Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der naive Held glaubt an seine Berufung, die Menschen entschleiern zu können. Er handelt in einer Gesellschaft, welche ihre Differenzierungsfähigkeit verliert, als Preis für sinnfreie Beschäftigung und reizvollem Konsum. Sein Weg führt dabei durch eine utopische Stadt, welche ihm ausreichend Bedarf für die Ausübung seines geschätzten Berufes bietet. Diese menschliche Fabel richtet sich an die Leser, welche sich noch einen Sinn für philosophischen Humor, blühende Fantasie, kafkaeske Idiotie, subtilen Horror, aber auch ein Verständnis für aussichtsreiche Tragik bewahrt haben. Zudem ist es ein Werk für Liebhaber der Obskurität, welche ein philanthropisches Bewusstsein pflegen. Dahingehend, dass eine Gemeinschaft ihre beste Entwicklungsoption erkennt und diesen Weg selbstständig beschreitet. Jedoch auch darin eine misanthropische Neigung entwickelt, die sie wieder an den unterentwickelten Ausgangspunkt zurück führen kann. Der Roman entstand durch eigene Erfahrungen aus der Epoche der augenscheinlich zentralisierten Zerstörung von Diversität in Musik, Rede, Farbe und Geschmack. Jörg Pfennig, Juli 2014
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 500
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Paradoxon:
„Die Bürde des Menschen ist unfassbar.
Könnten wir sie fassen und wie einen Sack abstellen, wären wir entmenschlicht.
Doch was befindet sich tatsächlich in diesem schweren Sack?
Das Absolute ist es sicher nicht, denn es hat keine Masse.
Mitleid kann es auch nicht sein, denn dieses ist ein aggressives Tier, welch sich durch alle Decken frisst.
Wer ist es denn, die nach Befreiung strampelt?
Vielleicht ein Dope, das uns verschleiert und betäubt und uns zum Weiterschleppen zwingt.“
(JP, Martius 2014)
Die Berufung
Das Zepter
Die Heimkehr
Im Sitzin
Das Chamäleon
Die Händlerin
Der Beruf
Segnungen und Schweinepriester
Die Prozedur
Zwischenzeiten und Zieleinläufe
Verschlüsselte Dienstanweisungen
Der Verdienst
Verbindliche Retouren
Das Echo
Fliehende Gefährten
Rauchende Schatten
Fruchtende Winde
Anhang: Personen und Orte
Die Berufung
Es hat etwas von Hexerei, wenn man ein zweites Mal begegnet. Gezwickt vom Zufall erwacht zuerst der Rückblick. Dann folgt Neugier. Gewahr des einzigartigen Erlebnisses sucht sie für Sekunden den neuen Menschen in bekannter Hülle. Ist die Erinnerung erst einmal aufgeschlagen, entschleiert sie die neue Erscheinung und entreißt dem Gegenüber seinen Fortschritt. Respektlos eigentlich, denn auch Erinnerung ist Trugbild. Modellierbar wie Ton und Identität so flüchtig wie Wasser. Wenn unser Gespür es auflösen könnte würden wir erkennen, wie der Mensch sich schon innerhalb eines Tages mehrmals verändert. Wir wären erstaunt über den ungehemmten Wechsel seiner Körpertemperatur oder die häufigen Sprünge seines Selbstbildes.
Die Dämpfung unserer Wahrnehmung ermöglicht einerseits die grobe Unterscheidung, andererseits auch, bei längerer Betrachtung des Objektes, einen Zugang zum subjektiven Gleichnis. So sind wir uns alle, unter Vernachlässigung gewisser Individualitäten, im Ozean der Zeit schon einmal begegnet, werden erneut widerfahren und einander erinnern. In unserem Gedächtnis legen sich die Farben, Klänge und Gesichter so transparent übereinander, dass im grellen Durchlicht der Gegenwart alle Porträts ihre Unterscheidbarkeit verlieren. Der Geist malt seine Aquarelle auf Seidenpapier und lässt die Silhouetten ineinanderfließen. So glauben wir in den entfernten Gesichtern der auf uns zu schreitenden bereits lang Gegangene wiederzuerkennen. Meinen, im Richter unseren alten Lehrer zu sehen.
In der Konkubine begegnet uns die Verflossene wieder neu. So kommt es vor, dass wir der Illusion der ununterscheidbar zweiten Begegnung tatsächlich unterliegen. Ein und der selben Person in ein und dem selben Raum, abermals nach sehr langer Zeit. So wie es Gody Spitzer erging, als er dem unveränderlichen Sergeant Speerschneider im Haus der Berufung erneut gegenüber saß. Die außergewöhnlich ähnliche Konstellation erlebte Gody für viele gedehnte Sekunden als unangenehmes Déjà-vu-Erlebnis.
Er erkannte mich nicht.
Aufgrund seiner machtvollen Vergesslichkeit begriff ich die Gewissheit, dass auch ich mich nicht wieder erkennen sollte. Einerseits in meiner Erinnerung, andererseits in der Rolle meiner gesellschaftlichen Modularität.
Der Scheitelspanner legte sich eng um Speerschneiders kahlen Kopf.
Die schwarze Projektionslinse hatte sich tief in seine linke Augenhöhle gesaugt und lähmte die Mimik einseitig. Agil rollten die aufgedrückten Sensorkugeln über den Kehlkopf und seine Zähne bissen verängstigt auf das Kabel der Gaumenspange. Sein affenartiges Grinsen auf nassen Würgen verriet, dass er sich an diese altbewährte Kommunikationskrücke immer noch nicht gewöhnt hatte.
Möglicherweise verifizierte er Berufungszeugnisse, die ihm auf die Linse projiziert wurden. Stundenlang in dieser Technikfalle zu sitzen quälte ihn sichtlich bis zum Brechreiz. Vermutlich war er der letzte Beamte, der das Wellio-System hasste und es täglich unter tiefen Würgeanfällen verfluchte.
Er wollte das Kommunikationsmonopol der Regierung zwar nicht in Frage stellen, konnte sich aber mit der Mechanik der Biomagnetfeldtransponder nicht anfreunden. Außerdem strengte es ihn ungemein an, seine wahren Gedanken der Scheitelabtastung zu entziehen, sodass keine Spur seines Egos in das Hunous einsickern konnte. In krankhaftem Wahn befürchtete er, dass das zentrale Speichersystem dazu missbraucht werden könnte Repliken anzufertigen. Er hätte es nicht ertragen, sich irgendwann selbst zu begegnen.
Mir, Gody Spitzer, waren solche Probleme fremd. Diese den freien Geist einklemmenden Apparate empfand ich als überflüssig. Dennoch faszinierte mich die Vorstellung, mit jemandem und allen grenzenlos in Austausch treten zu können. Für das einfache Volk blieb dazu nur der Botschafter. Meist eine abgehangene Existenz, welche auf einem klapprigen Rekorder die Nachricht aufzeichnete, dem gewünschten Adressaten zutrug und ihm abspielte.
Die Botschafter waren meist unzuverlässig. Sie benötigten manchmal Wochen bis sie die Person in Pappstadt ausfindig machen konnten und weitere Wochen, um mit der aufgezeichneten Antwort zurückzukehren. Da sie sich selbst für äußerst schlau hielten, spulten sie die gesammelten Mitteilungen immer wieder zurück und versuchten diese in utopische Zusammenhänge zu setzen.
So trotteten sie versunken mit ihren sprechenden Rekorden auf den Schultern durch die Stadt und verdingten sich in finsteren Ecken auch als Hehler von Gerüchten.
Die Kommunikation über das Magnio war dagegen wesentlich schneller, aber auch wieder teurer und störanfällig. Die modulierten Feldlinien überschlugen sich häufig und man hörte nur ein von dumpfen Trommeln begleitetes Stimmengewirr.
Phantasierende Botschafter raunten, dass bald ein gewisses Lichtio für die Regierung bereitstehen solle und somit das Wellio als Technologieschrott endlich auch dem Fußvolk zugute kommen würde. Doch obwohl sich keiner die Funktionsweise des Lichtio zu erklären vermochte war zumindest den Botschaftern klar, dass wenn es tatsächlich solch eine angepriesene Leistungssteigerung gegenüber Wellio darstellte, die mündliche Kommunikation tilgen würde. Denn schon mit Wellio und privilegierten Systemrechten gelang es sehr tief in die Individualitäten einzudringen.
Gedächtnis und Kommunikation sollten endlich vollständig fusionieren. Diese Einheit führe die Gesellschaft zu feingliedrigster Diversität, eingebettet in einem absoluten Gemeinschaftsverständnis. Aber es war noch ein beschwerlicher Weg, wenn man sich nur die tägliche Beschränktheit des Geistes vergegenwärtigte. Auch wurde die Wahrnehmung der Gesellschaft noch von diffusen Eindrücken bestimmt. Speerschneider war dafür repräsentativ. Sein rechtes Auge war weit aufgerissen und die Pupille ruckelte im Rhythmus der linksäugig projizierten Zeilensprünge. Das freie Ohr zuckte dabei wie der Kopf eines pickenden Huhnes. Die Tonabnehmer holten sich die inneren Stimmen ab. Vom Nacken bis zur Stirn.
Sergeant Speerscheider gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die ihren Kopf gern wie eine Murmel trugen. Rund, kahl, glatt und glänzend. An manch heißem Tage sogar etwas feucht. Und jene Murmel – was die Ästhetik solcher Persönlichkeiten meist ergänzt – musste heute aus dem hohen steifen Kragen einer schwarzen Paradeuniform knospen. So entweihte kopflos verfahrene Eitelkeit auch bei ihm den banalsten Stil. Zu aller Geschmacklosigkeit hatte sein hochpoliertes Ei heute auch noch eine rege Färbung angenommen. Wenn Sergeant Speerschneider einen Applikanten feierlich in den Berufsstand berief, trug er den ganzen Tag einen roten Kopf mit sich herum. Bei Einberufungen seiner selbst blieb die Murmel klein und blass. Dann rollte sie sich schnell in seinen hochkragigen Panzer zurück.
Als Sergeant war er in den höheren Etagen der Lizenzgeber angelangt.
Hier im PRÄGRUF, dem Gebäudekomplex für Präger und Berufer, unterlagen ihm jetzt umfassende Entscheidungsbereiche. Mit diesen wählte er die Individuen schon in sehr jungen Jahren aus, um sie durch strenge Prägungsmaßnahmen in ihre Berufungen einzupassen. Perspektiven unterwarf er bedenkenlos seiner Macht. Phantasien erstickte er im Keim. Nervöser Wahn trieb ihn in die Schaffenssucht. Affektierter Ehrgeiz jagte ihn auch heute.
Der Sarge war so aufgeregt, dass meine Zeugnisse nur oberflächlich von ihm überflogen wurden. Währen diese auf seine Iris projiziert wurden, zwinkerte er verkrampft und sein Schluckreflex gab röcheln von sich.
Die Murmel nickte ständig vulgär nach vorn. Dabei knirschte das polierte Leder seines wippenden Thrones wie ein furzender Stier.
Ich dagegen saß ihm in einem mit Kirschholzschnitzereien verziertem Ledersessel gegenüber. Zwischen uns die breite schwere Bastille, die scheinbar genau auf den Schneidepunkt der Diagonalen des Zeremoniensalons ausjustiert war. Die Feder kunstvoll in einen Rehlauf gefasst, stand nur ein langes Schreibgerät frivol auf der monströsen Tischplatte. Gehalten wurde es von einer konservierten Speiseröhre, die mit dynamischen Jagdmotiven in Goldfadenstickereien verziert war. Ein Tintentropfen presste sich aus der breiten Feder über der Fangschale, gequält vor der Entscheidung: ’Tropfe ich, oder Tropfe ich nicht?’.
Schräglinks vor mir war ein unbepflanztes Aquarium aufgestellt. Darin schwamm, oder besser gesagt, darin klemmte ein großer Barsch. Das über einen Meter große Exemplar hatte ein dunkelblau glänzendes, schwarz gebändertes Schuppenkleid. Ebenso unnatürlich an dieser Zucht war sein leuchtend gelber Bauch. Doch das war nicht das quälendste an dieser Ansicht.
Das über kahlen Grund schwebende Tier füllte von Kopf bis Schwanzflosse den Glaskasten aus und stieß beim atmen mit den Lippen an die Seitenverglasung. Vermutlich wartete es schon lange darauf die Grenzen seines Universums zu sprengen. Wenn es sich doch nur einmal hätte wenden können, würde es seinem Züchter ins Gewissen blicken. Als lebendes Präparat.
Durch die bestimmte Sitzposition war jeder Gast gezwungen, sich von diesem Drama ein Bild zu machen. ’War dies eine Metapher auf alle Berufe oder nur wieder ein ungeheuerlicher Zeitvertreib Speerschneiders?’
Mein Gesicht spiegelte sich auf dem Rücken des Barsches. Der Blick hatte etwas an Leichtigkeit verloren. Das dunkle Haar, die einst so starken Brauen und die genährten Wangen schimmerten verwässert durch das Aquarium. Der so gewohnte ungestüme Neugierblick war heute stumpf. Trotz allem verbarg sich selbst im Spiegelbild ein Morgenlächeln und meine strahlend hellen Bernsteinaugen brachen dieses Glas.
So überlagerten sich unsere Reflexionen auf ungeklärten Wegen im Gefäß. Meine in Rudimenten noch vorhandene, infantile Zartheit ließ Speerschneiders Mimik zur Fratze einfrieren. Er hatte sich aus der Transmissionzange befreit und genoss für viele stille Minuten die seltene Informationsblockade. Absolute Haarlosigkeit bedeutete bei ihm nicht, sich auch noch einer Genusskahlheit hinzugeben. Seine hellgrauen Augen hatten etwas blechernes, auch weil sie wie Münzen unruhig in den runden Näpfen flackerten. Ebenso gehetzt hoben sich die nach oben geschwungenen Brauen ab. Nur durch einen ewigen Verformungskrampf hatten sie sich braun gefärbt und sahen aus wie bewachsenes Gebiet. Seine Nase entsprach doch eher einer Vase. Die vielen Sprünge darin ließen auf eine gewaltgeprägte Erziehung schließen.
Auch das sadistisch breite Lächeln auf bläulichen Hundelippen hatte in den Hof geschichtsträchtige Verwerfungen gedrückt.
Die straffe tiefe Sitzpolsterung verschluckte mich beinahe vollständig und gab bei jeder meiner Bewegungen ein breites, sattes Grollen von sich.
Über Speerschneiders Kopfknolle hinweg blickte ich durch das großflächige Wandfenster auf einen wolkenlosen Sommerhimmel. Außen ratterte die Fensterputzmaschine auf ihren Führungsschienen nach unten. Um die Fassade stürzende Sturmböen machten ihr das Leben schwer. Sie gurgelte laut und verschluckte sich ständig. Die durchgeschäumten Bürstennäpfe sangen dabei ihr schmatzendes Lied. Röchelnd tauchte der Fensterlecker in das nächste Geschoss ab. Mit seiner hinterhergezogenen Gummilippe betonte er nochmals quietschend seine uneingeschränkte Gewissenhaftigkeit.
„Ah Jach, Hamm Uff, ... Himm Haa, ... Hm Ach, ... Hm Jass, ...“
Hieb für Hieb prügelte sich Speerschneider aus der Bewusstlosigkeit.
„SIE – WOLLEN – ALSO – HEUTE – HIER – ZUM – BADER – GEWEIHT – WER – DEN?“
Mit stakkatisch abfallender Stimme leitete Speerschneider die Zeremonie ein. Sechs harte Jahre der Ausbildung und zwei erniedrigende Jahre des Praktikums hatte ich, Gody Spitzer, durchgestanden. Jetzt endlich erwartete mich das Diplom zu einen der anerkanntesten Berufsgruppen in Pappstadt.
Und diese wollte die Stadt der Bader werden.
Eine Metropole der Kur und der Reinigung, Das klare Herz der Sinne, wie sich die Zunft gern dieses Titels bemächtigte.
„Ja, ich will. Ich bitte sie ehrfürchtig mich zu weihen, Sergeant Speerschneider.“
Während meiner ungestümen Vorbeuge donnerte das Sesselleder wieder ordinär. Drauf lehnte er sich knarrend zurück, blickte kurz etwas erschrocken und schnellte mir genauso geräuschvoll wieder entgegen.
„Ihnen ist bekannt, was für eine hohe Stellung diese Aufgabe in der Gesellschaft hat? Auch wenn die Berufsbezeichnung im Volksmund immer noch als – Ohrenkriecher – diffamiert wird?“
„Ja, dessen bin ich mir bewusst und werde beiden Titeln entsprechend gerecht werden.“
Eine nachdenkliche Pause unterbrach seine begonnenen Ausführungen.
Er drehte dämlich seine Kugelaugen durch die Luft und zuckte verlegen mit beiden Ohren. Anschließend sprang er fast über seine Festung und zeigte auf mich:
„DIE REINHEIT!!“, schrie er jetzt mit weit aufgeklapptem Kiefer,
„DIE REINHEIT! SIE IST DAS OBERSTE GEBOT!
–
In den Ohrgängen ..., in den Mundhöhlen ..., den Augäpfeln ...
Ja wenn sie mit ihren Tinkturen in die Nasengänge und andere Ritzen hinaufkriechen ist das wichtigste:
–
IHRE REINHEIT!
–
Und die Fingerspitzen müssen sauber sein! Und die Nägel drüber auch!“
Seine fanatische Augen schossen mir einen funkelnden Blitz entgegen.
„Selbstverständlich …, Sarge...ant. Die Reinheit …, die Reinheit und die Hygiene …, repräsentiere ich …, meine – Mission – bin – ich.“
Sein gezückter Zeigefinger zitterte noch eine Weile vor meiner Nase, dann klappte er ihn ein und wir beide drückten uns laut in die Sessel zurück.
Jetzt brannte ich noch stärker darauf, die Menschen von den Trübungen ihrer Sinnesorgane zu befreien, deren Verkrustungen zu lösen und ihre Wahrnehmung zu schärfen. Ohrenkriecher, diese Berufung hatte meine Seele durchdrungen.
Sergeant Speerschneider stülpte sich nun feierlich und vollständig aus. Aufgerichtet streckte er Brust und Schultern, legte den Kopf etwas nach hinten, schritt langsam um seinen Schrein und baute sich, bereit zur Initiationszeremonie, mit ausgestreckten Armen vor mir auf. Ich imitierte zurückhaltend, abgeschwächt, zeitversetzt und weitestgehend unterwürfig.
Der Sarge war jedoch schon so tief in Zeremonietrance gefallen, dass er das Zepter vergaß.
Zur Weihe gehörte das Zunft-Zepter. Ein goldschimmerndes Metallrohr, an den Enden mit kugeligen Knäufen verschlossen und verlötet. In ihm befand sich die Lizenzurkunde und die Lappalien zum entsprechenden Beruf. Die Lappalien wurden von der berufsspezifischen Schärpe mit den zwei dazu gehörigen, langen, silbernen Fixiernadeln dargestellt. Je nach Heraldik und Schutzpatron der Berufszunft machten diese immer einen sehr kostbaren Eindruck.
In meinem Falle erwartete ich den Schmalzlöffel im Muschelwappen als Schärpenstickerei, und das Relief des Junius auf den Nadelköpfen.
Zur Gleichberechtigung der Zünfte waren an den Zeptern von außen keinerlei Unterscheidungsmerkmale erkennbar.
Bestimmend räusperte ich mich laut und lange. Speerschneider sah mir erbost zu, wie ich auf seine weit aufgeschlagenen Hände wies. Dann begriff er, pfiff aufgeregt umher und stürzte sich tief hinter seine Bastille. Peinlich gerührt riss er große Schubladen auf und lautes klirren zahlreicher Zunft-Zepter ließ weitere Schreckpusteln auf seiner Murmel erblühen. Gehetzt grub er sich durch die dröhnenden Rohre. Doch keines dieser Ununterscheidbaren wollte als Zepter der Bader in seine Hand fallen.
Der Alptraum, mich für den falschen Beruf zu initiieren, verzweifelte ihn sichtlich und hörbar. Musternd hüpfte seine errötete Murmel hinter der Tischplatte auf und ab.
Je eines pro Hand nahm er nun Rohr für Rohr auf und schüttelte es dicht an seinen Ohren. Die Augen rollten gespannt von Rohr zu Rohr und Ohr zu Ohr. Und wieder ein kräftiges Schütteln links und wieder ein blechernes Klappern rechts. Sein Blick blieb oft an meinem fragend kleben. Die Zepter vor der Initiierung zu entsiegeln kam nicht in Frage. Keiner hatte jemals so etwas gewagt. Es würde die Entweihung aller beteiligten nach sich ziehen. Jedoch hielt mich das anhaltend polternde Schauspiel, mit der zum Irrsinn verzerrten Fratze des Sarge, gänzlich zum Narren.
Er konnte doch nicht im Ernst daran glauben, dass …
Doch wiederholtes und bestätigendes Schütteln ließ plötzlich ein triumphierendes Gesicht aufgehen. Absurd, aber das passende Geräusch schien erkannt. Dieser illusionäre Moment befreite uns beide so intensiv, das die darauf folgenden Zeremonierituale mir vollkommen aus dem Gedächtnis entschwanden. Wäre dies Speerschneider jemals zu Ohren gekommen, hätte er sich aber nicht mal daran erinnern können, um was es sich dabei konkret handelte. Die Initiationsriten und Weiheformeln waren durch sein langjähriges wirken in einen solchen unbewussten Gestus versickert, dass im eigentlich krönenden Akt sich die gesamte Tragweite Speerschneiders apathischer Attitüde dem gegenüber offenbarte. So behielt ich daraus nur seine vernebelt senile Väterlichkeit. Der Sarge begleitete mich noch bis zur stählernen Ausgangstür. Ein jammerndes Geräusch riss uns aber beide herum.
Weit hinter seinem Machtschrein öffnete sich ein hoher Spalt in der Wand. Ja, es war eher ein Kinderschluchzen und ich sah wie eine zarte Kraft am Innern der schweren Flügeltür zerrte.
„Sie gestatten?“, und mit einem Klapps auf den Hintern schob mich Sarge hektisch aus seinem Büro.
Den Klapps machte er zum Ritus jeder Zeremonie. Zuerst redete man ihm deshalb Sexismus nach. Aber als man ihn damit konfrontierte, erbrach er sehr lautstark und stellte seine Neurose klar:
„Nur bei dem Gedanken daran, sehe ich sie alle verdauen.“
Man ahnte, dass er dabei vermutlich an etwas anderes dachte.
Dagegen drehten sich meine Gedanken nur um die Instrumentenausgabe.
Mit diesem Verlangen auf stolzem Blick durchschritt ich das Vorzimmer.
Die Sekretärinnen ignorierten mich selbstverständlich. Zwölf der Damen saßen konkav um ihre Obersekretärin, die ständig von ihrem Thron herab den Kopf zu einer der unteren neigte. Alle hatte ihre Schädelklammer aufgespannt. Ohren und Augen waren verkapselt. Eine lederne Wulst transcodierte und transferierte die Informationswellen breitbandig und raumübergreifend auf die Hirnrinde. Es herrschte tuschelnde Stille. Einige Debütantinnen schnalzten auf ihre Zungenbeine. Dialoge und Diktate ließen sich jedoch nicht von den Lippen ablesen. Wenn sie empfingen, drehten die Debütantinnen ihren Kopf manchmal etwas in die Richtung der Quelle. Wie Abtastnadeln lauschten sie auf den Kanälen.
Die altprofilierten harrten dagegen steif in ihren Hohlsesseln. Häufig zuckte die Oberin ihren Kopf zu ihnen hinab und ließ nur damit ihre Kiefer erzittern.
Doch jetzt öffnete sich erstaunt ihr Mund. Sie legte sacht ihren Handrücken ans Ohr. Lauschend drehte sie ihr verkapseltes Gesicht zur der Wand, hinter der sich Speerschneiders Höhle befand. Danach fuhr sie langsam nickend auf mich zu.
Witternd beugte sie sich über mich. Zwischen unsere Nasenspitzen wurde ein Dokument geschoben.
„Das hier möchten sie von IHHHMMM ... noch siegeln und signieren lassen!“, pulsierte es leise hinter dem Rüstzeugnis, welches mir Uniform und Instrumente gewähren sollte. Ich schnappte es mir und stieg zurück in sein Refugium.
Die Burg war verlassen. Lange massive Tafeln hingen von der Decke. Wie schwebende Stellwände verschachtelten sie den Raum. Mit ihren Schatten verzerrten sie die Perspektiven und man interpretierte anwesende Personen hinter ihnen. Urzeitliche Piktogramme waren in den Stein gemeißelt.
Auf dem polierten Reliefboden zirpten meine Sohlen. Sein Schreibtisch schwebte mir wie eine anschwellende Insel entgegen. Nach einer schwindelerregenden Sekunde drangen furchtbare Geräusche aus dem Nachbarraum zu mir. Peitschenden Stockhieben folgte gepresstes Kinderwinseln. Eine Tonleiter wurde zittrig in ein Piano geschlagen.
Obwohl ich soeben noch mutig an der großen langen Flügeltür zum Nachbarraum stand, sah ich mich nun hinter seinem Schreibtisch mit Rollsiegel und Feder in der Hand.
Die Klinke krachte herab und ein verschwitzter roter Kopf schnellte aus der Flügeltür.
„JA WAS!? – NA GEBEN SIE SCHON HER, MANN!“
Ich hetzte mit Siegel und Feder zum ihm, während er sich genervt den Hals nach hinten verdrehte. Auf meinem Rücken wurde hastig gerollt und gekritzelt. Der Sarge keuchte dabei entsetzlich. Zwischen Zeugnisübergabe und Türschlag erhaschte ich einen kurzen Wimpernschlag in den Raum, aus dem mich zwei verweinte Mädchenaugen hinter einem Konzertflügel anklagend fokussierten. Danach zerlief der Eindruck dieses kaum wahrgenommenen Augenblickes unter breiter erstickender Stille. Die gerade heftig zugeschlagene Tür gab keine einzige Schwingung von sich. Nur mein Atem schwallte von ihr kalt zurück.
Verwirrt ergriff ich die Flucht aus dem Verließ und stürzte durch das Vorzimmer. Die Damen zuckten am ganzen Leibe und ihre Zungen trommelten im Chor.
Im Gewirr von verdrillten Gängen und Fahrstuhlschächten fand ich endlich den richtigen Eingang zum Zeugsaal. Ovale Schalterhäuschen bildeten das Zentrum der Arena. Darum saßen die Anwärter aufsteigend wie das Publikum in einem Rundtheater. Ich schritt ein paar Stufen hinab und sah, wie aus den Dächern der Ausgabehäuschen ratternde Kanister auf Schienen in die Höhe schossen. Hinauf durch Öffnungsschleusen in der steinernen Glockenkuppel. Dort ließ man sie wieder heraus rattern, schwer bestückt und frisch geschmiert.
Da die Instrumentenausgabe in einem alten, von Patina nur so bröckelnden Amphitheater statt fand, bewahrte sich dieser doch so wichtige Akt nur wenig feierliche Aura. Die zahlreichen Kandidaten auf den Rängen wippten auch dem entsprechend ungeduldig auf und ab. Sie wollten nach dem Schalterdurchlauf so schnell wie möglich über die Treppen nach unten entschwinden.
Die Fenster der eiförmigen Schalter waren matt, sodass das Innenleben breite Schweife zog. Auf dem Dach jedes der Eier zeigte eine weißglühende Schrifttafel den Namen des nächsten Kandidaten an. Ich verweilte ein wenig auf der Haupttreppe und blickte erwartungsvoll auf die zwölf Eier der Arena. Jetzt wurde mein Name geschaltet.
Ich galoppierte die Stufen hinab. Verständnislos glotzte die Meute über meinen unverzüglichen Aufruf. Tiefes brummen und fluchen schallte an mir vorbei.
Vor der Tür meiner Zukunft wartete ich noch einige Sekunden, bis das Drehschild sich im Türblatt von Haltein auf Herein drehte. Langsam trat ich ein und schloss die Tür angemessen leise. Als erstes fielen mir die Glasballons mit öligen Flüssigkeiten auf, welche in Schwenkvorrichtungen von den Decken hingen. Nur sehr kurz wunderte ich mich darüber, denn der strenge Blick der Person am Ende des Raumes zog jeden zur Pflicht. Respektvoll schritt ich zum Ausgabetresen. Nur eine rechts stehende Truhe bremste mich noch einmal aus. Sie war geöffnet, kunstvoll beschlagen und in ihr pulsierte ein pumpender Kreislauf verschiedenfarbige Flüssigkeiten durch gläserne Röhrchen. Diese ständige Wanderung der Säfte faszinierte mich so lange, bis der schlagende Blick mir wieder lautstark gewahr wurde. Nach schnellem Lauf stand ich nun vor dem breiten Ausgabetresen, hinter dem mich ein durchfurchtes Gesicht fordernd ansprach:
„Zepter! Ausweis! Rüstzeugnis!
Und nur in dieser Reihenfolge!
Ich bin ihr Schlüssler!
Das das mal klar iss, ohne mich läuft hier gar nichts!
Klar?“
„Klar.“
„Gut! Na dann, mal sehen.“
Mein Schlüssler musterte alle Utensilien gewissenhaft.
„Ja, gut, klar, ... na das iss logisch!“
Das Zepter hielt er vor eine grünliche Strahlenquelle unter dem Tresen und begann mit zusammengekniffenen Augenschlitzen darin zu lesen. Genervt schüttelte er den Kopf, las, und schüttelte wieder. Energischer als Sergeant Speerschneider dies tat.
„So Herrrrähh ... Ohrenkriecher namens Gody Spitzer , ... stimmt das, Hä?!“
„Nein.“
„Häh?!“
„Bader, Herr Schlüssler, Bader werd’ ich sein!“
„Was, Häääh!!!“
„Bäh!“
„SCHNAUTZE! –
Dann wolln wir sie mal der Behandlung unterziehn.“
Mit gerunzelter Stirn und stechendem Blick gab er mir alles zurück.
In feurigem Eifer betätigte er nun einen in die Tresenplatte eingearbeiteten Schlüsseltaster. Hinter dem Tresen kletterte ein Kanister nach oben durch die Deckenluke. Stolz funkelnde Augenpaare blickten mich an. Gewiss, der Schlüssler war von seiner Macht besessen. Die Luke verschloss sich wieder und das eiserne Summen der Führungsschiene blieb uns als einzige Unterhaltung. Aufgestemmte Arme, verzerrte Mundwinkel und ineinandergeworfene Brauen stießen mir Hass, umpanzert mit kleingeistiger Eitelkeit entgegen.
„Nun ..., Herr Schlüssler. So wie es aussieht, sind sie in ihrem Beruf einer der gründlichsten.“
Der Schlüssler wackelte sprungbereit mit den Nasenflügeln und schwieg.
So kochten wir noch eine lange Minute dahin, während sich zum stechenden Gestank der Tinkturen noch leis ziehende Verdauungsgerüche hinzu gesellten.
„Ach, wohl sein, mein Schlüssler! – Trotzdem wüsste ich doch zu gern ihren Namen.“
Seine Schiene vibrierte tief durch den Raum und verklang. Ohne den Kampfblick abzuwenden, zog er langsam ein Mikrofon vor seine Lippen und begann etwas unhörbares hineinzuflüstern. Dann klinkte er es wieder ein, wartete, starrte, schnäuzte, leckte sich die aufgesprungenen Lippen nass und fuhr seine dicken Finger wieder über den Schlüsseltaster. Vergnügt sang uns die Schiene ein neues Lied saalabwärts. Meine zukünftigen Instrumente einfahrend klapperte sie in bester Laune. Als der Kanister unten absetzte kehrte noch einmal Stille ein. Der Schlüssler blickte bedrohlich.
„Das iss hier keine Schießbude, Junge! Ich kann dich noch auffliegen lassen ..., wenn ich will!“
So senkte ich beschämt den Blick. Dies sollte sein Machtgefühl stärken.
Aus der Sendung zog er langsam den Instrumentenkoffer heraus. Dieser strahlte mich mit seinem starken, hellbraunen Leder regelrecht an. Der Schlüssler öffnete ihn sogleich. Dies kam eher einem entfalten gleich, denn wenn Deckel und Seitenwände aufgeklappt waren, stellte sich der Koffer als geräumiges Schränkchen auf. Die mit dunkelbraunen Samt ausgeschlagenen Etuis, Fächer und Kassetten positionierten sich in einer logischen Bedienreihenfolge.
Nach Systematik sprangen einem die Instrumente entgegen. Seitlich rollte sich eine abnehmbare blaue Matte aus, welche leere Senkfächer mit Schnappverschlüssen enthielt.
Der Schlüssler packte die Instrumente aus, legte sie in die Fächer der Matte und predigte dazu beschwörend:
„Ohrlanzetten, Hohlglastupfer, Augennäpfe, Bogenpipetten, Nasenbalg, Steinzieher, Schleimschieber, Rachengaser, Handsprinkler, Rückenzerstäuber, Filzknollen, Seidenpanthullen, Mundspatel, Maulhaken, Mundspiegel, Rachenspreizer, Lippenfalter, Sequenzierer, Inkubator, fünfzehner Gleitwurm, achter Gleitwurm, teleskopische Windeschlange ...“
Der Schlüssler schwoll blau an, keuchte, machte aber konzentriert weiter.
„... Augenhäkchen, Augenspiegel, Hammernadel, Spülabsorber, Schichtfräse, Mandelschlinge, Lanzette, Punktierer, Andrucklöffel, Klemme, Stanze, Beutel, Zange, Trieb und Öse.
–
Das sind die siebenunddreißig Knebel, deine Grundausstattung. Den Gerätekoffer für Spezialanwendungen bekommst du von mir noch nachgeschickt.“ Es dauerte bis er jedes Instrument sorgsam aus den Etuis nahm und andachtsvoll vor mir aufbahrte. Jede seiner Bewegungen wurde mit solch Gefühl und Präzision durchgeführt, dass es ihn selbst in den Schein des Bekehrenden stellte.
Sein Gesicht erfuhr dabei eine Entspannung, welche einer plötzlichen Verjüngung gleich kam. Ich schämte mich jetzt über meine lästernden Anspielungen, denn er nahm seine Berufung tatsächlich sehr ernst.
Ihm kam es auf den Kern seiner Profession an. Nur das lästige, bürokratische Drumherum behandelte er mit der entsprechenden Respektlosigkeit. So verstand er es dem gegenüber, den Akt der Übergabe für mich zur Empfängnis auszugestalten. Als alle Instrumente ausgebreitet waren und sie sich ihrer Funktion und Größe nach ästhetisch ausgerichtet hatten, empfand ich tatsächlich das erste mal ein Gefühl der Weihe. Es war ein edles Besteck. Perlmutschäfte mit Goldfassungen blitzten trocken und rein. Messing, Chrom und Glas funkelten gespannt auf ihre Zukunft. Wie gepriesene Heilige lagen sie in der weichen Matte aus königsblauem Pannesamt. Jedes Werkzeug hatte darin sein eigenes gepolstertes Häuschen. Diese verschließbaren Täschchen waren so angeordnet, dass man bei entsprechender Faltreihenfolge ein ergonomisches Werkzeugwickel erhielt.
Die praktischen Gurte halfen, es um die Hüfte zu schnallen. Somit ließ es sich leichter aus dem Bauch heraus arbeiten. Dies alles wurde mir emsig vom Schlüssler mehrmals demonstriert. Es war leicht zu erlernen, wie die vielen Instrumente den entsprechenden Futteralen zuzuordnen sind. Die Formen der Instrumente waren in den Futteralen ausgeprägt. Die Faltung des Wickels war schwieriger einzuprägen. Es gab nur eine einzige Reihenfolge, mit der man alle Futterale sicher arretieren konnte und das angeschnallte Wickel seine sinnvolle Zugriffspraxis erfüllte. Der lederne Koffer hatte jedoch wieder sein eigenes System zur Positionierung der Instrumente.
„Sieh her und begreife! Das wird jetzt das berühmte Knebelrätsel.“, mahnte der Schlüssler und eignete mir auch dieses langsam an.
Geduldig zeigte mir der Meister das Einsetzten der 37 Einzelindividuen in Koffer und Wickel. Dann wieder mehrmals das geordnete verschränken der Etuis in diese. Ich versuchte mich irgendwie dankbar zu zeigen, auch um die vorangegangenen Patzer auszubügeln:
„Ihre Geschicklichkeit lässt einen Meister dahinter erkennen.“
Elektrisiert blickte er mir tief ins Gesicht. Seine Augen wurden plötzlich feucht und das Kinn fing an zu zittern. Lautlos stieg er nun in den gelb schimmernden Hinterraum hinab. Verlassene Stille ließ mich entspannen und neugierig umsehen. Ein eigenartiger Raumeindruck drängte sich mir auf. Das ovale Schiff war indirekt beleuchtet. Durch die milchige Deckentäfelung lief weißes Licht die Wände hinab. Diese waren durchgehend mit Regalen verbaut. Die linke Seite hatte offene Fächer, in denen die defekten Instrumente mit deren Einsatzgeschichten lagerten. Schwere Tresore waren an der rechten Wand abgestellt. Ihre massiven Stellräder blinkten in weichen Halbtönen elektronisch verschlüsselte Lichtsignale in den Raum. Dieser Rhythmus wurde von den aufschlagenden Sohlen des Schlüsslers aufgenommen. Dort wo der ölige Zeugwart verschwunden war, trat jetzt ein leuchtender Weihpriester heraus.
In eine weiß glänzende Robe gekleidet, erschien er nun vollständig verwandelt aus einer strahlenden Dimension. So feierlich wie er die Stufen hinauf strömte, hielt nur die silberne Siegelkette um seinen Hals ihn als einzig noch verbleibende weltliche Masse auf den Boden zurück. Sie verhinderte, dass er nicht als gasförmiges Medium entwich. Bis er endlich vor mir zur Ruhe kam, klirrte das Gehänge schwer auf seiner Brust. Die kelchartige Lederkappe auf seinem Kopf, ein großes Wedel zur Linken und mein Zepter zur Rechten machten ihn zum Zunftmeister. Wir beide standen uns jetzt vor dem Tresen gegenüber und die eindeutige Symbolik der Wappen auf seiner Schärpe bestätigten meine Bestimmung.
„Nun werde ich weihen. Dich und Es.“
Die Tresore summten in Resonanz mit den Schwingungen seiner schweren Stimme. Obwohl es keinerlei Anlass dazu gab, zwang mich sein Schein in die Kniee. Verständnisvoll blickte er auf mich herab. Er schwenkte jetzt das Wedel über mich und die Instrumente. Es war ein schwarzer Schweif, welcher einen tierischen Geruch um sich verströmte.
„So werde eins mit deiner Klientel und schöpfe aus der Reinheit klaren Saft.“
Er schlug jetzt mehrmals den Schweif auf mein Haupt, bis er ihn auf meinem Scheitel ablegte und das dicke Haar meinen ganzen Kopf wie eine Kapuze umschloss.
Es klopfte und wir beide schreckten auf. Durch die Eingangstür schob sich ein zerzauster Kopf. Sein Hals wurde immer länger und man erkannte die rot glänzenden Schlangenlinien an seinem breiten Uniformkragen.
Es war ein äußerst verzweifelter Gastrator.
„Herr Schlüssler! Sehn sie diese Sauerei!?
–
Meine Zunge hat sich schon nach zwei Sitzungen verzogen und verkrampft.“
Er hielt jetzt sein defektes Werkzeug hoch ausgestreckt in den Raum. An einem Handkolben mit verschiedenen Steuerhebeln hing eine schleimige, lange Silikonzunge. Sie rollte sich auf dem Boden aus, wälzte sich in ständiger Konvulsion und fiel in zappelndes Zittern.
„So kann ich doch nicht arbeiten! Meine Kunden erleiden noch innere Verletzungen!“
Fassungslos blickte ich durch meine aufgesetzte Haargardine, dem Schlüssler rutschte die Kappe derb aufs Nasenbein, dem Gastrator klappte der Kiefer weit auf. Er begriff sofort und entfernte sich ehrfurchtsvoll. Seine Zunge klatschte noch wehrhaft gegen das Türblatt, wurde aber erbarmungslos aus dem Raum gezerrt.
Verdutzt zog der Schlüssler sich die Kappe zurecht und mir den Skalp ab.
„Jetzt, BAAAHHHDER . . . , zeige dich der Weihe würdig!“
Er stampfte um den Tresen, packte sorgsam ein letztes mal die geweihten Instrumente in den Koffer, übergab ihn mir mit dem Zepter und wies mir den Weg nach draußen.
Als ich benommen am Türknauf zerrte rief er laut und streng:
„HALT! GODY! HALT!
Du hast die Öle vergessen!“
Zielgerichtet drehte er sich schnell zu einem der Tresore, drehte schnurrend das Stellrad, öffnete fauchend die Tür, holte einen großes Zylindergefäß hervor und übergab es mir.
„DIE ÖLTROMMEL!
Heute nennt man sie Tinkturzylinder.
Du kennst die Anwendung der Rezepte und Tinkturen?
Gut, dann mach dich an die Arbeit!“
Ein letztes mal sah ich ihn mit gefalteten Händen und zusammengepressten Lippen. Sorgenvoll nickend gab er mir zu verstehen:
„So unbefangen möcht’ ich noch mal sein.“
Die schmiedeeiserne Treppe geleitete mich den Weg hinab. Viele der Berufenen holte ich dabei ein. Sie wurden ständig vom ausprobieren oder untersuchen ihrer Werkzeuge aufgehalten.
Ein Lizenzierter war von der Zeremonie so erschöpft, dass er auf den Stufen zusammen sank und sich zweifelnd das von Scharnieren und Drähten überzogene Werkzeugpaar ansah. Er blickte unsicher auf seine neuen Hände. Da er sie noch nicht so recht zu handhaben verstand, schnupperte er neugierig an ihnen. Mit diesen Instrumenten war er jetzt endlich Kanaljäger. Ein angesehener Beruf. Wenn auch manchmal etwas schmutzig im Zugriff. Doch wusste man seine Klauen zu pflegen, behielten sie ihre Schnelligkeit. An diesen tummelten sich nun zwanzig Finger je Hand. Die fünfzig Zentimeter langen, dünnen, flexiblen und äußerst selbständig tastenden Flexoschläuche machten ihm zu schaffen. Sie zerrten wie Spürhunde an den Gelenken und schlängelten sich schon jetzt in jede Ritze der Mauer. Mit diesem Gewürm sollte er nun das Kanalsystem nach Steinbohrern absuchen. Die Mineralien fressenden Insekten waren eine Plage Pappstadts. Aber solch ein noch etwas mit sich hadernder Held, bewahrte, innerhalb einer großen Schar von Kanaljägern, Pappstadt vor dem fundamentalen Zusammenbruch. Ein großes Pumprohr auf seinem Rücken saugte die Beute ein.
Weiter unten hatte sich ein Kolorist mit einer Atmosphärin gefunden. Sie debattierten hysterisch über die Verträglichkeit ihrer Kompositionen.
„Non, Non, Non!!
Ein Morgenblau kann nur in einem Wiesenduft seine volle Wirkung entfalten!“
„Wenn sie es sagen.
– Pfft, Pfft, ... pfffffff –
Wohl an, langsam inhalieren und nun bitte, ihr Eindruck.“
Nachdem die Atmosphärin ihr Wiesenbukett auf den Farbfleck des Koloristen gesprüht hatte, wedelte dieser sich sinnlich geziert die Aromen zu und starrte verklärt auf das Morgenblau. Er runzelte aber bald darauf angewidert die Stirn.
„Ja passt das denn? Wie sag ich’s nur? Da stimmt was nicht!“
„Ich sags doch, Kaffbeere ..., Kaffbeere harmoniert. Kontraste schaffen, bitteschön!“, argumentierte die Atmosphärin bestimmend und nebelte sogleich den herben Duft der Kaffbeere darüber.
„KAFFBEEERE???!!! SOLL DAS KAFFBEERE SEIN?!“, schüttelte es den Koloristen.
In kreativer Ekstase kolorierten und bedufteten nun beide die Gewölbesäulen.
Sie wussten, dass sie niemals wieder so nah zusammenarbeiten würden.
Der Kolorist hatte die Pflicht, Objekte in chromatische Abwechslung zu tauchen. Die Atmosphärin dagegen bestäubte erst viel später und verwandelte ganze Gebäude in frische Geruchsoasen. Obwohl sie zusammen die ideale Besetzung gewesen wären, durften sich beide im späteren Berufsleben nie mehr begegnen.
Ihre unterhaltsamen Debatten hörte ich noch lange durch den Untergrund schallen: „So! Da passt jetzt mein Duft von feuchtem Marschland auf ihr Sattgrün!“
„Na aber, ... stinkt doch eher nach ... Sumpf! Das schreit doch nach Fettbraun.“
„ICH SAGTE, ES IST MARSCH ...!“
„Unsinn …, riech doch mal von weitem! Fauliger Sumpf! SUHUMPF!
„Na gut. Aber schon mal Jasmin mit Mimose auf ein zartes Rosé ausprobiert?“
„JETZT REICHTS ABER!
Ja ..., doch …, warum eigentlich nicht ..., sprüh’s noch mal drauf ...“
Langsam verloren sich alle frisch berufenen in den Gängen und Schluchten der Stadionunterkellerung. Es war ein schäbiger Abgang für solch ein bedeutendes Ereignis. Allenthalben markierte es mal wieder die Scheinheiligkeit unserer Kastengesellschaft. Das Bewusstsein künstlich angehoben, die reale Stellung aber ganz unten. Die meisten Berufenen gingen dieser Lüge zumindest die ersten Jahre auf dem Leim. Des Baders privilegiertere Stellung machte das Dasein erträglicher. ’Verdammt! Hatte ich mich verlaufen?’
Das Licht wurde immer spärlicher, die Decken niedriger und die Luft stickiger. Es roch nach Kanalisation. Ich drehte mich ein paar mal um die eigene Achse, blickte aber nur in schwarze Gänge. Je tiefer und länger ich hineinstarrte, desto häufiger huschten dunkelgraue Schatten vor meinen Augen umher.
Mutig durchschritt ich eine dieser langen Zellen, da ich am Ende eine warme Strömung spürte. In der Mitte des Raumes blieb ich stehen. Etwas begleitete mich. So schien es. Ich lauschte, glaubte es schnüffeln zu hören.
„Hallo? Sind sie es, Frau Atmosphärin? Hallo?“
Ich ging in die Knie, setzte den Tinkturzylinder ab und streckte einen Arm in die Dunkelheit. An meinen Fingerspitzen spürte ich die kalte feuchte Mauer. Aber diese zog sich plötzlich rasch zurück. Geschockt sprang ich hoch und stieß dabei etwas weiches an.
Hastig griff ich nach dem Tinkturzylinder. Er war verschwunden. Gebückt tastete ich mich durch die Finsternis. Im Nacken spürte ich kurze kalte Luftstöße. Die Fingerkuppen simulierten fortwährend das gerade ertastete, glitschige Gefühl. Endlich packte ich zitternd den Zylinder, richtete mich auf und versuchte mich zu sammeln. Mutig besann ich mich auf meine neue Stellung.
‚War ich doch jetzt wer, hatte einen Platz gefunden!’
Etwas lief mir über meine Schuhe. Dieser letzte Schreck half mir, schnell den Ausgang zu ertasten. Ich kroch hinaus aus dem Verließ.
Auf einer breiten Tunnelstraße führte mich das grelle Tageslicht nach oben. Dunkle Schatten schienen mir zu folgen. Ungeduldig schoben sie mich aufwärts. Ich drehte mich nach ihnen um, wartete und lauschte. Als ich sie in Ruhe liegen ließ, stöhnten die Gewölbe auf.
Auf meinem Heimweg dachte ich noch lange an die rätselhaft unterirdischen Geheimnisse. Doch viel stärker stiegen die Bilder der Weihe auf. Die funkelnden Instrumente und strahlenden Erscheinung durchliefen mich wie ein kribbelnder Rausch. In mir füllte sich ein Lächeln auf, das sich unaufhaltsam in das neue Leben drängte. Alles strömte langsam auf mich zu und verstärkte sich.
Schritt für Schritt erhob ich mich auf den Thron meiner Zukunft.
Auf die Familie musste ich nun wie ein anderer Mensch wirken.
Bei diesem Gedanken stand ich schon im Treppenhaus. Zäh sickerte der schwere Duft des Holzöles in mich ein. Wie ein Wasserspiel plätscherte dagegen das Licht aus den hohen Etagenfenstern über die welligen Reliefs der Treppenhauswände. Die Stuckgestalten warfen ein tanzendes Schattentheater hinter ihre Schultern. Beim Aufstieg zerriss ich schimmernde Sonnenspiele, welche durch Balustrade und Geländersäulen einen weiten Strahlenfächer aufspannten.
Selbst dieses, meist faulig finstere Loch vermochte es manchmal sich zu schminken. Auch die meterhohen Etagenfenster strahlten heute sauberer. Erhellt auch durch das lange Echo meiner Stimmung. Auf jeder Etage blickte ich hinaus. Leider nur auf die gegenüberliegende Werbefläche. Denn jedes Etagenfenster offenbarte eine andere Sicht auf die kommenden Springspiele. Lange, bedruckte Planen waren auf das Nachbargebäude gespannt. Während im Erdgeschoss der Startschuss fiel und die Athleten sich erhoben, wurden es von Etage zu Etage weniger Wettkämpfer. Bald waren es nur noch zwei, die sich den Hügel hinauf kämpften. Im siebten Stock war es dann soweit. Die hausgroße Werbeflagge erstrecke sich weit über die gesamte Fensterhöhe. Der Sieger sprang mit Pokal und ausgestreckten Armen in die Tiefe. Das Fenster war hier oben weit geöffnet. Mich fesselte der Kitsch der Szene und das gelöste Lächeln des Champions. Stechende Farben und schlagende Planen durchsiebten meine Wahrnehmung. Das Treppenhaus war jetzt ein Prisma der Darstellung.
Die Erinnerung trieb mir die objektive Wahrnehmung aus und ein starker Luftstrom schlug mir plötzlich um den Kopf.
Die schwere Haustür schlug auf. Es wurde kalt und zügig.
–
Beide lauschten konzentriert.
–
Gody, der noch irgendwas erwartete, und das Wesen tief im Flur. Es machte sein voranschreiten von weiteren Geräuschen Godys abhängig.
Mit eingezogenem Nacken und hochgezwirbelter Stirn hielt es sich wie ein erstarrtes Chamäleon an der Haustür fest. Seine Augen kreisten wild und die Zunge war weit ausgefahren. Nach einigen Sekunden der Witterung zog sich der Schatten in eine geduckte Position zurück. Nur das scharfe Kritzeln seines Schreibers flog jetzt auf der zart pfeifenden Böe nach oben. Noch einmal streckte es den Hals nach vorn, röchelte durch die Öffnungen, schob die Notizen langsam wieder ein. Lautlos rollte es sich zurück und schlug die Tür beim Rückzug kräftig zu.
Zur Analyse spulte Gody die Sequenz nochmal zurück:
Als die Tür noch offen stand, trug der Luftzug permanent einen starken Geruch hinauf durch die Spiralen des Treppenhauses. Godys Gedächtnis wurde von einem aggressiven, in den Duft geschriebenen Erinnerungsreiz malträtiert.
Blühende Seerosen? Faulendes Heu?
Ganz sicher kein Aroma von der Straße oder aus dem Haus. Als er versuchte tiefer einzudringen, schlug die Tür zurück ins Schloss.
Die Duftschlingen legten sich. Ihnen folgte ein beruhigender, heimischer Geruchsteppich. Der ließ ihn erkennen, wie die Illusion ihm wieder einmal mit gespielt hatte. Ein geliebtes Kichern hüllte ihn wieder in klare Realität. Gody schlich sich flink und geduckt zur schlitzbreit geöffneten Wohnungstür. Ein helles Kreischen folgte darauf.
Das kleine weiße Kindsgesicht aus dem es heraus sprudelte, hatte ihn schon seit einiger Zeit beobachtet. Jetzt verschwand es wieder in der Dunkelheit und man vernahm nur ein leises gedämpftes Kickern. Kurz darauf blickte es mit seinen sternklaren Augen wieder neugierig hervor, erschrak aber diesmal sehr laut, da sich Gody in der Zwischenzeit schon bis an die Schwelle genähert hatte.
Schnell zog es sein Köpfchen abermals zurück. Es wollte gesucht, entdeckt und, nach dem erregten trappeln der Füßchen zu urteilen, auch gejagt werden.
Sein achtjähriger Sohn Louis war der strahlende Prinz inmitten der finsteren Wohnbatterie.
Quirlig entzückt rannte er durch den Flur. Sicher versteckte er sich wieder hinter seinem Vorhang. Voller Überraschungsdrang schloss Gody die Wohnungstür und tastete sich den Schlauch entlang zur Küche. Dieser Korridor war lang und dunkel. Man lief auf den warmen Lichtpunkt am Ende des Tunnels zu. Die Beleuchtung war häufig ausgeschaltet, da Lou hier die Passanten gern aus der Finsternis heraus erschreckte. Genau dort, wo über dem Kücheneingang Luftmine Lara hing. Ein tief hängendes, steinernes Abflussrohr. Bei Dunkelheit war es vollkommen unsichtbar. Unwissende Gäste rannten sich hier regelmäßig den Schädel ein. Danach gluckste Lara beseelt. Bei besonders hässlichem Besuch, wie dem des ranzigen Gebühreneinziehers, des schnüffelnden Zustandsagenten oder des räuspernden Flächenmaklers, legte Lou mit großem Vergnügen den Lichtschalter im entsprechenden Moment um.
Alle Freunde der Spitzers verneigten sich vor Lara mit einem schnellen Torkeln ihres Kopfes. So als ob bei ihnen ein Holzkreisel zwischen den Schultern tanzte.
Obwohl die Wände und Gänge der Wohnung sich bei der Aushärtung des Gebäudes vollkommen verzogen hatten, ließ sich Gody gerne von der Gemütlichkeit der Grotte umgarnen. Die aufgehangenen Kräuter raschelten beim vorüberziehen aneinander. Man hatte ständig einen intensiv duftenden Zauberwald um sich. Die hergestellten Marionetten seiner Frau Sonnhell marschierten märchenhaft selbstständig unter ihren Aufhängungen. Sie beschützen die Abstellnischen. Deren Eingänge waren mit bunten Wandteppichen verhangen und wurden von einem geheimnisvollen Lichtschein umrahmt. So bewahrten sie die Hoffnung auf dahinter liegende Prunksalons. Lou hatte die Mauereinlässe nach seiner blühenden Fantasie gestaltet. Sie endeten an massiven Geheimtüren aus Pappmaché, vor denen leuchtende Hexenhäuschen auf Öffnungsformeln warteten. Hier packte sich Gody das zappelnde Paket. Vater und Sohn hatten sich jetzt bis zur Küchenschwelle angeschlichen und betrachteten begeistert Mutters flinke Hände.
Sonnhells grüne Augen lenkten schnelle Griffe. Ihr braunes welliges Haar war locker nach hinten gebunden. Nur eine kurze Strähne wellte über den präzise geführten Werkzeugen hin und her. Ihr rotwangiges Antlitz strahlte über den Tisch und ihr winzig dünner Mund kräuselte sich von der Konzentration.
Sonnhell konnte immer sehr tief in ihrer Aufgabe versinken. Sie war Statuettin.
Die kleinen Figuren wurden von ihr aus Ton, Teig oder Holz gefertigt. Ob Ikonen oder Sagengestalten, jedes ihrer Werke war ein plastisches Meisterstück in Detail und Charakter. Ebensoviel Expression legte sie in die Bemalung ihrer fertigen Stücke. Wenn die Welt um sie vollständig von ihrer Hingabe verschlungen wurde, fing sie an zu Pfeifen, wie jetzt. Die beiden Männer hockten sich nieder und lauschten der Amsel wie zwei Kitze im Unterholz.
Mit einigen Schwierigkeiten hatte Sonn ihre kleine Werkstatt gerade noch in die enge Küche einsetzen können. Um zwischen Herd, Essecke, Anrichte, Waschzeile und Speiseschrank zu dritt zu frequentieren, wurden dem Einzelnen schon manche Pirouette abverlangt. Lou betanzte die Bühne selbstverständlich meisterhaft. Alles war der kugelrunden Architektur des Raumes entsprechend angepasst. Es gab keine eckigen Kanten oder gerade Linien. Die Essfurche schwang sich wie eine Welle um alle drei Bäuche. Hinaus und Hinein gelangte man nur rutschend. Zu Speiseschrank und Anrichte glitt man auf einer hölzernen Parabel, an der Säcke, Tücher, Würste, kleine Regale und am Auslauf sogar noch die ovale Werkbank befestigt waren.
Der Gasherd mit der abschwenkbaren Heizplatte befand sich unter dem einzigen Fenster der Wohnung. Durch Godys Berufsprivilegien hatten die Spitzers eine Außenwohnung erhalten und somit den Luxus einer gewissen Aussicht.
Lou kletterte mit Vorliebe hinein, legte sich auf die tiefe Fensterbank und spuckte auf die Straße.
Obwohl so eng, war es doch ein gemütliches Biotop, auf dem die Liebe und die Wärme dreier Überlebenskünstler weidete. Vom Schlauch ging noch das ebenso kugelige Schlafzimmer ab. So entsprach die gesamte Wohnung einem langhalsigen Doppelkolben oder einer Lunge. Sie kochten und hockten darin wie in einer Destillationsanordnung, waren jedoch sogleich auch die Lamellen durch die das ganze Haus atmete.
Hier in Pappstadt wurden diese Wohnzellen noch unter Hochdruck im Schnellgussverfahren durchgepresst. Der federleichte Hartschaum wurde in ein Gerüst von vierhundert Metern Kantenlänge geschäumt. Kurz vor dem erstarren wurden dann die Wohnzellen ausgeblasen. Übrig blieb ein schwammartiger Würfel. Hunderte von geräumigen Hohlräumen boten gleich tausend Familien einen individuellen Unterschlupf. Die Treppenhäuser wurden nachträglich hinein gefräst und erhielten meist eine klassische Architektur mit Materialien aus Holz und Gips. Dies hob das Befinden der Allgemeinheit und gab ihr ein Gefühl von stilvollem Wohlstand.
Dagegen wandelten die Eminenzen in Glinder schon in halbtransparenten, schneckenhausartigen Spiralkommunen. Aber dort war das auch möglich. Glinder weitete sich als die progressive, ruhige und saubere Hochstadt. Die Residenz der Ratsherren und Unternehmer. Von Glinder gab es auch eine direkte Schnellanbindung zum größten Erholungsgebiet. Der direkt am Meer liegenden Kurstadt Timbal. Umgeben von den weiten timbalischen Wäldern, welche bis an die timbalischen Klippen heran wuchsen, war diese Gegend ein letztes, ur-natürlich menschenarmes Jenseits. Hier in Pappstadt war indes der Vortrieb an Mensch und Maschine noch so stark, dass es trivialer Pressmethoden bedurfte.
So waren es die Spitzers gewohnt, sich in die Nischen zu stopfen. Auch wie die beiden versteckten, die sich jetzt einen Überraschungsplan im Hinterhalt austüftelten.
Lou enttarnte sich kreischend, als er voller Entzücken den Instrumentenkoffer an seinem Vater entdeckte. Sofort entriss er ihn Gody, um damit jauchzend und hüpfend durch die Küche zu wirbeln.
Sonn erschrak entsetzlich und schlug im Affekt gleich zwei Köpfe ihrer Drachenskulptur ab. Lou trompetete:
„Jaaaa, JAAAA, Hurraaaaa ..., Ä – Ä – Ä – Ä – IE – O – IE – O Jippie Joooh, er hat es geschafft! He Mama, er gehört jetzt dazu, er ist jetzt einer von ihnen.“
„Ach ihr! – Aber mich deshalb so zu erschrecken?!“
Lou und Sonn umarmten jetzt ihren Papa mit kräftiger Liebe. Sofort wurde ein kleines Festmahl zubereitet und die Küche in feierliche Atmosphäre eingedeckt. Gody wurde noch einmal durch die Szenarien seiner Weihung geschickt. Weit geöffnete Augen und Münder durchfragten und bestaunten ihn.
„... und Sergeant Speerschneider öffnete seine Kristallvitrine, in der nur ein einziges Zepter auf weißem Seidenkissen lag. Mit lauten Gesängen schwenkte er das Zunft-Zepter über meinem Haupt, bevor er es mir mit einem Handkuss feierlich überreichte.
Ach und der alte klapprige Schlüssler, der erst. Der war ja so gerührt, als ich ihm an seiner Stelle die Einordnung der Instrumente schon so routiniert demonstrieren konnte. Das sprach sich sofort herum. Denn als ich wieder den Zeugsaal in voller Ausrüstung betrat, bejubelte und bedrängte mich das gesamte Publikum.“
Seine Ausführungen wurden von Kopfschütteln, Händeklatschen und am Ende von einem herzhaftem Lachen aufgenommen.
„Hach – war das ein Tag“, schloss Gody mit langem Seufzer durch die Schwingen seiner Stimmbänder.
–
„Na so eine Traumgeschichte hab ich ja noch nie gehört!“
Sonnhell knüpfte auf diese Weise wieder nüchtern an die wesentlichen Dinge des Lebens an, erhob sich und machte sich an das Würzen der Nesselsuppe.
„Komisch, Cecil hat mir ihre Weihe als Händlerin vollkommen anders geschildert.
Zu ihren Instrumenten brauchte sie noch mehrmalige Konsultationen und die Zeremonie war doch eher chaotisch als feierlich.“
„Verständlich ...“, rief Gody jetzt langgezogen, während er seinen Blick überheblich zur Zimmerdecke hob.
„Cecil hat ja als Händlerin wohl eher die einfältige Schule des zupackens durchlaufen. Oder?“
„Handmassagen erfrischen den Geist und steigern die Sensibilität. Dazu bedarf es weit mehr als nur Putztupfer.“
Sonnhells Schelle saß. Gody wurde von seiner Wolke heruntergerissen.
Gegen Cecil, Sonnhells bester Freundin, durfte man nichts sagen. Sie war eine reizende Persönlichkeit und erfüllte ihren Beruf mit vollster Hingabe. Auch er hatte sich von ihr mehrmals die Hände massieren lassen, noch lang bevor er beschloss Bader zu werden. Die Geschicklichkeit mit der sie vorging hatte fast musikalische Anleihen. Mit Nadeln, Knollen, Hämmerchen und Elektrostimulatoren setzte sie die Muskelbündel, Sehnen und Nerven wie ein weichklingendes Klavier Saite für Saite in Klang. So ließ sie die Dissonanzen im gesamten Nervensystem sanft ausschwingen. Vom ersten Augenblick der Begegnung öffnete man sich ihrer warmen Ausstrahlung bereitwillig.
Er gab es vor Sonnhell nicht gern zu, bemerkte aber, dass ihre Berufe sehr viel gemeinsam hatten. Gody hielt die Sinnesorgane frei und Cecil, mit ihrer Fähigkeit darin einzudringen, die Seele des Patienten. Sah man den Menschen nur als Gehirn, anhängig seiner Fortsätze, waren beide Therapeuten unabdingbar.
Sonnhell und Gody diskutierten immer noch gern darüber, ob Cecil der Anlass für seinen Berufswechsel war oder, wie er immer noch behauptete, ein ständig wiederkehrender mystischer Traum. Insgeheim gestand er sich seine Inspiration durch Cecil schon lange ein. Auch die Entflammung für Cecil war ihm ebenso bewusst. Bei jeder Zusammenkunft legte sie mit ihrem durchleuchtenden Blick trockenes Reisig auf seine Glut. Er war sich jedoch uneins, ob dieser Einfluss nicht gezielt von ihr als psychologische Routine angewandt wurde. In vielen Seelberufen war es üblich, mit emphatischen Falltüren zu arbeiten.
„Lou! Jetzt nimm den Koffer vom Tisch und iss!“
Sein zehn Fingerchen starker Spähtrupp bohrte sich schon durch alle Schlösser.
Mit gepresstem Lächeln stellte er fest: ’Das ist ein Spielverderber!’
Lous Neugier hatte sich deshalb keineswegs festgefahren. Er entdeckte die unverriegelte Rückseite des Koffers, ließ die Verschlüsse springen und breitete den Inhalt auf den Suppentellern aus. Alle halfen mit, das Geheimnis zu lüften.
Es entfaltete sich jene Hymne, die Gody während der gesamten Weihe nicht einmal als kurzen Gedankenblitz anzuklingen gedachte:
Die Uniform!
Und während die Teller laut darunter schlotterten, musste Gody sich jetzt vollständig berufsfein machen. Die ganze Familie stopfte und zerrte an ihm herum, bis er der Verwandlung gemäß als Bader die Küche zur Bühne machte.
Ein stattlicher Husar stand vor ihnen, in weich aufgelegtem, schwarz schimmerndem Anzug. Breite, rotsamtige Revers umschlugen die Ärmel und umschlossen eine aufgestoßene Hemdbrust. Auf dieser Faltenempore prangte ein dick geflochtener, goldener Zopf, der als standesgemäßer Binder sich um den Kragen legte.
Die Taschenschlitze, Schulterstücke, Bandstreifen und Borten flackerten ebenso blutrot den ganzen Rock hinab. Knopfleisten, Laschen und Werkzeugbügel waren mit goldener Litze umflochten. Knöpfe, Koppel und Bügel prangten ebenso gülden. Das Berufssiegel sprang aus einer blauen Rosette auf der rechten Brust. Trotz seiner Eleganz war der Wams doch leger angelegt und bewahrte dem Bader höchstmögliche Bewegungsfreiheit. Gody bewegte sich darin sehr erhaben, ja er fühlte sich darin sogar selbst sehr bequem zugeschnitten und exakt eingepasst. Die glänzende Hülle krönte er mit einem blaurotgoldnem Prachtkäppi. Seine alte Persönlichkeit mochte darunter nun vollends verschwinden.
Der Freigeistblick verschwand, die Mimik nahm die Stellung an.
Selbst noch in seinen Dreißigern stemmte sich das borstige Haar gegen jede Einfassung. Mit seinem unschuldigen Kastanienglanz schob es sich widerspenstig unter dem Käppi hervor. Wütend bürstete es die Stirn, machte sie so noch etwas forscher und den Blick bissiger. Seine hellen Augen, die strenge Nase und der geschwungene Mund waren darunter noch stärker herausziseliert.
„Meine Uniform! Wie konnte ich sie nur vergessen? Was bin ich für ein Träumer?“ Sein verlegener Ausbruch schwang sich zu einem feierlichen Summen auf.
Solch durchpolierte Erscheinung versetzte das Publikum in staunende Starre.
Während der kleine den großen Mann noch lange bestaunte, trug Sonnhell das karge Mahl auf. Noch bevor sie sich setzte, fing sie sich als erste wieder. Dann schnappte sie sich energisch den Koffer, schleuderte dessen breiten Trageriemen um Godys Hals und zog ihn daran wie einen eingefangenen Esel zum Futtertrog.
Dabei rutschte das Prachtkäppi auf sein Nasenbein und machte ein Salto direkt in den Suppentopf.
„Das war Papons gelungenster Stapellauf ...“
Beide trommelten verzückt auf den Tisch, während Gody mit peinlichem Lächeln das Schiffchen wieder trocken legte, indem er daraus kostete.
Auch das Gekicher hielt sich noch lange über Wasser.
„Sag mal ..., hast du den Salznapf im Topf versenkt?“
Sonn reagierte nicht, außer das sie vielleicht etwas mit den Schultern zuckte und ihre nachgiebige Stirn sich leicht wellte. Lou dagegen streckte die Ärmchen zum Himmel und ächzte mit vollem Munde:
„Jawohl Papa, heut’ hab ich mal nachgewürzt! Wir fanden es doch etwas fade!
Möchtest du noch mehr verfeinern?“
Lou reichte ihm den Salznapf. Godys Gesicht zerknitterte und die Augen sprangen ihm heraus. Mutter und Sohn salzten selbstbewusst noch kräftig nach, kicherten sich an und behaupteten, dass Salz lustig mache. Gody wunderte sich verstimmt:
„Bei euch scheint ja der Gaumen verrammelt!“
„Und bei dir ist der Humor schon hoffnungslos verkrustet!“
Bestätigend donnerte Luftmiene Lara ein plumpsendes Geräusch in die Runde.
Schaudernd blickten sich drei Augenpaare an. Kurz darauf brauste heiteres Grölen durch alle Gänge. Nach gurgeln und feixen vertieften sich alle wieder in Brot und Suppe. Lebhaft und ausgedehnt wurde noch über die Erlebnisse Sonns und Lous geredet. Dabei zauberten die winkenden Herdflammen weiche Rotschimmer auf Wangen und Gestirne. Lou glühte förmlich. Er verausgabte sich an langen Themenabrissen, um sein zu Bett gehen hinauszuzögern. Aber wie immer mussten Mama und Papa das zappelige Äffchen an Armen und Beinen packen und unter großem Lamento in die Kissen bugsieren. Er wusste, dass heute Klub-Nacht war und er in finsterer Einsamkeit keinen Schlaf finden würde. Den beiden konnte man die kindischen Klubbesuche einfach nicht verderben. Zudem wusste Lou schon von Sonn, dass Tisi, seine Hausfreundin, heute nicht bei ihm schlafen würde. Angeblich zur Entwöhnung von einander. Beide sollten lernen, auch mit Einsamkeit umzugehen.
Als Entschädigung bestand er auf seinen süßen Gewürztee, direkt neben dem Bett aufgestellt. Er bekam ihn unaufgefordert, denn ohne Tisi oder Eltern fand seine quirlige Seele nur durch diesen Schlaftrunk kissentiefe Schwere.
Die Drei kuschelten tröstend ihre Köpfe zusammen. Danach verabschiedeten sie sich unter Tränen von ihrem Sohn. Verließen turbulent Zimmer, Wohnung, Haus, um für die Nacht in Klängen zu versinken.
Schon als sie sich in die straffen Winde warfen, hob sich sein kleines Mündlein zu einem letzten Gähnen vor dem schwinden.
Und die Gedanken gaben nach, den Schleiern die durch’s Hause blähten.
Durch alle Schlösser flog jetzt Lou, auf jedes Zimmer neigte er den Blick.
Sah dicke Bäuche wimmern, wie Kinder um die Tische wetzten, ein Herr der zitternd bunte Scheine zählte und sie in schwere Bücher legte, zwei Frauen, die sich um den Zentimeter stritten, ein kleiner Hund der Füße leckte, ein Wandelnder schlug mit dem Kopf gleich an die Wand, ein Paar, dass sich mit Messern gegenüber stand.
Lous schwerer Atmen wurde leicht und leis’, und sang ihn ins verjüngende Vergessen.
Im verrußten Schlupfloch verharrte das Chamäleon, Doktor Delfius Look.
Steif hielt er seine Stellung und gab, wenn er denn sichtbar gewesen wäre, eine schaurige Erscheinung ab. Seine Schuhe und Hosen bildeten die eingeschworene Gemeinschaft aus ausgebeult, abgedroschenem Material.
Ein dunkelroter, dick ausgepolsterter Stutzer aus glänzendem Cord war vielleicht sein einzig elegantes Kleidungsstück, was ihn als Kupplung in der Gemeinschaft hielt. Denn das übrige Bild Doktor Looks war von isolierender Gestalt.
Sein langer Kopf reckte sich auf stelzigem Halse weit hinauf. Kehlkopf und Kinn waren wie faustdicke Wurzelknollen aus dem zerfurchten Holzstumpf freigeschnitzt. Ausgewuchtete Stirn- und Wangenknochen beherbergten in tiefen Höhlen seine ständig rotierenden Augen. Weit aufgerissen wirkten sie sehr bedrohlich, jedoch waren sie nur in diesem Zustand sein schärfstes Instrument.
Freilich konnte man Doktor Looks Späherqualitäten zu den außergewöhnlichsten zählen, machte sich aber ernsthaft Gedanken über seinen nach oben flüchtenden, linken Augapfel. Einerseits schätzte sein Vorgesetzter diese Fähigkeit ebenso, wie sie ihm auch gruselte. Dieses raffinierte Spiel, mit dem einen die Subjekte zu fokussieren, aber gleichzeitig mit dem verdrehten linken Auge hinter die psychologische Fassade des Gegners blicken zu können.
Die hämischen Kollegen fanden ihn deshalb vollkommen wertlos und behandelten ihn wie eine mental eingeschränkte Mutation. Viele von ihnen behaupteten, Look verdrehe absichtlich sein linkes Auge, um so leicht als bedauernswerter Mensch heimtückisch und eigennützig Einlass in Säle und Seelen zu erlangen.
Nur Delfius wusste welch schmerzhafte Muskelkontraktionen nötig waren, um beide Nummern der Billardkugeln parallel auszurichten.
Neugierig schimmerten sie jetzt hinter dem hochgeschlagenen Stutzerkragen hervor. Mit seinem hellroten, aufrecht durchsteiften Lockenschopf flammte er wie ein gerade gezündetes Streichholz in dunkler Lauer. Trotzdem vernachlässigte er nie seine Tarnung. Ungeachtet dessen, dass er jetzt nicht von einem Buschwerk heraus observierte, schwenkte er seinen Oberkörper wie ein weiches Blatt synchron zu den Windböen. A tempo nahmen sie ihn auf und trugen ihn durch die nachtgetränkten Straßen.
Wärmend ineinandergestemmt stolperten Gody und Sonn die Kingston hinab.
Am Ende des Hügels schimmerte der Klub. Sein magnetisierendes, rotoranges Licht überstrich die schwarzen Fassaden. Unter der gelben Leuchtschrift Sitzin wuselten sich die zwei Mäuse durch die Tür zur anderen Dimension.
Hakon hatte seinen Klub schon häufig umbenennen müssen. Der Stadtverwaltung waren die noch verbliebenen Klubs überaus lästig. Deshalb zersetze sie die Geduld der Besitzer mit der Verordnung zur ständigen Namensänderung. Sein legendärer Twinwing wurde in einer Nachtaktion brutal geräumt, geschlossen und versiegelt.
Die Verwaltung war plötzlich der Ansicht, dass der über alle Stadtgrenzen bekannte Name eine Anlaufstelle für trinksüchtige Piloten war. Hakon mußte seinen Klub in Chinchin umbenennen und hatte nun zwei Probleme.
Die Stammkundschaft kam nicht mehr, weil der neue Name nur noch randalierende Straßengangster anzog. Daraufhin wurde seine Existenz für lange Zeit stillgelegt und die neue Lizenz von der Verwaltung auf Ritzin getauft. Sie war es auch, die den Umbau diktierte und das neue Personal auswählte. Hakon stellte entsetzt fest, dass sein altes Gehäus mit verhangenen Separees, dunklen Nischen und speckigen Kammern durchlöchert wurde. Sein ehemals ganzer Stolz füllte sich schnell mit Entblößern, Grabschern, Spannern, Zuhältern und Aufsitzern.
Auch zahlreiche Herren aus der Verwaltung wurden ständige Gäste und betätigten sich häufig – als Sittenwächter.
Durch ihre Schweinsmasken waren sie leicht zu entlarven.
Als einige von ihnen durch die häufig stattfindenden Messerstechereien Blut und Ohren verloren, versiegelte die Stadt erneut. Sie hoffte auf dauerhafte Schließung. Doch Hakon erkämpfte sich auf schleierhaftem Wege eine neue Lizenz.
Das Sitzin entsprach jetzt wieder seinen Vorstellungen und wurde, neben dem Niveau-Publikum, nur ab und an von schüchternen Aufwärmern besucht, welche auf ihren Koffern sitzend die erste U-Bahn abwarteten, nichts tranken, nichts sprachen und nur ängstlich zu Boden schauten. Sie kannten ja das Ritzin.
Hakon hatte noch einmal gesiegt. Für wie lange interessierte ihn jetzt nicht, denn er begrüßte schon jubelnd seine alten Freunde Gody und Sonn.
„Heiiiaaa, Heiiii, da sind sie ja!
Willkommen in meiner neuen Höhle der Untergrundkultur!“
Seine langen Arme umklammerten gleich beide. Das tief durchfurchte Gesicht sprang freudig auf. Weinfeuchte Augen prickelten knisternde Blicke über Sonns Körper aus, als er sie wie ein öffentliches Präsent aus ihrem Mantel entpellt hatte.
Ihr himmelblaues Kleid war seiden, eng angeschmiegt und mit dünnem Glimmer überstickt. Frei herausknospender Rücken und Busen ketteten die Blicke. Ärmchen und hoch frisierter Kopf bezirzten durch Rundheit und frische Rosigkeit. Ihre sprudelnde Laune bestäubte hechelnden Männeratem mit süßem Erdbeerduft.
„Und? Gody? Wollt ihr auch auf meiner Erfolgswelle mitfeiern?“
Gody blickte amüsiert zu den Wanderarbeitern, die zusammengeköchert auf ihren Säcken saßen und sich am Tee frei Haus aufwärmten.
„Meinst du: … vom Tittenklub zur Wartehalle, schafft Hakon Platz für alle ...?“
„Na also …!“, warf Sonn ein,
„Dein neuer Berufstitel hat dir wohl das frotzeln gelehrt?“
Hakon begriff sofort und schlug Gody schwer auf die Schulter.
„Jetzt hackt’s mich aber! Hast du endlich die Bank gewechselt?
HEJOOOH, ... JASPERLLL, ... JAAASPEEERL!
Schnell ’nen Sprudeltrunk und einen Logenplatz für unseren frisch vereidigten Ohrenkriecher, … ääähm, Baaader! – Ja, ja, ja, jaaaaahh.“, durchsang Hakon gleich den ganzen Saal.
Sofort wurde Hakon, Gody und Sonn von Jasper mit einem getränkebeladenen Tablett umtanzt, welches wiederum ein durstiges Pulk nach sich zog. Kichernd schob Hakon seine Liebsten durch die Gassen, genau in das breiteste Sofas vor der Bühne.
„Ich gratuliere euch zu der tiefgreifenden Veränderung. Kommt, kuschelt, kuschelt, macht’s euch bequem und stoßt mit mir an.“
Nachdem Godys Berufung von beiden wieder neu erzählt wurde, bekam Hakon schon wässrige Augen und es wurde Zeit für das Programm.
„Das, … daaas ist ... beneidenswert! Es scheint für alle bestens zu laufen. Stell dir vor, Gwendolina eröffnet morgen ihre eigene Flammeri direkt am Kingston Park.
Eis, Cremes und Puddings mit exklusiven Ingredienzien, und die ganze Kiste wird durchdrungen sein von ihren eigenen Musikkompositionen.“
„NEEEIIIN!“ Sonns Mund klappte weit auf. Eher entsetzt als erfreut.
„Also ... ich muss mich jetzt erst mal hinter der Bühne sehen lassen, das Theater beginnt ... und, ... und ich bin der ... Mittelpunkt, hähähähäääää...“
Hakon verschwand, Gody blickte Sonn sprachlos an und das blaue Licht wurde in tiefrotes Feuer gedimmt. Durch das rau geputzten Gewölbe wirkte es wie das Innere eines Ofens, indem nun ein leichter Rhythmus zu fauchen begann.
Die Bühnenlampen blitzten auf, ein großer Lichtkreis rotierte auf dem roten Samtvorhang. Plötzlich drehte sich Hakons stämmige Erscheinung als helles Phänomen in blauem Zylinderfrack durch einen Schlitz. Eingefangen vom grellem Lichtkegel tippelte er mit ausschlagenden Schuhspitzen langsam auf das Mikrofon zu.
„Jopp, Jopp, Joouhuub, Jibbedi, Jooouhuuub.“
Weich schwappte sein Singsang durch den Keller und das alte Stammpublikum jauchzte und trappelte dazu.
„EIJEIJEI, DAMEN UND HERREN, FEINE DAMEN – KEINE HERREN, REINE BESTIEN! GEILE TRÜFFELSCHNÜFFLER! PÄH, PÄH, PÄH, PÄH, PÄH!“
Die Massen waren nicht mehr an ihren Tischen zu halten, Hakon taufte sich in den wogenden Applausfluten mit einem Glas Schaumwein. Die Kapelle ging vollends unter.
„Danke meine Herren, danke …, danke meine Damen und meine Herren.“
Hakon spreizte seine Flügel und zeigte damit auf verschiedene Personen im Saal.
„Zuerst möchte ich allen Gästen hier ein herzliches Danke aussprechen.
Denn sie sind es, die dem Totgesagten wieder sprudelndes leben einhauchen.“
Trommelstürme rauschten durchs Sitzin.
„Gleichwohl die Reanimation unseres Kunstschlösschens ohne gewisse Donatoren nicht möglich gewesen wäre.
Voran gestellt danken wir deshalb der Familie Krapp.“
Er schleuderte seinen Arm in Richtung ersten Balkon, Applaus und Scheinwerferkegel schossen hinterher, die Krapps erhoben sich geschlossen wie vom Blitz getroffen. Vendor Friedlieb Krapp stellte sich vor die Familie. Pappstadts Großproduzent und Volumenumsetzer trug seinen Titel stolz auf den Schultern. Die enge Augenpartie wurde von wulstigen Stirnfalten überdacht. Graues, dichtes Kurzhaar war scharf um die tiefen Geheimratsecken geschnitten.
Der breite Mund wurde gestützt von einem Ambosskiefer. Aus silbrigedel gesteppter Weste quoll plüschige Fasanenbrust. Seiner Stellung voll bewusst war er das Gesims der Loge. Scheu schmiegten sich die neun Kinder an seine Gattinnen. Zur Linken stand die kräftige Hakima und zur Rechten die pantherhafte Abayomi. Etwas versunken an die Balustrade gelehnt verweilte die engelsgleiche Hedy. Mit ihrem jüngsten Sohn auf dem Arm träumte sie von etwas fernem. Hakon bellte wieder los:
„PÄCK, GRRRRRRRÄPF! SEINE ...exponierte Stellung als Vendor der Stadt hatte entscheidenden Einfluss auf die Verwaltungsbeamten. Auch stellte er den Hauptanteil der Investitionen als Spende zur Verfügung. Sein ritterliches Engagement machte das Sitzin erst möglich. Mit seiner Familie wird er immer unser treuester und teuerster Gast der Loge sein. Wie ehrenhaft in diesen Zeiten!“
