Was ich fast vergessen hatte - Claire Stihlé - E-Book

Was ich fast vergessen hatte E-Book

Claire Stihlé

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Beschreibung

Was bleibt von einer großen Liebe? Ein lebenskluger Roman über die Zerbrechlichkeit von Beziehungen, über die Größe der Liebe und die Vergänglichkeit von Neuanfängen. Seit vielen Jahren ist Lorianne mit Gaspard glücklich verheiratet. Ihre Beziehung ist harmonisch, ihr gemeinsames Leben unaufgeregt, aber gut. Dennoch ist Lorianne rastlos und voller Zweifel. Woher kommt nur der plötzliche Wunsch nach Aufbruch? Woher die Frage nach der Zukunft ihrer Ehe? Eines Tages stellt Lorianne ihren Mann vor vollendete Tatsachen: Sie zieht aus. Ihr Ziel ist die Provence, die sie schon immer gelockt hat. Dort will sie ihren langgehegten Traum von einer eigenen Buchhandlung verwirklichen. Eine Entscheidung für immer? Oder nur ein Ausbruch aus dem Alltag, um wieder zu sich selbst zu finden?  

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Claire Stihlé

Wasich fastvergessenhatte

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Was bleibt von einer großen Liebe?

Seit vielen Jahren ist Lorianne mit Gaspard glücklich verheiratet. Ihre Beziehung ist harmonisch, ihr gemeinsames Leben unaufgeregt, aber gut. Dennoch ist Lorianne rastlos und voller Zweifel. Woher kommt nur der plötzliche Wunsch nach Aufbruch? Woher die Frage nach der Zukunft ihrer Ehe? Eines Tages stellt Lorianne ihren Mann vor vollendete Tatsachen: Sie zieht aus. Ihr Ziel ist die Provence, die sie schon immer gelockt hat. Dort will sie ihren lang gehegten Traum von einer eigenen Buchhandlung verwirklichen. Eine Entscheidung für immer? Oder nur ein Ausbruch aus dem Alltag, um wieder zu sich selbst zu finden?

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

»Manch Neues entsteht aus [...]

Lorianne war nicht glücklich, [...]

»Kann ein Gedanke, der [...]

Lorianne hatte keine Ahnung, [...]

»Ich war schon eine [...]

Lorianne machte in dieser [...]

»Er ist siebenunddreißig. Ich [...]

Es war zehn Uhr, [...]

»Ich sehne mich nach [...]

Von jenem Morgen an [...]

»Ich habe ihn gesehen. [...]

Lorianne redete an jenem [...]

»Wer ist er, der [...]

Lorianne wusste nicht, wie [...]

»Wir teilen das Innigste. [...]

Gaspard bestand darauf, einen [...]

»Er träumt von einem [...]

Drei Wochen später war [...]

»Ich versuche zu verstehen. [...]

Die alte Frau saß [...]

»Ich sehe ein Bild [...]

Lorianne verabschiedete sich von [...]

»Sie stand in der [...]

Das Restaurant, in das [...]

»Eine Eidechse, schillernd grün. [...]

Später beobachtete sie Amaurys [...]

»›Ich wünschte, ich wäre [...]

Wieder bei sich zu [...]

»Ich werde seinen Blick [...]

Eine Woche war seit [...]

»Er schenkt mir seine [...]

Lorianne war sehr zufrieden [...]

»Heilende Einsicht, tiefe Wunde [...]

Gaspard kam nicht zur [...]

»Ich kämpfe um die [...]

Die Sonne stach schon [...]

»Ich dachte, ich müsste [...]

Die Eröffnung wurde zum [...]

»Ich schließe mich an.

Gaspard bat um eine [...]

»Wenn Unbehagen sich durch [...]

Sie brauchte keinen Wecker, [...]

»Der Herbst entkleidet. So [...]

Lorianne zog die Schuhe [...]

»Ich könnte mich gegen [...]

Lorianne nahm Maribels Ratschlag [...]

»Wer bin ich für [...]

Maribel saß in ihrem [...]

»Dein Name, gemeißelt in [...]

Lorianne fiel aus allen [...]

»Ich übe mich. Ich [...]

Eine Woche nach der [...]

»Er kam mit einem [...]

Am 26. Juli stand [...]

»Er kam nicht, um [...]

Anaïs bestand darauf, dass [...]

»Die Trauer höhlt mich [...]

Was machst du hier?«, [...]

»Wie einsam kann ich [...]

Lorianne sah sich um.

»Hätte ich gewusst, wie [...]

Danksagung

Pour notre amour

Rue de Sèvres,

Ein Torweg vor dem Kaufhaus Le Tournis,

Es ist Mittag, und der Sommer

Hält über dem Asphalt alles in der Schwebe.

Eine junge Frau,

Die Schattenlinie ihres bloßen Rocks

Ist die Komplizin ihres reizenden Körpers,

Träumt mit offenen Augen,

Sitzt dort auf der Steinschwelle.

Ich nenne sie

Die Leserin mit den zwölf weißen Mohnblumen,

Die Mittägliche,

Obwohl sie die Augen weit offen

Und die Finger gefaltet hat,

In ihrem abwesenden Buch blätternd,

Bleibt sie dort sitzen, ich verliere sie,

Gleich danach, an der nächsten Straßenecke,

Echo der Silbe einer gejagten Geliebten.

 

René Char, Paris ohne Ausgang, 1966

»Manch Neues entsteht aus einem einzigen Gedanken.«

Lorianne war nicht glücklich, als sie es sich eingestand. Aber auch nicht unglücklich. Sie hätte es niemals für möglich gehalten, doch so war es eben.

Sie lehnte an der Küchenwand und sah nach draußen auf die Straße. Es war ein schöner Tag. Frühlingshaft. Durch das gekippte Fenster drang der Duft nach feuchter Erde. Vogelgezwitscher war zu hören. Der Himmel wirkte wie mit einem Pinsel zartblau betupft.

Gaspard parkte gerade den Wagen in die einzige freie Lücke, die Lorianne vom Fenster aus sehen konnte. Er war ein miserabler Einparker. Auch ein miserabler Autofahrer, weshalb meistens sie fuhr, wenn sie gemeinsam zu Freunden in die Stadt oder einfach nur zum Einkaufen wollten. Diskussionen hatte es darüber nie gegeben.

Lorianne konnte sich nicht erinnern, überhaupt je mit ihrem Mann gestritten zu haben. Eigentlich, wenn sie genauer darüber nachdachte, waren sie stets einer Meinung gewesen. Dabei war es egal, ob es um die Farbauswahl des Stoffbezugs ihres Sofas ging oder darum, was sie zu Abend essen wollten oder im Fernsehen anschauen würden oder wer wann wie was im Haushalt machte – sie waren ein eingespieltes Team. Ein gut funktionierendes Getriebe, scherzte Gaspard gelegentlich. Es war typisch für ihn, dass er selbst in Momenten, in denen er ihre Beziehung zueinander beschrieb, seine Arbeit nicht außen vor lassen konnte.

Gaspard war Ingenieur. Ein sehr guter sogar. Und ein gefragter. Mehrere Unternehmen hatten schon versucht, ihn abzuwerben. Doch Gaspard war ein treuer Mensch, nicht nur seiner Frau gegenüber, sondern auch seiner Firma, in der er seit seinem Uniabschluss angestellt und recht schnell aufgestiegen war.

Er liebte seine Arbeit über alles. Die vielen, beinahe täglichen Überstunden empfand er nicht als lästig, geschweige denn als Belastung.

Er tat das, was getan werden musste. So einfach war es. Dennoch hatte ihm Lorianne nie vorgeworfen, er würde sie vernachlässigen. Das konnte sie auch nicht. Seit ihrem ersten Rendezvous vor siebzehn Jahren hatte Gaspard das nämlich kein einziges Mal getan. Selbst dann nicht, wenn er abends spät nach Hause kam oder am Wochenende den Laptop x-mal hochfahren musste, weil wieder irgendetwas im Betrieb brannte und er eingreifen musste, wie er sagte. Die Zeit, in der er eine Extraschicht schob, holte er stets wieder herein. Da nahm er sich kurzerhand frei, schaltete alles aus, was ihn anfunken konnte – ein gängiges Wort in seinem Sprachgebrauch –, und war nur für Lorianne da, oft mit einer Überraschung: einem Picknick am Fluss, einem Ausflug ins Museum, einem Theaterbesuch, zwei Karten für die Oper in Straßburg an der Grande Île – Gaspard fiel immer etwas ein.

In ihrer Beziehung gab es kein Auf und Ab, kein Hin und Her, ihre Liebe war wie ein gemächlich vor sich hin plätschernder Fluss, dem kein Unwetter etwas anzuhaben schien, ohne Ausbrüche und Auswüchse, ohne Schmelze, die das Wasser ansteigen ließ, ohne Schlamm, der ihn verschmutzte, ohne Stein, der von außen hineingeworfen wurde und konzentrische Kreise zog. So hätte Lorianne ihr Zusammensein noch bis eben beschrieben. Doch jetzt, da sie am Fenster stand und ihrem Mann dabei zusah, wie er auch beim zweiten Versuch scheiterte, den Wagen in die Parklücke einzufahren, überkam sie plötzlich ein Gefühl, das sie in nur vier Worte packen konnte: Ich liebe ihn anders.

Zunächst dachte Lorianne die Worte nur und lauschte ihrer inneren Stimme. Das war der Moment, in dem eine Blaumeise angeflogen kam und direkt ihr gegenüber in der schlanken Birke landete, die unweit des Küchenfensters stand. Der Vogel neigte das Köpfchen zur Seite und blickte sie an.

Lorianne sah auf das kleine schwarze Schnäbelchen, von dem aus, wie mit einem Lineal gezogen, zwei schwarze Striche durchs Gefieder und über die ebenfalls schwarzen Augen verliefen. Es kam ihr so vor, als könnte das Vögelchen ihren Gedanken hören. Vorsichtig hüpfend näherte es sich dem Küchenfenster. Der Zweig der Birke schwankte. Dann hielt die Blaumeise inne, öffnete den Schnabel und begann zu zwitschern. Zwei hohe, aufgeregte Töne erklangen, dann folgte ein tiefer werdender Triller. Schließlich flog das Vögelchen weg.

Da sah Lorianne auf den leeren Ast mit den noch jungen Trieben und sprach die Worte, die sie gedacht hatte, zum ersten Mal laut aus.

»Kann ein Gedanke, der so schnell auftaucht wie ein am Himmel vorbeiziehender Vogel, auch genauso schnell wieder verfliegen?«

Lorianne hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet an jenem Tag diese Gewissheit aus ihr herausbrach, dass sie ihren Mann zwar liebte, aber anders. Es war nichts Besonderes vorgefallen.

Sie war früh zur Arbeit aufgebrochen, hatte die Mittagspause allein verbracht, war gleich nach Feierabend wieder nach Hause gegangen, vielleicht etwas erschöpfter als sonst, aber das war nicht weiter ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit, wenn die Frühjahrsmüdigkeit sie einholte. Es hatte weder ein Gespräch noch eine Begegnung gegeben, die etwas in ihr hätten lostreten können oder erklärten, was gerade in ihr vorging. Sie erkannte nur mit einem Mal, dass die Liebe zu ihrem Mann zwar groß, aber leidenschaftslos war und dass von jenem ungestümen Pulsieren, das sie einst für Gaspard empfunden hatte, nichts mehr übrig geblieben war. Und sie wusste, dass sie etwas ändern müsste. Und zwar heute noch. Jetzt. Nicht irgendwann. Sie hatte den Eindruck, bereits seit Längerem einen Prozess durchlebt zu haben, den sie nur nicht hatte wahrhaben wollen. Dass nun aber die Zeit gekommen war, ihren Mann mit einer Wahrheit zu konfrontieren, die sie selbst noch bis vor ein paar Minuten bestritten hätte.

Schwer fühlte sich ihr Kopf an. Sie spürte das Gewicht all ihrer Gedanken. Es kostete sie Kraft, das Kinn zu heben, während Gaspard den Schlüssel ins Schlüsselloch steckte, die Tür öffnete und wie gewöhnlich ein »Hallo, Liebes!« durch den Flur rief.

Gut sieht er aus, dachte Lorianne unwillkürlich, als er so dastand in seinem weißen Hemd und dem Dreitagebart, den er sich seit ein paar Tagen stehen ließ. Stattlich kam ihr in den Sinn. Sie sah weg von ihm, überrascht, aber auch betroffen. Wie konnte sie sich von seiner Attraktivität angezogen fühlen und gleichzeitig für ihn nicht die Gefühle haben, die sie haben sollte?

»Hattest du einen schönen Tag?«, fragte Gaspard, drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und ging an ihr vorbei in die Küche.

Jeden Abend stellte Gaspard ihr die gleiche Frage, und Lorianne gab ihm fast immer die gleiche Antwort. Doch diesmal nicht. Die bestätigenden Worte, die sie sonst aus Gewohnheit parat hatte, fühlten sich erstmals sperrig an. Staubtrocken war ihr Mund. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.

Gaspard musterte sie, während er sich ein Glas Wasser einschenkte. Er nahm einen großen Schluck, neigte den Kopf zur Seite – fast so, wie es kurz zuvor die Blaumeise getan hatte. Auf seiner Stirn bildeten sich zwei feine Linien.

»Was ist los mit dir?«, fragte er besorgt.

Lorianne hatte Mühe, die passenden Worte zu finden. Sie brauchte eine Weile, erst dann hörte sie sich wie aus weiter Ferne sagen: »Vielleicht … vielleicht sollten wir uns setzen?«

Sie waren ein gutes Paar. Niemals würde Lorianne das bestreiten. Auch jetzt nicht, da sie kurz davorstand, ihrem Mann zu gestehen, dass sich etwas verschoben hatte und ihre Gefühle für ihn mehr denen glichen, die sie für einen Bruder hätte haben können. Zwar hatte Lorianne keine Ahnung von Geschwisterliebe, sie war ein Einzelkind. Aber sie hatte eine Vorstellung davon, wie sich Geschwisterliebe im Idealfall wohl anfühlen musste, nämlich so wie ihre Liebe zu Gaspard: rein und stark und unmittelbar und unanfechtbar – aber ohne Verlangen.

Gaspard stellte das Wasserglas ab. »Gut«, sagte er, »setzen wir uns. Aufs Sofa?«

»Wie du magst«, antwortete Lorianne. Sie meinte es nicht so ablehnend, wie es klang. Doch der trockene Mund veränderte ihren Tonfall.

»Also?«, sagte Gaspard, nachdem sie saßen. »Was ist geschehen, dass wir uns setzen müssen?« Er sah sie fragend an. Am liebsten hätte sie weggeguckt, doch sie tat es nicht. Sie schaute ihm tief in die grauen Augen. Sie mochte seine Augen. Vor allem seinen intelligenten Blick. Gaspard konnte nicht dumm gucken, egal wie sehr er sich auch bemühen mochte, es würde ihm nicht gelingen. Er strahlte Wissen und Neugierde und Seriosität aus. Gaspard war ein Naturtalent in vielen Dingen. Er konnte singen, warm und voll, dass sich die Brust weitete vor Wohlgefühl. Er war äußerst geschickt, wenn es darum ging, mit den Händen etwas anzufertigen. Handwerken, kochen, zeichnen – alles kein Problem. Das Einzige, was ihm nicht lag, war das Einparken. Ein kleiner Junge, den Gaspard als fast noch Jugendlicher mit dem Wagen seines Vaters verletzt hatte, weil er beim Rückwärtseinparken nicht aufmerksam genug gewesen war, war der Grund dafür. Der kleine Junge kam mit zwei Tagen Krankenhausaufenthalt und dem Schrecken davon, nicht aber Gaspard. Bei ihm waren Schuldgefühle und eine tief liegende Angst geblieben, bis heute, obwohl er sich ihnen in einer Therapie gestellt hatte.

»Also? Was ist passiert?«, wiederholte Gaspard.

Lorianne hörte die Unsicherheit in seiner Stimme. Es war typisch für ihren Mann, dass er das Ausmaß der Unterhaltung schon zu erfassen schien, bevor sie sie überhaupt begonnen hatten.

»Ich hatte vorhin einen Gedanken«, setzte Lorianne an.

»Was denn für einen?«

»Ich dachte, dass ich dich anders liebe.«

Im ersten Moment entspannten sich Gaspards Gesichtszüge. Er wirkte erleichtert. Dann trat Stille ein. Nur das Ticken der Küchenuhr war zu hören. Kurz darauf, von der Straße, der Ruf eines Kindes nach seiner Mutter. Vogelgezwitscher.

»Was meinst du mit anders?«, fragte er.

»Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.«

»Versuche es so, wie du es kannst, und überlass mir das Verstehen.«

Lorianne nickte dankbar. Sie war den Tränen nahe. Wie gewohnt reichte Gaspard ihr die Hand, wenn sie nicht weiterwusste. Nur dass er es diesmal für etwas tat, das sich gegen ihn richtete.

»Ich fürchte«, sagte sie, »dass ich dich nicht so liebe, wie man einen Ehemann liebt.«

Alles an Gaspard versteifte sich. Augen, Mund, Oberkörper, Hände, Beine. Lorianne konnte den Schmerz sehen, den sie ihm zufügte und der sich in ihm verfestigte wie trocknender Beton.

»Wie liebt man denn einen Ehemann, deiner Meinung nach?«, fragte er nach einer Weile.

»Nicht so wie einen Bruder.«

»Und wie liebt man einen Bruder?«

»Ich weiß es nicht. Und du weißt, dass ich das nicht weiß. Es ist … Es ist nur ein Versuch, dir zu beschreiben, was ich empfinde. Ich stand vorhin am Fenster, und da war plötzlich diese Klarheit, dass ich dich anders liebe und dass ich dich lieber nicht anders lieben wollen würde, sondern nur lieben, verstehst du, was ich meine?«

»Nein.« Gaspard verengte die Augen. »Ich weiß nicht, wie es ist, jemanden anders zu lieben. Ich weiß nur, wie es ist, dich zu lieben. Oder willst du mir sagen, dass du jemand anderen liebst? Ist es das?« Ein Zittern in seiner Stimme.

»Nein. Das verstehst du falsch.«

»Gut.« Gaspard sah an ihr vorbei. Lorianne wusste, was er tat. Er wollte sich nicht dem stellen, was sie gesagt hatte. Er wollte, dass alles gut war, auch wenn nichts gut war. Sie hatte das Gespräch weder geplant noch durchdacht. Alles war so schnell gegangen, diese Empfindung wie aus heiterem Himmel, die unmittelbare Entscheidung, es ihm zu sagen, ohne sich auch nur einen Gedanken darüber gemacht zu haben, was genau sie sich davon versprach oder wie ihr Mann auf ihre Ehrlichkeit reagieren würde. Aber nun, da sie zusammensaßen und scheinbar alles gut war zwischen ihnen, weil es ihm ausreichte, dass es keinen anderen Mann in ihrem Leben gab, spürte sie, dass sie einen Schritt weitergehen musste, damit sich etwas änderte. Schweiß trat auf ihre Stirn. Ihr Körper wehrte sich regelrecht dagegen, Gaspard zu verunsichern, ihn gar zu verletzen. Doch der Drang nach Erneuerung war größer als die Angst davor, ihre Beziehung infrage zu stellen, die die ganzen Jahre über funktioniert hatte. Eine Welle von Mut überkam sie (vielleicht war es auch Egoismus?), wirbelte sie durch, ließ sie taumeln. Plötzlich verstand Lorianne, welche Chance ihrer Erkenntnis innewohnte. Sie wollte nicht mehr sagen können, wie die nächste Woche verlaufen würde. Jeden Tag stand sie auf und duschte, während Gaspard die Wohnung verließ. Jeden Tag frühstückte sie das, was er ihr liebevoll zubereitete. Jeden Tag saß sie vor dem Computer in der Bibliothek, in der sie arbeitete, und pflegte Informationen ein. Jeden Tag sah sie mit einigen wenigen Ausnahmen die gleichen Menschen durch die Glastür treten, die sich automatisch öffnete und wieder schloss und die dieses leise, rauschende Geräusch von sich gab, das Lorianne oft noch in ihren Träumen zu hören glaubte. Jeden Tag aß sie gemeinsam mit ihrem Mann zu Abend, räumte mit ihm die Küche auf, bis die letzten Brösel im Mülleimer landeten. Dann setzten sie sich aufs Sofa, das über die Jahre hinweg an Festigkeit verloren hatte und sie einsinken ließ, ihn mehr als sie.

»Es ist … anders, Gaspard. Verstehst du mich?« Sie wollte hinter die Schutzmauer gelangen, die er sich aufbaute. Sie wollte, dass er sie sah.

»Wenn du dich selbst nicht verstehst, wie soll ich dich dann verstehen?«, antwortete er. Weg war das Zittern in der Stimme. Nun war er wieder da, Gaspard, der Starke, der alles im Griff hatte. Gaspard, der Verhandler, der wusste, wie er seinem Gegenüber aufzutreten hatte, um zu gewinnen.

»Wieso denkst du, dass ich mich selbst nicht verstehe?«

»Weil ich dich kenne.« Ein scharfer Blick.

»Trotzdem sollten wir es versuchen.« Sie musste dranbleiben. Nicht lockerlassen.

»Was denn? Wovon sprichst du?«

»Dass jeder macht, was er mag.«

»Ich mache, was ich mag. Du etwa nicht?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich muss was für mich tun, allein. Hattest du nie diesen Gedanken?«

»Nein. Ich möchte nicht allein sein. Ich möchte mit dir sein. Jeden Tag und jede Nacht. Möchtest du denn noch mit mir sein?«

Lorianne hob die Schultern.

»Du möchtest dich von mir trennen? Ist es das, was du mir sagen willst?«

Lorianne atmete tief durch. Wieder diese Stille. Dann das Ticken der Küchenuhr. Vogelgezwitscher. »Vielleicht läuft es darauf hinaus?«, flüsterte sie.

»Fragst du mich das?«

Sie nickte.

»Ernsthaft?«

»Ja.«

Gaspard beugte sich zu ihr vor. Er ließ sich Zeit damit, schien nachzudenken. Schließlich sagte er langsam und mit einer Wärme in der Stimme, die ihr wehtat. Sie hatte nicht damit gerechnet. »Lorianne, du kennst meinen Wunsch, mit dir zusammen zu sein. Ich bin glücklich mit dir. Sehr sogar. Es betrübt mich, dass du es offensichtlich nicht mehr bist und dass ich es nicht gesehen habe. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, es wäre nie so weit gekommen. Wenn du mir sagst, was ich tun kann, um zu ändern, was zu ändern nötig ist, werde ich es tun. Aber erst einmal liegt es an dir, zu entscheiden, ob mein Wunsch auch deiner ist. Ich habe mich bereits entschieden. Für dich! Damals, als das Schicksal uns zusammenführte, wie jetzt auf dem Sofa. Ich werde mich immer für dich entscheiden. Weil ich dich liebe.«

Dann stand er auf und ließ Lorianne allein.

»Ich war schon eine Frau, als ich noch ein Mädchen war. Die Blicke der Männer veränderten mich vor der Zeit, die ich benötigt hätte, um zu verstehen. Ich wünschte, ich könnte einmal einen Mann mit der Macht ansehen, wie mich die Männer ansehen. Dann wäre die Welt eine andere. Vielleicht.«

Lorianne machte in dieser Nacht kaum ein Auge zu. Gaspard hatte ihr das Schlafzimmer überlassen und sich in sein Büro zurückgezogen.

Lorianne fand keine Ruhe. Sie schritt vor dem Fenster auf und ab, rastlos. Nur gelegentlich blieb sie stehen, sah hinaus in die mondlose Nacht und hielt vergeblich Ausschau nach irgendeinem noch so kleinen Stern, der dem Schwarz des Himmels etwas Helligkeit verlieh.

Nichts passte mehr zusammen. Es war, als wäre in ihr eine Art Mauer zerfallen, die sie unbewusst über Jahre hinweg selbst aufgebaut hatte. Sie fühlte sich schutzlos, ohne inneren Kompass. Unzählige Empfindungen rauschten durch sie hindurch, attackierten sie mit einer Wucht, die sie wanken ließ. Manche verweilten länger, andere waren flüchtig, wurden sofort von neuen überlagert. Das Gedankenkarussell drehte und drehte sich. Lorianne fand keine Möglichkeit, es zu verlangsamen oder mit seiner Geschwindigkeit Schritt zu halten. Gaspard hätte weinen oder sie anschreien können. Es hatte Momente gegeben, da glaubte sie, es wäre gleich so weit. Doch letztlich war er besonnen geblieben, hatte sich verständig gezeigt, trotz seines Schmerzes, seiner Enttäuschung und seines Unverständnisses, die sich unverkennbar in seine Körperhaltung eingeschrieben hatten, als er vom Sofa aufgestanden war: runder Rücken, hängende Schultern, Kopf nach unten geneigt.

Insgeheim hatte Lorianne sich etwas anderes von ihm gewünscht. Einen Ausbruch. Einen Vulkan der Verzweiflung oder der Vorwürfe. In jedem Fall weniger Größe. Und sicherlich keinen Abgang, mit dem er ihr die alleinige Verantwortung überließ, ob ihre Beziehung weitergehen oder hier und jetzt enden würde. Niemals hätte sich Gaspard in seinem Job so verhalten. Da war er stark, traf Entscheidungen, sagte an, wo es langging. Dass ihm jemand reinredete und einen Weg wies, den er selbst nicht gehen würde, stand nicht zur Diskussion. Gaspard wurde für sein Durchsetzungsvermögen geschätzt, für seine Präsenz und seinen Ideenreichtum. Kaum eine Weihnachtsfeier hatte es gegeben, auf der sein Chef nicht auf Lorianne zugekommen war und Gaspards Führungsqualitäten herausstellte. »Mild im Ton, knallhart in der Sache«, hatte er immer wieder anerkennend betont, Jahr für Jahr, es hatte fast schon Tradition. Wie stolz war sie da auf Gaspard gewesen; fast so, als hätte sein Chef etwas Gutes über sie selbst gesagt. Doch zu Hause fehlte ihm jene Stärke, für die er auf seiner Arbeit angesehen war.

Lorianne atmete tief durch. Sie fühlte sich unglücklich. Sie fühlte sich belebt. Sie fühlte eine tiefe schwere Trauer. Sie fühlte Verunsicherung. Sie fühlte sich schuldig. Sie fühlte sich berauscht. Sie fühlte, dass sie nicht sie selbst war. Sie fühlte, dass sie mehr sie selbst war als je zuvor. Sie fühlte die Aufregung. Den Abgrund. Die Lust am Mut und das Verheißungsvolle, das sie dahinter vermutete. Sie fühlte einen noch nie da gewesenen Hunger nach Veränderung.

Irgendwann, es war schon in den frühen Morgenstunden, legte sich Lorianne endlich ins Bett. Sie nahm Gaspards Zitronenduschgelgeruch wahr, der in den Laken hing. Sie atmete ihn tief ein wie einst, als sie sich das erste Mal geküsst hatten und sie zu wissen glaubte, wie sich reines Glück anfühlte.

Im Süden war das gewesen. In L’Isle-sur-la-Sorgue. Dort hatte sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht, während Gaspard in diesem Städtchen wiederum mit ein paar Freunden von der Uni auf Studienreise gewesen war. Auf dem gut besuchten Wochenmarkt dann waren sie im Gedränge unsanft zusammengestoßen, Rücken an Rücken. Lorianne hatte die Hand an die pochende Stelle gehalten, wo Gaspard ihr aus Versehen seinen Ellenbogen hineingebohrt hatte, und sich zu ihm umgedreht. Ein Blick in seine Augen hatte ausgereicht, und der Schmerz ihres Zusammenstoßes war augenblicklich verflogen. An seine Stelle war eine noch nie erlebte Überwältigung getreten. Zum ersten Mal hatte Lorianne verstanden, wie die Bezeichnung von Amors Pfeil getroffen