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In der Welt der Lebenden scheint alles normal zu sein: Teenager haben mehr oder weniger normale Probleme und Erwachsene bekommen davon nichts mit. So geht es auch Lisa und Gerolf. Doch in der Welt der Toten braut sich Ungemach zusammen, das die Erde zerstören und die Menschheit vernichten könnte, denn es kommen keine neuen Seelen mehr nach - der finstere Morso will die Herrschaft über die Welt an sich reißen und riskiert dafür, dass alles in ewiger Finsternis versinkt. Um die Welt zu retten, muss der neunte Kristall gefunden werden, den Morso im Herzen der Erde versteckt hält. Der Weg dorthin führt quer durch Terras Seele und erklärt einige der weniger normalen Probleme, mit denen Lisa und Gerolf bei den Lebenden zu kämpfen hatten … Als Gerolf in Morsors Gefangenschaft gerät, ist Lisa plötzlich auf sich allein gestellt und die Rettung der Welt ist auf einmal gar nicht mehr so wichtig - zuerst muss sie Gerolf retten. Doch damit fangen ihre Probleme gerade erst an …
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Seitenzahl: 637
Veröffentlichungsjahr: 2016
Manuela Kaiser
Der neunte Kristall
Copyright: © 2015 Manuela Kaiser
Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Das Geheimnis der weißen Forelle
»Immer zwei zusammen, teilt euch die Sache ein. Vierzehn Tage. Ich meine doch, das ist genügend Zeit. Und denkt daran: Es zählt wie eine Klassenarbeit.«
Florian verzog das Gesicht.
»Habt ihr eure Namen auf die Zettel geschrieben?«, rief Frau Lindemann durch die Klasse. Sie zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und schnäuzte sich. Heute war wieder einer jener Tage, an denen ihre Heu-Allergie besonders schlimm war.
»Und wenn jeder selbst bestimmt, mit wem er arbeiten möchte?«, schlug Bianca vor.
Bitte nur das nicht, dachte ich. Wer würde schon freiwillig mit mir ein Projekt machen?
»Ich sagte, wir losen aus.«
Möglichst unauffällig faltete ich den Zettel und warf ihn in den Schuhkarton. Achtundzwanzig, das ging genau auf. Bloß nicht Flori oder sein Idiotenfreund Jan. Und wenn schon … ich würde einen Teil der Aufgabe alleine machen, alles eine Sache der Aufteilung. Die Vorstellung, dass jemand sehen könnte wie wir wohnten, löste Horrorvorstellungen in mir aus.
»Ich mache es«, sagte Helen und schob ihre Brille zurecht. Sie nahm den Karton und schüttelte ihn kräftig durch, bevor sie ihn aufs Pult stellte. »Soll ich anfangen?« Wichtig ließ sie ihre Hand unter dem Deckel verschwinden.
»Bastian«, las sie laut, »ist zusammen mit Sven.«
Frau Lindemann schrieb die Namen an die Tafel.
»Vivienne und Theresa.«
Mit jedem weiteren Zettel der gezogen wurde, wuchs meine Anspannung.
»Gerolf und Lisa.«
Kam es mir nur so vor, oder war es jetzt wirklich stiller geworden? Mein Herz pochte wie verrückt. Gerolf, ausgerechnet … er wäre bestimmt nie auf die Idee gekommen freiwillig mit mir ein Projekt zu machen.
»So«, meldete sich Frau Lindemann zu Wort, von jedem Team, das ich an die Tafel geschrieben habe, kommt der Erste vor und zieht die Aufgabenstellung. Bitte laut vorlesen, damit alle es hören.«
»Infrastruktur Schwarzwald«, verkündete Flori.
»Gebräuche, Traditionen«, las Gerolf.
Ich konnte ihn immer noch nicht ansehen, geschäftig kramte ich in meinem Mäppchen. Ob er wütend auf mich war? Bestimmt war er das. Ich wusste genau, dass ein paar Mädchen sich nichts Besseres vorstellten konnten, als mit ihm zusammen zu sein und er sich bestimmt etwas Besseres als mich.
Im Vorbeigehen legte er mir den Zettel auf den Tisch, nur flüchtig begegneten sich unsere Blicke. Für einen Moment glaubte ich in seinen Augen Enttäuschung zu sehen. Er wird mir einen Tausch vorschlagen: Bianca und er, Maxi und ich. Sollte er doch, ich würde ihn sicher nicht davon abhalten.
Ganz klar, die Verhandlungen waren schon im Gange. Bianca stand mit Vivienne und Maxi vor Gerolfs Tisch. Immer wieder schielte sie in meine Richtung. Energisch warf sie ihr Haar nach hinten. Sie lächelte und zog die Schultern hoch, als sie mit Frau Lindemann redete.
Frau Lindemann schüttelte den Kopf. Dachte ich es mir. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie sie es anstellen wollte: Maxi will lieber mit Lisa … So was Bescheuertes.
Frau Lindemann klatschte in die Hände: »Jeder hat den Partner, der gezogen wurde«, rief sie durch die Klasse.
Verstohlen sah ich zu Gerolf. Vielleicht würde er sich jetzt auch ärgern, wie Bianca. Er schrieb etwas auf, dabei klemmte er sich seine Locken hinters Ohr.
»Gerolf und die rote Hinterwäldlerin, tolles Team«, kicherte Flori.
Blödmann, dachte ich. Er konnt es einfach nicht lassen.
»Ich möchte, dass ihr das akzeptiert«, sagte Frau Lindemann.
»Die Aufgabenstellung bleibt ebenfalls für jedes Team so, wie sie gezogen wurde. Eine gute Übung für euer späteres Berufsleben«, fügte sie hinzu. Selbstzufrieden zog sie die Ärmel ihrer Strickjacke nach hinten.
Ein Durcheinander von Fragen prasselte auf sie nieder.
»Es kann doch nicht so schwierig sein, Informationen zu euren Themen zu sammeln. Geht ins Internet, auf Ämter, in Archive und was es sonst noch gibt. Vor allen Dingen: Setzt euch zusammen und überlegt gemeinsam.«
Das war wohl der größte Witz. Wo sollte ich mich mit Gerolf zusammensetzen? Seit der Geschichte auf dem Schulhof hatte ich nicht mehr gewagt ihn anzusehen. Drei Jahre war es schon her, dass er sich meinetwegen geprügelt hatte. Ich weiß selbst nicht, warum ich nie mehr mit ihm reden wollte, auch wenn ich es mir wünschte. Ob es die Angst war, dass er mich auslachen könnte, wenn er mich besuchen käme?
Frau Lindemann musste laut schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Ich sah nach hinten: Ein paar Leute hatten immer noch nicht begriffen, dass nicht getauscht wurde.
»Bullshit«, rief Bianca und warf ein zusammengeknäultes Papier Richtung Mülleimer.
Endlich ertönte der Pausengong.
Bianca riss das Fenster auf. »Hier stinkt’s«, sagte sie, als sie an meinem Tisch vorbeiging.
Ich musste mich zusammenreißen. Langsam hatte ich genug von ihren fiesen Sprüchen.
Als Nächstes hatten wir Sport bei Frau Bender. Wenn dieser Tag doch nur schon zu Ende wäre.
In der Umkleide bemerkte ich, wie gehässig Bianca in meine Richtung sah. Wartete sie etwa auf mich?
»Kannst du nicht aufpassen«, sagte sie und stieß ihre Schultern gegen mich, als ich in die Turnhalle wollte.
Blitzschnell hielt ich sie fest. »Es ist nicht meine Schuld, kapiert? Von mir aus mach ich das Projekt allein, ich brauch deinen Gerolf nicht.«
Sie sah mich überheblich an. »Dann sag es Frau Lindemann. Sag ihr, dass du es alleine machen willst.«
»Mach ich. Verlass dich drauf, blöde Kuh.« Am liebsten hätte ich ihr eine verpasst. Tu das bloß nicht, ermahnte ich mich.
»He, ihr zwei. Was soll das?«
Frau Bender. Ausgerechnet.
»Lass sie los.«
Bianca hielt sich theatralisch an Vivienne fest. »Mir ist total schlecht.«
»Setz dich auf die Bank«, sagte Frau Bender und warf mir einen wütenden Blick zu. Sie steckte ihre Trillerpfeife zwischen ihre schmalen Lippen. »Eine Runde laufen, aber zackig«, schrie sie. »Hopp!«
Die ganze Sportstunde über saß Bianca auf der Bank.
»Magenweh, irgendwie«, hörte ich sie im Vorbeigehen zu den anderen sagen, die sie umsorgten.
Das sah ihr ähnlich: Erst große Klappe und dann wie ein Häufchen Elend auf der Bank sitzen. Warum ärgerte ich mich eigentlich? War es jemals anders?
Wie wollte ich überhaupt Frau Lindemann erklären, dass ich nicht mit Gerolf zusammenarbeiten wollte? Mist!
In der Pause ging ich erst mal auf die Toilette.
Die Tür ging auf, vielleicht war es Bianca. Wenn ich mit ihr reden würde … vielleicht gab es eine vernünftige Lösung? Ich hatte wirklich keine Lust auf ihr Eifersuchtsgezicke.
»Hast du gesehen, wie brutal sie ihren Arm festgehalten hat? Kein Wunder, dass ihr das auf den Magen geschlagen ist.«
Vivienne, stellte ich fest und verhielt mich still. Mit wem unterhielt sie sich?
»Ich möchte mich nicht mit ihr anlegen.«
Theresa, nur sie redete so durch die Nase.
»Hast du Angst?«
Ich glaubte mich verhört zu haben. Angst vor mir? Sind die noch zu retten?
»Nein, aber ich hab gesehen, zu was sie fähig ist.«
Ich wagte kaum zu atmen.
»Du meinst, als sie Flori die Latte ins Gesicht knallte?«
»Zum Beispiel. Ich sag dir, die ist unberechenbar. Selbst Jan hat Respekt vor ihr. Sie ist wirklich ein bisschen irre.«
Warum zum Teufel glaubten sie, dass ich irre sei? Nicht ein einziges Mal habe ich ihnen was getan.
Erst als die Tür zur Umkleide zuschlug, streckte ich den Kopf aus der Toilettentür.
Bianca saß auch die zweite Sportstunde auf der Bank.
Als die Stunde vorbei war, ließ ich mir extra viel Zeit, bevor ich in die Umkleidekabine ging. Ich wollte, dass Vivienne mit ihrem Gefolge schon weg war. Ich mochte sie heute nicht mehr sehen – keine von ihnen. Es war einfach genug.
Feiglinge, dachte ich, als ich aus der Turnhalle kam und mein Mofa auf dem Boden liegen sah.
»Na? Umgefallen?«, rief Flori. »Steht halt schlecht, deine Drecksmühle«
Bianca, die mit Vivienne zusammenstand, kicherte. Anscheinend ging es ihr wieder besser.
Ich setzte den Helm auf. Die glaubten also, dass ich irre sei? Dann sollte Flori auch ruhig ein bisschen Angst haben.
»Spinnt die?«, schrie er und war mit einem Satz in den Büschen.
Ich hielt an und sah zurück. »Steht halt nicht gut, so ein Weichei«, rief ich.
Selbst schuld, diese Idioten. Wie sie auf mich gewartet haben … ein gefundenes Fressen für Florian. Ich hatte zwar keine Beweise, dass er es gewesen war, aber ich war mir absolut sicher. Was, wenn er zur Schulleitung ging? Wenn ich es zu Hause erzählen würde, ginge der Tanz wieder von vorne los: Kannst du nicht mal nachgeben?, wäre Mamas enttäuschter Kommentar. Ob Gerolf davon wusste? Selbst wenn nicht, was würde es ändern?
Ich stellte mein Mofa ab und scheuchte ein Huhn aus dem Flur; wenigstens die Tür hätte sie zumachen können. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Es war nicht nötig, dass ich ihn las. Essen im Backofen, komme später, Mama.
In der Küche herrschte eine Bullenhitze. Wenn sie sich endlich zu einem Elektroherd durchringen könnte, wie normale Menschen, bräuchte sie nicht bei dreißig Grad den Holzherd anfeuern. Gemüseeintopf, stellte ich fest, als ich den Deckel hob. Vielleicht später.
Ich nahm meine Matheaufgaben und setzte mich an den Küchentisch. Diese Aufgaben waren schlimmer als eine Woche auf dem Bohnenacker. Eine zweite Fünf konnte ich mir wirklich nicht leisten.
Als ich auf die Uhr sah, war es schon nach fünf. Der Gemüseeintopf im Backofen war immer noch warm. Im Winter war das eine tolle Sache, aber nicht im Sommer. Und schon gar nicht in der heutigen Zeit. Wenn wir wenigstens einen Kühlschrank besitzen würden. Manchmal hatte ich das Gefühl, je mehr ich Mama davon überzeugen wollte, desto mehr war sie dagegen. Ein paar Jahre noch, dann würde ich nach Freiburg gehen und studieren, genau wie sie früher. Nur mit dem Unterschied, dass ich mich nie auf diesen Berg zurückziehen würde, um einen auf Aussteiger zu machen. – Wer zum Teufel hatte noch ein Plumpsklo im Hof?
Ich ging zum Stall und holte einen halben Eimer Fischfutter. Ist bald leer, stellte ich fest. Seit sie arbeitete, vergaß sie wirklich alles außer Gemüse, Käse und Bioladen. An Tagen wie heute glaubte ich, dass es auch ihre Schuld war, dass alles so schwierig blieb. Sie war Biologin – was machte sie hier?
Die Sache heute ging mir noch immer nicht aus dem Kopf. Ich kickte meine Ballerinas von den Füßen. Das weiche Gras tat gut. In weitem Bogen warf ich das Fischfutter über den Teich; das Wasser begann zu sprudeln, als würde es kochen. So viele Fische. Fasziniert sah ich sie an. Wie wunderschön ihre Körper in der Abendsonne schimmerten, wenn sie an die Oberfläche kamen und mit ihrer Beute wieder abtauchten.
Ich setzte mich und ließ meine Beine ins Wasser baumeln. Es war noch immer heiß. Vielleicht sollte ich nachher in den Teich springen; gegen eine kleine Abkühlung hätte ich nichts.
Die Oberfläche des Teiches war nun wieder glatt, als wäre nichts gewesen.
Ich musste an Lillith denken, meine weiße Forelle. Ich hatte Mama mal gefragt, ob Fische denken könnten. Nein, Fische denken nicht, war die Antwort gewesen. All meine Geheimnisse hatte ich meiner Lillith erzählt. Immer wieder bin ich heimlich zum Brunnenschacht geschlichen. Wenn Mama gewusst hätte, dass meine einzige wahre Freundin ein Fisch war, wäre mir die nächste Therapiestunde sicher gewesen.
Selbst nach meinem Unfall hatte ich ihr die Wahrheit nicht erzählt. Schon verrückt. Gerolf war damals der Einzige, der mir geholfen hatte, als Flori Schlafwandlerin zu mir sagte – ich war damals unsterblich in Gerolf verliebt. Er war so anders, als er neu in unsere Klasse kam. Heute würde er mir sicher nicht mehr helfen. Bestimmt hatte er damals noch nicht viel über mich gewusst, als er mich aus dem Schwitzkasten befreit hat. Man kämpft nicht gegen Mädchen, hatte er zu Florian gesagt.
Ich musste lachen, als ich das Bild wieder vor mir sah. Florians roten Kopf werde ich nie vergessen – wie er auf Gerolf zurannte und der ihm einfach ein Bein gestellt hat.
Warum machte ich mir eigentlich Gedanken über den alten Kram? Ich sah auf die Brunnenwiese. Dort stand Märe, die alte Geiß, und meckerte. Rosel und die anderen standen auch schon vor dem Gatter. Mama war noch immer nicht da. Was soll’s, fang ich eben alleine an zu melken.
Wenn mir die Märe nicht wieder den Eimer umgetreten hätte, könnten es drei Liter mehr sei. Wenigstens blieben die anderen vier stehen. Gerade als ich fertig war, hörte ich Mamas alten VW-Bus.
»Na, schon fertig?«, rief sie mir entgegen, als ich mit den Milchkannen zum Brunnentrog lief.
»Nur noch durchfiltern«, sagte ich stolz.
»Und die Märe?«
»Wieder den Eimer umgetreten.«
»Ist trotzdem genug«, sagte sie. »Sie reißen mir den Käse aus der Hand.« Glücklich sah sie mich an. »Gehen wir nachher eine Runde im Teich schwimmen?«
Wenn ich sah, wie stolz sie auf alles war, brachte ich es nicht mehr fertig, daran rumzunörgeln.
»Papa kommt morgen von der Montage zurück.«
Wieso ließ er uns so oft allein? »Schön«, antwortete ich nur. Noch ein Punkt, in dem ich sie nicht verstand. Ihre Augen strahlten, als sie es sagte. Wie konnte er nur so sicher sein, dass sie immer auf ihn warten würde?
Ich sah Mama eine Weile an, wie sie ihren Haarknoten löste.
»Morgen«, sagte ich nach einer Weile, »war er drei Wochen weg.«
***
Schon vor dem Unterricht hatte ich ein flaues Gefühl, als ich Gerolf mit Bianca und Florian auf dem Schulhof sah. Als in der ersten Stunde Bianca und Florian fehlten, bestätigte sich meine Vermutung.
Es war klar, dass es so kommen musste, dachte ich, nachdem ich ins Rektorat bestellt worden war.
Gerolf kam mir entgegen.
»Zufrieden?«, fragte ich.
Er sah mich verwirrt an. »Hör zu …«
»Lass mich in Ruhe«, fuhr ich ihn an. Zu feige, um mir selbst zu sagen, dass er nicht mit mir arbeiten will.
»Komm rein«, sagte Herr Schneider, als ich anklopfte. Er sah mich an und atmete tief ein. »Was denkst du, ist passiert?«
Ich zuckte die Schultern. »Ich wollte es nicht. Es war nur, weil Flori mein Mofa umgeworfen hat und weil …« Ich schwieg.
Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, sodass man dunkle Schwitzflecken sah. Nachdenklich betrachtete er mich. »Du solltest langsam lernen, mit deinen Problemen anders umzugehen. Wenn was passiert wäre, was dann?«
»Ich wollte ihn doch nicht wirklich …«
»Lisa, er musste zur Seite springen.«
»Ich hatte es unter Kontrolle«, sagte ich.
»Hattest du? Du kannst froh sein, dass ein Mitschüler die Sache aufgeklärt hat. Ein Schulverweis wäre dir sicher gewesen. Ich habe mit Florian und Bianca geredet.«
»Danke«, murmelte ich.
Gerolf … woher wusste er von der Sache?
Ich tat möglichst unauffällig, als ich ins Klassenzimmer zurückkam. Die Tische waren umgestellt, der Platz neben Gerolf war leer. Auf meinem Platz saß Sofie.
»Musst zu Gerolf«, sagte sie.
Ich nickte.
Gerolf war damit beschäftigt, einen Plan zu erstellen. »Und?«, fragte er.
»Alles okay«, antwortete ich knapp und setzte mich neben ihn.
»Wir müssen zusammenarbeiten, deshalb mach ich einen Plan. Wann hast du am besten Zeit?«
»Ich kann fast immer«, sagte ich.
»Na, dann ist es einfacher, als ich dachte. Wo wollen wir arbeiten?«
»Muss erst schauen, ob es bei uns geht«, sagte ich.
»Wir werden sehen. Hast du E-Mail?«
»PC … ist gerade kaputt«, log ich.
»Aha, dann eben mit dem Handy.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Du hast kein Handy?«
»Nein, hab ich nicht.«
Gerolf hatte bestimmt eine genaue Vorstellung von unserer Präsentation. Er war so damit beschäftigt, dass er nicht mal den Gong hörte.
Bianca sagte keinen Ton, als ich an ihr vorbeilief. Erst im Schulhof sah ich, wie sie sich an seine Fersen heftete. Ich fragte mich, ob sie wusste, dass Gerolf bei Schneider gewesen war. Sicher nicht.
Ich musste heute noch auf den Friedhof. Ich hatte Oma versprochen, die Blumen auf dem Grab ihrer Schwester Berta zu gießen. Vielleicht würde ich es erst gegen Abend machen, auch wenn ich dazu nochmals ins Dorf fahren müsste. Versprochen war versprochen, außerdem konnte es ja sein, dass Papa zu Hause war und zu Lillith wollte ich auch noch.
Wie sollte es anders sein, er war noch nicht da. Er würde erst spät abends kommen, meinte Mama. Sie war schon wieder auf dem Sprung: Bohnen-Nachschub für den Bioladen. »Essen steht im Backofen«, rief sie mir zu, als sie losfuhr.
Wochenende! Wenigstens etwas Erfreuliches. Ich sprang in den Teich und legte mich eine Weile in die Sonne. Vielleicht würde sich Lillith über ein bisschen Sonnenlicht freuen. Als ich zum Brunnenschacht hinter der Haselhecke lief, hörte ich schon von Weitem das Plätschern und Gurgeln. Langsam schob ich den Deckel beiseite, eine kühle Brise stieg mir entgegen.
»Du hast es gut«, begrüßte ich sie, »hier draußen ist es viel zu heiß und knochentrocken. Weißt du, was die letzten Tage Verrücktes passiert ist? Du glaubst es nicht.« Ich sah sie an, wie sie ruhig im Wasser schwamm. »Gerolf, du weißt doch, der von früher … ich mach mit ihm ein Projekt. Heute saß ich neben ihm und musste die ganze Zeit wegsehen, wenn er mich angeguckt hat. Immer, wenn er es nicht gesehen hat, hab ich ihn angeschaut. Ich glaube, er ist mit Bianca zusammen. – Weiß du, dass ich mir manchmal echt blöd vorkomme, wenn ich dir diese Dinge erzähle? Schau mich nicht so beleidigt an, du bist trotzdem meine Freundin.«
Mist, den Friedhof hätte ich fast vergessen. Ich sah sie noch einmal an, bevor ich den Deckel wieder über den Schacht schob. Manchmal hatte ich das Gefühl, als könnte sie mich verstehen.
Ich setzte mich auf mein Mofa und fuhr ins Dorf. Mein Tank war ständig leer und das würde noch schlimmer werden, wenn ich dauernd zu Gerolf musste.
Als ich die vielen Fahrräder im Fahrradständer sah, war mir klar, dass nicht eine Gießkanne mehr frei sein würde. Und tatsächlich: Vor dem Wasserbecken standen sie Schlange.
Wenigsten war die Bank unter der Trauerweide frei. Ich dachte an die Zeit, als ich immer mit Oma hier war. Sie kam nur noch selten, seit ich mich um Bertas Grab kümmerte.
Meine Augen verweilten auf dem verwilderten Grab, dem einzigen, das vom alten Friedhof übrig geblieben war. Früher hatte ich Blumen gepflückt und sie dort niedergelegt. Das alte Knechtgrab mit dem Kreuz, auf dem nur Anton stand – ein Taubstummer, von dem niemand wusste woher er kam.
Ich lehnte den Kopf zurück und sah in die Trauerweide. Ich liebte diesen Baum.
»He, schläfst du?«
Gerolf stand plötzlich vor mir. Er hätte mich fast zu Tode erschreckt.
»Du bist oft hier. Ich hab dein Mofa gesehen.«
»Ach, musst du auch gießen?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe hier keine Verwandten. Sind alle in Essen beerdigt. Warst du schon mal dort?«
»Nein, wie ist es da?«
Gerolf ließ sich neben mir nieder. »War wieder ganz schön heiß heute«, sagte er, ohne mir eine Antwort auf meine Frage zu geben.
»Warum hast du mir geholfen?«
»Weils ungerecht war.«
»Wusstest du, was sie vorhatten?«
»Nein, erst heute Morgen. Sie wollten, dass du einen Schulverweis bekommst.«
Ich bekam kein einziges Wort mehr heraus. Klar, wie konnte ich nur so dumm sein: Bianca misshandelt und Florian fast umgefahren. Das hätte reichen können.
»He, es nichts ist passiert, klar? Denk nicht mehr darüber nach.«
Gerolf hatte gut reden. Wie sollte ich vergessen, dass sie mich auf diese Art loswerden wollten? »Wissen sie, dass du es dem Schneider gesagt hast?«
»Ich denke schon. Mein Mountainbike hatte einen Platten.«
»Schon wieder Ärger wegen mir«, sagte ich.
»War meine eigene Entscheidung.« Dabei sah er mich an und lächelte.
Ich mochte die Grübchen in seinen Wangen. Verlegen sah ich weg. »Ist es eigentlich okay für dich?«
Er sah mich fragend an. »Was meinst du?«
»Das mit dem Projekt, dass du mit mir …«
»Oh, das Projekt! Auf jeden Fall! Ich finde es klasse. Warum fragst du?«
»Weil doch Bianca …«, stammelte ich.
»Bianca?«
»Nun ja, weil sie mit dir zusammen ist.«
»Wie kommst du denn darauf?«
»Keine Ahnung, ich dachte, ihr …« Sag keinen Ton mehr, dachte ich, das war Blamage genug. Es hatte sich angehört, als würde ich ihm nachspionieren.
Gerolf sah mich verblüfft an, »Da weißt du mehr als ich.« Sichtbar amüsiert neigte er den Kopf zur Seite.
»Ich dachte zuerst, dass du auch daran beteiligt wärst.«
»Es ist nicht meine Art, Dinge so zu lösen.« Sein Tonfall wurde ernst. Die Enttäuschung stand ihm im Gesicht geschrieben.
Das war bescheuert von mir. Warum hatte ich nicht den Mund gehalten? Er könnte jetzt aufstehen und gehen. Sag was, sag irgendetwas. »Es tut mir leid«, stammelte ich, »es war nur, weil ich Angst hatte.«
»Wovor?«
»Ich dachte, du hättest keinen Bock mit mir zu arbeiten.«
»Warum denkst du so über mich?«
Schweigend sahen wir uns an. Mein Blick verlor sich in seinen grünen Augen. Ich fühlte mich ihm so nah, so vertraut. Es kam mir vor, als würden unsere Gedanken miteinander verschmelzen.
»Hallo Gerolf. Na? Kleine Aussprache? Hi Lisa!« Vivienne stand mit einer Gießkanne vor uns. Ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Sonne hinterließ eine rote Nase in ihrem Gesicht. »Wahnsinn, so heiß wie heute war es schon lange nicht mehr. Hab gerade Wetterbericht geschaut. Morgen soll’s noch heißer werden. Musst du auch gießen?« Die Frage war ausdrücklich an Gerolf gerichtet.
Ich tat, als hätte sie mich gemeint: »Ja, Bertas Grab.«
»Tja«, wandte sie sich an Gerolf, »ich dachte, du kommst heute ins Schwimmbad?«
»Keine Zeit. Musste mein Mountainbike reparieren.«
»Ach so. Kaputt?«
»Nein, nur ein paar Nägel.«
»Schade, wir waren alle dort. Bianca auch«, fügte sie hinzu, dabei warf sie mir einen schnippischen Blick zu. »Ich muss weiter«, sagte sie, als eine Frau ihr die Gießkanne abnehmen wollte.
Sie war noch nicht einmal am Wasserbecken, da hielt sie schon ihr Handy am Ohr.
»Sehen wir uns morgen?«, fragte Gerolf. »Ich kann dich besuchen kommen.«
»Nicht nötig, wir können uns wieder hier treffen. Gleiche Zeit, gleicher Ort?« Ich lächelte krampfhaft.
Gerolf sah mich merkwürdig an. »Genau wie damals«, sagte er.
»Du willst nicht, dass ich zu dir komme. Ist es das? Erlauben es deine Eltern nicht?«
Gerolf würde imstande sein und meine Mutter besuchen.
»Nein, ich hab fast keine Zeit«, erwiderte ich. Das war wohl das Dümmste, was mir einfallen konnte. – Und wenn ich ihn darum bitten würde, dass er es niemandem erzählt? Ich könnte es versuchen …
»Sag mal, du wohnst doch dort oben Richtung Hörnleberg? Meine Mutter erzählte mir, dass ihr in einer Hütte wohnt, mit Ziegen und so und euer eigenes Gemüse anbaut. Stimmt das?« Eine Hütte. Na toll, dachte ich. »Ja, das stimmt. Wir haben Tiere und viel Gemüse. Aber eine Hütte ist es nicht. Es ist ein Blockhaus und die Tiere leben im Stall, das ist ein Unterschied. Wenn du willst, kannst du vorbeikommen und es dir ansehen.« Waren das eben wirklich meine Worte? Ich musste verrückt sein.
»Gut, ich werde kommen. Bis morgen. Wir sehen uns. – Ich komme früher«, rief er mir zu, als er schon fast weg war.
Ob das eine gute Idee war? Was, wenn er mich auslachte?
Papa war immer noch nicht da. Mama war sichtlich enttäuscht.
»Ein Schulfreund kommt mich besuchen.«
»Wirklich?«, antwortete sie erstaunt. »Schön. Ich freue mich für dich. Dann konntest du dich endlich überwinden?«
»Ich will ihm zeigen, wie wir wohnen. Er kann es sich gar nicht vorstellen, dass wir hier ohne Strom leben und ohne fließendes Wasser.«
»Wir haben fließendes Wasser«. Vorwurfsvoll sah sie mich an.
»Ja, aber nur vor dem Haus und in der Küche«, protestierte ich.
»Was ich meine ist: Wir leben etwas eigenartig, findest du nicht? Andere Leute haben ein Badezimmer und Strom und keine Petroleumlampen. Unser Kühlschrank ist ein Holzkästchen über dem Brunnentrog – wirklich super.«
»Ja, warum nicht? Und gekühlt wird es mit unserem kalten Quellwasser. Früher hat man alles so gekühlt. Effizient und umweltfreundlich!«
»Na und? Das ist noch lange kein Grund, dass wir so leben müssen«, erwiderte ich.
Verständnislos sah sie mich an »Das ganze Elektrozeug brauchen wir nicht zum Leben. Außerdem macht es uns krank.« Mit solchen Sprüchen beendete sie jedes Mal unsere Diskussion.
»Was ist, wenn ich später einmal von hier weggehe? Da muss ich dann ganz schön viel lernen und mich umgewöhnen«, sagte ich in der Hoffnung, dass sie auch mal an mich dachte.
»Nur wenn du es möchtest. Du kannst auch hier oben bleiben und trotzdem in der Stadt deinem Beruf nachgehen. Aber bis dahin werden noch ein paar Jahre vergehen.«
Ich konnte es nicht ausstehen, wenn sie so tat, als wäre es noch eine Ewigkeit bis dahin. Auf jeden Fall war es aussichtslos sie umzustimmen. Sie hatte ihre Meinung und aus.
Ich war so aufgeregt, dass ich fast nicht einschlafen konnte. Gerolf besuchte mich – wenn das Bianca wüsste. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere. Mein Kopfkissen fühlte sich an, als wäre es mit Kartoffeln gefüllt. Morgen war Samstag, wenigstens konnte ich ausschlafen.
***
Ich wusste nicht, wie spät es war, als ich die Augen aufschlug. Die Sonne schien auf die Kommode in meinem Zimmer. Wenn sie das tat, war es schon zehn Uhr vorbei. Ich sah aus der Haustür. Mama war sicher auf dem Bohnenacker …
Wie ein Blitz traf es mich: Gerolf! Er wollte heute kommen!
Eilig lief ich zum Brunnentrog und wusch mich.
Ich hatte noch nicht mal den Jeansrock richtig an, da hörte ich Stimmen auf dem Hof. Mein Herz pochte wie verrückt.
Ich war froh, als ich Mamas Stimme hörte. »Hallo, du bist sicher Lisas Schulfreund.«
»Ja, Gerolf Schöneberger«, hörte ich ihn sagen.
Hastig eilte ich die Stufen runter.
»Ausgeschlafen?«, meinte er grinsend.
»Ja, klar«, antwortete ich. »Hast du lange gebraucht, um herzukommen?«
Er zog die Augenbrauen hoch. »So weit ist es nicht. Drei Kilometer.«
»Wenn du willst, kann ich dir den Hof zeigen, unsere Tiere und das Blockhaus. Ich meine – falls es dich interessiert.«
Gerolfs Gesicht strahlte förmlich vor Neugierde. Voller Begeisterung ließ er sich alles zeigen. Sogar Mamas Waschkessel im Freien fand er faszinierend.
»Ist spannend bei euch«, schwärmte er. »Am liebsten würde ich auch in so einem Blockhaus wohnen. Wie seid ihr dazu gekommen?« Er ließ sich auf der Bank vor unserem Haus nieder.
»Meine Mutter hat es gefunden. Sie wollte schon immer so leben.«
»Cool«, sagte Gerolf.
»Sie hat Biologie studiert und eine Weile in der Stadt gearbeitet. Aber dann hat sie meinen Vater geheiratet. Als sie durch Zufall hörte, dass hier oben so ein Häuschen steht, haben die beiden es sich sofort angeschaut. Mama verliebte sich auch gleich in die Bude. Und dass es keinen Strom gab und nur einen Wasserhahn, störte sie nicht. Sie sagte, sie wollte es schon immer so haben, mit keinem anderen Haus im Dorf würde sie tauschen wollen. Meine Eltern kauften sich dann noch jede Menge Tiere, bauten einen Stall, und die Wiesen um das Haus konnten sie auch gut nutzen. Es reicht sogar, um Heu zu machen für den Winter.«
»Nicht übel, aber bestimmt ’ne Menge Arbeit«, sagte Gerolf.
»Ein Landwirt aus dem Dorf macht uns das. Mein Vater sagt, dass er das Blockhaus und die Wiesen spottbillig von der Gemeinde kaufen konnte, weil die nicht wussten, was sie damit machen sollten. Früher hätte hier mal ein Ehepaar gewohnt mit ihrer Tochter, aber in einer Unwetternacht seien sie alle verschwunden. Wohin weiß niemand, nach einer Abreise hat es nicht ausgesehen. Die Leute erzählen sich, es wäre sogar noch die Suppe in den Tellern gewesen … Die alten Dorfbewohner machen seither einen Bogen um das Blockhaus. Sie glauben, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, übernatürliche Kräfte, Flüche und all so Quatsch, verstehst du? Also hatte niemand von hier Interesse und die Gemeinde war froh, dass es in gute Hände kam und sie es los waren. Das Blockhaus ist sehr alt, zweihundert Jahre oder so. Achtzig Jahre davon stand es bestimmt leer. Wenn es nicht unter Denkmalschutz stehen würde, hätten sie es längst abgerissen oder zerfallen lassen.«
»Wahnsinn«, sagte Gerolf, »richtig spannend.«
»Ich will dir nachher etwas zeigen, das noch spannender ist.«
»Da bin ich aber neugierig«, sagte er lächelnd. Dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst. »Bei uns zu Hause ist alles anders. Es muss perfekt passen, alles ist digital und elektronisch und eine Kamera überwacht das Haus. Aber das hier, weißt du, das ist cool. Ich kann gar nicht glauben, dass es Leute gibt, die so wohnen. Meine Mam würde komplett durchdrehen, wenn sie ihre Haushaltsgeräte nicht hätte, ohne Fernseher und Internet – unvorstellbar. Sie könnte nicht stundenlang mit Tante Beate am Telefon quatschen und sich über alles beschweren, was nicht in ihre Welt passt. Am liebsten würde sie sagen, was bleiben darf und was keinen Platz hat.«
»Was macht denn deine Mama?«, musste ich ihn fragen.
»Mam ist Innenarchitektin. Sie arbeitet zwei Tage in der Woche bei einer Firma, die Büros plant.«
»Das verstehe ich nicht. Was gibt es denn da zu planen? Ein Schreibtisch und ein Stuhl, das ist doch eine einfache Sache?«
Gerolf sah mich erstaunt an. »Was es da zu planen gibt? Hast du eine Ahnung. Das sind Büros für riesige Unternehmen. Da arbeiten hundert Leute auf einer Etage, die ganzen Geräte, PCs, Kopierer und das ganze Zeug, das muss alles genau passen, sonst ist es nicht produktiv und unnötige Wege oder Engpässe entstehen. Aber he, du wolltest mir doch noch etwas zeigen?«
Ja, das wollte ich. Hoffentlich ist es kein Fehler, dachte ich.
»Aber du musst mir versprechen, dass du es niemandem verrätst, hörst du? Es ist ein Geheimnis.«
Als wir vor dem Brunnenschacht standen, musste er nochmals schwören, dass er es niemandem verraten würde.
»Geheimnisse sind bei mir so gut aufgehoben, wie im dicksten Tresor«, sagte er.
Vorsichtig öffnete ich den Schacht.
Neugierig warf er einen Blick hinein. »Wow«, sagte er, »ein schöner weißer Fisch.«
Mehr nicht.
»Warum ist er nicht in eurem Teich bei den anderen Fischen? Hier hat er ja gar nichts. Kein Licht, keine Pflanzen … der Fisch ist ja ganz alleine und zu fressen hat er doch auch nichts? „Alles ist gut so wie es ist«, sagte ich.
»Was machst du hier mit ihm? Wir sollten einen Eimer holen und ihn zu den anderen Fischen bringen. Das wäre das Beste«, belehrte er mich.
»Nein, auf keinen Fall, das geht nicht.«
Er warf mir einen fragenden Blick zu. »Schon gut, ich dachte nur weil …«
»Die Forelle muss die Mücken im Schacht fangen«, unterbrach ich ihn.
»Die Mücken? Was für Mücken denn?« Gerolf hatte so wenig Ahnung von dieser Sache, wie ich von Büros.
»Pass auf, es war so: Meine Eltern haben sie als kleinen Fisch aus dem Teich geholt. Sie sollte eine ganz besondere Aufgabe erhalten.«
»Etwa die Mücken fressen?«
»Genau! Damit unser Blockhaus sauberes Wasser hat.«
»Lass mich raten: eine Idee deiner Mutter. Seltsame Vorstellung. Und? Hat es geklappt?«
»Ich habe noch nie eine Mücke im Wasser gesehen. Als Papa die Forelle damals in den Schacht setzte, war sie normal gefärbt, und als er nach einem Jahr den Schacht öffnete, war sie weiß. Sie sagten, das liegt am fehlenden Licht. Tiere, die im Dunkeln leben, sind immer farblos.«
Gerolf setzte sich neben den Brunnenschacht. »Und das ist dein Geheimnis?« Er kniff den Mund zusammen, als müsse er sich das Lachen verkneifen.
»Das ist nicht alles. Das Wichtigste kommt noch: Wenn ich abends im Bett lag, musste ich immer an sie denken. In manchen Nächten war es besonders schlimm, aber ich kann dir nicht sagen, wieso. Deshalb habe ich sie immer besucht. – Ob du es glaubst oder nicht: Ich habe ihr sogar vorgesungen. Nichts wäre passiert, alles hätte so bleiben können, wenn nicht in einer Vollmondnacht etwas Seltsames geschehen wäre: Ich wusste plötzlich, dass meine Forelle an mich dachte. Deshalb schlich ich aus meinem Bett und ging nach draußen.«
Gerolf sah mich merkwürdig an. Oh Gott was erzählte ich da? Er wird mich für verrückt halten.
»Und dann?«, sagte er, »was hast du gemacht?«
»Der Mond schien so hell«, sagte ich leise. »Jeden Stein konnte ich auf dem Boden sehen. Die weißen Federn, die die Enten und Hühner im Hof hinterlassen hatten, schimmerten im Mondlicht silbern. Es zog mich zum Brunnenschacht, ich wollte ihn öffnen, aber er war schon offen. Die Forelle war nicht mehr da. Ich hätte sie sehen müssen, so weiß wie sie war, aber sie war verschwunden, einfach weg. Jemand musste sie gestohlen haben, dachte ich damals. Aber wer? Und überhaupt – wer weiß schon, dass in unserem Brunnenschacht eine weiße Forelle lebt? Deshalb wollte ich sofort am frühen Morgen, noch vor der Schule, zum Brunnenschacht. Ich musste mich noch mal davon überzeugen, damit ich es glauben konnte. Zu meiner Überraschung war der Schacht zu. Ich machte ihn auf und da sah ich meine weiße Forelle.«
Gerolf streckte sich und gähnte. »Sie hatte sich versteckt«, sagte er.
»Selbst unter dem kleinen Stein könnte sie sich nicht verstecken. Siehst du nicht, wie groß sie ist? Der Zulauf und der Ablauf haben ein Gitter davor.
»Dann hast du sie eben übersehen.«
»Genau das dachte ich auch – bis es wieder geschah. Ich spürte wieder dieses Gefühl, wie in der Nacht, als sie das erste Mal verschwand. Der Vollmond schien durch das Fenster direkt auf mein Bett. Sogar das Blumenmuster auf meiner Bettdecke konnte ich sehen. Und dann fiel mir ein, was letztes Mal bei Vollmond los war. Es ließ mir einfach keine Ruhe – ich musste nachsehen. Der Schacht war schon wieder offen, genau wie beim letzten Mal. Meine weiße Forelle war wieder weg. Der Mond leuchtete den Schacht ganz aus. Dieses Mal sah ich ganz genau nach, aber nichts – sie war nicht da! Ich untersuchte die Gitter. Dazu legte ich mich flach auf den Boden und tastete mit meinen Händen alles ab. Um überall ranzukommen, musste ich mich sehr weit hineinbeugen. Und dann ist es passiert: Ich fiel kopfüber in den Schacht. Das eiskalte Wasser brachte mein Herz fast zum Stehen. Verzweifelt suchte ich Halt und rang nach Luft. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist die Angst, dass ich mutterseelenalleine in dem Schacht ertrinken würde. Keine Ahnung, was dann geschah. Als ich meine Augen wieder öffnete, war es taghell. Mama und Papa standen mit dem Doktor in meinem Zimmer. Und was glaubst du, was der zu meinen Eltern sagte?«
»Keine Ahnung. Was?«
»Dass ich schlafgewandelt wäre. Mama erzählte mir von dem Mond und dass er Einfluss auf Schlafwandler hätte. Sie erzählte von der Mondgöttin Lillith, einem alten Ammenmärchen.«
Gerolf musste laut lachen. »Sie glaubt doch nicht etwa an Märchen?«
»Unsinn, sie wollte mich aufmuntern. So kam ich auf den Namen Lillith.«
»Warum hast du ihnen nicht gesagt, was wirklich los war? Du bist in den Schacht gefallen – na und?«
»Mitten in der Nacht? Und wie bin ich zurückgekommen? Ich weiß es ja selbst nicht. Was glaubst du, was los gewesen wäre, wenn ich ihr erzählt hätte, wie es wirklich war? Wenn du mich fragst, war es immer noch besser eine Schlafwandlerin zu sein. Sie ließ mich ja so schon tagelang nicht mehr nach draußen. Die ganze Zeit saß sie neben meinem Bett und beobachtete mich. Das Schlimmste war, dass sie mir einen Nachttopf unters Bett gestellt hatte, weil unsere Toilette im Hof …«
»Du meinst das Holzhäuschen mit dem Herz in der Tür?«
»Genau.«
»Ein Plumpsklo. Ich kenn’ so was. Das braucht dir nicht peinlich zu sein«, sagte er, als wäre es völlig normal. »Früher bei den Pfadfindern hatten wir auch so was.«
»Aha, bei den Pfadfindern. Wir sind aber nicht bei den Pfadfindern. Das war die Zeit, als sie alle Schlafwandlerin zu mir sagten. Du warst der Einzige, der nicht über mich gelacht hat, weißt du noch?«
»Und ob. Zum Dank hast du gesagt, du möchtest nicht, dass ich dich besuche.«
»Ich hatte einfach Angst, dass du mich auslachst.«
»Ich könnte mir nichts Tolleres vorstellen als das hier.«
»Was meinst du, Gerolf, wenn Lillith reden könnte … sie würde mir sicher erzählen, was in der Vollmondnacht passiert ist.«
»Bestimmt«, sagte er. »Soll ich dir auch etwas verraten? Es ist auch ein Geheimnis.«
Gespannt sah ich ihn an. »Erzähl.«
»Als ich noch in Essen wohnte, habe ich auch Probleme gehabt.«
»Wie meinst du das: auch Probleme? Ich habe keine Probleme.«
»Du meinst, dass es so gewesen ist?«
»Was heißt denn hier meinst? Glaubst du etwa, ich plappere irgendeinen Schwachsinn daher?«
»Dass du die Sache erfunden hast, glaube ich bestimmt nicht, auf jeden Fall nicht bewusst. Du bist davon überzeugt, dass es so war.«
»Ich wusste es. Du glaubst mir nicht. Wie konnte ich nur annehmen, dass du mir glaubst! Du bist genau wie die anderen und ich dachte schon, du würdest mir bei meinem Plan helfen. Wie konnte ich nur so blöd sein und dir die Geschichte erzählen.« Ich war so wütend, dass ich am liebsten weggerannt wäre.
»Was für ein Plan denn?
»Vergiss es. Du hilfst mir ja doch nicht und glauben tust du mir auch nicht.«
»Moment mal, ich habe nie gesagt, dass ich dir nicht helfen werde oder dass ich dir nicht glaube.« Er blies sich eine widerspenstige Locke aus den Augen. »Hör endlich auf rumzustänkern. Erzähl mir lieber von deinem Plan. Wenn ich dir helfen soll, muss ich wissen, was du vorhast.«
Damit hatte er sicher recht, aber dieses meinst du war doof von ihm.
»Du willst immer noch wissen, wer deinen Fisch bei Vollmond holt und wieder zurückbringt«.
»Sie heißt Lillith und ist eine Forelle. Ich will wissen, wer mich gerettet hat. Aber wenn du mir nicht glaubst, dann ist es sowieso schon blöd.«
»Ist ja gut, ich glaube dir. Also, du wolltest mir von deinem Plan erzählen.«
Mein Plan kam mir auf einmal so dumm vor; wenn es überhaupt ein Plan war. »Weißt du, so besonders ist der nicht. Ich habe mir einfach gedacht, dass ich mich mal in einer Vollmondnacht auf die Lauer lege und wenn dann derjenige kommt, der Lillith holt, dann weiß ich auch, wer mich gerettet hat.«
»Gut«, sagte Gerolf, »kann ja sein, dass es bei Vollmond wieder geschieht. Ich bin dabei. Gleich heute Abend werde ich im Internet schauen, wann wieder Vollmond ist.«
»Und was ist mit dir? Du wolltest mir auch ein Geheimnis anvertrauen.«
»Ist eine komische Sache. Schwör mir, dass du es für dich behältst.«
»Mach ich.« Zur Bestätigung hob ich die Hand.
»Als ich fünf Jahre alt war, fing es an mit den Träumen. Jede Nacht kamen die Albträume. Mam wurde fast verrückt mit mir, weil ich nächtelang nicht geschlafen habe.«
»Hört sich heftig an«, sagte ich, »was war denn los?«
»Anscheinend wusste niemand, wieso ich diese Träume hatte. Jede Nacht dasselbe. Ich saß in einem großen Glas gefangen, bis ich vertrocknete, und dann dieses Mädchen mit den schwarzen Haaren. Ich schrie und versuchte ihre Hand zu halten. Meistens bin ich schreiend aufgewacht.«
»Hört sich grausam an. Wann hat es wieder aufgehört?«
Gerolf lächelte. »Gar nicht«, sagte er.
»Du hast die Träume immer noch?«
»Hab ich. Wenn sie kommen, verhalte ich mich ganz ruhig und warte in meinem Glas, bis ich aufwache.«
»Was sagt deine Mam dazu?«
»Ich wollte irgendwann nicht mehr in ihrem Zimmer schlafen. Ich hab nie mehr darüber gesprochen. Sie meint, dass alles gut sei und ich keine Albträume mehr habe.«
»Deshalb warst du damals so sauer auf den Flori.«
»Nicht nur«, sagte er. »Du hast mich so angesehen … ich weiß nicht, aber ich habe das Gefühl gehabt, dass ich dich beschützen muss. Wahnsinn. Warum erzähle ich dir das alles?«, flüsterte er, als könnte er es selbst nicht verstehen.
»Gestern in der Schule hattest du wieder das Gefühl, oder?«
»Kann schon sein«, sagte er verlegen. »Ist das heiß heute, richtiges Badewetter.«
»Du willst baden? Ist doch kein Problem.«
»Wirklich?«
»Klar, zieh den Schacht zu. Wir treffen uns am Teich. Ich zieh nur schnell meinen Bikini an.«
Mit einem gekonnten Hecht sprang Gerolf ins Wasser und weg war er. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, ihm sei etwas zugestoßen, weil er so lange unter Wasser blieb, aber er konnte einfach nur superlange tauchen.
Ich musste mich aufs Wasser legen und mir wurde ausgiebig demonstriert, wie man Leute abschleppt, wenn sie nicht schwimmen können.
»Du musst alles tun, was ich dir sage. Es ist ganz leicht.« Gerolf zog mich dann quer über den ganzen Teich. Am Kinn hielt er mich fest, sodass mein Kopf nicht untergehen konnte.
Auf dem Dach vom Ziegenstall ließen wir uns trocknen. Dösend lagen wir da. Fast wäre ich eingeschlafen, wenn Mama nicht zum Mittagessen gerufen hätte.
»Verrückte Ideen habt ihr«, sagte sie, als sie uns auf dem Dach sah.
»Coole Mam«, meinte Gerolf. »Meine hätte einen Riesenaufstand gemacht.« Dann sprang er lässig runter. »Na komm schon, es ist ganz einfach. Spring!«, forderte er mich auf.
Das konnte ich genauso gut wie Gerolf. Mit einem Satz sprang ich nach unten.
In der Küche stand Gemüsesuppe auf dem Tisch, von der sich Gerolf dreimal nachnahm. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so viel verschlingen konnte.
Nach dem Mittagessen erklärte Mama, dass ich ihr noch helfen sollte, das Gemüse in die Kisten zu räumen.
»Ich muss auch gehen«, sagte Gerolf. »Wenn es okay ist, fang ich mit unserem Thema an.«
»Sicher, Superidee. Montag ist Lehrerkonferenz.«
»Stimmt, das hatte ich fast vergessen. Schulfrei.«
»Kommst du wieder?«
»Muss ich wohl. Hast zu vergessen? Unser Projekt?«, sagte er zwinkernd. Dann bedankte er sich noch mal bei Mama und lief los.
Anscheinend hatte er bei ihr einen guten Eindruck hinterlassen.
»Gerolf ist ein netter Junge«, sagte sie. »Wie ist er denn so in der Schule?«
»Wie meinst du das? Als Schulkamerad oder Schüler?«
»Beides.«
Also erzählte ich ihr, was in der Schule geschehen war und dass mich Gerolf verteidigt hatte.
»Warum hast du nicht mit mir darüber geredet?«, wollte sie wissen. »Ich hab doch gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war? Also das war los mit dir. Du hättest mir erzählen müssen, was geschehen ist. Ich wäre sofort zur Schule und dann …«
»Das wäre das Schlimmste für mich gewesen. Was glaubst du, wie sie mich dann ausgelacht hätten.«
»Vielleicht hast du ja recht. Trotzdem ist das ganz übles Mobbing. Ein guter Freund ist das Beste was es gibt auf dieser Welt«, sagte sie.
»Ja. Es ist toll, dass er mir geholfen hat. Und dass er mich nicht auslachte, als er das hier sah – es gefiel ihm sogar.«
»Siehst du«, sagte sie lächelnd.
***
Den ganzen Sonntag verbrachten wir in Elzach bei Oma Amalie. Es war stinklangweilig. Sie erzählte ununterbrochen von ihrem Garten, wie wenig Wasser in der Elz war und dass sie glaubte, dass die ersten Kartoffeln dieses Jahr besonders klein würden.
Ich war ausnahmsweise mal froh, als der Sonntag endlich vorbei war.
***
Ich konnte es kaum erwarten. Gerolf kam heute wieder, deshalb stand ich früher auf. Mama war schon draußen im Hof. Sie musste schon seit fünf Uhr auf sein und den Waschkessel angefeuert haben. Als ich sie sah dachte ich daran, wie wir im Winter in dem Kessel gesessen hatten, im warmen Wasser.
»Guten Morgen«, begrüßte sie mich, »hast du schon gefrühstückt?«
»Ja, hab ich. Gerolf kommt heute.«
»Ich bin schon da!«, verkündete er unternehmungslustig hinter mir. Er war gerade angekommen. »Meine Eltern sind auf eine Messe gefahren, deshalb komme ich so früh. »Sollen wir?«, sagte er mit einem Wink auf seine Tasche. »Ich hab schon eine ganze Menge zusammengetragen.«
Klar, das Projekt, dachte ich. Viel lieber wäre ich mit ihm wieder in den Teich gesprungen, anstatt in der düsteren Küche zu sitzen.
Er stellte den Laptop auf den Tisch und suchte wie selbstverständlich nach einer Steckdose.
Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. »Du würdest also gerne in so einem Blockhaus wohnen?«
»Vielleicht mit einem Notstromaggregat«, erwiderte er schulterzuckend. »Mal sehen – der Akku wird noch eine Weile halten.«
Es sah merkwürdig aus, so ein Gerät in unserem Haus. Wenn Mama es sehen könnte, würde sie wohl erst mal lüften – wegen des Elektrosmogs.
Gerolf führte mir sein neues Programm vor, was er alles damit machen konnte und wie er es sich gedacht hatte. Ich war froh, als nach einer gefühlten Ewigkeit endlich der Akku zur Neige ging. Das allerdings hielt ihn nicht davon ab, seinen Block zu nehmen, um dort zu demonstrieren, welche Reihenfolge er sich vorstellte. »Während ich die Bilder und Berichte aufrufe, könntest du dazu reden«, sagte er.
Bei dem Gedanken wurde mir jetzt schon schwindelig.
Endlich kam Mama in die Küche. Gut dass der Laptop wieder vom Küchentisch war. Sie feuerte den Herd an und Gerolf sah verwirrt zu.
»Kochen«, sagte ich grinsend.
»Klar«, meinte er.
»Du kannst die Wäsche aufhängen«, sagte Mama, »ich mach was zu essen und rufe euch dann.«
»Pfannkuchen?«, fragte ich Gerolf.
Er strahlte übers ganze Gesicht und meinte: »Pfannkuchen hat mir meine Oma immer gemacht. Ist ja toll. Klar möchte ich welche.«
»Mama macht die Besten«, prahlte ich stolz, während ich Handtücher an die Leine hing. Ich war froh, dass es keine Unterwäsche war.
»Na dann ist es ja gut. Hab ewig keine mehr gegessen«, sagte er mit leuchtenden Augen.
»Du hattest recht«, sagte Gerolf nach dem fünften Pfannkuchen, »es sind wirklich die besten.«
Mama lächelte. »Apfelmus?« Sie hielt ihm die Schüssel hin.
»Selbst gemacht«, sagte sie freudig. »Wenn es euch nichts ausmacht, könntet ihr den Abwasch übernehmen. Ich wollte mit dem Fahrrad noch zu Veronika. Sie liefert seit Neuestem Butter an uns. Ich muss sie fragen, ob sie uns noch mehr bringen kann.«
»Zum Raichlehof? Mit dem Rad?«
»Warum nicht? Ist doch schön und besser für die Umwelt, so ein Drahtesel. Also bis später«, rief sie uns noch zu und weg war sie.
Ein befreiendes Gefühl stieg in mir auf. »Endlich können wir ungestört zu Lillith gehen und über den Plan reden. Du wolltest mir noch sagen, wann Vollmond ist«, erinnerte ich Gerolf.
»Klar. Vollmond ist in vierzehn Tagen. Ich habe noch viel mehr über den Mond gefunden«, erwiderte er mit einem herausfordernden Grinsen, was so viel heißen sollte wie: Wer ist zuerst oben.
»Erster«, grölte ich laut ein paar Meter vor ihm.
Fast wäre ich am Brunnenschacht gewesen, da überholte er mich doch noch.
»Ha, doch nicht Erster! Aber du kannst ganz schön schnell sein.«
»Ja, und nächstes Mal gewinne ich auch!«
»Da musst du aber lange üben«, keuchte er.
Trude, die oben im Haselgebüsch saß, sah uns entrüstet an. Sich laut beschwerend stolzierte sie davon.
»Eine Schönheit bis du ja gerade nicht«, rief ihr Gerolf zu.
»Stimmt, aber Trude ist auch schon achtzig Jahre alt.«
»Sie sieht wohl so aus, aber das liegt bestimmt daran, dass Truthühner nicht gerade die schönsten Tiere sind. Wie kommst du denn darauf, dass Trude schon so alt ist?«, wollte Gerolf wissen.
»Sie lief uns eines Tages zu, hat meine Mutter gesagt; genau wie der schwarze Kater. Die alte Lazerhofbäuerin vom Silberwald erzählte aber etwas anderes, dass die beiden Tiere schon immer da gewesen seien. Der Lazerhof habe hier oben schon seit jeher ein Stück Wald bewirtschaftet, und wie sie früher als Kind schon helfen musste Holz zu holen, hätte sie immer an der Blockhütte vorbeilaufen müssen. Und da hat sie den Kater und die Trude schon gesehen und das sei schon gute achtzig Jahre her. Papa meinte dazu, dass es schon sein könne, dass Katze und Truthahn Nachkommen gezeugt hätten, die einfach nie von der Blockhütte weggegangen sind, aber die alte Lazerhofbäuerin bestand darauf, dass es dieselben Tiere seien, das erzählte sie früher schon überall herum. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Geschichte im Dorf geglaubt wird.«
Beim Gedanken, dass der schwarze Kater und die Trude vielleicht Zombies waren, mussten wir so lachen, dass uns der Bauch wehtat. Ausgerechnet die Trude und der Kater, den wir immer das Katerle nannte.
Immer noch erschöpft vom Lachen warfen wir uns ins Gras neben den Brunnenschacht und sahen in den blauen Himmel. Die einzelnen weißen Wölkchen, die sich dort zeigten, nahmen immer wieder andere Formen an.
»Siehst du dort die Zombi-Trude«, sagte Gerolf, während er entspannt einen langen Grashalm zwischen die Lippen presste.
»Lass uns nach Lillith schauen. Bin gespannt was sie macht.«
Gerolf schob den Deckel zur Seite. »Schön kühl ist es hier unten, aber einsam«, rief er, als ihm die erfrischende Brise aus dem Schacht entgegen kam.
Lillith sprang ein paar Mal freudig hoch, als sie uns sah.
»Sie ist wirklich wunderschön«, flüsterte er.
»Sag mal Gerolf, weißt du wie alt Forellen werden?«
»Keine Ahnung, müsste ich mal nachschauen. Warum willst du das wissen?«
»Stell dir doch mal vor, Lillith würde nur drei Jahre alt werden – und dann?«
»Tja«, meinte Gerolf, »dann müsstet ihr ein anderes Fischlein in den Brunnenschacht einsperren.«
»Lillith ist gerne hier«, gab ich ihm scharf zurück, »und überhaupt: Sie ist nicht wie die anderen Fische.«
»Und warum glaubst du das? Niemand ist gerne allein im Dunkeln. Es ist grausam, so leben zu müssen«, warf er mir vor.
»Sie ist nicht allein, sie hat doch mich.«
»Du bist aber keine Forelle, siehst auch nicht so aus. Du hast Arme und Beine und lange rotbraune Haare und …«
»Hallo«, unterbrach ich, »ich weiß, wie ich aussehe, und dass ich kein Fisch bin ist mir auch schon aufgefallen. Was ich wissen will ist, wer mich gerettet hat und warum sie bei Vollmond nicht in ihrem Schacht ist.«
Fragend sahen wir uns an. Wofür sollte es gut sein, eine Forelle zu holen, um sie am nächsten Morgen wieder zurückzubringen?
»Wir sollten uns lieber darüber Gedanken machen.« Ich war froh, dass Gerolf das genauso sah. »Schau mal, Trude kommt auf uns zu.«
Das war echt merkwürdig, denn Trude war nicht sehr zutraulich, ganz im Gegenteil. Sie hielt immer einen sicheren Abstand zu den Menschen und jetzt kam sie direkt zu uns an den Brunnenschacht. Immer näher kam sie, wie unter Hypnose, als würde es ringsum nichts und niemanden geben, außer dem Brunnenschacht und dem, was sich darin befand. Neugierig streckte sie ihren Kopf in den Schacht. Lillith blieb ganz still und blickte nach oben. Die beiden sahen sich tief in die Augen.
»Das ist komisch, Lisa, wie die Trude Lillith ansieht«, flüsterte mir Gerolf zu, »als würden die beiden sich kennen.«
Gerolf hatte recht. Es sah wirklich so aus, als ob die beiden einander eine Botschaft zukommen ließen, die für uns unhörbar war. In diesem Moment geschah etwas Seltsames: Trude lief eine Träne aus dem Auge. In Zeitlupe tropfte sie in den Schacht und als die Träne das Wasser berührte, färbte es sich smaragdgrün.
»Ich will nicht«, hauchte Gerolf, »ich will diese Dinge nicht sehen. Es fängt schon wieder an.«
»Ich sehe es auch. Sie ist wunderschön«, flüsterte ich.
»Was ist das? Warum geschieht so etwas?« Gerolf war wie versteinert. Verzweifelt suchte er nach einer Erklärung für das, was es nicht geben konnte. »Ich habe ein Gesicht gesehen. Es waren keine Wolken, die sich auf der Wasseroberfläche gespiegelt haben, und auch nicht Trudes Gesicht, oder?« sagte er, seine Augen sahen mich Hilfe suchend an.
»Nein«, hauchte ich, »wir haben ein Mädchengesicht gesehen.« Er nickte.
Sprachlos starrten wir in den Brunnenschacht, als würden wir darauf warten, dass sich das Gesehene aufklärte. Lillith verhielt sich ganz ruhig. Unschuldig sah sie uns an.
»Lillith hat es auch gesehen«, wisperte ich leise, »schau nur, es hat sie traurig gemacht.«
»Wo ist das Gesicht jetzt und wem gehört es?«, wollte Gerolf von mir wissen.
Als wüsste ich darüber Bescheid, weil es in unserem Brunnenschacht geschehen war. Aber ich wusste es selbst nicht. Noch nie hatte ich so etwas Unheimliches gesehen.
Immer wieder mussten wir einander erzählen, was wir gesehen hatten. Das verzweifelte Mädchen mit den traurigen Augen. Es wollte uns etwas zurufen, aber was nur? Sie war so wunderschön … und Trude? Wo war sie und was hatte sie damit zu tun?
Wir wussten, dass wir diesen Tag nie vergessen würden.
»Was wir heute erlebt haben«, sagte Gerolf, »ist tatsächlich geschehen. Nur wir beide können darüber reden, denn glauben wird uns niemand. Zwei Schlafwandler haben etwas gesehen, das es nicht gibt. Erzähl es niemandem, hörst du?« Dabei sah mich Gerolf ernst an.
»Nein, ganz bestimmt nicht«, versprach ich.
»Es bleibt unser Geheimnis und das von Lillith und Trude«, fügte Gerolf hinzu. »Wo ist sie eigentlich? Komm, wir müssen sie suchen.«
Hastig zogen wir den Deckel über den Schacht und eilten nach unten. Aufgeregt sahen wir uns nach Trude um, aber sie war weg, verschwunden.
Doch dann entdeckten wir sie bei den Hasenställen. Der Kater saß ihr gegenüber. Die beiden sahen sich an, als hätten sie etwas miteinander zu bereden.
»Sieh doch«, sagte Gerolf leise, »der Kater schaut die Trude so komisch an. Und die Trude sieht aus, als würde sie ihn verstehen.«
»Ich weiß, Gerolf, das tun sie immer. Die Trude und der Kater sind immer mal zusammen. Mama sieht die beiden oft. Auch ihr ist es schon aufgefallen. Sie sagt, dass sich die Trude vielleicht einbildet, eine Katze zu sein.«
»Die Trude hat damit zu tun, dass sich das Mädchen auf der smaragdgrünen Wasseroberfläche spiegelte. Als ihre Träne die Wasseroberfläche berührte, fing es an, und als sie wegging, war alles wieder normal.«
»Stimmt, genau«, sagte ich, »so war es. Die ganze Geschichte hat mit ihr zu tun, das steht fest. Vielleicht sollten wir sie einfangen und über den Brunnenschacht halten, dann werden wir ja sehen, was passiert.«
Gerade als Gerolf auf Trude zugehen wollte, kam ein Auto auf den Hof gefahren. Mama stieg mit Gerolfs Mam aus dem Wagen.
»Ach, Frau Schöneberger, das war aber nett von Ihnen«, hörte ich Mama sagen.
Neugierig fragten wir uns, was die beiden miteinander zu schaffen hatten.
»Das ist doch alles kein Problem, das habe ich gerne getan«, sagte Gerolfs Mam und öffnete den Kofferraum ihres großen Passats. Gemeinsam nahmen sie Mamas Drahtesel heraus.
»So«, meinte sie, »das hätten wir. Ihr Fahrrad kann Ihr Mann sicher wieder reparieren.«
Die Fahrradkette hing in zwei Teilen herunter.
»Ich weiß auch nicht, wie so etwas passieren kann. Dass die Kette runterspringt, okay, aber dass sie gleich reißt, ist mir noch nie vorgekommen«, sagte Mama verdutzt. Sie hatte wohl versucht das Fahrrad zu reparieren, denn ihre Bluse hatte am Ärmel einen schwarzen Ölfleck.
Frau Schöneberger musste nochmals erläutern, dass es ihr eine Freude war, Mama zu helfen. »Nachdem unsere Kinder schon Freundschaft geschlossen haben, wäre es doch sicher schön, wenn wir uns mal auf einen Kaffee treffen könnten.«
Gerolf und ich standen überrascht im Hof und hörten den beiden zu.
»Aber gerne doch. Das wäre sehr schön. Kommen Sie doch mit rein.
»Wie schade, Frau März, aber ich habe heute gar keine Zeit. Ich komme direkt von einer Besprechung und muss noch einiges erledigen. Aber ein anderes Mal.«
Als Mama uns sah, rief sie uns zu sich: »Schaut mal, wer mich heimgebracht hat.«
Gerolf sah sich Mamas Fahrrad an. Ganz optimistisch meinte er: »Wenn es okay ist, werde ich das morgen reparieren.«
»Natürlich«, sagte Mama erfreut.
Frau Schöneberger war mächtig stolz auf Gerolf. »Unser Junge repariert fast alles im Haus. Er ist ein richtiges kleines Genie.« Dann fuhr sie Gerolf mit ihren langen roten Fingernägeln durch seine braunen Locken. Er wurde puterrot. »Aber jetzt müssen wir wirklich los. Am besten, du fährst auch gleich mit, Gerolf. Es ist ja auch schon spät.«
Erst jetzt fiel mir auf, dass Gerolfs Mountainbike gar nicht an der Scheune lehnte. Er musste wohl zu Fuß gekommen sein.
In Gerolfs Gesicht konnte ich sehen, wie ungelegen ihm das jetzt kam.
Als sie losfuhren, standen wir winkend auf der Straße und Mama erzählte mir noch mal ausführlich die ganze Geschichte, als wäre sie unglaublich sensationell. Sie hatte ja keine Ahnung, was wir erlebt hatten. Das einzig wirklich Sensationelle an ihrer Geschichte war, dass sich die beiden kennengelernt hatten und es uns bei unserem Plan zugutekam.
»Wie war euer Mittag?«, wollte sie wissen, »und gefiel Gerolf der Tag?«
»Gut war unser Mittag und ja, ich glaube, es hat ihm gefallen«, erwiderte ich, als wäre sonst nichts gewesen.
»Oh, das ist ja toll«, sagte sie, während sie das Abendbrot herrichtete.
Als Mama in den Ziegenstall ging, ging ich mit, um zu sehen, wo sich Trude und der schwarze Kater herumtrieben. Aber da kam der Kater schon. Wie sonst auch schlich er zur Milchschale und trank sie leer. Doch wo war Trude? Überall sah ich mich nach ihr um. Dann entdeckte ich sie, wie sie zum Haselgebüsch hoch stolzierte.
Die Lazerhofbäuerin, dachte ich, die weiß garantiert mehr darüber. Ich musste wissen, was das heute am Brunnenschacht zu bedeuten hatte. Und Gerolf dachte bestimmt genauso darüber.
Als Mama in der Küche frischen Ziegenkäse machte, fragte ich sie ganz beiläufig, ob der Lazerhof weit weg sei.
»Aber nein«, sagte sie erstaunt, »so ungefähr fünf Kilometer Fußweg durch den Silberwald, auf der anderen Seite des Berges im Dobel. Aber du kennst den Hof doch? Wir sind schon einmal an einem Sonntag dorthin gewandert.«
Jetzt fiel es mir wieder ein. »Klar, jetzt weiß ich es wieder. Der Lazerhof steht unter Denkmalschutz und Papa wollte sich unbedingt das alte Strohdach ansehen.«
»Genau, das ist der Lazerhof. Warum fragst du?«
»Ach, ich wäre gerne mit Gerolf dorthin gewandert.«
»Ja, warum nicht. Das ist eine schöne Wanderung.«
Als ich im Bett lag und über alles nachdachte, war mir klar, dass wir so schnell wie möglich zum Lazerhof gehen mussten und bestimmt nicht bis zum nächsten Sonntag warten würden. Ob Gerolf jetzt auch in seinem Bett lag und daran dachte? Ganz bestimmt tat er das.
***
Am nächsten Morgen in der Schule erzählte ich Gerolf gleich von meinem Vorhaben.
»Ich weiß nicht«, meinte er. »Lass uns morgen hingehen. Ich muss heute noch das Fahrrad von deiner Mutter reparieren und Hausaufgaben kriegen wir sicher auch jede Menge auf.«
»Morgen ist auch gut«, sagte ich enttäuscht.
»Du hast doch zu Hause nichts erzählt, oder?«
»Aber nein, wie kommst du darauf?«
An diesem Tag kam Gerolf sehr spät zu uns. Flink und geschickt brachte er Mamas Drahtesel wieder in Ordnung.
Als er wieder ging, fragte er nach Lillith. »Warst du heute schon bei ihr?«
»Ja, alles wie immer.«
»Und Trude?«
»Auch wie immer.«
»Morgen gehen wir zur alten Lazerhofbäuerin und werden sie ausfragen. Vielleicht kann sie uns sagen, was mit der Trude los ist. Ich hab Mam erzählt, dass wir einen Ausflug machen und das alte Strohdach ansehen wollen.«
»Also morgen gleich nach der Schule – Hausaufgaben machen so schnell es geht und dann können wir los.«
***
Gerolf kam am nächsten Tag wie abgemacht so früh er konnte. Ich war noch nicht mal mit den ersten Hausaufgaben fertig, da stand er schon vor der Tür.
»Wann bist du endlich fertig?«, fragte er, als er die aufgeschlagenen Hefte sah.
»Mathe«, meinte ich nur.
Daraufhin schnappte er sich das Matheblatt und ruck, zuck war alles fertig.
Gerolf sah mit dem Wanderrucksack aus, als würden wir tagelang unterwegs sein. Wir gingen in Richtung Silberwald, über Wiesen und Felder, immer weiter und höher hinauf, bis wir einen herrlichen Ausblick hatten. Weit unten erstreckte sich das Tal; wie Perlen an einer Kette lagen die Ortschaften nebeneinander. Wir liefen am Waldrand entlang.
Endlich sahen wir den Lazerhof im Dobel.
»Das ist der Hof. Ich erkenne ihn am großen Strohdach«, rief ich.
»Wir waren ganz schön schnell«, meinte Gerolf mit einem zufriedenen Blick auf seine Armbanduhr: »Das läuft ja perfekt.«
Das war auch nicht so schwierig, dachte ich.
»Was sollen wir überhaupt sagen? Hast du schon eine Idee? Wir können ja nicht einfach fragen, ob es stimmt, dass die Trude und der Kater achtzig Jahre alt sind.«
»Wir erzählen ihr, dass wir in der Schule ein Projekt machen: Wie haben die Bauernfamilien früher auf den Höfen gelebt. Und was meinst du, wer das wohl am besten weiß?«
»… die alte Lazerhofbäuerin – gute Idee.«
»Genau. Und irgendwann werden wir ganz zufällig fragen, was sie noch so alles weiß von früher. Sie wird es uns schon erzählen.«
»Super. Wie bist du nur darauf gekommen?«
»Ich habe im Internet geschaut, ob ich da was über den Lazerhof finde.«
»Na und? Hast du was gefunden?«
»Eine ganze Menge. Wie alt er ist und über das Strohdach und so weiter. Das passt zu einem Geschichts-Projekt.«
»Stimmt«, nickte ich zustimmend, »jetzt können wir einfach hingehen und ganz direkt Fragen stellen.«
