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Einem Eremiten wird an Heiligabend eine Kleinstfamilie vor die Tür gestelllt, von der die Hälfte tot ist. Zwei Pornodarstellerinnen wollen oder können ihre Arbeitsverträge nicht mehr erfüllen, deshalb irrt ein stummer, aber großer Indianer kaugummikauend durch das Gebirge. Ein geistigen Getränken zugetaner Chemiker mit Prüfungsangst überwindet seinen inneren Schweinehund. Das Ganze ist preisverdächtig.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihren Leib und mit einem Mal war sie hellwach. Sie zog die Beine an den Oberkörper und merkte, dass sie schweißgebadet war, gleichzeitig war ihr kalt, sie zitterte am ganzen Körper. Ihr wurde schlecht. Mit flatternder Hand tastete sie nach dem Lichtschalter. Wieder durchschoss ein Schmerzblitz ihren Leib, so dass ihre Hand vom Schalter zurückzuckte. Sie schaltete mit der Fernbedienung die Klimaanlage aus, sofort floss noch mehr Schweiß, also schaltete sie sie wieder an. So schlimm war es noch nie gewesen. Sie traute sich nicht, sich zu bewegen, zu groß war die Angst vor einer neuen Schmerzattacke. Sie hyperventilierte. Bittebittebitte. Sie versuchte, gleichmäßig zu atmen, versuchte sich zu beruhigen. Sie biss ins Laken. Sie versuchte zu beten, doch das hatte sie noch nie gekonnt, hatte sie nicht gelernt. Oder wieder verlernt. Nach einer endlosen Viertelstunde glaubte sie endlich, sich bewegen zu können, ohne dass sie vor Schmerzen ohnmächtig werden würde.
Nach den Schmerzen kam die Angst. Die Angst vor der nächsten Schmerzattacke und die Angst vor dem, was dahintersteckte. Sie wusste nicht, welche Angst schlimmer war. Die erste Angst war in ihrem Kopf, die zweite Angst begann jedoch ganz langsam im Unterleib und arbeitete sich eiskalt durch Darm und Magen, bis sie von unten in Form von Unverdautem an ihr Zäpfchen klopfte.
Die Musik war unüberhörbar, aber er nahm sie nicht wahr. Er saß in seinem Sessel, die Füße auf dem niedrigen Couchtisch, und dachte mit geschlossenen Augen nach. Die Zeiten, in denen er mit Wehmut an verpasste Chancen, Komplotte und Intrigen hatte denken müssen, hatte er glücklicherweise hinter sich gelassen, er dachte nicht mehr mit Bitternis zurück an die schlimme Zeit, wo wissenschaftlicher Ruhm und zugleich ein Stück Erlösung für die Menschheit zum Greifen nah gewesen, aber beides dem Wohl des schnöden Mammons geopfert worden war. Es war das zweite Weihnachtsfest, das er allein hier oben verbrachte, aber das störte ihn nicht. Später würde sein Sohn anrufen, und er würde Timo erklären, dass alles in Ordnung sei, was natürlich stimmte, aber auch wieder nicht. An den Maßstäben gemessen, die er selbst noch vor gut drei Jahren angelegt hätte, wäre nichts in Ordnung, aber die Maßstäbe hatten sich verändert. Nun hatte er, was er sich für seinen Ruhestand immer gewünscht hatte: eine Berghütte und seine Ruhe. Nur dass er eben nicht im Ruhestand war. Jedenfalls nicht in einem, den man nach einem verdienten Berufsleben verlebte, denn er war noch zu jung und er hätte noch viel vorgehabt. Das Beste sozusagen. Aber es war anders gekommen. Dennoch hatte er sich arrangiert. Die hölzernen Wände, das Knistern des Holzes im Kachelofen, das schummrige Licht, das eine einsame Stehlampe verbreitete und die dicken Dielen hatten einfach eine beruhigende Wirkung, ebenso wie der Wind, der ums Haus pfiff. Das Haus war aus Bruchsteinen gebaut und hatte ein flaches Satteldach. Eigentlich war es zu groß für ihn, aber es war gut, ein eigenes Schlafzimmer und ein Gästezimmer zu haben, falls sein Sohn einmal zu Besuch kam, was viel zu selten passierte. Aber er beschwerte sich nicht. Schließlich hatte es an ihm gelegen, dass sein Sohn seine Ausbildung im Ausland beenden musste. Wohnzimmer und Küche waren eins, im Keller befand sich ein Arbeitszimmer. Behaglich streckte der Mann seine beachtlichen Beine aus. Ein Ast brach draußen unter der Schneelast.
Dieser Ast, über das eigene Gewicht zusätzlich belastet mit Schnee, hätte nun, bei einem Zusammentreffen mehrerer unglücklicher Umstände, eine unvollständige Kleinfamilie, die zweifüßig der erleuchteten Haustüre zustrebte, unter seiner Last, die durch auf ihm liegenden Schnee nicht unbeachtlich war, dahinraffen können, tat es aber nicht, weil die unglücklichen Umstände etwas anderes zu tun hatten als sich zu treffen.
Diese Kleinfamilie bestand nämlich aus einer jungen Frau und ihrer noch jüngeren Tochter, die schon den ganzen Tag durch kniehohen Schnee gestapft war. Ihr unbestimmtes Ziel lag, von ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt betrachtet, irgendwo im Westen, doch war es ohne Hilfsmittel im Gebirge nicht immer einfach, einer bestimmten Himmelsrichtung zu folgen, weil die Wege, Steige und Pfade oftmals um die Berge herumführen und eine Positionsbestimmung notwendig wird. Dann war sie in der Dunkelheit auch noch von den ohnehin kaum erkennbaren Wegen abgekommen und hatte auch nicht mehr dahin zurückgefunden. Nahe daran aufzugeben, hatte sie dann eine gedämpfte Musik vernommen, war den Klängen, die nicht sehr harmonisch oder gar weihnachtlich waren, nachgegangen und hatte dann zwischen den schwarzen Baumstämmen ein schwaches Licht entdeckt. In diesem Moment musste ihre Tochter wohl aus dem Leben geschieden sein, doch das merkte die Mutter erst, als sie im Licht der Außenlampe vor diesem massiven Haus mit dem flachen Dach stand. Mit letzter Kraft klopfte sie an die Tür.
Es kratzte mehr an der Tür, als dass es klopfte, dennoch war er sofort alarmiert, er schaltete von Kontemplation auf Alarm. Er stellte das Denken zwar nicht ein, aber um. Er riss die Augen auf und nahm die Füße vom Tisch. Wer sollte ihn hier, in eintausenddreihundert Metern Höhe, am Heiligen Abend, um einundzwanzig Uhr, aufsuchen wollen? Er stemmte sich aus seinem Sessel und stellte die Musik ab. Zooma von John Paul Jones war eine ungewöhnliche Weihnachtsmusik, aber das passte zu ihm. Schließlich war er in dieser Gegend auch eine Art Fremdkörper. Er schaute durch das kleine Fenster neben der Haustür und entdeckte im Licht der Außenlampe eine kleine, krumme Gestalt, die völlig vermummt schien. Kein Wunder, bei den Temperaturen; hier oben lag Schnee und es waren einige Grade unter Null. Sein erster Gedanke war, die Gestalt fortzujagen, wie er es üblicherweise tun würde. Doch etwas stimmte ihn um. Die Person dort draußen im Dunkeln wirkte hilflos, verzweifelt, desorientiert. Dass Heiligabend war, interessierte ihn nicht, aber er konnte diesen Menschen nicht abweisen. Vielleicht war der Mensch krank? Auf jeden Fall war es sehr ungewöhnlich, dass sich jemand an diesem Abend um diese Zeit bei diesem Wetter hier her verirrte.
Er öffnete die Tür und die Gestalt davor wich ein wenig zurück, um nicht von dem Türblatt getroffen zu werden. Die Gestalt vor der Tür hob den Blick in die Waagerechte und erblickte eine Gürtelschnalle, was nur teilweise dadurch zu erklären war, dass der dazu gehörende Hosenträger eine Stufe höher stand als der späte Gast.
Es hatte aufgehört zu schneien, dennoch war die Kleidung der Person weiß überzogen, was der Mann gefrorener Feuchtigkeit zuzuschreiben geneigt war, außerdem war er sich ziemlich sicher, dass der Tremor, von dem dieser Mensch erfasst zu sein schien, von der Kälte rührte.
Knapp außerhalb des Lichtscheins der Außenlampe gewahrte der Mann einige Tiere, die durch den Schnee liefen.
Die Frau, denn um eine solche handelte es sich ganz offensichtlich, hob den Blick weiter und er konnte nun in ein hübsches, aber verzweifeltes Gesicht sehen, dessen große, schwarze Augen ihn flehend und ängstlich ansahen. Die Gesichtsfarbe der Frau gefiel ihm überhaupt nicht. Die Frau streckte ihm ihre Arme entgegen, in denen sich ein Bündel befand. In diesem Bündel wiederum befand sich ein winziges, und wie es schien schlafendes Gesicht.
„Bitte.“, sagte die Frau nur. Er änderte seinen Modus erneut, diesmal war Aktivität gefragt, denn möglicherweise ging es um Leben oder Tod. Seine Zeit als Notarzt nach der Ausbildung machte das möglich; er hatte gesehen, dass das Wesen, zu dem das schlafende Gesicht gehörte, offenbar nicht atmete, es sich insofern nicht um ein schlafendes, sondern um ein totes Gesicht handelte. Er nahm das Bündel rasch, eilte in das Haus, schaltete im Vorbeigehen die Deckenbeleuchtung ein und legte es auf den großen Tisch, der inmitten der großen Wohnküche stand, die fast das gesamte Erdgeschoss des einfachen Hauses füllte. Mit einer Geste bedeutete er der Frau, hereinzukommen und die Tür zu schließen. Ein Kachelofen spendete trotz der winterlichen Außentemperaturen wohlige Wärme.
Er wickelte das Kind, denn um ein solches handelte es sich bei genauerer Betrachtung bei dem Bündelinhalt, aus eben diesem und legte eine Hand auf den winzigen Brustkorb, der sich aber gar nicht regte, dann beugte er sich über es und öffnete den Mund des Kindes. Er sah zu der Frau, die nach wie vor krumm und zitternd mitten im Raum stand.
„Wie lange schon?“, fragte er mit dröhnender Stimme. Die Frau sah ihn an. Sie hatte ihn offenbar nicht verstanden. Er wiederholte seine Frage in anderen Sprachen, aber die Verständnislosigkeit hielt an. Hilflos deutete sie nach draußen und sah ängstlich zu dem Kind. Zaghaft trat sie einen kleinen Schritt näher und blickte fragend den Mann an. Der weiße Überzug auf ihrer Kleidung war geschmolzen, aber ihr Gesicht war immer noch grau.
Der kleine Körper war noch warm, sehr warm, und so begann er unverzüglich. Er benutzte nicht die ganze Hand, um das Herz zu massieren, das wäre auch gar nicht gegangen, denn seine Hand hätte den gesamten Oberkörper des Kleinkindes bedeckt; so nahm er zwei Finger. Er drückte fünfzehn Mal und beugte dann seinen Kopf über den Kindskopf, um seine Lippen auf den Mund des Kindes zu drücken und seine Atemluft vorsichtig in die kleinen Lungenflügel zu blasen. Die Frau wusste nicht, was sie machen sollte. Sie sah ihr Kind unter den riesigen Händen, sah, wie zwei große Finger die Brust des Kindes drückten, sah, wie sich sein Kopf über das kleine Gesicht beugte, konnte aber nicht das Schlimmste ahnen, denn das war ja schon passiert, hatte Vertrauen zu dieser wildfremden, furchteinflößenden und gleichzeitig Hoffnung spendenden Person und tat das, was noch nie geholfen hatte: sie sandte ein Stoßgebet irgendwohin.
Schon beim ersten Mal klappte es. Die Lebensgeister des Kindes, die nicht draußen in der Kälte bleiben mochten und einfach unbemerkt mit in die Hütte geschneit waren, kehrten zurück in die Hülle, die ohne sie nur ein kleiner Leichnam gewesen wäre, wo sie aber hingehörten, gezogen von etwas, das Überlebenswille genannt werden konnte. Das Kind, es mochte ein halbes, oder ein Jahr alt sein, schlug die Augen auf und begann alsbald zu weinen. Zufrieden lächelnd stützte sich der große Mann, immer noch über das Kind halb gebeugt, auf der Tischplatte ab und sah die Frau an, die mittlerweile ihren Kopf von Tüchern befreit hatte, die lange schon nicht mehr wärmten, weil sie völlig durchnässt waren, und lange, schwarze Haare und ein hübsches Gesicht offenbarte, in das jetzt ein wenig Farbe zurückgekehrt war.
Ihre Figur war von einer fast asiatisch anmutenden Zierlichkeit.
Sie starrte auf das Kind, das jetzt nicht mehr weinte, und ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht.
„Frohe Weihnachten.“, sagte er lächelnd und bemühte dabei Volkstümliches, erntete aber nach wie vor Unverständnis. Die Frau stürzte zum Kind, nahm es auf die Arme, küsste es und wiegte es hin und her. Dann hielt sie inne, trat zu dem Mann, murmelte etwas und strich ihm über die Hand, die noch immer auf dem Tisch lag.
In diesem Augenblick spürte er einen starken Drang, diese fremde Frau zu küssen, unterließ es aber, wie er meinte, aus Taktgefühl.
Jetzt galt es, das Kind lauwarm zu baden und Ess- und Trinkbares zu organisieren, das kleinkindgerecht wäre und die Körpertemperatur der Mutter zu erhöhen. Gar nicht so einfach in einem Junggesellenhaushalt in alpenländischer Wildnis. Aber er hatte Milch, Mehl, allerlei Eingemachtes, und so sorgte er, während die Frau das Kind badete, unerwarteterweise für ein ungeplantes Heiligabendmenü.
Er hatte bereits allerlei Speisen und Getränke auf dem Tisch versammelt, und auch den Getränken einige stärkende Tropfen beigemengt, als die Frau, die sich als schlankes Persönchen mit einem feinen Gesicht, in dem zwei pechschwarze Augen glänzten, und das landesuntypisch mittlerweile einen etwas dunklen Teint hatte, mit ihrem Kind auf den Armen aus dem Bad wankte, ihn ansah und etwas murmelte. Sie war ärmlich und ungewöhnlich gekleidet, trug offenbar mehrere bodenlange Röcke übereinander, die allesamt durchnässt schienen. Ihre billige, wattierte Jacke lag auf der Ofenbank. Zu seinem Entsetzen trug sie Turnschuhe. Er zog die Brauen zusammen, nahm ihr das Kind ab, bedeutete ihr nachdrücklich, sich an den Ofen zu setzen und zu essen, und machte sich dann an einem Schrank zu schaffen, aus dem er bald ein weißes Laken zog, das Kind aus seinem nicht mehr sauberen Bündel schälte und es gekonnt derart in das Laken schlug, dass es das Kind wärmend umhüllen konnte. Das kleine Mädchen lächelte ihn an. Er sah in das kleine Gesicht, lächelte zurück und stupste eine kleine Nase mit seinem Daumen. Er reichte der Frau das Kind und verschwand dann in einer Ecke des Raumes, wo eine Treppe in eine unbestimmte Tiefe führte. Er kam mit ein paar Kleidungsstücken zurück, nahm der Frau das Kind wieder ab, schob die Frau ins Bad, drehte die Dusche auf und legte die Kleidung auf einen Hocker. Nach einer Weile kam die kleine Frau mit einem zu großen Jogginganzug und auf dicken Socken wieder in die gemütliche Stube und sah ihn dankbar an. Sie duftete nach Seife und ihre Wangen waren gerötet, was ihr gut stand, wie er fand. Dann setzte er sich zu der Frau an den Tisch und nickte ihr aufmunternd zu. Das Kind hatte die ganze Hektik stoisch und mit großen, dunklen Augen über sich ergehen lassen, ohne sich zu beklagen, was der Mann angesichts der Tatsache, dass die Kleine für eine kurze Zeit den Hades bereits überschritten hatte, ganz beachtlich fand.
Zögernd griff die Schlanke langfingrig zu, warf hin und wieder einen Blick auf den großen Mann, der trotz seines vermuteten Alters recht sportlich wirkte, der ihre Tochter in seinen riesigen Händen auf seinem Schoß hielt und ab und zu Bier aus einer Flasche trank. Er hatte sein graues Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der in seinen Nacken fiel. Ein kurzer, grauer Bart umrahmte sein Gesicht, der allerdings zur Mitte des Gesichts hin dunkler wurde; der Schnurrbart schließlich war fast schwarz, ebenso wie die geschwungenen Augenbrauen über den dunklen Augen, die ihn etwas erstaunt oder auch zornig aussehen ließen. Die bedeutenden Unterarme und die Handrücken waren schwarz behaart. Sein Alter konnte die junge Frau nicht schätzen; er konnte unter fünfzig, aber auch über sechzig sein. Er erinnerte sie an einen Schauspieler, den sie mal auf Filmplakaten gesehen hatte. Irgend ein Mönch … Auf jeden Fall stand für sie fest, dass sie, und ganz gewiss ihre Tochter, diese Nacht ohne diesen Mann nicht überlebt hätte.
Diese Schmerzattacke, eine von vielen in letzter Zeit, hatte sie überlebt. Sie kniete vor dem Toilettentopf und würgte ein letztes Mal; es kam nur noch Schleim. Sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, stand aber noch nicht auf. Sie fühlte sich dazu einfach noch nicht in der Lage. Magenkrämpfe kannte sie, seit sie diese Scheißkrankheit hatte, aber in den letzten Wochen war das anders geworden. Anders in einer Art und Weise, die ihr Angst machte. Die Krämpfe kamen häufiger und sie waren heftiger, und der Schmerz war ein anderer als der, den sie kannte, den sie gewohnt war. Die Schmerzen, die meist nachts kamen, waren das Eine. Die kalte Angst, die zwar sicherlich mit den Attacken zusammenhing, aber ihre Hauptursache in einer Bemerkung ihres Arztes hatte, fing an sie zu lähmen. Sie hatte nicht vor, mit Mitte zwanzig zu sterben. Noch nicht. Noch nicht.
Wohlgefällig beobachtete er nun, wie die Frau erst zögernd, dann aber offensichtlich sehr hungrig zugriff und dabei das Kind fütterte.
Nachdem die Frau und offenbar auch das Kind, das einen Brei und Butterbrote, an denen es mehr lutschte als biss, bekommen hatte, gesättigt waren, begann er, mit der Frau zu sprechen, doch ohne Erfolg. Die Frau schien zwar keine Angst zu haben, verstand ihn jedoch nicht, wollte aber auch nicht in ihrer Sprache mit ihm reden, so dass er nach einer Weile verstummte, da er langes Reden ohnehin nicht mehr gewohnt war. Sorge bereitete ihm ein leichtes Hüsteln der Frau und ein offenbar spontaner Schweißausbruch auf ihrer Stirne, auf die er daher bald diagnostisch seine Hand legte.
Mitten in die eingekehrte Stille hinein meldete sich ein Telefon, so dass er seine Untersuchung kurz unterbrach. Der Mann sah sich um und legte dann das mittlerweile schlafende Kind, das zuvor auf seinen Schoß gekrabbelt war, in die Arme seiner Mutter. Das Gerät fand er schließlich auf der Couch.
„Timo! Es ist schön, dass du anrufst.“ –
„Ja, selbst ich weiß, dass Weihnachten ist.“ –
„Danke, mir geht es gut. Wann hast du deine Prüfung?“ –
„Ich weiß, dass ich dich das ständig frage, aber ich bin eben etwas nervös.“ –
„Oh, keine Sorge, ich habe Besuch. – Timo, bist du noch da?“ –
„Tja, es ist etwas sonderbar. Es handelt sich um eine junge Frau mit einem Kleinkind.“ –
„Sie stand vor der Tür, ich konnte sie schließlich nicht wegschicken, oder?“ –
„Was soll das denn heißen?“ –
„Ich weiß nicht, wie sie heißt und woher sie kommt.“ –
„Auf die Idee bin ich auch schon gekommen, stell dir vor. Sie versteht mich nicht und ich verstehe sie nicht.“ –
„Ich vermute, dass sie auf der Suche nach Glück etwas vom Wege abgekommen ist.“ –
„Vermutlich Südosteuropa.“ –
„Das werde ich schon noch herausfinden.“ – Der Mann lauschte und schaute die schmale Frau in seinem Hause an, dann schaute er auf das Kind, das trotz seiner dröhnenden Stimme immer noch schlief. Ein warmes Gefühl durchdrang ihn.
„Es ist schön, Timo.“, sprach er jetzt leise. „Ich habe es fast drei Jahre nicht vermisst, aber nun … Es tut gut, jemanden hier zu haben, jemanden, für den man sorgen kann, verstehst du?“ –
„Ja, ich halte dich auf dem Laufenden. Wir müssen erstmal Kleidung besorgen, und Babynahrung, Spielzeug … Ja, ich gehe mit ihr zum Landratsamt … - Was sagst du? – Hahahahaha. – Tja, wenn du meinst … für den Fall der Fälle … Okay, wenn es sein muss, heirate ich eben … Du meinst es ernst? – Tja dann … Dann hast du eine Mutter und eine Schwester … ja.“ Schmunzelnd legte er auf. Sein Sohn hatte manchmal ganz gute, praktische Ideen.
„Das war mein Sohn.“, erklärte er seinem Besuch lächelnd und deutete mit langem Finger auf das Telefon. „Er heißt Timo.“ Die Frau deutete mit dünnem Finger auf ihr Mädchen.
„Sofia.“, sagte sie leise. Erfreut setzte sich der Mann zu der Frau.
„Dein Mädchen heißt Sofia?“ Die Frau nickte. Der Mann zeigte auf sich.
„Ich bin Max.“, gab er bekannt.
Sehr weit entfernt blinzelte ein sehr großer junger Mann in die warme Nachmittagssonne. Wieder ein Heiliger Abend unter Palmen. Irgendwie passte das nicht. Erneut hatte er es nicht geschafft, Weihnachten bei seinem Vater in der Hütte zu verbringen, aber bei Paps schien sich Erstaunliches zu tun. Das war ein Ding. Ausgerechnet Paps legte das Schicksal ausgerechnet am Heiligen Abend eine Mutter mit ihrem Kind vor die Tür. Paps würde sich um die beiden kümmern, das war klar. Helfersyndrom nannte der das. Der große Mann sah auf die Uhr. Gleich würde eine seiner inoffiziellen Patientinnen kommen, die er unentgeltlich und jenseits der Legalität beriet und behandelte. Er betrat sein Appartement, ließ aber die Balkontür offen. Helfersyndrom. Er schlug eben nach dem Alten.
„Max.“, echote die Frau und gab dann ihren Namen preis, indem sie auf sich zeigte und „Larisa“ hauchte, was ein breites Grinsen in des Riesen Gesicht zauberte. Das verschwand aber sogleich, als Larisa kurz nach vorne sackte, was wiederum ihn veranlasste, die Dame zu einer Couch zu geleiten, wo sie sich hinlegen sollte; das Kind bekam derweil ein provisorisches Bett in einem der Sessel bereitet. Max ging in die Ecke des Raumes, von wo die Treppe hinunterführte, und kam bald darauf mit einem Fieberthermometer und einem Stethoskop wieder herauf. Dann bat er Larisa, ihren Pullover auszuziehen und sich frei zu machen.
„Keine Sorge, ich bin Arzt.“, versuchte er, nicht ganz wahrheitsgemäß, zu beruhigen und hob sein Werkzeug hoch und schob dann, sicherheitshalber, noch ein „Doktor“ hinterher. Larisa machte sich also frei, was ihn einerseits erfreute, andererseits als Ergebnis seiner Untersuchung eine leichte Lungenentzündung nahelegte, was ihn abermals im Keller verschwinden ließ. Er hatte keine Skrupel, ein nicht zugelassenes Medikament zu verabreichen, denn es hatte noch niemandem geschadet. Er hatte es in den letzten drei Jahren bei unterschiedlichen Erkrankungen angewendet, und es hatte gewirkt. So, wie er sich das gedacht hatte, als er es vor fünf Jahren entwickelt hatte. Diese Tinktur konnte Leben retten, das wusste er. Diese Tinktur hatte jedoch auch dazu geführt, dass er sein fast öffentliches Luxusleben gegen eine einfache Berghütte eingetauscht hatte.
„Amanda, kannst du kommen?“ Die schwarze Frau mit den künstlichen, braunen Locken rieb sich den Schlaf aus den Augen und runzelte die Brauen, denn so hatte sie ihre Freundin noch nicht gehört. Fionnas Stimme klang flach, geradezu ermattet, also ganz anders als sonst. Sonst nämlich war sie resolut, laut, kehlig und durchaus manchmal aggressiv.
„Was ist denn passiert? Es ist mitten in der Nacht.“
„Ich hatte einen Anfall. Ich … brauche jetzt jemanden.“
„Schlimm?“ Es musste schlimm gewesen sein, denn Fionna hatte sie noch nie bei einem Anfall angerufen.
„Ja.“ Das klang hilfesuchend.
„Gut, ich bin in einer halben Stunde bei dir.“, antwortete Amanda, die auch unter anderem Namen bekannt war, entschlossen und stand auf.
Misty, die nicht wirklich so hieß, erschrak gründlich, als ihre Freundin ihr die Tür öffnete. Sie schlug eine Hand vor den Mund und bekam kugelrunde Augen, als sie Fionna, die ebenfalls unter anderem Namen bekannter war, eingewickelt in ein Laken und mit grauem Gesicht, gebückt und mit schweißnasser Stirn vor sich stehen sah. Es war nichts mehr übrig von der athletischen Fünfundzwanzigjährigen mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, das ihr so manches in ihrem Job erleichterte. Fionna sah aus wie eine Frau in den Fünfzigern, gebrechlich, abwesend, resignierend, als erblicke sie durch ihre eigene Wohnungstür ihren baldigen Tod.
„Fionna, was ist passiert?“ Rasch trat die Besucherin in die Wohnung, und schloss schnell die Tür hinter sich, als ob sie dadurch Ungemach aussperren könnte. Doch das hatte es sich schon gemütlich gemacht. Und zwar nicht nur in der Wohnung, sondern tief im Innern der Bewohnerin.
„Ich glaube, es ist soweit.“, flüsterte Fionna, als sie mit Amanda, vornübergebeugt, als hätte sie immer noch Schmerzen, in bequemen Sesseln saß und sich einen Joint ansteckte. ‚Aus medizinischen Gründen‘, wie sie versicherte, und da war sogar etwas dran. Der Tee, der vor ihnen stand, indes hatte eher die Wirkung von Placebos.
„Was ist wie weit?“, zeigte sich Amanda begriffsstutzig, schüttelte ihre braunen Locken, die sie sich statt ihrer natürlichen schwarzen Krause zugelegt hatte, kniff die leicht schräg stehenden Augen zusammen und öffnete die vollen, glänzenden Lippen in Erwartung einer Erklärung.
„Meine Gastroparese. Bei der letzten Untersuchung hat der Arzt gesagt, es müsste damit gerechnet werden, dass sich Karzinome bilden.“ Amanda erstarrte. Was wollte ihre Freundin ihr damit sagen? Dass sie Krebs hätte? Dass sie bald sterben würde?
„Noch mal bitte, und so, dass ich es auch verstehe.“, meinte Amanda voller Angst und Sorge. Fionna machte eine erklärende Geste.
„Was ich sagen will, ist, dass Gastroparese Krebs verursachen kann.“ Amanda sprang auf und lief in dem Zimmer auf und ab, wobei sie heftig gestikulierte.
„Du musst zum Arzt, musst dich gründlich untersuchen lassen.“, forderte sie. Mit Erstaunen nahm Amanda zur Kenntnis, dass Fionna zu lächeln schien.
„Sicher. Sicher gehe ich zum Arzt. Morgen schon. Wenn es nur besonders üble Krämpfe waren, gut. Aber was soll werden, wenn es der böse Kerl ist?“
„Dann musst du dich operieren lassen, musst eine Therapie machen, das ist doch klar.“, regte sich Amanda auf und fuhr beruhigend fort: „Aber wir wissen noch nicht, was es ist.“
Jetzt lächelte sie Fionna tatsächlich an, aber das Lächeln hatte etwas Finales, etwas Überirdisches.
„Ich bin nicht versichert. Als ich anfing zu arbeiten, dachte ich nicht daran, ich war ja gesund. Als ich dann in diesem Job war, wollte mich niemand mehr versichern, du kennst das. Und als diese Magenlähmung einmal diagnostiziert war, war klar, dass ich die Versicherungsprämien keinesfalls würde bezahlen können. Das heißt,“ sie nahm einen tiefen Zug aus ihrem Joint, „es wird das Nötigste gemacht. So viel, wie ich mir leisten kann, und das ist nicht viel. Die schnippeln ein wenig an mir rum, verpassen mir die billigste Therapie, und das wars dann.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Ich werde einen schmerzvollen Tod haben.“ Misty wunderte sich zunächst, dass sie ihre Freundin mit den kurzen, schwarzen Kraushaaren, dem vollen Mund und den großen, etwas weit auseinander stehenden Augen immer verschwommener wahrnahm, aber als ihr ihre Tränen die Wangen herunterliefen und in ihren Schoß tropften, wusste sie zumindest, woran das lag.
Nachdem dieser Max gegangen war, um zu schlafen, wie er ihr gestenreich mitgeteilt hatte, blieb Larisa noch eine Weile wach, obwohl sie sehr erschöpft war. Der riesige Mann hatte Sofia unzweifelhaft das Leben gerettet, doch kannte sie ihn natürlich nicht. Er hatte von sich behauptet, er sei Arzt, aber das musste nicht stimmen, obwohl sie sich freigemacht hatte, aber sie hatte sich wirklich nicht gut gefühlt. Der Schnaps, den er ihr daraufhin gegeben hatte, hatte ihr gut getan. Warum lebte er in dieser Einsamkeit in einer einfachen Behausung? Oder hatte er noch irgendwo anders eine Villa? Sie konnte ihn sich einfach nicht in einem weißen Kittel vorstellen. Die derbe Hose und das großkarierte Flanellhemd passten besser zu ihm, zu seinem Äußeren, das eher zu einem Waldarbeiter gehören wollte, der vielleicht die Bäume einfach nur umschubste. Sie musste lächeln. Zutrauen würde sie ihm so etwas. Sie sah sich um. Gut, für einen Waldarbeiter hatte er ziemlich viele Bücher, aber war es nicht nur ein Klischee, dass Waldarbeiter nicht viele Bücher hatten? Vielleicht war er eine Art Aussteiger, wie sie es hier ja geben sollte. Hinter der Tür, in der er verschwunden war, befand sich ein Flur, von dem wiederum drei Türen in Räume führten, von denen einer ein Bad war, das wusste sie von vorhin, als sie Sofia gebadet hatte. Sie wusste auch, dass es neben dem Kachelofen, der langsam erkaltete, andere Heizkörper gab, was gut war, denn in den letzten Tagen hatte sie genug gefroren. Die Tür, die zum Flur führte, war nicht abschließbar; jedenfalls hatte sie keinen Schlüssel gesehen. Also würde sie aufpassen müssen. Als erste Maßnahme holte sie ihre Tochter zu sich auf die Couch, deckte sie beide mit der zur Verfügung gestellten dicken Decke zu, und dann würde sie versuchen, nur sehr leicht zu schlafen…
Das mit dem leichten Schlaf war aber so eine Sache. Leichter gedacht als getan, wenn man tagelang umhergeirrt war und vor ein paar Stunden sich nach langer Zeit mal wieder satt gegessen hatte. Und so wurde aus dem geplanten leichten Schlaf ein tiefer, den sie sich in den letzten Tagen, an denen sie in Scheunen und Schutzhütten geschlafen hatte, nicht hatte leisten können. Gleichwohl erwachte Larisa von einem Luftzug, der von der geöffneten Flurtür herüberwehte. Hatte sie es doch gewusst. Sie hielt alarmiert den Atem an. Der Kerl war herbeigeschlichen gekommen. Larisa öffnete die Augen einen ganz kleinen Spalt, und da stand er schon vor ihr und beugte sich über ihr Kind. Sie war bereit, ihm das Gemächte zu zerquetschen, wenn er ihrer Tochter etwas antat. Doch zu dieser Art von Handlung bestand kein Anlass, wie sie erleichtert feststellte. Max der Riese legte nur einen Finger an den Hals des Kindes, grunzte zufrieden und leise, strich dann Larisa sanft über die Wange, zupfte das Zudeck zurecht und verschwand dann, unverständliches murmelnd, wieder.
Erleichtert atmete sie aus. Er war nur gekommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Sie hatte zwar noch nie einen größeren Menschen gesehen, doch das war kein Grund, ihm böse Absichten zu unterstellen, schalt sie sich. Schließlich hatte er sie am Weihnachtsabend bei sich aufgenommen, hatte Sofia wiederbelebt, hatte ihnen zu essen und zu trinken gegeben, und … Ja, was weiter? Irgendwie fand sie ihn liebenswert. Mit diesem Gedanken sank Larisa bleischwer auf den Grund des Reiches der Träume, auch nicht mehr in Alarmbereitschaft, ohne jedoch dort eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Dr. Max Stadler erwachte an diesem Erstenweihnachtstagmorgen nicht wie sonst mit der Gewissheit zu wissen, wie sein Tag verlaufen würde, sondern er war gespannt darauf, was der neue Tag und die nächsten Tage für ihn bereithielten, und das lag an seinen Gästen. Deshalb beeilte er sich mit der Morgentoilette und öffnete die Tür zur Stube, in der die Gründe für seine gespannten Erwartungen sich befanden. Ein breites Lächeln erschien in seinem Gesicht, als er Larisa und Sofia auf der Couch sitzen sah. Larisa hatte einen Arm um ihre kleine Tochter geschlungen, die mit ihren Zehen beschäftigt war. Mit zwei Schritten war er bei ihnen und kniete vor dem Ensemble, um beiden guten Morgen sagen zu können. Selbst in kniender Haltung überragte er Larisa um Haupteslänge. Sofia lachte ihn an. Er streichelte dem Kind mit dem Finger über eine Wange und strahlte dann seinerseits Larisa an, die ihm einfach einen Kuss auf seine Wange setzte und in fremder Sprache etwas sagte. Dann nahm sie das Haargummi, das er sich um den Finger gewickelt hatte, fasste hinter seinen Hals, um das nackenlange, graue Haar zusammenzuraffen, er beugte seinen Kopf entgegenkommend, wobei er ihrer Brust sehr nahe kam, und sie wand dann das Gummi um den kurzen Zopf. Zögernd zog sie ihre Hände nach vorn, legte sie dabei auf dem Weg kurz auf seine breiten Schultern, streichelte sie sozusagen hauchzart, sah ihm einen Moment in die Augen, sah dann auf ihr Kind und ihr Gesicht wirkte mit einem Mal dunkler als zuvor. Stadler kniete noch immer vor ihr, hatte ihre frisierende Tätigkeit genossen wie lange nichts mehr und schien auf eine Wiederholung zu warten. Dann besann er sich, nahm Larisas schmales Gesicht in seine großen Hände und küsste sie sanft auf die Stirn.
Sie genoss das. Dieser riesige Kerl hatte so sanfte Hände, konnte so liebevoll sein. Vielleicht war er tatsächlich Arzt. Wo war sie hier nur hingeraten? Sie hatte sich verirrt, sie war im Wald und im Gebirge umhergeirrt, sie war zufällig an dieses Haus geraten und an diesen Mann, der sie gleichzeitig erschreckt hatte und ihrer Tochter das Leben gerettet hatte. Sie hatte sich noch nie so fremd und gleichzeitig so geborgen gefühlt wie jetzt. Sie konnte sich nicht entscheiden. Sollte sie so schnell wie möglich weg von hier, oder sollte sie bei diesem seltsamen Mann bleiben, wenn er es denn zuließ? War Sofia überhaupt reisefähig? Würde sie selbst sich überwinden können, jetzt noch einmal in die Kälte hinauszugehen? Ausruhen. Ein, zwei Tage ausruhen und dann weitersehen …
Der Sprachunterricht begann beim Frühstück und setzte sich dann ohne Unterbrechungen, auch und gerade während der Mahlzeiten den ganzen Tag fort, indem Max auf Gegenstände deutete, sie benannte, und es von Larisa wiederholen ließ. Machte sie einen Fehler, korrigierte er so lange, bis sie es richtig machte. Die kleine Sofia lauschte diesem Treiben unbemerkt, aber aufmerksam. Das Ergebnis war, dass Max Larisa es am Abend nahezu argumentativ nahelegen konnte, auf das Sofa als Schlafgelegenheit für sich und den Sessel als solche für Sofia zu verzichten, und sie ganz demonstrativ, unter Bemühung von Liegebeispielen, darauf hinweisen konnte, dass das Bett im Gästezimmer, das eigentlich für seinen Sohn gedacht war, nicht nur frei, sondern auch überlang und überbreit war, so dass Larisa, sogar mit Kind, bequem darin liegen konnte.
Ein anderes Ergebnis war, dass Sofia somit eine zwar unprofessionelle, aber effektive Sprecherziehung bekam, was unter anderem ein Grund dafür war, dass sie bald nach ihrem ersten Geburtstag anstandslos verbal kommunizieren konnte. Der andere Grund war, dass sie, was allerdings erst Jahre später und bei anderer Gelegenheit Gestalt anzunehmen sich anschickte, einfach einen leichten Zugang zu Sprachen hatte.
So lag dann Larisa in ihrer zweiten Nacht in dieser gemütlichen Hütte in einem Bett, in dem sie sich ein wenig wie ein Kind vorkam, auf frischen Laken, ihr Mädchen an ihrer Seite und begann ganz langsam den Gedanken zuzulassen, dass sie möglicherweise weit genug im Westen sein könnte, um so etwas wie Glück zu finden oder sogar bereits gefunden zu haben. Ihre alten Sachen hatte sie zufällig in einem schwarzen Plastiksack gefunden, der wohl der Müllentsorgung diente. Sie hatte die Röcke, die Strümpfe und die kaputte Jacke herausnehmen wollen, hatte es aber sein gelassen, denn sollte ihr Leben hier tatsächlich einen neuen Anfang nehmen, wollte sie den nicht mit ihren alten Kleidern beschreiten und Erinnerungsstücke an ihr altes Leben brauchte sie nicht. Vielleicht würde sie und ihre kleine Tochter bis zum Ende des Winters hierbleiben können, um Kraft zu sammeln und Pläne zu schmieden. Vielleicht könnte Max dabei helfen. Max. Sie tastete nach ihren Papieren, die sie unter die Matratze gelegt hatte und dachte sich mit einigen hoffnungsvollen Gedanken in den Schlaf.
An Schlaf war derweil, weit weg bei einer jungen Frau mit zwei Namen, immer weniger zu denken. Die Schmerzen kamen und gingen, aber sie kamen und gingen immer häufiger, und das vorzugsweise in der Nacht, was geeignet war, Fionna, die eine seltene Magenerkrankung hatte, zu zermürben.
Da aufgrund des temporären bekleidungsmäßigen Notstands des weiblichen Teils der Bergbewohner aushäusige Aktivitäten nicht in Betracht kamen, wurde auch der zweite Weihnachtstag in der gemütlichen Stube verbracht und unterrichtlicher Tätigkeit gewidmet. Die meiste Zeit ritt Sofia auf Max‘ Knie, während dieser nicht nur immer weitere, aber auch schon bekannte Gegenstände benannte, sondern auch Abstrakteres sprachlich nahebrachte, was ihm große Freude bereitete und Larisa immer hoffnungsfroher in eine Zukunft sehen ließ.
Dabei reifte die von Timo fernmündlich angeregte Idee zu einem manifesten Entschluss, gerade nachdem Max sich über gewisse Rechtslagen schlau gemacht hatte.
Larisa indes präsentierte vollständige Personenstandsdokumente, die sie unter Inkaufnahme der Zerstörung ihrer wattierten Jacke, in die sie diese sicherheitshalber eingenäht hatte, zuerst unter ihre Matratze, dann aber ans Tageslicht beförderte.
Misty Stone, die in Wirklichkeit ganz anders hieß, begleitete ihre gleichaltrige Freundin und Kollegin Marie Luv, die in Wirklichkeit Fionna Aynt hieß, am nächsten Tag zum Arzt. Fionna wurde einigen Tests unterzogen, ihr wurde Blut abgenommen, sie wurde in eine Röhre geschoben, der Arzt unterhielt sich mit ihr über die nächtlichen Symptome.
Fionna Aynt, die als vorlaut und selbstbewusst bis zur Arroganz galt, die keinem Streit aus dem Weg ging und schnelle Urteile fällte, die immer etwas zu laut, zu extravagant, zu aufmerksamkeitsheischend war, vergrub sich danach in ihrer Wohnung und wartete auf das Ergebnis. Da sie krankheitsbedingt schon seit einiger Zeit nicht mehr arbeiten konnte, sie aber einen recht aufwändigen Lebensstil führte und sie nicht mit Geld umgehen konnte, hatte diese Untersuchung fast ihr gesamtes, restliches Vermögen verschlungen und existenzielle addierten sich zu den gesundheitlichen Sorgen.
Der riesige Kerl in den Holzfällerklamotten stand etwas verloren und verwirrt in dem Laden, der mit Kinderkram vollgestellt war, klopfte sich den Schnee von der Jacke und blickte sich suchend um. Frau Ziegler hatte gar nicht gewusst, dass es für Hände dieser Dimension auch Handschuhe gab. Das ist doch dieser verrückte Doktor, der seit ein paar Jahren droben auf dem Berg wohnte, dachte sie. Die Zeitungen waren damals voll gewesen von Geschichten über ihn. Soll angeblich ein Wundermittel erfunden haben. Wagemutig stellte sie sich vor den Mann und legte den Kopf in den Nacken.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie nach oben. Der Mann blickte nun erstaunt zu ihr hinab, als habe er nicht erwartet, dort unten Gesprächspartner anzutreffen. Er nahm seine Mütze vom Kopf.
„Ich brauche eine Kleinkindererstausstattung.“, dröhnte er.
„Aha, also eine Erstausstattung für Neugeborene?“
„Nein, weit gefehlt, gute Frau, kein Neugeborenes, Sofia ist neun Monate.“, informierte er stolz. Frau Ziegler schüttelte missbilligend den Kopf. Wieso brauchte der Kerl Kleinkinderkleidung als Erstausstattung für ein neunmonatiges Mädchen?
„Wie groß ist denn Sofia, und wie schwer?“ Der grauhaarige Hüne hielt seine Hände mit einem bestimmten Abstand vor sie hin und nannte das Gewicht.
„Ungefähr so groß.“
„Was braucht Sofia denn so?“
„Na ja, alles.“, erklärte er mit ausladender Geste. Alles. Na gut. Dann würde er eben alles bekommen. Einerseits war zwar Frau Zieglers Wissbegier geweckt, andererseits traute sie sich aber keine weiteren Fragen zu, denn sie vermutete, und da lag sie durchaus richtig, ohne es wirklich zu wissen, dass sie keine erhellenden Antworten von diesem Vierschrot bekommen hätte.
Ermutigt durch seine Erfolge im Kinderladen, ging Max nun das nächste Projekt an, und das bedeutete, etwas kleidsam-praktisches und nur Praktisches für Larisa käuflich zu erstehen, mit dem diese zunächst die nächsten Tage auskommen müsste; alles weitere würden sie dann im neuen Jahr besorgen.
„Wo ist denn die Dame?“, fragte die Verkäuferin des Damenausstatters, nachdem ihn die junge Frau nach seinen Wünschen gefragt hatte, und schaute sich suchend um. Anschließend musterte sie ihn von unten nach oben, was naturgemäß eine Weile dauerte.
„Nicht da.“, wies Max auf Offensichtliches hin.
„Es wäre aber einfacher, wenn sie die Sachen anprobieren könnte.“, belehrte ihn die Verkäuferin. Max kratzte sich am Kopf.
„Wenn sie Sachen hätte, bräuchte ich ja keine zu kaufen. Die Frau ist exakt einhundertsiebzig Zentimeter groß, schlank, und wiegt fünfundfünzig Kilo.“, verkündete er stolz. Diese Angaben reichten dann, um Unterwäsche, Jeans, Pullover und Jacken zu erwerben, doch taten sich drei Probleme auf.
„Sind Sie sicher, dass es sich um eine Frau handelt?“, fragte die Textilkundige.
„Sicher, sehr sicher. Was soll die Frage?“ Max wirkte irritiert bis verärgert.
„Hosen, Sweatshirts, derbe Pullover, Tshirts, dicke Socken. Wie wärs denn mit einem Kleid oder einer Bluse?“, legte die Bekleidungsbeauftragte nahe.
„Wie soll sie denn mit einer Bluse und einem Kleid über den Winter kommen?“ Er machte eine abfällige Geste. „Um so etwas kümmern wir uns später.“ Die Frau zuckte mit den Schultern.
„Welche Schuhgröße hat denn die Frau?“, wollte die Verkäuferin unerwartet wissen.
„Tja, äh. Das weiß ich nicht.“ Der graue Riese zog die Stirn kraus.
„Ungefähr.“, half die Frau ihm auf die Sprünge. Max hatte eine Idee; schließlich hatte er Larisa gestern die Füße massiert, als Teil seiner Therapie gegen ihre leichte Lungenentzündung. Hatte er jedenfalls behauptet, denn sein Wundermittel entfaltete da schon seine heilende Wirkung.
„Darf ich mal Ihre Füße in die Hände nehmen?“, fragte er mit gewinnendem Lächeln. Die Verkäuferin erschrak. Sollte sie ihre zarten Füße tatsächlich diesen Pranken anvertrauen?
Wäre nun Larisa anwesend gewesen, und hätte die sich mit der Verkäuferin verständigen können, sie hätte entscheidend zu deren Beruhigung beitragen können, doch so entschied sich die Frau, den Umsatz im Blick, für Mut und setzte sich auf einen Besuchersessel.
Kurzzeitig wollte sie dann jedoch der Mut verlassen, als sie sah, dass ihre Füße, immerhin Größe 40, vollständig in seinen Pranken verschwanden, bekam aber ein wohliges Gefühl, als er sie leicht massierte.
Mit Enttäuschung spürte sie dann, dass der Mann mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck ihre Füße wieder freigegeben hatte. Es war sehr angenehm gewesen, wie seine Finger sich um sie geschlossen hatten, fast hypnotisch. Sie einigten sich auf die Schuhgröße der Verkäuferin, doch die Zufriedenheit des Holzfällers wich Ratlosigkeit, als sie nach der Körbchengröße fragte.
„Welche Körbchen? Für das Kind habe ich ein Bettchen gekauft.“ Die Frau hob die Hände unter ihre Brüste.
„Für den BH.“, erklärte sie sachlich. Er schüttelte den Kopf mit dem grauen Pferdeschwanz. Seine Untersuchung am heiligen Abend hatte nämlich nicht nur ergeben, dass Larisa eine leichte Lungenentzündung hatte, sondern auch, dass sie ganz aparte, kleine Brüste hatte, die keinerlei Unterstützung durch Körbchen bedurften.
Zufrieden mit dem Erreichten kämpfte sich Max im Schritttempo in seinem Allrad den verschneiten Fahrweg hinauf. Glücklicherweise hatte es nicht viel Neuschnee gegeben, und er konnte in seiner Spur von heute Morgen fahren, gleichwohl ließ er Vorsicht walten, denn schließlich trug er nunmehr nicht nur für sich Verantwortung. Er musste schmunzeln. Sofia war wirklich ein entzückendes Kind und Larisa hatte in den letzten zwei Tagen schon ordentlich Deutsch gelernt. Nach Neujahr würde er mit ihnen zum Landratsamt fahren, und er hoffte, dass sein Vorhaben ohne große Komplikationen umzusetzen wäre, denn bei dem Landrat hatte er noch ein paar Dinge gut. Soweit er das beurteilen konnte, wäre es das Einfachste, Timos vermutlich scherzhaftem Rat zu folgen und die Bulgarin zu heiraten. Er lachte kurz. Timo würde staunen. Jahrelang hatte sein Vater Begegnungen mit den Menschen gemieden und jetzt hatte die Fügung ihm am heiligen Abend eine fremdländische Teilfamilie vor die Hütte gespült, um die sich zu kümmern ihm große Freude bereitete.
Mit stolzgeschwellter Brust schleppte Max Stadler seine Einkäufe in seine Hütte, wo Larisa mit ihrer Tochter Aufstellung genommen hatte und bereit war, weitere Vokabeln zu lernen.
Nun war Weihnachten gerade vorbei und sie erlebte zum zweiten Mal eine Bescherung. Er hatte sogar an Toilettenartikel für sie gedacht, an Kuscheltiere für Sofia, festes Schuhwerk und Wetterkleidung. Aus all dem konnte Larisa schließen, dass sich Max Stadler, dem sie weihnachtlich vor die Tür gestellt worden waren, mit einem längeren Verbleib zweier fremder Personen nicht nur abgefunden, sondern mit zweckgerichteter Tätigkeit auch vorbereitet hatte.
Wozu hätte er sonst ein Kinderbett kaufen sollen? Spielsachen? Schühchen für Sofia, obwohl sie noch gar nicht laufen konnte, erst damit anfing? Voller Dankbarkeit sah sie den großen Kerl an, der sich über seine Geschenke fast mehr zu freuen schien als sie und sich wie ein großes Kind benahm, und bedauerte es, dass sie ihm nicht mitteilen konnte, was sie gerne wollte. Nämlich, dass das alles nicht nötig gewesen wäre, dass sie bei besserem Wetter weiterwollten, dass sie ihm nicht zur Last fallen wollten, dass er keine Umstände machen sollte, dass sie ihm seine Hilfe nicht würde vergelten können, dass das alles nicht stimmte, dass sie sich sehr freute, dass sie am liebsten bei ihm bleiben würde, dass er ihrer Tochter das Leben gerettet hatte, wofür sie für immer in seiner Schuld stand, dass er sehr nett wäre, dass sie … Für all das reichten ihre Sprachkenntnisse natürlich bei weitem noch nicht aus, und so musste es für diesmal bei einem Kuss bleiben, der sich aber schon mal auf allerdings geschlossenen Lippen ereignete.
Amanda hatte ihre Freundin zum Arzt begleitet, schließlich brauchte Fionna sie jetzt, und so saßen die beiden Frauen nun vor dessen Schreibtisch und warteten auf das Urteil. Fionna sah viel besser aus als vor ein paar Tagen, aber das lag zum großen Teil an der wundervollen Wirkung der Kosmetika, aber weitaus größeren Anteil hatte ihre natürliche Schönheit, die durch ihr Leiden zwar gelitten hatte, aber immer noch vorhanden war. Sie hatte große, etwas weit auseinanderstehende, schwarze Augen, eine für ihre Rasse schmale Nase und einen Mund, dessen volle Lippen immer etwas gespitzt aussahen und blendend weiße Zähne verbargen. Außerdem lenkte ihr wie immer abenteuerliches Outfit ab. Einziges Zugeständnis an den Ernst der Lage war die riesige Sonnenbrille, die sie auf ihrer kleinen Nase trug. Fionna bemühte sich um eine lässige Haltung, kaschierte ihre Seelenverfassung mit einer nahezu herausfordernden Arroganz, doch hinter all dem verbarg sich nur zu offensichtlich die nackte Angst. Der Arzt, ein Weißer in den Vierzigern, nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und schlug eine Akte auf.
„Mrs. Aynt, könnten Sie … würden Sie bitte die Brille abnehmen?“, fragte er sanft. Sie erfüllte ihm seine Bitte und hielt die Brille nun in ihren schlanken, schwarzen Händen mit den gelben, künstlichen Fingernägeln in ihrem Schoß. Ihr Blick wanderte hin und her. Der Arzt räusperte sich.
„Es ist also so, wie ich vermutet hatte. In Ihrem Magen hat sich ein kleiner Tumor gebildet. Das passiert, weil der Magen, wie Sie wissen, nicht normal arbeitet. Er weigert sich einfach, das, was oben reinkommt, zügig unten abzuliefern. Geschieht dies über viele Jahre, kann eben Schlimmeres passieren.“ Mit etwas Hoffnung im Blick sah Fionna ihn an.
„Ein kleiner Tumor?“ Sie betonte das ‚kleiner‘.
„Ja, noch ist er klein, und niemand kann sagen, wie schnell er wachsen wird. Wir sollten schnell operieren und eine Chemotherapie nachschieben.“, meinte der Arzt ernst. Fionna sah in ihren Schoß.
„Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass …“, flüsterte sie.
„Je länger wir warten, desto schwieriger wird die Situation. Überlegen Sie es sich rasch. Natürlich steht es Ihnen frei, noch eine weitere Meinung einzuholen …“ Die Worte des Arztes wirkten unheilschwanger.
Die beiden Frauen saßen am Strand auf einer Bank.
„Wen willst du konsultieren?“, fragte Amanda.
„Niemanden. Ich bin pleite. Was ich noch habe, reicht für Essen und Trinken. Du weißt, dass ich in meinem Zustand in den letzten Monaten nicht drehen konnte. Nicht mal für ein paar Fotosessions hat es gereicht.“ Fionna wirkte resigniert.
„Aber du musst etwas tun! Du kannst doch nicht darauf warten, dass du stirbst!“, schrie Misty sie an, doch Fionna zuckte nur die Schultern und starrte aufs Meer. „Wenigstens eine zweite Meinung.“, sagte Amanda beschwörend.
„Ich kann keinen Arzt mehr bezahlen, ohne meine Wohnung zu verlieren.“ Amanda dachte eine Weile nach und hatte eine Idee.
„Musst du auch nicht. Ich kenne jemanden, der zumindest deine Akte mal lesen kann.“
In seinen früheren Leben hatte Max Sylvester gefeiert. Als Schüler und Student war er auf wilden Feten gewesen, bei denen es hoch her ging, und manches Mal war er an Neujahr aufgewacht, ohne sich an die Geschehnisse erinnern zu können oder zu wissen, wie das Mädchen hieß, das da noch schlafend neben ihm lag. In seinen ersten Arztjahren wurde er zu eher kleinen geselligen Runden eingeladen, die vorwiegend von Medizinern frequentiert wurden, was die Themen dieser Abende eindeutig festlegte. Als junger Arzt stand er am Ende der Hierarchie, und da er nicht fest liiert war, meist ziemlich verloren da.
Das änderte sich, als er Professor und Chefarzt wurde. Er wurde vermögend, war ein gefragter Gutachter, veröffentlichte Aufsätze und war bei den Medien beliebt, weil er unkonventionell, kritisch und telegen, aufgrund seiner Größe unübersehbar und aufgrund seiner Stimme unüberhörbar war. Kurz: er wurde eine Art Medienstar seines Fachs und die Menschen rissen sich darum, ihn einladen zu dürfen. Er nahm die Rolle bereitwillig an, denn er hatte erkannt, dass er dadurch Vorteile hatte. So verging kaum eine Woche, in der er nicht zu Matineen, Soireen, Happenings, Empfängen und dergleichen eingeladen wurde, und auch die Feiern, die er in seinem Haus ausrichtete, eine gewisse Berühmtheit erlangten. Bei solchen Gelegenheiten wurde er sicherlich Ziel weiblicher Annäherungsversuche, denn Aussehen, Reichtum und Berühmtheit waren Dinge, die die Frauen anzogen. Doch er hatte sich lange nicht festlegen wollen, bis ihm das Unglück mit seiner Frau passierte.
Nachdem dies alles innerhalb weniger Monate zu den Akten gelegt worden war, hatte er größere Menschenansammlungen gemieden, und so etwas begann für ihn bei eins aufwärts.
Die letzten beiden Jahreswechsel hatte er schlicht verschlafen, wenn man davon absah, dass er ein oder zweimal von Böllerschüssen aus dem Tal geweckt wurde, doch in diesem Jahr sollte das anders sein, denn schließlich hatte er Besuch.
Schon in der Frühe hatte er einen Weg bis zu einer Stelle in den Schnee geschaufelt, von der aus man das ganze Tal übersehen konnte. Auch nach Norden hin hatte er Ähnliches getan, denn bei gutem Wetter würde man die Feuerwerke in den großen Städten sehen können.
Dann briet er Fleisch, putzte Gemüse und rührte Soßen, ohne sich von Larisa helfen zu lassen, die durfte nur dabeistehen und ihren Sprachschatz erweitern und hin und wieder naschen.
Doch die Zeit vom Einbruch der Dunkelheit bis zum Erscheinen temporär künstlich erzeugten, flackernden Lichts, das gemeinhin im Einklang mit einigem Radau vom neuen Jahr kündete, konnte lang werden, zumal dann, wenn zwar Gesprächsstoff durchaus vorhanden war und ein solcher Bedarf beiderseitig eindeutig bestand, aber die Mittel, um einen solchen zu befriedigen, nicht ausreichend vorlagen und die Angebote der elektronischen Unterhaltung eher dürftig waren.
Aushilfsweise drapierte Max Sofia auf seinem Knie und Larisa neben sich auf dem Sofa und bemühte alte Fotoalben, um die Zeit zu überbrücken, was anfangs auch gelang.
Aus naheliegenden Gründen ermattete zuerst Sofia, die mit dem Plan, sie bei Beginn der Feuerwerkerei zu wecken, von ihrer Mutter gebettet wurde. Larisa setzte sich dann wieder neben Max, obwohl es nichts mehr zu zeigen gab und trank einen Schluck Wein. Minütlich verringerte sich der ohnehin geringe Abstand zwischen den beiden Zufallsbekannten, was durchaus sowohl an der einen als auch dem anderen liegen mochte. Auf jeden Fall saßen sie bald Seite an Seite eng aneinandergeschmiegt, und Max fühlte die Bewegungsfreiheit seines linken Armes, gegen den Larisa lehnte, zunehmend eingeschränkt, was ihn veranlasste, ihn einfach um Larisas Schultern zu legen, wo er zwar auch zu nichts anderem zu gebrauchen war, beiden jedoch ein besseres Gefühl bereitete. Larisa, durch den nun verlagerten Arm an weiterem Näherrücken nicht mehr gehindert, sackte nun vollends gegen Max‘ Oberkörper, der das mit einem leisen, aber wohligen Seufzer quittierte. Ihre nun halb liegende Position, und vielleicht auch der Wein, mit Sicherheit aber ein durch wochenlanges, teilweise beschwerliches Reisen, aufgebautes Schlafnachholbedürfnis, bewirkten nun, dass Max ein leises Schnorcheln aus der Gegend seines Brustbereichs vernahm, was seine Ursache nicht etwa darin hatte, dass seine Lunge ein Loch hatte oder seine Bronchien verschleimt waren, sondern darin, dass Larisa einfach erschöpft eingeschlafen war. Einen sehr kurzen Augenblick überlegte Max, ob er sie wecken sollte, entschied sich aber dagegen. Dann würde es eben auch diesmal keine Sylvesterfeier geben; die Reste essen könnten sie auch Neujahr noch, und Schlaf wäre für Larisa sicher besser, als sich draußen in der Kälte anzusehen, wie andere Leute ihr Geld in lautem Getöse und bunten Flammen aufgehen ließen.
Vorsichtig, als hätte er es mit jemandem zu tun, dem jeder Knochen im Leib gebrochen wäre, hob er Larisa nun auf seine Arme und brachte sie in ihr Zimmer. Er legte sie sanft auf das Bett und wollte sie gerade zudecken, als sie die Augen aufschlug und halbwach die Arme nach ihm ausstreckte. Ohne Widerwillen tat er ihr den Gefallen und beugte sich weit über sie. Fast leidenschaftlich schlang sie ihre schlanken Arme um seinen Hals und zog sein Gesicht ganz nahe an ihres, dann öffnete sie ihren Mund halb, er öffnete seinen Mund halb, und dann küssten sie sich lang und innig, ohne ihre Zungen zu bemühen. Draußen waren die ersten Kracher zu hören.
„Max.“, flüsterte Larisa.
„Frohes neues Jahr.“, flüsterte Max, doch das hörte Larisa schon nicht mehr.
Beim Einschlafen nahm sich Max vor, nicht zu vergessen, darüber nachzudenken, dass er nicht nur übermorgen das Landratsamt, sondern später auch noch ein anderes Amt zum Zwecke einer ganz bestimmten Verrichtung nicht alleine aufsuchen wollte.
Als sich die Tür des Appartements öffnete, taumelte Fionna unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Herr im Himmel, dachte sie, das wird doch wohl hoffentlich nicht dieser Arzt sein. Dieser baumlange Kerl mit dem gestutzten Vollbart und der bleichen Haut schien zu telefonieren, denn er hielt sich eine riesige Hand ans Ohr und sprach in einer fremden Sprache in diese Hand. Ein Telefon war nicht zu sehen. Mit der anderen Hand machte er eine einladende Geste, und Fionna meinte, von einem Luftsog in die Wohnung gezogen zu werden.
„Ich will hier weg.“, flüsterte sie Amanda zu, deren Arm sie hilfesuchend ergriffen hatte und behielt dabei den Riesen im Blick, um bei Bedarf rechtzeitig fliehen zu können. Ihre Freundin und Kollegin lächelte sie nachsichtig an, denn solche Angstreaktionen hatte sie schon manches Mal erlebt bei Menschen, die Timo zu ersten Mal begegneten. Sie legte beruhigend eine Hand auf Fionnas Arm.
„Keine Sorge. Er hat schon vielen von uns geholfen. Er ist gut.“, flüsterte sie zurück und ließ dabei offen, ob sie seinen Charakter oder seine Qualität als Arzt meinte. „Du glaubst gar nicht, was er mit diesen Händen alles anstellen kann.“, fügte sie kichernd hinzu.
Der Wohnungsbewohner hingegen schien angesichts der äußeren Erscheinung seines Besuchs nicht erschrocken oder erstaunt, und das lag daran, dass er die eine oder andere Dame aus dem Gewerbe, dem auch Fionna und Amanda als Marie und Misty nachgingen, kannte, und daher einiges gewohnt war, und nicht etwa an der dezenten Kleidung der potentiellen neuen Patientin. Die nämlich hatte sich recht phantasievoll ausstaffiert. Ihr kurzes, schwarzes Haar lag in Form kleiner Würste, von vorn nach hinten parallel zueinander auf dem Kopf, der Lippenstift grellrot, die Wimpern zu lang, die Ohrringe zu groß, der Ausschnitt des ärmellosen Tshirts zu tief und die neongrüne, hautenge Leggings offenbarte, dass sie heute an ihrer Unterwäsche gespart hatte.
Kunstfertig aufgetragenes Makeup konnte jedoch nicht verhindern, dass selbst fachliche Laien erkennen konnten, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte. Jedenfalls sah sie der junge Mann mehrfach kritisch und analysierend an und wirkte nicht erfreut über das, was er sah.
Endlich hatte der Gigant sein Gespräch beendet und strahlte seinen Besuch offen an. Fionna zuckte zusammen, als er „Nehmt doch Platz“ sagte, denn sie hatte den Eindruck, dass die Wände des etwas unpersönlich eingerichteten Appartements erzitterten. Er bot Getränke an, setzte sich zu ihnen in eine gemütliche Sitzecke und ließ sich von Fionna die Akte geben, in die er sich dann unverzüglich vertiefte, mit Spannung beobachtet von den beiden Frauen, die jedes Stirnrunzeln und jedes leichte Kopfschütteln mit wachsender Sorge registrierten.
Trotz ihrer inneren Gespanntheit fand Fionna Gelegenheit, sich den übergroßen Doktor einmal anzusehen. Der Sessel war eindeutig zu klein für ihn, stellte sie fest, aber ansonsten wirkte er gar nicht so furchteinflößend, wie sie zunächst dachte. Das dunkelblonde, dichte Haar war akkurat gescheitelt, der ins Rötliche gehende Vollbart sorgfältig gestutzt, das Gesicht markant, die Augenbrauen würden später einmal buschig werden. Sein Mund war schön geschwungen, fand sie, sie würde sich aber nur im äußersten Notfall von ihm operieren lassen, denn sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er mit diesen Händen ein normales Skalpell halten könnte.
Mit einem Seufzer ließ er den Hefter dann abschließend sinken und sah die Besucherinnen direkt an.
„Was ist?“, durchbrach Amanda die Stille, denn Fionnas Mund war einfach zu trocken, um einen Ton herauszubringen.
„Die Diagnosen des Kollegen treffen zu, er hat alles akribisch dokumentiert, und du hast mir ja noch ein paar Zusatzinformationen gegeben, Misty.“ Da er so gesprochen hatte, als sollte da noch ein ‚aber‘ kommen, hakte Amanda nach.
„Was noch?“ Er schüttelte den Kopf.
