdienst leistete Andreas bei den ostdeutschen Grenztruppen. Durch seine soziale Kompetenz verstand er sehr schnell, wie das System funktionierte, und er schaffte sich innerhalb kurzer Zeit gute Kontakte zur Partei und der Staatssicherheit. Nach seinem Examen wurde er von der Stasi angeworben und hatte bis jetzt eine intensive Ausbildung erfahren, unter anderem ein Jahr Aufenthalt als Spion beim Klassenfeind in Westdeutschland. Er ist auch bei KoKo angestellt.
KoKo – oder wie es offiziell heißt: Kommerzielle Koordinierung – ist eine Organisation, die den Zugang zu Westdevisen sichern sollte, um die Liquidität der DDR aufrechtzuerhalten. KoKo ist nach außen eine selbstständige Organisation, in Wirklichkeit aber tief verwurzelt bei einer kleinen Eliteschicht der Stasi.
»Ich selbst werde als zweiter Mann beim Auftraggeber Deutsche Reichsbahn in Saßnitz tätig sein«, setzt Andreas seine Ausführungen fort. »Selbstverständlich haben wir auch andere Kollegen vor Ort, die ich direkt koordiniere.«
»Vielen Dank, Major Jähnert, damit können wir die Besprechung hier und jetzt beenden.« Oberst Grosse verabschiedet schnell alle Teilnehmer außer Andreas, der noch bleibt und es sich in einer Sesselgruppe bequem macht.
»Möchtest du einen Weinbrand?«, fragt ihn der Oberst. Ohne die Antwort abzuwarten, füllt er zwei große Gläser aus Bleikristall aus der Tschechoslowakei. Dazu rauchen beide eine Zigarette von der Marke Club, die in Ostdeutschland sehr beliebt ist. »Schön, dass wir die Pappnasen aus Rostock los sind. Und jetzt, wo wir unter uns sind, die Frage: Wie sieht die Organisation wirklich aus?«
Andreas lächelt und erklärt, wie man mit den Schweden umgehen wird. »Wir müssen nicht nur deren Technik und Organisation studieren, sondern uns auch absichern, dass kein Schwede durch unerlaubte Kontakte mit der Bevölkerung der DDR schadet oder was noch viel schlimmer wäre: geheime Informationen außer Landes an die kapitalistische Gesellschaft gelangen. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass der schwedische Geheimdienst durch einen verkappten Bauingenieur vor Ort sein kann. Mit den Mitteln und Möglichkeiten, die wir haben, sehe ich jedoch keine großen Probleme auf uns zukommen. Es sind Mitarbeiter von uns vor Ort und wir verstärken unsere Einheiten im Grenzschutzgebiet. Außerdem haben wir schon einen informellen Mitarbeiter etabliert, der Einblick in die Arbeit der Schweden hat.
Tommys roter Saab V4 – natürlich ausgerüstet mit Lederlenkrad und drei Rennwagenscheinwerfern vom Typ Hella Le Mans Halogen sowie doppeltem Weber-Vergaser, alles wie beim Auto von Tommys großem Idol, Stig Blomqvist, dem berühmten Rallyefahrer aus Örebro – rollt vorsichtig die Stahlbrücke hinauf, die von der Fähre im Hafen von Saßnitz zum ersten Kontrollpunkt der Grenzübergangsstelle führt.
»Was zum Teufel geht hier vor?«, murmelt Bert. Soldaten der Grenztruppen der DDR in ihren graugrünen Kampfanzügen bewachen den Weg hinauf zum ersten Grenzkontrollpunkt, ausgerüstet mit Maschinengewehren vom Typ AK 47, einem russischen Gewehr, das für seine niedrige Treffsicherheit bekannt ist. Tommy kann nicht glauben, was er sieht. Sein Puls rast wie noch nie. Vor Aufregung kann er kaum die Gänge einlegen. »Wir fahren wieder nach Hause! Was zum Teufel haben uns die verfluchten Stockholmer hier eingebrockt?« Bert sieht geschockt auf Tommy. Er ist für einen Moment sprachlos.
Der Mitarbeiter der Passkontrolleinheit, der in einem kleinen Häuschen sitzt, vor dem Tommy seinen Saab zum Stehen bringt, sieht sie streng an und sagt: »Passkontrolle der DDR. Geben Sie mir Ihren Pass und füllen Sie die Zählkarte aus.« Ewig lange untersucht er die Dokumente und legt diese dann in eine kleine Ledertasche, die auf einem Transportband weitergeschickt wird.
Bert, der sein Sprachvermögen und auch ein wenig Selbstsicherheit wieder erlangt hat, sagt: »Welche Irren schicken unsere Pässe mit einem Transportband los und wo zum Teufel landen die?« Tommy starrt erschrocken auf Bert und entgegnet: »Kannst du nicht deine Schnauze halten? Was ist, wenn die Schwedisch verstehen?« »Da scheiß ich drauf«, antwortet Bert, dessen ärgster kämpferischer Humor zurückgekehrt ist. Vorsichtig fährt Tommy den roten Saab zur Zollkontrolle, die als nächste Instanz auf dem Weg hinter dem Eisernen Vorhang vorgesehen ist. Tommy begreift langsam dessen Bedeutung …
Ein kleiner, dicker Zollbeamter, der keinen Hals zu haben scheint, heißt die beiden jungen Schweden willkommen und sagt lautstark: »Zollkontrolle der DDR. Steigen Sie aus dem Auto, bauen Sie die Rücksitze aus und öffnen Sie den Tankdeckel.« »Das kannst du selbst machen, du dicker Deutscher …«, antwortet Bert. Das sollte er natürlich besser nicht getan haben. »Sie fahren in die Garage«, schreit der deutsche Zollbeamte.
Die Garage, ein schuppenähnliches Gebäude, ist dafür berüchtigt, dass der ostdeutsche Zoll sich einen Spaß daraus macht, ungehorsame Kapitalisten ein bisschen zu piesacken. »Du kannst in Zukunft fahren, mit wem du willst, aber nicht mehr mit mir«, flüstert Tommy, der mittlerweile kurz davor ist, seine Fassung zu verlieren.
Bert steht da und stiert vor sich hin, während der Zoll die druckfrischen Auflagen der schwedischen Erotikzeitschrift FIB-aktuellt und Lektyr und allerlei anderes herausfischt, was nicht in die sozialistische DDR eingeführt werden darf. Tommy, der nicht versteht, dass es auch absolut verboten ist, Musikkassetten mitzubringen, und seine gesamte Sammlung schwedischer Tanzmusik an die Zöllner verliert, fühlt sich immer kraftloser und körperlich schlecht.
Als Strafe lässt der dicke Zöllner die Schweden die üblichen zwei Stunden warten, bis er sich mit seiner Kontaktperson vor Ort in Verbindung setzt. Der wiederum nimmt Kontakt mit Andreas Jähnert auf und stimmt mit ihm ab, wie die Schweden zu bestrafen sind. »Nach meinen Informationen von unserem Kontakt in Schweden ist der ältere Herr Oskarsson ein harmloser, naiver Schwede, den Sie ein bisschen erschrecken können. Der jüngere Herr Svensson ist nicht besonders angenehm und kann uns Probleme bereiten und deshalb werden wir ihn beobachten. Zur Strafe sollen sie 50 DM bezahlen und dann weiterfahren.«
Drei Stunden, nachdem die anderen Schweden den Hafen in Saßnitz verlassen haben, stehen nun Tommy und Bert endlich vor dem dritten und letzten Kontrollpunkt. »Bitte sehr, meine Herren«, sagt die Passkontrolleurin und gibt ihnen die Pässe zurück mit dem Ausreiseformular, das sie niemals verlieren sollten. Sie lächelt kühl und heißt sie herzlich willkommen in der sozialistischen DDR.
Die Sonne spiegelt sich in den Ostseewellen am Strand von Binz. Dieses Paradies war vor dem Zweiten Weltkrieg einer der vornehmsten Badeorte in Norddeutschland. Nach 26 Jahren Sozialismus zeigen sich Verfallserscheinungen. Die wunderschönen Holzhäuser in stilvoller Architektur, deren Farbe bereits stark abblättert, wurden zu Feriendomizilen für Angehörige unterschiedlicher ostdeutscher volkseigener Betriebe. Die wenigen noch verbliebenen Restaurants haben, außer mürrischem Personal, nichts weiter zu bieten.
Andreas Jähnert war es gelungen, für ein massives Reetdachhaus mit Aussicht über die Bucht, einen Mietvertrag zu ergaunern. Er zwang einfach den ursprünglichen Eigentümer zum Verlassen des Grundstücks. Dieser war aufgeflogen, weil er unerlaubte Kontakte nach Westdeutschland hatte. Es war ein abgekartetes Spiel. Ein Gerücht, das Andreas durch seine Kontakte in Westdeutschland arrangierte. Rein zufällig kam dieses Gerücht zeitgleich auf mit der Notwendigkeit einer günstigen Unterkunft für die Zeit des Umbaus des Fährhafens in Saßnitz auf der anderen Seite der Bucht.
»Das hast du gut gemacht, mein lieber Sohn«, sagt Professor Dr. Dr. Peter Jähnert, ein sportlicher Mann um die 60, Marathonläufer und einer der Köpfe, die hinter dem medizinischen Wunder steckten, das eine große Anzahl ostdeutscher Elitesportler hervorbrachte. »Hast du noch mehr Bier? Es ist schrecklich, wie durstig man im Urlaub wird.«
Andreas ist wie die meisten deutschen Männer Haushaltsarbeit nicht gewohnt. Er überlässt daher das Bierholen seiner 28-jährigen Frau Heidemarie. Sie sind seit fünf Jahren verheiratet. Andreas hat sie kennengelernt, als sie bei seiner Mutter Liselotte Assistenzärztin war. Mit ihrem kurzen, jungenhaften Haarschnitt, ihrer sportlichen Figur und dem sommersprossigen Gesicht hätte Heidemarie jeden Mann bekommen können. Das Schicksal hatte sie jedoch mit Andreas zusammengeführt, auch wenn sie Zweifel an seinem Charakter hatte. Aber sie verfiel der Verlockung, aus der Dreiraumwohnung ihrer Eltern im Stadtteil Halle-Neustadt entfliehen zu können. (Im Volksmund auch Hanoi genannt.) Der Name war nicht nur eine Abkürzung, sondern auch eine Anspielung auf die große Anzahl vietnamesischer Gastarbeiter, die für die ostdeutsche Industrie gebraucht wurden.
Heidemarie und Liselotte sitzen oft gemeinsam in der Küche, während ihre Männer die großen Lebensfragen dieser Zeit auf der Terrasse diskutieren. »Glaubst du, dass es in Ordnung ist, wenn wir Kasseler Steak zum Abendbrot servieren?«, fragt Liselotte auf ihre demütige Art. Nach einer langen Ehe mit ihrem Mann Peter hat sie akzeptiert, dass sie für den Haushalt verantwortlich ist, während er einen großen Teil seiner Freizeit dazu verwendet, seinen Studentinnen zu erklären, wie die Gesellschaft funktioniert, und diese wiederum seinen Bedarf an Nähe zufriedenstellen.
Heidemarie entgegnet ihrer Schwiegermutter, dass es bestimmt in Ordnung gehen wird mit dem Kasseler Steak. In Gedanken aber träumt sie von einem anderen Leben – einem Leben voller Fürsorge und gegenseitiger Liebe. Sie kann nicht klagen. Es geht ihr materiell gut, sie wohnen fantastisch hier in Binz und haben ihr neues Auto, einen roten Lada 2106, nach nur drei Jahren Wartezeit bekommen. Der normale Ostdeutsche muss dafür 15 Jahre warten. Aber der Mangel an Respekt gegenüber Frauen ist bei ihrem Schwiegervater und auch ihrem Mann deutlich ausgeprägt. Sie sieht, wie schlecht ihre Schwiegermutter behandelt wird, vor allem an den blauen Flecken, die sie bei ihrem morgendlichen gemeinsamen Bad in der Ostsee bemerkt, obschon diese sie vergeblich zu verstecken versucht. Das ist aber schwierig, da sie wie die meisten Ostdeutschen nackt nach dem FKK-Prinzip baden.
FKK steht für Freikörperkultur, eine gewisse Freiheit in einer ansonsten streng regulierten sozialistischen Diktatur.
»Ich habe vor, heute Abend die Ferienanlagen der Universität zu besuchen. Hast du vielleicht Lust, mich zu begleiten?«, fragt Peter hypothetisch seinen Sohn. »Sehr gern. Hast du einige interessante Gesprächspartner dort?« Andreas blickt erwartungsvoll seinen Vater an. Schon allein der Gedanke, am Abend junge Studentinnen zu treffen, reicht aus, ihn in Erregung zu versetzen.
Das Geräusch der drei mechanischen dieselbetriebenen Spundhämmer, die auf leicht verschmutzten und rostigen Åkerman-Kranen sitzen, hallt im Dreiertakt über ganz Saßnitz. Tommy ist unruhig und hat kalten Schweiß am ganzen Körper. Er befürchtet, dass die 20 Meter langen »Larsen-Spundwandelemente«, die paradoxerweise beim Klassenfeind in Westdeutschland vom Stahlkonzern Hoesch hergestellt werden, nicht die erforderliche Form bilden, damit die Trelleborg-Saßnitz-Fähren problemlos anlegen können.
»Ihr müsst unserer vorgegebenen Linie besser folgen, ansonsten wird die Fähre nicht in das neue Fährbett passen.« Tommy steht neben dem Vorarbeiter der Firma Göteborgs Betongpålar, die im Auftrag von ABV in den nächsten sechs Monaten über 2 500 von diesen leicht rostbraunen Elementen einschlagen soll. Der Vorarbeiter stiert Tommy mit seinen verkaterten Augen an und antwortet: »Wenn du und dein genauso untauglicher Hilfsarbeiter schneller aus dem Arsch kommen würden, könnten wir auch unseren Job machen. Hol lieber einen Kasten Bier im Intershop.«
»Ihr dürft keinen Alkohol auf der Baustelle trinken«, entgegnet Tommy, der vor Aufregung in seinen Dialekt verfällt, der in Närke in Mittelschweden gesprochen wird. »Was zur Hölle sagst du Grünschnabel da? Das geht dich einen Scheiß an – fahr nach Hause und werde lieber Flickschuster.« Der Vorarbeiter dreht sich zu seinen zwei Kollegen um und sagt mit seinem unverwechselbaren Göteborger Dialekt: »Jetzt nehmen wir erst einmal einen Schluck und du, Schuster, zischst mit deinem Lehrling schnellstens ab.«
Tommy und Bert ziehen niedergeschlagen in Richtung ihres Büros ab, das sich neben vielen anderen Bürocontainern an der Stahlbrücke befindet, die den Verkehr zwischen Fähre und Pass- und Zollkontrolle regelt. Tommy will sofort zum Projektchef, Anders Nyström, der aber gerade mit dem Produktionschef, Stefan Palm, die umfassenden Aufgaben des Hafenausbaus bespricht. »Tut mir leid, wenn ich störe, aber ich brauche eure Hilfe«, sagt Tommy etwas kleinlaut. Sie schauen ihn an und Anders sagt: »Wir sind gerade beschäftigt, aber worum geht es?«
Tommy schildert genau, was sich gerade zugetragen hat, und Stefans Augen verengen sich. »Glaubst du, dass das hier eine kirchliche Einrichtung ist, in die du geraten bist? Die Jungs draußen sind die Besten für den Job, den wir machen – seht zu, dass die Spunde an der richtigen Stelle sitzen, ansonsten hol euch der Teufel.« Tommy fällt in sich zusammen und ist den Tränen nahe. Anders empfindet ein wenig Mitleid und versucht, die Wogen zu glätten: »Das wird schon wieder werden. Es ist in Ordnung, wenn sie ein oder zwei Bier trinken, wenn ihnen danach ist. Das wird besser, wenn sie genug von dem billigen Gesöff haben.«
»Übrigens Tommy, wir haben einen kleinen Spezialauftrag für dich. Wir brauchen einen Übersetzer, der unsere Jungs zu dem uns hier in Saßnitz zugeteilten Arzt begleitet. Es ist zweimal in der Woche, dienstags und donnerstags. Du holst die Jungs, die ärztliche Hilfe brauchen, morgens um 06:30 Uhr an deren Unterkunft ab und fährst mit ihnen zum Saßnitzer Krankenhaus. Dort meldest du dich bei der für uns zuständigen Dr. Heidemarie Jähnert.«
Tommy blickt misstrauisch auf seine Chefs und ahnt nicht, dass diese Mitteilung sein Leben für immer verändern wird.
Die Wellen schlagen mit einem zischenden Geräusch in den feinen Sand der Landzunge, die die Ostsee vom Jasmunder Bodden trennt. Tommy hat niemals zuvor so etwas Schönes gesehen wie diesen zwölf Kilometer langen Strand. Seit er das erste Mal vor einigen Wochen zum Baden hierhergekommen ist, zieht es ihn immer wieder zu dieser Stelle, statt mit den anderen Schweden in der Unterkunft Bier zu trinken.
Er parkt seinen Saab und geht an dem lauwarmen Septemberabend durch den hinter dem Strand liegenden vom Wind gepeitschten Kiefernwald, der das wunderbare Schauspiel verbirgt, das sich ihm eröffnet, als er die Spitze der Sanddüne erreicht. Er schlendert langsam und planlos am Wasser entlang und hört auf die Geräusche und den Wind, die seine einzige Gesellschaft sind.
»Warum bin ich hier und wie komme ich hier wieder weg?« Tommys Gedanken kreisen unaufhörlich. Die starke Sehnsucht nach seinem Elternhaus und der Geborgenheit in Örebro macht ihn immer trauriger. Sein Gefühl der Einsamkeit und, dass er abseits der Gemeinschaft der anderen auf dem Bau steht, nagt an seinem Selbstbewusstsein und macht ihn noch unsicherer.
»Habe ich gestern richtig gerechnet, als wir die Linie für die nördliche Kaimauer bestimmten? Himmel, wenn das falsch war.« Der Druck und sein inneres Pflichtbewusstsein lassen ihn sich noch schlechter fühlen. »Vielleicht sollte ich das alles hier verlassen und etwas anderes studieren. Warum nicht Tiermedizin, wo ich doch so an Pferden interessiert bin?«
Tommy träumt vor sich hin. Aber die ganze Zeit spürt er eine starke innere Kraft – irgendeine Form von Selbstdisziplin, die ihn die Zähne zusammenbeißen und nicht aufgeben lässt. Die Sonne geht unter und Tommy wandert zurück zu seinem roten Saab, der seine Sicherheit und Bindung an Schweden ist.
Es ist nicht ratsam, nach Einbruch der Dunkelheit am Strand zu bleiben, denn die Patrouillen der ostdeutschen Grenztruppen sorgen dafür, dass ihre Mitbürger nicht über die Ostsee außer Landes fliehen.
Heidemarie fährt in ihrem hellblauen Trabant 601 auf dem kurvenreichen Weg, der durch den hoch gewachsenen und melancholisch wirkenden Wald zwischen Saßnitz und Stubbenkammer führt. Das Ziel ist die gut versteckte Jagdhütte ihres geliebten Onkels Hans. Die Jagdhütte liegt ohne Einblick tief drin im Wald, verborgen in einer Vertiefung.
Sie parkt ihr Auto auf dem öffentlichen Parkplatz in der Nähe und geht die zwei Kilometer zu Fuß bis zur Hütte. Sie macht das immer nach ihrer Nachtschicht, wenn Andreas auf einer seiner geheimnisvollen Dienstreisen ist. Die Ruhe tief im Wald im Kontrast zum Stress im Krankenhaus führt dazu, dass sich ihre Nerven entspannen und sie wieder klar und strukturiert denken kann. »Schön, hier zu sein und die Nähe zur Natur zu fühlen.«
Heidemarie schließt auf und betritt das spartanisch eingerichtete Haus. Es hat einen großen Raum, der auf einer der kurzen Seiten von einem offenen handgemauerten Kamin dominiert wird. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein grob gezimmertes, breites Bett aus Holz, abgedeckt mit einem Wildschweinfell.
Ihr Onkel leidet seit seiner Zeit in der Normandie 1944 unter einem schweren Trauma. Deshalb hat er sich einen 150 Meter langen Evakuierungstunnel geschaffen, der ihm die Möglichkeit gibt, das Haus unbemerkt verlassen zu können, wenn er sich bedroht fühlt. Unter der Steinplatte vor dem Kamin befindet sich der Eingang zu diesem Tunnel. Der Tunnel ist nach dem Prinzip konstruiert, das beim Bau der deutschen U-Boote Verwendung fand.
»Ich frage mich, was Andreas heute macht?« Ihre Gedanken gehen zu ihrem Mann, von dem sie glaubt, dass er sich in Karl-Marx-Stadt befindet, um Teile der Stahlkonstruktion zu kontrollieren, die beim Bau des Fährhafens verwendet werden sollen. »Ich pfeif im Übrigen drauf, wo er ist. Er ist sicher bei irgendeiner seiner Geliebten …« Ein Anflug von Eifersucht und Hass fährt durch ihren Körper. Sie legt sich aufs Bett und die Müdigkeit überwältigt sie. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein und nicht von Andreas geliebt zu werden, lässt ihre Gedanken nicht zur Ruhe kommen.
Sie wacht vom Duft frischgebrühten Westkaffees auf. Onkel Hans ist vorbeigekommen und bereitet gerade ein Frühstück mit frischen Brötchen und Rührei zu. »Guten Morgen, mein Liebes«, sagt er mit seiner festen Stimme. »Zeit, aufzustehen. Es ist schon 11 Uhr.«
Sie steht auf, geht zu ihm und umarmt ihn. »Was wäre mein Leben ohne dich. Ich fühle mich ohne Grund unglücklich. Irgendetwas stimmt nicht. Ich fühle mich eingesperrt, ohne es zu sein. Ich fühle, dass mir etwas fehlt, ohne dass ich etwas brauche. Ach was rede ich. Wichtiger ist, wie geht es dir?«
Onkel Hans schaut sie mit seinen traurigen, braunen Augen an. »Mein Mädchen, du weißt, dass es im Leben auf und ab geht, aber solange Frieden ist und wir zu essen haben, sollen wir da klagen?« Heidi schämt sich ein bisschen für ihre Traurigkeit, als sie daran denkt, was Onkel Hans durchgemacht hat.
Zu Beginn des Jahres 1944 wurde er als 17-Jähriger zur SS-Panzerdivision »Leibstandarte Adolf Hitler« eingezogen. Obwohl er nie in der Hitlerjugend war und eine normale Figur hatte, war er für diese Elitetruppe ausgewählt worden. Die Hauptsache war gewesen, dass die Lücken, die die gefallenen Soldaten hinterlassen hatten, schnell wieder mit unverbrauchten Soldaten aufgefüllt wurden. Nach einer kurzen und äußerst realitätsnahen Kriegsausbildung in einer Kaserne in Belgien wurde er Ende Juni 1944 mit seinem Bataillon nach Caen in die Normandie verlegt. Was er dort bis zu seiner Gefangenschaft in Falaise im August erlebte, hat er nie jemandem erzählt.
Heidemarie konnte durch ihren Beruf als Ärztin sehr gut einschätzen, dass es zu spät war für irgendeine Entlastung oder Therapie, die ihn von seinen Albträumen und Depressionen befreien würde. Nach drei Jahren in englischer Gefangenschaft und Rückkehr in ein besetztes Deutschland hatte dies nicht auf der Tagesordnung gestanden. Die Devise lautete: Solange es zu essen gibt und dich keiner jagt, ist alles in Ordnung. Durch seinen Fleiß und seine Disziplin gelang es ihm, eine Ausbildung zum Förster zu machen. Danach war er verantwortlich für das große Waldgebiet auf Rügen. Eine eigene Familie wollte er nie haben. Er lebte einsam in einem Haus in Saßnitz mit Blick über die Ostsee.
»Ich bin die einzige Familie, die er hat, und ich kann ihm nicht helfen, dass er endlich zur Ruhe kommt«, denkt Heidemarie, als sie ihm gegenübersitzt.
Andreas wacht in dem runden Bett im Hotel Neptun in Warnemünde auf und blickt in den großen runden Spiegel an der Decke. Was er sieht, macht ihn sehr zufrieden. Links von ihm liegt die blonde Marlene und rechts die brünette Charlotte. Beide nur mit dem gelben Laken zugedeckt. Die zwei sind ihm unterstellte Mitarbeiterinnen. Sie haben den Dienstgrad eines Fähnrichs und sind auch in der Kunst des Verführens ausgebildet, um westdeutschen Männern beim Besuch in der DDR Informationen entlocken zu können.
»Das Leben kann nicht besser werden als jetzt«, denkt Andreas und streckt sich, sodass die beiden Frauen an seiner Seite aus ihrem tiefen Schlaf nach einer ereignisreichen Nacht aufwachen. »Was sagt Ihr meine lieben Kolleginnen, sollen wir nicht ein stärkendes Frühstück und einige Flaschen sowjetischen Sekt bestellen, sodass wir danach unsere Arbeit dort fortsetzen können, wo wir gestern aufgehört haben?« Er blickt lustvoll auf die schönen Frauen und vergisst alles andere um sich herum.
Das Hotel, in dem sie sind, hat das schwedische Bauunternehmen Siab vor fünf Jahren gebaut und ausgestattet. Es ist das feinste Luxushotel im gesamten Ostblock. In den fünf Jahren, die seit der Eröffnung, an der auch Fidel Castro teilgenommen hatte, vergangen sind, wurde das Hotel zu einem begehrten Treffpunkt für erfolgreiche Menschen aus Ost und West. Die meisten Politiker und Geschäftsleute aus dem Westen sind so naiv, dass ihnen nicht der Gedanke kommt, dass das Hotel eventuell gründlich überwacht und abgehört werden könnte. Die Stasi hat dafür gesorgt, dass in jedem Bereich des Hotels eigene Mitarbeiter angestellt sind. Unter den Rezeptionisten, dem Reinigungspersonal und der Leitung – überall gibt es Personal des Ministeriums. Ferner ist auch spezielle Abhörtechnik in den Zimmern installiert, in denen die interessantesten Gäste wohnen.
Andreas wandert am Warnow Strand entlang, der wie ein weißer Kreideteppich zwischen Hotel und Ostsee liegt. Die Fähre, die Warnemünde in Richtung Dänemark verlässt, erreicht die Freiheit in nur zwei Stunden. Andreas blickt mit Abscheu auf die Urlauber, die sich an Bord einer solchen Fähre wähnen und von dieser Freiheit träumen.
»Welche Idioten. Sie wissen nicht, wie gut wir es hier in unserem Vaterland haben.« Und er denkt an seine eigene Situation und wie hervorragend er sein Leben aufgebaut hat. »Sie müssen einfach lernen, härter zu arbeiten, und nicht hierherkommen und träumen.« Er ist wie viele erfolgreiche Männer in der DDR überzeugt, in seinem eigenen Leben die Hauptrolle zu spielen, und die übrigen sollen froh sein, dass sie eine Nebenrolle haben. »Genau wie meine liebe Frau, die glaubt, dass sie unglücklich ist, dabei hat sie doch das Glück, mit mir verheiratet zu sein.«
Er schlendert weiter in Richtung Leuchtturm, der den Schiffen den Weg zur Anlegestelle in Rostock weist.
Tommy fährt den hellblauen Ford Transitbus vorsichtig auf der sandigen Straße, die zu zwei Mehrfamilienhäusern führt, in denen die Bauarbeiter für das Projekt in Zweibettzimmern wohnen. Es ist zeitig am Dienstagmorgen. Die Hitzewelle, die in den letzten Wochen über Rügen liegt, ist der Grund für die riesige Staubwolke, die sich trotz seiner vorsichtigen Fahrweise hinter ihm zusammenbraut und die die ohnehin trockene Luft noch trockner macht.
»Wie zum Teufel soll ich mit diesen Rabauken umgehen und wie soll ich es mit meinem Deutsch schaffen, dass sie die richtige ärztliche Behandlung erhalten?« Tommy zweifelt wie gewöhnlich an seinen Fähigkeiten und fühlt sich unwohl, wenn er im Mittelpunkt steht. Wie so viele aus seiner Heimatstadt Örebro wurde er nicht so erzogen, dass er in seinem Leben gern die Hauptrolle spielt. Stattdessen fühlt er sich wohler, wenn er eine unterstützende Rolle hat oder noch besser eine Statistenrolle ohne irgendwelche Verpflichtungen.
Vor dem Haus steht eine kleine Gruppe von vier Männern. Mit großem Schrecken stellt Tommy fest, dass unter ihnen auch der gemeine Vorarbeiter Nisse ist, mit dem er vorige Woche Streit hatte. »Was zur Hölle … Schuhmacher, bist du Busfahrer geworden?«, schreit Nisse in seinem breitesten Göteborger Dialekt. Die anderen Jungs grinsen und springen in den Bus. Nisse setzt sich neben Tommy und sagt: »Ich habe irgendeine Scheiße an meinem Schwanz bekommen. Das muss abgeklärt werden.« Tommy errötet und weiß nicht, was er entgegnen soll.
Am Krankenhaus in Saßnitz angekommen, führt Tommy seine kleine Gruppe zur in die Jahre gekommene Rezeption und fragt mit seinem aufgefrischten Deutsch nach dem Weg zum Sprechzimmer von Frau Doktor Jähnert. Sie nehmen Platz in dem renovierungsbedürftigen Wartezimmer, das wie alle offiziellen Gebäude in der DDR nach gebohnertem Linoleum riecht. Nach einer Weile kommt Schwester Adelheid und bittet Herrn Oskarsson, ihr zu folgen.
Tommy macht einen großen Schritt in das Besprechungszimmer und fühlt plötzlich, wie die Zeit stehen zu bleiben scheint. »Was passiert hier gerade?«, denkt er. Sein Herz spielt verrückt und er weiß nicht, was er tun soll. Tommy starrt auf die schönste Frau, die er in seinem ganzen Leben gesehen hat, und steht wie ein Idiot mitten im Raum.
Und Heidemarie ist so überrascht, als der schwedische Bauingenieur durch die Tür kommt, den sie mit Spannung erwartet hatte, dass sie an ihrem Schreibtisch sitzen bleibt. »Gott ist der süß und wie jung er noch ist …« Sie fühlt sich unmittelbar berührt und zu dem jungen Mann hingezogen.
Schwester Adelheid, die nach einem langen Leben als Krankenschwester ihre Empathie größtenteils verloren hat, herrscht Tommy an: »Setzen Sie sich Frau Doktor gegenüber.«
Tommy geht auf wackligen Beinen zum Schreibtisch und begrüßt Heidemarie. Sie kann es nicht lassen, ihn ein wenig zu necken, und fragt: »Was haben Sie für ein Problem, Herr Oskarsson?«
»Ich bin nicht krank, ich bin nur der Dolmetscher.« Heidemarie lächelt verschmitzt und Tommy versteht, dass sie nur mit ihm gescherzt hat. Er errötet, senkt seinen Blick auf den Tisch und weiß nicht, was er sagen soll. »Vielleicht sollten wir den ersten Patienten hereinrufen?«, sagt Heidemarie zu Schwester Adelheid mit einer natürlichen, aber bestimmenden Autorität, die Tommy sehr imponiert.
Natürlich kommt als Erster Nisse, der sich auf den Stuhl neben Heidemarie setzt. »Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Eriksson?«, fragt sie. Nisse sagt zu Tommy: »Du weißt ja, was mein Problem ist. Sag es Frau Doktor.« Tommy stottert und faselt: »Er klagt, dass sein Glied nicht funktioniert.«
»So, so, da nehmen wir eine kleine Probe mit einem Schaber, Herr Eriksson. Schwester Adelheid ist dafür Expertin. Es wird ein bisschen brennen, aber seien Sie ein richtiger Mann und beißen Sie die Zähne zusammen!« Dr. Jähnert guckt Nisse mit einer Härte an, die Tommy nicht verstehen kann. Er übersetzt so gut er kann und Nisse wirkt jetzt gar nicht mehr so überheblich. Er wird bleich unter seiner Sonnenbräune und folgt wie ein gehorsamer Hund Schwester Adelheid ins Untersuchungszimmer.
»Möchten Sie ein Glas Wasser, Herr Oskarsson?« Dr. Jähnert spürt, dass auch Tommy leicht nervös wirkt. »Ja, danke, das wäre gut. Es ist das erste Mal, dass ich die Aufgabe als Dolmetscher wahrnehme.« Verdammt, was für eine dumme Antwort, denkt Tommy, als würde sie das nicht wissen …
»Wir werden das hier gemeinsam gut lösen. Atmen Sie tief durch und dann wird es besser. Ohne dass ich das Ergebnis von der Probe kenne, kann ich aber schon sagen, dass sich Herr Eriksson mit Gonorrhö infiziert hat. Er hatte sicher Umgang mit einigen leichten Mädchen aus der Diskothek hier in Saßnitz. Ich werde ihm ein starkes Penicillin verschreiben. Innerhalb weniger Wochen ist die Infektion weg. Ich bin auch gezwungen, danach zu fragen, mit welchen Damen er zusammen war, aber ich werde stattdessen schreiben, dass er zu betrunken war, um diese beschreiben zu können. Ich werde ihm auch klar sagen, dass es im Wiederholungsfall chronisch werden kann und dass er immer ein Kondom benutzen soll.«
Tommy hört betroffen zu und ist erleichtert über ihre Hilfsbereitschaft. »Vielen Dank, Frau Doktor. Es ist für meine schwedischen Kollegen nicht so leicht mit der Situation hier, mit dem billigen Alkohol und anderen Vergnügungen zurechtzukommen.« »Wir sind selbstverständlich für Sie da, um Sie dabei zu unterstützen, dass das wichtige Hafenprojekt rechtzeitig fertig wird. Ich sehe einer erfolgversprechenden Zusammenarbeit mit Ihnen entgegen, Herr Oskarsson.«
Die Behandlung der anderen Kollegen verging wie im Flug. Nachdem er sich bei Frau Doktor bedankt hat, schwebt er leichtfüßig durch die Tür nach draußen erfüllt vom Gefühl, dass er sich gerade bis über beide Ohren verliebt hat.
Im großen Projektkonferenzraum ist der Zigarettenrauch so dicht wie der Nebel in Lützen und der Lärmpegel ist hoch. Der Auftraggeber, die Deutsche Reichsbahn, hat eine erste größere Besprechung einberufen, um den Stand zum Projekt abzustimmen und die Möglichkeiten größerer Zulieferungen aus der DDR für das Projekt zu beschließen.
»Ich begrüße alle Teilnehmer aus Schweden, meine lieben Parteikollegen und alle anderen, und heiße Sie zu dieser Besprechung herzlich willkommen. Ich habe auch den Auftrag, Sie von unserem verehrten Außenhandelsminister, Genossen Horst Sölle, zu grüßen und allen Beteiligten für den Beitrag zur Stärkung der bilateralen Beziehungen zwischen dem Königreich Schweden und der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik zu danken«, eröffnet der auffallend großgewachsene Dr. Egon Weinhardt, gekleidet in einen viel zu großen, weiß gestreiften Anzug, die Besprechung.
Das Parteiabzeichen für die kommunistische SED – das Symbol, das die Staatstreuen in der DDR von der übrigen Bevölkerung unterscheidet – schimmert in Rot und Gold an seinem linken Anzugrevers. Er ist Chef für die ostdeutsche Eisenbahn im Parteibezirk Rostock und der höchste Verantwortliche des Auftraggebers für den neuen Fährhafen.
»Ich übergebe nun das Wort an meinen Stellvertreter, Genossen Andreas Jähnert.« Weinhardt lässt sich schwer auf seinen Stuhl fallen, wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Tommy sitzt mit am Tisch. Er darf nur für die Beantwortung von Fragen zur Messtechnik, für die er verantwortlich ist, an der Besprechung teilnehmen. Tommy denkt darüber nach, wie Andreas, der noch so jung ist, schon in eine so hohe Position gelangen konnte, obwohl es doch so scheint, als würden die alten Parteibonzen alles bestimmen. »Wie nett er wirkt, nicht wie die anderen ostdeutschen Höhergestellten, denen man bisher begegnet ist.«
Für die schwedische Delegation nimmt Sven Nilsson, Auslandsdirektor von ABV, als höchster Vertreter teil. Er gehört zu der Generation in Schweden, die vor dem Kriegsende studiert hat, und deshalb spricht er ein ausgezeichnetes Deutsch. Er ist ein eleganter, gut frisierter und geschmackvoll angezogener Mann Mitte 50. Weltgewandt hat er viele Reisen zu den unterschiedlichen Projekten in der ganzen Welt gemacht und beherrscht die Kunst, mit Vertretern aller Formen von Diktaturen zu sprechen. Er steht auf und sagt: »Wir von der schwedischen Seite versichern Ihnen, dass wir die Fähranlage termingemäß vor dem 28. Jahrestag der friedliebenden DDR im Oktober 1977 fertigstellen werden. Wir tun alles, um die bilateralen Beziehungen zwischen unseren Nationen, für ewig verbunden durch die Ostsee, zu stärken.
Alle anwesenden Ostdeutschen beginnen frenetisch mit der Faust auf den Tisch zu klopfen, sodass es klingt, als wären mindestens 20 Spechte im Raum. Die schwedischen Teilnehmer, zu denen außer Direktor Nilsson noch der Projektchef Anders Nyström, Produktionschef Stefan Palm und Tommy gehören, zucken zusammen und fragen sich, was los ist. Deren Dolmetscher, Walter Mahlstedt, sieht es und sagt auf Schwedisch: »Das bedeutet, dass allen die Rede von Direktor Nilsson gefallen hat. Es ist ein alter Brauch aus dem 18. Jahrhundert. Die deutschen Studenten haben ihn angewendet, wenn ihre Professoren eine besonders gute Vorlesung gehalten haben.« Die Deutschen sehen, dass die Schweden über ihr Klopfen etwas verwirrt sind, und der Beifall ebbt ab.
In einer Besprechungspause kommt Andreas Jähnert zu Tommy und sagt: »Herr Oskarsson, wir haben noch nicht miteinander gesprochen und deshalb will ich die Gelegenheit wahrnehmen und Ihnen für die sorgfältige Arbeit danken, die Sie hier in Saßnitz ausführen. Meine Kollegen, die von unserer Seite für den messtechnischen Teil verantwortlich sind, sind von Ihrer Arbeitsweise und Technik tief beeindruckt.« Andreas lächelt und sieht Tommy an, der errötet und versucht, ein Dankeschön hervorzubringen.
»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich ein bisschen dreist bin. Wäre es möglich, dass Sie im Geiste der Erhöhung des Verständnisses zwischen unseren beiden Ländern einen Vortrag an der Universität Rostock über Ihre schwedischen Methoden halten könnten?«, setzt Andreas fort.
»Das können wir einrichten«, sagt Anders Nyström, der die Unterhaltung zufällig mit angehört hat. »Das bekommst du hin Tommy, nicht wahr?«
Tommy weiß wie gewöhnlich nicht, was er antworten soll, nickt aber bestätigend. »Wie zur Hölle soll ich das schaffen? Als hätte ich nicht schon genug mit meinen normalen Aufgaben zu tun …« Er denkt nach, ist aber gleichzeitig darüber geschmeichelt, dass jemand seine Arbeit schätzt: »… Ein Glück, dass ich durch meinen Opa so viel von der deutschen Sprache mitbekommen habe. Mit ein bisschen Wiederholung und Übung geht das Sprechen immer noch ganz gut. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Deutschen, das man in der Schule lernt, und dem DDR–Deutsch, von dem ich jetzt mehr und mehr verstehe. In der DDR benutzt man spezielle Worte und Formulierungen, die man nur in einer sozialistischen Republik anwenden kann. Aber so ein Vortrag an der Universität – das ist doch wohl eine Nummer zu groß?«
Regen und Nebel liegen dicht über dem Hafen von Saßnitz. Der Rauch von tausenden Schornsteinen verbreitet den Geruch von Braunkohle schlechter Qualität, die Fischfangflotte zieht mit ihren abgenutzten Dieselmotoren vorbei und eine Vielzahl von Möwen schreien ihren Protest kreischend heraus.
Die wunderschönen Sommertage, wo das Leben leicht war, liegen nun schon länger zurück. Tommy und Bert gehen eine der Molen entlang, wo die Spundwände bereits fertig sind. Der Lehm klebt an ihren Stiefeln, sodass es sich anfühlt, als hätten sie Skischuhe an den Füßen. »Verdammt, wie schwer das ist. Müssen wir den Scheiß hier bei diesem Pisswetter machen?«, murrt Bert sehr schlecht gelaunt.
»Wir müssen den nächsten Schritt vorbereiten, damit die Jungs die Verankerung festschweißen können, sodass wir mit der Kies-Befüllung beginnen können.« Tommy versucht, seinen jungen Kollegen etwas aufzumuntern. »Wenn wir das hier geschafft haben, kannst du ein bisschen länger Mittagspause machen.«
Sie kämpfen im leichten Nebel mit der Messausrüstung, die nun klitschnass ist. Die Sicht durch die Linse des Theodoliten wird immer schlechter. »Nun seht verdammt noch mal zu, dass ihr mal fertig werdet«, schreit ein wütender, klein gewachsener Schmied von der Firma Kävlinge Svets in Skåne mit seinem schauerlichen Dialekt. Tommy und Bert sind durchnässt und frieren im Wind, der aus Richtung Norden über das Hafengelände weht.
»Reiß dich zusammen, Bert. Wir sind gleich fertig und können danach Mittagessen gehen«, versucht Tommy, Bert zu motivieren. In den vergangenen vier Monaten ist Bert auf eine Weise erwachsen geworden, die für Tommy schwer zu verstehen ist. Seine Schwäche wurde durch etwas anderes ersetzt – durch eine Entschlossenheit und Kraft, die soeben deutlich wurde, als er den kleinen, wütenden Schmied bittet, nach Hause nach Skåne oder an eine wärmere Stelle zu verschwinden. Bert, der zum Unterschied zu Tommy, einen großen Teil seiner Freizeit mit den anderen Bauarbeitern in der Disko Stubbenkammer in Saßnitz unter dem Einfluss einer bedeutenden Menge deutschen Bieres verbringt, macht den Eindruck, als wäre er ein harter Kerl geworden.
»Bert denkt nicht so viel nach wie ich. Er liegt auch sicher nachts nicht wach und grübelt. Vielleicht sollte ich mehr wie die anderen sein und mit meinen negativen Gedanken Schluss machen«, konstatiert Tommy, als er sein Nachdenken beendet und zur Hafenseebrücke hinüberblickt, die an das Bauprojekt grenzt.
Dort liegen vier mittelgroße Schiffe, die zur Ostseeflotte der Sowjetunion gehören. Die sich in gutem Zustand befindliche graublaue Kriegsmaschinerie zeigt ihm deutlich, wo er sich befindet, nämlich nur 110 Kilometer von Schweden entfernt, aber so weit hinter dem Eisernen Vorhang, wie man überhaupt nur sein kann. Auf dem Kai betreibt eine Kompanie junger Soldaten Krafttraining, nur mit kurzen, blauen Sporthosen bekleidet.
Tommy und Bert vergessen, wie durchgefroren sie eigentlich sind, und patschen durch den schweren Lehmschlamm zum Bürocontainer. Sie sind trotz alledem zufrieden, dass sie Schweden sind und sich nicht im strömenden Regen von einem russischen Leutnant quälen lassen müssen.
Ein großer, schwerer Eichentisch ist von sechs dunkelbraunen Ledersesseln umgeben in einer Ausführung, wie sie die ostdeutsche volkseigene Möbelindustrie heute nicht produzieren kann. Walter Mahlstedt, der Oberst Grosse das erste Mal besucht, nickt zufrieden und sagt: »Herr Oberst, die Möbel hier sind sehr elegant und geschmackvoll. Wie sind Sie dazu gekommen?«
»Lieber Herr Mahlstedt, durch meine guten Kontakte zur KoKo und deren Chef, Alexander Schalk-Golodkowski. Die KoKo hat eine Tochtergesellschaft in Mühlenbeck, die Kunst & Antiquitäten. Diese ist beim Einsammeln von Wertsachen von Mitbürgern behilflich, die wir begleiten, wenn sie unser geliebtes Vaterland verlassen. Die KoKo verkauft diese über verschiedene Kanäle ins kapitalistische Ausland und erhält auf diese Weise Westvaluta, die wir wiederum bei unserer Arbeit zur Stärkung unseres Landes verwenden.
Walter ist überwältigt von der Offenheit, die ihm Oberst Grosse entgegenbringt, und bringt nur ein kurzes »interessant« als Antwort zustande. Nun beginnt der Oberst, der Walter und Andreas Jähnert gegenübersitzt, seine Stimme zu heben: »Es wäre nun interessant, Herr Mahlstedt, wenn wir etwas Förderliches aus Ihrem Auftrag in Erfahrung bringen könnten.«
Walter verließ die DDR, noch bevor 1961 die Mauer gebaut wurde. Er hat außer seiner Arbeit bei dem schwedischen Bauunternehmen ABV auch ein Abkommen mit der Stasi als inoffizieller Mitarbeiter geschlossen. In dieser Funktion soll er über die Aktivitäten des am Bau des Fährhafens beteiligten schwedischen Personals berichten, wenn diese nicht mit den Interessen der kommunistischen Partei übereinstimmen.
»Es sind seit dem Projektstart nun gut vier Monate vergangen und wir wissen immer noch nicht, wer dem schwedischen Nachrichtendienst angehört. Kann es sein, dass wir den Auftrag der falschen Person gegeben haben?« Walter beginnt zu schwitzen und seine Gedanken kreisen umher. Er braucht dringend die steuerfreien 1500 DM, die jeden Monat auf sein Konto in Westberlin überwiesen werden.
»Vielleicht müssen wir unseren Vertrag überdenken und müssen Ihre Verwandten hier im Lande genauer kontrollieren? Ihre Schwester Ingrid in Halle hat ja nun eine gute Position als Schuldirektorin. Es wäre vielleicht nicht so gut für sie, wenn wir Ihnen nicht mehr vertrauen könnten?« Oberst Grosse richtet seinen strengsten Blick auf Walter.
