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Nach dem Selbstmord ihres Schwiegervaters engagiert Shulamit von Weltenau den arbeitslosen Dramaturgen Erwin Ruckriegel als Ghostwriter. Er soll über die Familie ihres Mannes schreiben, in der mit Härte und Arroganz das Unglück von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Doch sie erzählt Erwin auch von ihrer eigenen jüdischen Familie, die den Holocaust überlebte und sich in einer eigenen Welt abschottete. Erwin wird im Laufe der Zusammenarbeit selbst immer tiefer in Shulamits Geschichte hineingezogen und bald fragt er sich, ob er nur Ghostwriter ist oder ob ihm in der Geschichte eine ganz andere Rolle zugedacht ist. In einem Haus in Italien laufen die Fäden zusammen: Nichts, und sei es noch so lange her, scheint zufällig geschehen zu sein, jede noch so unbedeutende Begebenheit entpuppt sich am Ende als Teil einer unaufhaltsamen Tragödie.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Anna Cron
Originalausgabe© Schruf & Stipetic GbR, Berlin 2015www.schruf-stipetic.de
Satz und eBook: BookwireCover und © Coverfoto: Kathrin Mock
ISBN: 978-3-944359-06-9
Der erste Stein
Im Haus des Bruders
Der Schrei der Auster
Die Türklingel riss mich aus dem Tiefschlaf. Ich griff nach dem Wecker und sah, dass es elf Uhr morgens war. Nachtschlafende Zeit für einen Autor, der seit zwei Jahren außer ein paar Leserbriefen nichts Gedrucktes mehr zustande gebracht hatte. Ich beschloss, mich umzudrehen und weiter zu schlafen, da klingelte es zum zweiten Mal. Schlagartig fiel mir ein, dass Dienstag war. Dienstag war ich mit einer Frau Shulamit von Weltenau verabredet. Und zwar Punkt elf. Also aufstehen und die Dame auf später vertrösten. Ich zog mir schnell einen Bademantel über. Mir war hundeelend und mein Schädel brummte. Ich stolperte über eine leere Flasche, die über den Boden rollte, sah ihr nach und stieß mir mit Wucht den Kopf an einem Bücherregal.
„Moment!“, rief ich und wankte benommen ins Badezimmer. Als ich die Wohnungstüre öffnete, war ich schlagartig nüchtern. Grüne Mandelaugen in einem schmalen Gesicht, brauner Teint, eingerahmt von kurzen schwarzen Locken, durchzogen von einigen weißen Fäden. Mit offenem Mund starrte ich sie an wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Sie war höchstens eins sechzig groß, das eng anliegende schwarze Kleid ließ ihre Figur noch schmaler erscheinen, an den Füßen trug sie flache Sandalen, die trotz ihrer Schlichtheit sehr teuer aussahen. Ich muss recht sonderbar auf sie gewirkt haben, denn mit einem Mal begann sie zu lachen, was mich nur noch mehr verunsicherte. Ich brachte immer noch keinen Ton heraus. Mit einer tiefen Stimme, die so gar nicht zu ihrem Äußeren passte, sagte sie:
„Wollen Sie mich nicht hereinbitten?“
„Ja, doch ja“, stotterte ich und trat einen Schritt zurück. Die Unordnung war mir peinlich, von meinem Mundgeruch ganz zu schweigen. Die Mischung aus Bierdunst und kaltem Nikotin, die ich ansonsten kaum noch wahrnahm, fiel mir unangenehm auf, als ein betörender Blütenduft an mir vorbei ins Zimmer zog. Ich folgte ihm wie ein Hündchen. Dann beeilte ich mich, sie zu überholen, um ihr einen Platz auf dem Sofa freizuschaufeln und das Fenster zu öffnen.
„Trinken Sie einen Kaffee mit mir?“, fragte ich. „Ich habe nämlich noch nicht gefrühstückt.“
„Gerne!“, antwortete sie.
„Es wird aber einen Moment dauern“, entschuldigte ich mich vorsorglich, „Ich wollte erst kurz duschen.“
Mit einem Blick auf mein Klavier fragte sie:
„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich in der Zwischenzeit ein wenig spiele?“
„Nein, ganz im Gegenteil!“
Ich räumte den Berg von Akten und Manuskripten vom Deckel und stapelte sie auf dem Boden. Dann warf ich die Kaffeemaschine an, duschte rasch, zog mich an und putzte mir die Zähne. Währenddessen spielte sie, und zwar so, wie es mein altes Klavier noch nie erlebt hatte, zumindest seit es mir gehörte. Die Holzdielen vibrierten, die ganze Wohnung war von einem Klang erfüllt, den ich am ehesten mit jauchzender Melancholie bezeichnen möchte.
„Was war das?“, fragte ich, während ich das Tablett auf den Tisch stellte. Sie antwortete:
„Eine Komposition von meiner Großmutter.“
Seit zwei Jahren bot ich im Internet nun schon meine Dienste als Biograf, sprich: Ghostwriter an. Allerdings bis dahin ohne Resonanz. Als Shulamit von Weltenau mich angemailt hatte, war ich drauf und dran gewesen, einen Rückzieher zu machen. Was für ein Name! Ich war doch nicht Rosamunde Pilcher! Ich hatte mir vorgestellt, wie sie - bestimmt militante Nichtraucherin - bei mir auf dem Sofa sitzen, meinen Kaffee trinken und mir irgendeine uninteressante Geschichte erzählen würde. Womöglich sogar an meinem Schreibstil rummäkeln würde. Ein Blick auf meinen Kontostand brachte mich zur Besinnung.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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