Der Nixen-Clan - Sina Blackwood - E-Book
Beschreibung

Eigentlich hat er von Frauen die Nase voll - doch dann zieht der Meeresbiologe Professor Doktor Bernd Neuberg auf einem Bootsausflug eine Verletzte aus der Ostsee. Völlig überrascht stellt er fest, dass an der Stelle, wo normalerweise zwei Beine sein müssten, ein Fischschwanz auftaucht. Er nimmt die geheimnisvolle Fremde kurzerhand mit nach Hause, um sie gesund zu pflegen. Seinem Schützling ein möglichst freies und selbstständiges Leben zu ermöglichen, besorgt er einen Rollstuhl und natürlich verfällt er dem Charme des märchenhaften Wesens, das seinerseits an Bernd das gleiche Interesse bekundet. Als gehbehinderte Künstlerin lebt Adaia offiziell bei und mit ihm, wobei ihnen Jana, Bernds Exfreundin, immer wieder das Leben schwer zu machen versucht und selbst vor Mordanschlägen nicht zurückschreckt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:400

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Inhalt

Ein seltener Fang

Schnelle Entscheidung

Gefühlschaos und Leidenschaft

Grandiose Ideen

Überraschungen

Traumfrau

Die Folgen eines Grillfestes

Porsche gegen BMW

Gemeinheiten

Familienzuwachs

Alles für die Minnie-Maus

Urlaub im Gebirge

Sorgen und Hoffnungen

Rettungshund

Nichts wie weg!

Gute und böse Nachrichten

Weihnachten

Neues Jahr – neues Glück?

Freunde, Gönner, Geldgeschäfte

Geburtstag und andere Überraschungen

Großvater Abraham

Blitzhochzeit

Familienbande

Großvater ist der Größte

Ein neuer Mordanschlag

Nägel mit Köpfen

Familienzusammenführung

Der Letzte im Bunde

Endlich Ruhe

Ein seltener Fang

Bernd hatte schon lange das Gefühl, beobachtet zu werden. Jetzt stellten sich auch noch seine Nackenhaare auf. Er kreiselte herum und überflog wie ein gehetztes Tier mit den Augen die bleigraue Wasseroberfläche. Leichte Wellenringe, etwa zwei Meter vor dem Bug seines Ruderbootes, machten ihn stutzig. Er starrte wie gebannt ins Wasser, bis seine Augen zu tränen anfingen.

„Wird wohl ein großer Fisch gewesen sein“, murmelte er schließlich, sich wieder in die Riemen legend. Eigentlich war er bei diesem Mistwetter nur hinaus gefahren, um ungestört seinen Gedanken nachhängen zu können, sich bisschen vom Alltagsstress zu erholen und einfach absolute Ruhe zu haben.

Vor ein paar Tagen hatte er seiner Dauerfreundin Jana den Laufpass gegeben, nachdem immer offensichtlicher wurde, dass sie nur hinter seinem Geld, statt hinter ihm als Mann her gewesen war. Zeitig genug, um größere Schäden zu verhindern. Dabei hatte er nicht unbedingt die chinesische Porzellanvase im Sinn, die ihm Jana vor Wut ins Kreuz geschmissen hatte, als er den Schlussstrich zog. Bernd grinste bei dem Gedanken. Am Anfang hatte er ihre Unbeherrschtheiten sogar für Temperament gehalten und gehofft, dass sie etwas mehr Schwung in seinen grauen Wissenschaftleralltag bringen werde. Das, was sie für Schwung hielt, hatte ihn irgendwann überrollt, hinter sich gelassen und war in weiter Ferne entschwunden. Jana ließ sich aushalten, rümpfte die Nase, wenn in seinem Haus irgendetwas nicht nach ihren Wünschen lief. Statt einmal selber zuzufassen, um das Geschirr des gemeinsamen Frühstücks in die Spülmaschine zu sortieren, machte sie ihm lieber Wochenende für Wochenende eine Szene.

„Schnepfe“, flüsterte Bernd, zog die Riemen ein, legte sich auf den Rücken und betrachtete die dunklen Wolken. Sacht glitt er in einen traumlosen Schlaf hinein, aus dem ihn das heftige Schwanken seines Bootes irgendwann weckte. Er riss die Augen auf. Schlaftrunken glaubte er, ein Frauengesicht am Heck gesehen zu haben. Mit einem Satz war er auf den Beinen und äugte über die Bordwand. Da war nichts und das Meer so spiegelglatt, dass es fast wie geschmolzenes Blei wirkte. Kopfschüttelnd legte er sich die Riemen, um den Heimweg in Angriff zu nehmen. Jetzt träumte er schon mit offenen Augen… Bernd stutzte. Von wem eigentlich? War es überhaupt ein Gesicht gewesen? Vielleicht war es ja nur irgendeine Lichtreflektion?

„He, pass doch auf, du Idiot!“

Bernd zuckte zusammen. Er hätte beinahe eine Kollision mit einem Angler verursacht.

„Oh, Verzeihung!“, stammelte er, schnell davon rudernd.

Der andere schaute ihm hinterher, wobei er eine eindeutige Scheibenwischerbewegung vor seiner Stirn machte.

Bernd zog das Boot auf den Strand und drehte es um. So tief, wie die Wolken jetzt schon hingen, würde es sicher noch einen mächtigen Guss geben. Hier lag es geschützt und lief auch nicht voll, selbst wenn es Bindfäden vom Himmel schütten sollte. Er stapfte den Weg zu seinem Haus hinunter, das gleich an den Dünen stand. Kaum war hinter seinem Rücken die Tür zugefallen, schälte er sich aus der wetterfesten Kleidung, streifte Jeans und T-Shirt über und feuerte den Kamin an. Dann verschwand er in der Küche, um sich einen steifen Grog zu mixen.

„Rum muss, Zucker kann, Wasser braucht nicht“, kicherte er, während er nach Augenmaß und sehr sparsam sein Glas mit heißem Wasser auffüllte. Mit dem Glas in der Hand angelte er sich im Vorbeigehen noch ein paar Kekse aus der Blechdose. Zufrieden ließ er sich in den gemütlichen Ledersessel am Kamin sinken, nahm hin und wieder einen Schluck und beobachtete das Spiel der Flammen hinter der feuerfesten Scheibe. Das leise Knistern des brennenden Holzes schuf eine behagliche Atmosphäre. Es war lange her, dass er solch ein Wohlbehagen gefühlt hatte. Janas quirlige Art und ihr ständiges Gequassel hatten stets jeden Ruhezauber im Haus getötet. Quatschte sie ihn nicht voll, dann telefonierte sie lautstark mit irgendwelchen Freunden, die ihr stets neue Flausen in den Kopf setzten, welche ihm spätestens am nächsten Tag das Leben schwer machten. Sie verkaufte in einer Boutique Edelklamotten, entsprechend schrill war ihr Freundeskreis.

Aufseufzend konstatierte Bernd, dass Liebe offenbar restlos blind machte. Im Normalzustand hätte er einen Riesenbogen um diese Frau gemacht. Er hatte sie am Strand getroffen, war mit den Augen regelrecht an ihrem Modelkörper festgeklebt, sein Sixpack war ihr auch nicht entgangen und irgendwie hatte es sich ergeben, dass er am nächsten Morgen neben ihr aufwachte. Ihre heißen Kurven faszinierten ihn und so hatte er nichts dagegen gehabt, dass sie ganz selbstverständlich nicht nur bei ihm, sondern auch im Haus geblieben war. Ich Vollidiot, dachte Bernd, schließlich war schon nach den ersten drei Tag überdeutlich zu spüren, dass Jana nicht die Kriterien erfüllte, die er von einer Traumfrau erwartete. Das begann bei körperlichen Merkmalen, zog sich über ihre Art, Makeup aufzutragen und endete beim Charakter.

Nichts war echt, weder die ansprechende Oberweite, noch das gönnerhafte Gehabe. Fremdes Geld um sich zu werfen, sprach nicht von Stil, und abends musste sie wohl mit einem Hobel die Farbe vom Gesicht kratzen, bis die natürliche Haut zum Vorschein kam. Zwei Jahre hatte Bernd an sie verschwendet, wie er nach reiflichem Überlegen feststellte. Er schob noch zwei Scheite Holz in die Glut. Funken stoben auf, wie ein goldener Sprühnebel. Bei dem Gedanken an Sprühnebel verzog er das Gesicht. Bis vor wenigen Tagen hatte früh nicht nur der Spiegel von Janas Haarspray geklebt. Seufzend ging Bernd in die Küche. Im Kühlschrank musste noch ein Stück Schinken liegen, das ihm, mit einem Glas Rotwein zusammen, den Abend versüßen sollte. Vor dem Fenster ließen inzwischen alle Schleusen des Himmels ihre Wassermassen fließen. Sie prasselten auf das Vordach, trommelten an die Fensterscheiben und verwandelten seinen schmucken Vorgarten in eine Matsch- und Seenlandschaft. Schulterzuckend igelte sich Bernd wieder in seinem Sessel ein, die Wärme und das Flackern des Feuers genießend. Nach dem zweiten Glas Rotwein schlief er, an Ort und Stelle, ein. Er träumte vom Nachmittag im Boot, von der blonden Fremden, deren Gesicht plötzlich am Heck zu sehen gewesen war.

Jäh aus dem Schlaf aufschreckend, rieb er sich die Augen. Da war keine Frau gewesen, da konnte gar keine Frau gewesen sein, hämmerte es in seinem Hirn. Woher sollte die auch gekommen sein, wenn weit und breit kein Boot und kein Schiff zu sehen war. Einige Kilometer zu schwimmen und dann einfach wie ein Gespenst zu verschwinden, wäre völlig irrsinnig. Bei dem Wetter der vergangenen Tage schwamm niemand freiwillig herum und so weit erst recht nicht. Bernd quälte sich aus dem Sessel, um den kurzen Rest der Nacht doch noch im Bett zu verbringen. Das Telefonklingeln riss ihn aus süßen Träumen.

„Neuberg“, meldete er sich, noch völlig verschlafen, um im nächsten Augenblick hellwach zu werden, denn aus dem Hörer quäkte Janas Stimme. Er ließ sie reden, hörte schweigend zu und entgegnete schließlich: „Tut mir leid, ich werde die nächsten Tage nicht da sein.“

Bei ihrem entrüsteten Aufschrei musste er das Gerät etwas weiter vom Ohr weghalten. Die Frequenz war durchaus geeignet, ein Trommelfell platzen zu lassen, wie er amüsiert grinsend feststellte. Jana tobte und legte, weil er einfach nur lachte, wutentbrannt auf.

Unter der Dusche beschloss Bernd, die nächsten Stunden irgendwo draußen auf dem Meer zu verbringen. Seine Ex-Flamme war durchaus imstande, plötzlich vor der Tür zu stehen, und er war sich nicht sicher, dass er sie auch dort lassen werde. War sie erst einmal im Haus, dann wurde er sie garantiert nicht gleich wieder los und das Wochenende wollte er sich keinesfalls verderben lassen. Flugs füllte er die große Thermoskanne mit Kaffee, packte belegte Brote und etwas Obst in den Rucksack, um fröhlich vor sich hin pfeifend Richtung Strand zu verschwinden. Heute sah der Himmel wesentlich freundlicher aus. Mit wenigen Handgriffen drehte er das Boot um, schob es ins Wasser und sprang hinein. Auf den Zusatzmotor verzichtete er. Ein wenig körperliche Ausarbeitung tat gut und konnte durch die Kraftmaschinen in seinem Keller nur teilweise ersetzt werden.

Er steuerte die Stelle an, an der er auch gestern den halben Tag verbracht hatte. Der alte Leuchtturm diente ihm zur Orientierung, obwohl er auch moderne Technik im Rucksack stecken hatte. Sein Großvater war Fischer gewesen und hatte ihn so einiges darüber gelehrt, sich am Stand der Sonne und der Gestirne zurechtzufinden. Auch die Liebe zur See und allem, was sich darin bewegte, hatte er wohl auf Bernd übertragen, sonst wäre der sicher nicht Meeresbiologe geworden.

Das Tuckern eines Motors unterbrach die Stille, näherte sich, entfernte sich wieder und kam noch einmal zurück. Dann tauchte auch schon ein ziemlich schnittiges Motorboot mit drei Mann an Bord auf. Einer legte etwas Langes, Dunkles aus der Hand, das Bernd von weitem für eine Harpune hielt.

„Hast du einen ungewöhnlich großen Fisch gesehen?“, rief einer der drei zum ihm herüber.

„Wie groß?“, fragte Bernd zurück.

„Anderthalb – zwei Meter“, lautete die Antwort.

„Wale gibt’s hier nicht“, feixte Bernd, „und anderes Viehzeug hab ich nicht gesehen.“

„Bist ne wirklich große Hilfe“, schnaufte einer der Fremden und ließ den Motor wieder an. Die Heckwelle brachte Bernds Nussschale zum Schwanken. Nur mühsam gelang es ihm, das Kentern zu verhindern.

Angesäuert schaute Bernd den dreien nach, unterschwellig ahnend, dass dies nicht die letzte Begegnung sein werde. Schließlich war er auch ungewöhnlich großen Fischen auf der Spur, aber nicht, um diese dann in den Kochtopf zu stecken. Wann immer es ging, auch ohne, dass es sein Job direkt erforderte, war er mit seiner Tauchausrüstung in den Tiefen der Ostsee unterwegs. Meist war die Sicht nicht besonders, trotzdem gelangen ihm immer wieder Fotos und Filmaufnahmen, die in Fachkreisen für Furore sorgten.

Bernd sollte sich nicht geirrt haben. Eine Stunde später bretterte das Motorboot noch einmal an ihm vorbei, ihn mit einem Regen kalten Wassers überschüttend.

Verrückte, nur Verrückte, global-kollektive Verblödung! Bernd notierte sich Namen und Nummer des Fahrzeugs. Er verstaute das Notizbuch wieder im Rucksack und wäre fast über Bord gegangen. Irgendetwas brachte seinen Kahn kurzzeitig in gefährliche Schräglage. Sein Herz schlug vor Schreck bis zum Hals. „Mein Gott, was ist denn heute bloß los!“ Dann suchte er akribisch die Bordwand und das Wasser in der Nähe ab. Da! Eine Schwanzflosse! Die Fremden hatten recht! Hier trieb tatsächlich ein gigantischer Fisch sein Unwesen und griff sogar Boote an!

Ein schabendes Geräusch auf der Backbordseite ließ ihn zusammenzucken. Wie in Zeitlupe dreht er sich um und bekam riesengroße Augen. Zwei feingliedrige zierliche Hände krallten sich von außen am Boot fest. Vorsichtig wechselte Bernd die Seite. Mit Schrecken bemerkte er das Blut an den Fingern der fremden Person, von welcher noch immer nur die Hände zu sehen waren. Tief über den Bootsrand gebeugt, starrte Bernd ins Wasser, bemerkte langes blondes Haar, das wie ein Schleier um den seltsamen Gast trieb. Kurzentschlossen fasste er zu und hievte die völlig entkräftete Fremde zu sich ins Boot.

„Bitte hilf mir“, flüsterte sie, sich an Bernds Arm klammernd.

Bernd reagierte nicht, er saß mit schreckgeweiteten Augen und starrte sie einfach nur an. Da, wo normalerweise zwei Beine sein mussten, bewegte sich ein kräftiger, mit unzähligen Risswunden bedeckter Fischschwanz. Es dauerte einige Sekunden, ehe er begriff, wen oder was er da gerade aus dem Wasser gezogen hatte.

Schnelle Entscheidung

„Hilf mir“, flehte das Wesen noch einmal und Bernd nickte mechanisch.

Das sich schon wieder nähernde Motorengeräusch brachte ihn sofort in die Realität zurück. Mit fliegenden Fingern zerrte er ein T-Shirt aus seinem Rucksack, das er der Fremden rasch über den nackten Oberkörper streifte. Hüftabwärts bedeckte er sie mit seinem Fischernetz. „Halt es gut fest“, schärfte er ihr ein, sich den gerade ankommenden Männern zuwendend.

„Habt ihr nicht anderes zu tun, als Liebespaaren den Tag zu vermiesen?“, rief er hinüber. „Jungs, ihr geht mir echt auf die Nerven!“

„Okay, okay“, versuchte ihn einer der Männer zu beschwichtigen. „Unser Fischradar hat nur gerade wieder das Riesending angezeigt, hinter dem wir her sind.“

„Ist mir scheißegal, was euer Radar anzeigt! Lasst uns gefälligst in Ruhe!“ Bernd zog wütend die Augenbrauen zusammen.

Mit ein paar gestammelten Entschuldigungen machten sich die drei Fischjäger wieder davon, diesmal etwas vorsichtiger zu Werke gehend.

„Puhhh! Das war knapp!“, stöhnte Bernd, sich der Nixe widmend, denn nichts anderes konnte die Fremde sein.

Sie lehnte halb ohnmächtig vor Angst und Aufregung an seinem Rucksack. Die Verletzungen schienen ebenfalls an ihrer Kondition zu nagen. Mit matter Stimme flüsterte sie: „Danke.“

„Die sind hinter dir her?“, stellte der Biologe im Tonfall einer Frage fest, mit dem Finger über seinen Rücken in die Richtung deutend, welche die Männer eingeschlagen hatten.

Sie nickte. „Drei Tage schon. Einmal konnte ich mich mit knapper Not aus ihrem Netz befreien und heute haben sich mich mit der Harpune erwischt.“ Sie zeigte auf ihre Schwanzflosse, von der nur noch Fetzen übrig waren. „Damit kann ich weder schwimmen noch tauchen.“

„Wächst die wieder nach?“

„Ja, aber das dauert einige Wochen.“

„Was machst du bis dahin?“

„Weiß nicht. Mich vor ihnen und allen anderen verstecken, so gut es geht.“

„Vor mir scheinst du weniger Angst zu haben“, konstatierte Bernd sichtlich erfreut.

Die Nixe lächelte. „Gar keine. Ich war schon oft in deiner Nähe und habe dich beobachtet, wenn du dich in meinen Gefilden aufgehalten hast. Ich kann außerdem deine Gedanken fühlen.“

„Ach, schau an!“, rief Bernd erstaunt. „Dann stimmt es also, was mein Großvater über Meerjungfrauen erzählt hat.“

„Er war genau wie du, hat genau so die Meerestiere geschützt, auch wenn er sie fangen musste, um leben zu können.“

„Du kanntest meinen Großvater?“

„Hmm, alle von euch, bis hin zum Großvater seines Vaters.“

Bernd fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. „Das gibt es doch nicht! Bist du unsterblich?“

„Das nicht, aber euch Menschen gegenüber etwas langlebiger“, schmunzelte sie.

„Etwas“, amüsierte sich der Biologe. „Ich bin übrigens Bernd. Und wie heißt du?“

„Adaia.“

„Ein schöner Name. Also, Adaia, ich nehme dich mit zu mir nach Hause und wenn du wieder richtig gesund bist, dann bringe ich dich zurück ins Meer. Wie gefällt dir dieser Vorschlag?“

„Ich kann ohne Wasser nicht lange überleben“, flüsterte Adaia.

„Keine Sorge, ich lasse mir etwas einfallen“, versprach Bernd. „Da wäre zuerst meine Badewanne und dann fülle ich ganz einfach meinen Pool mit Meerwasser. Der ist groß und tief genug, dass du einigermaßen darin schwimmen kannst. Jetzt kümmere ich mich erst einmal um deine Verletzungen und dann machen wir, dass wir schleunigst hier weg kommen.“

„Einverstanden.“

Vorsichtig sprühte er Hautdesinfektion auf, reinigte mit einem Tuch die Umgebung der Wunden von Blut und Schmutz und klebte vorsichtshalber auf die tieferen Abschürfungen Heftpflaster. „So, nichts wie weg!“, rief er, nachdem er den Nothilfekasten wieder sicher verstaut hatte.

Adaia schmiegte sich im Boot liegend eng an die Bordwand und zog sogar noch das Netz ganz über sich, um bloß nicht zufällig entdeckt zu werden. Bernd schob ihr seinen Rucksack unter den Kopf, damit sie es bequemer hatte. Er konnte ihr Herz überlaut in der Stille klopfen hören.

„Ich passe schon gut auf dich auf“, versprach er ihr.

Adaia nickte zaghaft. In ihren Augen flackerte Angst. Sie fürchtete sich vor der Nähe der anderen Menschen, in die sie ihr Retter nun bringen werde. Doch ohne seine Hilfe standen ihre Überlebenschancen mehr als schlecht.

Bernds Blicke huschten immer wieder hingerissen über seinen ungewöhnlichen Gast. Das goldblonde Haar und die großen dunkelblauen Augen luden reichlich zum Träumen ein. Adaia war hübsch, sehr hübsch sogar, wie Bernd fasziniert feststellte. Kein Wunder, dass sich, der Sage nach, so viele Männer für diese Wesen in den Tod gestürzt hatten. Im Augenblick war das todbringende Geschöpf völlig hilflos.

Es hob plötzlich den Kopf, schaute Bernd fest an und schwor: „Ich werde dir und den Deinen niemals Böses tun.“

„Du kannst tatsächlich Gedanken lesen?“

„Ja und deshalb weiß ich, dass du in deinem tiefsten Inneren fürchtest, ich könnte dich eines Tages ins Verderben stürzen.“

Lachend winkte Bernd ab. „Das ist meiner letzten Freundin auch nicht gelungen.“

Adaia fiel in das Gelächter ein. „Mit ihr musst du dir ja einen regelrechten Drachen eingefangen haben.“

„Das trifft es ziemlich gut“, witzelte Bernd. „Wie du siehst, bin ich Kummer gewöhnt. Wir sind übrigens gleich da.“

„Oh.“ Adaia hob ganz vorsichtig den Kopf.

„Das Haus mit dem Reetdach ganz links ist es“, erklärte Bernd und ließ das Boot auf den Strand laufen. Sich umschauend, stellte er fest, dass weit und breit kein Mensch zu sehen war. Er zog es mitsamt Adaia auf den Liegeplatz, hob die Nixe vorsichtig heraus und setzte sie in den Sand. Nachdem er das Boot umgedreht hatte, zog er seine Jacke aus, nahm den Rucksack auf den Rücken, Adaia auf die Arme und bat sie, die Jacke über ihren Fischschwanz zu decken.

„Muss ja nicht gleich jeder sehen, wen ich zu Besuch habe.“

Er genoss es, wie sie die Arme um seinen Hals und den Kopf an seine Wange legte. Schnellen Schrittes trug er sie in seinen Vorgarten, den die hohen Stockrosen vor allzu neugierigen Blicken schützten. Als er die Tür aufschloss, begann die Nixe zu zittern. Auf seinen fragenden Blick zuckte sie hilflos mit den Schultern. Vor dem Kamin ließ er sie in seinen Lieblingssessel gleiten.

„Möchtest du etwas essen oder trinken?“

„Ich hab ein bisschen Hunger“, erwiderte die Nixe.

„Was essen Nixen eigentlich?“

„Fisch, Muscheln und Tang.“

„Na, ich werde schon etwas finden, das dir schmecken könnte. Am besten nehme ich dich gleich mit in die Küche und du suchst dir aus, was du haben möchtest.“

Gesagt, getan. Mit erstauntem Blick musterte Adaia die Inneneinrichtung und vor allem den Inhalt des Kühlschrankes. Zwei grüne Heringe ließen ihr Herz schneller schlagen. „Das da mag ich besonders!“

„Sollst du haben.“ Bernd legte ihr die Fische auf einen Teller, Messer und Gabel daneben.

Im Handumdrehen hatte die Nixe den Fisch filetiert und in hauchzarte Streifen geschnitten.

„Phänomenal“, murmelte der Biologe. „Gibt es bei euch auch solches Besteck?“

„Ähnliches“, erklärte Adaia. „Aber hiermit komme ich auch ganz gut zurecht.“

Bernd schnitt Obst und Gemüse in genau so dünne Scheiben, welche er in eine Schale häufte. „Dann steht ja einem gemütlichen Essen nichts im Wege.“

„Darf ich vorher noch einmal ins Wasser?“

„Ins Meer oder geht auch Süßwasser?“

„Einmal geht das schon“, entgegnete Adaia schnell und ließ sich ins Badezimmer tragen.

„Bevorzugst du eine bestimmte Temperatur?“

„Kalt“, kam es wie aus der Pistole geschossen.

Schnell war der Stöpsel im Abfluss und die Nixe freute sich wie ein kleines Kind, als der Wasserstrahl rasch die Wanne füllte.

„Ich kann dir auch ein paar Krümel Salz rein machen“, erklärte Bernd.

„Oh bitte, wenn es nicht zu viel Aufwand ist“, rief die Schöne erfreut.

„Bin gleich wieder da. Wenigstens muss ich mir keine Sorgen machen, dass du inzwischen ertrinken könntest“, schmunzelte Bernd und beeilte sich, das Salzpäckchen zu holen.

Als das Wasser eine Hand breit unter dem Wannenrand stand, drückte Adaia den Hebel der Mischbatterie herunter, wie es ihr Bernd gezeigt hatte. Tolle Technik.

Da kam er auch schon zurück. „Sag, wenn es genug ist.“ Vorsichtig verteilte er die Kristalle in der Badewanne.

„Stopp! Das tut gut“, seufzte die Nixe und tauchte unter. Dann schnellte sie auf einmal empor. „Ach du Schreck! Ich hab ja noch das da an!“ Sie zeigte etwas verstört auf das pitschnasse T-Shirt.

Mit einem lustigen Zwinkern winkte Bernd ab. „Davon geht die Welt nun wirklich nicht unter.“ Er nahm es entgegen, wrang es aus und hängte es über die Wäschespinne an der Wand. Aufatmend ließ sich sein märchenhafter Gast wieder ins Wasser sinken. Betrübt betrachtete Bernd die verletzte Flosse. Ob Adaia wohl Schmerzen hatte, von denen sie ihm nichts sagte?

Ja, natürlich schmerzt es, aber dank dir ist es einigermaßen auszuhalten, hörte er deutlich in seinen Gedanken.

Ich muss mich erst an diese Art der Unterhaltung gewöhnen, dachte er mit dem Willen, es ihr als Antwort zu senden.

Du bist begabt, hallte es in seinem Kopf, dann tauchte die Nixe mit einem glücklichen Lächeln auf. „Ich habe mich in dir nicht getäuscht. Du bist wirklich das, wofür ich dich halte – ein ganz besonderer Mann.“

„Danke.“

„Und jetzt habe ich Riesenhunger“, schmunzelte Adaia, ihm die Arme entgegenstreckend.

Auf dem Toilettendeckel lag schon ein Saunatuch bereit, in das er sie vorsichtig einpackte.

„Ach ja, hab schon wieder vergessen, dass Feuchtigkeit nicht der Menschen Ding ist“, seufzte sie. „Daran muss ich mich erst gewöhnen.“

Richtig lustig fand sie den Turban aus einem großen Handtuch, den ihr Bernd kunstvoll band, um das lange Haar zu trocknen. Mit dem ungewohnten Kopfschmuck trug er sie in die Sitzecke am Kamin, holte das Abendbrot und setzte sich ihr gegenüber.

„Es irritiert dich, weil ich keine Kleidung trage“, stellte Adaia nüchtern fest, der es nicht entgangen war, mit welchem Interesse sein Blick ihre nackten Brüste streichelte.

Ein amüsiert-bekümmertes Nicken von Bernd. „Männer sind halt so. Solch wundervolle Sachen lenken uns ganz schnell ab.“

„Außerhalb der Paarungszeit?“, fragte Adaia ehrlich überrascht.

Ein kurzes Stutzen, dann begann er herzhaft zu lachen. „Ach, Mädchen, bei Menschenmännern ist immer Paarungszeit! Egal welche Jahreszeit, egal welche Tageszeit, Männer stellen hübschen Frauen immer nach.“

„Oh je! Immer Paarungszeit? Du machst Scherze?!“

„Mm, mm“, brummte er und schüttelte den Kopf. „Es ist die blanke Wahrheit.“

Ein Zug des Begreifens glitt über das Gesicht der Nixe. „Ach, deshalb gibt also so viele Menschen!“

„Das könnte durchaus ein Grund dafür sein“, schmunzelte Bernd.

„Erzählst du mir mehr darüber?“

„Gerne, wenn ich muss, aber nur, wenn du mir etwas über das gleiche Thema bei euch erzählst.“

„Versprochen. Aber nun gib mir lieber etwas zum Überziehen, ehe du noch Appetit auf andere Dinge bekommst als Abendbrot“, kicherte Adaia, „Habe gerade aus berufenem Munde gehört, dass Menschenmänner dafür sehr anfällig sein sollen.“

Mit fröhlichem Grinsen trollte sich Bernd. Er brachte ihr ein kurzärmeliges Hemd in kräftigem Blau, das ganz hervorragend zu ihren ausdrucksvollen Augen passte. „Nun musst du damit leben, dass ich dich noch mehr anstarre, weil du umwerfend aussiehst.“

„Verstehe einer die Menschen“, seufzte sie gespielt komisch.

„Männer muss man nicht verstehen, die sind einfach so“, witzelte Bernd, den Knopf der Stereoanlage drückend. Zarte Geigenklänge füllten leise den Raum und ließen Adaia andächtig lauschen. „Ist das schön“, flüsterte sie, als fürchtete sie, die Musik zu stören. „Ich glaube, hier halte ich es aus bis ich wieder gesund bin.“

„Freut mich. Ich hatte schon Angst, du würdest dich eingesperrt fühlen. Es ist schön, dass du da bist. Ich habe schon lange keine so nette Gesellschaft mehr gehabt.“

„Aber du machst dir Sorgen was werden soll, wenn du das Haus den ganzen Tag verlassen musst. Stimmt’s?“

„Stimmt.“

„Ich verspreche dir, mich ganz genau an deine Anweisungen zu halten. Wenn du sagst, ich soll in der Badewanne bleiben, dann werde ich das tun, ohne wenn und aber.“

„Du darfst nur niemals mit nassen Händen oder Dingen an elektrische Geräte kommen. Die könnten dich töten. Das ist, was mir wirklich Sorgen macht. Na, wir beide werden schon eine brauchbare Lösung finden.“

Adaia nickte, während sie nach dem ersten dünnen Obstscheibchen griff. „Hmm, es riecht gut und es schmeckt gut. Wie nennt man das?“

„Birne. Das mit der roten Schale ist Apfel und das kleine weiche Stückchen ist von einer Banane“, erklärte Bernd.

„Lecker!“

„Den Fisch scheinst du weniger zu mögen“, stellte er fest.

Ein wenig herumdrucksend sagte Adaia schließlich: „Der ist nicht ganz frisch, weißt du.“

„Du hast ja recht. So frisch, wie du ihn direkt aus dem Meer fangen kannst, ist er wirklich nicht. Lass ihn liegen, ich koche mir morgen etwas daraus.“ Bernd trug den Teller in den Kühlschrank, dabei streifte sein Blick den Weg auf den Dünen. Der alte Hansen trug gerade seine Netze zum Haus. Mit den Worten: „Ich bin sofort wieder da!“, eilte Bernd davon. Es dauerte keine fünf Minuten, bis er wiederkam und Adaia einen fangfrischen Barsch präsentierte. „Noch frischer geht es hier nicht“, sagte er lachend.

„Wie hast du denn das gemacht?“, fragte die Nixe verblüfft.

„Hab ich meinem Nachbarn abgekauft, der gerade vom Angeln gekommen ist.“

Bernd strahlte vor Freude, genau wie Adaia, die sich den leckeren Fisch sofort schmecken ließ. Wenn er daran dachte, wie Jana bei jedwedem Essen die Nase rümpfte, dann konnte er es immer weniger verstehen, wie er das Theater volle zwei Jahre ertragen hatte.

„Ich hab wohl gerade wieder zu laut gedacht“, antwortete er mit einem Lächeln auf Adaias verschmitztes Zwinkern.

„Sind Menschenfrauen wirklich so kompliziert?“

„Einige“, wiegelte Bernd ab. „Ich hab wohl ein verschärftes Exemplar erwischt gehabt. Sie wollte immer toller sein als die anderen, immer besser aussehen und immer die Blicke aller Männer für sich haben.“

„Ist doch kein Wunder, wenn bei euch täglich Paarungszeit ist“, rutschte es Adaia heraus.

„Auch wahr“, lachte Bernd herzlich. „Unter diesem Aspekt habe ich das noch gar nicht betrachtet.“

„Reibereien wird es wohl überall geben“, sinnierte die Nixe und ließ den letzten Streifen Fisch mit halb geschlossenen Augen auf der Zunge zergehen.

Aufschauend fragte Bernd: „Sag mal, werden dich deine Leute nicht suchen?“

„Keine Ahnung. Vielleicht haben sie es noch nicht einmal bemerkt, dass ich fehle. Möglich, dass sie mich auch einfach nur als Verlust abhaken. Das Meer ist groß und es gibt viele Gefahren.“ Sie streckte sich genüsslich. „Jetzt bin ich erst einmal hier in Sicherheit.“

„Und sehr müde“, beendete Bernd mit einem Blinzeln ihren Gedankengang. „Komm, ich bringe dich ins Wasser. Die Türen lasse ich offen, damit du mich rufen kannst, wenn du irgendetwas brauchst.“

„Erklärst du mir vorher noch wie ihr Verdauungsabfälle entsorgt?“

„Ich zeige es dir. Wäre doch gelacht, wenn wir für dieses Problem nicht auch eine Lösung finden.“ Er klappte den Toilettendeckel auf. „So, das hier ist des Rätsels Lösung für Menschen. Hinsetzen, natürlich ohne Hose“, schmunzelte er, „Geschäft verrichten, hier auf den Knopf drücken, weg ist es. Nun kenne ich mich allerdings nicht mit der Anatomie von Nixen aus…“

„Zumindest ist die Stelle die gleiche“, atmete Adaia auf. „Wird schon gehen. Von hier käme ich sogar allein und ohne Probleme ins Wasser zurück.“

„Gut, ich lege dir noch ein paar Handtücher her, damit der Boden halbwegs trocken bleibt.“

Gefühlschaos und Leidenschaft

Bei Bernds Vorbereitungen für die Nachtruhe schaute Adaia äußerst interessiert zu. Besonders, als er alle Hüllen fallen ließ, um zu duschen. Ganz unbewandert in menschlicher Anatomie war sie nun wirklich nicht und das, was sich unter sonnengebräunter Haut an Muskeln bewegte, wäre selbst unter ihresgleichen mehr als zwei, drei Blicke wert gewesen. Sie seufzte. Mit einem Mann von diesem Aussehen und mit dieser liebenswerten Ausstrahlung würde der Paarungstanz sicher ein Feuerwerk der Gefühle werden.

„Träumst du mit offenen Augen?“, hörte sie plötzlich Bernd leise fragen und wurde tomatenrot bis in die Haarspitzen. Dass er schon ein paar Sekunden vor der Wanne auf den Fersen hockte, den Kopf auf die verschränkten Arme auf den Wannenrand gebettet hatte und sie forschend anschaute, hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Er streichelte ihre Wange. „Um zu wissen, an was du gerade gedacht hast, muss man nicht einmal telepathieren können“, zwinkerte er. „Aber glaube mir, ich fühle mich ähnlich. Am liebsten würde ich die Nacht an deiner Seite verbringen. Nur bin ich dann morgen garantiert zu nichts zu gebrauchen, solange hält ein menschlicher Körper kein Wasser aus. Schlaf gut.“ Er küsste sie auf die Stirn, womit er ihre Gefühlswelt endgültig in Aufruhr brachte.

Seine Schritte waren schon lange verklungen, da wisperte sie: „Bernd“, nur um dem Klang seines Namens noch einmal zu lauschen.

Licht flammte auf. „Du hast mich gerufen?“

Adaia tauchte aus dem Wasser auf, um ihn ungläubig mit weit aufgerissenen Augen zu mustern. „Du hast mich gehört? Aber ich habe doch deinen Namen nur geflüstert!“

Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Laut und deutlich, als würdest du neben mir im Bett liegen.“

„Aber du hast doch gesagt, dein Bett stünde oben, unterm Dach.“

„Tut es ja auch.“

Sie streckte ihm die Arme entgegen und ließ sich aus der Wanne heben.

„Wenn es dein Wille ist, die Nacht bei mir zu schlafen, dann müssen wir deine Haare trocken bekommen.“ Ein Griff ins Regal und schon fauchte der Fön mit mäßig warmer Luft.

„So etwas darf niemals in die Nähe von Wasser“, schärfte ihr Bernd noch einmal ein, während er ganz selbstverständlich ihre blonde Mähne bearbeitete. Jana wäre ausgerastet, hätte er auch nur den scherzhaftesten Versuch gewagt, sich ihr mit dem Fön zu nähern. „Dein Haar trocknet ungewöhnlich schnell“, staunte er, packte das Gerät wieder weg, und nahm Adaia auf die Arme. „Halte dich gut fest, auf der Treppe wird es eng.“

Die Nixe schlang ihm die Arme um den Nacken. Da war es wieder, das Gefühl diesen biegsamen Körper streicheln zu müssen, wie Bernd mit leisem Lächeln bemerkte. Er freute sich auf die Nacht neben ihr. Sie auf dem Schoß, auf der Bettkante sitzend, ließ er sich langsam umsinken. Einen Augenblick lang spürte er ihre festen Brüste auf der Haut, als sich die offene Pyjama-Jacke selbstständig machte. Tief durchatmend half er ihr, sich auf der ungewohnten Schlafstelle für die Nacht einzurichten.

Mit den Worten: „Gute Nacht und sag mir sofort Bescheid, wenn du wieder ins Wasser möchtest“, löschte Bernd das Licht. Einen Augenblick später fühlte er, wie sich Adaias Hand zu ihm vortastete, die seine fest umklammerte. Mit einem Lächeln in den Mundwinkeln schlief er rasch ein. Als er im Morgengrauen erwachte, lag die Nixe fest an ihn geschmiegt, ihr Kopf ruhte an seiner Schulter und ihre Hand auf seiner Brust. Ihre ruhigen Atemzüge deuteten an, dass sie noch ganz fest schlief. Die trockene Umgebung schien ihr nicht viel ausgemacht zu haben. Also schloss er wieder die Augen, um die Nähe dieses märchenhaften Wesens, welches es eigentlich gar nicht geben durfte, mit allen Sinnen zu genießen. Dieses fröhliche Geschöpf hatte seine Pläne für die nächsten Wochen in einem einzigen Augenblick völlig umgekrempelt und allen Dingen einen neuen Sinn gegeben. Er hoffte, dass sie auch dann noch bei ihm bleiben würde, wenn ihre Wunden wieder völlig verheilt sein würden.

Darüber lässt sich reden, wisperte es in seinem Kopf.

„Erwischt! Du bist also doch schon wach!“, schmunzelte er.

„Und ich habe wunderbar geschlafen“, berichtete Adaia mit leuchtenden Augen.

„Die erste gute Nachricht des Tages.“ Bernd hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. Adaias Wangen färbten sich leicht rosa. Überrascht-fragend schaute sie ihn an.

„Wenn eine Frau mit einem Mann ins Bett geht, dann bedeutet das bei uns normalerweise, dass sie Sex mit ihm haben und sich möglicherweise auf eine dauerhafte Beziehung einrichten möchte“, erklärte er schmunzelnd. „Frauen erwarten dann, dass man ihnen Aufmerksamkeit und viele Zärtlichkeiten entgegenbringt, indem man miteinander schmust, kuschelt, sich liebkost und so weiter und so weiter. Verstehst du?“

„Nicht einmal die Hälfte“, gab Adaia zu. „Was ist Sex?“

„Ach, hab doch glatt vergessen, dass du einige Begriffe nicht kennst oder ganz anders.“ Bernd rieb sich das Gesicht. „Sex ist zum Beispiel das, was du unter Paarung verstehst.“

„Und ich hatte ganz vergessen, dass Menschen immer Paarungszeit haben! Dann hättest du also, wenn ich keine Nixe wäre, gestern Abend…?“

„Aber ganz bestimmt!“, rief Bernd lachend. „Und heute früh und immer, wenn du auch gewollt hättest. Bei so einer hübschen Frau wird jeder Mann schwach.“

Obwohl Adaia beinahe dunkelrot anlief, musste sie auch lachen. „Mir gefällt, dass du ehrlich bist. Und wenn ich ehrlich sein soll, dann…“. Statt den Satz zu beenden, beugte sie sich über ihn und küsste ihn so leidenschaftlich, dass ihm richtig heiß wurde. Dann blinzelte sie mit beiden Augen. „Trägst du mich ins Wasser?“

„Sofort, mein Schatz!“

„Kann man eigentlich auch kuscheln, wenn es mit dem Sex wegen technischer Probleme nicht klappt?“, fragte Adaia unvermittelt.

„Ja, natürlich, jederzeit.“

Sie lächelte amüsiert. „Guuuuuut zu wissen“, und rieb ihre Wange an seiner Schulter.

Vorsichtig ließ er sie in die Wanne gleiten, wo sie sofort für einige Minuten untertauchte. Er beendete die Morgentoilette in dem Moment, als Adaia wieder auftauchte. „Hmm, du duftest“, stellte sie sofort fest. „Was ist das?“

„Rasierwasser.“ Er hob die Flasche.

„Locken Männer damit Frauen an?“

„Manchmal schon und oft genau die Falschen.“

Adaia lachte übermütig. „Du musst bestimmt ganzen Schwärmen davoneilen.“

„Meinst du?“

„Na klar! Du siehst gut aus, bist ein netter Kerl, da müssen die doch ganz wild werden, wenn du auch noch so anziehend riechst.“

„He, he, he! Das ist ja gleich ein ganzer Sack voller Komplimente.“

„Voller Wahrheiten“, erwiderte sie mit großen strahlenden Augen.

„Wir müssen jetzt erst einmal einer ganz anderen Wahrheit ins Auge schauen, nämlich der, wie es deiner Flosse heute geht.“ Kritisch betrachtete Bernd die Wundränder. „Offenbar war es gut, dass du auf dem Trockenen geschlafen hast. Es sieht viel besser aus als gestern. Auch die Risse und Abschürfungen an deinen Armen und Händen haben sich geschlossen.“

„Das liegt sicher am sauberen Wasser“, vermutete die Nixe. „Im offenen Meer wäre jetzt garantiert eine dicke schleimige übelriechende Schicht auf meiner Flosse.“

„Habt ihr keine Ärzte?“, fragte Bernd überrascht.

„Wir haben Heiler, aber ich komme so ja nicht zu ihnen. Ohne Flosse derart tief zu tauchen, ist fast nicht möglich. Außerdem kennst du dich mit Meereslebewesen ganz gut aus. Schließlich verbringst du sehr viel Zeit im Wasser und beobachtest, was geschieht. Du wirst schon das Richtige tun.“

„Hoffentlich“, murmelte Bernd. „Wenn es in drei Tagen nicht grundlegend besser aussieht, dann muss ich jemanden zu Rate ziehen, der sich mit Medikamenten für Meeresfische wirklich gut auskennt.“

„Oh nein!“, hauchte Adaia. „Niemand darf wissen, dass es mich überhaupt gibt.“ Verzagt klammerte sie sich an Bernd Arm.

„Das lässt mich ja auch zögern, obwohl ich ihm bisher immer voll vertrauen konnte. Warten wir noch drei Tage, dann müssen wir eine Entscheidung treffen.“

Sein nachhaltiges Magenknurren erinnerte ihn daran, dass es langsam Zeit wäre, sich um das Frühstück zu kümmern. Unverwandt starrte Adaia die Kaffeemaschine an, deren Blubbern und dunkler Inhalt der Glaskanne ihr nicht geheuer vorkam.

„Das willst du wirklich trinken? Sieht ja furchtbar aus!“

Lachend erwiderte Bernd: „Ohne dieses Gebräu am Morgen wird es ein ganz schlechter Tag. Du möchtest sicher Saft oder Mineralwasser haben.“

„Hab beides noch nicht probiert. Im Meer komme ich ohne zusätzliche Flüssigkeit aus. Saft klingt aber gut und macht neugierig.“

Rasch sichtete er seine Vorräte und holte eine Flasche Sanddornsaft. „Naturtrüb und aus meinen eigenen Früchten, von den Sträuchern da draußen, gemacht“, erzählte er, mit dem Kopf zum Fenster deutend.

„Du hast den selber gemacht?“

„Ja. Es sind nicht viele Flaschen, aber eigene Ernte schmeckt besonders gut.“

Nickend pflichtete Adaia bei. „Geht mir auch so. Der Tang aus der eigenen Plantage ist immer der beste.“

„Was soll ich dir zu essen bringen, fällt mir bei diesem Thema gerade ein. Brötchen und Ei sind bestimmt zu fremdartig für dich.“

„Aber das heißt nicht, dass ich sie von vornherein ablehne. Ich werde kosten und sagen, was am Ende auf den Teller kommt“, entgegnete Adaia ganz entschieden. „Bei uns wird auch gegessen, was der Gastgeber zubereitet.“

„Versuchen wir es“, schmunzelte Bernd.

Mit solch brauchbaren Ansichten würde das Zusammenleben mit ihr sicher kein Problem werden. Wenige Minuten später balancierte er das volle Tablett ins Wohnzimmer. Munter testete Adaia drauflos.

„Sag mir, wenn ich etwas falsch mache“, bat sie, zwischen zwei Häppchen Marmelade, die sie sich auf den Teller kleckste.

„Du machst das ganz hervorragend“, lobte Bernd. „Im Zweifelsfall immer erst alles auf den Teller legen.“

Neugierig schaute die Nixe zu, wie er sich eine Brötchenhälfte mit Butter und Marmelade bestrich. Eine Kostprobe davon reichte er ihr. Sie wiegte den Kopf. „Interessante Mischung, aber das ganz unten ist mir zu trocken.“

„Also gut, Brötchen magst du schon mal gar nicht“, konstatierte Bernd und schnitt eine hauchdünne Mischbrotscheibe ab, welche er ebenfalls mit Butter und Marmelade bestrich.

„Hm, lecker!“, rief Adaia nach dem Probestückchen. „Darf ich mehr davon haben?“

„Nein, du musst verhungern“, kicherte Bernd, während er die ganze Scheibe auf ihren Teller schob.

„Aha, alberne Sprüche macht man hier also auch“, schmunzelte Adaia. „Na warte, ich zahle mit gleicher Münze zurück!“

Unter Scherzen und Gelächter ließen sie sich das erste gemeinsame Frühstück schmecken. Danach brachte Bernd Adaia ins Wasser, ging in die Küche abwaschen und trug sie danach wieder ins Wohnzimmer auf die große Ledercouch. Weil sie ab dem nächsten Tag allein bleiben werde, erklärte er ihr, wie man Stereoanlage und Fernsehapparat einschalten und bedienen konnte.

Adaia wehrte anfänglich ab. „Nein, nein, ich bleibe lieber im Wasser, bis du wiederkommst!“

„Zehn Stunden sind eine lange Zeit“, sagte Bernd eindringlich. „Du wirst dich furchtbar langweilen. Vielleicht schaffst du es irgendwie, dich mit den Händen bis hierher zu ziehen, beziehungsweise von hier bis ins Wasser. Ich lege dir einige Bücher mit vielen Bildern über die Wunder dieser Welt auf den Tisch. Auch wenn du unsere Schriftzeichen nicht lesen kannst, wirst du viel Neues entdecken, über das wir abends reden können. Natürlich stelle ich dir auch Obst und Saft her, damit du nicht hungern und dursten musst.“

Sein Blick streifte das Telefon. „Noch etwas, schau! Im Notfall nimmst du den Hörer ab, hältst ihn dir so ans Ohr und drückst diesen Knopf – dann geht bei meinem Handy ein Signal ein und du kannst mit mir sprechen, egal, wo ich gerade bin.“ Er nahm das Gerät aus dem Regal. „Komm, wir probieren es gleich einmal aus.“

Adaia nickte, dann folgte sie den, gerade erhaltenen, Anweisungen. Tatsächlich! Ein Summton erklang und schon konnte sie Bernds Stimme im Telefonhörer lauschen. Sie antwortete und legte am Ende wieder auf.

„Sehr gut!“, freute sich der Biologe. „Es beruhigt mich, dass du um Hilfe rufen kannst, wenn gar nichts mehr geht.“

„Ich habe nicht gewollt, dass du nun dein ganzes Leben nach mir richten musst“, murmelte die Nixe schuldbewusst.

Er rieb seine Nase an ihrer. „Mach dir darüber bloß keine Gedanken. Ich bin froh, dass du in mein Leben geplatzt bist. Nun habe ich jemanden, auf den ich mich den ganzen Tag freuen kann.“

„Wie funktioniert das mit dem Zusammenleben bei euch wirklich?“, fragte Adaia unvermittelt.

„Es ist kompliziert“, schmunzelte Bernd und begann alle möglichen und unmöglichen Formen des Miteinanders zu beschreiben. Dass dabei die Zeit beinahe davon galoppierte, bemerkten die beiden erst, als ihnen der Magen zu knurren begann.

„Oh je! Mittagessen ausgefallen!“, rief der Biologe. „Jetzt wird es aber Zeit, dass wir uns einen ordentlichen Kaffee machen.“

„Du meinst die braune Brühe?! Für mich nicht!“, rief Adaia, wild mit den Händen abwehrend.

Lachend trug Bernd die Schöne in die Küche. „Am besten suchst du dir an Ort und Stelle aus, was du haben möchtest.“

Adaia spitzte die Lippen. „Du, Bernd…“ Sie dehnte die Worte sehr lang. „Lässt du mich trotzdem einmal von deinem Kaffee kosten?“

„Aber gern“, erwiderte er, ihr die Tasse hinstellend. „Pass auf, er ist noch sehr heiß.“

Vorsichtig hob die Nixe die Tasse, roch daran, verzog das Gesicht und probierte dennoch. Sie kaute die Flüssigkeit wie ein Weintester. „So übel ist das Zeug nicht mal“, murmelte sie. „Noch ein Löffelchen Zucker und vielleicht etwas von dem Weißen da, aus dem kleinen Krug“, sinnierte sie.

„Versuchs doch einfach“, ermunterte sie Bernd und Adaia begann, nach ihren Vorstellungen zu mischen.

Schließlich trank sie ihr Gemix in kleinen Schlucken aus. „Oh, ha! Das bringt den Kreislauf auf Touren!“ Sie machte große Augen. „Nun verstehe ich, weshalb du den Tag damit beginnst.“

„Musst du heute gar nicht noch Mal ins Wasser?“, fragte Bernd nach einer Weile überrascht.

Kopfschüttelnd antwortete sie: „Nein, obwohl ich es auch nicht verstehe. Aber du hast recht, ich sollte vorsichtshalber untertauchen. Wer weiß, was sonst mit meinen Kiemen passiert? Ich habe auch keine Ahnung, ob ich dauerhaft nur mit atmosphärischem Sauerstoff leben könnte.“

„Spätestens morgen früh tausche ich das Wasser aus“, erklärte Bernd, als er sie langsam hinein gleiten ließ.

„Muss nicht sein, das Meer ist bei weitem nicht so sauber.“

„Macht nichts. Ich möchte, dass du die allerbesten Bedingungen bekommst, die sich in so einer eng begrenzten Welt, wie meinem Haus, einrichten lassen.“

Kaum war Adaia im Wasser, so schlief sie auch schon ein.

Muss wohl doch extrem anstrengend für sie sein, überlegte Bernd. So viel Aufregung ging wohl an niemandem spurlos vorüber. Vor seinem DVD-Regal stehend, fielen ihm einige Märchenfilme ein, in denen es um Nixen ging. Er suchte die wunderschöne Verfilmung der Geschichte eines dänischen Schriftstellers heraus, um sich den Film gemeinsam mit Adaia am Abend anzusehen. Inzwischen packte er seinen Aktenkoffer für den kommenden Arbeitstag, legte alle Dinge bereit, die Adaia möglicherweise brauchen werde und wartete, bis sie ihn rief.

„Ach du Schreck! Es ist ja schon dunkel!“

„Du hast geschlafen wie ein Murmeltier“, schmunzelte Bernd.

„Murmeltier?“

Ein paar Naturaufnahmen in einem Tierlexikon und die Erklärungen dazu ließen Adaia hell auflachen. „Habe ich etwa im Schlaf gepfiffen?“

„Das nicht, aber genau so tief geschlafen wie die possierlichen Tierchen im Winter.“

„Ich habe jetzt auch genau solchen Hunger!“, kicherte die Nixe fröhlich.

„Das Abendbrot steht schon bereit.“

„Was ist das?“ Adaia zeigte auf seinen Teller, von dem es verführerisch duftete.

„Das? Die Fischstreifen, die für dich nicht mehr frisch genug waren. Ich habe sie gebraten.“

„Gebraten?“

„Ja. In heißem Fett in einer Pfanne“, erklärte Bernd.

„Zerstört Hitze nicht viele Inhaltsstoffe?“, wollte Adaia wissen.

„Das ist richtig, aber manche Dinge werden für Menschen dadurch auch erst genießbar oder leichter bekömmlich. Kostprobe gefällig? Aber was frage ich! Deinem Blick sehe ich doch an, wie gerne du eine haben möchtest.“

„Sehr lecker. Ich wusste nicht, dass Menschen solche Genießer sind.“

„Na ja, unser Leben ist so kurz, da gönnen wir uns eben ein paar Genüsse“, zuckte Bernd mit den Schultern. „Für die Zeit bis zum Schlafengehen habe ich gesalzene Knabbereien bereitgestellt, die dir sicher sehr munden werden.“

Er sollte sich nicht getäuscht haben, denn sie griff beim Märchenfilm vor Aufregung immer wieder in die Schale mit Engerlingen und Salzstangen. Fest in seine Arme geschmiegt, beobachtete sie das Geschehen auf dem Bildschirm. Obwohl er ihr erklärt hatte, dass dies alles nur eine, in Bildern erzählte Fantasie-Geschichte sei, fieberte sie mit der kleinen Nixe und dem Prinzen mit. Am Ende war sie sehr lange sehr schweigsam.

Dann seufzte sie vernehmlich. „Weißt du, wenn es tatsächlich solch eine Zauberin bei uns da unten gäbe, dann würde ich auch hin schwimmen und mir Beine wünschen. Wie auch immer – ich bin froh, dass ich eine Stimme habe und mit dir über wirklich alle Dinge reden kann.“

Grandiose Ideen

Am nächsten Morgen fuhr Adaia entsetzt aus dem Schlaf, als der Wecker klingelte.

„Tut mir leid, aber ich muss ins Institut.“ Bernd streichelte ihr Gesicht.

„Frühstücken wir gemeinsam?“, fragte Adaia.

„Aber natürlich. Ich muss mich nur erst einmal waschen und anziehen. Inzwischen kannst du dich im Wasser erholen.“

Einigermaßen beruhigt, dass es ihr an nichts fehlen werde, holte er etwas später das Auto aus der Garage. Adaia kniete auf dem Sofa und schaute aus dem Fenster hinterher, bis er auf die Straße einbog. Dann nahm sie einen der großen Bildbände vom Tisch und vertiefte sich in die Wunder der Erde.

Bernd kam ohne Stau und Hindernisse voran. Er parkte seinen Wagen und eilte zum Fahrstuhl. Mehrere Kollegen warteten dort schon auf den Lift.

„Hast du eine neue Flamme? Du siehst rundum zufrieden aus?“, fragte Heiner Bernd.

„Was? Ich?“ Der Angesprochene schaute in den Spiegel an der Rückwand des Aufzuges. „Ich habe seit vorgestern einen Gast, mit dem es sich sehr angenehm unterhalten lässt.“

„Ganz offensichtlich weiblich“, bohrte Heiner weiter.

Bernd grinste breit. „Jawohl, weiblich, blond, blauäugig und gertenschlank.“

„Hast wohl dein Beuteschema gewechselt“, kicherte sein Mitarbeiter Andreas. „Die Vorgängerinnen waren doch alle dunkelhaarig, wenn ich mich recht entsinne.“

„Beuteschema ist gut!“, witzelte Bernd, der bei diesem Wort an Adaias Fischschwanz dachte. Sie war ja wirklich ein „Fang“, wie ihn vielleicht nie wieder jemand machen würde. „Ich bin schlichtweg verführt worden“, versuchte er, mit treu-argloser Miene zu erklären.

„Ich denke eher, sie ist scharf darauf, in deinem Porsche mitzufahren“, warf Heiner im Brustton der Überzeugung ein.

„Völlig falsch. Mit Autos hat sie so viel am Hut, wie ich mit Golf“, antwortete Bernd. „Sie würde es nicht einmal anheben, wenn ich mit einem Trabant vorfahren würde. Sie ist eine von denen, für die es wichtigere Dinge gibt als Statussymbole.“

Der Aufzug hielt und Bernd trat rückwärts hinaus.

„Holla, Kollege! Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit!“, hörte er jemanden sagen, drehte sich um und stieß sich heftig am Rollstuhl seines Mitarbeiters.

„Thomas, tut mir leid“, rief Bernd. „Hab ich jetzt etwa Schaden angerichtet?“ Dabei betrachtete er neugierig das wendige Gefährt, welches Thomas seit einem schweren Unfall zum täglichen Begleiter geworden war.

„Nein, nein, mein Rolli hält was aus“, beruhigte ihn Thomas.

Bernd nickte und verschwand in seinem Labor.

„Du wirkst etwas zerstreut“, stellten die Kollegen beim Frühstück fest. „Hat dich dein Besuch im Bett überstrapaziert?“

„I wo!“, lachte Bernd. „Ich grübele nur die ganze Zeit über Thomas’ Rollstuhl nach.“

Der Genannte schaute auf. „Wieso denn das?“

„Ich kenne jemanden, der auch nicht laufen kann. Solch ein Fahrzeug würde sicher sehr helfen. Wo hast du deines her?“

„Auf Kassenkosten aus dem Sanitätshaus drei Straßen weiter“, erzählte Thomas. „Die sind zu mir in die Reha gekommen, haben Maß genommen und mich gut beraten. Dieser Rolli ist faltbar, sehr leicht, extrem wendig und man kann sogar die Räder abmachen, damit er auch in kleine Autos passt. Es gibt sogar superleichte Rollis mit Carbonrahmen! Aber so was bezahlt die Kasse nicht. Da musst du schon ein paartausend Piepen privat abdrücken.“

Bernd bedankte sich für die umfassende Aufklärung. Es war wohl das erste Mal, dass er pünktlich Feierabend machte. Verblüfft schauten die anderen hinterher, als er mit schnellen Schritten zum Auto verschwand und eindeutig Richtung Innenstadt einschlug. Neben den Behindertenparkplätzen war noch eine Lücke frei und er ließ den Sportschlitten langsam hinein rollen.

Mit gemischten Gefühlen schaute man ihm aus dem Schaufenster entgegen. Da kam wohl wieder mal so ein Klugscheißer, der alles besser wusste. Umso erstaunter waren die Berater, als der Fremde freundlich grüßte und bat: „Ich möchte gern einen sehr leichten Rollstuhl privat kaufen und, wenn es sich machen ließe, auch gleich mitnehmen.“

„Haben Sie schon bestimmte Vorstellungen?“, wurde er gefragt.

„Das schon, aber ich wäre sehr dankbar, wenn Sie mir sagen, was daran problemlos machbar und was völliger Unsinn ist. Ich möchte ihn für eine junge Frau haben, die sehr schlank, nicht sehr groß, aber trotz ihres Handicaps sehr sportlich ist.“

Der Berater führte ihn zu den Ausstellungsstücken. „Dieser Sportrolli hier ist der Porsche unter den Rollstühlen. Carbon, ausgefallene Metalliclackierung, schnittiges Design und ausklappbare Schiebegriffe für den Notfall. Das durchgehende Fußbrett kann weggeklappt werden, um den Einstieg zu erleichtern. Nicht zu vergessen: Steckachsen.“

Bernd nahm den Rollstuhl genau in Augenschein.

„Sie können sich zur Probe hineinsetzen“, riet der Verkäufer.

Mit einem zustimmenden Nicken nahm Bernd Platz, rollte vorwärts und rückwärts, drehte um 360 Grad fast auf der Stelle. „Was kostet das gute Stück?“

„Rund 4000 Euro“, bekam er zur Antwort.

Damit hatte der Biologe locker gerechnet. Das, was er durch und mit Adaia erleben durfte, war diese Summe durchaus wert. „Ist gekauft“, erwiderte er.

„Extravagantes Zubehör und ausgefallene Kleidung finden Sie bei uns ebenfalls“, erklärte der Verkäufer.

„Was da wären...?“, staunte Bernd.

„Spezielle Bademäntel, wetterfeste Jacken und natürlich Fußsäcke für die kalte Jahreszeit.“

„Fußsäcke – ja natürlich“, sinnierte Bernd. „Solche Dinge sollte sich eine Frau wohl lieber selber aussuchen. Für heute bin ich rundum zufrieden.“

Er zahlte und ließ sich beim Verladen in seinen Zweisitzer helfen. Staunend und kopfschüttelnd schauten ihm die Verkäufer hinter. So ein pflegeleichter und solventer Kunde war ihnen schon lange nicht mehr unter gekommen.

An der übernächsten Kreuzung scherte Bernd noch einmal aus. Er hatte soeben ein Stoffgeschäft entdeckt. Hier trieb er allerdings die Inhaberin fast zur Verzweiflung, denn er suchte einen strapazierfähigen, atmungsaktiven und noch dazu modisch gut aussehenden Stoff. Er fand schließlich doch noch das Objekt seiner Begierde – einen in verschiedenen Blautönen gemusterten Schottenstoff, welcher sowohl zu Adaia, als auch zum Rollstuhl passte. Mit drei Metern Stoff, Klettband in passendem Blau und Nähgarn bewaffnet, verließ er endlich den Laden. Der Porsche avancierte inzwischen zum Lastesel, denn jede verfügbare Lücke wurde vollgepackt. Fröhlich vor sich hin pfeifend trat Bernd endlich den Heimweg an.