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Ein Leseerlebnis, das Herz und Seele wärmt: In Claire Stihlés romantischem Wohlfühl-Roman verschlägt es sechs ganz unterschiedliche Menschen kurz vor Weihnachten in ein kleines Chalet mitten in den Vogesen. Anouk hat wenig Grund, sich auf Weihnachten zu freuen: Obwohl sie sich nichts sehnlicher wünscht als eine Familie, ist sie frisch getrennt. Da erhält sie einen Brief von dem geheimnisvollen Antoine, der vor Kurzem das Chalet von Anouks verstorbenen Eltern übernommen und restauriert hat. Antoine möchte in dem zauberhaft gelegenen Haus in den Vogesen Menschen versammeln, die sich an Weihnachten noch verlorener fühlen als sonst schon. Außer Anouk folgen vier weitere Gäste Antoines Einladung: Yvette, die viel zu früh Witwe geworden ist; Romarin, der als Illustrator kurz vor dem Ruin steht; der Barbesitzer Guillaume, dem der Mann fürs Leben einfach nicht begegnen will; und die elfenhafte, unnahbare Clementine. Jeder von ihnen ist auf der Suche nach etwas – und jeder verbirgt ein Geheimnis. Können der Zauber von Weihnachten und ein heftiger Schneesturm aus Fremden eine Familie machen? Der Wohlfühl-Roman »Der Ort der verlorenen Herzen« liest sich wie ein Abend am Kaminfeuer: herzerwärmend, tröstlich und zauberhaft romantisch. Entdecken Sie auch Claire Stihlés romantischen Wohlfühl-Roman »Wie uns die Liebe fand« über ein ganz besonderes Dorf im Elsass.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2021
Claire Stihlé
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Anouk hat wenig Grund, sich auf Weihnachten zu freuen: Statt endlich eine Familie zu gründen, ist sie frisch getrennt. Da erhält sie einen Brief von Antoine, der das Chalet ihrer verstorbenen Eltern gekauft hat. Er möchte in dem idyllisch gelegenen Haus in den Vogesen Menschen versammeln, die sich an Weihnachten noch verlorener fühlen als sonst schon. Außer Anouk folgen vier weitere Gäste seiner Einladung. Jeder von ihnen ist auf der Suche nach etwas, und ganz allmählich kommen sie sich näher. Können der Zauber von Weihnachten und ein heftiger Schneesturm aus Fremden eine Familie machen und Anouk die Liebe bringen?
Widmung
Erster Teil
Auf der Hütte, 10. September [...]
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
Auf der Hütte, 19. September [...]
5. Kapitel
6. Kapitel
Auf der Hütte, 19. September [...]
7. Kapitel
Betreff: Der Ort der [...]
8. Kapitel
Auf der Hütte, 25. September [...]
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
Auf der Hütte, 26. September [...]
14. Kapitel
15. Kapitel
Auf der Hütte, 29. September [...]
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
Auf der Hütte, 3. Oktober [...]
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Auf der Hütte, 6. Oktober [...]
26. Kapitel
Auf der Hütte, 10. Oktober [...]
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Der Kreisel des Lebens
Auf der Hütte, 12. Oktober [...]
31. Kapitel
32. Kapitel
Auf der Hütte, 20. Oktober [...]
Zweiter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Danksagung
Für Annette und alle Liebenden
Auf der Hütte, 10. September 1976
Mein liebes Kind,
ich weiß nicht, wie Du heißen wirst, wenn Du diese Zeilen liest. Ich weiß nicht, wie Du aussehen wirst. Ich weiß nicht, wie Deine Stimme klingen wird. Nicht einmal, ob Du diese Zeilen überhaupt je lesen wirst. Ich weiß nur, dass ich Dich liebe, mehr, als ich irgendjemanden je geliebt habe, und mehr, als ich je selbst geliebt worden bin.
Ich wünschte, ich könnte immer bei Dir sein und Dich aufwachsen sehen. Ich wünschte, ich könnte Dir beibringen, stark zu sein und Dich nicht einschüchtern zu lassen. Von nichts und niemandem. Ich wünschte, ich könnte Dich in den Armen halten und Dir die Geborgenheit geben, nach der ich mich selbst sehne. Doch das kann ich nicht. Es schmerzt mich, das zu schreiben. Und es tut mir unendlich leid.
Ich spüre Dich, wie Du Dich in mir bewegst. Ich lege die Hand auf meinen Bauch und rede mit Dir. Ich weiß, Du hörst mir zu. Ich weiß, Du magst es, wenn ich singe. Vor allem auf die hohen Töne reagierst Du. Dann wirst Du still, egal, wie arg Du Dich zuvor in mir bewegt hast.
Ich nenne Dich Inès, wie meine Großmutter, die gutmütigste Frau, die ich je kannte. Ich hoffe, Du wirst ihr ähnlich sein, ähnlicher als mir.
Ich möchte, dass Du weißt, wie sehr ich Dich liebe. Immer. Auch dann, wenn ich nicht für Dich da bin. Auch dann, wenn Du glaubst, ich hätte Dich im Stich gelassen.
Deine Mama
Früher war Weihnachten für mich die schlimmste Zeit des Jahres. Sie begann, sobald mich in den Supermärkten zig Nikoläuse im Stanniolgewand angrinsten, was meistens schon im Herbst der Fall war. Das verdarb mir die Laune. Ich wollte weder ihre Rauschebärte sehen noch ihre o-förmigen Münder, die mich zu verhöhnen schienen, weil es weder einen Mann in meinem Leben gab, dem ich in nostalgischer Manier einen von ihnen auf den Teller stellen konnte, noch ein Kind, das sich über die Schokolade freuen würde. Ich war allein. Sehr allein. Zu lange schon.
Ich ertrug auch die Werbung nicht, die überall hing oder aufpoppte. An Litfaßsäulen und Plakatwänden oder auf dem Bildschirm meines Fernsehers, Smartphones, Laptops. Es war unmöglich, sich den anheimelnden Botschaften zu entziehen. Wo immer ich hinsah, wurde mir vor Augen geführt, was ich nicht hatte: eine goldwarme Wohnung mit ausgelegten Schafsfellen, auf denen in familiärer Harmonie vor einem offenen Kamin gekuschelt wurde, während sich unter einem perfekt geschmückten Christbaum hübsch verpackte Geschenke türmten, die nicht nur Freude versprachen, sondern auch ein leichtes, sorgloses Leben. Da konnte ich nicht mithalten, obwohl ich mir insgeheim nichts sehnlicher wünschte, als Teil dieser Bildwelten zu sein.
Also tat ich mit Beginn der Weihnachtszeit das, worin ich gut war. Ich igelte mich ein und verließ meine Wohnung nur noch, wenn nötig. Meine Arbeit als Übersetzerin machte es mir leicht. Niemand merkte, ob ich zu Hause saß oder nicht. Ich musste nirgends hin. In kein Büro. Nicht einmal zur Post. Alles, was ich übersetzte, verschickte ich per E-Mail an den Verlag, von dem ich den Auftrag erhalten hatte. Ein Klick – das war mein Kontakt zur Außenwelt. Nicht nur im Winter. Oft das ganze Jahr über. Aber im Winter, wenn draußen die leuchtenden Rentiere, die Schlittenattrappen und die Christbäume aufgestellt wurden und die Lichterketten vielerorts die Straßen erhellten, besonders.
Gelegentlich ging ich noch zum Einkaufen. Wobei, wenn ich ehrlich bin, stattete ich überwiegend dem Chocolatier um die Ecke einen Besuch ab. Seitdem ich dort die Gugelhupfpralinés im Sortiment entdeckt hatte, ging kein Weg mehr an ihm vorbei. Alle anderen Einkäufe ließ ich mir bringen – meistens jedenfalls. Onlinebestellung im Supermarkt war die perfekte Erfindung für jemanden wie mich, der niemanden sehen und selbst nicht gesehen werden wollte.
Ich war süchtig nach diesen kleinen, süßen, in Kakaopulver gewälzten Pralinen, die hübsch drapiert und zu einer Pyramide gestapelt in der Vitrine auslagen. Sobald ich den Laden betrat, schienen sie mich anzuflehen: Nimm mich! Nimm mich! Und ich erbarmte mich ihrer jedes Mal. Ich konnte nicht anders. Ich hatte das Gefühl, mir etwas Gutes tun zu müssen, wenn mir schon niemand anderes Gutes tat. Gewissermaßen belohnte ich mich mit diesen Pralinen für alles Mögliche: dafür, dass ich gerade eine Übersetzung abgeschlossen oder eben erst mit einer neuen begonnen hatte; dafür, dass ich meine Wohnung einen Tag früher geputzt hatte als geplant oder dass ich endlich die Steuererklärung in Angriff nehmen wollte. Manchmal belohnte ich mich auch einfach nur dafür, zu meinen beiden Tanten nett gewesen zu sein, obwohl sie mich regelmäßig zum Joggen im Park überreden wollten. Meistens jedoch war die eigentliche Motivation, mich mit den Gugelhupfpralinés einzudecken, recht banal: Es war die Lust auf äußerst leckere sechshunderteinunddreißig Kilokalorien pro hundert Gramm.
In der dunkelsten Zeit des Jahres verschlang ich Unmengen von ihnen. Es kam sogar vor, dass ich mir gleich nach dem Aufstehen eine Praline auf die Zunge legte, während die Kaffeemaschine noch vor sich hin röchelte. Ich war wie besessen von dem Naschwerk, ertappte mich manchmal dabei, wie mir regelrecht das Wasser im Mund zusammenlief, wenn ich nur daran dachte, gleich den Kühlschrank zu öffnen und mir eine aus der goldenen Schachtel zu nehmen.
Stand ich öfter als gewohnt im Laden, sah mich der Chocolatier mitleidig an. Einmal, es war ein besonders grauer Tag und meine Laune verlangte dringend nach Zucker, meinte er, er habe wirklich nichts dagegen, Geld an mir zu verdienen, aber er habe kein gutes Gefühl dabei, an meiner Einsamkeit reich zu werden. Und dann legte er auch noch zwei Schachteln extra in die Tüte, gratis natürlich.
An jenem Tag, an dem sich die einzige Aufmerksamkeit, die ich seit längerer Zeit von einem Mann bekommen hatte, in Mitleid äußerte und darin, durchschaut worden zu sein, ärgerte ich mich maßlos über mich selbst. Es kam mir vor, als erfüllte ich mit meiner Angewohnheit das Klischee von einer Frau, die ihre Einsamkeit mit Schokolade zu verdrängen versuchte. Und das sichtbar für jeden, was das Allerschlimmste war. So hatte ich nie sein wollen. Das passte nicht zu mir. Andererseits: Wen interessierte es schon? Gut, ganz offensichtlich den Chocolatier. Und auch meine Tanten, die mir ständig mit ihrem Du-musst-etwas-tun in den Ohren lagen. Aber sonst? Es gab niemanden in meinem Leben, für den es sich gelohnt hätte, etwas zu ändern. Und dafür gab es Gründe. Diese hatte ich zwar noch lange nicht verarbeitet, aber zumindest akzeptiert. Jedenfalls glaubte ich das – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich in ausgerechnet jener Hütte festsaß, in der ich zur Welt gekommen war.
Ich hatte einige Einsamkeiten durchgemacht. So nannte ich die Phasen in meinem Leben, in denen ich mich zurückzog und niemanden an mich heranließ.
Meine erste Einsamkeit begann, als meine Eltern starben. Damals hatte ich gerade die Schule abgeschlossen und einen Plan fürs Leben gefasst. Es war ein bescheidener Plan und einer, der für mein Alter ungewöhnlich war. Die meisten meiner wenigen Freunde, die ebenso wie ich auf dem Land aufgewachsen waren, zog es nach Paris oder Marseille oder sonst wohin, Hauptsache, weg aus der Provinz. Sie belächelten meine Zukunftsvorstellungen allesamt als rückwärtsgewandt und spießbürgerlich. Ich wollte nämlich rasch einen Mann finden, heiraten, früh Kinder kriegen und irgendwann das Weingut meiner Eltern übernehmen. Ich wollte nicht weg aus meiner Heimat. Zumindest damals nicht, als alles noch in Ordnung war und mir die Welt zu Füßen lag.
Schon als junges Mädchen stellte ich mir oft vor, wie ich meinen Vater auf seinen Geschäftsreisen begleiten würde. Ich sah uns in ausgewählte Restaurants gehen, die besten im ganzen Elsass, um dort die neuesten Weinkreationen meiner Eltern zu vertreiben. Ich schloss die Augen und träumte davon, bei einer dieser Reisen würde irgendwann einmal ein besonders gut aussehender Sommelier auf mich aufmerksam werden und um meine Hand anhalten.
Ich war jung. Ich war naiv. Ich kannte nur den Weiler, in dem ich mit meinen Eltern lebte, und eine Menge romantischer Filme, in denen die Liebe auf diese Weise möglich war. Nie hatte mich jemand darauf hingewiesen, bei meinen Plänen auch ein Scheitern in Betracht zu ziehen. Wahrscheinlich hätte ich diesen Hinweis auch nicht verstanden. Ich hatte bis dahin in einer Idylle gelebt: behütet, umsorgt, geliebt. Und genau das wollte ich mir auch für meine Zukunft vorstellen.
Der Weiler, in dem ich mit meinen Eltern wohnte, lag vierzehn Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, in dem es wenigstens einen kleinen Supermarkt gab. Bei uns gab es nichts. Nur Weinberge, wohin man auch sah. Eine kleine Kirche, nicht größer als eine Kapelle, samt Friedhof. Und ein paar Kornfelder mit Klatschmohn, den ich Jahr für Jahr in meinem Herbarium presste.
Neben uns in Vogelthal wohnten noch zwei weitere Winzer. Sie waren verwitwet und nicht mehr die Jüngsten und lebten sehr zurückgezogen. Wir sahen sie nicht allzu oft. Vage erinnere ich mich noch an eine Tochter, aber auch nur, weil sie zur gleichen Zeit von zu Hause auszog wie meine Zwillingstanten Camille und Ludivine, die weitaus jüngeren Schwestern meiner Mutter, die bei uns lebten, seit meine Großeltern in knappem Abstand ihren Krebsleiden erlegen waren.
Damals, als meine Tanten zum Studieren von Vogelthal nach Paris zogen, war ich gerade acht geworden und freute mich darauf, in Zukunft auch ihre Zimmer zum Spielen zu haben. Ich war schon immer speziell gewesen, hing weniger an Menschen als daran, etwas mein Eigen nennen zu können.
Kurzum: Für mich lief es gut. Ich fühlte mich wohl. Ich war glücklich. Ich hatte mein eigenes Reich unterm Dach. Dort las ich viel. Besonders gerne nachts mit meiner Taschenlampe. Ich hatte auch meinen persönlichen kleinen Garten, den ich bepflanzte. Ansonsten half ich meinen Eltern bei der Weinlese, sagte den Erntehelfern an, was sie zu tun hatten. Das gefiel mir.
Ich denke, ich war ein genügsames Kind ohne große Ansprüche. Es machte mir nichts aus, keine Spielgefährten in unserem Weiler zu haben. Die Schule dauerte lange, bis zum Nachmittag. Das reichte mir aus. Ich kannte es nicht anders. Auch später, als viele meiner Klassenkameraden anfingen auszugehen und von ihren Erlebnissen in der Bar hier und dem Klub dort redeten, beschwerte ich mich nicht über die Abgeschiedenheit, in der ich aufwuchs. Ich war zufrieden mit meiner Situation in diesem verschlafenen Ort inmitten der Weinberge. Es fehlte mir an nichts.
Dann kam der Abend, der mein Leben veränderte und mich in die erste meiner vielen Einsamkeiten schickte, die darauf noch folgen sollten.
Ich saß draußen vor dem Haus meiner Eltern auf der Holzbank und las Die Blumen des Bösen von Baudelaire – ein Geschenk meiner Tanten zu meinem Schulabschluss. Ein kühler Wind wehte, obwohl es den Tag über sehr heiß gewesen war. Er kündigte an, was ich im Radio zuvor gehört hatte: dass ein Sturm aufkommen würde, dem man sich lieber nicht in den Weg stellen sollte.
Meine Eltern traten vor mich, um sich zu verabschieden. Ihre Köpfe vor der Abendsonne nahmen mir das Licht. Ich fröstelte im Schatten, während ich in ihre wie gegerbt wirkenden Gesichter blickte. Händchen haltend standen sie vor mir. Der Wind fuhr ihnen von hinten durchs Haar, und ich nahm zum ersten Mal die Jahre harter Arbeit wahr, die sich in ihre Gesichter eingegraben hatten.
Wie jeden Abend um diese Zeit machten sich meine Eltern zu ihrem gemeinsamen Spaziergang auf. Es war ein festes Ritual in ihrem Leben, nach getaner Arbeit zu ihrer Hütte zu wandern, die etwa eine gute Stunde Fußmarsch von Vogelthal entfernt lag. Vor meiner Geburt war sie das sogenannte Arbeiterhäuschen gewesen und hatte in der Hochsaison bis zu fünfzehn Erntehelfer beherbergt. Seit meiner Geburt stand sie leer. Die Anforderungen an die Unterkünfte der Erntehelfer hatte sich geändert. So jedenfalls hatte es mir mein Vater erklärt, als ich ihn einmal danach fragte.
Der Weg dorthin führte steil bergauf und durch einen dichten Mischwald, der einen einfing und mit seinem würzigen Duft betörte. Dann, ganz plötzlich, wenn man gar nicht damit rechnete, trat man vom Dunkel des Waldes ins Helle, und die Lichtung lag vor einem.
Die Hütte stand in ihrer Mitte, auf einer großen, saftigen Hangwiese. Es war ein schöner Ort. Friedlich und sonnenbeschienen. Wenn die Dämmerung anbrach, konnte man die Fledermäuse fliegen sehen und beobachten, wie die Lichter unten im Tal angingen. Im Hintergrund erhoben sich die Vogesen in den sanften Farben der Erde.
Auf der Lichtung war ich oft gewesen, hatte gespielt, gesungen und gelesen oder mich am Brunnenwasser erfrischt, während meine Eltern die Sense auf der abschüssigen Wiese schwangen oder irgendwelche Reparaturen an der Hütte vornahmen, in der ich geboren worden war. Über einen Monat zu früh, an einem winterlich-verschneiten Nachmittag, mitten im Herbst. Es hatte keine Möglichkeit mehr gegeben, rechtzeitig für die Geburt ins Tal zu gelangen.
Das war am 20. Oktober 1976 gewesen.
Meine Eltern kamen nicht von ihrem Spaziergang zurück. Ich sehe sie noch heute vor mir stehen, die Abendsonne im Rücken. Ich sehe meinen Vater mit seinem dichten grauen Haar und meine Mutter, wie sie die Hand meines Vaters hielt und sich noch einmal nach mir umdrehte, ehe die beiden die erste Biegung des schmalen Schotterwegs nahmen und hinter den Bäumen verschwanden, deren Kronen sich im Wind beugten, als schrieben sie bereits das Unglück in die Luft, das bald darauf geschehen sollte.
Ich hatte meine Eltern an jenem Abend darum gebeten, nicht zu gehen, sondern bei mir zu bleiben, wegen der Sturmwarnung, die für unsere Region ausgerufen worden war. Doch sie hatten nicht auf mich hören wollen. Mein Vater hatte nur in den sich zuziehenden Himmel geblickt, seinen Zeigefinger angeleckt, in die Luft gehoben und dem Wind nachgespürt.
»Wir sind längst zurück, wenn das Unwetter losgeht«, hatte er mir versichert und dabei die Stirn gerunzelt. »Versprochen, mein Schatz!«
Er hatte sich getäuscht.
Meine Eltern bezahlten für ihre Sturheit mit ihrem Leben. Hand in Hand, die Köpfe einander zugeneigt, löschte der lange schwere Ast des Bergahorns, der oben auf der Lichtung hinter der Hütte stand und den ich schon so oft hinaufgeklettert war, ihr Licht aus. Sie starben mit einem Lächeln auf den Lippen, ihre Herzen für immer miteinander vereint.
Meine Tanten Ludivine und Camille kamen in den frühen Morgenstunden aus Paris an. Sie stiegen fast gleichzeitig aus den Autos, die Mädchen auf dem Arm, sahen sich um, atmeten tief durch, die tränennassen Gesichter abgewandt vom Wind, der zwischenzeitlich abgeflaut war und nur noch als Hauch der Erinnerung an den Sturm vom Vorabend über die Landschaft wehte.
Meine Zwillingstanten waren kaum zu unterscheiden. Gleiche Größe, gleiche Statur. Lang fiel beiden das schwarze Haar auf die schwarzen Kleider. Ich hatte meine Tanten immer sehr gemocht, auch dafür, dass es sie nur im Doppelpack gab. Nach ihrem Weggang aus Vogelthal hatten wir uns allerdings nur noch selten gesehen. Gelegentlich waren sie in den Semesterferien zu uns aufs Land gekommen, um Urlaub von der hektischen Großstadt zu nehmen, auch Weihnachten hatten wir das eine oder andere Mal gemeinsam verbracht. Doch als Ludivine und Camille ihre Männer kennenlernten (etwa zur gleichen Zeit) und wenig später meine Cousinen zur Welt brachten (ebenfalls etwa zur gleichen Zeit), änderte sich das. Plötzlich war die Fahrt von Paris bis nach Vogelthal zu weit geworden, und sie waren nur noch selten bereit, diese Anstrengung auf sich nehmen.
Die Wolkendecke riss auf, ließ ein paar Sonnenstrahlen durch. Wie gemalt beschienen sie den Kies im Hof vor dem Gut.
Ich stand im Wohnzimmer, sah durch das Fenster hinaus und glaubte, in der plötzlichen Öffnung des Himmels ein Zeichen meiner Eltern zu erkennen. Du bist nicht allein. Mach dir keine Sorgen.
Im Nachhinein vermute ich, dass ich in jenen Tagen unter Schock gestanden hatte. Was kein Wunder gewesen wäre. Schließlich hatte ich meine Eltern selbst gefunden.
Nachdem sie vier Stunden nach ihrem Aufstieg immer noch nicht zurückgekehrt waren, hatte ich mich mit einer Taschenlampe und einer enormen Angst im Bauch auf die Suche nach ihnen gemacht. Meine Rufe verschluckte der Wind oder trug sie zumindest an einen Ort, wo sie niemand hören konnte. Mama, Papa – nur zwei Worte und doch eine ganze Welt für sich, vom Sturm zerrissen, für immer weggefegt. Noch nie war ich so schnell bei der Hütte gewesen wie in der Nacht ihres Todes. Hoffnung und Sorge verliehen mir einen übermenschlichen Antrieb.
Es gibt Bilder im Leben, die man nie vergisst. Eines dieser Bilder, das sich mir unauslöschlich einprägte, sind die seligen Gesichter meiner Eltern im Lichtkegel der Taschenlampe, gefleckt von dem weinroten Blut, das auch den erdigen Boden um ihre Köpfe tränkte.
Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn meine Eltern nicht so glücklich ausgesehen hätten, fast so, als könnte selbst der Tod ihnen und ihrer Liebe nichts anhaben. Manchmal denke ich, ich wäre vielleicht über den Rand des Felsens ins Tal hinuntergesprungen, um nicht so furchtbar allein zu sein. Ich war zu jung, um sie zu verlieren. Siebzehn – fast noch ein Kind. Allein die Tatsache, dass sie so glücklich aussahen, half mir, zurück zum Haus zu rennen und den Notarzt zu rufen. Er kam zusammen mit der Bergwacht.
Ein Trupp leuchtend roter Männer.
Meine Eltern wurden in billigen Plastiksärgen davongefahren. Mir legte man eine Decke über die Schultern. Wie von weit her hörte ich die Nachbarn reden. Sie waren gekommen, um für mich da zu sein und um dem Arzt die Telefonnummern meiner Tanten zu geben. All das geschah innerhalb von ein paar Stunden. Stunden, in denen ich wie in Trance gewesen war und dennoch vernünftig gehandelt hatte.
Meine Tanten standen noch immer vor ihren Autos, die Kinder auf dem Arm, rührten sich nicht von der Stelle. Unsere Blicke trafen sich.
Ich war froh, dass sie so rasch von Paris nach Vogelthal gekommen waren. Immerhin waren sie neben meinen Eltern die einzigen Menschen, zu denen ich so etwas wie eine familiäre Bindung hatte. Um nicht zu sagen, die Einzigen, zu denen ich überhaupt eine Bindung hatte, auch wenn mir das bis dahin nicht einmal richtig bewusst gewesen war.
Ich hoffte, meine Tanten würden mich auffangen. Ich stellte mir vor, sie würden meine Tränen trocknen, gemeinsam mit mir trauern. Ich glaubte, wir könnten uns gegenseitig Halt geben und dass sie gekommen waren, um hier bei mir in Vogelthal zu bleiben. Ich dachte, sie würden mir helfen, das Weingut meiner Eltern weiterzuführen. So naiv war ich damals, ohne jegliche Ahnung vom Leben und mit viel zu hohen Erwartungen. Außerdem vergaß ich völlig, dass es nicht nur mich gab.
Meine Tanten hatten in einer Tour mit ihren Kindern zu tun. Meine Cousinen waren noch klein, ein, zwei und vier Jahre alt. Ständig musste man aufpassen, dass sie nicht gegen Tischkanten stießen und sich verletzten oder irgendwelche scharfen Messer aus den Schubladen zogen und an der Klinge leckten.
Abends, wenn wir zusammensaßen, drehten sich die Gespräche meist um alles Mögliche, um Windeln und Schnuller und darum, wie man Kinder am besten an eine gesunde Ernährung heranführte oder wie man es anstellte, das Kind zum Schlafen im eigenen Bett zu bewegen, ohne unnötig Druck aufzubauen. Um meine Eltern ging es kaum. Lediglich ihre Beerdigung wurde thematisiert, was für Särge sie bekommen sollten und welche Farbe der Stein, in den ihre Namen eingraviert würden: Lorianne & Gaspard Goldwein. Oft war auch Geld ein Thema. Insbesondere das Weingut, unser aller Erbe, und in diesem Zusammenhang, dass ich noch nicht volljährig war. Doch meine Eltern als Menschen, wer sie waren, wie sie gewesen waren und warum sie so früh hatten gehen müssen, all das, was mich beschäftigte, kam in den Gesprächen am Tisch nicht vor. Das stimmte mich unendlich traurig. Vor allem verstand ich die Gründe dafür nicht. Und mir fehlten die Erfahrung und die Kraft, die Art Gespräche einzufordern, die mir geholfen hätten, einen Weg aus dem Dunkel zu wagen, das mich in jenen Tagen umgab.
Ich unterstellte Ludivine und Camille nicht, der Tod meiner Eltern würde ihnen nicht nahegehen. Ich sah sie oft weinen, sobald meine Cousinen schliefen. Ich sah sie sich auch umarmen und gegenseitig hin und her wiegen, ihre langen schwarzen Haare wie miteinander verwoben. Aber in ihrem Umgang mit mir spürte ich weder ihre Trauer noch den ersehnten Trost. Zumindest nicht in dem Maße, wie ich beides benötigt hätte, um mich nicht ausgeschlossen zu fühlen von einer Familie, zu der ich doch gehörte, auch wenn sich der Kontakt in den vergangenen Jahren auf ein paar kurze Besuche beschränkt hatte.
Ich liebte meine Tanten. Ich brauchte sie auch. Doch zugleich waren sie mir fremd, fremder, als ich geglaubt und mir selbst gegenüber eingestanden hätte. Ebenso wie ihre Männer und Töchter, die all jene Aufmerksamkeit bekamen, die ich mir für mich gewünscht hätte.
Ich war selbst noch ein Kind.
Ich zog mich zurück.
Tagelang lag ich im Bett und wollte nicht aufstehen. Nur noch schlafen. Nicht da sein. Nichts sehen. Nichts hören.
Sobald ich die Augen aufmachte, schloss ich sie wieder. Einfach weiterschlafen, ermahnte ich mich, als könnte ich dadurch das Geschehene ungeschehen machen. Doch nicht einmal meine Träume ließen mich der Realität entfliehen. Immer wieder sah ich den Ast des Bergahorns vor mir, wie er auf meine Eltern zu schwang. Ich konzentrierte mich darauf, diese endlos wiederkehrende Sequenz zu verändern, den Ast zu stoppen, bevor er meine Eltern treffen konnte. Ich spürte, wie sich meine Muskeln anspannten, wie ich meine Stirn in Falten legte und so fest zubiss, dass mein Kiefer schmerzte. Verzweifelt wollte ich meine Eltern vor der Gefahr warnen, ihnen zurufen, sie sollten einander loslassen und beiseitespringen, damit der Ast ins Leere schlüge. Doch dazu kam es nicht. Egal, wie sehr ich mich anstrengte, egal, wie laut ich rief, ich konnte meine Eltern nicht retten. Jedes Mal wachte ich schweißgebadet auf, im Mund den bitteren Geschmack, versagt zu haben. Schuldgefühle plagten mich, weil ich meine Eltern trotz Sturmwarnung hatte gehen lassen.
Meine Tanten versuchten es mit Struktur. Sie riefen mich zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen. Sie baten mich darum zu duschen, mich anzuziehen und ihnen bei den vielen Dingen zu helfen, die es zu erledigen galt. Der Tod brachte eine Menge Formalitäten mit sich.
Letztlich waren es Ludivine und Camille, die entschieden, das Weingut zu verkaufen und das Erbe untereinander aufzuteilen, so wie es meine Eltern in ihrem Testament vorgesehen hatten, falls niemand von uns bereit wäre, das Anwesen zu übernehmen. Ich war dagegen, alles aufzugeben. Ich wollte nicht, dass das, was sich meine Eltern aufgebaut hatten, abgelegt wurde wie ein altes, ausgedientes Kleidungsstück. Doch mir fehlte die Kraft, mich gegen ihre Entscheidung zu stellen. Es war, als hätte mir jemand den Stecker gezogen. Die Welt, so glaubte ich, hatte sich gegen mich verschworen – und diese Überzeugung wog schwer. Ich zog den Kopf ein wie eine Schildkröte, die Schutz in ihrem Panzer sucht. Ich sah nicht mehr nach links, nicht mehr nach rechts, noch nicht einmal mehr geradeaus. Ich sah nur noch dorthin, wo es wehtat – auf mich selbst. Und ich unterschätzte die zerstörerische Kraft von Selbstmitleid.
Meinen Tanten entging mein Zustand nicht. Sie machten sich Sorgen um mich. Ich sah sie ihnen an, wenn sie mir mit flehendem Blick ein Tablett mit Brot, Suppe oder Eintopf ans Bett brachten.
Bevor sie ihre Sachen packten, um in ihr Leben zurückzukehren, beschlossen sie, ich müsse raus aus dem Kaff, das meine Heimat war. Sie entschieden, ich solle mit ihnen nach Paris kommen. Es täte mir gut, endlich etwas anderes zu sehen als meine Zimmerdecke oder die Weite der Natur. In Vogelthal, so sagten sie, würde ich versauern, eingehen wie eine Blume, die nicht gegossen wurde. Hier könne man nur leben, wenn man bereit dazu sei. Diese Bereitschaft jedoch sähen sie bei mir nicht, vielmehr eine vorübergehende Unfähigkeit, mich um mich selbst zu kümmern. Abgesehen davon würde ich erst in einem Monat volljährig werden. Sie meinten das nicht böse. Vermutlich wählten sie auch nettere Worte als die, die ich jetzt verwende. Aber im Grunde lief es auf dasselbe hinaus.
Am Tag meiner Abreise schien die Sonne gelb und weich. Ich ging ein letztes Mal zu den Weinstöcken, streckte beim Gehen die Hand aus und streifte die Blätter der Pflanzen. Einzelne Fäden von Spinnweben, die mit dem Wind durch die Luft wehten, kitzelten mein Gesicht, verfingen sich in meinem Haar. Der Altweibersommer war angebrochen, kühl war der Boden. Die Luft jedoch war warm. Plötzlich sah ich am Ende der Anhöhe meinen Vater, und neben ihm meine Mutter. Beide lächelten mich an, eingerahmt von den Strahlen der hoch über ihnen stehenden Sonne. Wie von fremder Hand festgehalten, blieb ich stehen und betrachtete sie aus der Ferne. Sie sahen so glücklich aus, in Liebe vereint, wie ich sie stets erlebt hatte. Streit oder Eifersucht hatte es nie gegeben. Nur diese unendliche Zuneigung bis über ihren Tod hinaus.
Dann spürte ich die Tränen auf meinen Wangen, sah, wie sie hinabtropften und den trockenen Boden mit meiner Trauer tränkten. Meine Eltern schüttelten den Kopf, weine nicht, winkten mir noch rasch zu und verschwanden im nächsten Augenblick. Ich blieb zurück mit dem sicheren Wissen, dass sie sich mir nicht noch einmal zeigen würden. Auch dieses Bild ist bis heute geblieben. Es gehört zu den schönen, angenehmen, die ich mir gerne ins Gedächtnis rufe, ohne mich vor ihnen zu fürchten.
Von da an änderte sich etwas bei mir. Ich kann nicht sagen, was genau es war. Nach wie vor verging kaum ein Tag, an dem ich nicht um meine Eltern weinte und mir vorstellte, wie wir jetzt zusammensitzen, lachen und reden könnten. Doch ich versuchte nicht länger krampfhaft, gegen meinen Verlust anzukämpfen und meine Eltern wieder ins Leben zurückzurufen. Stattdessen schloss ich mit Vogelthal ab. Dieser Schlussstrich half mir, nach vorne zu sehen, zumindest bis in die Gegenwart, denn mit der Zukunft wollte ich mich noch nicht beschäftigen.
Auf der Hütte, 19. September 1976
Mein liebes Kind,
ich stelle mir vor, wie ich in Dein Gesicht blicke, in Deine blauen Augen, die ihre Farbe noch verändern werden, irgendwann, bald, wie es bei jedem Kind passiert, das hat mir die Frau gesagt, die bald Deine Mutter sein wird. Sie ist eine gute Frau, voller Wärme und Zuversicht. Sie hat einen guten Mann, der bald Dein Vater sein wird. Sie werden Dich beschützen, auch in meinem Namen. Das versichern sie mir jedes Mal, wenn ich sie danach frage. Sie sagen, ich solle mir keine Sorgen machen. Sie werden Dir ein Heim geben, Geborgenheit und Liebe. Ich kann sie spüren. Das beruhigt mich.
Trotzdem wünsche ich mir manchmal, ich hätte mich anders entschieden und mich nicht darauf eingelassen, Dich für sie zu bekommen. Noch im selben Moment verabscheue ich meine Gedanken, weil Du das Beste bist, das es gibt. Weil du das Beste bist, das ich je in meinem Leben vollbracht habe. Jetzt, da ich Dich spüre, kann ich mir nicht vorstellen, Dich jemals wegzugeben. Du bist ein Teil von mir und wirst es immer sein.
Ich bin erst siebzehn, ein Kind der Straße, seit mehr als zwei Jahren nun schon. Niemand sucht nach mir. Oft hat mich das traurig gestimmt. Doch jetzt, mit Dir, ist es mir egal. Es geht mir gut.
Vielleicht ist es nur dieses Gefühl, das ich nicht mehr verlieren möchte: geliebt zu werden und gebraucht zu sein. Ich weiß es nicht. Ich denke oft darüber nach. Tagelang. Nächtelang. Hier oben habe ich viel Zeit zum Grübeln, und doch komme ich nicht weiter. Aber eines fühle ich ganz gewiss: Ich liebe Dich mehr, als ich je gedacht hätte, lieben zu können.
Deine Mama
In Paris bezog ich ein Chambre de Bonne in der Rue Sainte-Apolline. Ludivine und Camille hatten es für mich aufgetrieben. Ein Bett, eine Dusche, eine Küchenzeile. Wenig Platz, dafür mitten in der Stadt, nicht allzu weit von der Sorbonne entfernt und dennoch einigermaßen ruhig dank des Hinterhauses, in dem sich das kleine, klaustrophobische Zimmer befand. Nachts hörte ich die Ratten über das Eternitdach laufen. Kleine, schnelle Schritte.
Ludivine und Camille wechselten sich mit ihren Besuchen bei mir ab. Es war offensichtlich, dass sie sich einen Plan dafür gemacht hatten, wer an welchem Tag nach mir sehen sollte. Jedes Mal brachten sie mir etwas zu essen mit. Dazu eine Menge guter Ratschläge, gelegentlich ein Buch und jede Woche eines der kleinen Kioskheftchen, in denen alle aktuellen Veranstaltungen der Stadt verzeichnet waren. Die Heftchen sichteten meine Tanten zuvor und markierten in Neonfarben jene Veranstaltungen, von denen sie annahmen, sie würden mir guttun: Sport, Festivals, Ausstellungen, Konzerte – all das, was junge Menschen ihrer Meinung nach neugierig machte.
Ludivine und Camille waren davon ausgegangen, es würde sich von ganz allein etwas ändern, wenn ich Vogelthal erst einmal verlassen hatte und die Vorzüge der Großstadt zum Greifen nah waren. Nicht im Traum hätten sie damit gerechnet, dass ich mich in meinem Zimmer unter dem Dach einbunkern und keinerlei Interesse am Pariser Leben zeigen würde. Doch genau so war es. Das, was sich vor meinem Appartement abspielte, war mir egal. Ich wollte nur meine Ruhe haben. Im Prinzip lebte ich seit meiner Ankunft in Paris so, wie ich in Vogelthal gelebt hatte, als alles noch in Ordnung gewesen war: für mich allein, oft mit einem Buch in der Hand. Allerdings erkannte ich inzwischen mein Alleinsein als solches und konnte mein eigenes Verhalten benennen, als wäre ich eine Außenstehende, während ich früher nie darüber nachgedacht hatte, dass meine Art zu leben im Grunde eine einsame war. Und ich fand Gefallen an meiner Zurückgezogenheit. Es mag absurd klingen, aber ich glaube, tief in meinem Unterbewusstsein wollte ich mich bestrafen und ebenso diejenigen, die für mich da waren. Mich selbst, weil ich meine Eltern nicht davon abgehalten hatte, zur Hütte zu gehen. Ludivine und Camille, weil sie sich um mich bemühten, ohne mir meine Eltern ersetzen zu können.
Es fühlte sich richtig gut an, mir auf diese Weise wehzutun.
Irgendwann, es war ein besonders heißer Morgen – ich erinnere mich noch genau, wie bereits um neun Uhr die Luft unterm Dach kochte –, klopfte Benoît an meine Tür, der Ehemann von Ludivine. Ich wusste sofort, als ich ihn im Türrahmen stehen sah, im Gesicht diesen offiziellen Ausdruck, dass meine Tanten ihn zu mir geschickt hatten, weil er Arzt war. Ein Chirurg zwar, aber immerhin ein Mediziner und damit jemand, der mir hoffentlich würde helfen können, einen Weg aus meinem Tief zu finden, wie Ludivine und Camille meine Gemütslage bezeichneten.
Es war das erste und einzige Mal, dass ich länger als nur ein paar Minuten mit Benoît redete. Doch es wurde das beste Gespräch seit Langem. Benoît erreichte mehr bei mir, als meinen Tanten je möglich gewesen wäre. Vor Benoît hatte ich nicht das Gefühl, mein Gesicht zu verlieren, wenn ich mich anders verhielt, als von mir erwartet wurde. Und erst diese Tatsache machte es mir möglich, in eine neue Richtung zu sehen.
»Guten Morgen, Anouk«, sagte er, als ich öffnete, wie immer im Pyjama. Seit meiner Ankunft in Paris trug ich nichts anderes.
»Morgen«, brummte ich, drehte mich um und steuerte auf mein Bett zu, auf dem der dicke Wälzer lag, den ich gerade begonnen hatte zu lesen.
»Was machst du?«
»Ich lese.«
»Was liest du?«
»Einen Roman.«
»Und?«
»Und was?«
»Schon gut. Ich möchte dich nicht langweilen.«
Ich sagte nichts.
»Du weißt, weshalb ich hier bin?«
»Um mich im Namen meiner Tanten dazu zu bringen, unter Leute zu gehen?«
»Ich bin gekommen, weil Ludivine und Camille sich Sorgen um dich machen.«
Wieder sagte ich nichts. Stattdessen nahm ich das Buch zur Hand, zog das Lesezeichen heraus und tat so, als läse ich weiter.
»Anouk!?«
»Ja!«, antwortete ich gespielt unschuldig und sah auf.
»Du musst mal raus. Etwas unternehmen. Freunde finden. Etwas aus dir machen. Wie lange soll das noch so weitergehen?
Ich zuckte mit den Achseln. »Es geht mir gut.«
