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Einsamkeit, Schuld und Beschädigtsein sind die Themen dieser literarischen Erzählung. Der neununddreißigste Brief wird in einem Frankfurter Mietshaus geschrieben. Ein gealterter Professor richtet ihn an seine Nachbarin, die er seit langem stumm verehrt. Nun gesteht er ihr die Erschütterung seiner späten Liebe. Er ist an Alzheimer erkrankt, und während er vergisst, entfaltet er noch einmal sein enges Leben. Was als Liebesbrief beginnt, wächst an zu einer Lebensbeichte, die sich von der im Odenwald erlebten Nachkriegszeit bis ins Frankfurt der Gegenwart spannt und in der sich die Nachbarin mehr und mehr verfängt.
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Gelesen wird der neununddreißigste Brief von einem Journalisten Mitte fünfzig. Der Brief ist das Vermächtnis eines gealterten Professors, anonym gerichtet an die Lebensgefährtin des Journalisten. Lange schon sind sie und der Professor Nachbarn in einem Frankfurter Mietshaus, nie haben sie ein Wort gewechselt. Dann, an einem Donnerstag, findet sie den Bericht seines Lebens vor ihrer Tür.
Was als Liebesbrief beginnt, wächst an zu einer Lebensbeichte, die sich von der im Odenwald erlebten Nachkriegszeit bis ins Frankfurt der Gegenwart spannt und in der der Journalist seine Lebensgefährtin mehr und mehr verfangen sieht.
Wegen D.L.
Meine schöne Freundin und ich gehen spazieren. Es ist November und Sonntag. Bei erstaunlich mildem Wetter sind wir nach dem Mittagessen von ihrer Wohnung in der Elkenbachstraße zum Günthersburgpark hinübergegangen und dann den Kleingartenweg hinauf. Auf dem engen Pfad umfließen uns eilige Radfahrer, Kinder und tobende Hunde. Wir dagegen bewegen uns etwas gesetzter, wir sind nicht mehr jung. Aber auch noch nicht ganz alt. Wie immer gehen wir meist schweigend. Meine Freundin trägt ihren hellen Wollmantel. Gerne ginge ich eng an sie gelehnt und hielte sie mit einem Arm umfasst.
Vor dem Café, das eine kleine Rösterei an der Ecke zur Dortelweiler Straße betreibt, sitzen Paare mit rot befransten Filzdecken über den Knien. Die Ausstellungsfläche einer Gärtnerei rahmt alles mit Gezweig und bunter Keramik, in Gestecken und Schalen leuchten die letzten Herbstblumen mit Gier und Kraft. Wir gehen daran vorüber und biegen in den Wasserpark ein. Es wird ruhiger um uns. Bäume greifen mit kahlen Ästen in einen tiefblauen Himmel, Menschen lächeln, die Sonne scheint. Ein Augenblick des Glücks.
„Ich habe gelesen“, höre ich meine schöne Freundin mit dunkler Stimme sagen, „dass wir nicht wissen können, ob wir Farben in gleicher Weise sehen. In vergleichbarer Weise, meine ich. Es gibt keine Möglichkeit festzustellen, ob die Farbe, die wir beide Rot nennen, für dich nicht so erscheint, wie die Farbe, die ich Blau nenne. Dein Rot wäre mein Blau, aber wir beide würden ‚Rot‘ dazu sagen. Wir hätten dasselbe Wort und könnten uns trotzdem nicht verständigen, das ist es. Weil ich nicht mit deinen Augen sehen kann. Oder vielmehr mit deinem Gehirn. Man sieht ja mit dem Gehirn.“
„Mhm“, sage ich, weil ich viel zu selig bin, um wirklich zuzuhören. Die Luft duftet herrlich nach Erde und Laub, und ich habe überhaupt keine Lust auf eine komplexe Unterhaltung.
„Jedes Bild ist nur im eigenen Kopf wahr“, sagt sie, vor sich hin. Dann schweigt sie wieder lange. Wir gehen. Der Kies knirscht unter unseren Füßen. Auf der Wiese neben dem Weg läuft, von Entzücken überwältigt und mit weit vorgestreckten Ärmchen, ein Dreijähriger einem Dackel nach. Der Dackel trägt ein rotes Wams, das Kind ein wattiertes Kapuzenjäckchen, beide hüpfen auf kurzen krummen Beinchen eher in die Höhe als tatsächlich voran. Gleich werden sie vor Wonne platzen, ich weiß es genau.
„Wenn wir alle unser Leben zusammenschütten könnten“, sagt meine schöne Freundin schließlich und bleibt stehen, weil sie sonst nicht richtig denken kann, „wie Milch, die aus kleinen Krügen in ein Fass gegossen wird. In einem unendlichen Fass gesammelt wird. Und dann füllt ein jeder seinen entleerten kleinen Krug wiederum mit der Mischung aus dem Riesenfass. Wenn wir dann aus einem solchen Krug trinken würden, könnten wir erfahren, wie das Leben eines jeden anderen Menschen schmeckt.“
Ein Windhauch greift in ihr weißes, gewelltes Haar, und es stiebt blendend auf, wie pulvriger Schnee. Von ihren dunklen Augen sehe ich nichts, denn sie hält den Blick gesenkt. Ein paar Schritte von uns entfernt jubelt das Kind.
„Wir könnten versuchen, uns voneinander zu erzählen“, sage ich obenhin.
„Ach.“ Meine Freundin zerrt ungeduldig ihre Handschuhe aus der Manteltasche, Berghandschuhe aus grober Wolle, die sie aber jetzt nicht überstreift, es ist viel zu warm dafür. Ich warte. Die Sonne scheint nach wie vor. Der Vater des Dreijährigen kommt heran, packt das jauchzende Kind, wirbelt es über seinem Kopf. Der Dackel kläfft. Auf einmal rennen sie alle davon.
Ich sehe ihnen nach, bis sie hinter Sträuchern verschwinden. Dann remple ich meine schöne Freundin sanft mit der Schulter an, denn es gefällt mir nicht, dass sie so erstarrt dasteht. Als würde es immer enger um sie. Jetzt seufzt sie und schaut mich an.
„Doch“, sage ich, „ganz sicher können wir das versuchen. Immer wieder“. Ich nehme ihr die Handschuhe ab und stecke sie in ihren Mantel zurück. „Und immer wieder von vorne, wahrscheinlich. Ganz aussichtslos und unerschrocken.“
Sie lächelt. Aber ich weiß: Was sie beschäftigt, wird sie noch nicht loslassen. Vorerst jedoch sprechen wir über den Herbst und wie lange es in diesem Jahr warm geblieben ist. Auf dem Heimweg nehmen wir hinter den Schrebergärten eine Abkürzung durch kahle Rosenbüsche. In drei Wochen ist der erste Advent.
Später am Nachmittag muss meine Freundin noch für ein paar Stunden ins Theater. Sie ist Maskenbildnerin, irgendetwas wird ausprobiert, aber Vorstellung ist heute nicht. Wir werden den Abend für uns haben.
Ich bin übrigens Journalist. In Weimar. Ach, ist ja aufregend, sagen die Leute immer. Bis ich erzähle, dass ich für ein lokales Anzeigenblatt arbeite und über Sportveranstaltungen berichte. Manchmal allerdings darf ich ins Theater und kritisieren. Zweimal im Jahr. An den Wochenenden fahre ich zu meiner schönen Freundin nach Frankfurt, manchmal kann ich noch einen Freitag davorhängen oder einen Montag hintendran. Morgen muss ich zurück, sehr früh sogar, um elf ist eine Konferenz, das Geschäft geht lahm, die Redaktion verlangt Ideen.
An all das will ich jetzt noch nicht denken, die Zahlen kann ich mir auch im Zug ansehen. Ich jogge lieber eine Runde, dann nehme ich eine sehr lange, sehr heiße Dusche und lege mich, in eine Decke gehüllt, auf das Sofa im Wohnzimmer meiner Freundin. Vor dem Fenster wölbt sich die blaue Dämmerung. Die Luft ist auf einmal doch kalt geworden. Ich warte und freue mich auf den Abend. Dann schlafe ich ein.
Als ich aufwache, ist es draußen dunkel. Die Stimme meiner Freundin hat mich geweckt. „Sieh dir das einmal an“, sagt sie, vermutlich bereits zum zweiten Mal, sie klingt ungeduldig. Ich gähne. Meine schöne Freundin sitzt in einem Sessel mir dicht gegenüber, die Füße hat sie auf das Sofa gehoben und dort unter meine Schenkel geschoben. Ihr weißes Haar leuchtet, sie trägt noch immer den Schal vom Nachmittag, ein novemberdürres Eichenblatt hat sich darin verfangen. Seit einer Weile schon scheint sie so zu sitzen, auf ihren Knien liegt ein Buch. Sie wirkt, als hätte sie darin bis eben gelesen und wolle auch weiterlesen. Trotz ihrer Ungeduld sieht sie mich gar nicht an. Während ich im Schatten liege, sitzt sie im warmen Licht der Stehlampe. Aus diesem goldenen Kokon heraus streckt sie nun den Arm in meine Finsternis hinüber, in der Hand eine große, weiße Dokumententasche, geöffnet und dick wie ein halber Roman. Sie hält mir das Paket gleichsam vor die Nase und wedelt damit. Ich komme mir wie ein Esel vor, den man mit einer etwas schäbigen Karotte in die Mühsal lockt. Mit einem Ächzen setze ich mich auf, das Joggen und die kalte Luft sind mir in den Knochen. Dabei ging das Laufen eigentlich sehr gut heute. Naja. Ich bin ein Mann in den besten Jahren, wie man so sagt. Die Welt ist ja überhaupt voller Lügen. Wenn nur meine Freundin einen Kamin in ihrer Zweizimmerwohnung hätte, dann könnte ich jetzt ins Feuer blicken und sinnieren. Und weiterschlafen.
Es ist aber kein Kamin da. „Was ist das?“, frage ich daher etwas breiig und greife mir den Umschlag. Noch immer sieht meine Freundin nicht auf, ihre Finger lösen sich mit einem Ruck, als habe der Umschlag ihr einen Schlag versetzt. Ihr Arm fährt in den Lichtkokon zurück. Sie blättert in ihrem Buch, verblättert sich, schlägt mehrere Seiten wieder zurück, bis sie schließlich tief durchatmet, sich im Sessel vorbeugt und um mich herum nach der von mir vorgewärmten Decke greift.
„Lag am Donnerstag vor der Tür“, sagt sie knapp und legt sich die Decke um die Schultern. Dann rückt sie tiefer in den Sessel hinein und kratzt sich am Hals. Ich lehne mich zu meiner Freundin hin, um mit dem Umschlag ins Licht zu kommen. „Phyllis“, lese ich. Sehr großzügige Buchstaben, nur dieses eine Wort. In dem Umschlag erspähe ich einen Stapel mit der Hand beschriebenen Papiers, und nun bin ich tatsächlich wach und neugierig genug, den Brief näher ansehen zu wollen. Denn um einen Brief handelt es sich offenbar, trotz des beachtlichen Umfangs. Ich ziehe mehrere Dutzend Bogen eines angenehm elfenbeinfarbenen Papiers hervor, mit sehr klarer, geübter Hand dicht beschrieben, schwarze Tinte, Büttenrand. Mir gefällt so etwas. Mir gefallen auch Cordhosen und flauschige Strickjacken.
„Wie reizend und altmodisch“, stelle ich daher mit Entzücken fest und lege den leeren Umschlag auf die niedrige Holztruhe, die der Sofatisch meiner Freundin ist. Dann durchblättere ich den Papierstapel in meiner Hand. Absatz fügt sich an Absatz, unablässig fließen die Wörter dahin, ohne Einfügungen, ohne Striche, eine Handschrift wie gedruckt.
Meine Freundin wendet sich indessen mit Aufwand von mir weg, als müsse sie noch deutlicher unter die Lampe, um weiterlesen zu können. Sagen wird sie erst einmal nichts. Meist spricht sie ohnehin nicht viel. Sie liebt gewichtige Sätze. Ansonsten vermag sie sehr buddhahaft zu schweigen. Und nun, das wird mir klar, will sie schweigen.
Ich setze meine Brille auf und beginne, die erste Seite des Briefes zu lesen.
Dies ist der neununddreißigste Brief. Ich weiß es gut, denn Liebende zählen genau.
Für mich wird es der letzte sein.
„Hier vor der Tür?“, frage ich, etwas erschrocken. „Jetzt diese Woche?“
Meine Freundin seufzt, hebt eine Braue und wendet halsstarrig eine Seite in ihrem Buch. Ich schlucke die eine weitere Frage, die ich gerne gestellt hätte, hinunter.
Ich lese.
Für mich wird es der letzte sein.
Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke über die enge Straße auf die Hauswand gegenüber. Es ist halb fünf am Nachmittag. Ein Oktobersonntagnachmittag, noch ist es hell. Am Vormittag war ich im Liebieghaus, nach dem Essen bin ich durch den Günthersburgpark gegangen, wie an allen Sonntagnachmittagen. Und nun steht eine Tasse Kaffee vor mir auf dem Schreibtisch. Vielleicht hätte ich mir ein Stück Torte dazu holen sollen, die Sonntage bleiben ja spürbar, auch wenn man berentet ist. Emeritiert, das bin ich, seit dem Frühjahr. In den altphilologischen Kreisen habe ich einen Namen, jedoch diese Kreise sind eng. Seit ich aus ihnen herausgetreten bin, dünnen die Ereignisse und Gespräche allmählich aus. Die Kraft aber bleibt und wirft sich nach innen. Wenn man kein Haus hat und alleine ist, bleibt tatsächlich dies: Man liest, man wacht. Wenn man Glück hat, schreibt man Briefe. Der Winter naht. Die Blätter treiben.
Im Park vorhin schien die Sonne auf das purpurne und gelbe Laub, und ich bin Ihnen begegnet. Das macht mir den Tag besonders, denn es ist nicht leicht, Ihnen zu begegnen, obschon wir Nachbarn sind und im selben Hause wohnen, Sie nur zwei Treppen unter mir.
„Dieser alte Knacker aus dem Dritten?“, frage ich.
Auf einmal habe ich ein Bild vor Augen: Eine hohe, schlanke Gestalt, immer in elegante, dunkle Mäntel gehüllt, schwere, teure Stoffe, die eine Kontur geben. Ein herrschaftlich langsames Schreiten über die Straße. Graues Haar, Halbglatze.
Meine Freundin rührt sich nicht, aber ich weiß, dass sie mich gehört hat. Wir atmen.
„Das ist gruselig“, setzte ich nach, jetzt etwas vorsichtiger.
„Lies halt“, sagt sie. Immerhin.
Lange Zeit entgingen Sie mir, obgleich ich Sie aus allem Gelärm der Welt hätte heraushören müssen. Ihren Schritt auf dem zerschliffenen Terrazzoboden im Treppenflur. Die über hundert Jahre alte Wohnkaserne, die wir teilen, ist ja so hellhörig wie eine Bauernstube, zwischen verdorrenden Dielen rieseln Sand und Staub und Geräusche. Ich höre sonst alles. Selbst das Hüsteln der beiden greisen Schwestern über mir höre ich. Am Morgen beginnen sie mir unbegreiflich geschäftige, sinnlos wiederholte Tage, bis in den Abend füllen sie meine Stunden mit trappelnder Geschwätzigkeit. Ich kann sie durch nichts auseinanderhalten, ihre Stimmen nicht und ihre abstoßende Erscheinung nicht, obgleich die eine ihr Haar sehr kurz trägt und die andere langes Haar und eine Brille. Nie, wenn ich nur eine von ihnen sehe, weiß ich, welche ich vor mir habe. Vermutlich gibt es noch eine Dritte. Manchmal bleiben wir aneinander hängen, und sie plappern auf mich ein. Des Nachts, wenn ich liege und zur Zimmerdecke hinaufstarre, plagt mich die knackende Gegenwart ihrer dürren Leiber auf den in Jahrzehnten steifgedrückten Lagern über mir. So viel Unrast in diesen greisen Schläferinnen und ihren klagenden Träumen.
Sie aber, meine Phyllis, schleichen sich rätselhaft ins Haus, Sie verbergen Ihr Geräusch, vor mir, vor allen, vor der ganzen Stadt.
Wir sind uns dennoch begegnet.
„Tut mir leid, ich kann nicht anders“, sage ich ein wenig irritiert. „Wer um alles ist Phyllis?“
